KVP-Angehörige in Eggesin
10. Dezember 1955
Auswertung inoffizieller Materialien über die Stimmung unter den KVP-Angehörigen in Eggesin [Information M 29/55]
Mit der Auswertung des vorliegenden inoffiziellen Materials kann keine vollständige Analyse über die Stimmung unter dem KVP-Angehörigen in Eggesin,1 sondern nur einige Hinweise auf Ursachen gegeben werden, die zur schlechten Stimmung in diesen Einheiten führen.
In der Mehrzahl der negativen Äußerungen kommen immer Beschwerden über die Zustände in der dortigen Dienststelle zum Ausdruck. Dabei ist charakteristisch, dass selbst Volkspolizisten, die vorher in anderen Dienststellen waren und nach Eggesin versetzt wurden, zum Ausdruck bringen, dass sie es hier nicht lange aushalten.
Neben den allgemein auftretenden Äußerungen, dass sie nicht länger in der KVP bleiben, dass sie bei der Werbung betrogen und unter Druck gesetzt werden,2 sowie der Verletzung von Dienstgeheimnissen sind insbesondere die Verpflegung, Dienstvorbereitung und Durchführung sowie der moralische Zustand der Einheiten, die Anlass zu negativen Äußerungen geben.
1.) Stimmung über die Verpflegung
In der Mehrzahl der Äußerungen wird über schlechte unzureichende Verpflegung geklagt und mitgeteilt, dass es schon zu Annahmeverweigerung gekommen ist. Außerdem wird geäußert, dass beabsichtigt ist, in den Hungerstreik zu treten, wenn sich die Verpflegung nicht ändert. Aus diesem Grunde wird laufend um Übersendung von Lebensmitteln von zu Hause ersucht.
So äußerte ein KVP-Angehöriger: »Schade, wenn du noch einen Augenblick gewartet hättest, dann hätte ich dir mal unser Mittagessen gezeigt. Kartoffeln mit Mehlsauce und einige Brocken Bockwurst drin. Hat gerade für ein Viertel der Kartoffeln gereicht. So sieht nun die Lage immer noch aus. Ich bin nur gespannt, wie lange dieser Zirkus noch dauert. Die Stimmung wird von Tag zu Tag schöner. …«
Ein weiterer KVP-Angehöriger äußerte: »Es wird in der Ausbildung viel von uns gefordert, trotz des nicht gerade guten Essens. Zum Beispiel gibt es um 7.00 Uhr etwas Butter und einen kleinen Klecks Marmelade oder ein Stück Wurst, wo man sich höchstens drei Stullen richtig machen kann. Erst um 14.00 Uhr ist Mittag. Man ist dann richtig überhungert. Wenn das Mittagessen auch nicht gut ist, dann isst man fast gar nichts. Hat man dann das Abendbrot gegessen und man geht um 23.00 Uhr ins Bett, hat man ebenfalls Hunger und das jeden Tag. Dann ist es gerade gut, wenn man abends noch etwas (von zu Hause) essen kann.«
Diese Äußerungen sind charakteristisch für den größten Teil aller Äußerungen über die Verpflegung und die schlechte Stimmung unter den Angehörigen der KVP in Eggesin. Hinzu kommen in letzter Zeit Äußerungen über vorliegende Quarantäne, die dazu angetan sind, auch unter der Bevölkerung Unruhe zu stiften. So äußert sich ein KVP-Angehöriger:
»Wie wir abends rüberkommen, lag für unseren Block Quarantäne vor und keiner darf mehr heraus. Das soll fünf Wochen anhalten. Wir erhalten das Essen bis vor die Tür und unseren Brotkorb schrauben wir von Tag zu Tag höher. Bei uns ist die Kinderlähmung, schickt mir bitte was zu essen, was, ist egal.«
2.) Stimmung über die Dienstvorbereitung und Durchführung
In einer Anzahl von Äußerungen wird die schlechte Dienstvorbereitung kritisiert und der Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass sich die höheren Stellen einmal damit befassen. Im Zusammenhang damit wird in einigen Äußerungen schlechte Dienstdurchführung geschildert, die ihre Ursache neben dem mangelnden Bewusstsein der KVP-Angehörigen auch in der Stimmung über die Verpflegungslage und in der schlechten Dienstvorbereitung hat. So äußerte ein KVP-Angehöriger über die Dienstvorbereitung:
»Manchmal bin ich am überlegen, ob ich mich nicht weiterverpflichten soll. Aber in dieser Abteilung hat es doch keinen Sinn mehr, weiter zu bleiben … Es sieht hier sehr grausam mit der Ausbildung aus. Keine Dienstvorbereitung, der Kompanie-Kommandeur geht seiner eigenen Wege, die Zugführer sind nach Dienstschluss verschwunden und du stehst da und weißt manchmal nicht, was für den nächsten Tag vorbereitet werden muss. Unvorbereitet wird nie etwas richtig aus dem Dienst, Mensch, wir erziehen eine Ganoven-Armee, wenn sich die höheren Stellen nicht mal mit diesem Problem befassen, aber keine Kaderarmee« …
Bezeichnend für die Dienstdurchführung ist die Äußerung eines KVP-Angehörigen, die in ähnlicher Weise oft zum Ausdruck gebracht wird.
»Die Übung zog sich über 30 km hinaus und bei unserem Wagen ist doch sofort auf der Hälfte etwas kaputt gegangen, aber das hatten wir uns schon so ausgemacht, als wir wegfuhren, dass etwas kaputt gehen muss. Und nun standen wir auf freier Strecke und die anderen sind alle weitergefahren. Wie sie dann in der Ferne verschwunden waren, sind wir in die nächste HO-Gaststätte3 und haben ein anständiges Abendbrot zu uns genommen.«
Bei einem geringen Prozentsatz ist die schlechte Stimmung gegen die Vorgesetzten ersichtlich. Sie machen sich in den Äußerungen lustig über die Offiziere und wollen sich gelegentlich »revanchieren«.
3.) Stimmung über den moralischen Zustand
Am stärksten ist aus den Äußerungen der KVP-Angehörigen der schlechte moralische Zustand der Einheiten in Eggesin ersichtlich, indem über Diebstähle, tätliche Angriffe in Trunkenheit, Schlägereien und dergleichen berichtet werden.
Ein geringer Prozentsatz zeigt dabei auf, dass diese Zustände ihre Ursache in der schlechten FDJ- und Parteiarbeit haben.
So äußerte ein KVP-Angehöriger: »Du fragst, ob ein gutes Kollektiv da sei. Leider nicht. Unser Zug ist sehr gespalten. Seine Disziplin ist sehr schlecht. Aber immerhin sind drei Kandidaten, die wenigstens in politischen Fragen etwas zusammenhalten. Hier spüre ich zum ersten Mal die Anfänge dessen, wovon Du schon öfter gesprochen hast. Der Zusammenhalt und die Stütze der Partei. Aber nur die Anfänge. Die Parteiarbeit ist leider ziemlich schwach. Ob wir uns in der Mehrheit der undisziplinierten Genossen Soldaten durchsetzen werden, ist fraglich, da man unter den Verhältnissen keine Lust zur Arbeit hat.«