Stimmungsbericht zur Kriegsverurteiltenfrage
26. Oktober 1955
Stimmungsbericht zur Kriegsverurteiltenfrage [Information M 23/55]
1.) Stimmung und Verhalten der Bevölkerung zur Kriegsverurteiltenfrage1
Der Umfang der Diskussion zur Entlassung der Kriegsverurteilten ist gegenüber der Diskussion zu Beginn der Aktion unverändert. Die Gespräche über diese Fragen überwiegen oftmals jegliche, andere Stellungnahmen zu politischen Problemen.
Auch im Inhalt der geführten Diskussion ist keine wesentliche Änderung ersichtlich und nach wie vor sind sie überwiegend negativ. Hauptprobleme sind weiterhin, dass es sich um »unschuldig Verurteilte« handelt bzw. dass nicht alle Kriegsverbrecher seien und oft wird noch vom »Verdienst Adenauers«2 gesprochen.
Etwas verstärkt beschäftigt man sich jetzt mit den Personen, die erst nach 1945 verurteilt wurden,3 wobei u. a. auch davon gesprochen wird, dass ehemalige VP-Angehörige unter den Entlassenen wären. Teilweise wird hierzu auch erklärt, dass dieses ein Beweis dafür sei, dass unsere Regierung nicht selbstständig handeln kann und darf (z. B. Kraftwerk Rummelsburg/Berlin).
Besonders stellt man die Frage, wieso so viel jüngere Personen dabei wären, die 1945 erst 15 bis 16 Jahre gewesen seien. Die dazu geführten Diskussionen lassen Zweifel erkennen, ob man diese »damaligen Kinder« denn als Kriegsverbrecher bezeichnen könnte bzw. was die denn verbrochen hätten.4 Es besteht dabei die Gefahr, dass gerade hier wieder eine Hetze gegen die SU einsetzt.
Vereinzelt treten Äußerungen auf – wobei man sich auf Meldungen der Westsender stützt –, dass mit den 9 626 Personen noch nicht alle kämen, sondern dass es in der SU noch »Schweigelager«5 gäbe.
Diese Hetze wird noch von feindlichen Elementen dahingehend erweitert, dass man Frauen, die ihre Männer für tot erklären ließen und wieder heirateten, damit beunruhigt, dass ihre Männer auch wiederkämen.
Andererseits werden Angehörige von Kriegsverurteilten mit dem Gerücht beunruhigt, dass alle ehemaligen Kriegsverurteilten in der DDR nochmals vor deutsche Gerichte gestellt würden und diese deshalb lieber nach Westdeutschland gehen sollten.
In den Kreisen ehemaliger Umsiedler6 lebt im Zusammenhang mit der Entlassung der Kriegsverurteilten die Diskussion wieder auf, dass sie nun auch bald »wieder in ihre Heimat« zurückkommen. Dabei sagt man u. a., dass Adenauer die »Entlassung der Kriegsgefangenen erzwungen habe und auch die Umsiedlerfrage noch klären« werde.
Neben der jetzt etwas stärker auftretenden Verurteilung des »Propaganda-Rummels im Westen« treten aber auch, vor allem in den Reihen der Industriearbeiter, vereinzelt Meinungen auf, die zeigen, dass sie nicht einverstanden sind mit der Entlassung der Kriegsverbrecher und diese Maßnahme nicht verstehen.
Vielfach wird geäußert, dass man »diese Verbrecher hätte gleich 1945 erschießen müssen«.
Diese Einstellung äußert sich vereinzelt auch in der Ablehnung, mit den zurückgekehrten Kriegsverurteilten zusammenzuarbeiten.
Zum Beispiel weigerten sich die Arbeiter der Eisengießerei in Lucka, mit einem Entlassenen aus der Gemeinde Prößdorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, zusammenzuarbeiten und sagten: »Mit so einem Verbrecher wollen wir nichts zu tun haben«.
Als er dann in der Gießerei des VEB Maschinenfabrik Meuselwitz, [Kreis] Altenburg, seine Arbeit aufnahm, wurden auch dort ähnliche Diskussionen geführt.
Im Bereich des ehemaligen Landes Sachsen-Anhalt lehnt man immer mehr die Entlassung des ehemaligen Nazigauleiters Jordan7 nach Westdeutschland ab. Man ist damit nicht einverstanden; versteht nicht, warum ihn die Sowjetarmee nicht gleich 1945 erschossen habe und fordert seine Auslieferung an die Gerichte der DDR, da er für zahlreiche Zerstörungen (z. B. Dessau) verantwortlich sei.8
Neben den vereinzelt positiven Stimmen aus der Bevölkerung, wonach die Kriegsverurteilten durch ihre Arbeit zeigen sollen, dass sie ihre Verbrechen bereuen und sich geändert haben, überwiegen immer noch negative Erscheinungen im Verhalten der Bevölkerung gegenüber den entlassenen Kriegsverurteilten.
Dies ist auch mit auf die Meinung zurückzuführen, dass es sich nur um »Kriegsgefangene« handelt.
Immer mehr Fälle werden bekannt, wo Gelder gesandt oder wo Entlassene mit großem Aufwand empfangen werden. Dabei handelt es sich bei den Organisatoren dieser Maßnahmen vielfach um fremde Personen, die mit den Entlassenen sonst gar keine persönliche Bindung haben.
Zum Beispiel wurde im Schacht 21 – Johanngeorgenstadt – von einem Schießmeister eine Sammlung für die zurückgekehrten Kriegsverurteilten durchgeführt.
Außerdem fanden Geldsammlungen statt im Genossenschaftsbetrieb »Progento«9 Torgau, [Bezirk] Leipzig, im VEB »Klement Gottwald«10 Apolda, [Bezirk] Erfurt, vom DRK in Wismar, in der Gemeinde Trebnitz, Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder u. a. Es liegen auch Beispiele vor, dass sich selbst Mitglieder unserer Partei bei den Sammlungen beteiligten.
In Karl-Marx-Stadt wurde das Wohnhaus der Eltern eines entlassenen Kriegsverurteilten mit Läufern und Blumen geschmückt, nachdem die Mitglieder der CDU von Rabenstein sämtliche Blumen in den Gärtnereien dafür aufkauften.
Der Kriegsverurteilte Basler11 aus Beucha, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, erhielt viele Blumen und Geschenke von Einwohnern, vor allem Bauern, aus dem Dorf.
Die Diskussionen beweisen oftmals, dass zurzeit ein weit größerer Teil der Bevölkerung westliche Sender hört als sonst. Dies wird manchmal offen zum Ausdruck gebracht und meistens damit begründet, dass man nur die Namen hören wolle bzw. überhaupt etwas über die Entlassung der Kriegsverurteilten erfahren möchte, da unsere Sender darüber nichts bringen.
Zum Teil kommt es zu Gemeinschaftsempfängen in Wohnungen und Gastwirtschaften.
In der Abt. Vormontage des VEB Sternradio Sonneberg hörte man der Durchsage der Namen durch die Westsender zu. Als Frauen genannt wurden, kam es zu Pfui-Rufen.
In Rostock hatten am 16.10.1955 mehrere Familien das »Deutschlandlied«12 so laut eingestellt, dass man es auf der Straße hörte. Vereinzelt sang man laut mit.
Von anderen Personen wieder wird die Verlesung der Namen durch den demokratischen Rundfunk gefordert.
Die Ausnutzung der Entlassung der Kriegsverurteilten und das Interesse für diese Personen vonseiten der faschistischen Elemente, beweist folgendes Beispiel: Als am 5.10.195513 der verurteilte Landwirt Prater14 aus Frauenhain,15 [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden, nach Hause kam, waren seine ersten Besucher der ehemalige Ortsgruppenleiter der NSDAP, der ehemalige Ortsbauernführer und einige ehemalige Mitglieder der NSDAP.
2.) Stimmung und Verhalten der in der DDR verbliebenen Kriegsverurteilten
Im Allgemeinen zeigt sich, dass die in der DDR verbliebenen Kriegsverurteilten noch sehr zurückhaltend in ihren Diskussionen sind. Beim direkten Ansprechen – besonders von Personen des öffentlichen Lebens wie VP-Angehörige, Angestellte u. Ä. – kommt es meist zu positiven Äußerungen. Während es im geringeren Maße – und das oft nur im »engsten Kreise« – zu negativen Stellungnahmen kommt.
Eine negative Einstellung zur DDR kommt auch in den vereinzelt bekannt gewordenen Republikfluchten jetzt Entlassener zum Ausdruck.
Die positiven Stimmen beinhalten hauptsächlich, dass die Kriegsverurteilten wohl schwere und anfangs ungewohnte Arbeit hätten verrichten müssen, aber sie haben immer die der Jahreszeit entsprechende Kleidung gehabt und auch die Verpflegung sei zufriedenstellend gewesen. Natürlich sei in den Jahren nach 1945 das Essen nicht besonders gut gewesen, da ja auch die Sowjetbevölkerung nicht mehr zu essen hatte.16 Mehrfach wird erwähnt, dass bei Erkrankung eine gute ärztliche Betreuung bestanden habe.
Vereinzelt wird in den positiven Stellungnahmen eine Schuld zugegeben.
Zum Beispiel gab die ehemalige Kriegsverurteilte Ahsmann17 aus Bernau, [Bezirk] Frankfurt/Oder, vor Pressevertretern an, dass sie wegen Spionage verurteilt worden wäre und warnte gleichzeitig vor einer gleichen Tätigkeit.18
Die Kriegsverurteilte Stier19 aus Quedlinburg, [Bezirk] Halle, erklärte sich bereit, im Rahmen des DFD zu sprechen oder bei der Presse eine Erklärung abzugeben, um den Argumenten der Feinde entgegenzutreten.
Sehr lobend sprechen sich die zurückgekehrten Kriegsverurteilten über ihre Verabschiedung und Heimfahrt in der SU aus, während nur wenige von einer guten Behandlung in Frankfurt/Oder sprachen und die Mehrzahl angibt, über den Empfang in der DDR »enttäuscht« gewesen zu sein.
Die negativen Äußerungen enthalten vielfach – oft versteckt – Hetze gegen die SU und die meisten dieser Sprecher bezeichnen sich als »unschuldig Verurteilte« oder bezeichnen die Ursache ihrer Verurteilung als Bagatelle, wie z. B. Hühnerstehlen, Diebstahl von Kartoffeln u. a.m. Mehrfach sieht man den Grund der Haft darin, dass »die SU Arbeitskräfte gebraucht habe«.
Einzelne unterstützen die Feindpropaganda, indem sie offen oder versteckt die Existenz von »Schweigelagern« bejahen und über ihre Behandlung geheimnisvolle Andeutungen machen, um den Anschein zu erwecken, dass sie schlecht behandelt worden seien.
Zum Beispiel erklärte der Kriegsverurteilte [Name] aus Ottendorf-Okrilla, [Bezirk] Dresden, auf dem Bahnhof Dresden-Neustadt, dass er die Nase voll habe. Wer mehr von ihm wissen wolle, soll ihn besuchen und er gab einigen Umstehenden seine Anschrift.
Negative Schilderungen über das Leben in den Straflagern haben vielfach den Zweck, Mitleid zu erwecken, wie z. B. folgende Äußerung eines Rückkehrers aus Beulwitz, [Kreis] Saalfeld, [Bezirk] Gera, beweist, der sagte: »Ich bin aus der SU als kranker Mensch zurückgekommen. Ich bin vier Jahre festgehalten worden, ohne dass ich verurteilt war.«
Aufgrund dieser angeblich unberechtigten Inhaftierung stellt er für die genannte Zeit Antrag auf Schadenersatz und verlangt eine Geldabfindung.
Am 12.10.[1955] wurde er von der Poliklinik Saalfeld krankgeschrieben und fordert jetzt auch Krankengeld.
Auch andere Kriegsverurteilte erklären, dass sie mit 50,00 DM Unterstützung nicht auskommen könnten und fordern, oftmals in sehr anmaßendem Ton, dass man sie besser unterstützen solle.
Diesbezüglich äußerte ein entlassener Kriegsverurteilter auf Vitzenburg, [Kreis] Querfurt, [Bezirk] Halle, auf die Aufforderung des Bürgermeisters seines Ortes, dass er jederzeit mit Arbeiten anfangen könne, dass in Frankfurt ein Minister zugesichert habe, dass alle Kriegsverurteilten acht Wochen Urlaub erhalten.
Nach vorliegenden – unvollständigen – Meldungen wurden bisher von den 1 231 in der DDR und im demokratischen Sektor20 verbliebenen Personen (Stand vom 20.10.1955) 23 republikflüchtig. Die Flüchtigen wurden in den meisten Fällen von ihren Ehefrauen begleitet. Die Gründe sind vor allem:
- a)
Auszahlung von Unterstützung bis 6 000 DM in Westdeutschland21
- b)
Enttäuschung über Behandlung in der DDR
- c)
Beeinflussung durch feindliche Elemente
Bereits auf dem Transport wurde für die Weiterreise nach Westdeutschland geworben und in der Mehrzahl das Argument benutzt, dass die Rückkehrer in der DDR nochmals vor Gericht gestellt werden. Zum anderen wurde der »gute Empfang« in Westdeutschland gepriesen und dass dort die finanzielle Unterstützung besser sei. Dieser Beeinflussung sind die Entlassenen oftmals auch in ihren Heimatorten durch zahlreiche im Umlauf befindlichen Gerüchten ausgesetzt.
Zum Beispiel flüchtete der Kriegsverurteilte Lipski22 aus Nordhausen-Salza, [Bezirk] Erfurt, mit seiner Ehefrau, um vor allem die 6 000 DM in Westdeutschland zu bekommen.
Dem, nach Halberstadt, zurückgekehrten Herbert Pährisch23 wurde von verschiedenen Personen mitgeteilt, dass er seine Strafe (15 Jahre) in Deutschland weiter absitzen muss. Der P. begab sich daraufhin zum sowjetischen Stadtkommandanten, der ihm bestätigen konnte, dass er sich als freier Mensch bewegen kann.
In den Gemeinden Radegast und Zörbig, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, wird das Gerücht verbreitet, dass der Kriegsverurteilte Thumerer24 sehr schlecht über die Behandlung in der SU gesprochen habe. Ihm gegenüber wurde dann geäußert, dass er wegen dieser Ausführung eingesperrt würde. T. selbst sagte dazu, dass er Derartiges nicht gesagt habe, sich aber unsicher fühlt und mit dem Gedanken der Republikflucht trägt.
3. Verhalten der Kirche
Die kirchlichen Kreise entfalten beim Empfang der Kriegsverurteilten eine große Initiative, um die Bevölkerung zu beeinflussen, dass die Entlassenen auf die Hilfe der Kirche angewiesen sind bzw. um die Kriegsverurteilten für die Kirche zu gewinnen. Der größte Teil der Kriegsverurteilten nimmt die Spenden an, während nur vereinzelt eine Ablehnung erfolgt.
Ein negatives Verhalten von Pfarrern zeigt sich außerdem in hetzerischen Ausführungen zu diesen Fragen während der Predigten.
In einigen Fällen werden Kriegsverurteilte vom Kirchenchor empfangen oder es erfolgten Einladungen, die Kirche aufzusuchen, da die Rückkehr in der Predigt erwähnt werden solle und die Kirche aus diesem Anlass festlich geschmückt sei.
Einen größeren Umfang haben die finanziellen Zuwendungen, die meist von den Pfarrern persönlich überreicht werden. So erhielten Kriegsverurteilte Geldbeträge von 25,00 bis 100 DM. Vom Pfarrer in Jerichow, [Bezirk] Magdeburg25 z. B. wurden einmal 100 DM und in anderem Falle 50,00 DM und ein Lebensmittelpaket übergeben. Ein Pfarrer von Pirna, [Bezirk] Dresden, bot dem Kriegsverurteilten Wünsche26 einen Scheck für einen 14-tägigen Ferienaufenthalt an, die Annahme wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass W. nicht Mitglied der Kirche sei.
Ausführungen in Predigten stellen die Entlassung der Kriegsverurteilten als »Gotteswerk« hin und oftmals wird damit die Forderung verbunden, »die anderen auch noch freizulassen«.
Zum Beispiel erklärte der Propst Scheunemann27 aus Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Die Gemeinde muss für alle Kriegsgefangenen und für alle Menschen, die in der Gefangenschaft sind, beten.«
Der evangelische Pfarrer aus Bad Kösen, [Kreis] Naumburg, [Bezirk] Halle, sagte während des Gottesdienstes: »Wir danken Gott, dass die Gefangenen wiedergekommen sind; wir bitten und rufen Gott, dass er uns die anderen auch bringt.«
Die Innere Mission verständigt in Pirna, [Bezirk] Dresden, die Angehörigen von Entlassenen schon lange bevor eine amtliche Mitteilung eintrifft.
Die Superintendenten und Pfarrer erhielten von der Kirchenleitung Magdeburg eine Anweisung folgenden Inhalts: »In diesen Tagen sind viele Gemeindemitglieder der evangelischen Kirche aus der sowjetischen Gefangenschaft zurückgekehrt. Die evangelische Kirche weiß sich berufen, diesen Menschen in Not und Ratlosigkeit in Liebe zu helfen. Wir bitten, umgehend mit den Heimgekehrten Verbindungen aufzunehmen, der Tatsache ihrer Heimkehr fürbittend im Gottesdienst vor der Gemeinde zu gedenken und die Heimgekehrten zum Gottesdienst einzuladen. Heimgekehrte uns umgehend melden. Der Herr Bischof wird die Heimgekehrten in einem besonderen Grußwort ansprechen. Der Rat der Kirchenleitung hat beschlossen, jedem Heimgekehrten zunächst eine Beihilfe von 200 DM zu gewähren und ihnen in der Not anfangs auch materiell beizustehen.«