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Republikfluchten

18. Oktober 1955
Republikfluchten [Information M 20/55]

I. Allgemeine Einschätzung

Mit systematischer Abwerbung und Hetze gegen die DDR versuchte der Gegner besonders im letzten Jahr durch Abziehen wertvoller Kräfte, die für den Aufbau unserer Betriebe von besonderer Bedeutung sind, unserer Wirtschaft erheblichen Schaden zuzufügen.

Außerdem versucht er durch Hetze und Einflussnahme auf die Bevölkerung diese gegen die Errungenschaften und die Entwicklung der DDR aufzuwiegeln und sie damit zu veranlassen, nach dem Westen zu gehen.

Es zeigt sich jetzt durch die Tatsache des Bestehens zweier Staaten in Deutschland, dass sich der Klassenkampf wesentlich verschärft hat und der Gegner seine Absichten und Ziele gerade in dieser Frage konsequenter zu verwirklichen versucht. Das kommt besonders in dem verstärkten Absetzen von Jugendlichen nach der Verfassungsänderung der DDR deutlich zum Ausdruck.

Durch die verstärkt organisierte Republikflucht verfolgt der Gegner gleichzeitig das Ziel, den Konzernen willige Arbeitskräfte für den Aufbau der Kriegsindustrie zuzuführen und die Reihen der Söldnerarmee1 mit billigem Kanonenfutter zu stärken.

II. Umfang der Republikfluchten

Der Umfang der Republikfluchten im Jahre 1955 zeigt eine ständige Steigerung.

So wurden in den Monaten Januar, Juni, Juli, August und September laut Angaben der VP folgende Republikfluchten registriert:

  • Januar 14 113

  • Juni 20 316

  • Juli 20 830

  • August 21 948

  • September 33 892

Die Aufgliederung der vorgenannten Angaben nach Männern, Frauen, Kindern, Jugendlichen und nach sozialen Schichten ergibt folgendes Bild, wie die Monate Januar, Juli und September miteinander verglichen werden.

Aus dem ist deutlich zu ersehen, dass im Allgemeinen seit Januar, mit Ausnahme einiger Schichten, eine erhebliche Zunahme der Republikfluchten zu verzeichnen ist.

[Personen]

Januar 1955

Juli 1955

September 1955

Insgesamt:

davon

14 113

20 813

33 892

Männer

5 618

9 346

14 374

Frauen

6 295

8 449

14 056

Kinder

2 200

3 035

5 462

Jugendliche 18 bis 25 Jahre

3 666

6 724

(davon männlich 3 895)

10 282

(davon männlich 5 780)

Spezialarbeiter

446

814

1 733

Bergarbeiter

100

122

203

Arbeiter

4 370

7 456

11 281

Angestellte

2 186

3 016

5 087

Genossenschaftsbauern2

28

79

115

Kleinbauern

59

68

75

Mittelbauern

55

43

58

Neubauern

98

88

59

Großbauern3

19

22

14

Wissenschaftler

8

5

4

Künstler

11

9

22

Ingenieure

76

188

264

Chemiker

7

16

18

Ärzte

14

28

26

Techniker

21

50

54

Juristen

3

8

6

Pfarrer

6

6

7

Lehrer

129

126

392

Studenten

107

173

153

Handwerker

104

122

168

Geschäftsleute

152

156

243

Besitzer von Privatbetrieben

23

32

38

Rentner

605

592

901

Personen ohne Beschäftigung

1 614

2 204

4 047

Hausfrauen

1 672

2 372

3 454

Vergleicht man die in der Tabelle gegenüberstellten Monate Januar, Juli und September, so kann man feststellen, dass bei fast allen Kategorien ein erhebliches Ansteigen der Republikfluchten zu verzeichnen ist. Das trifft ganz besonders für die Kategorien Spezialarbeiter, Bergarbeiter, Arbeiter, Angestellte, Lehrer, Personen ohne Beschäftigung und Hausfrauen zu.

Eine Gegenüberstellung der Monate Juli und September ergibt bei diesen Kategorien im Durchschnitt eine Steigerung um ca. 10 093 Personen das sind = 61 %.

Spezialarbeiter

919

= 112 %

Bergarbeiter

81

= 66 %

Arbeiter

3 825

= 51%

Angestellte

2 071

= 68 %

Lehrer

268

= 213 %

Die Republikfluchten von Mitgliedern der SED, FDJ und bürgerlichen Parteien sind, wenn man die Monate Januar und Juli vergleicht, bis auf die DBD und LDP, angestiegen und betragen im Durchschnitt ca. 59 %.

Im Einzelnen sieht die Republikflucht wie folgt aus:

[Partei]

Januar

Juli

[Prozent]

SED

440

601

= 54 %

FDJ

1076

2013

= 89 %

CDU

57

70

= 22 %

LDP

84

68

= 23 % gesunken

NDPD

46

77

= 71 %

DBD

35

27

= 29 % gesunken

III. Gründe der Republikfluchten der einzelnen Schichten der Bevölkerung

Die erhöhte Republikflucht von Personen aus allen Schichten der Bevölkerung ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Besonders typisch für die Republikfluchten ist in diesem Jahr, dass viele legal mit einem PM 124 nach Westdeutschland reisten und von da nicht wieder zurückkehrten.

Eine der wesentlichsten Ursachen der erhöhten Republikflucht ist die systematische Abwerbung von Arbeitskräften aus dem Gebiete der DDR. Damit versucht der Gegner nicht nur die DDR politisch und wirtschaftlich zu desorganisieren, sondern er versucht damit gleichzeitig den Arbeitskräftebedarf in verschiedenen westdeutschen Rüstungsbetrieben zu decken. Das beweist u. a. der Artikel des »Tagesspiegel« vom 30.8.1955,5 wo aufgezeigt wird, dass allein in Nordrhein-Westfalen 67 000 Arbeitsstellen für männliche Arbeitskräfte vorhanden sind. So erklärt z. B. ein Viertel der Industrie-Fabriken,6 die sich an den Konjunkturtest beteiligen, dass sie durch Mangel an Fachkräften Produktionshemmungen haben.

Dieser Fachkräftemangel besteht besonders in folgenden Industriezweigen: Gummiverarbeitung, Steine und Erden, Holzverarbeitung, Keramik, Maschinenbau, Lederverarbeitung usw.

Die Mittel zur systematischen Abwerbung solcher Arbeitskräfte sind:

  • 1.

    Aufnahme von Verbindungen der Konzerne mit Angehörigen aus ihren ehemaligen Betrieben

  • 2.

    Fachtagungen in Westdeutschland und Westberlin

  • 3.

    Verstärkter Einsatz von Presse und Rundfunk

  • 4.

    Verschicken von Stellenangeboten aus Zeitungen und Werbeschreiben

  • 5.

    Abwerbung durch Verwandte, Bekannte usw.

1. Arbeiter

Der Abgang von Arbeitern ist zahlenmäßig am höchsten. Für deren Republikfluchten treffen oben angeführte Ursachen besonders zu, was sich in folgenden Beispielen ausdrückt:

So erklärte der Leiter des offiziellen Presseorgans der Luftfahrt-Industrie Westdeutschlands, dass verstärkte Werbungen von Fachkräften durchgeführt werden. Eine besonders starke Werbung von Facharbeitern soll innerhalb der DDR erfolgen. Beabsichtigt ist, diese Werbung unter stärkerem Einsatz der Presse und des Rundfunks vorzunehmen.

In westdeutschen Betrieben soll jedem politisch Unverdächtigen empfohlen werden, unter seinen Verwandten und Kollegen in der DDR zu werben.

Die Messerschmidt7 und Heinkel-Flugzeugwerke8 verschicken Werbungsschreiben an Spezialisten und Facharbeiter in der DDR. Die angeschriebenen Personen werden aufgefordert, sich bei den genannten Werken um Aufnahme von Arbeit zu bewerben.

Die Republikflucht von Arbeitern ist aber auch auf die Unzufriedenheit unter einer ganzen Reihe von Arbeitern über betriebliche Schwierigkeiten, Lohnfragen, besonders unter den Arbeitern mit niedrigen Lohngruppen, und verschiedentlich auch auf Versorgungsfragen zurückzuführen. Diese Unzufriedenheit unter den Arbeitern wird noch durch Besuche bei Verwandten in Westdeutschland oder durch briefliche Verbindungen mit bereits geflüchteten Kollegen geschürt. Diese schreiben ihren ehemaligen Arbeitskollegen, dass im Westen die Arbeitsmöglichkeiten besser und der Lebensstandard viel höher seien. Aufgrund dieser Unzufriedenheiten wird diesen Argumenten Glauben geschenkt.

Durch die zahlreichen Besuche bei Verwandten in Westdeutschland wurde eine ganze Reihe Arbeiter von diesen beeinflusst und blieben dort.

2. Angestellte

Bei den republikflüchtigen Angestellten zeigt sich etwa die gleiche Kurve wie bei den Arbeitern. Jedoch ist der zahlenmäßige Umfang geringer. Im Verhältnis zur Zahl der Beschäftigten ist sie aber größer als bei den Arbeitern.

Bei den Angestellten sind die Gründe der Republikfluchten vor allen Dingen persönliche Verbindungen, Beeinflussung durch Westverwandte und der Drang nach einem besseren Lebensstandard. Vereinzelt flüchten Angestellte auch wegen der Maßnahme zur Verhinderung des Besuches der Westsektoren9 und der Fahrten nach Westdeutschland.10 Die Stimmung der Verwaltungsangestellten war darüber fast ausschließlich ablehnend. Es wurde teilweise erklärt, die Verbindung nach dort nicht aufzugeben und lieber dorthin zu gehen, wenn sie gezwungen würden diese Verpflichtung zu unterschreiben.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt hierbei auch die Abwerbung durch feindliche Geheimdienste und durch Konzerne.

3. Eisenbahner

Bei den Eisenbahnern zeigt sich, dass die Zahl der Republikflüchtigen unter den Facharbeitern ständig steigt. Zum Beispiel I. Quartal 1954 217, I. Quartal 1955 320.

Bei den Eisenbahnern, besonders den Fachkräften und ehemaligen Beamten, bildet die höhere Altersversorgung (Beamten-Verhältnis) bei der westdeutschen Bundesbahn einen Anreiz zur Republikflucht.

Bei den Eisenbahnarbeitern, die nicht Fachkräfte sind (Rangierer, Streckenarbeiter usw.) ist oft sehr geringe Entlohnung der wesentliche Grund der Republikflucht.

Weiterhin ist auch die Anerkennung der Prüfungen, die nach 1945 bei der Deutschen Reichsbahn abgelegt wurden und von der Bundesbahn anerkannt werden, ein Grund der Republikflucht.11

4. Bauern

Bei den Genossenschaftsbauern ist in den Monaten Juli und September ein Ansteigen zu verzeichnen, wogegen bei den Neu- und Großbauern ein Rückgang zu verzeichnen ist. Bei den Klein- und Mittelbauern ist die Republikflucht gleichmäßig.

Die Ursachen der Republikflucht der Bauern liegen zum Teil in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Zum größeren Teil sind sie aber durch gegnerische Hetze gegen die LPG, die Pflichtablieferung, Anbauplanung usw. begründet.

Es gibt zahlreiche Beispiele, dass als Folge dieser Hetze von Bauern die Forderung nach »Freier Wirtschaft« erhoben wird. Durch feindliche Parolen wie »Alle Bauern müssen in die LPG« werden viele veranlasst ihre Höfe zu verlassen.

Bei Genossenschaftsbauern ist die Republikflucht in den letzten zwei Monaten bedeutend angestiegen. Die Ursache hierfür ist vor allem darin zu suchen, dass sie mit der Auszahlung der Arbeitseinheiten,12 wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Missständen in den LPG usw. nicht einverstanden sind.

5. Intelligenz

a) Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler

In weit stärkerem Maße als bei den anderen Schichten erfolgt hier die direkte Abwerbung durch Konzerne und Geheimdienste. In größerem Umfange werden dazu Fachtagungen in Westberlin, Westdeutschland und im kapitalistischem Ausland ausgenutzt. Besonders drastisch kamen die Auswirkungen der Republikfluchten nach der Achematagung13 zum Ausdruck, wo viele Intelligenzler aus der ehemaligen Industrie der DDR legal und illegal teilnahmen. So setzten sich aus der ehemaligen Industrie des Bezirkes Halle nach dieser Tagung mehrere Wissenschaftler ab.

Ein Grund der verstärkten Republikflucht erklärt der Diplom-Ingenieur [Name 1] vom VEB Buna, läge darin, dass für alle, die bis Ende des Jahres nicht wieder im Dienst der IG Farben14 stehen, die erworbenen Rechte auf die Konzern-Rente verloren gingen.15

Die Fa. Opel zog aus dem Eisenacher-Motorenwerk die zwei Konstrukteure des neuen Pkw Typ 31116 ab. Beide waren vorher mit je 4 000 DM prämiert worden. Der Abzug erfolgte durch einen Konstrukteur des EMW, der bereits 1954 flüchtig wurde. Als Mittel zur Anwendung nutzen die Konzerne die Agentenzentralen17 aus, wobei besonders zwei Methoden angewandt werden.

  • 1.)

    Übersenden von entsprechenden Hetzschriften mit ausgeschnittenen Stellenanzeigen aus westdeutschen Zeitungen.

  • 2.)

    Besonders wichtige Spezialisten, die aus der SU zurückgekehrt sind,18 durch persönliches Ansprechen durch westdeutsche Agenten und durch Beeinflussung durch Verwandte und Bekannte.

Bereits seit 1945/46 erfassen westliche Geheimdienste sämtliche Verwandte und Bekannte der in der SU befindlichen Spezialisten. Diese wurden dann auch regelmäßig von Agenten aufgesucht, beeinflusst und zum Teil auch für Spionagezwecke ausgenutzt.19

Eine wesentliche Rolle der schnellen Beeinflussung spielt dabei die Unzufriedenheit, die unter solchen Kräften wegen verschiedener persönlicher Belange entstanden ist.

Dazu gehören hauptsächlich betriebliche Mängel wie schlechte Arbeitsorganisation, übertriebenes Berichtswesen, ungenügender Verdienst, Streichung von Einzelverträgen,20 ungenügende Förderung von Forschungsarbeiten, schlechte Behandlung der Intelligenz durch einige Funktionäre in Verwaltungsstellen, Benachteiligung bezüglich Wohnungsfragen, Studienmöglichkeiten für Kinder von Intelligenzlern,21 angeblich ungenügende Entwicklungsmöglichkeiten, Angst vor Strafe und feindliche Einstellung gegenüber der DDR.

b) Wissenschaftliche Intelligenz, Professoren, Ärzte, Lehrer usw.

Auch bei dieser Schicht treffen im Wesentlichen die gleichen Gründe wie bei der technischen Intelligenz zu.

Die Unzufriedenheit über verschiedene Dinge, Wohnraumfragen, falsche Behandlung durch verschiedene Instanzen in der DDR, gelingt es dem Gegner auch solche Kräfte durch materielle Vergünstigungen abzuziehen. [sic!] Diese glauben, in Westdeutschland bessere materielle Bedingungen zu erhalten als in der DDR.

Besonders zeigt sich das bei Oberschul-, Alt- und Fachlehrern der mathematischen und naturwissenschaftlichen Richtung, die durch überhöhte finanzielle Angebote aus der DDR abgezogen werden. Daneben versuchen westliche Geheimdienste durch Hetzschriften und ähnliche Maßnahmen die wissenschaftliche Intelligenz gegen die Maßnahmen der DDR aufzuwiegeln, sie entweder für Agententätigkeit anzuwerben oder zur Republikflucht zu verleiten.

6. Jugendliche

a) Allgemeine Jugendliche

Die Ursachen der überhöhten Republikfluchten waren in den letzten Monaten auf die KVP-Werbung22 zurückzuführen. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Jugendliche nach dem Westen flüchteten, nachdem sie von Werbern angesprochen wurden.

Neben der pazifistischen Einstellung eines großen Teiles Jugendlicher waren die falschen Werbemethoden Anlass zu erhöhter Republikflucht.

Auch durch systematisch verbreitete Gerüchte sowie Hetze und Flüsterparolen, versucht der Gegner die Jugendlichen zur Republikflucht zu verleiten.

Häufig sind Gerüchte über geplante Entlassungen von jungen Arbeitern sowie die angeblich geplante Lohnherabsetzungen der Anlass dazu.

Ein nicht unwesentlicher Grund ist auch die Unzufriedenheit, persönliche Verärgerung, Abenteuerlust und Entwicklungsmöglichkeiten. Vielfach wird geglaubt, dass der Lebensstandard im Westen besser sei und man dort alles kaufen könne, was es in der DDR nicht gibt. Diese Meinung wird noch bekräftigt durch persönliche Besuche in Westdeutschland, durch dort wohnende Verwandte und durch Briefverkehr mit bereits geflüchteten Jugendlichen.

Nicht unbeachtlich ist auch die Beeinflussung der Jugendlichen durch Pfarrer und Kirchenkreise. In vielen Fällen versuchen diese Unruhe und Unsicherheit unter die Jugendlichen zu bringen. Sie wenden sich dabei oft nicht an die Jugendlichen selbst, sondern an deren Angehörige, die dann die Jugendlichen unter Druck setzen. Nach der Verfassungsänderung23 zeigt sich, dass Jugendliche verstärkt versuchen, über Westberlin nach Westdeutschland zu flüchten, da die Meinung vertreten wird, diese Verfassungsänderung ziehe die Wehrpflicht nach sich. Der Gegner versucht über Presse und Rundfunk diese Meinung noch zu verstärken.

b) Studenten und Oberschüler

Auch unter den Jugendlichen zeigt sich 1955 ein Ansteigen der Republikfluchten. Es handelt sich größtenteils um solche Studenten, die ebenfalls mit den Maßnahmen zur Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft, besonders KVP-Werbung, nicht einverstanden waren.

Bei einem großen Teil der republikflüchtigen Oberschüler handelt es sich um Abiturienten, die nicht zum Studium an unseren Universitäten und an den Hochschulen zugelassen werden. Da die Zahl der Studierenden ständig wächst, konnte einen Teil (in diesem Jahr 6 942 Abiturienten) kein Studienplatz zugewiesen werden. Diese Jugendlichen hatten dann mitunter große Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines geeigneten Arbeitsplatzes.

Besonders versucht der Gegner in den medizinischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten Einfluss zu gewinnen. Da dort zum großen Teil noch Studenten kleinbürgerlicher Herkunft studieren, findet die feindliche Hetze hier besonders guten Nährboden.

Durch feindliche Hetzschriften werden außerdem die Studenten dahingehend beeinflusst, dass bestimmte Staatsexamen wie juristische- und wirtschaftswissenschaftliche Fächer in Westdeutschland und Westberlin nicht anerkannt werden. Das Gleiche gilt für die Anerkennung des Abiturs.

Ein Teil der Jugendlichen setzt sich aus diesem Grund ab und studiert jetzt im Westen.

Flüchtige Studenten werden in verschiedenen Fällen von westlichen Geheimdiensten dazu benutzt, an ihre ehemaligen Studienkollegen und Klassenkameraden Hetzschriften usw. zu schicken, um diese ebenfalls zur Republikflucht zu veranlassen.

c) Verhinderte Republikfluchten von Jugendlichen

Nach der Verfassungsänderung setzten sich in großen Maße Jugendliche nach dem Westen ab. Um der Republikflucht von Jugendlichen Einhalt zu gebieten, wurden von den Staatsorganen Maßnahmen eingeleitet, die das Ziel verfolgten, alle Jugendlichen, die nach Berlin fahren, zu erfassen, um die Gründe ihrer Fahrt festzustellen.24 Durch die verstärkte Republikflucht wurden in der Zeit vom 8. bis 17.10.1955 880 Jugendliche den Schulen Bogensee und Bärenklau zugeführt, wo eine Überprüfung erfolgte.

Dabei zeigte sich in dem Lager Bogensee folgendes Bild:

Vom 8.10. bis 17.10.[1955] sind insgesamt 594 Jugendliche durch die Jugendhochschule »Wilhelm Pieck« gegangen. Davon wurden 385 Jugendliche bereits wieder entlassen. Zwei Jugendliche wurden der KD Bernau übergeben, sodass ein Rest von 207 in der Schule verbleibt.

Bis zum 16.10.1955, 21.00 Uhr, sind durch das Objekt Bärenklau 286 Jugendliche gegangen. Bis auf den Rest von 27 wurden alle wieder entlassen.

Die bezirkliche Aufgliederung der eingelieferten Jugendlichen in Bogensee sieht wie folgt aus:

Zeit 11. bis 17.10.1955

[eingelieferte Jugendliche]

Rostock

8

Schwerin

10

Neubrandenburg

12

Potsdam

10

Cottbus

16

Frankfurt/Oder

2

Dresden

13

Leipzig

55

Karl-Marx-Stadt

46

Halle

65

Magdeburg

20

Erfurt

10

Suhl

8

Gera

15

Altersmäßige Zusammensetzung

[Anzahl]

Altersmäßige Zusammensetzung in Bärenklau

[Anzahl]

1930

4

1930

1

1931

5

1931

6

1932

3

1932

3

1933

12

1933

14

1934

38

1934

30

1935

45

1935

60

1936

51

1936

63

1937

65

1937

64

1938

70

1938

51

1939

18

1939

24

1940

3

1940

7

Durch die ungenauen Angaben beider Objekte, ist es nicht möglich, einen genauen Überblick bezüglich der bezirklichen sowie altersmäßigen Aufschlüsselung zu geben.

Die mit Jugendlichen durchgeführten Gespräche ergaben, dass ein großer Teil die DDR verlassen wollte. Als Gründe dafür geben sie an, nicht in die KVP eintreten zu wollen. Sie glauben nämlich, dass sie durch die Verfassungsänderung in Kürze dazu gezwungen werden.

Zum anderen wird auch erklärt, ein neues Arbeitsverhältnis im Westen einzugehen, weil sie die Ansicht vertreten, dort bessere Verdienstmöglichkeiten zu haben.

Weitere Gründe sind Unstimmigkeiten im Elternhaus und Unzufriedenheit im Betrieb.

Als Gründe ihrer Fahrt nach Berlin gaben die Jugendlichen meist nicht den wahren Grund an, sondern gebrauchten verschiedene Ausreden. Wie z. B. Besuch von Verwandten in Berlin, Besichtigung der Stalinallee,25 Einkäufe in Westberlin oder im demokratischen Sektor26 zu tätigen.

Da bereits unter der Bevölkerung bekannt geworden ist, dass die Jugendlichen einer Kontrolle unterzogen werden, versuchen diese jetzt mit verschiedenen Methoden ungehindert nach Berlin zu gelangen. Das sind z. B.: Fahrkarten werden nur bis zu den Randgebieten Berlins gelöst, es werden Hin- und Rückfahrten genommen, usw.

Bei den Aussprachen zeigt sich ganz deutlich, dass sich eine Aufklärung über die gegenwärtig stehenden politischen Fragen sowie über die Verfassungsänderung unbedingt notwendig macht. Die FDJ, die nur sehr wenig oder überhaupt keinen Einfluss auf die Jugendlichen ausübt, und unsere Partei verstehen es auch nicht richtig die Jugendlichen im positiven Sinne zu beeinflussen. Dadurch gelingt es dem Gegner mit seiner Hetze, besonders im Rundfunk, solche Jugendliche für sich zu gewinnen. Neben dieser Hetze werden außerdem von feindlichen Agentenzentralen, besonders jetzt, Personen aus der DDR mit der Abwerbung von Jugendlichen beauftragt.

Wichtige Personen, die seit Januar 1955 republikflüchtig wurden

  • Büro des Präsidiums des Ministerrates

    • Heinrich, Karl,27 geboren: 20.11.1924 – Hauptreferent in der Haushaltsabteilung

  • Akademie der Wissenschaften

    1. [Name 2, Vorname]28 – Sekretärin [Dienstposten] des wissenschaftlichen Direktors, Berlin

    2. Gall, Heinz29 – Leiter des Entwurfsbüros der Akademie der Wissenschaften Berlin

  • Partei

    • [Name 3, Vorname] – Sekretärin der Organisation-Instrukteur-Abteilung der Bezirksleitung Berlin – geflüchtet am 19.9.1955

  • FDGB

    • Schmidt, Rolf30 – Kreissekretär des FDGB Jessen

  • Staatssekretariat für innere Angelegenheiten

    • Schaffran, Eva31 – Sekretärin bei Staatssekretär Hegen,32geflüchtet 19.9.1955

  • Justizministerium

    1. Sadler, Gerhard33 – Persönlicher Referent im Büro des Staatssekretärsekretärin [Dienstposten] des wissenschaftlichen Direktors, Berlin

    2. Volkhardt, Klaus34 – Oberreferent im Justizministerium

  • Institut für Post- und Fernmeldewesen

    • Heinemann, Walter35 – Abteilungsleiter für Post-Mechanisierung

  • Ministerium für Leichtindustrie

    • Franke, Heinz36 – Technischer Leiter IBL Wolle, flüchtig seit 15.8.1955

  • Ministerium für Schwerindustrie

    1. Dr. Kroker37 – Produktionsleiter der HV Kali und Nichteisenbergbau, flüchtig seit 20.2.1955

    2. Ständer, Johannes38 – Abteilungsleiter der staatlichen-geologischen Kommission – Außenstelle Mitte, flüchtig seit 28.3.1955

    3. Dr. Eyber, Gerhard39 – Betriebsleiter Abteilung Niederdruck im VEB Leuna-Werk »Walter Ulbricht«, flüchtig seit August 1955

    4. Dr. Cramer, Franz40 – Leiter der ingenieur-wissenschaftlichen Abteilung im VEB Leuna-Werk »Walter Ulbricht«, flüchtig seit 1.9.1955

    5. Dr. Elm41 – VEB Leuna-Werk »Walter Ulbricht«, flüchtig seit 8.1.1955

    6. Dr. Scheuer42 – VEB Leuna-Werk »Walter Ulbricht«, flüchtig seit 8.1.1955

    7. Brenner, Wilhelm43 – Betriebsleiter Stahlwerk Gröditz, flüchtig seit 9.1.1955

    8. Dr. Bielenberg44 – Betriebsleiter im EKB Bitterfeld, flüchtig seit Januar 1955

    9. Lindner, Hans-Joachim45 – Investgruppenleiter Hüttenkombinat Mansfeld, flüchtig seit 3.3.1955

    10. Bähr, Arnold46 – Technischer Leiter Spinnstoffwerk Glauchau, flüchtig seit März 1955

    11. Lindner, Paul47 – Leiter der Investabteilung im Thomas-Müntzer-Schacht, flüchtig seit 1.4.1955

    12. König, Horst48 – Technischer Direktor des EKB Stalinstadt49, Nationalpreisträger, flüchtig seit 23.4.1955

    13. Diplom-Ingenieur Strunk50 – Leiter der Ingenieur-Abteilung im EKB Bitterfeld, flüchtig seit 25.4.1955

    14. Dr. Hill51 – Leiter des Institutes der Serumwerke Dessau, flüchtig seit April 1955

    15. Cinzarek, Josef52 – Produktionsleiter SW Hennigsdorf,53 flüchtig seit 8.5.1955

    16. bis 20. [Name 4, Vorname], Baer, Walter,54 Thomas, Karl,55 Fibiger, Alfred,56 [Name 5, Vorname] – fünf Bauingenieure aus dem VEB Konstruktions- und Projektierungsbüro Kohle, Außenstelle Großräschen, flüchtig seit 22.3. bis 20.5.1955

    21. Kochert, Harry57 – Leiter der Dampferzeugung im VEB Filmfabrik Wolfen, flüchtig seit 31.5.1955

    22. Dr. Röber, Joachim58 – Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld, flüchtig seit 4.6.1955

    23. Piehler59 – EKB Bitterfeld, flüchtig seit 9.6.1955

    24. Hörning, Walter60 – Investgruppenleiter Hüttenkombinat Mansfeld, flüchtig seit 21.6.1955

    25. [Name 6, Vorname] – Konstrukteur VEB Pels Erfurt,61 Zweifacher Aktivist62/Verdienter Erfinder, flüchtig seit 26.6.1955

    26. Dr. Pattock, Karl63 – Betriebsleiter der Gasanlage im VEB Farbenfabrik Wolfen, flüchtig seit 20.7.1955

    27. Dr. Richter, Wolfgang64 – Betriebsleiter der Lackfabrik im VEB Farbenfabrik Wolfen, flüchtig seit Juli 1955

    28. Dr. Kratz, Erich65 – Technischer Direktor im VEB Farbenfabrik Wolfen, flüchtig seit Juli 1955

    29. Zeidler, Diethelm66 – Vermessungsingenieur im VEB Steinkohlenwerk »Karl Liebknecht«,67 flüchtig seit Juli 1955

    30. Ingenieur Junge68 – Betriebsleiter im Celluloidwerk Eilenburg, flüchtig seit 2.8.1955

    31. Brennecke69 – Produktionsleiter des Stahl- und Walzwerkes Gröditz, flüchtig seit 5.8.1955

    32. Pörtge, Karl70 – Technischer Direktor im VEB Kali-Kombinat »Ernst Thälmann« in Merkersröhn, flüchtig seit 5.8.1955

    33. Garbe, Lothar71 – Leiter des analytischen Labors im VEB Fewa-Werke,72 Karl-Marx-Stadt, flüchtig seit 15.8.1955

    34. Naumann73 – Nationalpreisträger Dampfkesselwerk, Uebigau, Bezirk Dresden, flüchtig seit August 1955

    35. Bulla, Emil74 – Technischer Leiter der HV-Nichteisenindustrie im Ministerium für Schwerindustrie, flüchtig seit 1.10.1955

  • Ministerium für Allgemeinen Maschinenbau

    1. [Name 7, Vorname] – Chemiker im VEB MEWA Lauter,75 flüchtig seit 10.5.1955

    2. [Name 8, Vorname] – Versuchsleiter ZEK Karl-Marx-Stadt, flüchtig seit 15.8.1955

    3. Bauer76 – Nationalpreisträger und Verdienter Techniker des Volkes, Chefkonstrukteur im VEB Kraftfahrzeugwerk Horch, Zwickau, flüchtig seit 27.8.1955

    4. Hertel, Konrad77 – Haupttechnologe im VEB Fernmeldewerk Leipzig, flüchtig seit 1.10.1955

    5. Waitz, Gerhard78 – Prüffeld-Leiter im VEB Fernmeldewerk Leipzig, flüchtig seit 1.10.1955

  • Ministerium für Verkehrswesen

    1. Dombrowski, Hildegard79 – Abteilungsleiterin Abteilung Haushalt,

    2. Grosse, Boris80 – Hauptreferent für Seehäfen in der HV Schifffahrt

    3. Selzer, Philipp81 – Oberreferent für Flugwesen in der HV Kraftverkehr

    4. Mitschke, Johannes82 – Leiter des Deutschen Kraftverkehrs Berlin, VEB Kraftverkehr Berlin

    5. Barth, Helmut83 – Leiter des Entwurfsbüros für Straßenwesen HV Straßenwesen

    6. Schneider84 – Held der Arbeit,85 VEB Kraftverkehr Pirna, flüchtig seit August 1955

  • Ministerium für Gesundheitswesen

    Dr. Müller, Reinhard,86 flüchtig seit 24.6.1955

  • Ministerium für Lebensmittelindustrie

    [Name 9] – Persönlicher Referent bei Staatssekretär Fabisch,87 flüchtig seit 27.8.1955

  • Ministerium für Aufbau

    Kirsch, Helmut88 – Statiker Entwurfsbüro für Industriebauten, flüchtig seit 15.6.1955

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    19. Oktober 1955
    Ernte [L 14/55]

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    17. Oktober 1955
    Versorgung [V 13/55]