Zur Beurteilung der Situation in der DDR
27. September 1955
Informationsdienst Nr. 2487 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Die Diskussionen zu den Moskauer Verhandlungen zwischen der UdSSR und der DDR1 sowie über den Staatsvertrag2 haben sich gegenüber der vorherigen Berichtsperiode nicht wesentlich verändert.
Hauptsächlich äußern sich fortschrittliche Arbeiter, weniger Angestellte, und nur vereinzelt Intelligenzler, wobei diese Diskussionen in der Mehrzahl positiv sind.
Bei den Diskussionen über den Staatsvertrag wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass die DDR gefestigter denn je dasteht. Weiter haben sich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR gefestigt, was dazu beitragen wird, die Einheit Deutschlands rascher herzustellen.
Auch äußert man sich oft anerkennend, dass durch den Vertrag die DDR die volle Souveränität erhalten hat und die DDR jetzt in der Lage ist, mit allen Staaten selbstständig Verträge abzuschließen. In diesem Zusammenhang wird auch gesagt, die Bundesrepublik wird nicht mehr umhinkommen die DDR anzuerkennen und es werden Verhandlungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik erfolgen müssen, die uns der Einheit Deutschlands näherbringen, da die Bundesrepublik jetzt gezwungen ist, sich mit Vertretern der Regierung der DDR an einen Tisch zu setzen.
Ein Meister der Zentralwerkstatt des EKS3 [Bezirk] Frankfurt/Oder: »An den Verhandlungen kann man erkennen, dass die SU immer gewillt ist unsere Interessen zu vertreten. Der Vertrag ist ein Beweis, dass wir jetzt unsere Geschicke selbst in die Hände nehmen müssen.«
Einige Arbeiter von der Grube Beuna,4 [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, äußerten: »Die Konferenz war ein großer Erfolg für einen Friedensvertrag und die Einheit Deutschlands.5 Die westlichen Vertreter werden nun gezwungen, die DDR als einen souveränen Staat anzuerkennen.«
Ein Arbeiter vom VEB Papierfabrik Greiz, [Bezirk] Gera: »Durch den Vertrag, der jetzt zwischen der SU und der DDR abgeschlossen worden ist, hat die DDR die volle Souveränität erhalten. Durch diesen Vertrag eröffnen sich für uns sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch ungeahnte Möglichkeiten. Die DDR ist jetzt in der Lage mit allen Staaten selbstständige Verträge abzuschließen.«
In den positiven Diskussionen bringt man auch zum Ausdruck, dass es richtig ist, dass die sowjetischen Truppen bis zum Abzug der westlichen Truppen in Westdeutschland noch in der DDR verbleiben.6 Wobei allerdings darüber auch in negativem Sinne diskutiert wird.
Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Wollen- und Seidenweberei Elsterberg, [Bezirk] Gera: »Ich bin der Meinung, dass der Verbleib der sowjetischen Truppen auf dem Gebiet der DDR richtig ist, da die Westmächte ebenfalls ihre Truppen noch in Deutschland stationiert haben. Die Westmächte warten doch nur auf eine solche Gelegenheit, um dann besser ihre aggressiven Ziele verfolgen zu können.«
Obgleich die Beschlüsse der Volkskammertagung vom 26.9.19557 unter den Arbeitern noch nicht bekannt waren, trat schon häufig, im Zusammenhang mit den Diskussionen über den Vertrag, die Meinung auf, dass jetzt im verstärkten Maße Nationale Streitkräfte aufgestellt werden. Vereinzelt rechnete man mit der Einführung der Wehrpflicht.
Ein TAN-Sachbearbeiter vom Kaliwerk »Glückauf« Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, äußerte z. B.: »Nach dem Vertrag in Moskau wird wohl in der DDR wieder der Barrasstiefel8 marschieren.«
Im VEB Werkzeugmaschinenwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera, und im Ernst-Thälmann-Werk Magdeburg9 rechnete man mit der Einführung der Wehrpflicht.
In den negativen Diskussionen zu den Moskauer Verhandlungen und zum Vertrag, die nur vereinzelt sind, wird zum Ausdruck gebracht, der Staatsvertrag vertiefe die Spaltung Deutschlands.
Weiter diskutiert man über den Verbleib der sowjetischen Truppen in der Form, »was haben die Russen bei uns noch hier zu suchen«. Andere wieder sagen, die SU sollte den Anfang machen und die Truppen abziehen, dann würden auch die Westmächte ihre Truppen abziehen.
Diese Diskussionen werden meist von Angestellten, weniger von Arbeitern, geführt, die gegenüber der DDR feindlich eingestellt sind.
So äußerte z. B. eine Angestellte des Martin-Hoop-Werkes Zwickau,10 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Der Staatsvertrag bringt für das deutsche Volk keine besonderen Vorteile und kann niemals der Einigung unseres Vaterlandes dienen. Durch den Abschluss dieses Vertrages wird die Spaltung des deutschen Volkes nur noch vertieft.«
Im Karl-Marx-Werk Magdeburg11 vertreten ebenfalls einige Jung-Ingenieure die Meinung, dass durch den Staatsvertrag die Spaltung Deutschlands noch vertieft wird.
Ein Arbeiter vom VEB Kunstfaserwerk »W. Pieck« Rudolstadt, [Bezirk] Gera: »Was haben die Russen noch hier bei uns zu suchen? Wie kommt die Regierung der DDR dazu, den Verbleib der Truppen zu genehmigen. Dazu hat die Regierung gar kein Recht, aber sie machen ja was sie wollen.«
Ein Mechaniker vom Observatorium Lindenberg, [Kreis] Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ist der Meinung, »dass es unbedingt notwendig wäre, die sowjetischen Truppen aus Deutschland abzuziehen, da es dann die Westmächte auch tun würden. Die SU könnte doch den Anfang machen.«
Über die Kriegsgefangenenfrage12 wird noch immer in negativer Form diskutiert, wobei die bereits bekannten Argumente angeführt werden.
Das Gleiche trifft für den Brief des Präsidenten Wilhelm Pieck13 an Genossen Woroschilow14 zu.15
Freistellung der Betriebsbelegschaften zum Empfang der Regierungsdelegation16
Unter einem Teil der Arbeiter der Berliner Betriebe herrschte im Zusammenhang mit der Rückkehr unserer Regierungsdelegation aus Moskau Unzufriedenheit über die lange Wartezeit, wodurch Produktions- und Arbeitsablauf gehemmt wurden. (Viele Betriebe waren schon seit 13.00 Uhr auf der Straße.) Sie waren der Meinung, dass die Freistellung von Betriebsarbeitern zu umfangreich war und vertraten die Ansicht, dass kleine Delegationen den gleichen Zweck erfüllt hätten. In Bezug auf die Rentabilität und des Wettbewerbssystems meinten sie, dass dies unvereinbar mit dem Kostenaufwand bei solchen Anlässen wäre. Sonst würde auf allen Gebieten gespart, doch hierbei spielte das Geld keine Rolle.
Arbeiter aus dem VEB Kabelwerk Köpenick erklärten, dass von dem Geld, was hier und schon bei anderen Anlässen ausgegeben wurde, bequem eine Preissenkung hätte durchgeführt werden können.
Ein Genosse aus dem VEB Kabelwerk Oberspree bezeichnete es als einen Widerspruch, dass auf der einen Seite von der Rentabilität der Betriebe gesprochen wird, auf der anderen Seite der Betrieb einen halben Tag stillsteht. An die dabei vergeudeten Gelder denkt keiner. Es wäre besser gewesen, nur je eine Betriebsdelegation zum Empfang zu schicken.
Die gleiche Meinung vertraten verschiedene Genossen und parteilose Kollegen des Kabelwerkes.
In diesem Betrieb war angeordnet, das Fabriktor bis Schluss des Empfangs geschlossen zu halten. Es war vorgesehen, dass die Arbeiter der 2. Schicht, die um 14.30 Uhr beginnt, an der Begrüßung teilnehmen. Ein großer Teil der Arbeiter beteiligte sich nicht, sondern ging in die umliegenden Lokale und kam später, zum Teil im angetrunkenen Zustand, ins Werk.
Die Arbeiter vom Vergaserwerk, die an der Möllendorfstraße17 warteten, waren der Meinung, dass es sich die DDR noch nicht leisten könne, so einen Arbeitsausfall auf sich zu nehmen. Es wäre doch überhaupt unvereinbar, dass man die Belegschaft so lange von der Produktion wegnimmt, und auf der anderen Seite führt man das »Wilhelm-Pieck-Aufgebot«18 durch.
Ein Arbeiter, der in seinen Arbeitssachen genau wie viele andere an der Straße stand, sagte: »Das ist doch Unsinn. Im »Wilhelm-Pieck-Aufgebot« wird uns jede Stunde vorgerechnet und jetzt stehe ich hier schon über zwei Stunden und warte.«
Trotzdem die größten Versorgungsschwierigkeiten etwas behoben sind, werden unter den Arbeitern darüber noch immer negative Diskussionen geführt. Dabei bringt man oft zum Ausdruck, dass unsere Regierung das Versprechen, die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern, nicht einhalten würde.
So z. B. diskutiert man im Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg: »Wo bleibt Ulbrichts19 versprochener Lebensstandard, dass es 1955 besser werden wird wie nie zuvor.20 Gearbeitet haben wir genug, nun wollen wir auch langsam den Erfolg sehen.«
In diesem Zusammenhang werden oft Vergleiche mit Westdeutschland gezogen, wobei man sagt, die Lebenslage in Westdeutschland sei besser und wenn wir die Einheit Deutschlands nach unseren Vorschlägen erreichen wollen, müsse die Lebenslage in der DDR der in Westdeutschland gleichgestellt sein.
Diese Gespräche traten in den Mercedes-Werken in Zella-Mehlis,21 [Bezirk] Suhl, Abt. Stanzerei häufig auf.
Teilweise äußern auch die Arbeiter, dass sie nicht verstehen können, wieso zeitweise größere Schwierigkeiten in der Versorgung eintreten.
So äußerte z. B. ein Dreher aus dem VEB Pumpenwerk Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg: »Bei uns in der DDR, und besonders hier in Oschersleben, sind die Zustände in der Versorgungslage unverständlich. Wenn die Arbeiter hier streiken könnten, käme man wahrscheinlich aus dem Streik gar nicht mehr heraus.«
Vereinzelt zeigt sich auch, dass Arbeiter die Beteiligung an Solidaritätsspenden für die Streikenden in Westdeutschland22 ablehnen und es damit begründen, »in Westdeutschland bekommen die Arbeiter alles zu kaufen, wir haben nicht einmal Kartoffeln«.
Diese Meinungen traten z. B. im Eisenwerk Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, in der Abt. Putzerei auf, und nur zwei Kollegen von 130 beteiligten sich an der Spendenaktion.
Verschiedentlich wird auch geäußert, wie z. B. im BKW »Frieden« [Kreis] Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, dass unsere Regierung nie die Arbeiter hinter sich bekomme, solange die Preise so hoch sind und der Arbeiter für sein Geld nur das Notwendigste kaufen könne.
Andere wieder sagen, die Regierung sei über die wirkliche schlechte Stimmung unter den Massen nicht informiert, da zu viel rosig gefärbte Berichte nach oben gegeben würden.
Einen breiteren Raum in den Diskussionen nehmen die betrieblichen Fragen ein, so z. B. die Prämienzahlung, Lohn- und Normenfragen. Durch die Auszahlung der Quartalsprämien23 in verschiedenen Betrieben wird immer wieder Unzufriedenheit unter einem Teil der Produktionsarbeiter hervorgerufen, indem die Arbeiter mit der Höhe der Prämien, welche an die leitenden Angestellten ausgezahlt werden, nicht einverstanden sind. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass die Arbeiter erst die Voraussetzungen zur Erfüllung der Pläne schaffen und die Intelligenz und die Angestellten stecken dann die Prämien ein.
So herrscht z. B. im VEB Blankschrauben Jüterbog,24 [Bezirk] Potsdam, darüber große Unzufriedenheit, dass die Prämien nur hauptsächlich an Angestellte verteilt wurden. Produktionsarbeiter erhielten nur Prämien in Höhe von 3,00 DM bis 50,00 DM.
Die Arbeiter diskutieren in der Form, dass sie nicht verstehen können, dass unsere Regierung eine solche Anordnung erlässt.
Die Arbeiter sind der Meinung, dass bei Planerfüllung unter allen Arbeitern, je nach Leistung, die Gelder aufgeteilt werden sollten.
Im VEB Drahtziehmaschinenwerk in Gruna, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, herrscht diesbezüglich ebenfalls große Unzufriedenheit. Ein Kollege äußerte: »Wenn hier einer wäre, der die Sache in die Hand nehmen würde, dann würde in einer Stunde der gesamte Betrieb ruhen. Wenn wir diesen Aushang über die Prämien nach Westdeutschland schicken, werden sie bestimmt für die Einheit kämpfen.«
Die Genossen der Parteileitung wurden zynisch gefragt, »was sagt die Partei dazu, ist dies ein weiterer Schritt vorwärts zum Sozialismus?«.
In den VEB Emaillierwerk Geithain, [Bezirk] Leipzig, Stahlwerk Riesa, [Bezirk] Dresden, Braunkohlenwerk Zipsendorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, herrscht über die Auszahlung der Quartalsprämien ebenfalls Unzufriedenheit.
In einigen Betrieben gibt es Unstimmigkeiten wegen der Entlohnung, die einmal durch Änderung der Stellenpläne, wodurch Rückstufungen erforderlich sind, hervorgerufen werden. Zum anderen ist zu verzeichnen, dass Arbeiter in andere Produktionszweige umwechseln, wenn ihre Lohnforderungen nicht erfüllt werden, was sich negativ auf die einzelnen Betriebe auswirkt. Andere wieder sind mit der Regelung des Prämienzeitlohnes25 nicht einverstanden.
So sind z. B. im Steinkohlenwerk »Martin Hoop« Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, die Schießer und Rohrer verärgert, dass sie jetzt im Prämienzeitlohn entlohnt werden. Sie betrachten diese Neuregelung als Lohnherabsetzung. Zwei Schießer äußerten: »Wenn die Werkleitung ihre Anordnung durchführt, sind wir aufgrund des niedrigen Verdienstes gezwungen, unsere Arbeitsstelle zu wechseln, was sich jedoch nicht positiv auf die Planerfüllung des Werkes auswirken wird.«
Im Werkzeugmaschinenbau Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, herrscht unter den Kollegen der Gießerei und der Hofkolonne eine Missstimmung bezüglich der Entlohnung. Sie sind mit ihrem Stundenlohn in Höhe von DM 1,15 nicht zufrieden. In Diskussionen äußern sie, dass sie mit diesem Geld nicht bestehen könnten. Die schlechte Stimmung dieser Kollegen drückt sich besonders an der mangelnden Beteiligung bei Versammlungen und Spendensammlungen aus.
Unter den Meistern in den technischen Betrieben der Farbenfabrik Wolfen, Kreis Bitterfeld, [Bezirk] Halle, herrscht Unzufriedenheit, dass sie in die Lohngruppen 3 eingestuft sind, wogegen die Brigadiere, welche nicht die hohe Verantwortung tragen, nach der Lohngruppe 3 entlohnt werden. Die Meister diskutieren in der Form, »da können wir lieber unsere Funktion als Meister abgeben und als Brigadier arbeiten«. (Solche Meinungen werden häufig bei den Meistern in den VEB festgestellt.)
Im VEB Brauerei Bad Köstritz, [Bezirk] Gera, ist die Belegschaft mit dem neu genehmigten Stellenplan vom zuständigen Ministerium nicht einverstanden, da viele Rückstufungen vorgenommen werden müssen. In diesem Zusammenhang diskutiert man, »in Westdeutschland wird gestreikt, weil die Löhne herabgesetzt werden, und hier?«.
Unter den Bauarbeitern des Kreises Gera herrscht ebenfalls Unzufriedenheit. Diese sind mit der bestehenden Lohnstufe nicht einverstanden.
Der Neufestsetzung der Normen26 steht noch ein Teil der Werktätigen skeptisch gegenüber. Dies zeigt sich immer wieder in den Betrieben, wo die Normen überprüft werden sollen, dass dort negative Diskussionen auftreten, die Arbeiter sich damit nicht einverstanden erklären und diese Maßnahme als Lohnabbau betrachten. Ganz vereinzelt gibt es Beispiele, wo die Arbeit niedergelegt bzw. damit gedroht wird, weil man mit der neuen Norm nicht einverstanden ist.
Auch ist oft zu verzeichnen, dass die Arbeiter sich auf keine Diskussionen mit dem TAN-Bearbeiter27 einlassen und von vornherein die Neufestsetzung der Normen ablehnen.
Gerade bei der Normenfrage muss man feststellen, dass die feindlichen Elemente großen Einfluss haben. So kommt es nicht selten vor, dass Arbeiter erklären, wenn neue Normen festgesetzt werden, wollen sie nach Westdeutschland gehen.
In einigen Betrieben, wo neue Normen eingeführt wurden, wirkt sich dies auf die politische Arbeit aus, wie z. B. schlechter Besuch bei Versammlungen und Ablehnung der Beitragszahlung für den FDGB.
Teilweise macht sich in solchen Betrieben, wo neue Normen eingeführt werden, eine starke Fluktuation von Arbeitskräften bemerkbar.
So z. B. wird im VEB Bremsenwerk Limbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, von den verantwortlichen Stellen versucht, die Normen, die teilweise mit 230 bis 250 % erfüllt werden, zu ändern. Die qualifizierten Arbeiter, um die es sich in der Hauptsache handelt, bringen zum Ausdruck, dass sie auf keinen Fall auf eine Erhöhung ihrer bestehenden Normen eingehen, lieber wollen sie den Betrieb verlassen. Sie stehen auf dem Standpunkt, dass eine Erhöhung der Normen auf Kosten ihrer »Knochen« gehe.
In der Sägerei der Neptunwerft Rostock sollte die Norm erhöht werden. Fast alle Arbeiter erklärten, dass sie unter diesen Umständen nach Westdeutschland gehen würden.
Im VEB Tewa Breitungen,28 [Bezirk] Suhl, wird ablehnend über die Einführung der TAN diskutiert, die Kollegen stehen auf dem Standpunkt, dass sie dadurch weniger verdienen. Auch Genossen unserer Partei sind dieser Meinung.
Ähnlich ist es im VEB Teerverarbeitungswerk Rositz, nur treten dort die Genossen nicht negativ in Erscheinung.
Im RAW Kirchmöser, [Bezirk] Magdeburg, im RFT-Werk Olbersdorf, [Kreis] Zittau, im VEB Zinnerz Altenberg, [Kreis] Dippoldiswalde, und im VEB Elektrokohle Berlin tritt unter den Arbeitern eine Fluktuation ein, die auf die Normenveränderung zurückzuführen ist.
Im VEB »Turmalin« Strumpffabrik Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, legten am 8.9.1955 acht Arbeiterinnen eine Stunde die Arbeit nieder wegen der Neueinführung von Normen.
Im VEB Feinstrumpfwerk Sachsenring in Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde von einigen Arbeitern geäußert: »Wenn wir mit diesen neuen Normen arbeiten sollen, dann werden wir die Arbeit niederlegen.«
Im Schlachthof Dessau waren Kollegen von Halle im Betrieb, um eine Arbeitsstudie wegen Erhöhung der Normen durchzuführen. Die Kollegen lehnten dieses ab und wollten, wenn diese den Betrieb nicht verlassen, die Arbeit niederlegen. Die Arbeitsstudie konnte deshalb nicht vorgenommen werden.
In anderen Schlachthöfen ist für einen bestimmten Arbeitsgang eine Zeit von 48 Minuten festgelegt, während man im Dessauer Schlachthof für die gleiche Arbeit 74 Minuten benötigt.
Im VEB Schleenhain,29 [Kreis] Borna, – Tagebau Leipzig zahlt ein großer Teil der Arbeiter, besonders E-Lokfahrer, keinen Gewerkschaftsbeitrag mehr. Als Ursache wird die Neueinführung der Normen angegeben.
Breite Diskussionen der Unzufriedenheit werden bei den Eisenbahnern darüber geführt, dass keine Freifahrtscheine mehr nach Westdeutschland ausgegeben werden.
Die Argumentation durch die Partei und Gewerkschaft ist nicht einheitlich und die Handhabung der durch das Ministerium für Verkehrswesen herausgegebenen Richtlinien30 sehr unterschiedlich, indem einzelnen Gruppen Zugeständnisse gemacht werden und hierdurch Unzufriedenheit hervorgerufen wird.
Dies ist z. B. im RAW Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, und im RAW Meiningen, [Bezirk] Suhl, der Fall.
Auch über die neue Dienstzeitordnung31 – besonders wegen der Ablösung an Sonntagen um 10.00 Uhr, sind noch Diskussionen im Gange und es gibt, wie z. B. im Reichsbahndirektionsbezirk Cottbus, solche Erscheinungen, dass auf dem Bahnhof Borkau am Sonntag, den 14.8.1955, von 45 Betriebseisenbahnern 38 ihren Dienst nach der alten Ablösezeit angetreten haben.
Im Bezirk Gera wurde durch die örtliche Arbeitsaufsichtsbehörde die neue Dienstzeitregelung der Eisenbahn nicht anerkannt. Durch diese Tatsache wurde der negativen Diskussion in diesem Raum weiterer Auftrieb gegeben.
Andererseits muss hierbei festgestellt werden, dass die Eisenbahn ihrer Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Eisenbahner auch rechtzeitig nach Hause kommen, in vielen Fällen nicht nachgekommen ist.
In den letzten Tagen macht sich im gesamten Republikmaßstab eine Diskussion über die Überstundenbezahlung bemerkbar.
Die Lokomotiv- und Zugpersonale bestehen jetzt darauf, dass sie, falls sie fünf Minuten über ihre Zeit arbeiten müssen, was häufig durch Rangierbewegungen vorkommt, die volle halbe Stunde, oder ab 31 Minuten, die volle Stunde bezahlt haben wollen.
Die Diskussionen sind deshalb besonders zu beachten, da diese Forderungen bisher nie gestellt wurden.
Besondere Beachtung verdienen noch die unterschiedlichen Lohn- und Gehalts-Verhältnisse gegenüber der Bundesbahn und die Pensionsfrage unter den Eisenbahnern, die immer wieder zum Gegenstand breiter Diskussionen führen und zum Teil vom Klassengegner ausgenutzt werden, um die Eisenbahner im negativen Sinne zu beeinflussen.
Der Einfluss der Partei und Gewerkschaft bei der Eisenbahn hat, bis auf geringe Ausnahmen, bei der Aufklärung der Beschäftigten merklich nachgelassen und führt bei bestimmten Auseinandersetzungen bis zum Zurückweichen einzelner Mitglieder der SED vor feindlichen Argumenten.
Arbeitsniederlegung im Berliner Bauhof,32 Inhaber Rosemeyer33
Vor 14 Tagen und am 22.9.1955 haben die Arbeiter der Baustelle Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft Berlin-Niederschönhausen, Güllweg, die Arbeit niedergelegt, weil der Arbeitgeber, Berliner Bauhof, Inhaber Rosemeyer, keinen Lohn gezahlt hat.
Nach einer Abschlagszahlung verlieb noch eine Lohnforderung von 3 000 DM für ca. zehn Arbeiter.
Eine Überprüfung ergab, dass die veranschlagten Gelder für die Bauvorhaben weit überschritten wurden und u. a. Steuerschulden in Höhe von 163 000 DM bestehen.
Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft Pankow wurde Rosemeyer verhaftet. Die Liquidation des Betriebes ist vorgesehen.34
An betrieblichen Mängeln und Schwierigkeiten wurde uns in dieser Berichtsperiode u. a. Nachstehendes bekannt:
Im VEB Fema35 [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, war das Projektierungsbüro in Halle für den Bau eines Ofengebäudes verantwortlich. Das Werk ist das einzige in der DDR, wo Wannensteine hergestellt werden.
Bis 31.3.1955 war das Werk dem Ministerium für Aufbau HV Baustoffindustrie Berlin unterstellt. Ab 1.4.1955 wurde das Werk dem Ministerium für Schwerindustrie unterstellt und somit das zuständige Projektierungsbüro in Meißen mit weiteren Aufgaben betraut. Dort stellte man fest, dass von Halle eine Fehlprojektierung vorliegt, denn ein Verbundofen mit vier Kammern ist keinesfalls rentabel und entspricht nicht den Arbeitsschutzbestimmungen.
Nachdem nun das Gebäude fasst steht, geht man dazu über, eine fünfte Kammer einzubauen, obwohl ein Ofen mit fünf Kammern ebenfalls noch nicht das gegebene ist. Um richtig rentabel arbeiten zu können, müsste das gesamte Gebäude verändert werden. Unter der Belegschaft wird die Meinung vertreten, dass vonseiten des Projektierungsbüros in Halle und dem Ministerium für Aufbau Sabotage vorliegt.
Im VEB Waggonbau Görlitz, [Bezirk] Dresden, traten bei der Konstruktion der China-Salonzüge36 größere Schwierigkeiten auf, da der VEB Gaselan – Berlin die Unterlagen dafür nicht in dem Maße anlieferte, wie es das Fortschreiten der Arbeit im Waggonbau erfordert. Als Grund dieser Säumigkeit wird von dem VEB Gaselan angeführt, dass es an Konstrukteuren mangelt. Die Einstellung von diesen Konstrukteuren sei insofern schwierig, da für Berlin Zuzugsperre37 besteht. Der Vorschlag eines Kollegen aus dem VEB Waggonbau Görlitz, eine Konstruktionsabteilung nach Görlitz oder Fürstenberg zu verlegen, wurde bis heute nicht beachtet.
Im VEB Feinoptik Görlitz, [Bezirk] Dresden, treten zurzeit größere Schwierigkeiten in der Linsenherstellung auf, und zwar bekommen die Linsen, nachdem sie poliert wurden, nach einer gewissen Zeit Flecke. Diese Flecke lassen sich nur beseitigen, wenn die Linsen ein zweites Mal poliert werden. Die durchgeführten Untersuchungen im Betrieb brachten keine Klärung der Angelegenheit. Besonders erschwert werden die Untersuchungen dadurch, dass eine ganze Reihe von Faktoren, wie die Luftfeuchtigkeit der Arbeitsräume und die verschiedenartige Zusammensetzung der Schleifposten, mitspielen. Nach Angaben des technischen Leiters entsteht durch diesen Zustand dem Betrieb ein Schaden von 40 000 DM.
Materialmangel wurde aus folgenden Betrieben bekannt:
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Messgerätewerk Zwönitz,38 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Motore für die Magnettongeräte),
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VEB Fortschritt Bischofswerda,39 [Bezirk] Dresden (12er Rundstahl),
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VEB Berggold Pößneck,40 [Bezirk] Gera (Verpackungsmaterial),
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VEB Klingenthaler Harmonikawerke [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Zelluloid),
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Vereinigte Hutwerke Cottbus (Kaninchenhaare),
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VEB (K) Bau Delitzsch, [Bezirk] Leipzig (Rundeisen, Holz und Zement),
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Wismut-Objekt 941 Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Eisenblech),
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Dampfkesselbau Hohenthurm, [Bezirk] Halle (50 t Rohre-Exportauftrag für China gefährdet),
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Chemische Werke Buna, [Bezirk] Halle (10 × 35 mm, 12 × 35 mm Schrauben),
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VEB Riosana Oelsnitz,42 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Stahlstäbchen),
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Kreisbaubetrieb Langensalza, [Bezirk] Erfurt (Zement),
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VEB Zellwolle Wittenberge, [Bezirk] Schwerin (Stroh).
Produktionsstörungen
In dieser Berichtszeit kam es in den Braunkohlenbetrieben der Kreise Borna, Altenburg, [Bezirk] Leipzig, und Aschersleben, [Bezirk] Halle, zu Produktionsstörungen mit einem Produktionsausfall von insgesamt 21 480 cbm Abraum, 3 300 t Rohkohle, 25 t Brikett, 1 500 t Koks. Ursachen: Turbinenschaden, Ausfall eines Ofens, Ausfall von Bagger[n] und Bruch der Becherwellen.
Im Eisenhüttenwerk Thale, [Kreis] Quedlinburg, [Bezirk] Halle, geriet am 23.9.[1955], um 13.50 Uhr, der Transformator 6 000 Volt und die Schalterführung im Schalterhaus in Brand. Vermutliche Ursache ist Erdschluss. Der Ausfall an fertigen Blechen beträgt ca. 100 t.
Im Kaliwerk »Freundschaft« in Schierstedt, Kreis Aschersleben, [Bezirk] Halle, wurde von Vertretern der HV Bergbau und der Kontroll-Inspektion festgestellt, dass durch den Einbruch von ca. 5 000 qm die Flucht und Förderstrecke abgeschnitten ist. Die Rentabilität ist in dem Restteil der Grube nicht gewährleistet. Die Belegschaft wird in anderen Bergbaubetrieben untergebracht.
Am 25.9.1955 fiel im VEB Harzer-Werk Blankenburg, [Bezirk] Magdeburg (Kreis Wernigerode), der Haupttransformator aus. Die Abt. Sondergussformerei, Kernmacherei, Putzerei, Kesselbau, Radbau und Maschinenwerkstatt konnten von 12.50 Uhr bis 21.00 Uhr ihre Arbeit nicht durchführen. Ursache: Kurzschluss im Haupt-Transformator. Der Gesamtproduktionsausfall beträgt ca. 34 000 DM.
Feindtätigkeit
Am 17.9.1955 wurde im VEB Chemische Maschinenbauwerke Rudisleben, [Kreis] Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, auf einem Bilde Lenins43 auf der Stirn ein Hakenkreuz mit Tintenstift angebracht.
In der Nacht vom 17. zum 18.9.1955 wurden im gleichen Betrieb in die Ölwanne des Getriebes von einem Horch-Lkw44 zwei Stifte durch den Einfüllstutzen gesteckt. Nach einer Fahrt ca. einem km geriet ein Stift zwischen die Zahnräder und durchschlug die Ölwanne.
Am 22.9.1955 wurden im gleichen Betrieb beim Abmontieren eines Ansaugrohres zum Kompressor einer Stickstoff-Sauerstoff-Anlage (Export für Polen) festgestellt, dass dort eine größere Menge Isoliermasse für Heizrohre in dickflüssigem Zustand eingegossen wurde. Wenn dies nicht rechtzeitig bemerkt worden wäre, dann wären beim Anlaufen zwangsläufig mehrere Teile zu Bruch gegangen.
Am 22.9.1955 wurde im VEB Sternradio Sonneberg, [Bezirk] Suhl, auf das Plakat des Staatsvertrages der Text aus einer Broschüre »schickt die Teufel zu den Teufeln« quer aufgeklebt.
Im Verwaltungsgebäude des VEB Werkzeug-Union Steinbach-Hallenberg, [Kreis] Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wurde von bisher unbekannten Tätern ein Hakenkreuz und SS-Zeichen mit Kopierstift angeschmiert.
In der Braunkohlengrube Bocka, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wurde von unbekannten Tätern eine Stellungnahme des Genossen Zorn45 über das provokatorische Auftreten Adenauers in Moskau sowie die Aufforderung der Brigade Zorn am »Wilhelm-Pieck-Aufgebot«46 teilzunehmen, von der Wandzeitung heruntergerissen.
Versorgung der Bevölkerung
Hinsichtlich der Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln für den laufenden Bezug treten keine Schwierigkeiten mehr auf. Auch die Einkellerungsaktion läuft bereits in einigen Bezirken an.
Hierzu gibt es jedoch unter der Bevölkerung wegen der Qualität der Einkellerungskartoffeln, die zum Teil nicht ausgereift sind, negative Diskussionen.
So wurde z. B. in Potsdam von der Bevölkerung Klage darüber geführt, dass die Einkellerungskartoffeln nicht ausgereift sind und fast alle nur einen Durchmesser von drei bis vier cm haben.
Das ist auch in Beelitz, Kreis Potsdam, der Fall. Die Kartoffeln wurden aber dann nicht zur Einkellerung, sondern zum sofortigen Verbrauch freigegeben.
Ebenso bestehen im Kreisgebiet Naumburg, [Bezirk] Halle, Schwierigkeiten. Die aufgelegte Planzahl an Kartoffeln, die in andere Kreise auszuführen sind, wird nicht erreicht.
Die VEAB weigert sich vom Erzeuger Kartoffeln abzunehmen, da diese unreif gerodet werden und für die Wintereinkellerung nicht geeignet sind.
Aus den Bezirken Leipzig, Cottbus, Karl-Marx-Stadt, Neubrandenburg und Gera wird ein Mangel an pflanzlichen und tierischen Fetten berichtet, der sich besonders stark in den ländlichen Gemeinden bemerkbar macht. Es fehlt vor allem an HO-Margarine,47 HO-Butter und Speiseöl.
Zum Beispiel wird aus den Kreisen Altenburg und Wurzen, [Bezirk] Leipzig, bekannt, dass in fast allen Dörfern dieser Kreise keine HO-Margarine mehr vorhanden ist.
Im Kreis Eilenburg werden bis zum Anschluss an das IV. Quartal insgesamt noch 5 t Margarine benötigt.
In der Gemeinde Beilroda, [Kreis] Torgau, [Bezirk] Leipzig, wurden vom 14. bis 24.9.1955 nur 210 kg Margarine und überhaupt kein Speiseöl angeliefert.
Schwierigkeiten bezüglich der Fleischversorgung werden aus den Bezirken Cottbus, Potsdam, Dresden und Suhl berichtet.
Die Ursachen dafür sind weiterhin auf den schlechten Ankauf der Aufkauforgane zurückzuführen.
Besonders schwierig ist die Versorgung in Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wo für die kommende Woche der Auftrieb nicht im Kreis verbleibt, sondern für den Bezirk Karl-Marx-Stadt abverfügt wird. Dadurch kann die Versorgung nur aus Importen erfolgen, wo aber der Zeitpunkt des Eintreffens der Waggons noch nicht bekannt ist. In den Kühlhäusern sind keine Vorräte vorhanden.
In Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, mussten am 24.9.1955 mittags die Fleisch-Verkaufsstellen geschlossen werden, da keine Waren mehr vorhanden gewesen sind.
Auch in den Kreisen Finsterwalde und Jessen, [Bezirk] Cottbus, musste für einige Tage der Verkauf an HO-Fleisch gesperrt werden.
Es bestehen auch Schwierigkeiten in der Versorgung mit HO-Eiern, wie z. B. in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden. Die Versorgungsschwierigkeiten rufen weiterhin unter der Bevölkerung Unzufriedenheit hervor. Dabei sind besonders die wiederum auftauchenden Schwierigkeiten in der Fleisch- und Fettversorgung Anlass zu diesen Diskussionen. Es wird erklärt, dass man nicht verstehen kann, warum gerade jetzt wieder solche erheblichen Schwierigkeiten in der Versorgung mit Margarine und HO-Fleischwaren auftauchen. Zehn Jahre nach Kriegsende dürfte es so etwas nicht geben.
Besonders unter der Landbevölkerung werden darüber auch Diskussionen geführt, wobei immer wieder gesagt wird, dass es unverständlich sei, warum gerade die Landgemeinden so schlecht beliefert werden. Es würde doch nicht an diesen Waren mangeln, da es doch in der Stadt und auch in den anderen Kreisen genug davon gäbe.
Außerdem wird erklärt, dass das bald nicht mehr so weitergehen könne, denn die Bevölkerung würde durch solche Zustände verärgert und außerdem gegen die Regierung aufgebracht.
Einige Hausfrauen aus Wintersdorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, sagten z. B.: »Wir können nicht verstehen, dass es im Konsum und in der HO auf den Dörfern keine Margarine gibt. In der Stadt dagegen gibt es immer welche. Nach unserer Meinung kann das nur an einer schlechten Warenstreuung durch die Handelsorgane liegen.«
Eine Hausfrau aus Lossa, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Ich kann nicht verstehen, dass es bei uns keine Margarine gibt und in anderen Kreisen, ich weiß es genau, genügend vorhanden ist. Wenn das so weitergeht, dass man wegen einem Pfund Margarine stundenlang anstehen muss und noch nicht einmal welche bekommt, dann hat die Regierung die Bevölkerung nicht hinter sich. Die Bevölkerung wird immer nur verärgert.«
Am 23.9.1955 wurde im Konsum-Zentrallager48 in Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, durch bisher unbekannte Täter an der Anschlagtafel des Betriebes ein Zeitungsausschnitt aus einer westdeutschen Zeitung angeheftet, in welchem über die Verhandlungen unserer Regierungsdelegation in Moskau gehetzt wurde.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die Diskussionen über den Staatsvertrag zwischen der SU und der DDR haben durch Erntearbeiten wieder etwas nachgelassen. Es wird im sozialistischen Sektor weiterhin vorwiegend positiv diskutiert und zum Ausdruck gebracht, dass dieser Vertrag beweise, dass die SU an unserer Seite steht und der Vertrag allgemein zu begrüßen ist. Es wird erklärt, dass dadurch die freundschaftlichen Beziehungen beider Staaten weiter gefestigt wurden. Begrüßt wird auch, dass er die volle Souveränität der DDR gewährleistet.
So äußerte z. B. eine Agronomin der MTS Ebersdorf, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera: »Der in Moskau abgeschlossene Vertrag zwischen der DDR und der SU findet meine vollste Zustimmung. Durch den genannten Vertrag werden die freundschaftlichen Beziehungen beider Staaten weiter gefestigt. Er gewährleistet uns auch vollste Souveränität und trägt entscheidend zur Wiedervereinigung unseres Vaterlandes bei.«
Verschiedentlich werden auch Stimmen laut, die beinhalten, dass der Vertrag bloß Propaganda sei, man erst die Konferenz in Genf abwarten müsste.
So sagte z. B. ein Großbauer49 aus Leisnig,50 [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig: »Der Staatsvertrag ist weiter nichts als Propaganda. Unsere Regierung ist noch nicht vom Volke gewählt, sondern nur von den Russen eingesetzt worden. Sie hat niemals die Vollmacht solche Staatsverträge abzuschließen.«
Auf der MTS Meelow, Kreis Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, wurde diskutiert, man müsste die Außenministerkonferenz in Genf abwarten und hören, was dort zu diesem Vertrag gesagt würde.
Die negativen bzw. feindlichen Diskussionen vorwiegend aus großbäuerlichen Kreisen, und zum Teil auch von Mittelbauern, enthalten die verschiedensten Argumente. Da wird einmal erklärt, die Einheit Deutschlands wäre durch diesen Vertrag weit in den Hintergrund geschoben worden bzw. würde nie zustande kommen, warum die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands nicht an erster Stelle im Staatsvertrag stünde. Bei Abzug der Besatzungstruppen würde die Regierung der DDR davongejagt. Die Regierung der DDR würde sowieso nicht mehr lange bestehen. Außerdem wird auch gerade von Großbauern die Wiedereinführung der freien Wirtschaft gefordert.
Ein Mittelbauer aus Mildenau, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte z. B.: »Ich befürchte, dass durch den abgeschlossenen Vertrag eine verstärkte Entzweiung zwischen Ost- und Westdeutschland erfolgt und damit die Einheit Deutschlands in weite Ferne gerückt ist.«
Der Leiter der VEAB – Außenstelle Semlow, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Warum steht die Wiedervereinigung Deutschlands nicht an erster Stelle des Staatsvertrages. Auch meine Kollegen sprechen darüber und bringen zum Ausdruck, dass das Problem der Wiedervereinigung gar nicht an erster Stelle steht.«
Ein Sekretär der Gemeinde Groß Molzahn, [Kreis] Gadebusch: »Bei einem eventuellen Abzug der ›Russen‹ wird unsere Regierung zum Teufel gejagt und die Bauern sind allen Schikanen, wie Drusch und Ablieferung, enthoben.«
Ein Mittelbauer aus St. Egidien, Kreis Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Der ganze Vertrag ist ja Mist, die sollen uns unsere freie Wirtschaft wiedergeben, dann werden wir auch wieder besser leben.«
Ein Mittelbauer aus Kitzen, [Bezirk] Leipzig: »Ich habe jetzt keine Zeit mich mit Politik zu beschäftigen. Wir müssen jetzt noch schlimmer schuften als vor dem 17.6.1953.51 Ich wünsche mir, dass wieder ein 17.6. kommt.«
Wie schon des Öfteren berichtet, sind eine ganze Reihe Groß- und auch Mittelbauern im Sollrückstand. Diese Kräfte halten zum Teil ihre Pflichtablieferung bewusst mit der Erklärung zurück, noch genügend Zeit bis Ende des Jahres zu haben.52 Vereinzelt wird auch erklärt, zu machen was man will, der Druck der Ablieferung nicht mehr lange zu ertragen sei usw. Vereinzelt wird in diesem Zusammenhang auch gesagt, lieber nach dem Westen zu gehen, als hier in der DDR noch länger mitzumachen.
So diskutierte z. B. ein Teil Bauern in einer Einwohnerversammlung in Neuferchau,53 [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg:54 »Der Druck der Ablieferung ist nicht mehr länger zu ertragen. Wenn das so weitergeht, zerschlagen wir die Möbel und gehen nach dem Westen.«
Ein Mittelbauer aus Thiemendorf,55 [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera: »Wir machen das nicht mehr mit und wenn wir erst Weihnachten mit dreschen fertig werden. Wegen mir könnt ihr euch die ganze Wirtschaft an den Hals hängen, wir gehen lieber ins Zuchthaus.«
Ein Mittelbauer aus dem gleichen Ort: »Dieses Jahr machen wir den Schwindel noch mit, dann schmeißen wir alle hin und machen nach dem Westen. Ich bin im Westen gewesen. Es ist aber dort nicht so wie es hier erzählt wird. Warum wird bei uns nicht die freie Wirtschaft eingeführt? Das ist das was wir brauchen.«
Im Kreis Wurzen, [Bezirk] Leipzig, traten einige Großbauern mit der Forderung auf, dass unsere Regierung aufgrund des Staatsvertrages doch die Sollerfüllung ändern bzw. die Sollrückstände aus dem 1954 streichen soll.
Augenblicklich steht die Rodeaktion im Vordergrund aller landwirtschaftlichen Arbeiten, die auch zum großen Teil durch den Einsatz vieler freiwilliger Erntehelfer56 aus allen Bevölkerungsschichten schnell vonstattengeht.
Trotzdem gibt es einige Fälle, wo die Rodung durch unorganisierten Einsatz der Arbeitskräfte, ungenügende Einsatzfähigkeit der Rodemaschinen, schlechten Abtransport der Kartoffeln usw. gehemmt wird.
So konnten z. B. im Kreis Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, 75 t Kartoffeln nicht verladen werden, weil die hierzu erforderlichen Waggons fehlten.
Die MTS des Kreises Roßlau, [Bezirk] Halle, haben laufend Schwierigkeiten mit den Schatzgräbern,57 die trotz des schönen Wetters dauernd ausfallen.
Am Sonntag, den 18.9.1955 wurde ein Einsatz nach Harmstorf58 bei Bentwisch,59 [Bezirk] Rostock, gestartet. Anstatt Kartoffeln zu roden, mussten die Kollegen Erbsen ziehen, weil die Bauern auf Kartoffelroden nicht vorbereitet waren.
Eine weitere Kolonne, die in Klechowitz,60 [Bezirk] Rostock, zum Einsatz kommen sollte, wurde bei der Ankunft von den Bauern ausgelacht. Sie erklärten, keine Nachricht über den Einsatz von Arbeitskräften erhalten zu haben und sie außerdem am Sonnabend Erntedankfest gefeiert hätten, wovon sie noch heute müde seien. Die Kolonne wurde auf einer LPG zum Flachsziehen eingesetzt.
Viehvergiftung
Am 17.9.1955 sind in der LPG Rathstock, Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, 39 Schafe verendet. Die Untersuchungen ergaben, dass die Tiere an Vergiftungserscheinungen verendet sind. Die Tiere hatten an einem Feld, was mit Schädlingsbekämpfungsmittel »Wofatox«61 bespritzt war, gefressen. Die Gärtner hätten es unterlassen, den Tierpfleger davon in Kenntnis zu setzen.
In der Nacht zum 17.9.1955 sind in der LPG Börtewitz, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, drei Kühe verendet. Ursache: Ebenfalls Vergiftung. Die Magenwände und Schleimhäute der Tiere wurden zerfressen.
In den letzten Tagen wurde bei der LPG »Fritz Kraft« in Latdorf, Kreis Bernburg, [Bezirk] Halle, eine Reihenuntersuchung der Rinder vorgenommen, wobei festgestellt wurde, dass von insgesamt 160 Tieren nur zwölf nicht von Tbc befallen sind.
Am 23.9.1955 mussten in der LPG Trebula, Ortsteil Gimmel, [Kreis] Schmölln,62 [Bezirk] Leipzig, sechs Milchkühe notgeschlachtet werden. Es handelt sich hierbei um Eiweißverfettung.
Kaninchenkrankheit
Im Landkreis Leipzig ist seit einigen Tagen die Myxomatose (Kaninchenkrankheit) ausgebrochen. Insgesamt wurden bisher 15 746 Kaninchen getötet.
Am 16.9.1955 wurden neue Befallstellen in den Gemeinden Zwenkau, Knauthain, Grünau und in Leipzig 05 gemeldet. Überall kam es unter den Kleintierhaltern zu erregten Diskussionen. Sie verstehen nicht die Maßnahmen, dass im Umkreis von 500 Meter von den betroffenen Stellen alle Kaninchen getötet und abgegeben werden müssen.
Am 16.9.1955 wurde von dem Bürgermeister in Zwenkau eine Versammlung einberufen, um die Bevölkerung über die notwendigen Maßnahmen aufzuklären. Es waren ca. 250 Personen erschienen. Von allen wurde abgelehnt, dass ihre Kaninchen getötet werden sollen. Erst nachdem zugesichert wurde, dass am 17.9.1955 nochmals mit den zuständigen Stellen Rücksprache genommen wird, konnte die Versammlung nach drei Stunden beendet werden.
Im Kreis Borna und Torgau, [Bezirk] Leipzig, trat diese Seuche ebenfalls auf, jedoch ist der Umfang bisher nicht so groß. Ebenso wird diese Seuche in dieser Berichtsperiode auch durch den Bezirk Halle gemeldet.
Feindtätigkeit
Am 22.9.1955 wurde bei dem Druschsatz der LPG Harra, [Bezirk] Gera, festgestellt, dass ein Hartholzknüppel zwischen das Schüttlerwerk gelegt war. Ebenfalls war ein größerer Schraubenschlüssel so auf den Druschsatz gelegt, dass er beim Anlassen der Maschine in die Trommel rollte und diese dadurch beschädigt wurde.
In der Tankstelle der MTS-Stützpunkte Rothschönberg, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, war am 22.9.1955 in einem Tank mit 1 500 Dieselkraftstoff Wasser gelaufen. Die Öffnung des Tankes war so gedreht worden, dass aus der Dachrinne das Wasser in den Tank laufen konnte.
Es wurde bekannt, dass das Kabel einer Dreschmaschine der MTS Weißensee, welche in Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, am Rohrborner Weg63 aufgestellt ist, einige Male durchgeschnitten wurde.
Durch den Schweizer von der LPG Stöntzsch, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde am 22.9.1955 festgestellt, dass in den Futtertrögen bei den Kühen ca. 40 Nägel, ca. drei cm lang, im Restfutter verstreut waren.
In der Nacht vom 23. zum 24.9.1955 wurden durch bisher unbekannte Täter an 29 zweijährigen Obstbäumen am Ortsausgang von Witterda, [Bezirk] Erfurt, die Kronen abgebrochen. Geschädigt wurden ein Mittel- und ein Kleinbauer.
Auf der F 87 zwischen den Orten Weißenfels und Lösau, [Bezirk] Halle, wurden weitere acht Kirschbäume abgebrochen. Die Täter sind noch nicht ermittelt.
Zu dem Erntefest der LPG Laaske, Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, hatte die LPG bei einem Fleischermeister aus Putlitz 400 Paar Würstchen herstellen lassen, wozu lebendes Vieh zur Verarbeitung gegeben wurde. Diese konnten nicht gegessen werden, weil sie schlecht waren. Der Fleischer hat wahrscheinlich anderes Fleisch verwendet.
Scheunenbrände brachen in folgenden landwirtschaftlichen Betrieben aus:
Am 20.9.1955, gegen 13.00 Uhr, bei einem Großbauern, SED, in Rusitz, [Bezirk] Gera. Ursache: Ein vierjähriges Kind spielte mit Streichhölzern. Schaden: 10 000 DM.
Am 21.9.1955, gegen 4.00 Uhr, in der LPG »Ernst Thälmann« in Werneuchen, Kreis Bernau, [Bezirk] Frankfurt/Oder. Ursache: Vermutliche Brandstiftung. Schaden: ca. 30 000 DM.
Am 21.9.1955, gegen 11.30 Uhr, bei einem Großbauern in Rosenhagen, Kreis Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg. Ursache: Vermutliche Brandstiftung. Schaden: ca. 40 000 DM.
In der Nacht zum 26.9.1955 bei einem Mittelbauern in Haina, [Kreis] Gotha, [Bezirk] Erfurt. Schaden: 25 000 DM.
Am 23.9.1955 aus unerklärten Gründen bei einem Großbauern in Kefferhausen, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt. Schaden: 20 000 DM.
Im VEG Wendelstein, Kreis Artern, [Bezirk] Halle, durch eine elektrische Leitung im Jungviehstall. Schaden: 15 000 DM.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Ein amerikanisches Flugzeug (Düsenbomber) musste am 23.9.1955, gegen 11.45 Uhr, in Tüngeda,64 [Kreis] Langensalza, [Bezirk] Erfurt, notlanden. Die Besatzung, ein amerikanischer Offizier im Rang eines Kapitäns und ein Zivilist, befinden sich auf der sowjetischen Kommandantur.
In der Zeit vom 18.9. bis 24.9.1955 erkrankten in Pößneck, [Bezirk] Gera, ca. 40 Personen an einer epidemischen Leberentzündung, welche ansteckend ist.
Anlage 1 vom 24. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2487
Produktionsstörungen in der Zeit vom 16.9. bis 22.9.1955
In dieser Berichtszeit kam es in den Braunkohlenbetrieben der Kreise Hohenmölsen, Aschersleben, [Bezirk] Halle, der Kreis Altenburg, Borna, [Bezirk] Leipzig, zu Produktionsstörungen mit einem Produktionsausfall von insgesamt 42 890 cbm Abraum, 2 350 t Rohkohle, 80 t Brikett. Ursachen: Ausfall von Baggern, Motorenschäden und Zugentgleisungen.
Am 19.9.1955 stürzte auf einer Baustelle in Zwickau der dort befindliche Turmdrehkran der Bau-Union Zwickau aus bisher ungeklärter Ursache um. Die Ermittlungen ergaben, dass der Kran, nachdem er die Last gehoben und bereits 35 m gefahren war, bei einer Schwenkung von 90 Grad nach vornüber fiel auf einen dort befindlichen Wohnblock. Dabei wurde der Auslegearm des Kranes völlig zertrümmert und der Unterbau des Kranes zu 80 % zerstört. Der Schaden beträgt ca. 25 000 DM, wovon 90 % auf den Kran entfallen.
Am 17.9.1955 fiel im Stahl- und Walzwerk Brandenburg die Generatorenanlage durch Kurzschluss aus. Die Reparatur dauert voraussichtlich acht Tage, weil der gesamte Anker neu gewickelt werden muss. Durch diesen Schaden kann die Walzstraße nicht voll ausgelastet werden.
Am 20.9.1955, gegen 22.10 Uhr, zerriss im VEB Sodawerk »Fred Oelßner«65 in Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, im Destillationswerk ein Destillationsgaskühler. Die Ursachen hierfür konnten noch nicht festgestellt werden. An den Bruchstellen wurden einige alte Rissstellen mit unterschiedlichen Längen festgestellt. Durch die herausgerissenen Gussteile wurde ein Teil des Zuleitungsrohrsystems zerschmettert. Es entstand ein Schaden in Höhe von 100 000 DM sowie ein Produktionsausfall von ca. 75 t Soda, das sind nochmals 10 000 DM.
Durch diesen Ausfall musste die Produktion auf das alte System eingestellt werden, sodass für weitere sechs Stunden nur eine 50%ige Produktion zu verzeichnen war.
Am 16.9.1955 fiel bis 13.45 Uhr im VEB Guss Torgelow Werk VII Ferdinandshof, [Bezirk] Neubrandenburg, durch eine Explosion im Innern des Kupolofens66 der gesamte Gießprozess aus. Ursache: Vermutliche Gasexplosion in Innern des Kupolofens, welche durch ein Hängenbleiben der gesamten Schüttung hervorgerufen sein kann. Der Ofen wurde am 17.9.1955 wieder in Betrieb genommen. Schaden: 20 Stunden Arbeitsausfall, ein Verlust von 7,5 t Eisen und 7 500 DM.
Anlage 2 vom 27. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2487
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 23.9. bis 26.9.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:67
- –
Rostock 16;
- –
Dresden 6 500: Kreis Meißen 107, Kreis Freital 385;
- –
Neubrandenburg 114;
- –
Potsdam 11 000;
- –
Halle 179;
- –
Leipzig 250;
- –
Erfurt 750;
- –
Gera 2 100;
- –
Karl-Marx-Stadt 343;
- –
Berlin 635.
KgU:68
- –
Rostock einige;
- –
Neubrandenburg einige;
- –
Halle 1 000.
Verschiedener Art:
- –
Gera 6 764.
Tschechische Sprache:
- –
Dresden 14;
- –
Karl-Marx-Stadt 61.
NTS:
- –
Dresden 29,
- –
Gera 3 180;
- –
Potsdam 300: Kreis Potsdam 2 150;
- –
Schwerin 2 000;
- –
Berlin 166.
FDP-Ostbüro:
- –
Potsdam 30;
- –
Halle 2 000.
Unbekannter Herkunft:
- –
Potsdam 1 000: Kreis Königs Wusterhausen 19 000, Kreis Wittstock 10 000, Kreis Nauen 4 000, Kreis Potsdam, 300;
- –
Frankfurt/Oder 4 026;
- –
Suhl 4 000;
- –
Leipzig 540.
Welt und Zeit:69
- –
Halle 200.
ZOPE:70
- –
Halle 500.
Freie Junge Welt:71
- –
Karl-Marx-Stadt 2 031.
Antidemokratische Tätigkeit
Am 25.9.1955 drangen unbekannte Täter in das Gebäude der freiwilligen Feuerwehr in Klein Köris, Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, ein. Es wurden Beschädigungen am Ersatzwagen und an Einsatzspritzen vorgenommen. Weiterhin wurden die Kabel zerschnitten, die Brennstoffleitungen zerstört und ca. 110 Liter Brennstoff, das Ladegerät für Akkumulatoren und ein 20 Meter breiter Schlauch entwendet.