Versorgung
26. Oktober 1955
Versorgung [V 17/55]
Warenbereitstellung für das Weihnachtsfest
Im Bezirk Neubrandenburg sind Anzeichen vorhanden, dass es in der bevorstehenden Weihnachtszeit in der Belieferung mit Zucker und Süßwaren zu einer Katastrophe kommt, wenn keine Änderung getroffen wird.1
Auf der Submission in Leipzig konnte der Bezirk seine Planmenge nicht voll vertraglich binden.
Vom Rat des Bezirkes wurde mitgeteilt, dass vom Ministerium für Handel und Versorgung die Registrierpflicht für abgeschlossene Verträge angeordnet wurde, um feststellen zu können, wo irgendwelche Mengen überzogen worden sind, damit diese dem Bezirk Neubrandenburg zur Verfügung gestellt werden können. Das ist bisher völlig negativ verlaufen.
Der Rat des Bezirkes setzte sich mit den anderen Bezirken in Verbindung, ohne jedoch irgendetwas zu erreichen.
Die Handelsträger des Kreises Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, wollten mit dem Großhandelskontor2 Lebensmittel in Teltow, Kreis Potsdam-Land, Verträge über Lieferung von Weihnachtsgebäck usw. abschließen. Vom Großhandelskontor wurden jedoch nur Verträge für Pfefferkuchen zu 30 % der Gesamtmenge abgeschlossen. Für andere Erzeugnisse konnten ebenfalls nur Kleinstmengen vertraglich gebunden werden.
Versorgung mit Fetten und anderen Lebensmitteln
Die Schwierigkeiten in der Margarineversorgung sind in den Kreisen Jüterbog, Rathenow, Brandenburg und teilweise Potsdam-Land noch nicht behoben.
In einigen Gemeinden des Kreises Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, treten vereinzelt Schwierigkeiten in der Versorgung mit HO-Margarine,3 HO-Fleisch- und Wurstwaren ein.
Gleiche Erscheinungen sind noch in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Cottbus, Neubrandenburg, Gera, Suhl, Leipzig, Potsdam und Schwerin auf.
Im Bezirk Neubrandenburg kann der HO-Butterbedarf bei Weitem nicht befriedigt werden.
Dazu kommt noch, dass im neuen Plan des IV. Quartals noch 20 t weniger zur Verfügung stehen, als ursprünglich vorgesehen war. Das bedeutet, dass zu Weihnachten eine ausreichende Versorgung nicht gewährleistet ist. Ebenso ist es bei Margarine.
Fleischversorgung
In den Kreisen Borna und Geithain, [Bezirk] Leipzig, besteht weiterhin ein Engpass in der Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und Wurstwaren auf HO-Basis. Die Versorgung auf Markenbasis ist ebenfalls angespannt.
In der vergangenen Woche mussten z. B. im Kreis Geithain verschiedene HO-Betriebe ihre Wurstproduktion einstellen.
Die Hauptursache der schlechten Warenbereitstellung in diesen beiden Kreisen ist die Nichteinhaltung der abgeschlossenen Verträge durch die VEAB. So hat z. B. in der Zeit vom 1. bis 15.10.1955 die VEAB Geithain 17 t Schweinefleisch lt. Vertrag zu liefern. Erfüllt wurde dieser Vertrag erst mit 11 t. Darüber hinaus muss die VEAB noch aus dem III. Quartal ca. 20 t Lebendvieh an die Fleischgenossenschaft in Geithain liefern.
Kartoffelversorgung
Im Kreisgebiet Quedlinburg, [Bezirk] Halle, geht die Einkellerungsaktion nur langsam voran. Dem Kreis müssen aus anderen Kreisen und Bezirken 1 000 t zugeliefert werden, was aber nur schleppend erfolgt.
Im Bezirk Schwerin zeigen sich ebenfalls diesbezügliche Schwierigkeiten. Hier ist z. B. die ungenügende Einkellerung auf die mangelhafte Abgabe durch die landwirtschaftlichen Betriebe zurückzuführen.
Zum Beispiel konnte am Wochenende in Boizenburg und in Lübtheen,4 Kreis Hagenow, ein Abgaberückstand von 700 t festgestellt werden. In einigen Gemeinden des Kreises Neuhaus, [Bezirk] Suhl, wird viel über die schlechte Qualität der Kartoffeln geklagt. Beim Ausladen eines Waggons wurde z. B. festgestellt, dass die obere Schicht gute Kartoffeln waren, während die darunter liegenden Kartoffeln klein, nass und angefault waren.
Aus demselben Kreis wird noch berichtet, dass verschiedene Hausfrauen, die ihre Einkellerungskartoffeln ab 10.9.1955 schon bezogen hatten, mitteilen, dass die Kartoffeln bereits verdorben sind. Es wurde festgestellt, dass es sich um Früh- und mittelfrühe Kartoffeln handelt, die nicht zur Einkellerung kommen sollten, sondern zum Sofortverbrauch bestimmt waren.
Die Porzellanfabrik Hartwig5 in Katzhütte, [Kreis] Neuhaus, hat für den Betrieb dieselben Kartoffeln eingelagert. Diese beginnen ebenfalls zu faulen.
In Nerchau und Naunhof, Kreis Grimma, [Bezirk] Leipzig, besteht zurzeit ein Kartoffelmangel. Schon seit einigen Tagen können der Bevölkerung keine mehr zum Verkauf angeboten werden. Der Kreis hat seine Ausfuhrpflichten zu 81 % erfüllt.
Zwiebelbelieferung
In Königsbrück, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, ist die Bevölkerung verärgert, weil die Privathändler für ihre Kunden Zwiebeln zur Verfügung haben, während im staatlichen und genossenschaftlichen Handel keine zu erhalten sind.
Große Nachfrage nach Zwiebeln besteht im Bezirk Schwerin.
Privathändler vertreten vereinzelt die Meinung, dass sie in der Lage wären, Zwiebeln zu besorgen, wenn ihnen die staatlichen Organe höhere Preise bewilligen würden.
So erklärte ein Kaufmann aus Parchim: »Ich könnte Zwiebeln besorgen, aber die staatlichen Organe machen mir dabei Schwierigkeiten. Die Bauern geben für 0,25 DM ihre Zwiebeln nicht ab.«
Eierversorgung
In der Eierversorgung ist im Bezirk Neubrandenburg eine ernste Situation eingetreten. Die Planmenge von 80 000 Stück für den Monat Oktober ist bereits am 10.10.1955 mit 115 % übererfüllt worden. Die Ursache dafür ist, dass die Bekanntgabe dieser Planmenge seitens des Ministeriums erst am 30.9.[1955] einging. Dadurch können für den Rest des Monat Oktober und für einen Teil des Monats November keine Eier angeboten werden.
Mit der ebenfalls geringen Planmenge für Dezember ist die Versorgung zu Weihnachten nicht sichergestellt.
Angsteinkäufe
Bei einer Prüfung der HO- und Konsumgeschäfte6 in Rauschwitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurde festgestellt, dass Angsteinkäufe von Margarine getätigt werden. Von der Bevölkerung wird diskutiert, dass die Margarine knapp wird.
Überplanbestände
Beim VEAB in Greifswald, [Bezirk] Rostock, lagern zurzeit 13 t Bienenhonig im Werte von 200 000 DM als Überplanbestände.
In Greifswald gibt es aber keinen Bienenhonig zu kaufen.
Warenverderb
In der Tierkörperverwertungsanstalt in Hohenprießnitz, [Bezirk] Leipzig, lagern ca. drei Zentner verdorbene Butter und größere Mengen verdorbene Fischwaren. Außerdem wurde ein Lastwagen mit verdorbenen Würstchen und Fässer mit Öl angeliefert.