Neue Kriegsverurteiltentransporte (I)
14. Dezember 1955
1. Bericht über neue Kriegsverurteiltentransporte [Information M 30/55]
Am 11.12.1955 traf ein neuer Transport Kriegsverurteilter1 auf dem Grenzbahnhof Frankfurt/Oder ein.
Er setzt sich aus folgenden Personen zusammen:
[Personen] | Insgesamt: | davon Männer | Frauen | Kinder |
|---|---|---|---|---|
Gesamtzahl | 417 | 414 | 1 | 2 |
Weiterleitung nach DDR | 223 | [–] | [–] | [–] |
Demokratischer Sektor | 41 | [–] | [–] | [–] |
Westdeutschland | 108 | 105 | 1 | 2 |
Westberlin | 45 | [–] | v | [–] |
Stimmung und Verhalten der Kriegsverurteilten
Zahlreiche Kriegsverurteilte meldeten sich in den Lagern der SU nach der DDR, um dadurch früher von dort abtransportiert zu werden.
Diese Personen äußerten hierzu, sie wollen in der DDR erst die Lage prüfen, haben aber den festen Grundsatz, später nach Westdeutschland zu flüchten. In der Zwischenzeit wollen sie zweckentsprechende Verbindungen in der DDR und besonders nach Westdeutschland aufnehmen.
Die negative Stimmung ist hauptsächlich auf die intensive Arbeit der unverbesserlichen faschistischen Elemente unter den ehemaligen Kriegsverurteilten zurückzuführen.
Während des Lageraufenthaltes in der SU und besonders während des Transportes wirkten sie aktiv auf die der DDR loyal gesinnten Personen ein bzw. auf die, die ihren zukünftigen Aufenthaltsort in der DDR gewählt haben. Wüste Hetze und Lockparolen, die dazu verbreitet werden, um den überwiegenden Teil für Westdeutschland zu gewinnen, waren überwiegend. Unter anderem verbreiteten sie, dass jeder von ihnen in Westdeutschland für jeden Tag Haft in der SU 30,00 DM West ausgezahlt bekommen würde, andererseits in der »Ostzone« von der VP in einigen Wochen wieder verhaftet werden.
Eine offene Feindpropaganda bei der Übernahme und im Lager Fürstenwalde2 war nicht zu verzeichnen. Selbst negative Elemente benahmen sich sehr vorsichtig und verhielten sich, wie die Mehrheit des Transportes, diszipliniert und ruhig. Nur in engen Kreisen setzten sie ihre Wühlarbeit fort. Sie drohten den fortschrittlich denkenden Personen, die in der DDR sesshaft werden, sie sollen nicht die Dummheit begehen und einen Schritt auf westdeutschen Boden tun, sie selbst würden darauf bloß lauern.
Andere äußerten: Wenn sie das gewusst hätten, dass man sie hier so kühl empfangen würde, wären sie in der SU verblieben. Sie müssten sich aber hier anständig aufführen, da sonst die noch in der SU befindlichen Verurteilten darunter zu leiden hätten.
Verhalten der Bevölkerung
Die Bevölkerung in Frankfurt/Oder sowie in Fürstenwalde hatte keine bzw. sehr wenig Kenntnis vom Eintreffen eines Transportes, sodass auch keine Anteilnahme der Bevölkerung am Eintreffen des Transportes zu verzeichnen war.
Die Eisenbahnstrecke war durch die Deutsche Grenzpolizei und Transportpolizei, die den Transport bis Fürstenwalde begleitete, abgesichert.