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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

4. November 1955
Informationsdienst Nr. 2493 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie und Verkehr

Die letzten zwei Wochen weisen in den politischen Diskussionen folgende Probleme als Schwerpunkte auf:

  • I.

    Genfer Konferenz der vier Außenminister1

  • II.

    Ergebnis der Saarabstimmung2

  • III.

    Entlassung der ehemaligen Kriegsverurteilten3

Dabei entspricht der Umfang der politischen Diskussionen nicht der Bedeutung der Genfer Konferenz, sondern unter den Arbeitern, Angestellten und Angehörigen der Intelligenz unserer Industrie- und Verkehrsbetriebe überwiegen die Diskussionen über Versorgungsfragen bzw. betriebliche Probleme, sodass davon politische Gespräche überschattet werden.

I. Genfer Konferenz der vier Außenminister

Über die Genfer Konferenz wird in den Industrie- und Verkehrsbetrieben diskutiert, aber die Beteiligung ist nicht so groß wie z. B. bei der Diskussion über die Genfer Konferenz der vier Regierungschefs bzw. über die Einladung Adenauers4 nach Moskau.5

Auch nach Beginn der Konferenz zeigte sich keine Steigerung in den Stellungnahmen. Nur sehr wenig wird zu den Fragen, die an den einzelnen Tagen behandelt wurden, gesprochen, und es ist nicht zu erkennen, dass hierzu eine gute Agitationsarbeit der Parteiorganisationen geleistet wird, um die Werktätigen mit dem Tagungsverlauf bekanntzumachen. (Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl).

Vorwiegend beteiligen sich Arbeiter an den Diskussionen über die Genfer Konferenz. Angestellte und Angehörige der Intelligenz sprechen etwas weniger darüber.

Fortschrittliche Kräfte vertreten in ihren Gesprächen die Politik der SU und der DDR und betonen, dass die Hauptaufgabe in der Erhaltung des Friedens und der Schaffung der kollektiven Sicherheit in Europa besteht und auf dieser Grundlage die Einheit Deutschlands Sache der Deutschen selbst sei.

Diese Auffassung ist allerdings in der Minderheit und bei den anderen Diskussionen zeichnen sich hauptsächlich folgende zwei Linien ab:

Erstens äußert man sich sehr oft pessimistisch und spricht davon, dass die Konferenz ohne Erfolg ausgeht, wobei man das »erfolglos« vor allem auf die Deutschlandfrage anwendet und zweitens ist ersichtlich, dass große Unklarheiten über die Aufgaben der Konferenz in Bezug auf die Deutschlandfrage bestehen.

zu 1.)

Die pessimistischen Stimmen über den Ausgang der Konferenz lassen für den Zweifel an einem Erfolg die verschiedensten Ursachen erkennen. Viele Personen berufen sich auf früher stattgefundene Konferenzen6 und sprechen davon, dass »immer nur getagt wird, aber heraus kommt nichts«. Daran anknüpfend wird oft in gehässiger Form geäußert, dass »nur große Dines« abgehalten werden.

Viele Arbeiter schlussfolgern aufgrund der Politik der Westmächte, dass sich die Sowjetunion mit ihren Vorschlägen nicht durchsetzen könne, die USA die »Politik der Stärke«7 beibehalte und jede Konferenz deshalb kein großes Ergebnis haben könne (VEB Transformatorenwerk »Karl Liebknecht« Berlin, Intelligenz des VEB Eilenburger Zelluloidwerke Eilenburg, [Bezirk] Leipzig).

Vereinzelt wird in dieser Frage offen gegen die SU gehetzt und negative Elemente versuchen die Meinung unter den Kollegen der VEB zu verbreiten, dass aufgrund des Festhaltens der SU an ihren Vorschlägen nie ein positives Ergebnis zu erwarten sei (Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« Rudolstadt, [Bezirk] Gera).

zu 2.)

Die anderen Stellungnahmen zur Genfer Konferenz haben vor allem das Deutschlandproblem zum Mittelpunkt. Meistens wird dabei die Hoffnung ausgesprochen, dass dieses in Genf gelöst wird. Bei den Diskussionen über den Weg zur Lösung der deutschen Frage besteht allerdings die größte Unklarheit und oftmals zeigt sich der westliche Propagandaeinfluss, ohne dass genau aufgezeigt werden kann, in wieweit die Unklarheiten auf das Hören westlicher Rundfunkstationen zurückzuführen ist.

Am meisten verbreitet und jetzt wieder besonders hervorgehoben ist die Forderung von freien Wahlen,8 wobei man zum Ausdruck bringt, dass das deutsche Volk selbst über seine Zukunft entscheiden solle. Einmal wird als Voraussetzung für freie Wahlen der Abzug sämtlicher Truppen aus Deutschland genannt und zum anderen die Zulassung sämtlicher westdeutscher Parteien im Wahlkampf auch auf dem Gebiet der DDR. Hierbei wird oft auf die Saarabstimmung Bezug genommen und in negativen Diskussionen, die allerdings in der Minderheit sind, äußert man, dass dann »unsere Regierung die wahre Volksmeinung zu hören« bekomme (Kabelkrananlage der Mathias-Thesen-Werft in Wismar, [Bezirk] Rostock).

Neben der Meinung, die Deutschlandfrage könne man doch »wie in Österreich lösen«9 gibt es vor allem noch die Auffassung, dass die Aufgabe zur Schaffung der Einheit Deutschlands im Mittelpunkt der Beratungen stehen müsse bzw. dass die Außenminister endlich konkrete Beschlüsse, die die Einheit herstellen, fassen sollen.

Charakteristisch für diese Meinung ist die Stellungnahme eines parteilosen Technikers aus dem »Thälmann-Werk« Suhl.10

Er sagt: »Es wird endlich Zeit, dass auf der Genfer Konferenz Maßnahmen festgelegt werden, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führen, damit wir endlich mit unseren Freunden und Bekannten öfters zusammenkommen können.«

Ein Heizer vom VEB Zellwolle Wittenberge erklärte, man solle in Genf den Friedensvertrag mit Deutschland abschließen11 und fordern, dass sofort alle Besatzungstruppen abziehen, damit sich Deutschland endlich wieder selbst regieren kann.

Die bekannt gewordenen Unklarheiten beweisen, dass in der Agitationsarbeit noch größerer Wert daraufgelegt werden muss, unseren Werktätigen über den Weg zur Einheit Deutschlands aufzuklären, um gleichzeitig die Aufgabenstellung für jeden einzelnen Bürger der DDR damit zu verbinden.

Direkt negative Diskussionen zur Genfer Konferenz enthalten Hetze gegen die Regierung der DDR und die Sowjetunion sowie Verherrlichung westlicher Verhältnisse. Sie treten nur ganz vereinzelt auf und es sind hierbei keine Schwerpunkte in bestimmten Betrieben bzw. Bezirken und Kreisen zu erkennen.

Ergebnis der Saarabstimmung

In der Berichtsperiode kam es nach Bekanntwerden des Ergebnisses der Saarabstimmung unter den Arbeitern, Angestellten und Angehörigen der Intelligenz der Industrie- und Verkehrsbetriebe zu zahlreichen Diskussionen. Sie sind in der Hauptsache positiv und bringen zum Ausdruck, dass Adenauer ein schwerer Schlag versetzt wurde und bewiesen, dass die Saarbevölkerung mit der Politik des Westens nicht einverstanden sei.12 Es wird gleichzeitig mit festgestellt, dass sich die Arbeiter Westdeutschlands an der Saarbevölkerung ein Beispiel nehmen sollten.

Neben der positiven Einschätzung der Abstimmung zeigen sich aber sehr oft bei den gleichen Diskussionen negative Erscheinungen in Bezug auf die Oder-Neiße-Grenze. In der Industrie kommen nicht nur aus den Kreisen ehemaliger Umsiedler13 Stimmen, dass man über die »Abtrennung der ehemals deutschen Ostgebiete« auch eine Abstimmung hätte durchführen müssen bzw. dass man jetzt eine solche Abstimmung fordern solle.

Negative Elemente hetzen vereinzelt gegen unsere Regierung, dass sie sich an der Wahl im Saargebiet ein Beispiel nehmen solle, da dieses »richtige Wahlen« gewesen seien. Wenn man solche auch bei uns durchführen würde, »wäre die SED nicht wiederzufinden«.

Rückkehr ehemaliger Kriegsverurteilter

Die zu Beginn der Entlassung ehemaliger Kriegsverurteilter zahlreichen Diskussionen in dieser Frage haben, seitdem keine Transporte mehr kommen, nachgelassen, treten aber doch immer noch auf. Die dabei verwandten Argumente sind die gleichen wie schon mehrfach berichtet.

Vereinzelt gibt es Beispiele, wo diese Frage durch gegnerische Elemente ausgenutzt wird (Mercedeswerk Steinbach-Hallenberg,14 Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, Belegschaftsversammlung am 26.10.1955).

Die westliche Propaganda, die durch die Rundfunkstationen, die Westzeitungen und durch Hetzschriften zur Genfer Konferenz getrieben wird, konzentriert sich vor allem darauf, die Vorschläge der westlichen Außenminister15 zu popularisieren und bezeichnet die Vorschläge des Genossen Molotow16 als gegen die Einheit Deutschlands und zur Torpedierung der Konferenz bestimmt.

Hervorgehoben werden die Forderungen des Westens nach einer »Sicherheitszone« und nach freien Wahlen. In beiden Fällen wird besonders auf die Bevölkerung der DDR eingewirkt, dass sie sich diesen Forderungen anschließen soll.

In Bezug auf Forderung nach »freien Wahlen« stellte man in den letzten Tagen fest, dass die Regierungserklärung17 zur Genfer Konferenz beweise, dass unsere Partei »Furcht vor freien Wahlen« habe und diese ablehne. Es wird gehetzt, dass »die Pankower18 Machthaber gewillt sind, ihre Position auf Kosten der Wiedervereinigung zu halten«.

Immer wieder wird bei Kommentaren betont, dass man in den Fragen der Sicherheit Europas nicht weiterkomme, wenn nicht zuerst die Deutschlandfrage gelöst wird.

Ökonomische Fragen in der Industrie

I. Stimmung der Werktätigen zu ökonomischen Fragen

Dass die überwiegende Mehrheit der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben an der Planerfüllung bzw. Übererfüllung interessiert ist, beweisen die zahlreichen Verpflichtungen, die im Rahmen des »Wilhelm-Pieck-Aufgebotes«19 in den Betrieben abgegeben wurden.

Der Inhalt der Verpflichtungen spiegelt den starken Willen der Beschäftigten wider, bessere Produktionsergebnisse als in den vorangegangenen Jahren des Fünfjahrplanes20 zu erzielen.

Das darf aber keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass unter den Werktätigen zum Teil eine große Unzufriedenheit herrscht. Die hauptsächlichsten Ursachen dafür sind:

  • 1.)

    die Lebenslage – Versorgungsschwierigkeiten

  • 2.)

    die Entlohnung

  • 3.)

    die Normfrage

zu 1.)

Gegenwärtig wird in den Betrieben im starken Maße über Fragen des Lebensstandards gesprochen. Die Diskussionen verlaufen in der Mehrzahl negativ und weisen eine Unzufriedenheit auf. Dabei wird besonders über:

  • a)

    Versorgungsschwierigkeiten

  • b)

    zu hohe Preise und

  • c)

    über die »besseren« Verhältnisse in Westdeutschland

gesprochen. Dabei spielen die Argumente eine Rolle wie z. B.:

  • »Nach zehn Jahren Kriegsende dürfte es solche Schwierigkeiten in der Versorgung nicht mehr geben.«

  • »Wo bleibt der versprochene Lebensstandard für 1955?«21

  • »Nach erfolgter Preissenkung22 steigen die Preise wieder an und die Qualität bleibt die gleiche.«

  • »In Westdeutschland ist die Lebenslage der Bevölkerung besser.«

  • »Die verstärkten Republikfluchten sind auf die schlechte Lebenslage zurückzuführen.«

Diskussionen in dieser Art werden aus zahlreichen Betrieben gemeldet, besonders aber aus

den beiden Großbetrieben Kunstseidenwerk Premnitz und Rathenower Optische Werke des Kreis Rathenow, [Bezirk] Potsdam; den Leuna-Werken; den VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck«23; dem VEB »Ernst-Thälmann-Werk« in Suhl und den Mercedes-Werken in Zella-Mehlis,24 [Bezirk] Suhl.

Feindliche Anzeichen

Am 20.10.1955 fand in der sächsischen Draht- und Nagelfabrik Franz Langer (Privatfirma) in Grüna, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine Belegschaftsversammlung statt.

Während der politischen Einleitung wurde der Vertreter der IG-Metall ab und zu von den Arbeitern unterbrochen. Sie erklären dabei, dass sie nichts Politisches wissen wollen. Als der Referent Ausführungen über die Erfolge in der DDR machte, erklärten einige Arbeiter, dass es eine Schande wäre, dass es nicht genügend Butter gäbe. Der Wohlstand sei nicht so, wie ihn die Regierung versprochen habe.

zu 2.)

Aufgrund des Bestrebens der westlichen Feindzentralen,25 aus der DDR Arbeitskräfte, besonders aber Fachkräfte abzuziehen, gilt es die Unzufriedenheit über die Entlohnung eines Teiles der Werktätigen mehr zu beachten.

Als besonderer Schwerpunkt gilt die Kali-Industrie. So sind z. B. im Kali-Werk »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl, an manchen Tagen, wegen der Unzufriedenheiten über die Entlohnung, bis zu 20 Kündigungen zu verzeichnen. Die Kumpels bringen zum Ausdruck, dass sie bis zu 30 % weniger als in der Metallindustrie verdienen.

Ein starkes Abwandern von Arbeitskräften ist auch im VEB Stahlwerk Silbitz wegen der zu niedrigen Bezahlung zu verzeichnen (gehen zur Wismut).26 Dadurch fehlen dem Betrieb insgesamt 150 Arbeitskräfte.

  • Unzufriedenheit über die Entlohnung unter Facharbeitern besteht im VEB PWS Schmölln27 – dadurch Bestrebungen von Kündigungen zu verzeichnen sowie geringes Interesse für politische Fragen.

  • Im VEB Schwermaschinenbau »Heinrich Rau« Wildau, [Bezirk] Potsdam, Bohrwerker unzufrieden – Diskussionen. Durch die Unzufriedenheit werden die Facharbeiter abwandern oder nach Westdeutschland gehen.

  • Im VEB Webereien »Palla« Meerane, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, – gute Facharbeiter wechseln wegen besserer Bezahlung in Privatbetriebe über.

  • In den Steinkohlenwerken im Kreis Zwickau beklagen sich Facharbeiter, dass ihr Lohn zu niedrig sei.

Aufgrund der Einführung des Prämienzeitlohnes28 entstand im Braunkohlenwerk Profen, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, unter den Elektrikern eine Fluktuation – innerhalb acht Tagen kündigten 15 Mann. Um das einzudämmen wurden einige Elektriker in eine höhere Lohngruppe eingestuft.

Feindliche Anzeichen

Am 3.11.1955 legte im Braunkohlenwerk Plessa, [Bezirk] Cottbus, eine Brigade (zwölf Mann) von der Firma H. Mangold29 aus Harzgerode, welche beim Investbau Plessa durch den VEB Montan Leipzig eingesetzt ist, die Arbeit nieder.

Die Ursache dazu war, dass die Arbeiter 400 bis 500 DM Außenstände an Lohn von der Firma Mangold Harzgerode zu bekommen haben. (Diese Arbeitsniederlegung wird noch genauer überprüft.)

In der Bau-Union Jena, Baustelle Mehrzweckbau Jena, wurden in einer FDGB-Versammlung folgende Forderungen erhoben: »Bezahlung für Treueurlaub für Kollegen, die schon jahrelang in der Bau-Union tätig sind; höhere Löhne für die Bauarbeiter allgemein; für alle Bauarbeiter die Lebensmittelkarte – B –30

zu 3.)

Die bisherigen Erfolge in der Steigerung der Arbeitsproduktivität, könnten noch bei Weitem größer sein, wenn in allen VEB nach realen Normen gearbeitet würde. Eine Vorbedingung für die Festsetzung technisch-begründeter Arbeitsnormen31 ist aber eine breite Aufklärungsarbeit, da noch sehr viel Unklarheiten unter den Werktätigen über die TAN bestehen. Dies drückt sich besonders in dem Argument aus: »Wenn die Normen erhöht werden, verdienen wir weniger.« Diese Einstellung zeigt sich besonders in Betrieben, wo zur Veränderung der Normen Zeitaufnahmen durchgeführt werden, indem die Beschäftigten vielfach negativ darauf reagieren.

So z. B.

  • in der Brennerei der Elbewerft Boizenburg, [Bezirk] Schwerin,

  • im VEB Elektromotorenwerk Thurm,32 [Kreis] Zwickau,

  • in der Abteilung Weberei des VEB Spinnerei und Webereien Ebersbach, [Bezirk] Dresden,

  • im VEB Fimag – Finsterwalde,33 [Bezirk] Frankfurt/Oder, und

  • in der Abteilung Konfektion des VEB Reifenwerkes Fürstenwalde.

Feindliche Beeinflussung

In der mechanischen Abteilung und in der Kurbelwellenstraße des Dieselmotorenwerkes Rostock wurden Zeitstudien vorgenommen. Dabei brauchte ein Dreher für einen Arbeitsgang an der Kurbelwelle zwei Stunden. Darauf sagten zwei andere Dreher zu ihm: »Du willst uns wohl unsere Norm versauen, denn das Wenigste, was man gebrauchen darf, sind zwei Stunden und 45 Minuten. Nur dadurch sind uns die 135%ige Normerfüllung gesichert.«

Während einer TAN-Aufnahme im VEB IKA Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte eine Arbeiterin (Zeugen Jehovas), zu einer anderen Kollegin, welche Drehknöpfe poliert: »Den Rand der Drehknöpfe musst du besonders verschmieren, damit die Zeit für dich pro Stück günstiger wird. Auch die umständliche Aufstellung der Werkzeuge und des Materials trägt zu deinem Profit bei. Als ich noch in der Stanzerei arbeitete, wo ich ähnliche Arbeit verrichtete, zeigten mir dies erfahrene Kollegen.«

Am 1.11.1955 wurde im VEB Gummiwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera (280 Beschäftigte) aufgrund der Einführung einer neuen Arbeitsnorm in der Früh- und Mittelschicht ein zwei- bis dreistündiger Streik durchgeführt. (Auch war eine Streikleitung vorhanden.)

Durch die neue Arbeitsnorm hätten die Arbeiter im Durchschnitt bedeutend weniger verdient. Deshalb wurde vorläufig von der Einführung der Norm abgesehen.

In einer Diskussion erklärte ein Arbeiter gegenüber einem Genossen: »Ihr mit eurer Partei könnt gegen uns doch nichts ausrichten. Wir haben bewiesen, dass wir unseren Willen durchsetzen und unser Ziel erreichen.«

Im VEB Wurzener Teppichfabrik [Bezirk] Leipzig, macht sich aufgrund technischer Verbesserung an den Bilderstühlen eine Normneufestsetzung notwendig. Aus dem Grunde wurde eine Versammlung mit den Bildwebern durchgeführt.

In dieser Versammlung gelang es den Webern eine Abstimmung darüber durchzuführen, ob die Norm erhöht werden sollte oder nicht. Von den Webern wurde einstimmig die Erhöhung der Norm abgelehnt. Als besonderer Wortführer trat dabei ein Mitglied unserer Partei auf.

Er äußerte u. a.: »Bei uns ist es genauso wie im Westen. Da kommt ihr mit der Akkordschere und schneidet uns die Füße ab.«

Am 1.11.1955, um 5.00 Uhr, wurde im VEB Gummiwerk »Rotpunkt« in Zeulenroda, [Bezirk] Gera, in der Frühschicht von 80 Arbeitern die Arbeit nicht aufgenommen und in der Spätschicht um 14.15 Uhr in der Abteilung Konfektion von zehn Arbeitern, denen sich noch weitere 70 Arbeiter anschlossen. Die Arbeitsaufnahme in der Frühschicht erfolgte nach eingehender Aussprache des Werkleiters und Genossen der Kreisleitung der SED gegen 9.30 Uhr und in der Spätschicht gegen 16.00 Uhr.

Der Grund der Arbeitsniederlegung war der Beginn der Einführung neuer Arbeitsnormen, die sich notwendig machten, weil die bestehenden Normen unreal waren und im Durchschnitt mit 184 % erfüllt wurden.

II. Produktionsstörungen in der Zeit vom 15.10. bis 4.11.1955

In der Berichtszeit wurden aus folgenden Industriezweigen Produktionsstörungen gemeldet:

  • 1.)

    Braunkohleindustrie

  • 2.)

    Kaliwerke

  • 3.)

    Betriebe des Schwermaschinenbaues

  • 4.)

    Betriebe der Lebensmittelindustrie

1.) Braunkohlenindustrie

Die meisten Produktionsstörungen werden aus den Braunkohlengebieten des Kreises Borna, Altenburg, [Bezirk] Leipzig, und Merseburg, [Bezirk] Halle, gemeldet.

Der überwiegende Teil dieser Störungen ist auf Materialschaden zurückzuführen, was einen zeitweiligen Ausfall von Baggern und Förderbändern zur Folge hat.

So wurde durch Materialschaden ein Produktionsausfall von 10 300 t Rohkohle, 1 439 t Brikett und 71 618 cbm Abraum mit einem Schaden von 148 956 DM berichtet. Die entstandenen Produktionsstörungen durch Fahrlässigkeit wie Zugzusammenstöße durch falsche Weichenstellung oder Überfahren von Signalen ergaben einen Produktionsausfall von 3 000 t Rohkohle und 30 820 cbm Abraum mit einem Schaden von 89 224 DM.

Demzufolge besteht ein Gesamtschaden an der Produktion sowie an den Produktionsmitteln von 238 180 DM.

2.) Kaliwerke

In den Kaliwerken »Glückauf« Sondershausen, »Ernst Thälmann« Bad Salzungen und »Karl Marx« in Unterbreizbach traten Betriebsstörungen durch Störung in der Stromversorgung, durch Gasausbruch im neugetauften Schacht und durch Ausfall von Elevators auf.

Der Gesamtproduktionsschaden beträgt 4 825 t Rohsalz.

3.) Betriebe des Schwermaschinenbaues

Im VEB Schwermaschinenbau »Heinrich Rau« in Wildau, [Bezirk] Potsdam, wurde durch Versagen der Stromzufuhr zu einem Kran, welcher glühende Kurbelwellen transportierte und gerade über dem Ölbad stehen blieb, durch aufsteigende Öldämpfe eine Stichflamme verursacht, wo der Dachstuhl zum Teil in Brand geriet. Der Schaden beträgt ca. 35 000 bis 40 000 DM.

4.) Betriebe der Lebensmittelindustrie

In der Lebensmittelindustrie traten Produktionsstörungen in dem Fischkombinat Saßnitz, Öl- und Fettwerke Magdeburg und zwei Zuckerfabriken auf.

Die Produktionsstörungen traten zum überwiegenden Teil durch Materialschaden auf, wobei insgesamt ein Schaden von 70 000 DM entstand.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgungslage hat sich in den letzten 14 Tagen nicht wesentlich verändert.

Die Schwierigkeiten treten in dieser Periode vor allem

  • in der Frage der Einkellerungsaktion,

  • in der Versorgung der Bevölkerung mit pflanzlichen und tierischen Fetten,

  • in der Fleischversorgung,

  • in der Eierversorgung,

  • in der Zwiebelversorgung,

je nach örtlichen Gegebenheiten in den Bezirken mehr oder weniger stark in Erscheinung.

Einkellerungsaktion

In den Bezirken, Schwerin, Rostock, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Halle, Suhl, Leipzig, Frankfurt/Oder und Potsdam geht die Einkellerung zum Teil sehr schleppend vor sich. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Erfassungsorgane die Kartoffeln nicht schnell genug erfassen und reibungslos zum Verbraucher bringen. Durch verschiedene organisatorische Mängel wird die Lage noch mehr erschwert. So hat z. B. die HO34 in Saßnitz, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock, erst jetzt mit der Einkellerungsaktion begonnen, obwohl das Geld für Kartoffeln und Fuhrlohn bereits seit drei Monaten kassiert ist.

Besonders schleppend ist die Kartoffelversorgung im Bezirk Schwerin und im Bezirk Halle. Im Bezirk Halle sind es vor allem die Städte Aschersleben, Quedlinburg (Bericht vom 4.11.1955),35 Zeitz, Bernburg (Bericht vom 28.10.1955), Mannsfeld (Bericht vom 4.11.1955), hier haben erst ca. 20 % der Einwohner Kartoffeln.

Fleischversorgung

In den letzten Wochen traten in den Bezirken Schwierigkeiten in der Fleischversorgung der HO-Basis auf. Durch die zum Teil auf bezirklicher Ebene durchgeführten Kürzungen und vor allem durch die schlechte Erfassung von Vieh durch die Aufkauforgane kam es zeitweilig zu Stockungen. Obwohl die gröbsten Schwierigkeiten diesbezüglich behoben wurden, tauchten solche Mängel noch laufend in diesem oder jenem Kreis auf.

Als besondere Schwerpunkte können die Bezirke Schwerin, Neubrandenburg, Magdeburg, Halle, Dresden, Erfurt, Potsdam und Suhl angesehen werden.

Zum Beispiel fehlten in den letzten Tagen in Schwerin Stadt 37 t Fleisch, im Kreis Hagenow 20 t, im Kreis Güstrow 20 t und im Kreis Perleberg 13 t.

Einige Bezirke wie z. B. Neubrandenburg, Dresden und Suhl berichten, dass durch die Kürzungen im IV. Quartal die Fleischversorgung schlecht sein wird und es dadurch gerade um die Weihnachtszeit erhebliche Schwierigkeiten geben wird.

Eine Gegenüberstellung vom IV. Quartal 1954 zum IV. Quartal 1955 zeigt, dass die Bereitstellung in der DDR um 800 t höher lag, wie 1955.

Für die Bezirke Cottbus, Neubrandenburg, Dresden und Leipzig macht es sich notwendig, dass noch Fleischkontingente freigegeben werden müssen, damit die Versorgung gewährleistet ist.

Versorgung der Bevölkerung mit pflanzlichen und tierischen Fetten

Auch diesbezüglich wird aus allen Bezirken berichtet, dass es erhebliche Schwierigkeiten gibt. Wie stark die Nachfrage besonders nach HO-Butter und HO-Margarine ist, zeigen die Beispiele, wo die Bevölkerung nach diesen Waren Schlange steht. Solche Erscheinungen gab es z. B. in Zittau, [Bezirk] Dresden, im VEB Jutewerk Triebes, [Bezirk] Gera, Zeulenroda, [Bezirk] Gera (hier musste z. B. die VP eingreifen, da es dabei unter der Bevölkerung zu Schlägereien kommt), in Schwarzheide, [Kreis] Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, in Karl-Marx-Stadt und andere.

Trotzdem die Bereitstellung an Margarine im IV. Quartal 1955 höher liegt als im IV. Quartal 1954, zeigt sich bereits, dass das bereitgestellte Kontingent nicht ausreichen wird.

Als Ursache hierfür wird von leitenden Funktionären des Ministeriums für Handel und Versorgung angeführt, dass durch private Bäckereien und Konditoreien zusätzlich Margarine in der HO gekauft wird. Nach Schätzungen werden pro Quartal ca. 1 500 t Margarine durch private Bäckereien gekauft.

Im Bezirk Gera stellt z. B. die private Bäckerei die dreifache Menge an Konditorwaren her wie ihre eigentliche Zuteilung durch das Ministerium für Lebensmittelindustrie ist.

Zum Teil liegen die Ursachen der schlechten Margarineversorgung auch an der ungenügenden Arbeit des DIA, die im IV. Quartal noch keine Belieferung der Industrie mit Importölen vornahm.

Nicht unwesentlich spielt dabei auch die ungenügende Kapazität der Margarinefabriken eine Rolle. Diese sind z. B. durch die erhöhte Planauflage für Dezember 1955 nicht in der Lage, diese Mengen zu produzieren, sodass es notwendig ist, dass im Oktober und November bereits Margarine für Dezember mit ausgeliefert werden muss.

Eierversorgung

Obwohl auch das Eierkontingent im IV. Quartal 1955 höher liegt, als im IV. Quartal 1954, so zeigt sich an der starken Nachfrage nach Eiern, dass der Bedarf trotzdem nicht gedeckt werden kann.

Die Ursachen sind vor allem darauf zurückzuführen, dass im IV. Quartal allgemein der Ausfall an Eiern hoch ist.

Als Beispiel kann hier Stralsund, [Bezirk] Rostock, angeführt werden, wo seit Wochen keine Eier auf HO- und Markenbasis zu haben sind. Die Bevölkerung ist über den Mangel an Eiern besonders empört, weil vom Kühlhaus Stralsund bisher 20 000 verdorbene Eier der Schweinemästerei zur Verfügung gestellt wurden.

Zwiebelversorgung

Seit Wochen klagt die Bevölkerung über die schlechte Versorgung mit Zwiebeln. Es wird allgemein nicht verstanden, wieso gerade Zwiebeln, die doch am meisten zu kaufen sein müssten, fehlen. Besonders stark tritt der Mangel in Berlin, in den Bezirken Suhl, Schwerin und Dresden auf.

Im Bezirk Schwerin z. B. besteht unter der Bevölkerung Unzufriedenheit über die ungenügende Zwiebelversorgung.

Die VEAB hat anlässlich der Handelsberatung mit dem Bezirk Magdeburg Verträge abgeschlossen, die sich aus der Handelsreserve A ergeben und Anfang November zur Auslieferung kommen.

Des Weiteren sind zehn t Importzwiebeln aus der Volksrepublik Polen für den Bezirk vorgesehen, die für das IV. Quartal eingelagert werden sollten.

Nach Rücksprache mit dem Rat des Bezirkes werden diese sofort zum Verkauf kommen.

Stimmung zur Versorgungslage

Die Stimmung der Bevölkerung zur Versorgungslage ist auch in dieser Berichtsperiode allgemein negativ.

Die laufend auftretenden Versorgungsschwierigkeiten geben immer wieder Anlass zur Unzufriedenheit. Im Wesentlichsten wird immer wieder Folgendes zum Ausdruck gebracht.

  • Wieso sind zehn Jahre nach Kriegsende nicht ausreichend Lebensmittel vorhanden?

  • Wo bleibt der versprochene Lebensstandard?

  • Im Westen ist die Versorgungslage besser als in der DDR.

  • Die Versorgungslage hat sich im letzten Jahr verschlechtert.

Neben den Hausfrauen, die täglich nach Waren anstehen, gibt es vor allem auch unter den Arbeitern in den Betrieben viele negative Diskussionen allgemein über den Lebensstandard, wie z. B. im VEB Fortschritt II in Stolpen,36 [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wo neben den oben angeführten Argumenten u. a. auch zum Ausdruck gebracht wird, dass ein neuer »17. Juni«37 kommt; im VEB Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Riesa, wird ebenfalls zum Ausdruck gebracht, dass man wieder vor einem neuen 17. Juni steht, in der Privatfirma Schwennicke38 Finsterwalde,39 [Bezirk] Frankfurt/Oder,40 hier erklären die Arbeiter, wenn es nicht bald anders wird, kommt es zu einem neuen 17. Juni, im VEB Baumechanik Engelsdorf, [Bezirk] Leipzig, dort brachten mehrere Arbeiter zum Ausdruck, dass es zehn Jahre nach Kriegsschluss in der Versorgung besser sein müsste. Der Betriebsleiter erklärte, dass die Stimmung im Betrieb genauso wie vor dem 17.6.1953 ist.

Neben den oben angeführten Argumenten wird von allen Schichten auch vielfach erklärt, dass die Ursachen der schlechten Versorgung auf schlechte Arbeit der Handelsorgane zurückzuführen ist, da sie es nicht verstehen würden, die Waren richtig und vor allem reibungslos an die Verbraucher zu bringen. Nur sie wären schuld, wenn die Bevölkerung unzufrieden ist. Die Bevölkerung wird in dieser Meinung noch bestärkt, wenn sie sehen, dass in anderen Orten diese Waren vorhanden sind.

Besonders in Erscheinung tritt auch, dass in den Grenzgemeinden, vor allem der Bezirke Suhl und Magdeburg, die Bevölkerung über die schlechte Versorgung unzufrieden ist. Als Beispiel kann hier der Grenzort Weferlingen, Kreis Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, angeführt werden, wo bereits seit einigen Monaten pro Haushalt monatlich nur ein halbes Pfund Margarine ausgegeben wurde.

Lage in der Landwirtschaft

Bei den verhältnismäßig geringen politischen Gesprächen, die unter der Landbevölkerung bekannt wurden und vor allem aus dem sozialistischen Sektor der Landwirtschaft und von den werktätigen Einzelbauern kommen, stand in der Berichtsperiode die Rückkehr der ehemaligen Kriegsverurteilten im Mittelpunkt. Hier wie auch bei den Diskussionen über die Genfer Konferenz und das Ergebnis der Saarabstimmung treten im Wesentlichen keine anderen Argumente als bei den Werktätigen der Industrie- und Verkehrsbetriebe auf.

Bemerkenswert sind die vor allem in der Landwirtschaft im Zusammenhang mit den genannten Problemen auftretenden Diskussionen ehemaliger Umsiedler.

In Bezug auf die Genfer Konferenz gibt man der Hoffnung Ausdruck, dass die Schaffung der Einheit Deutschlands gleichzeitig die Wiederherstellung der früheren deutschen Ostgrenzen mit sich bringt. Mit der Begründung, dass auch »die abgetrennten deutschen Ostgebiete« immer deutsch gewesen seien, würde eine Abstimmung wie über die Saar das gleiche Ergebnis bringen, nämlich, dass diese Gebiete wieder zu Deutschland sollen. Diskussionen darüber wurden aus den Bezirken Rostock, Frankfurt/Oder, Cottbus und Leipzig bekannt und enthielten vielfach die Forderung, auch eine Abstimmung über die Oder-Neiße-Grenze durchzuführen.

Im Zusammenhang mit den politischen Problemen bringen Mittel- und Großbauern41 zum Ausdruck, dass sie so schnell ihrer Ablieferungspflicht nicht nachkommen wollen, da sie eine Änderung der Politik erwarten. Vielfach wird gesagt, dass es nach der Genfer Konferenz keine Ablieferungspflicht mehr gäbe bzw. dass die Wiedervereinigung die »freie Wirtschaft« mit sich bringe.

Dieses bringen z. B. Großbauern vom BHG-Bereich Kunow, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, zum Ausdruck und ähnliche Äußerungen werden noch von Großbauern aus Tangendorf, Kreis Perleberg, [Bezirk] Schwerin, von Mittelbauern der Gemeinden Friedrichsaue, Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, und Rendo, Kreis Rudolstadt, [Bezirk] Gera, bekannt.

Kartoffelablieferung

Stimmung zur Kartoffelablieferung

Durch die schlechte Kartoffelernte wird in allen Bezirken sowohl bei den Einzelbauern als auch im genossenschaftlichen Sektor der Wunsch laut, das Kartoffelsoll herabzusetzen.

Die zögernde Ablieferung bei LPG, VEG und Einzelbauern ist vor allen darauf zurückzuführen, weil erwartet wird, dass der Staat aufgrund der schlechten Ernte das Soll herabsetzen wird.

Würde das nicht geschehen, so wären viele Betriebe gezwungen, weniger Vieh zu halten, z. B. würden in der Gemeinde Paaren im Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, 1 500 t Kartoffel für den individuellen Verbrauch fehlen, wenn das Kartoffelsoll 100%ig aufgebracht werden soll.

Außerdem wären im nächsten Jahr viele Betriebe nicht in der Lage, genügend Saatkartoffeln aufzubringen.

Ursachen der schlechten Kartoffelablieferung und Erfassung

Außer diesem oben angeführten Grund gibt es noch andere Ursachen, die eine reibungslose Kartoffelablieferung erschweren.

Das sind vor allem:

  • ungenügende Rodung, wie z. B. in den Bezirken Schwerin, wo insgesamt noch ca. 743 ha Kartoffeln zu roden sind (Stand vom 30.10.1955), Frankfurt/Oder, dort sind in den Kreisen Seelow noch 150 ha, im Kreis Angermünde noch ca. 471 ha zu roden und im Bezirk Suhl, wo die Kreise Hildburghausen, Meiningen und Sonneberg die Kartoffelernte noch nicht beendet haben.

  • schlechte Waggonbereitstellung, vor allem im Bezirk Schwerin, dort hatte z. B. die VEAB keine Waggons zur Verladung bereit, sodass die Bauern wieder nach Hause fahren mussten. Das gleiche ist im Bezirk Rostock zu verzeichnen.

Derartige Mängel führen unter den Bauern zu großen Verärgerungen und es wird oft erklärt, dass auf der einen Seite vom Staat eine reibungslose und vorfristige Ablieferung gefordert wird. Auf der anderen Seite würden aber laufend nur Schwierigkeiten auftreten, die die Bauern in ihrer Arbeit nur hemmen.

Einstellung der Großbauern zur Ablieferung

Aus allen Bezirken wird berichtet, dass die zögernde Ablieferung der Großbauern und vereinzelt auch Klein- und Mittelbauern als eine typische Erscheinung in den Kreisen der großbäuerlichen Elemente angesehen werden kann.

Erfassern, die eingesetzt werden, um die Bauern von einer schnellen Ablieferung zu überzeugen, wird häufig erklärt, sie haben bis zum 31.12.1955 Zeit dazu,42 die Kartoffelernte sei zu gering, sodass bei einer 100%igen Ablieferung für sie nichts mehr übrigbleibe, sie hätten nicht genügend Arbeitskräfte u. a.m. Nicht selten kommt dabei vor, dass die Erfasser vom Hof gewiesen oder sogar bedroht werden. Es werden dabei häufig auch feindliche Äußerungen laut, die im Wesentlichen als Hetze gegen die DDR gewertet werden können.

Der Inhalt solcher Äußerungen ist, neben der Forderung nach freier Wirtschaft, »die Bauern werden vom Staat nur ausgebeutet und unterjocht, sodass diese Schikanen bald nicht mehr zu ertragen sind«. Schlussfolgernd daraus wird unter diesen Kreisen oft erklärt, es bliebe den Bauern ja nichts anders übrig, als nach dem Westen zu gehen. Diese Drohung trat in der letzten Zeit in Verbindung mit der Ablieferung sehr oft auf und wird aus allen Bezirken berichtet.

Verhalten einiger Funktionäre zur Ablieferung

Aus den Bezirken Schwerin, Rostock, Potsdam und Leipzig wird berichtet, dass durch falsches Auftreten einiger Funktionäre Großbauern in ihrer Auffassung noch bekräftigt werden. Das zeigt sich darin, dass Genossen diese Kreise noch in Schutz nehmen und somit die Ablieferung hintertreiben.

So sagte z. B. auf einer öffentlichen Versammlung in der Gemeinde Penzin, Kreis Bützow, [Bezirk] Schwerin, der Bürgermeister zu der Frage der Erfassung: »Die Großbauern sind alle so stark überarbeitet, dass sie kaum noch ihre Arbeit durchführen können.«

Zur Arbeit der MTS

Anlass zur Verärgerung und negativen Diskussionen unter den Genossenschafts- und werktätigen Einzelbauern gibt die teilweise schlechte Arbeit der MTS.

Die schlechte Arbeit der MTS besteht vor allem in der Nichteinhaltung der abgeschlossenen Verträge, dem ungenügenden Maschineneinsatz zur Ernte, der Bevorzugung von Mittel- und Großbauern bei Feldarbeiten, der schlechten Feldarbeiten durch die Traktoristen.

Die Nichteinhaltung der Verträge durch die MTS tritt besonders in den Bezirken Rostock, Berlin, Halle, Leipzig, Gera und Cottbus sehr häufig zutage. Aufgrund dessen kommen die LPG in Züssow, Güst, Bütow, Großzössen, Mochau u. a.m. wie auch die werktätigen Einzelbauern mit der Herbstbestellung wie auch der Kartoffelrodung in Verzug. In der LPG Lichtenstein, Bezirk Gera, machen sich deshalb bereits Auflösungserscheinungen bemerkbar, da die Genossenschaftsbauern durch die MTS nicht unterstützt werden.

In Dambeck, [Kreis] Greifswald, [Bezirk] Rostock, macht sich das dortige Kirchengut den Umstand zunutze und pflügt mit seinen Traktoren die Felder der werktätigen Einzelbauern, bei denen die MTS die Verträge nicht einhält.

Ungenügender Einsatz von Maschinen war insbesondere bei den MTS in den Bezirken Schwerin, Rostock und Frankfurt/Oder während der Kartoffelrodung zu verzeichnen. So wurden allein im Landkreis Schwerin, Sternberg und Güstrow die vorhandenen Kartoffelroder nur zu 56 % bis 80 % zum Einsatz gebracht und von den 235 vorhandenen Traktoren werden nur 109 in der zweiten Schicht eingesetzt.

Ähnlich ist es im Bezirk Frankfurt/Oder, wo von den vorhandenen 21 Kartoffelrodern allein des MTS-Bezirks Angermünde nur 70 % zum Einsatz kamen, sodass die Rodung bisher noch nicht abgeschlossen ist.

Die Bevorzugung von Mittel- und Großbauern bei der Feldbestellung zur Winteraussaat durch die Traktoristen tritt besonders in den Bezirken Leipzig und Halle, Kreis Artern, und MTS Strach zutage, wodurch in den LPG Verzögerungen und Verärgerungen entstehen. Im Stützpunkt Wessing der MTS Drochkau, Bezirk Leipzig, gibt der Brigadier den Traktoristen direkt den Auftrag, bei Großbauern zu pflügen.

Verärgerung der werktätigen Einzelbauern durch schlechte Feldarbeit der Traktoristen ist besonders in den Kreisen Lobenstein, [Bezirk] Gera, in der MTS Ebersdorf und durch die MTS Stendal, [Bezirk] Magdeburg, zu verzeichnen, in dem die Traktoristen nicht tief genug pflügen und das Saatbett nicht richtig in Ordnung bringen, sodass die Bauern gezwungen sind, die Felder persönlich noch einmal zu bearbeiten.

Maschinenausfall bei den MTS

Hemmend auf die Ernte und Bestellungsarbeiten der MTS wirkt sich der hohe Maschinenausfall aus.

So ist besonders in den Bezirken Potsdam, Neubrandenburg, Schwerin und Leipzig zu verzeichnen, dass ein hoher Ausfall an Kartoffelvollerntemaschinen, insbesondere der Weimarer-Produktion43 besteht. Die Ursache besteht darin, dass diese Maschinen für die Bodenverhältnisse dieser Bezirke zu leicht gebaut sind.

Im Bezirk Suhl zeigen sich gleiche Ursachen beim Einsatz der deutschen Rübenvollerntemaschine.

In den Bezirken Neubrandenburg und Karl-Marx-Stadt ist ein erhöhter Ausfall an IFA Traktoren aufgetreten. Ursache dafür ist, dass die Lageschalen aus Aluminium hergestellt wurden und den Druck nicht aushielten sowie die Belieferung mit verschiedenem Motorenöl.

Ersatzteilschwierigkeiten bei den MTS

Neben dem Maschinenausfall wirken sich besonders auch die Material- und Ersatzteilschwierigkeiten nachteilig auf die Erfüllung der Verträge durch die MTS aus.

Insbesondere wurden Ersatzteilschwierigkeiten in den Bezirken Erfurt, Dresden und Schwerin bekannt. In diesen Bezirken fehlt es den MTS an: Bereifungen für IFA Traktoren, Schrauben für Schlepper Aktivist,44 Brockenhexe,45 RS 30,46 RS 15,47 KS 6248 und KD 2549 sowie für den Mähdrescher S 450 Weimar. Die gelieferten Ersatzteile für RS 30 und RS 15 im Bezirk Erfurt, wie Kurbelwellen, Messerköpfe und Reibplatten, sind aus sehr schlechtem Material hergestellt und nicht zu verwenden.

Schweinepest vom 15.10 bis 3.11.1955 in der Landwirtschaft

[Tabelle: Anzahl der betroffenen Betriebe | Anzahl der Tiere]

Bezirke

VEG

LPG

ÖLB

Klein-Betriebe

Mittel-Betriebe

Groß-Betriebe

sonstige Tierhalter

verendet

notgeschlachtet

Neubrandenburg

[–]

3

1

[–]

[–]

[–]

[–]

8

278

Schwerin

[–]

2

[–]

1

1

[–]

1

8

194

Potsdam

[–]

2

[–]

5

5

5

1

74

308

Halle

[–]

2

1

2

1

2

2

2

272

Leipzig

[–]

[–]

[–]

[–]

[–]

2

[–]

[–]

82

Suhl

1

1

[–]

[–]

[–]

[–]

[–]

16

[–]

Erfurt

1

[–]

[–]

1

2

[–]

[–]

2

71

Karl-Marx-Stadt

[–]

[–]

[–]

[–]

1

[–]

1

3

45

Dresden

[–]

[–]

[–]

[–]

2

[–]

3

[–]

42

Frankfurt/Oder

[–]

[–]

[–]

1

[–]

1

[–]

2

53

Insgesamt

2

10

2

10

9

10

8

115

1 34851

Als Schwerpunkte des Ausbrechens der Schweinepest sind die Bezirke Halle, Neubrandenburg, Schwerin und Potsdam zu bezeichnen, da sich in diesen Bezirken die Schweinepest in der Hauptsache auf größere Viehbestände der LPG, ÖLB52 sowie Betriebe von Kleinbauern konzentriert. Allein in den Bezirken Halle und Neubrandenburg mussten in zwei ÖLB einmal 179 und zum anderen 109 Schweine notgeschlachtet werden.

Brände vom 15.10. bis 3.11.1955 in der Landwirtschaft

Anzahl der betroffenen Betriebe:

Bezirke:

MTS

VEG

LPG

VdgB/BHG

Klein-Betriebe

Mittel-Betriebe

Groß-Betriebe

Neubrandenburg

[–]

[–]

3

[–]

[–]

[–]

[–]

Schwerin

[–]

1

3

[–]

1

1

[–]

Magdeburg

[–]

[–]

1

1

2

2

[–]

Potsdam

1

[–]

1

[–]

2

[–]

[–]

Halle

[–]

1

1

[–]

6

1

1

Leipzig

[–]

[–]

[–]

[–]

[–]

[–]

1

Erfurt

[–]

[–]

[–]

[–]

1

2

[–]

Karl-Marx-Stadt

[–]

[–]

[–]

[–]

[–]

[–]

1

Brände insgesamt:

1

2

9

1

12

6

3

Als Ursachen dieser Brände wurde bisher bekannt:

  • Brandstiftung: sieben Brände

  • Fahrlässigkeit: sieben Brände

  • unbekannt: 19 Brände

In der Zeit vom 15.10. bis 3.11.1955 traten in verstärktem Maße Brände von Gebäuden, sowie Getreide, Heu- und Strohdiemen bei VEG, LPG sowie werktätigen Einzelbauern in den Bezirken Halle, Magdeburg und Schwerin auf, wovon bei der Mehrzahl die Brandursache bisher noch nicht geklärt ist, sodass diese Bezirke als Schwerpunkte betrachtet werden müssen.

Berichtigung:

Im Stimmungsbericht zur Kriegsverurteiltenfrage vom 26.10.195553 ist auf Seite 4 angegeben, dass vom DRK in Wismar eine Straßensammlung für zurückgekehrte Kriegsverurteilte stattgefunden habe. Wie jetzt bekannt wird, handelt es sich um eine allgemeine Straßensammlung.

Anlage 1 vom 22. Oktober 1955 zum Informationsdienst Nr. 2493

Übersicht über die bekannt gewordene Feindtätigkeit in der Zeit vom 14. bis 21.10.1955

Hetzschriftenverbreitung:

  • SPD-Ostbüro:54 42 274

  • NTS:55 22 452

  • Zope:56 15 214

  • KgU:57 7 243

  • Unbekannte Herkunft: 31 456

  • FDP-Ostbüro:58 9 335

  • In tschechischer Sprache: 634

  • »Freie Junge Welt«:59 225

  • »Der Tag«:60 158

  • CDU-Ostbüro:61 700

  • »Tarantel«:62 132

Die Hetzschriftenverbreitung hat sich in der letzten Woche von einem Tagesdurchschnitt von ca. 40 000 auf ca. 16 000 verringert.

Bei der Flugblattverbreitung konzentriert sich der Gegner hauptsächlich auf Hetze gegen die Entwicklung in der DDR, wobei der 6. Jahrestag der Gründung der DDR63 zum Anlass genommen wird. Häufig wird in den Hetzschriften die Durchführung »Freier Wahlen«64 gefordert.

Zu erwähnen ist noch, dass das FDP-Ostbüro in letzter Zeit gegen Volkskammerpräsidenten Dr. Johannes Dieckmann65 hetzt.

Antidemokratische Tätigkeit

In der Berichtszeit wurden uns zahlreiche Beispiele bekannt, wo der Gegner Plakate abgerissen hat, Hetzlosungen gegen die KVP-Werbung66 und gegen Genossen Walter Ulbricht67 angebracht oder Hakenkreuze angeschmiert wurden. Schwerpunkte sind die volkseigenen Betriebe.

So wurden im VEB Vieh- und Schlachthof Leipzig, im Bahnwerk Dresden A, im Hotel »Goldener Anker«,68 Jena, [Bezirk] Gera, Hetzlosungen gegen Genossen Walter Ulbricht angebracht.

In den Rathenower Optischen Werken wurde eine Hetzlosung gegen die KVP angebracht.

Im VEB Kfz-Zubehör Meißen,69 [Bezirk] Dresden, und im VEB Leipziger Eisen- und Stahlwerke wurden faschistische Losungen angebracht.

Plakate wurden im Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, im VEB Leipziger Baumwollspinnerei und in Belzig, [Bezirk] Potsdam, in Zeitungsschaukästen der NDPD angeschmiert.

Am 18.10.1955 wurden im Lokal »Zur Sonne«70 in Ronneburg, [Bezirk] Gera, von Wismutkumpeln faschistische Lieder gesungen.

Droh- und Hetzbriefe

Am 17.10.1955 erhielt der Bürgermeister der Stadt Güsten, [Kreis] Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, eine Postkarte, wo ihm Prügel angedroht wurde, weil er angeblich zu den »Russland-Heimkehrern« so frech war.

Am 18.10.1955 erhielt der Agronom der MTS Kleeth, [Kreis] Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, einen Hetzbrief mit Mordhetze.

Fingierte Anrufe

Fünf volkseigene Betriebe im Kreis Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, erhielten fingierte Anrufe. Die Anrufer meldeten sich mit »Registrierabteilung« und wollten wissen, wieviel Jugendliche in der Zeit vom 3. bis 7.10.1955 zur KVP bzw. VP gegangen sind.

Die VEAB Bautzen, [Bezirk] Dresden, erhielt zwei fingierte Anrufe von der Gemeinde Stiebitz und Rodewitz, [Bezirk] Dresden, dass je ein Waggon zum Verladen von Kartoffeln bereitzustellen sei.

Aufforderung zur Republikflucht

Eine Ärztin der Poliklinik Ellrich, [Kreis] Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, hat in der letzten Zeit mehrere Anrufe erhalten, wo sie aufgefordert wurde, die DDR zu verlassen. Man drohte ihr mit dem SfS.

Terror

Am 16.10.1955 wurden zwei VP-Angehörige sowie die Ehefrau des einen in der Gemeinde Teurow, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, von einem Jugendlichen tätlich angegriffen. Als der zuständige ABV71 zu Hilfe kam, wurde er von dem Vater des Jugendlichen ebenfalls tätlich angegriffen, gewürgt und auf das Gröbste beschimpft. Täter wurden inhaftiert.

Am 14.10.1955 wurde ein VP-Angehöriger in Potsdam auf dem Oktoberfest von einer Person ins Gesicht geschlagen. Täter bekannt.

In der Nacht zum 21.10.1955 wurden die Fensterscheiben in der Wohnung des 2. Kreissekretärs der SED in Magdeburg von unbekannten Tätern mit Steinen eingeworfen. Vor kurzer Zeit wurde der Kreissekretär schon von einigen Jugendlichen angefallen.

Anlässlich einer Kirmesfeier am 17.10.[1955] in Bad Blankenstein, [Bezirk] Gera, wurden Grenzpolizisten, als sie die Einhaltung der Polizeistunde forderten, von der Bevölkerung beschimpft und tätlich angegriffen. Erst nach der Abgabe einiger Warnschüsse konnte der Angriff verhindert und der Rädelsführer – ein Arbeiter der Bau-Union Jena – verhaftet werden. In der Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal wurde von den Bauarbeitern, die zurzeit dort arbeiten, eine Versammlung durchgeführt, auf welcher die Freilassung des Bauarbeiters gefordert wurde.

Gerüchte

Eine Hausfrau aus Frankfurt/Oder sagte, dass unter den Jugendlichen das Gerücht verbreitet wird, alle Jugendlichen im Alter von 18 bis 24 Jahren würden keine Fahrkarten nach Berlin bekommen. Dieses Gerücht wird in ähnlicher Form im VEB Waggonbau Görlitz, [Bezirk] Dresden, verbreitet.

Einen größeren Umfang haben die Gerüchte in der Landwirtschaft, wo teilweise, aufgrund dieser, negative Auswirkungen zu verzeichnen sind.

Unter den Bauern der Gemeinde Schönnewitz, [Bezirk] Leipzig, kursiert das Gerücht, dass in nächster Zeit die Preise für Schweine im freien Verkauf erhöht werden. Deshalb wollen die Bauern keine Schweine mehr verkaufen.

In Stadtilm, [Kreis] Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, wird das Gerücht verbreitet, dass am 1.1.195672 die freien Spitzen73 in Wegfall kommen sollen. Einige Bauern brachten zum Ausdruck, dass sie dann keine Schweine mehr für die freien Spitzen füttern.

In der LPG »Fortschritt« Groß Neuendorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, verbreitet man das Gerücht, dass die Mitglieder der LPG ihre Wohnungen dort aufgeben müssen und in die Betriebe ziehen sollen, wo die Bauern republikflüchtig wurden. Die Genossenschaft verwaltet jetzt diese Betriebe. Aufgrund des Gerüchtes ist eine schlechte Arbeitsmoral unter den LPG-Mitgliedern zu verzeichnen.

Unter den werktätigen Bauern Dittersbach,74 [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass ein Atommeiler gebaut wird und es deshalb zwecklos sei, die Felder zu bestellen.75

Feindtätigkeit in der Industrie

Am 19.10.1955 konnte im VEB Kraftwerk Dresden ein Diversionsakt verhindert werden, indem ein Rundeisen, welches auf dem Förderband lag, rechtzeitig entfernt wurde, was sonst die Mahlanlage außer Betrieb gesetzt hätte.

Im VEB Glaswerk Gießübel, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, wurden Eisenteile in den Schmelzofen geworfen, wodurch größerer Produktionsausfall zu verzeichnen war. Dies hat sich in den letzten zwei Wochen mehrmals wiederholt.

Am 13.10.1955 wurde in einem Schneckengetriebe der Ziegelpresse des VEB Ziegelwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, ein Meißel gefunden. Am 27.9.[1955] wurde bereits durch ein Stück Feldbahnschiene der Tonraspler beschädigt und außer Betrieb gesetzt. Es entstand ein Produktionsausfall von ca. 20 000 Ziegeln.

Am 17.10.1955 wurden im Reifenwerk Riesa in der Gummimischung zwei Blechstreifen gefunden, die noch rechtzeitig bemerkt wurden, sodass kein Schaden entstand.

Im Wismutobjekt 13 – Aue – [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde ein Energiekabel beschädigt. Schaden entstand nicht, da das Kabel noch ohne Strom war.

Im RAW Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, wurden am 11.10.1955 von einem neu fertiggestellten Wagen zwei Polster zerschnitten.

Im VEB Hartpappen- und Fasergusswerk Polenz, [Bezirk] Dresden, fiel am 18.10.1955 die Pappmaschine aus. Die Ursache war, dass die Wasserleitung mit kleinen Pappstücken verstopft war und die Maschine dadurch kein Wasser erhielt.

Am gleichen Tage erfolgte eine zweite Stockung, beim Reinigen des Rohres wurde ein Stück Holz gefunden.

Im Wismut-Schacht 352 Gera wurden am 13.10.[1955] auf der 90. Sohle sämtliche Luftschläuche entwendet und an anderen Arbeitspunkten herumgeworfen.

Feindtätigkeit in der Landwirtschaft

Während der Ernte konzentriert sich der Feind auf die Beschädigung von Erntemaschinen.

So wurden z. B. in der Nacht zum 13.10.1955 im VEG Gaußig, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, am Mähdrescher die Sicherungen herausgeschraubt, ein Gang ausgeschaltet und der Sitz abmontiert.

Am 8.10.1955 wurde im Stützpunkt der MTS Schlettau, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, von der Strohpresse ein Schlauch zerschnitten.

Am 15.10.1955 befanden sich im Benzin- und Öltank eines Traktors der MTS Niemberg, [Bezirk] Halle, Zuckerrüben, Zuckerrübenblätter sowie Erde. Der Traktor stand in der Nacht unbewacht auf dem Feld der dortigen LPG.

Am 11.10.1955 musste in der LPG Großraschütz, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, eine Kuh notgeschlachtet werden, da sie die Futterannahme verweigerte. Es wurde festgestellt, dass ein ca. acht cm langer Nagel die Magenwände der Kuh durchstochen hatte. Zu bemerken ist, dass in dieser LPG bereits schon Rasierklingen und Glasscherben im Futter gefunden wurden.

In der Nacht zum 16.10.1955 wurde im Gemeinschaftsstall der Gemeinde Brohm, [Bezirk] Neubrandenburg, das Pferd eines Kleinbauern durch Zerstechen der Hinterpartie misshandelt.

Im Lager der VEAB Marbach, [Bezirk] Erfurt, wurde in einem Silo, wo 120 t Getreide lagern, der Kornkäfer festgestellt. Bei der durchgeführten Überprüfung ergab sich, dass durch einen landwirtschaftlichen Betrieb in Schloßvippach der Kornkäfer bewusst eingeschleust wurde, um eine größere Menge dem Verderb preiszugeben.

Am 14.10.1955 wurde von unbekannten Tätern der Erntewagen der LPG Schönhagen, [Bezirk] Potsdam, in Brand gesteckt.

Unter dem Motorrad des LPG-Vorsitzenden wurde Benzin gegossen und dies angezündet. Beide Brände konnten gelöscht werden.

In der MTS Dingelstädt, [Bezirk] Erfurt, wurde das Motorrad der Politabteilung beschädigt.

Am 17.10.1955 brannte eine Getreidefeime76 der LPG Pahna-Fockendorf, [Bezirk] Leipzig, mit Getreide von ca. fünf ha nieder. Ursache: Brandstiftung.

Vermutliche Feindtätigkeit

Brände, wo Brandstiftung vermutet wird, brachen in folgenden landwirtschaftlichen Betrieben aus:

Bei einem Mittelbauern in Litten, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, – Scheunenbrand: Es verbrannten:

  • 102 Zentner Getreide,

  • 100 Zentner Kartoffeln,

  • 15 Zentner Düngemittel,

  • 280 Zentner Stroh und

  • landwirtschaftliche Geräte.

Schaden ca. 34 000 DM.

Im VEG Pirna-Rottwerndorf, [Bezirk] Dresden – Feldscheune.

Bei einem Kleinbauern in Schochwitz, Ortsteil Krimpe,77 Saalekreis, [Bezirk] Halle – Strohdieme.

Bei einem Mittelbauern in Bloßwitz, [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden – Stallbrand, Schaden: gesamter Maschinenpark, 4 t bis 5 t Kartoffeln, gesamter Heuvorrat.

Bei einen Neubauern78 in Plathe, [Kreis] Kalbe-Milde, [Bezirk] Magdeburg – Stallbrand, Schaden 10 000 DM.

Anlage 2 vom 4. November 1955 zum Informationsdienst Nr. 2493

Übersicht über die bekannt gewordene Feindtätigkeit in der Zeit vom 22.10. bis 4.11.1955

Hetzschriftenverbreitung:

  • SPD-Ostbüro – 81 684

  • NTS – 17 861

  • Zope – 11 309

  • KgU – 13 437

  • unbekannte Herkunft – 180 425

  • FDP-Ostbüro – 6 682

  • »Der Tag« – 734

  • »Tarantel« 1 000

  • in tschechischer Schrift – 347

  • »Freie Junge Welt« – 2 733

  • selbstgefertigte Flugblätter – 36

  • insgesamt: 316 248

Die Hetzschriftenverbreitung hat sich in der letzten Berichtsperiode von einem Tagesdurchschnitt von ca. 16 000 auf ca. 24 000 erhöht. Schwerpunkt in der Hetzschriftenverbreitung ist der Bezirk Potsdam.

Vom Ostbüro der SPD werden hauptsächlich die bereits bekannten Flugblätter »Staat ohne Zukunft« verbreitet. Diese Flugblätter beinhalten eine wüste Hetze gegen unsere Regierung, indem sie beschuldigt wird, die Verewigung der Spaltung Deutschlands anzustreben. In diesen Flugblättern versucht man auch die Arbeiter gegen die Regierung aufzuwiegeln, wobei man gegen eine Überprüfung der Normenfrage und gegen die KVP-Werbung hetzt.

Andere Flugblätter hetzten gegen die Aktionseinheit der Arbeiterklasse in Westdeutschland, indem sie unsere Partei beschuldigen, sie würde sich nur deshalb für die Aktionseinheit einsetzen, weil sie hoffe, Einfluss unter der SPD zu gewinnen.79

Auch versucht man, mittels der Hetzschriften die Facharbeiter zur Republikflucht zu veranlassen, indem man die Industriezweige angibt, wo angeblich noch viele Arbeitskräfte benötigt werden.

Antidemokratische Tätigkeit

Die antidemokratische Tätigkeit hat sich in dieser Berichtsperiode nicht wesentlich verändert. Nach wie vor werden uns zahlreiche Beispiele bekannt, wo Hetzlosungen und Hakenkreuze angeschmiert und Plakate abgerissen werden. Schwerpunkt sind die VEB.

So wurden im VEB Waggonbau Bautzen, [Bezirk] Dresden, VEB Lowa Dessau, [Bezirk] Halle, Mewa-Werk Brandenburg,80 [Bezirk] Potsdam, Lackfabrik Köthen, [Bezirk] Halle, Bahnhof Arenshausen, [Bezirk] Erfurt, Bahnhof Schöneck, [Kreis] Klingenthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, am Briefkasten in Neugersdorf, [Bezirk] Dresden, an einer Anschlagsäule in Dresden, auf der Straße in Müllrose, [Kreis] Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, an der Autobushaltestelle in Großschönau, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, an der Franz-Ziegler-Schule81 und am Stadtbad in Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, auf der Fernverkehrsstraße 186 in Gnetsch, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, in der Winzerstraße82 und Clara-Zetkin-Straße83 in Erfurt und in Rothenburg, [Kreis] Niesky, [Bezirk] Dresden, Hetzlosungen gegen unsere Regierung, unsere Partei und unsere führenden Funktionäre angebracht.

Hetzlosungen gegen die Oder-Neiße-Friedensgrenze wurden in der Warnowwerft in Warnemünde, [Bezirk] Rostock, in der Brikettfabrik Krumpa,84 [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, im VEB Reifenwerk Riesa, [Bezirk] Dresden, angeschmiert.

Im VEB Elbtalwerk Pirna,85 [Bezirk] Dresden, und auf der Straße in Jahnsdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden Hetzlosungen gegen die KVP, im Otto-Brosowski-Schacht Eisleben,86 [Bezirk] Halle, gegen die schaffende Intelligenz und an der Gemeindetafel in Drebligar, [Kreis] Torgau, [Bezirk] Leipzig, gegen die LPG angebracht.

Hakenkreuze wurden in Radebeul, [Bezirk] Dresden, in Dresden, in Belzig, [Bezirk] Potsdam, in Bernburg, [Bezirk] Halle, in Frankfurt/Oder, in Bockau, [Kreis] Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in Schwaan, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, im VEB Trikotagenwerk Lübben, [Bezirk] Cottbus, und in Halle angeschmiert.

Plakate wurden im VEB Werkzeugunion Steinbach-Hallenberg, [Bezirk] Suhl, in der Bergarbeiterunterkunft in Zwickau und Lengenfeld, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in der Warnowwerft Rostock, im Maxim-Gorki-Theater87 in Magdeburg und in Buckow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, abgerissen.

Drohbriefe

In der Berichtsperiode wurden vereinzelt Drohbriefe an die Bevölkerung versandt.

So erhielt eine Familie aus Großwig, [Bezirk] Leipzig, einen Brief, worin sie aufgefordert wurden ihre Tochter in Sicherheit zu bringen, da die Gefahr der Verhaftung droht.

Einen ähnlichen Drohbrief erhielt ein Einzelbauer aus Wurzen, [Bezirk] Leipzig. Der Rat des Kreises Königs Wusterhausen erhielt einen Hetzbrief, in dem gefordert wurde, den Bürgermeister und die Betriebsleiter der VEB von Zernsdorf88 abzusetzen, falls dies nicht geschieht, würden Abwanderungen nach Westberlin und Westdeutschland einsetzen.

Fingierte Anrufe

Die VEAB Reichenbach, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, erhielt einen fingierten Anruf, dass die Reichsbahn angeblich keine Waggons für die Kartoffelverladung zur Verfügung stellen kann.

Eine Mitarbeiterin von der Abteilung Handel und Versorgung vom Rat des Kreises Altenburg, [Bezirk] Leipzig, erhielt einen fingierten Anruf, sie soll mit sämtlichen Plänen und Planziffern beim Rat des Bezirkes Leipzig vorsprechen. Diese Mitarbeiterin hat schon einen Anruf erhalten, wo sie Auskunft über die Butterversorgung geben sollte.

Terror

Ein LPG-Arbeiter aus Hennickendorf, [Kreis] Strausberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, hat am 24.10.1955 im betrunkenen Zustand den Parteisekretär der LPG und den Fahrer der SED-Kreisleitung Strausberg tätlich angegriffen.

Am 28.10.1955 wurde ein Angehöriger der VP in Teltow, [Bezirk] Potsdam, von zwei Personen tätlich angegriffen und geschlagen, als er sie aufforderte die Personalien anzugeben, weil sie auf ihren Fahrrädern ohne Licht fuhren.

Am 20.10.1955 vormittags wurden auf den Wagen des Kreispolizeiamtsleiters von Köthen, [Bezirk] Halle, welcher in der Bernburger Straße gegenüber der Fachschule für Chemie stand, vier Schuss abgegeben. Die Schüsse haben ihr Ziel verfehlt und gingen in das gegenüberliegende Haus, wo Fensterscheiben beschädigt wurden. Im Wagen befand sich nur der Fahrer.

Am 27.10.1955 wurde der Zug Berlin – Prag im Kreis Pirna und am 30.10.1955 der Interzonenzug D 112 im Kreis Wolmirstedt mit Steinen beworfen.

Gerüchte

Die Gerüchteverbreitung hat sich gegenüber der letzten Berichtsperiode verringert, was sich besonders in der Landwirtschaft zeigt. Die aufgetauchten Gerüchte beinhalten, dass die zurückgekehrten Kriegsverurteilten von den Staatsorganen in der DDR wieder festgenommen würden. Dies wird im VEB Waggonbau Bautzen und in der Stadt Zehdenick, [Bezirk] Potsdam, verbreitet.

Im Zug von Borna nach Geithain wurden von Arbeitern das Gerücht verbreitet, dass diejenigen, die illegal die DDR verlassen wollen und von der VP angegriffen werden, zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt würden.

Ein Arbeiter vom Postamt Zittau, [Bezirk] Dresden, verbreitet, dass die Geldscheine umgetauscht werden, wo auf der Rückseite der linken Ecke keine Ziffer eingedruckt ist.

Feindtätigkeit in der Industrie

Die Diversionsakte in den Industriebetrieben haben sich in dieser Berichtsperiode etwas verringert.

In der Wismut-Fabrik 96 in Freital, [Bezirk] Dresden, wurde am 21.10.1955 ein Kabel abgeschlagen, wodurch eine Störung der Signalanlage und der Pumpenstation eintrat. In der Presserei entstand dadurch größerer Produktionsausfall, Täter wurde festgenommen.

Im VEB Reifenwerk Riesa wurden am 1.11.1955 acht Luftschläuche durchstochen.

Am 20.10.1955 wurde im Plattenwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, durch ein Eisenstück der Tonschneider außer Betrieb gesetzt.

Im Hoch- und Tiefbau im Baalberge, [Kreis] Bernburg, [Bezirk] Halle, wurde ein 80 m langes Kabel durchschnitten. Das Kabel diente der Stromzufuhr für Eimerbagger.

Am 25.10.1955 befand sich in der Waschmaschine des VEB Fortschritt89 in Rostock ein Schraubenschlüssel, wodurch die Maschine außer Betrieb gesetzt wurde.

Am 19.10.1955 fiel im VEB Grube Phönix,90 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, eine E-Lok aus. Eine Überprüfung ergab, dass sich ein Kugellagerring und zwei Schleifkolben im Gehäuse des Motors befanden.

In der Volkswerft »Ernst Thälmann« in Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, wurden drei Kabel eines Fischloggers stark beschädigt.

Am 27.10.1955 wurde ein Grabenbagger des Wismut-Objektes 11, [Bezirk] Gera, stark beschädigt, sodass dieser vier Tage ausfiel.

In der Stahlformmasse, die für das Ernst-Thälmann-Werk in Magdeburg91 bestimmt war, wurden Glasscherben gefunden. Aufgrund dessen sind ca. ein bis zwei Tonnen Stahlformmasse unbrauchbar.

Im Kabelwerk Ludwigsdorf, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, wurden im Kalksilo zwei Zementsteine gefunden. Schaden konnte verhindert werden.

Feindtätigkeit in der Landwirtschaft

In der Landwirtschaft konzentriert sich der Gegner auf Diversionsakte.

Im Einfüllstutzen seines Traktors der MTS Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, und im Tank des Lkw der LPG »Thomas Müntzer«92 in Kantnitz, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde Sand festgestellt.

Am 19.10.1955 wurde beim Ölwechsel eines Traktors des MTS-Stützpunktes Wesendorf, [Bezirk] Potsdam, im Ölfilter Putzwolle gefunden.

In der MTS Pätz, [Bezirk] Potsdam, wurde in einen Tank des Traktors, in der MTS Gingst, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock, in einen Tank seines Lkw Zucker geschüttet und in der MTS Linden, [Bezirk] Suhl, wurde in einem Tank Dünger festgestellt.

Am 18.10.1955 wurden die Decken des Motorrades vom Leiter der MTS Seefeld, [Bezirk] Potsdam, durchstochen und in den Tank [des Motorrades] des Agronomen Wasser hineingegossen.

Im Getriebe eines Traktors der MTS Radeberg, [Bezirk] Dresden, befanden sich drei Kugeln. Da diese vom Hauptzahnrad erfasst wurden, platzte das Gehäuse.

In der gleichen MTS fielen am 6.10.1955 vier Traktoren aus, da sich im Dieselkraftstoff Wasser befand. In der Tankstelle des MTS Stützpunktes in Schönefeld, wo die vier Traktoristen getankt hatten, waren ca. 400 Liter Dieselkraftstoff mit Wasser vermischt.

In der MTS Tetschendorf, [Bezirk] Potsdam, wurden die Scheinwerfer eines Lkw und die Lichtmaschine beschädigt. Außerdem wurde ein aufgebockter Traktor heruntergerissen.

In der LPG Arensdorf, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, wurden die Ventile der Kartoffeldampfanlage beschädigt.

Von einem Krautschläger der MTS Chemnitz, [Bezirk] Neubrandenburg, von einer Kombine der MTS Frohburg, [Bezirk] Leipzig, und von einer Kombine der MTS Neeken, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, wurden die Räder und die Reifen entwendet.

In der LPG Vereinigte Kraft in Milzau, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, wurden Nägel und Drahtstücke im Futter gefunden. Außerdem waren die Vorderfüße eines Rindes zusammengebunden.

Einer Genossin als Teltow, [Bezirk] Potsdam, wurden sieben Gänse mit Arsen vergiftet.

In der LPG Linum-Horst, [Bezirk] Potsdam, wurden 50 Hühner vergiftet. Außerdem verendeten sechs Schweine, Ursache nicht bekannt. In dieser LPG werden in letzter Zeit in jeder Nacht vier bis fünf Kühe ausgemolken.

Im Kahlwinkel, [Kreis] Nebra, [Bezirk] Halle, wurden in einen Brunnen acht bis zehn Liter Benzin geschüttet. Der Brunnen reicht an die Wand des Öllagerraumes der MTS Außenstelle. Durch Anzünden des Benzins hätte ein Brand im Öllagerraum ausbrechen können.

In Lichtertanne, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden sechs Apfelbäume abgesägt.

Vermutliche Feindtätigkeit:

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben sind Rinder an vermutlicher Vergiftung erkrankt.

  • LPG Altenhausen, [Bezirk] Magdeburg – 48 Kühe

  • VEG Großbeuthen, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam – 20 Kühe

  • LPG Weißig, [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden – zwei Kühe

In der MTS Putlitz, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sind in der letzten Zeit sechs Traktoren ausgefallen, da das Öl zu einer breiigen Masse wird und die Siebe verstopft. Ähnliche Erscheinungen sind auch bei anderen MTS im Kreis Pritzwalk und Gransee zu verzeichnen.

Im VEB Dachziegelwerk Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, treten in der letzten Zeit laufend Betriebsstörungen auf, welche vorwiegend an der Ziegelpresse und am Transportband auftreten.

Anlage 3 vom 3. November 1955 zum Informationsdienst Nr. 2493

Sonder-Information zur Stimmung in der Deutschen Staatsoper in Berlin

I. Stimmung in der Staatsoper Berlin

Seit der Eröffnung93 herrscht unter einem Teil des Personals der Staatsoper eine sehr schlechte Stimmung. Besonders tritt diese schlechte Stimmung unter den Technikern und Bühnenarbeitern und einem Teil der Künstler, die zum Staatsopernensemble gehören, auf. Die Stimmung in der Staatsoper ist sehr ernst zu nehmen und falls nicht rasch eine Änderung eintritt, besteht die Gefahr, dass das technische Personal streikt und dass eine starke Abwanderung von Fachkräften einsetzt.

a) Ursachen der schlechten Stimmung unter dem technischen Personal

Bei den Technikern ist die schlechte Stimmung darauf zurückzuführen, dass sie täglich 12 bis 18 Stunden schwer arbeiten müssen, die Löhne sehr niedrig [sind] und gleiche Leistungen verschieden bezahlt werden. So erhalten z. B. 30 Techniker die Lohngruppe VIII, weitere 30 Techniker die Lohngruppe VII und der Rest die Lohngruppe VI, obwohl alle dieselbe Arbeit verrichten. Da die Überstunden nicht höher bezahlt werden, haben die Techniker kein Interesse, Überstunden zu leisten.

In der Intendanz der Oper wurde den Technikern versprochen, dass nach dem 15.10.[1955] der achtstündige Arbeitstag eingehalten wird, jedoch hat sich nach dem 15.10.1955 nichts geändert.

Weiterhin wurde die Intendanz kritisiert, dass an mehreren Tagen Stücke mit schwerer Dekoration hintereinander angesetzt werden, sodass die Zeit zum Proben und zum Wiederaufbau der schweren Dekoration nicht ausreicht.

Durch die Prämiierung anlässlich des Tages der Aktivisten94 wurde die schlechte Stimmung noch verschärft, da laut Beschluss der Prämienkommission alle Bühnenarbeiter 100 bis 150 DM erhalten sollten, jedoch der technische Direktor die Prämiierung so vornahm, dass die Meister 300 bis 450 DM und ein großer Teil der Bühnenarbeiter nur 60,00 bis 100 DM erhielt.

Außerdem ist das technische Personal noch darüber ungehalten, dass sie vonseiten der Regierung anlässlich der Eröffnungsfeier nicht bedacht wurden. Viele Techniker äußern sich nun in der Form »das ist die Arbeiter-und-Bauernregierung, die Großen feiern und saufen und für den kleinen Arbeiter, der Tag und Nacht geschuftet hat, ist nicht einmal ein Wort des Dankes nach der Eröffnung übrig«.

Im Zusammenhang damit bringen die Techniker zum Ausdruck, dass viel Geld und Material eingespart werden könnte, wenn die verantwortlichen Künstler erst dann die Dekoration anfertigen lassen, wenn alles genau geprüft ist und feststeht, damit es nicht vorkommt, dass eine Dekoration dreimal geändert werden muss. Die Techniker äußern, »für solche Sachen sind Millionen Mark vorhanden, während für die Bezahlung der Techniker und für das versprochene Fest kein Geld vorhanden ist«.

Ein Antrag betreffs Mittel zur Finanzierung des Festes, der an die Präsidialkanzlei eingereicht wurde, ist vom Ministerium für Kultur nicht weiterbearbeitet worden. Aufgrund dessen, dass für das Fest der Techniker nun kein Geld vorhanden war, wurde unter den Künstlern für das Fest gesammelt. Als dies die Techniker erfuhren, dass die Künstler das Geld für das Fest spendeten, kam eine sehr schlechte Stimmung auf und das Fest wurde »Bettelfest« genannt und ein großer Teil wollte sich nicht daran beteiligen. An dem Fest am 6.10.1955 nahmen jedoch ca. 75 % der Techniker teil.

b) Ursachen der schlechten Stimmung unter den Künstlern

Bei den Solisten, die Mitglieder der Staatsopern-Ensembles sind, ist eine Unzufriedenheit zu verzeichnen, weil sie schlechter bezahlt werden als die westdeutschen Gäste.

So ärgerten sich z. B. die Solisten darüber, dass man mit dem Kammersänger Hermann95 einen pompösen Abschluss tätigte und dass Frau Grob-Prandl96 aus Wien eine große Gage bezieht. Verärgert sind die Künstler auch darüber, dass der Kammersänger Hermann bei der Verleihung der Kohlenscheine 200 Zentner Kohlen erhielt, während die anderen Solisten, die fast täglich auf der Bühne stehen und viele Opern singen, nur zehn Zentner Kohlen erhielten.

II. Auswirkungen der schlechten Stimmung

a) Beim technischen Personal

Wenn die derzeitigen Schwierigkeiten nicht beseitigt werden, besteht die Gefahr, dass die Kollegen des technischen Personals streiken.

Es ist auch zu verzeichnen, dass von den Technikern keiner mehr gern bei der Staatsoper arbeiten möchte und es besteht die Gefahr, dass eine ganze Reihe von Fachkräften abwandert; 15 Techniker haben bereits schon gekündigt.

b) Bei den Künstlern

ist zu verzeichnen, dass viele Mitglieder der Oper es jetzt bereuen, dass sie treu zur Oper gehalten haben, trotz westdeutscher Angebote, da sie stets hinter den Gästen, die sehr hoch bezahlt werden, zurückstehen müssen. Der Tenor Stolze97 z. B. hat die Absicht, nach dem Westen zu gehen, wenn nicht bald eine Änderung in der Staatsoper erfolgt.

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    4. November 1955
    Ernte [L 20/55]

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    2. November 1955
    Versorgung [V 20/55]