Zur Beurteilung der Situation in der DDR
14. Januar 1955
Informationsdienst Nr. 2414 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Die Diskussionen über den Kampf gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge1 steht weiterhin im Vordergrund der Gespräche über politische Tagesfragen. Inhaltlich ergaben sich keine Änderungen, jedoch ist der Umfang etwas geringer geworden.
Über das Interview des Genossen Malenkow2 wird nur vereinzelt diskutiert und meist positiv.3 Inhaltliche Veränderungen sind nicht zu verzeichnen.
Bei den Diskussionen über die Aufstellung Nationaler Streitkräfte4 kann man erkennen, dass die Aufklärungsarbeit sich in dieser Hinsicht etwas verbessert hat, denn die anfängliche ablehnende Haltung hat nachgelassen und man sieht die Notwendigkeit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte ein.
Jedoch treten unter einem Teil von Jugendlichen noch immer pazifistische Meinungen auf, in dem man sich in der Form äußert, dass man »kein Gewehr in die Hand nimmt«.
Ausgesprochene feindliche Diskussionen treten nur vereinzelt auf.
Ein Arbeiter aus dem VEB Pumpenwerk Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg: »Nationale Streitkräfte brauchen wir doch überhaupt nicht mehr aufzustellen. Wir haben doch jetzt schon mehr, als im Westen.«
Ein großer Teil der Werktätigen diskutiert über betriebliche Fragen wobei man häufig über die vorgenommenen bzw. vorgesehenen Entlassungen5 in negativer Form spricht. Diese Diskussionen lassen erkennen, dass man oft versäumt, über die Entlassungen mit den Kollegen zu sprechen, um ihnen die Gründe für die Entlassungen aufzuzeigen. Weiter ist zu verzeichnen, dass man den entlassenen Kollegen oft nicht bei der Beschaffung einer neuen Arbeitsstelle hilft.6
Teilweise vertritt man die Meinung, dass die Entlassungen nur deshalb vorgenommen werden, um junge Menschen für die KVP frei zu bekommen.
In der Volkswerft Stralsund, [Bezirk] Rostock, herrscht eine gewisse Empörung unter den Arbeitern über die Kündigungen, weil die Kündigungen so lauten, als wenn die Arbeiter ihr Einverständnis zur Kündigung gegeben hätten, obwohl dieses nicht den Tatsachen entspricht.7
In der Bordmontage der Neptunwerft Rostock erklärte ein Arbeiter im Zusammenhang mit den Entlassungen Folgendes: »Wenn es jetzt zum Krach kommt, dann wird es aber schlimmer, als am 17. Juni.8«9
Im RAW Halle wird davon gesprochen, dass viele Arbeiter entlassen werden, was eine gewisse Beunruhigung auslöste. Man ist der Ansicht, dass diese Maßnahmen erfolgen, um mehr Bewerber für die KVP zu bekommen.10
Im VEB Greika (Textil-Betrieb) Werk IV Greiz, [Bezirk] Gera, wurden ebenfalls eine Reihe Frauen entlassen. Da einige von ihnen auch Mitglied des DFD waren, erklärten sie nach den Entlassungen ihren Austritt, mit der Begründung, dass sich der DFD nicht für sie einsetzen würde.
Im VEB »Werkin«11 in Königsee, [Bezirk] Gera, sind die Kollegen durch derzeitigen Arbeitsmangel beunruhigt und vermuten, dass aufgrund dessen wohl bald Entlassungen vorgenommen werden.12
In einigen Betrieben diskutiert man über Normen- und Lohnfragen. Bei den Diskussionen über die Normen kann man erkennen, dass man teilweise neue Normen (TAN)13 festsetzt, ohne vorherige Rücksprache mit den Kollegen. Die Aufklärungsarbeit zur Festsetzung technisch begründeter Arbeitsnormen ist in vielen Betrieben mangelhaft, oder erfolgt überhaupt nicht. Teilweise nehmen die Arbeiter eine Überprüfung der Normen ab, weil sie befürchten, dass danach die Normen erhöht würden.
Im Wismut14-Objekt 90 Gera löste die Festsetzung neuer Normen15 unter den Kumpels Missstimmung aus, da dies nicht auf der richtigen Grundlage geschah. Sie stehen auf dem Standpunkt, dass die Fehler, die gemacht werden, nur zu einer Verschlechterung des Lebens-Niveaus führen und dass dies zur Auswirkung kommen kann, wie am 17. Juni 1953. In einer Brigade diskutierte man in der Form, dass man mit den neuen Normen nicht arbeiten kann und wenn sie nicht verändert werden das Arbeitsverhältnis von einem Teil der Kumpels aufgeben wird. Ein Kollege äußerte: »Die Normen wurden von Nichtfachleuten aufgestellt und daher können sie nicht zur Hebung der Arbeitsmoral beitragen.«
Im VEB Ofen- und Herdbau Rathenow, [Bezirk] Potsdam, Abteilung Gießerei, sind seit der Festsetzung der Norm für Heranbringen von Material pro Stunde zehn bis 15 Minuten Zeitverlust zu verzeichnen gewesen. Zwei Tan-Bearbeiter hatten am 10.1.1955 festgestellt, dass sich dieser Zeitverlust durch Verbesserung im Produktionsablauf verringert hat und wollten demzufolge die Verlustzeiten neu einplanen. Dagegen lehnten sich die Arbeiter auf, weil sie darauf bedacht sind, dass die alte Norm bestehen bleibt. Diese negative Tendenz würde vielleicht nicht aufgekommen sein, wenn die beiden Tan-Bearbeiter nicht versäumt hätten, vorher ihren Vorschlag mit der Werkleitung, BGL und BPO abzusprechen, damit in der Abteilung eine Aufklärung erfolgen konnte.
Im VEB Essbesteck-Werk Halle ist eine schlechte Stimmung unter der Belegschaft zu verzeichnen, weil die Produktion der Wagenbauherstellung eingestellt werden soll. Die Belegschaft stellte eine Delegation zusammen, die am 14.1. wegen dieser Angelegenheit nach Berlin fahren sollte.
Im VEB Karl-Marx-Werk16 Potsdam-Babelsberg sind die Arbeiter missgestimmt, weil sie nicht ausgelastet sind. Am 4.1.1955 kam es soweit, dass 20 Schweißer in der Lokmontage keine Arbeit hatten und demzufolge Wartestunden geschrieben werden mussten, was auch dazu beitrug, dass der Finanzplan mit fast drei Millionen überzogen wurde. Ein Arbeiter äußerte dazu: »Es wird immer viel geredet, aber nichts von der Leitung getan. Anstatt dass es besser wird, wird es von Jahr zu Jahr immer schlechter, mit der Arbeits-Organisation in unserem Werk.«
In der Thälmann-Werft17 Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, sind die Arbeiter unzufrieden, da wegen Materialschwierigkeiten ständig Wartezeiten geschrieben werden müssen. Die Kollegen bringen ihre Unzufriedenheit in der Form zum Ausdruck, dass sie bei Diskussionen über die Normenfrage erklären: »Schafft uns Arbeit, dann bekommt ihr Normen, dass Euch die Augen übergehen.«
Unter den Meistern der Blechschmiede im Karl-Liebknecht-Werk18 Magdeburg besteht Unzufriedenheit, da die Brigadiere durchschnittlich DM 300 im Monat mehr verdienen als die Meister. Ein Meister äußerte dazu: »Macht die Brigadiere alle zu Meistern, dann spart die Blechschmiede im Monat nahezu 10 000 DM ein.«
Gerücht
Aus der Peenewerft wird uns bekannt, dass ein Gerücht kursiert, wonach die Familienangehörigen in der SVK nicht mehr mitversichert sind, sondern selbst ihre Beiträge zahlen müssen.
Produktionsstörung
Im VEB Flachglashütte Hartmannsdorf, [Kreis] Niesky, [Bezirk] Dresden, ereignete sich am 13.1.1955 eine Kohlenstaub-Explosion in der Gasleitung. Die Leitung war durch Kohlenstaub-Ansammlung verstopft und wurde gereinigt. Zu diesem Zweck wurde das zu reinigende Rohrstück mittels Schieber nach dem Generator sowie den Ziehmaschinen hin abgesperrt. Danach wurde abgesperrte Leitung geöffnet und mit dem Reinigen begonnen. Während des Reinigens entzündete sich der Kohlenstaub und es kam zu einer Verpuffung; drei Personen erlitten Verbrennungen im Gesicht.
Am 12.1.1955, gegen 14.00 Uhr, war im VEB Kali Werk »Marx-Engels« in Unterbreizbach, [Bezirk] Suhl, ein Gasausbruch zu verzeichnen. Der Gasausbruch trat vermutlich nach dem Schießen ein. Nach dem Ausziehen der Sicherungs-Lampe fuhr die Reparatur-Schicht ein. Als dieselbe am Füllort ankam, bemerkten sie einen Kohlensäure-Ausbruch. Der Anschläger versuchte noch, das Rufsignal zu geben, welches jedoch nicht ganz gelang. Eine Person konnte durch das Telefon Nachricht nach oben geben. Die 22 Personen, die eingefahren sind, waren alle bewusstlos. Davon ist eine Person verstorben und sieben wurden in das Krankenhaus eingeliefert. Die übrigen erlitten geringe Vergiftungserscheinungen.
Handel und Versorgung
Aus verschiedenen Bezirken wird bekannt, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Kohle nur schlecht erfolgt. Viele Haushalte, die ihre Kohlen noch nicht bekommen haben, können nicht beliefert werden. So in Lehnin, [Kreis] Brandenburg, in Leipzig und Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder. In Dessau, [Bezirk] Halle, sind 3 600 Tonnen noch nicht angeliefert. Kohlenkarten werden nicht ausgegeben, weil man der Ansicht ist, dass sonst die Diskussionen unter der Bevölkerung über schlechte Kohlenversorgung noch steigen würde.
Im Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, traten in den letzten Tagen in den Bäckereien wieder Schwierigkeiten in der Zuteilung der Kohlen auf. Es kam soweit, dass Bäckereien infolge Kohlenmangel nicht backen konnten, wie z. B. ein Bäcker aus Seligenthal.
Über die Entlassungen wird weiterhin negativ diskutiert, da man die Notwendigkeit der Entlassungen nicht einsieht. Vereinzelt treten sogar bei Funktionären der Partei Unklarheiten auf.
So äußerte sich z. B. der Personalleiter einer HO-Gaststätte [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg: »In der letzten Zeit war bei uns etwas los. Die Entlassungen und die Vorbereitungsarbeiten dazu haben uns genug Ärger bereitet. Wir schreiben in unseren Zeitungen von Entlassungen im Westen und nun müssen wir auch in unserem Betrieb Entlassungen vornehmen, sowie Kürzungen der Lohnsummen.«19
In den Bezirken Neubrandenburg und Schwerin treten zurzeit Schwierigkeiten in der Fleischversorgung sowohl auf Marken als auch bei HO auf. Ursache, die Importe sind nicht rechtzeitig eingetroffen und der Auftrieb von Vieh durch die Erfassungsorgane ist zu gering.
In Wurzen, [Bezirk] Leipzig, reicht der Fleischvorrat nur noch für vier Tage. Neue Lieferungen stehen noch nicht in Aussicht.
Landwirtschaft
Zu den aktuellen politischen Fragen treten in der Landwirtschaft wenig Diskussionen auf. Das zeigt, dass man in der Landwirtschaft die politischen Tagesfragen wenig in den Vordergrund stellt. Zum Beispiel im Kreis Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurden Bauern gefragt, wie sie über die Ratifizierung der Pariser Verträge denken. Es stellte sich heraus, dass die Bauern über diese Frage nichts wussten.
In dem Ort Blumberg, [Kreis] Angermünde versuchten Feinde durch verstreuen von Gerüchten, Unruhe unter die ländliche Bevölkerung zu bringen. Es ging das Gerücht um, dass der Bürgermeister vom Rat des Kreises Anweisung erhalten hätte, wonach zu entnehmen sei, dass Bauern, die in Zukunft schlachten, nur noch so viel Fleisch für sich verbrauchen dürften, wie ihnen auf den Lebensmittelkarten zustünde. Weiterhin kursiert das Gerücht; »Wer in Zukunft Mitglied der FDJ wird, muss, ob er will oder nicht, in die Reihen der KVP eintreten.« Welches Ausmaß derartige Gerüchte bisher erreicht haben, ist noch nicht festzustellen.
Im Vordergrund stehen jetzt die Wahlen in der VdgB (BHG).20 Da ist festzustellen, dass mehrfach von Mitgliedern der SED und den Mitgliedern der LPG Unklarheiten über die Wahlen auftreten. Sie werden unterschätzt und so geschieht es, dass Groß- und Mittelbauern in die Vorstände vorgeschlagen werden, bzw. die Großbauern21 versuchen, selbst in die Vorstände zu kommen, wie z. B. im Kreis Herzberg, [Bezirk] Cottbus.
Im Kreis Schleiz, [Bezirk] Gera, wird über die BHG-Wahlen berichtet, dass die großbäuerlichen Elemente selbst wenig in Erscheinung treten, dagegen es aber oft vorkommt, dass Mitglieder der SED eine Kandidatur ablehnen und dafür Großbauern oder deren Söhne vorgeschlagen werden.
So z. B. in der Gemeinde Reila, wo zwei Genossen die Kandidatur ablehnten und Söhne von Großbauern für diese Funktion vorschlugen.
Im BHG-Bereich Möhra, [Kreis] Bad-Salzungen, [Bezirk] Suhl, wurden von dem Vorsitzenden der LPG die Wahlen stark beeinträchtigt. Er hielt die Mitglieder der LPG von der Teilnahme an der BHG-Wahl ab, mit dem Argument, dazu keine Zeit zu haben. Weiterhin verhinderte er die Wahl eines LPG-Mitgliedes in den Vorstand.
Über den Verlauf der VdgB-Wahlen wird aus dem Kreis Pößneck, [Bezirk] Gera, berichtet, dass die Neuwahlen nur sehr schleppend vor sich gehen und insbesondere die bürgerlichen Parteien sehr stark daran interessiert sind, ihre Kandidaten in die einzelnen Vorstände zu bringen.
Im Kreis Freital, [Bezirk] Dresden, fanden z. B. bis jetzt erst zwei BHG-Wahlen statt. Die Ursachen hierfür sind mit darin zu suchen, dass der Kreisverband der VdgB keine Unterstützung vonseiten der Partei erhält.
Im Knau, [Bezirk] Gera, hat die CDU drei Kandidaten in den Vorstand gebracht, während die SED dagegen keinen hat.
Bei den BGL-Wahlen tritt in Erscheinung, dass mehrfach die Genossen die Kandidatur ablehnen.
Im Kreisgebiet Rathenow, [Bezirk] Potsdam, ist es eine allgemeine Erscheinung, dass Genossen es ablehnen, als Kandidat der BGL aufgestellt zu werden.
Ein Genosse vom VEG Rhinsmühlen äußerte sich: »Ich will damit nichts zu tun haben. Es genügt mir, wenn ich meine acht Stunden gearbeitet habe.«
Im VEG Stroga,22 [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, bestehen Schwierigkeiten bei der Aufstellung der neuen BGL. Erst nach langer Diskussion wurde ein Jugendlicher (parteilos) dafür vorgeschlagen. Zwei ältere Genossen lehnten die Kandidatur mit der Begründung ab, es sollen einmal Jüngere dazu herangezogen werden. Weiter sagt man: »Ich habe vorher keine Funktion erhalten und will jetzt auch keine.«
Bei den Wahlversammlungen wird vor allem über wirtschaftliche Fragen gesprochen. Über politische Probleme finden kaum Diskussionen statt.
In der MTS-Spezialwerkstatt Sangerhausen, [Bezirk] Halle, diskutierte man hauptsächlich über die unterschiedliche Lohnzahlung in den Betrieben der Landwirtschaft gegenüber den Industriebetrieben. Die Kollegen sind der Meinung, dass z. B. ein Dreher in der MTS-Spezialwerkstatt unter noch schwierigeren Verhältnissen arbeiten muss, als ein Arbeiter in der Maschinenfabrik.
Bei einer Kontrolle der VP auf dem VEG Alt-Käbelich, [Kreis] Straßburg, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde festgestellt, dass neun ha Zuckerrüben zurzeit noch auf dem Felde liegen. Weiterhin sind 15 ha Futterrüben nicht eingemietet worden und durch Frosteinwirkungen nicht mehr verwendbar. Laut Aussagen des Wirtschaftsleiters sind ca. 700 dz Kartoffeln erfroren. Nach Mitteilung von Betriebsangehörigen beläuft sich diese Menge auf ca. 1 500 dz. Die Kartoffelmieten sind bis zum heutigen Tage noch nicht winterfest gemacht worden. Als Grund für diese schlechte Arbeitsweise gibt der Wirtschaftsleiter an, dass ihm während der Ernte zu wenig Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Von 20 ha Weizen, die vom VEB als Winterfrucht angebaut werden sollte, ist bis jetzt nichts ausgesät worden, da angeblich der Acker zu nass sei.
Ein weiterer Missstand wurde uns aus der MT-Station Podelzig, [Bezirk] Frankfurt/Oder, bekannt. Die MT-Station wurde im Laufe eines Wettbewerbes unter den Stationen als Sieger mit dem roten Stern23 ausgezeichnet. Die Bauern (ÖLB) waren darüber sehr erstaunt. Als die Arbeit der MTS überprüft wurde, stellte man fest, dass bei dem ÖLB in Bödelitz24 noch ca. 80 ha Winterfurche zu ziehen sind. Auch bei anderen Vertragspartnern müssen noch große Mengen von Zuckerrüben vom Feld abgefahren werden. Die Bauern wurden vertröstet, dass die MTS ihrer Verpflichtung durch Witterungseinflüsse nicht im vollen Maße nachkommen könnte. Der Plan der MTS wurde aber zu 100 % erfüllt. Das konnte geschehen, in dem die MTS-Leitung mit dem volkseigenen Gut Klessin in Verbindung trat und dort die Ländereien für die Winteraussaat vorbereitete. Die geleisteten Transportarbeiten wurden als Pflügen verbucht. Das VEG Klessin hätte diese Arbeiten selbst durchführen können, da es einen vollständigen Maschinenpark besitzt.
In der Gemeinde Horno,25 [Kreis] Guben, [Bezirk] Cottbus, wurde vom 3.1. bis 9.1.1955 die Kirchenwoche durchgeführt. Diese wurde am 3.1.1955 durch einen gewissen Pfarrer Riena26 aus Berlin eröffnet. Zu dieser Eröffnungsfeier war vorgesehen, dass der Gesangsverein des Dorfes Lieder vortragen sollte. Da aber der größte Teil der Genossen der SED den Gesangsverein angehören, fühlte sich der Bürgermeister verpflichtet, das Parteilehrjahr am 3.1.1955 nicht durchzuführen.
Mehrfach treten Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Winterreparaturprogramms wegen Mangel an Ersatzteilen auf.
In der MTS Stossen,27 [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, stößt die Erfüllung des Winterreparaturplanes dadurch auf Schwierigkeiten, dass besonders Ersatzteile für Raupen und Mehrscharpflüge fehlen. Ebenso in der MTS Severin, [Kreis] Parchim.
Der Leiter der MTS Putbus, [Bezirk] Rostock, erklärte, dass er nicht einmal 50 % der benötigten Ersatzteile bekommen habe und einige Ersatzteile überhaupt nicht zu haben seien.
In der MTS Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, fehlt folgendes Material zur Erfüllung des Winterreparaturprogrammes, welches bisher noch nicht beschafft werden konnte.
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Schrauben und Muttern mm 14,
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Federringe mm 12 Scharschrauben,
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Pressstoffbuchsen der Größe 40x50x60.
Im MTS-Bereich Damsdorf, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, fehlen Getriebeteile für den Traktor »Aktivist« und RS 30. Die Kreiskontore können diese Ersatzteile ebenfalls nicht beschaffen. Aus diesem Grunde bestehen Schwierigkeiten beim Abschluss von Verträgen. Man weiß nicht, welche Pflegemaschinen man bekommt.
In der LPG Ziegendorf, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, ist die Futtergrundlage nicht gesichert. Durch den Rat des Kreises, Abt. Landwirtschaft erhielten sie Bescheid, dass sie von der VEAB Suckow 60 dz Futtergetreide abholen könnten. Der VEAB verkaufte an einen Großbauern davon 55 dz Futtergetreide, weil die LPG Ziegendorf dieses Futtergetreide wegen Geldmangel nicht bezahlen konnte.
Übrige Bevölkerung
Weiterhin wird in den Diskussionen über politische Tagesfragen vorwiegend über die politische Lage gesprochen, die sich aus dem Pariser Abkommen ergeben hat. Im Vergleich zu den Vortagen hat sich inhaltlich und umfangmäßig keine wesentliche Veränderung ergeben.
Gegenstand von Diskussionen ist jetzt vielfach die Verordnung über den Wegfall von Lebensmittelkarten für westdeutsche Besucher.28 Ein Teil begrüßt diese Maßnahme und bringt zum Ausdruck, dass die westdeutschen Reisenden in der Lage wären, die Lebensmittel auf HO-Basis zu kaufen.
Andere wieder erklären, dass diese Verordnung nicht richtig sei, weil sie nicht die Einheitsbestrebungen fördern würde. Viele Familien könnten dadurch keinen Besuch mehr aus Westdeutschland empfangen, da sie nicht in der Lage wären, sie ohne Marken zu beköstigen.
Eine Hausfrau aus Magdeburg sagte: »Meine Kinder wollen mich in Kürze besuchen. Ich muss sie jedoch davon in Kenntnis setzen, dass ich aufgrund dieser Maßnahme nicht in der Lage bin, sie zu empfangen. Es ist falsch was man da gemacht hat, denn die meisten Besucher vom Westen haben kein Geld und sind dadurch auf ihre Angehörigen in der DDR angewiesen.«
In Gesprächen mit westdeutschen Besuchern wird von diesen zum Ausdruck gebracht, dass diese Maßnahme den Reiseverkehr einschränken würde, weil es vielen nicht möglich sei, ohne Lebensmittelkarten bei ihren Verwandten zu leben. Andererseits wurde auch geäußert, »dass die Maßnahme erkennen lässt, dass die Verhältnisse in der DDR wirklich so sind, wie sie in Westdeutschland dargestellt werden«.
Unter anderem erklärte eine westdeutsche Besucherin, die sich zurzeit in Mylau, [Kreis] Reichenbach, aufhält: »Ich halte nicht hier bei meinen Eltern auf und diese sind nicht in der Lage mir HO-Fleisch und Butter vorzusetzen. Ich selbst kann die HO-Preise auch nicht bezahlen und werde daher sofort wieder meine Rückreise antreten.«
Eine Besucherin, die sich zurzeit in Plauen aufhält, erklärte: »Mit der DDR geht es sowieso immer mehr bergab. Sie können ja nicht einmal mehr Lebensmittelkarten für uns Besucher aus Westdeutschland ausgeben.«
Jugendweihe29
Weiterhin versucht die evangelische wie die katholische Kirche mit den verschiedensten Methoden die Bevölkerung gegen die Jugendweihe zu beeinflussen. Sie verlesen Schreiben in ihren Predigten und drohen den Eltern der zur Schulentlassung kommenden, dass ihre Kinder nicht konfirmiert würden, wenn sie an der Jugendweihe teilnehmen.
Zum Beispiel verschickt die evangelisch-lutherische Landeskirche Mecklenburg an die »Konfirmandeneltern« Schreiben, in denen u. a. darauf hingewiesen wird, dass die Konfirmation unvereinbar sei mit der Jugendweihe.
Oder vom Vikar in Buckow, [Kreis] Calau, [Bezirk] Cottbus, wurde ein Schreiben der Kirchenleitung der evangelischen Kirche in Deutschland verlesen, darin warnt man die Eltern, ihre Kinder an der Jugendweihe teilnehmen zu lassen.
Verschiedentlich zeigt sich auch schon die Auswirkung dieser Beeinflussung, indem Anmeldungen zur Jugendweihe wieder zurückgezogen werden. Unter anderem ist das Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, der Fall, wo ein großer Prozentsatz die Anmeldung rückgängig machte.
Dies ist ebenfalls in der Pestalozzi-Schule in Borna, [Bezirk] Leipzig, der Fall. Zum Beispiel wurden dort 80 % der Kinder für die Teilnahme an der Jugendweihe gewonnen. Kurz danach führte der Superintendent Wagner30 eine Kirchenversammlung durch, in der zum Ausdruck gebracht wurde, dass diejenigen, die sich an der Jugendweihe beteiligen, nicht konfirmiert werden. Danach wurden die Meldungen zur Teilnahme zurückgenommen bzw. für ungültig erklärt. Jetzt sind nur noch 10 % zur Teilnahme bereit.
Auch in den Kreisen der bürgerlichen Parteien, besonders in den Kreisen der CDU nimmt man gegen die Jugendweihe Stellung.
Zum Beispiel sagte ein Schulleiter aus Borna, [Bezirk] Leipzig, (CDU): »Ich habe von meiner Partei Anweisung erhalten, dass ich mich neutral zu verhalten habe. Außerdem ist nach meiner Ansicht die Jugendweihe verfassungswidrig.«
Eine Hausfrau (NDPD) aus Magdeburg: »Ich habe mir die Jugendweihe anders vorgestellt. Man soll der Kirche überlassen. Es ist nicht Sache der Parteien, sich in die kirchlichen Angelegenheiten einzumischen.«
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverbreitung
SPD-Ostbüro:31
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Halle ca. 10 000;
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Potsdam 80;
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Rostock einige.
CDU-Ostbüro:32
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Potsdam ca. 45 000.
NTS:33
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Karl-Marx-Stadt 190;
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Neubrandenburg einige.
Im VEB Gummiwerk »Elastik« Gotha, [Bezirk] Erfurt, wurden in der Toilette mehrere Schmierereien angebracht und zwar: »Nieder mit der BGL« und neben einem Hakenkreuz »Heil Pieck«.
Gerüchte
Unter den Arbeitern des VEB-Grobgarnspinnerei Kirchau, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, kursiert das Gerücht, dass es in Zukunft keine Möbel zu kaufen geben wird, aufgrund der jetzigen politischen Lage würde das Holz für andere Zwecke benötigt.
Im Karl-Marx-Hof34 (Häusergruppe) in Riesa ist ein Gerücht im Umlauf, dass der Grund für die Verlängerung der Weihnachtsferien sei, dass die Lehrer zum Schreiben der Karteikarten und Gestellungsbefehle eingesetzt werden.
Anlage 1 vom 14. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2414
BGL-Wahlen
Zu den BGL-Wahlen35 zeigt sich in einzelnen Betrieben, dass von Kollegen und selbst von SED-Mitgliedern die Kandidatur für die BGL abgelehnt wird. Meist mit fadenscheinigen Gründen.
Im VEB Stern-Radio Sonneberg, [Bezirk] Suhl, verlaufen die BGL Wahlen planmäßig, ca. 50 % der Gewerkschaftsgruppen haben bereits die Wahl durchgeführt. Schwierigkeiten treten in diesem Werk in Erscheinung, da jeder Kollege, welcher für die Wahl vorgeschlagen wird, eine Ausrede hat und ablehnt.
Vereinzelt verhalten sich die Kollegen interessenlos gegenüber den Wahlen, oder diskutieren gegen den FDGB und vertreten die Meinung, dass er nicht die Interessen der Werktätigen vertrete.
Im VEB Sprengstoffwerk Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, bringen einige Kollegen zum Ausdruck, dass sie sich an den Wahlen nicht beteiligen wollen, weil der FDGB sich angeblich nicht genügend für ihre Interessen einsetzt. So z. B. sei den Kollegen schon seit Monaten von der BGL eine erhöhte Gefahrenzulage versprochen worden, was jedoch bis jetzt noch nicht geregelt wurde.
Im VEB Jutewerk Triebes, [Bezirk] Gera, ist bei verschiedenen Arbeitern zu verzeichnen, dass sie sich gleichgültig gegenüber den BGL-Wahlen verhalten. So äußerten z. B. einige Frauen: »Es ist ja egal, wer in die BGL gewählt wird, die Hauptsache ist, dass wir mit keiner Funktion betraut werden.« Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch bei der Wahl der AGL im VEB Möbelwerk Zeulenroda. So äußerte z. B. ein Mitarbeiter, welcher für die AGL vorgesehen war, Folgendes: »Mein Arbeitsplatz ist an der Werkbank und nicht in der AGL, denn die Arbeit an der Werkbank, gibt mir mein Verdienst und nicht die Arbeit in der AGL.«
Im Übrigen wird von einem positiven Verlauf der BGL-Wahlen im Kreis Zeulenroda, [Bezirk] Gera, berichtet. Andere sind zurückhaltend, da sie Angst haben, ihre Meinung zu äußern.
Einige Arbeiter des VEB Jutewerk Triebes, [Bezirk] Gera, äußerten: »Es ist besser, wenn man in den Versammlungen über die Neuwahlen wenig Stellung nimmt und sich zurückhaltend verhält. So kann einem wenigstens niemand etwas in die Schuhe schieben, da man sich ja neutral verhalten hat.«
Im VEB Industriewerk in Rauenstein, [Kreis] Sonneberg, wird über die BGL-Wahlen nicht diskutiert, da die Belegschaft über die Entlassungen deprimiert ist. Die Kollegen sagen: »Wer jetzt den Mund auftut, wird bei dieser Gelegenheit mit entlassen.«
Vereinzelt wurden negative Beispiele zu den BGL-Wahlen bekannt.
In einer Versammlung im Bahnhof Salzwedel-Neustadt, [Bezirk] Magdeburg, wurden Vorschläge für die neue BGL unterbreitet. Unter den Vorschlägen befand sich ein VP-Helfer,36 welcher von einem Kollegen abgelehnt wurde, mit der Begründung: »Einen, der die Arbeiter verrät, wählen wir nicht.«
Im VEB Optima Erfurt wurden bisher 17 Gruppenwahlen durchgeführt. 60 Funktionäre wurden gewählt, davon nur acht Genossen.
Im VEB Drahtweberei Pausa, [Kreis] Zeulenroda, [Bezirk] Gera, zeigte sich bei den Neuwahlen der BGL, dass die Kandidaten der bürgerlichen Parteien mehr Stimmen hatten, als die Kandidaten der SED.
Von einem Privatbetrieb aus Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurde bekannt, dass bei der Vorbereitung der BGL-Wahlen folgende Diskussionen verbreitet wurden: »Wir gehen nicht in die Gewerkschaft, sie tut einmal nichts für uns. Andere bezahlen ihre Beiträge schlecht. Man vermutet, dass die Arbeiter unter den Einfluss des Privatunternehmers stehen.«
Anlage 2 vom 14. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2414
Stimmung unter den Berliner Eisenbahnern über die Verordnung des Magistrats von Groß-Berlin bezüglich der Einkaufsbescheinigungen
Allgemein ist zu verzeichnen, dass die Eisenbahner aus dem demokratischen Sektor37 diese Verordnung begrüßen.38 Unter anderem wird erklärt, dass es jetzt durch diese Einkaufsbescheinigungen nicht mehr möglich ist, dass von den Westberlinern große Mengen Lebensmittel gekauft werden, die nicht für ihren eigenen Bedarf bestimmt sind. Die Westberliner Kollegen39 sind besonders darüber verärgert, dass bei einem Verdienst bis zu 500 DM ein Freibetrag von 50,00 DM und bei höherem Verdienst 100 DM festgesetzt wird, der nicht die Einkaufsbescheinigungen eingetragen wird. Diese Summe solle für Beiträge, kulturelle Zwecke usw. verwendet werden. Im Allgemeinen wird diese Summe als zu hoch betrachtet.
Zum Beispiel sagte ein Westberliner Kollege: »Was soll ich mit den 50,00 DM anfangen? Ich gehe nicht ins Kino oder Theater, trinke und rauche nicht, sondern gebe alles Geld meiner Frau. Die 50,00 DM gehen mir regelrecht verloren. Ich kann mir nicht leisten, dass ich monatlich 50,00 DM für sonstige Zwecke ausgebe. Ich habe eine große Familie und brauche das Geld.«
Zum anderen ist es so, dass bei dieser Regelung auch Prämien bei der Festsetzung des Freibetrages in Anrechnung gebracht werden. Wenn z. B. zu einem Gehalt von 450 DM eine Prämie von 100 DM dazu käme, fällt der Betreffende unter die Freigrenze von 100 DM. Dadurch entstehen Diskussionen wie z. B., dass man von Wettbewerben nichts mehr wissen wolle, oder dass sie keine Verbesserungsvorschläge mehr einbringen wollen. Dies trat u. a. in der Signalwerkstatt Kolonnenstraße40 und im S-Bahnhof Wannsee auf.
Die Eisenbahner, denen 90 % ihres Gehaltes in Westmark umgetauscht werden, erhalten keine Einkaufsbescheinigung, wenn die restlichen 10 % unter 50,00 DM liegen. Davon sind ca. 6 000 Eisenbahner betroffen.
Unter ihnen werden u. a. folgende Diskussionen geführt: Man könne sie nicht zwingen, für dieses Geld, dass sie über Umtauschquote verdienen, im Demokratischen Sektor Veranstaltungen zu besuchen, um so ihr Ostgeld loszuwerden. Sie verdienen das Geld in Ost und wollen dafür auch Ware kaufen.
Eine Bahnhofsarbeiterin vom Bahnhof Neukölln brachte zum Ausdruck, dass sie auf keinen Fall mehr ihre Parteibeiträge in Westgeld bezahlen will, da sie mit ihrem Westgeld rechnen müsste.
Ein Mechaniker von der Signalwerkstatt Kolonnenstraße sagte, dass er sich jetzt keine Gedanken mehr machen will, sie man Material und Geld einsparen kann. Im vorigen Jahr hätten sie aufgrund von Verbesserungsvorschlägen 50 000 DM eingespart. Die Maßnahmen des Magistrats wären jetzt der Dank für ihre Arbeit.
Zum anderen treten unter den Kollegen, die Mitglied des Konsum41 sind, Diskussionen auf, dass es nicht richtig sei, dass sie jetzt nicht mehr die Möglichkeit haben, im Konsum zu kaufen.
Zum Beispiel sagte ein Angestellter der Bahnhofskasse des Anhalter Güterbahnhofs: »Ich bin seit 1945 Mitglied des Konsum und es gibt viele Kollegen und Genossen, die ebenfalls im Konsum sind. Durch den zwangsmäßigen Einkauf im HO Rathausstraße kann ich nicht mehr im Konsum einkaufen. Meine Vergütung geht mir verloren.«
Des Weiteren ist man nicht damit einverstanden, dass nur eine Einkaufsmöglichkeit und zwar in der Rathausstraße geschaffen werden soll.
Die Kollegen der Bahnhöfe Wedding und Gesundbrunnen sind z. B. der Meinung, dass nur eine Verkaufsstelle (z. B. Rathausstraße) viel zu wenig sei, weil es nicht möglich ist, alle Kollegen an einer Stelle abzufertigen. Wenn dabei bedacht wird, dass die Ehefrau tagsüber nicht einkaufen gehen kann, weil nur der Kollege selbst eine Einkaufsbescheinigung erhält.
Anlage 3 vom 14. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2414
Auswertung von Hetzschriften
Die Wochenausgabe der Westberliner Zeitung »Der Tag«,42 die auf dem Postwege an Bürger der DDR gesandt wird, beschäftigt sich in mehreren Ausgaben mit der Frage der Nationalen Streitkräfte, wobei besonders gegen die FDJ und die KVP gehetzt wird.
Im Zusammenhang mit der 9. Tagung des Zentralrates der FDJ43 wird von einer »geplanten Veränderung der Verfassung der FDJ« gesprochen , was den Zweck verfolgte, »durch Verankerung einer Art moralischer Wehrpflicht in den FDJ-Statuten die offizielle Wehrpflicht zu umgehen …«.44
In der Nr. 1/55 der Hetzschrift wird nach Schilderung einer schlechten Versorgungslage gehetzt, dass im Jahre 1955 dieselbe noch schlechter wird, da »alles für die Armee« sei. Es heißt: »Die Versorgung mit Textilien, Lederwaren und industriellen Massenbedarfsgütern wird 1955 weitgehend von dem abhängen, was die zu einer offiziellen Armee avancierte kasernierte Volkspolizei für sich verbrauchen wird …«. Zur Beunruhigung der Bevölkerung spricht man an anderer Stelle davon, dass »… allein die von der KVP geforderten Ledervorräte den Gesamtbedarf des Jahres 1954 für Zivil und Militär übersteigen …«.45
Mit einer Hetzschrift »Angehörige der Volksarmee, herhören!«46 wendet sich das »Zentralkomitee antibolschewistischer Soldaten in der KVP« an die Angehörigen der KVP. Es wird darin von einer geschaffenen Kampffront der Söldner, bezahlt mit den Groschen ausgesaugter und geknechteter deutscher Arbeiter in der Sowjetzone gesprochen.
Die weiteren Ausführungen des Flugblattes enthalten üble Hetze gegen unsere Partei und gegen die DDR. Unter anderem wird die »Bewaffnung Westdeutschland begrüßt, denn nur ein starkes Europa kann den nimmersatten Bolschewismus in seine Schranken weisen …«
Anschließend wird zur Widerstandsarbeit aufgefordert, wobei sehr vorsichtig vorgegangen werden soll. »Offene Meuterei« wird abgelehnt, »weil sie zurzeit einen unübersehbaren Verlust ordentlicher Männer darstellen könnte«. Es soll nach »Freunden« gesucht werden, damit sich die Organisation immer mehr vergrößert. Gleichzeitig soll mit sowjetischen Offizieren und Soldaten, »die im geheimen Aufstand stehen« unter der gemeinsamen Parole »Los von Moskau – los vom Bolschewismus« Verbindung aufgenommen werden.
Abschließend heißt es, dass eine »freie deutsche Regierung in der Sowjetzone bereits gebildet« sei, die aber vorläufig geheim bleiben müsste.
Die Hetzschrift »Tribüne«47 des SPD-Ostbüros beschäftigt sich weiterhin mit dem 21. Plenum unserer Partei. Unter Bezugnahme auf die von Walter Ulbricht festgestellten Mängel wird gehetzt, dass unsere Partei alles versuche, die Schuld dafür den Arbeitern zu geben, um jetzt zu »noch diktatorischeren Maßnahmen« greifen zu können. Dazu heißt es: »Sie wissen nur zu gut, dass der von oben geplante Ausweg, die Arbeitsnormen und damit den Produktionsausstoß bei gleichbleibenden Lohnkosten zu erhöhen, ohne eine Verstärkung des Terrors in den Betrieben sofort scheitern muss …«
Aus diesem Grunde sei dem Ministerrat der Entwurf einer Disziplinarordnung vorgelegt worden, was dazu führe, dass jeder VEB ein Kasernenhof werde und von den »neuen militärischem Kurs« ausdrücke.
Zur Frage der FDGB-Wahlen hetzt die gleiche Schrift, dass die vorgesehenen Kandidaten ausschließlich von der SED ausgesucht würden und die Arbeiter vollkommen jeglicher freien Meinungsäußerung beraubt seien. Folgender Hinweis wird dazu gegeben: Die Arbeiter sollen alles versuchen, »ihre Kandidaten« auf die Liste zu bringen. Nötigenfalls sollen sie »die Aufstellung weiterer Kandidaten über die vorgesehene Zahl hinaus durchsetzen. … Sollte man ihnen dieses demokratische Recht zu verweigern wagen, dann bleibt als ein weiteres Kampfmittel gegen den SED-Terror in den Betrieben der geschlossene Boykott der AGL- bzw. BGL-Wahlen …«
Zur Normenfrage meldet die Hetzschrift, dass das ZK unserer Partei Mitarbeiter des »Instituts für Arbeitsökonomie und Arbeitsschutz«48 in die wichtigsten Großbetriebe der DDR geschickt habe, um als »geheime Normenuntersuchungs-Kommission« zu arbeiten.
Die Neuerer-Bewegung49 wird verächtlich gemacht und es wird gehetzt, dass die Arbeiter zur Anwendung von Neuerer Methoden »gezwungen werden müssten«. Dies habe seinen Grund vor allem in der »steigenden Kurve der Unfallzahlen und des Ausschusses«.
Anlage 4 vom 14. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2414
Auswertung von Westsendungen
Im Zusammenhang mit den Ausführungen führender Funktionäre unseres Staates über notwendige Sicherungsmaßnahmen bei eventueller Ratifizierung der Pariser Verträge bringen die Westsender immer wieder kleinere Meldungen, um zu beweisen, dass in der DDR gerüstet wird; dass bereits eine Wehrmacht vorhanden sei und dass die FDJ entscheidend zur »Aufrüstung« beitrage. Größere Kommentare werden dazu nicht gebracht.
In den Meldungen der letzten Tage heißt es z. B., dass die FDJ mit Jahresanfang »eine verstärkte Wehrausbildung begonnen« hat. Außerdem werden Meldungen über die Stärke der KVP bzw. über die Veränderungen im Personalbestand im Jahre 1954 gebracht, wobei man sich auf angebliche Informationen aus dem Ministerium des Innern stützt. Im gleichen Sinne veröffentlicht eine Westberliner Abendzeitung die großaufgemachte Meldung, dass Jugendliche aus der DDR »flüchten, um sich der Einberufung zur neuen Sowjetzonenarmee zu entziehen«. Die Behauptung soll mit der Feststellung bewiesen werden, dass von den Republikflüchtigen einer Woche ca. 25 % Jugendliche sind.
Immer wieder kommt es zu einzelnen Sendungen über die Magistratsverordnung vom 20.12.195450 und deren Auswirkungen.
Neben dem bereits bekannten Argument, dass die Verordnung wegen Versorgungsschwierigkeiten herausgegeben worden sei, wird gleichzeitig gehetzt, dass sich die Verordnung »nur gegen die kleinen Bürger« richte, während »große Schieberunternehmen« weiter ihr Treiben fortsetzen könnten. Die Hetze richtet sich dabei besonders gegen unsere Handelszentralen,51 »in denen die Schiebergeschäfte staatlich konzessioniert« würden.
Kommentatoren bezeichnen die Verordnung, dass an Interzonenreisende keine Lebensmittelkarten mehr ausgegeben werden,52 als »gegen die Einheit Deutschlands gerichtete Maßnahme« mit folgenden Worten: »Was die SED in den letzten drei Wochen beschlossen hat, kann also nur dazu dienen, die Herstellung der Verbindung zwischen den Deutschen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs schwieriger zu machen«.
Die Westsender beschäftigten sich wiederholt mit der Finanzlage in den Konsumgenossenschaften in der DDR und versuchen die Beeinflussung der Bevölkerung durch die Meldung, dass alles daran gesetzt würde, um in Zukunft keine Rückvergütung mehr zahlen zu müssen.53 Die Mitglieder sollen sich auf jeden Fall einem solchen Beschluss widersetzen.
Eine Senkung des RIAS54 beschäftigt sich mit den bevorstehenden Wahlen der FDJ.55 Die FDJler werden dabei aufgefordert, ehrenamtliche Funktionen zu übernehmen, da sie dadurch hin und wieder eine Chance hätten. »im Interesse der Kollegen und Mitschüler zu arbeiten«.
Bezüglich des Wahlablaufes wird zur vorgesehenen Blockwahl,56 wenn nicht mehr Kandidaten aufgestellt werden als zur Wahl vorgesehen sind, Stellung genommen. Da die Blockwahl das Einverständnis der Mitglieder voraussetzt, wird vom RIAS folgender Vorschlag gemacht: »… Dieser Hinweis bietet Euch zwei Möglichkeiten, die Blockwahl zu verhindern. Ihr könnt erklären, dass ihr mit der Blockwahl einverstanden seid und ihr könnt zweitens so viel Kandidaten aufstellen, dass Einzelwahlen erforderlich sind. Mit der letzten Möglichkeit könnt ihr auch geheime Abstimmungen durchsetzen, wenn ihr auch darauf beruft, dass ihr nicht die Gefühle des einen oder anderen Kandidaten durch eine offene Abstimmung verletzen wollt. Auf alle Fälle solltet ihr den einen oder anderen Weg wählen, weil es bei Blockwahlen allzu leicht möglich ist, nur SED-Mitglieder und linientreue Parteilose in die Funktionen zu schieben …«
Im Zusammenhang mit der 9. Tagung des Zentralrates der FDJ57 veröffentlicht der RIAS angebliche Hörerbriefe58 zu den dort gefassten Beschlüssen. In einem derselben wird gehetzt, dass die FDJ sehr viele Funktionäre entlassen habe, da diese die KVP-Werbung59 nicht unterstützen oder gar ablehnten. Jetzt sei es aber z. B. im Bezirk Cottbus so, dass die einzelnen Gruppen außerhalb der FDJ-Heime mit ihren ehemaligen – jetzt entlassenen – Funktionären zusammenkommen.
Der Londoner Rundfunk60 zitiert aus einem Hörerbrief folgende Hinweise für passive Resistenz: Es soll bei den Halten der »kommunistischen Presse« Zurückhaltung geübt werden, denn dies sei Unterstützung der SED. Auch sollen die Handwerker und Geschäftsleute keine »kostspieligen Inserat« in die Zeitungen setzen, denn dies würde »der kommunistischen Presse wieder auf die Beine helfen«. Der Besuch von Kinos, Theatern und Versammlungen soll eingeschränkt werden, da dort nur »kommunistische Propaganda« zu hören sei.
Mit der Lage der freipraktizierenden Ärzte beschäftigt sich eine Sendung des RIAS, in welcher versucht wird, eine Kluft zwischen den freipraktizierenden Ärzten und den Ärzten der Polikliniken usw. zu schaffen. Letztere würden sehr stark bevorzugt, wodurch die anderen immer mehr benachteiligt würden. Erweitert wird die Hetze durch die Behauptung, dass aus Westdeutschland kommende Ärzte noch ganz besondere Vergünstigungen erhielten, (z. B. Gehaltszahlung in Westmark), um der Republikflucht von Ärzten Einhalt zu gebieten bzw. um die Rückkehr geflüchteter Ärzte zu erreichen.
Zur Beunruhigung der Rentner veröffentlicht der Sender »Freies Berlin«61 die Meldung, dass im Demokratischen Sektor von Groß-Berlin über 1 400 Rentner ab 1. Januar 1955 keine Rente mehr erhielten. Sie seien zur Aufnahme von Arbeit aufgefordert worden. Dann heißt es: »Es ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Wochen weitere Rentenempfänger im Bereich des Berliner Sowjetsektors von dieser Maßnahme betroffen werden«.