Zur Beurteilung der Situation in der DDR
21. Dezember 1955
Informationsdienst Nr. 2496 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Zur allgemeinen Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben ist zu sagen, dass die politischen Probleme, bis auf den Fall John,1 gegenwärtig wenig Beachtung finden.
So wird z. B. kaum noch über Fragen, die mit dem Ausgang der Genfer Konferenz2 im Zusammenhang stehen, gesprochen. Auch das Problem der Durchführung der sogenannten freien Wahlen,3 welches im starken Maße diskutiert worden ist, wird nur noch in wenigen Fällen zum Gegenstand der Diskussionen genommen.
Als Schwerpunkte traten dabei in dieser Berichtsperiode der VEB Thräna,4 [Bezirk] Leipzig, das Hauptreparaturwerk Dreilinden, Kreis Potsdam-Land, das Kunstseidenwerk Premnitz und die Rathenower Optischen Werke, beide im Bezirk Potsdam, in Erscheinung.
In diesen Betrieben werden vielfach negative Diskussionen über freie Wahlen geführt, was in erster Linie auf das Abhören der Westsender zurückzuführen ist.
Zum Beispiel wird sogar in der Werkzeugausgabe und in der Stellmacherei des Hauptreparaturwerkes Dreilinden während der Arbeitszeit der RIAS5 gehört. Wenn die Kollegen daraufhin zur Rechenschaft gezogen werden, erklären sie, dass die Sendungen des RIAS unterhaltender als die Programme unseres demokratischen Rundfunks seien.
Wie bereits erwähnt, bildet bei den politischen Diskussionen der Fall Dr. John eine Ausnahme, in dem darüber sehr rege gesprochen wird.
Die Hauptpunkte der Diskussion sind:
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John wird als Spion der Westmächte angesehen.
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Es wäre falsch gewesen ihm so vertraut zu haben, was seine Rückkehr beweise.
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Der ADN-Meldung wird entweder in sachlicher Form kein Glauben geschenkt, oder man nimmt in höhnischer Weise dazu Stellung.6
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Da unsere Presse und Rundfunk keine Ausführungen mehr darüber machen, hat der Gegner ausreichend Gelegenheit seine Lügenmeldungen zu verbreiten.
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Feindliche Elemente hetzen in diesem Zusammenhang gegen die DDR, indem sie behaupten, John wurde zu Spitzeldiensten wieder nach Westdeutschland geschickt.
Abschließend sei zu den Diskussionen über den Fall Dr. John bemerkt, dass sich nicht nur die Arbeiter und Angestellten, sondern auch die Angehörigen der technischen Intelligenz im starken Maße daran beteiligen.
Aufgrund der zufriedenstellenden Lage in der Versorgung sind darüber die Diskussionen abgeklungen. Es gibt lediglich noch Einzelstimmen, die zu den »hohen Preisen«, besonders von Genussmitteln, Stellung nehmen.
Weiterhin besteht aber ein stärkeres Interesse für ökonomische Fragen sowie betriebliche Belange.
Dabei stehen in dieser Berichtszeit folgende Probleme im Vordergrund:
- 1.)
Ökonomische Fragen des 25. Plenums;7
- 2.)
Die Weihnachtsgratifikation;8
- 3.)
Die Auszahlung der Quartalsprämien.9
1.) 25. Plenum
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben die Diskussionen über das 25. Plenum zugenommen, da eine breite Auswertung in den Betrieben eingesetzt hat.
In den Versammlungen sowie in den Produktionsberatungen wird in kritischer Form zu bestehenden betrieblichen Mängeln Stellung genommen oder es werden Verbesserungsvorschläge eingebracht.
Angehörige der Intelligenz befassen sich vorwiegend mit der Einführung der Technik sowie mit verschiedenen auf diesem Gebiet liegenden Fragen.
Nachstehend einige Beispiele:
Im VEB TKF Zella-Mehlis,10 [Bezirk] Suhl, wurden in einer Versammlung Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit den Möglichkeiten der Mechanisierung befassen sollen. In der letzten Zeit wurden bereits von diesen Arbeitsgruppen mehrere Vorschläge und Perspektivpläne erarbeitet, welche gemeinsam mit den Kollegen und der Werkleitung ausgewertet werden sollen.
Im Wismut-Objekt11 31 – Auerbach – machen sich auch die parteilosen Kollegen Gedanken, wie sie zur Erfüllung der durch das 25. Plenum gestellten Aufgaben beitragen können.
Zum Beispiel machte ein Kollege die Elektroschweißerprüfung, um Ventile, die nicht mehr zu gebrauchen waren, durch sein entwickeltes Schweißverfahren wieder verwendungsfähig zu machen. Dadurch wird eine Einsparung von 300 DM je Ventil erzielt.
In den Wismut-Objekten Crossen und Cainsdorf-Zwickau werden in den Versammlungen viele Mängel im Arbeitsablauf aufgezeigt und starke Kritik an den Betriebs- und Zechenleitungen geübt.
In einer Versammlung in den Rathenower Optischen Werken forderten Kollegen, dass in ihren Abteilungen eine bessere Arbeitsorganisation eingeführt wird. Die Kollegen der Feinoptik verpflichteten sich, das Gerät »Alustar«12 im Herstellungspreis zu senken. Bemerkenswert ist, dass in diesem Betrieb sonst immer zu verzeichnen war, dass Kollegen vorzeitig die Versammlungen verlassen haben. Obwohl diese Versammlung drei Stunden dauerte, war dies hierbei nicht der Fall.
Im VEB »Thomas-Müntzer«13-Schacht im Kreis Sangerhausen fand zur Auswertung eine Brigadier-Konferenz statt. Es wurde erörtert, dass im Planjahr 1956 eine Steigerung von 3 000 t Kupferschiefer erforderlich ist.
Vom Ingenieurkollektiv des Eisenwerkes »1. Mai« in Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, wurde der Vorschlag gemacht, in der Maschinenformerei eine Bandstraße einzuführen.
2.) Zahlung der Weihnachtsgratifikation
An der allgemeinen Einschätzung der Diskussion über die Zahlung von Weihnachtsgratifikationen hat sich nichts geändert. Diese Maßnahme wird weiterhin von der Mehrzahl begrüßt.
Es treten jedoch weiterhin in einzelnen Kategorien von Arbeitern Unzufriedenheiten auf.
So sind weiterhin berufstätige, verwitwete Frauen nicht damit einverstanden, dass sie als Ledige betrachtet werden und statt 35,00 DM nur 25,00 DM erhalten.
Ebenfalls unzufrieden sind die Arbeiter, die im letzten Vierteljahr aufgrund der Planerfüllung Überstunden leisten mussten, dadurch mehr als 500 DM verdienten und somit keine Weihnachtsgratifikation erhalten, obwohl der Verdienst sonst unter 500 DM liegt.
Diese Diskussionen traten auf in den VEB:
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Abuswerke Schwerin,
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Nähmaschinenwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin,
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Industriewerk Rauenstein-Sonneberg, [Bezirk] Suhl,
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Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Bezirk] Suhl,
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Webstuhlbau Großenhain, [Bezirk] Dresden,
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Ostglas Schwepnitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden,
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Gummiwerk Elastik Gotha, [Bezirk] Erfurt,
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Waggonbau Gotha, [Bezirk] Erfurt.
Zu den Arbeitern, die wegen der Weihnachtsgratifikationen unzufrieden sind, gehören auch jene, die durch Sonntagsarbeit, Sperrzonen- und besonders Erschwerniszulagen14 erhalten und dadurch mehr als 500 DM verdienen. Sie vertreten die Meinung, dass diese Zulagen nicht mit berechnet werden dürften bei der Ausrechnung des Grundlohnes für die Gratifikation.
Diese Diskussionen treten auf in den folgenden VEB:
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Kaliwerk »Ernst Thälmann« Merkers, [Bezirk] Suhl,
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Öl- und Fettwerke »Hans Schellheimer« Magdeburg,
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Braunkohlenwerk Harbke, [Bezirk] Magdeburg,
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Teerwerk Erkner,15 [Bezirk] Frankfurt/Oder,
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Maxhütte Unterwellenborn, [Bezirk] Gera.
Am stärksten treten jedoch Unzufriedenheiten unter einem Teil der Angestellten und Arbeiter auf, die über 500 DM verdienen. Sie bezeichnen diese Regelung als ungerecht, da sie aufgrund größerer Verantwortung und Leistungen so viel verdienen würden.
Solche Diskussionen werden in fast allen Bezirken geführt.
3.) Prämienfragen
Unter den Arbeitern traten auch in dieser Berichtszeit verstärkt unzufriedene Diskussionen über die Zahlung von Quartalsprämien an Wirtschaftsfunktionäre auf.16 Diese unterscheiden sich im Wesentlichen nicht im Inhalt zu den vorangegangenen.
So wurde im Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle, für das III. Quartal eine Prämie in einer Gesamthöhe von 235 729 DM ausgezahlt. Davon erhielten der Leiter der Versuchsabteilung 2 453 DM, der Leiter der Reparaturabteilung 2 500 DM, der Arbeitsdirektor 1 880 DM, die stellvertretende Kaderleiterin 1 200 DM usw.
Die Arbeiter diskutieren darüber negativ. Sie sagen, ohne unsere Hilfe hätten diese Genannten ihre Leistungen nicht vollbringen können. Wir leisten die Produktion und die anderen schlucken die Prämien.
In der Baumwollspinnerei Dietel Wilkau-Hasslau,17 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden Prämien an die Intelligenz in Höhe von 200 bis 800 DM und an die Arbeiter nur 5,00 bis 35,00 DM gezahlt. Unter die Intelligenz fielen Meister, Parteisekretäre und Angestellte. Da der Unterschied sehr krass ist, kam es zu lebhaften Diskussionen, in denen eine derartige Prämienverteilung abgelehnt wurde.
Diese Meinung wurde auch von den fortschrittlichen Arbeitern des Betriebes vertreten.
Gleiche und ähnliche Diskussionen gibt es noch in den folgenden VEB:
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Maschinenbau Burg, [Bezirk] Magdeburg,
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Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt,
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Steingut Colditz, [Bezirk] Leipzig,
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Elma Hartha,18 [Bezirk] Leipzig,
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Steingutwerk Torgau, [Bezirk] Leipzig,
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Öl- und Hefewerk Velten, [Bezirk] Potsdam,
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Baumwollspinnerei Plaue und Hohenfichte, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,
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Motorradwerk Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,
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Sauerstoffanlage Neptunwerft Rostock,
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Kfz-Werke Meißen, [Bezirk] Dresden,
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Wärmegerätewerke Königsbrück, [Bezirk] Dresden,
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Porzellanmanufaktur Meißen, [Bezirk] Dresden,
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RAW Meiningen, [Bezirk] Suhl,
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Holzwerk Gehren, [Bezirk] Suhl,
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Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Bezirk] Suhl,
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Röhrenwerk »Anna Seghers« Neuhaus, [Bezirk] Suhl,
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Keramik-Maschinen Steinach, [Bezirk] Suhl,
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Eisenmanganerzbergbau Schmalkalden, [Bezirk] Suhl,
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Ankerwerk Schmalkalden, [Bezirk] Suhl,
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Ika Suhl.
Produktionsstörungen in der Zeit vom 7.12. bis 20.12.1955
Braunkohlenindustrie
Im Vergleich zur letzten Berichtszeit wurden auch diesmal wieder größere Produktionsstörungen aus dem Braunkohlengebiet der Kreise Borna und Altenburg, [Bezirk] Leipzig, gemeldet.
Die Ursachen sind auf Ausfall von Baggern und Absetzern, Materialschäden und Zugentgleisungen infolge schlechter Gleisanlagen zurückzuführen. Der entstandene Ausfall beträgt:
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71 760 cbm Abraum,
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8 100 t Rohkohle,
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1 036 t Brikett.
Außerdem konnten 4 580 cbm Abraum nicht transportiert werden. Im VEB Braunkohlenwerk »Erich Weinert« Deuben, [Bezirk] Halle, fiel der Absetzer II wegen Schaden am Triebstock aus, wodurch ein Ausfall von 10 000 cbm Abraum entstand.
Ebenfalls wegen Ausfalls eines Abraumbaggers im Abraum Birkau, [Bezirk] Halle, entstand ein Ausfall von 4 000 cbm Abraum.
Am 15.12.1955 ereignete sich am Gesenk des Schachtes 277 in Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine Havarie in der Förderanlage durch Fahrlässigkeit des Signalisten. Der Schaden beträgt 6 000 DM. Im Objekt 32 Auerbach musste die chemische Zeche außer Betrieb genommen werden, da ein Eindicker von 12 m Durchmesser völlig auslief. Die erzhaltige Masse floss in die Zeche, wobei fünf Motore ersoffen.
Die Zeche III der Fabrik 95 Freital, [Bezirk] Dresden, war in der Nacht vom 16. zum 17.12.[1955] und vom 17. zum 18.12.1955 ohne Salzsäure und musste die Produktion einstellen. Die Ursache ist unregelmäßige Anlieferung der Salzsäure. Die Produktion läuft wieder normal.
In anderen Industriezweigen
Am 15.12.1955 fielen im Gaswerk des Kombinats Böhlen, [Bezirk] Leipzig, das Aggregat 1 und 2 infolge Wicklungsschluss am Motor aus. Es entstand ein Produktionsausfall von 60 000 cbm Gas.
Am 15.12.1955 wurde im VEB Baumwollspinnerei Leipzig ein Transmissionsvorgelage aus seiner Verankerung gerissen und dadurch eine Spinnmaschine zertrümmert. Schaden 20 000 DM. Außerdem stehen vier Spinnmaschinen still.
Im VEB Sodawerk »Karl Marx« Bernburg, [Bezirk] Halle, platzte der Vorwärmer des Destillers II. Materialschaden 100 000 DM. Produktionsausfall 400 t Soda.
Am 9.12.1955 musste ein Gleichstrom-Generator im Elektro-Chemischen Kombinat Bitterfeld wegen Windungsschluss abgeschaltet werden. Die Reparatur wird sich auf zweieinhalb Monate hinziehen. Schaden täglich 15 bis 20 t Grafitkohle, monatlich ca. 500 000 DM.
Am 15.12.1955 wurde durch einen herunterstürzenden Förderwagen im Kaliwerk Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, der Schacht IV vorübergehend stillgelegt.
Am 16.12.1955 explodierte im Sprengstoffwerk Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, eine Knallquecksilberlademaschine. Schaden 2 000 DM. Der Produktionsausfall wird drei Tage dauern.
Brände
Am 14.12.1955 brach im Schacht Schmierchau, [Bezirk] Gera, auf der 90 Meter Sohle ein Schwelbrand aus, wodurch die Strecke zwecks Eindämmung des Brandes zugemauert werden musste.
Im VEB Braunkohlenwerk Ammendorf, [Bezirk] Halle, entstand ein Brand auf der E-Lok (Gesamtschaden 2 000 DM).
Am 14.12.1955 im VEB Kaliwerk »Glückauf« Sondershausen Brand einer Unterkunftsbaracke.
Brand in der Dachpappenfabrik (Privatbetrieb Hegemann und Söhne) Klosterlausnitz, [Bezirk] Gera. (Am 12.12.55 vorwiegend Gebäudeschaden 30 000 DM)
Am 20.12.1955, gegen 19.05 Uhr, explodierte im Gaswerk Dresden-Reick in der Generatorenanlage II ein Gasreinigungsbehälter. Dadurch wurde die Hauptgasleitung stark beschädigt und geriet in Brand. Sachschaden ca. 100 000 DM. Außerdem ist mit einer vorläufigen Einschränkung der Gaserzeugung von 30 % zu rechnen.
Versorgung der Bevölkerung
In der letzten Zeit ist eine erhebliche Verbesserung der Versorgungslage erreicht worden. Es tauchen nur noch örtlich Schwierigkeiten auf, deren Ursachen vor allem in einer schlechten Warenstreuung liegen.
Aus diesem Grunde sind die negativen Diskussionen wesentlich zurückgegangen und es wurden in dieser Berichtsperiode nur solche Diskussionen bekannt, die im Wesentlichen zum Inhalt haben:
Warum gibt es bei uns diese Waren nicht, wo sie doch in anderen Orten im reichlichen Maße vorhanden sind.
Margarineversorgung
Die Margarineversorgung, die in den vergangenen Wochen der Anlass zu negativen Diskussionen und verschiedenen Unstimmigkeiten vor den Geschäften war, hat sich ebenfalls wesentlich verbessert. Das ist einmal darauf zurückzuführen, dass in den Bezirken eine Aufstockung erfolgte und zum anderen die Einkäufe für die Weihnachtsbäckerei zum größten Teil getätigt wurden.
Schwierigkeiten diesbezüglich werden noch aus dem Bezirk Neubrandenburg gemeldet, wo der erhöhte Bedarf der Bevölkerung noch nicht immer voll befriedigt werden kann.
Ebenso ist im Bezirk Schwerin die Margarine-Versorgung auf HO-Basis noch ein Engpass. Die Arbeiter im VEB Ölwerke Wittenberge drücken in ihren Diskussionen ihr Unverständnis darüber aus, dass Margarine ein Engpass ist, wo doch im Werk eine laufende Überproduktion an Öl zu verzeichnen ist. Vereinzelt kam es noch in den Grenzstädten Dömitz und Lenzen, Kreis Ludwigslust, und im Stadtgebiet Wittenberge, Kreis Perleberg, zu Hamstereinkäufen und negativen Diskussionen unter der Bevölkerung.
Warenbereitstellung für das Weihnachtsfest
Auch die Warenbereitstellung für das Weihnachtsfest hat sich verbessert. Obwohl der Bedarf der Bevölkerung an diesen Waren noch nicht vollständig gedeckt werden kann, so gibt es doch diese öfters zu kaufen.
Verschiedentlich wird von der Bevölkerung noch über die zu hohen Preise dieser Waren diskutiert.
Ein Problem bildet in einigen Bezirken augenblicklich die Zuteilung von Bohnenkaffee. Durch den Mangel an Bohnenkaffee wird dieser in den Bezirken vorwiegend Betrieben verkauft bzw. auf Lebensmittelkartenabschnitte verteilt. Dabei kommt es vor, dass durch die geringe Anlieferung der Kaffee an die Arbeiter nur in kleinen Mengen (von 50 bis 100 g) verteilt wird, was eine große Verärgerung hervorruft.
Im Bezirk Rostock soll laut Beschluss des Rates des Bezirkes mit Unterstützung der Bezirksleitung der Partei der Bohnenkaffee auf die Sonderabschnitte der Lebensmittelkarte abgegeben werden, damit eine gerechte Verteilung gewährleistet ist.
Im Bezirk Karl-Marx-Stadt ist der Verkauf von Bohnenkaffee besonders unter den privaten Geschäftsleuten Gesprächsstoff. Es wird eine Unzufriedenheit darüber ausgedrückt, weil dieser hauptsächlich in die Betriebe geliefert wird.
Auch im Bezirk Gera wird darüber diskutiert, warum der Bohnenkaffee nur in den Betrieben verkauft wird. Man solle es wie in Dresden machen und den Bohnenkaffee auch auf Marken verkaufen.
Im Wismut-Gebiet ist die Bevölkerung über die Anlieferung von kleinen Mengen Bohnenkaffee missgestimmt. In allen Arbeitsgebieten wird hierüber negativ diskutiert. Die Arbeiter schlussfolgern daraus, dass deswegen so viele nach dem Westen gehen würden.
Aufkauf von Waren aus dem staatlichen und genossenschaftlichen Einzelhandel durch Privatbäckereien
Aus Berlin und den Bezirken Neubrandenburg und Karl-Marx-Stadt wurden Beispiele bekannt, dass Privatbäckereien ihren Bedarf an Waren für die Herstellung von Backwaren vom staatlichen und genossenschaftlichen Handel decken.
So wurde bei einer Überprüfung durch die staatliche Handelsinspektion in Berlin festgestellt, dass einige private Bäckereien Margarine, Zucker usw. aus HO-Geschäften beziehen. Auch werden größere Mengen Frischmilch, kondensierte Milch, Obstkonserven, Frischobst- und Südfrüchte aus dem Bevölkerungskontingent zur Weiterverarbeitung aufgekauft. Von den Angestellten des staatlichen und genossenschaftlichen Handels wurden diese Waren den Backbetrieben frei Haus geliefert.
Eine Konditorei im Stadtbezirk Mitte bezieht als Vertragspartner der HO-Gaststätten aus dem zuständigen Auslieferungslager Raffinade und Eier, obwohl diese Konditorei nicht im Agenturvertag aufgeführt ist.
Einer anderen Konditorei wurde aus dem Gästehaus der Regierung Importbier zum Ausschank überlassen.
Im Bezirk Neubrandenburg beziehen private Bäckereien Akziseware wie Weizenmehl, Obstkonserven, Sultaninen usw. ebenfalls vom staatlichen und genossenschaftlichen Handel.
Das bedeutet, dass neben dieser strafbaren Handlung gleichzeitig eine grobe Steuerhinterziehung erfolgt.
Es wurden Überprüfungen im größeren Umfange eingeleitet.
Zur Lage in der Landwirtschaft
Unter der Landbevölkerung stehen die Vorschläge des 25. Plenums über die Abschaffung des Viehhalteplanes, die teilweise Abschaffung des Anbauplanes sowie die Erhebung derselben zum Beschluss noch immer im Mittelpunkt der politischen Gespräche.19
Inhaltlich hat sich in den Diskussionen nichts wesentlich verändert. Es werden nach wie vor die gleichen Argumente gebracht, die bereits in den letzten Berichten des Öfteren angeführt wurden.
Auch ist weiterhin zu verzeichnen, dass nach wie vor unter den Einzelbauern mehr darüber diskutiert wird als im sozialistischen Sektor.
Die Ursachen sind vor allem in der ungenügenden Auswertung des 25. Plenums durch die Grundorganisationen der Partei zu suchen. Diese ungenügende Auswertung zeigt sich auch ganz besonders deutlich in den darüber geführten Diskussionen, wo sich vielfach der Gegner die Unkenntnis der Bauern für seinen feindlichen Einfluss zunutze macht.
Das kommt besonders in den Diskussionen zum Ausdruck, wo die Forderung nach »Freier Wirtschaft« mit diesen Vorschlägen im Zusammenhang gebracht werden.
Der feindliche Einfluss zeigt sich aber auch noch in dem augenblicklich stark auftretenden Schlachtviehverkauf auf freie Spitzen,20 was mit der Änderung der Preise für freie Spitzen ab 1.1.1956 begründet wird.21
Unklarheiten, die mitunter sogar zur Verbreitung von Gerüchten führen, bestehen vor allem in der Regelung der Preise für freie Spitzen.
So wird z. B. in den Gemeinden Marienhof und Groß Tessin, Kreis Güstrow, und im Kreis Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, unter den werktätigen Bauern (zum Teil Genossen) über die Fragen der freien Spitzen diskutiert und die Meinung vertreten, dass durch die Preisregelung ab 1.1.1956 der Verkauf auf freie Spitzen abgeschafft wird.
Im Bezirk Magdeburg gibt es Unklarheiten über die Bezahlung der Schweine im nächsten Jahr. Es werden Diskussionen mit folgendem Inhalt geführt: »Die Preise für den freien Aufkauf werden im nächsten Jahr um 100 DM gesenkt« oder »die Spitzenpreise werden um 50 % gesenkt«.
Im Bezirk Leipzig diskutieren Bauern, dass man sich zum 25. Plenum abwartend verhalten müsste, da aus den Vorschlägen bis jetzt für diejenigen, die bisher viele Produkte auf freie Spitzen abgeliefert haben, ein finanzieller Verlust zu erwarten sei. Es müssten deshalb die Erläuterungen dazu abgewartet werden.
In den Gemeinden Falkenberg, [Kreis] Freienwalde, Klosterfelde, [Kreis] Bernau, sowie Philadelphia und Doberling, Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ist zu verzeichnen, dass die Bevölkerung damit rechnet, dass ab 1.1.1956 die Lebensmittelkarten wegfallen. Das wird deshalb angenommen, weil die Erfassungspreise höher und die Aufkaufpreise niedriger werden.
Auch besteht unter allen Bauern vor allem in den Kreisen Freienwalde, Beeskow und Seelow die Befürchtung, dass es sich im nächsten Jahr nicht mehr lohnen würde, freie Spitzen abzuliefern.
In der Gemeinde Lüdersdorf, [Kreis] Freienwalde, diskutiert die Bevölkerung, dass ab 1.1.1956 sämtliche Spitzenpreise wegfallen.
Verstärkter Schlachtviehverkauf
Aus den Bezirken Rostock, Schwerin, Potsdam, Magdeburg, Cottbus, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Gera und Suhl wird berichtet, dass eine ganze Reihe Bauern verstärkt Schlachtvieh zum Verkauf bringen.
Diese Tatsache beruht vor allem darauf, dass durch die Änderung der Preise für Pflichtablieferung und freie Spitzen ab 1.1.1956 Bauern bestrebt sind, noch möglichst viel Vieh in diesem Jahr auf freie Spitzen zu verkaufen.
Eine andere Ursache ist auch die Futterfrage. Es kann bis jetzt jedoch noch nicht festgestellt werden, welchen Umfang die Futterfrage bei dem verstärkten Absatz von Schlachtvieh einnimmt.
Der Umfang der Ablieferung an Schlachtvieh ist so groß, dass die Annahmestellen mitunter nicht wissen, wo sie das gekaufte Vieh unterbringen können.
Aus dem Bezirk Rostock wird dazu berichtet, dass Gemeinden, die bisher niemals ihr Fleischsoll erfüllten, jetzt schon 100%ig abgeliefert haben, um noch in den Genuss der jetzigen Preise für den freien Aufkauf zu kommen.
Im Bezirk Schwerin wurden vom Rat des Bezirkes durch Maßnahmen das Überangebot abgestoppt.
Das führt dazu, dass eine Reihe LPG u. a. in Karrensin, Kreis Parchim, und Zabel, Kreis Hagenow, erklären, dass sie bei Nichtabnahme ihre Getreidereserven für Futterzwecke verwenden müssen.
Im Bezirk Potsdam ist das übermäßige Angebot an Schlachtvieh auf freie Spitzen vor allem in den Kreisen Pritzwalk, Neuruppin, Belzig und Gransee zu verzeichnen.
In Pritzwalk und Gransee können zurzeit keine Schweine abgenommen werden, da keine Unterbringungsmöglichkeiten mehr vorhanden sind.
An den Schlachthof Brandenburg, der sonst eine Kapazität von 180 bis 200 Schweinen hat, werden täglich 400 Schweine angeliefert. Das hat zur Folge, dass täglich ca. 150 Schweine nicht geschlachtet werden können.
Diese Schweine bleiben dadurch manchmal vier bis fünf Tage in den Ställen. Da sie während dieser Zeit nicht gefüttert werden, entsteht täglich ein Fehlgewicht von 4 kg pro Schweine.
Aus dem Bezirk Magdeburg wird berichtet, dass die Ursache der verstärkten Abgabe von Schweinen auf freie Spitzen auch mit auf den Futtermangel zurückzuführen ist. Es werden vor allem Schweine im Gewicht von 80 bis 100 kg abgeliefert. Im Kreis Klötze war das Angebot so groß, dass vom Rat des Kreises angeordnet wurde, nur noch Schweine ab 100 kg abzunehmen. Zwei Tage später wurde das Abnahmegewicht auf 120 kg erhöht, was unter den werktätigen Bauern große Verärgerung hervorrief.
Durch die erhöhte Abgabe von Schweinen wurde bei der Viehzählung am 3. Dezember [1955] festgestellt, dass der Schweinebestand stark zurückgegangen ist. Im Kreis Salzwedel z. B. handelt es sich hauptsächlich um Schweine im Alter von sechs Monaten, die im Februar, März und April [1956] hätten zur Ablieferung kommen müssen.
In einigen Kreisen des Bezirkes Cottbus ist zu verzeichnen, dass das aufgetriebene Vieh von den Abnehmern nicht abgenommen wurde, weil sie mit Fleisch eingedeckt sind.
In der Gemeinde Groß Breesen, Kreis Guben, vertreten die Altbauern die Meinung, alle Schweine bis zum Ende des Jahres dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen. Damit hätte die Regierung im 1. Quartal 1956 keine Schweine zur Verfügung und die DDR würde bald zusammenbrechen.
Im Kreis Kamenz, [Bezirk] Dresden, stehen ca. 2 000 Schweine zum Abholen bereit. Der Kreis ist nicht in der Lage, die Schweine durch den freien Aufkauf anzukaufen, da die vorhandenen Kühlanlagen bei Weitem nicht ausreichen, um diese Mengen ordnungsgemäß zu lagern.
Der Schlachthof Rudolstadt, [Bezirk] Gera, hat noch ca. 200 Stück von der Konsumgenossenschaft aufgekauftes Schlachtvieh seit November bei den Bauern stehen.
Nichtabnahme von Zucht- und Nutzvieh
Aus den Bezirken Magdeburg, Cottbus, Dresden und Karl-Marx-Stadt wird berichtet, dass gleichzeitig auch der Absatz von Ferkeln schwierig ist. Das bedeutet, dass die Handelskontore für Zucht- und Nutzvieh die Ferkel nicht abnehmen, weil verschiedene Bauern an der Aufzucht von Schweinen nicht interessiert sind.
Aus diesem Grunde herrscht unter den werktätigen Bauern im Bezirk Magdeburg zurzeit eine Unzufriedenheit, weil ihnen die Ferkel und Läufer nicht abgenommen werden. Das trifft besonders für die Kreise der Altmark zu, da hier die Aufzuchtgebiete liegen.
Auch aus dem Kreise Kalbe/Milde geht aus den Diskussionen der werktätigen Bauern hervor, dass sie ihre Ferkel und Läufer auf die Straße jagen wollen, da sie an der weiteren Aufzucht nicht mehr interessiert sind, wenn nicht bald eine Änderung eintritt.
Im Bezirk Cottbus wird unter der Landbevölkerung über die schlechte Organisation vonseiten des Handelskontors für Zucht- und Nutzvieh diskutiert. Dieses hatte die Bauern aufgefordert, recht viel Ferkel zur Zucht aufzufüttern.
Im Bezirk sind ca. 16 000 Ferkel und Läufer nicht absetzbar. Die Bauern sind darüber sehr verärgert und bringen zum Ausdruck, dass sie im nächsten Jahr die Zuchtsauen abschlachten wollen, wenn ihnen die Ferkel nicht abgenommen werden.
Die LPG Burk, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, sollte vertraglich 150 Läuferschweine an das Kreiskontor für Zucht- und Nutzvieh liefern. Da das Kreiskontor nur 45 Stück abnahm, gingen der LPG 8 500 DM verloren. Damit der Fehlbetrag ausgeglichen wird, werden Schweine von 90 kg abgeliefert, die für das Soll im 1. Quartal 1956 vorgesehen waren. Dadurch ist die Sollablieferung für 1956 infrage gestellt.
Da der Absatz der Ferkel augenblicklich stockt, ist die Reaktion der Bauern im Bezirk Dresden so, dass sie Kartoffeln und Getreide für die Fütterung dieser Schweine zurückhalten.
Im Kreis Freital ist zurzeit ein Überhang von 2 100 Ferkeln vorhanden, da die Bezirke Cottbus und Halle nicht wie geplant abnehmen und der Schlachthof Dresden zu wenig Schlachtvieh entgegennimmt. Das hat bei einzelnen Bauern obendrein zur Folge, dass sie bei Nichterfüllung des Solls keine Schlachtgenehmigung und keine Genehmigung zum freien Verkauf bekommen.
Im Kreis Dippoldiswalde werden den Bauern ca. 1 200 Läufer und Ferkel nicht abgenommen. In der nächsten Zeit werden nur 250 Stück benötigt, die in erster Linie von LPG und VEG abgezogen werden sollen. Die Bauern erklären sich zum Abschluss von Mastverträgen nur bereit, wenn die überzähligen Ferkel abgenommen werden.
Trotzdem die Bauern dafür keine Schuld trifft, werden die Ferkelaufzuchtverträge als nichtrealisiert betrachtet, was ebenfalls zur Folge hat, dass die Bauern keine Schlachtgenehmigung erhalten, weil ihre Sollablieferung als nicht erfüllt gilt.
Auch die Handelskontore für Zucht- und Nutzvieh in Meißen und Bautzen können die vertraglich gebundenen Schweine nicht abnehmen. Unter den Bauern besteht deshalb die Meinung, dass sie die Zuchtsauen zum Teil mästen wollen, weil die Ferkel nicht abgenommen werden und zum andern große Futterschwierigkeiten bestehen.
Durch diesen Zustand ist zu verzeichnen, dass höchstwahrscheinlich im Frühjahr eine Ferkelknappheit auftreten wird.
In der LPG »Lenin« in Hilbersdorf, [Kreis] Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, nimmt das Handelskontor für Zucht- und Nutzvieh 70 Läufer nicht ab, wodurch der LPG Futterschwierigkeiten entstehen.
Im Bezirk Suhl ist ein Überhang von ca. 3 000 Läuferschweinen zu verzeichnen. Da ein Teil dieser Läufer von den Bauern aufs Soll abgeliefert werden soll, aber nicht abgenommen wird, gilt ihre Ablieferung als nicht erfüllt. Das hat wiederum zur Folge, dass die Bauern keine Schlachtgenehmigungen erhalten. Für die Bauern bedeutet das, dass sie um ihr Soll zu erfüllen, das Schwein, was für den eigenen Bedarf vorgesehen war, als Soll abliefern müssen.
Anlage 1 vom 21. Dezember 1955 zum Informationsdienst Nr. 2496
Stimmen der Bevölkerung zu Dr. John
Nach Bekanntwerden der Rückkehr Dr. Johns nach Westdeutschland nahmen sofort große Kreise der Bevölkerung dazu Stellung. Der Umfang dieser Gespräche wird von einigen Bezirken als noch größer bezeichnet als zum Zeitpunkt seines Übertrittes in die DDR.22 Zum Beispiel wurde in den Rathenower Optischen Werken Potsdam bei dem Übertritt Dr. Johns nach der DDR nur wenig dazu Stellung genommen, während jetzt genau das Gegenteil der Fall ist.
In verschiedenen Fällen überschatten diesbezügliche Gespräche jegliche Diskussionen zu anderen politischen Fragen. Vor allem nehmen Arbeiter, Angestellte und Angehörige der technischen Intelligenz aus den Industrie- und Verkehrsbetrieben zum Verhalten Dr. Johns Stellung, während aus der Landwirtschaft nur ganz wenig Äußerungen vorliegen:
Die Hauptpunkte der Diskussion sind:
- 1.
John ist ein Spion der Westmächte und hat nach Erfüllung eines bestimmten Auftrages die DDR wieder verlassen.
- 2.
Die Regierung der DDR hat Dr. John falsch behandelt, hat ihm zu viel gezeigt und eine mangelnde Wachsamkeit an den Tag gelegt.
- 3.
Der Meldung des ADN wird kein Glauben geschenkt. Bei Gesprächen werden oft Meldungen der Westpresse zugrunde gelegt, und Gerüchte haben oft hierin ihren Ursprung.
- 4.
Hetze gegen die DDR enthalten Äußerungen über das MfS und die Lage in der DDR.
Am stärksten ist die Meinung unter der Bevölkerung verbreitet, dass Dr. John nicht mit ehrlichen Absichten in die DDR kam. Vor allen Arbeiter äußern, dass Dr. John vom Westen geschickt worden sei und jetzt nach Erfüllung eines bestimmten Auftrages wieder nach Westdeutschland ging. Vor allem Arbeiter gebrauchen in diesem Zusammenhang sehr heftige Worte gegen John und er wird als »Verräter« gebrandmarkt; sehr oft wird auch das Wort »Gesinnungslump« gebraucht.
Vereinzelt wird auch argumentiert, dass sich noch erweisen würde, ob er als westlicher Agent gearbeitet hat.
Wenn er von westdeutschen Gerichten nicht bestraft würde, sei das als Beweis dafür anzusehen. Andere wiederum diskutieren, dass er wohl nur »pro forma für kurze Zeit drüben eingesperrt würde«.
Zum Beispiel wird im Bau B 44 West der Buna-Werke rege über den Fall Dr. John diskutiert und es besteht allgemein die Meinung, dass Dr. John bestimmt bloß nach hier gekommen ist, um zu spionieren.
Aus dem Feuerungsbau Köthen, [Bezirk] Halle, und dem Magnesitwerk Aken werden ähnliche Diskussionen bekannt.
Ein Arbeiter der Bau-Abteilung des Wismut-Objektes 98 – Aue – erklärte: »Nun hat er genug herumspioniert, jetzt geht er wieder nach drüben und verrät uns und arbeitet gegen uns. Es wäre besser, man würde solche Überläufer gleich hinter Schloss und Riegel setzen.«
Der Chefgeologe des Schachtes 186 – Aue – sagte: »Ein Jahr lang hat er spioniert und jetzt verrät er alles, was er in diesem Jahr gesehen hat.«
Der größte Teil der SED-Mitglieder, Arbeiter und Angestellten im VEB Werkzeugmaschinenwerk und VEB Ostthüringische Möbelwerke Zeulenroda, [Bezirk] Gera, bezeichnen John als »Schuft«, welcher hinter Schloss und Riegel gehört.
Ein parteiloser Schlosser aus der Abteilung Bremsen und Rohrlegerei des VEB Waggonbau Niesky sagte, dass, wenn John ohne Strafe ausgeht, es für ihn der Beweis sei, dass er im Auftrage irgendwelcher Stellen in die DDR gekommen ist.
Im Zusammenhang mit der ausgesprochenen Befürchtung über eine eventuelle Feindtätigkeit Dr. Johns in der DDR wird unsere Regierung beschuldigt, nicht wachsam gewesen zu sein. Sie habe Dr. John gleich zu viel gezeigt und praktisch eine eventuelle Spionage unterstützt.
Diese Stellungnahme wird besonders im Bezirk Suhl auf Zuwanderer aus Westdeutschland erweitert und es wird gefordert, nicht jedem unüberprüft bei uns Asyl zu gewähren.
Zum Beispiel bringen Arbeiter des VEB Holzindustrie Eggesin, Kreis Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, zum Ausdruck, dass man John hätte mehr auf die Finger sehen müssen und ihm nicht alles in unserer Republik hätte zeigen sollen.
In einem Arbeiterzug von Themar nach Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, diskutierten Arbeiter des staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Hildburghausen, dass unsere Regierung in dieser Beziehung viel zu human wäre und sie würde jedem Hergelaufenen Glauben schenken. Man sollte endlich vonseiten unserer Organe vorsichtiger sein. Ihre Arbeit diene der Festigung und Stärkung der DDR und durch solche Vorkommnisse würden wir für Monate und Jahre wieder zurückgeworfen.
In einer Wohnbezirksversammlung in Ilmenau, [Bezirk] Suhl, kam in einer Diskussion über den Fall John übereinstimmend zum Ausdruck, dass unsere Regierung jeden Lumpen aus Westdeutschland aufnimmt, der dann bei uns herumspioniert. Man müsste in Zukunft solche Personen besser überprüfen.
Vereinzelt wird von einer »Blamage für die DDR« gesprochen.
Im Buna-Werk vertreten viele Kollegen die Meinung, dass der Übertritt Dr. Johns nach Westdeutschland eine Blamage für die DDR sei.
Angestellte und Arbeiter der MT Stationen Döbeln und Zschackwitz, [Bezirk] Leipzig, diskutieren: »Die Flucht von Dr. John nach dem Westen ist ein Schlag für die DDR. So einen Mann hätte man besser bewachen müssen.«
Heftige Diskussionen werden über die Information der Bevölkerung der DDR zur Rückkehr Dr. Johns nach Westdeutschland geführt. In den bekannt gewordenen Äußerungen wird allgemein der diesbezüglichen Meldung des ADN kein Glauben geschenkt. Es wird davon gesprochen, dass der Grund der Rückkehr ein anderer als angegeben ist. Zum anderen wird kritisiert, dass jetzt nur eine kleine Meldung erfolge, während beim Übertritt Dr. Johns nach der DDR die Zeitung voll davon gewesen wäre. Von Genossen der SED wird sehr oft geäußert, sie wüssten nicht, wie sie argumentieren sollen, und von Funktionären wird Aufklärung gefordert.
Da unsere Presse keine weiteren Ausführungen über das Verhalten Dr. Johns und über die Gründe seiner Rückkehr nach Westdeutschland macht, orientiert man sich in vielen Fällen bei den Westsendern. Dies kommt hauptsächlich durch Schilderungen über den »Fluchtweg«, dem jetzigen Aufenthalt und die Maßnahmen der Bonner Regierung zum Ausdruck. Während über die Beweggründe diesbezüglich nicht gesprochen wird, da auch die Westpropaganda sich hier nur in vagen Vermutungen ergeht und nichts Konkretes anführt.
Dies führt auch dazu, dass die verschiedensten Gerüchte im Umlauf sind. Besonders zeigt sich dies bei der Behauptung, dass Dr. John mehrere Volkskammerabgeordnete (dabei werden Zahlen von 1, 15, 27, 32 genannt) mit nach dem Westen genommen habe. Tatsache ist, dass der RIAS im Zusammenhang mit der Republikflucht des ehemaligen Vorsitzenden des Finanzausschusses der Volkskammer, Prof. Herdegen,23 eine Aufstellung über sämtliche bisher angeblich republikflüchtigen Volkskammerabgeordneten brachte. Diese Meldung ist vermutlich der Ursprung dieser Gerüchte.
Als charakteristisch für die Diskussionen kann folgendes Beispiel aus dem Bezirk Potsdam angeführt werden:
Zahlreiche Arbeiter der Rathenower Optischen Werken Potsdam wandten sich mit der Bitte an die Genossen der BPO, ihnen mitzuteilen, warum Dr. John wieder nach Westdeutschland zurückgekehrt ist. Allgemein wird die Meinung vertreten, dass die Gründe, wie sie im »Neuen Deutschland« dargelegt werden, nicht stimmen.
Arbeiterinnen der Abt. TAN der LEW Hennigsdorf äußerten: »Was ist mit Dr. John? Als dieser in die DDR kam, waren tagelang die Zeitungen voll. Jetzt, wo John wieder in den Adenauerstaat24 zurückgegangen ist, erklärt man in zwei Sätzen, dass es der Wunsch der Familie war, wieder nach Westdeutschland zu gehen, um dort den Kampf gegen den Faschismus aufzunehmen. Hier stimmt doch etwas nicht. Man soll nicht denken, dass die Menschen bei uns dumm sind, dass sie nicht mehr denken können. Wenn ein Mann wie John in die Bundesrepublik zurückgeht, um dort gegen den wiedererstandenen Faschismus zu kämpfen, so spricht man nicht darüber. Man muss doch bedenken, erst bittet John um Asyl in der DDR: Dann packt er aus, wer und wie drüben der 3. Weltkrieg vorbereitet wird und dann geht er wieder zurück, wo doch Gefahr besteht, dass er dort eingelocht wird. Hier stimmt etwas nicht; das ist alles ein Rätsel.«
Ein Genosse vom Kulturbund Altenburg erklärte: »Ich kann mir noch kein klares Bild über den Fall Dr. John machen. Ich bin schon von vielen Angehörigen der Intelligenz, Schriftstellern und Künstlern angerufen worden, die eine Auskunft über den Fall Dr. John haben wollten, selbst dazu aber keine Stellung nahmen. So rief z. B. der Diplom-Ingenieur Dr. Moritz25 an und fragte, was man von diesem Fall halten soll.«
Der BGL-Vorsitzende des Rates der Stadt Frankfurt/Oder äußerte: »Ich weiß nicht, wie ich mit der Bevölkerung über das Absetzen Johns diskutieren soll.«
In einer Kurzversammlung der Abteilung H 202 des VEB ECW Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, sagte der Parteisekretär (ehemaliges aktives SPD-Mitglied): »Man hat uns erklärt, dass John den Kampf gegen den Neofaschismus in Westdeutschland weiterführen will und die anderen Stellen, wie die Presse und der Rundfunk, stellen es auch so hin, dass dies der Grund seiner Absetzung wäre. Was wir dann auch glauben müssen.«
Der Dienststellenleiter, SED, vom Bahnhof Meuselwitz, [Kreis] Altenburg, sagte: »Die Presse und der Rundfunk haben über den Fall Dr. John noch keine genügende Aufklärung gegeben. Dadurch bin ich nicht in der Lage, unter den Arbeitern aufklärende Diskussionen zu führen. Dadurch kann es passieren, dass der Gegner uns seine Diskussionen aufzwingt.«
Der Parteisekretär der Abteilung Pumpenbau des RAW Leipzig sagte auf den Hinweis einer anderen Genossin, dass die Kreisleitung der SED angegeben habe, dass Dr. John legal nach Westdeutschland sei: »Das haben sie euch gesagt, aber das 140 Häftlinge mit abgehauen sind, nicht.«
Im Gebiet Johanngeorgenstadt/Wismut wird das Gerücht verbreitet, dass die Broschüre von Dr. John aus Buchhandlungen zurückgezogen wird.26
In den Diskussionen treten vereinzelt negative Elemente auf, die die geführten Gespräche zum Anlass einer Hetze gegen die DDR nehmen.
Es wird geäußert, dass Dr. John nicht mit den Verhältnissen in der DDR einverstanden war und deshalb wieder nach Westdeutschland ging. Dabei wird auch gegen die KVP gehetzt, in der »Hitleroffiziere« tätig wären.27
Andererseits hetzt man, dass Dr. John von der Regierung der DDR nach Westdeutschland zurückgeschickt worden sei.
Zum Beispiel äußerte ein Lehrer der Kant-Oberschule in Lichtenberg, Berlin: »Er hat es hier nicht mehr aushalten können und ist deshalb zurückgekehrt.«
Drei Arbeiter der Fa. Kodak AG, Berlin-Köpenick, diskutierten u. a.: »Schadet denen hier gar nichts …. Nachdem John gesehen hat, wie es hier zugeht, hat er sich wieder abgesetzt … Es ist ganz gut, dass Dr. John mal hier reingerochen hat. Da konnte er wenigstens sehen, wie gut es uns geht. Es müssten noch viel mehr mal hier eine Weile wohnen, dann würden sie wenigstens sehen, wie es uns geht und endlich zur Tat schreiten und uns befreien …«
Ein Arbeiter aus dem Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Dr. John ist doch abgehauen, obwohl man ihn bestimmt bei uns allerhand geboten hat. Das zeigt, dass er von unserem System die Nase voll hat und es bereut hat, dass er in der DDR kam. Außerdem ist es ein Ausdruck der Demokratie in Westdeutschland, wenn er ungeschoren wieder nach drüben kann.«
Ähnliche Diskussionen wurden bekannt im Bezirk Karl-Marx-Stadt von einem LDP-Mitglied aus Oberlungwitz, von Einwohnern des Kreises Hohenstein-Ernstthal und der Gemeinde Wechselburg, [Kreis] Rochlitz, von Arbeitern aus Werdau, im Bezirk Halle von Arbeitern der Schiffswerft Roßlau.
Der Leiter des Fuhrparkes der HO-Wismut in Zwickau äußerte, dass »die Flucht Johns ein Weihnachtsgeschenk für Walter Ulbricht«28 sei.
In der LPG Marzahn, Berlin wird die Meinung vertreten, Dr. John habe erst die DDR aufgesucht, weil er mit der Faschisierung in Westdeutschland nicht einverstanden war. Jetzt habe er aber gesehen, dass in der DDR auch ehemalige Nazis führende Stellungen einnehmen oder ehemalige Hitleroffiziere in der KVP und VP Offiziers-Ränge innehätten.
Im Feuerungsbau Köthen, [Bezirk] Halle, »vermutet« ein kleiner Teil der Arbeiter, dass Dr. John deshalb nach Westdeutschland zurückgekehrt ist, um dort für uns Spionage zu treiben.
Ähnliche Äußerungen wurden von Ingenieuren des Werkes 536 – Zwickau – der Wismut, von einem Angestellten, NDPD, aus Borna, von einem Fahrdienstleiter des Bahnhofes Adorf, [Kreis] Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, und von Arbeitern des VEB Hochbau Berlin bekannt.
Anlage 2 vom 22. Dezember 1955 zum Informationsdienst Nr. 2496
Übersicht über die bekannt gewordene Feindtätigkeit in der Zeit vom 6.12. bis 20.12.1955
Hetzschriftenverbreitung
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SPD-Ostbüro 81 904
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NTS29 33 360
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ZOPE30 31 688
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KgU31 10 089
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»Der Tag«32 3 084
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Unbekannte Herkunft 24 876
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»Freie Junge Welt«33 148
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FDP-Ostbüro34 2 024
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CDU-Ostbüro35 1 300
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»Tarantel«36 2 388
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DGB-Ostbüro37 2 400
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Selbstgefertigte Flugblätter 140
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Insgesamt: 193 401
Die oben angeführten 140 selbstangefertigten Hetzschriften wurden in Weißenfels, [Bezirk] Halle, in Gerswalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, in Johannhöh, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, in Karl-Marx-Stadt, in Zittau, [Bezirk] Dresden, verbreitet.
Die Hetzschriftenverbreitung hat sich in der letzten Berichtsperiode von einem Tagesdurchschnitt von 27 000 auf 13 000 verringert.
Schwerpunkt bei der Hetzschriftenverbreitung ist der Bezirk Potsdam und Schwerin.
In dieser Berichtsperiode wurden vorwiegend ältere, bereits bekannte Hetzschriften verbreitet. Nur im geringen Maße gelangten neue Hetzschriften zur Verbreitung.
In einer Hetzschrift der KgU hetzt man gegen unsere Wirtschaftsform, wobei man auf das 25. Plenum des ZK eingeht, und schreibt, dass es »den Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie darstelle«. Diese versuchen sie mit den Mängeln und Schwächen, die auf der 25. Tagung aufgezeigt wurden, zu beweisen. Mit dieser Hetzschrift will man das Vertrauen der Bevölkerung zur Partei und Regierung untergraben.
In einer anderen Hetzschrift der KgU werden die Soldaten und Offiziere der KVP, der DGP und der VP aufgefordert zu überprüften, ob sie ihre Dienstausübung noch mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Gleichzeitig sollen sie nach Westberlin kommen, dort würde sie »die Freiheit und ein wirtschaftlicher Aufschwung, der auch ihnen einen dauerhaften sozialen Wohlstand ermöglichen wird,« erwarten.
In der Hetzschrift »Der Tag« betreibt man eine wüste Hetze gegen Genosse Minister Wollweber,38 indem man ihm vorwirft, er würde äußerst hart und brutal gegen die Feinde vorgehen. Auch beschuldigt man ihn, er würde gegen die Wiedervereinigung Deutschlands sein.39
Antidemokratische Tätigkeit
In dieser Berichtsperiode trat die antidemokratische Tätigkeit ebenfalls wieder stark in Erscheinung. Jedoch hat sich der Umfang gegenüber der letzten Berichtspierode nicht vergrößert.
In starkem Maße wurden wieder Hetzlosungen und Hakenkreuze angeschmiert.
Vereinzelt wurden Fahnen abgerissen, Grabmäler geschändet und Wandzeitungen beschädigt.
So wurden in Dresden, Merseburg, Roßlau, Artern, Halle, Luckenwalde, Jüterbog, Tremmen, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, und in Treben, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, Hetzlosungen gegen die Partei, Regierung, führende Funktionäre und gegen die SU angeschmiert. Vereinzelt wurde auch die Forderung nach »Freien Wahlen« angebracht.
Hakenkreuze wurden in Dessau, Hohenmölsen, Merseburg, Halle (in großer Anzahl), Calbe, [Bezirk] Magdeburg, Seifhennersdorf, Freiberg, Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Görlitz, [Bezirk] Dresden, und Leipzig angeschmiert.
In Holleben, [Bezirk] Halle, wurde ein Transparent und im Flughafen Schönefeld, [Bezirk] Potsdam, eine Wandzeitung beschädigt.
Auf dem Judenfriedhof in Marisfeld, [Bezirk] Suhl, wurden 25 Grabsteine umgeworfen.
In Brandenburg und Zeuthen, [Bezirk] Potsdam, wurden Fahnen abgerissen.
Aggressive Hetze und Morddrohungen
In dem Arbeiterzug von Zwickau nach Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, trieben zwei Arbeiter Boykotthetze40 gegen die Regierung der DDR und führende Genossen der SED, u. a., dass die führenden Genossen aufgehängt bzw. erschossen werden müssten. Die Arbeiter wurden festgenommen.
Ein Schlosser aus Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, beschimpfte zwei VP-Angehörige als »Russenknechte und Russen«. Festnahme erfolgte.
Ein Heizer vom Dampfer »Bug« der DSV in Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, äußerte sich in provokatorischer Weise gegen die DDR und die VP. Bei der Festnahme äußerte er: »Ich rate euch, lasst mich frei, denn wenn sich die Zeiten ändern, dann habt ihr bloß viele Feinde.«
Ein Mann im angetrunkenen Zustand provozierte in der Gaststätte Köppchen in Halbe, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, zwei Funktionäre unserer Partei, indem er sie angriff, beschimpfte und u. a. äußerte: »Es ist aber nicht alle Tage Abend, was der 17. Juni 195341 nicht geschafft hat, wir werden warten bis es zum 17.1.1956 und werden sehen was dann ist.«
Gegenüber der letzten Berichtszeit haben sich die Terrorfälle verringert.
Am 11.12.1955, gegen 1.00 Uhr, wurde ein VP-Angehöriger in Liebenwalde, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, von drei Personen niedergeschlagen. Täter wurden festgenommen.
Am 5.12.1955 begoss ein Jugendlicher in Ludwigsfelde in einer Gaststätte absichtlich einen Angehörigen der VP mit Bier. Als der VP-Angehörige den Jugendlichen zur Rede stellte, wurde er von dem Jugendlichen niedergeschlagen. Täter wurde inhaftiert.
Am 16.12.[1955] wurde der Kaderleiter der Energie-Verteilung Nord in Neubrandenburg niedergeschlagen. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden, da er sich eine Gehirnerschütterung zuzog. Täter wurde republikflüchtig.
Der Umfang der Gerüchteverbreitung hat sich gegenüber der letzten Berichtszeit nicht verändert.
Im Kreis Zittau, [Bezirk] Dresden, und Kreis Torgau, [Bezirk] Leipzig, wird das Gerücht verbreitet, dass das Gesetz zur Förderung des Handwerks42 geändert wird bzw. außer Kraft tritt und nur bei denjenigen Handwerkern in Anwendung gebracht werden soll, die einer Handwerksproduktionsgenossenschaft angehören.43
Im Kreis Perleberg, [Bezirk] Schwerin, wird verbreitet, dass am 1.1.1956 sämtliches Holz um 100 % verteuert wird.
In der Gemeinde Großgrabe, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass in Kürze in der DDR eine Geldentwertung stattfinden soll. Es sollte sich jeder so viel als möglich kaufen, aber ja nicht sparen.
In Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, und Rudolstadt, [Bezirk] Gera, werden politische »Witze« über Genossen Walter Ulbricht verbreitet.
An Bürgermeister in Coswig, [Bezirk] Dresden, und Neuwerder, [Bezirk] Potsdam, wurden Drohbriefe geschickt.
Eine Form der Agentenwerbung ist, dass man Intelligenzler zu einer bestimmten Zeit zum S-Bahnhof Westkreuz bestellt zu einer persönlichen Aussprache, betreffs Mitarbeit an einer Organisation. Falls der angegebene Zeitpunkt ungünstig sei, soll an die Adresse Berlin-Wilmersdorf 4, Postlagerkarte 206, ein neuer Termin genannt werden.
Im Kreis Plauen und Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wird in der letzten Zeit ein verstärkter Reiseverkehr von Rentnern nach Westdeutschland festgestellt. Es wird vermutet, dass dies auf die Paketaktion in Westdeutschland zurückzuführen ist. Da diese Personen in ein bis zwei Tagen wieder zurückfahren.
Am S-Bahnhof Großgörschenstraße/Westberlin44 werden an ältere Personen aus der DDR unter Vorlage des DPA Lebensmittelpakete ausgegeben.
In der Oberschule in Rüdersdorf, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde am 27.10.1955 das Schreiben einer Lateinarbeit abgelehnt. Ein Schüler rief: »Wir streiken.«
Dieser Schüler hat alle anderen Schüler beeinflusst, sodass keiner die leichte Klassenarbeit schrieb. Obwohl dies dem Schulleiter und Parteisekretär gemeldet wurde, sollte dieser Fall verheimlicht werden.
Feindtätigkeit in der Industrie
Die Feindtätigkeit in der Industrie kam auch in der Berichtszeit am stärksten wieder im Anschmieren von hetzerischen und faschistischen Losungen sowie im Kleben und Auslegen von Flugblättern zum Ausdruck.
Zu feindlichen Schmierereien kam es in folgenden Betrieben:
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VEB Messgerätewerk Treuenbrietzen, [Bezirk] Potsdam
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VEB Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden
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VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle
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VEB Fortschritt Werk Neustadt, [Bezirk] Dresden
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Personentunnel des Hauptbahnhofes Leipzig
Der Inhalt der Losungen richtet sich gegen die Partei und Regierung sowie gegen die Normen und die KVP.
In nachfolgenden Betrieben wurden Hetzflugblätter geklebt und ausgelegt, deren Inhalt dem der Parolen gleicht.
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Bergbaukrankenhaus der Wismut Erlabrunn
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VEB Lokomotivbau »Karl Marx«45 Potsdam
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VEB Baumwollausrüster Werk 2 Lengenfeld, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt
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VEB Baumwollspinnerei Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt
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Ziegelkombinat Zehdenick, [Bezirk] Potsdam
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Glashütte Großräschen-Senftenberg, [Bezirk] Cottbus
Die Diversionsakte in der Industrie haben sich gegenüber der letzten Berichtszeit nicht wesentlich erhöht. Aus folgenden Bezirken wurden Diversionen bekannt:
Im VEB Kalkwerk Schraplau, [Bezirk] Halle, wurde ein Hammer von sechs kg Gewicht in die Schlagkreuzmühle geworfen.
In der VEB Schiffswerft Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde ein Lichtkabel auf einem für den Export bestimmten Fischkutter zerschnitten.
Im Schamottewerk Wetro Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurden Nadeln des Tonabschneiders in die Verstärkeranlage des Betriebsfunkes geworfen.
Im Wismut-Schacht 250 Aue wurde das Telefonkabel durchgeschnitten. Dasselbe trat im Schacht 207 in Aue auf, wo ein Zuführungskabel zerschnitten wurde.
Im Schacht 54 Johanngeorgenstadt werden laufend von unbekannten Personen Holzkeile in die Weichen getrieben, Steine auf die Schienen gelegt und Huntesperren46 auf den Schienen errichtet, sodass es zu Entgleisungen und Kurzschlüssen kommt.
Im Objekt 101 Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Zeche 5, wurden Holzpfropfen in die Einlassnuten der Fettbuchsen an den Pumpen angebracht, um Heißlaufen der Pumpen und damit Stilllegung der Zeche zu erreichen.
In der Berichtszeit wurde außerdem ein Terrorfall bekannt:
Am 11.12.1955 wurde in der HO-Gaststätte Mylau, [Kreis] Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, der 1. Sekretär der BPO und der BGL-Vorsitzende des VEB Nema47 Netzschkau,48 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, niedergeschlagen. Beide sind noch arbeitsunfähig. Die Täter wurden verhaftet.
Feindtätigkeit im Handel
Der 1. Vorsitzende des Rates des Bezirkes Potsdam, Abteilung Handel und Versorgung, sowie sein Stellvertreter, bekamen am 13.12.1955 je einen anonymen Anruf, dieser Anruf hatte folgenden Wortlaut: »Sie sollten sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen, sonst passiert etwas.«
Feindtätigkeit in der Landwirtschaft
In der Nacht zum 14.12.1955 wurde ein Traktorist der MTS Flatow, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, von einer bekannten Person niedergeschlagen.
Am 7.12.1955 wurde in der MTS Nedlitz, [Kreis] Potsdam-Land, die Sicherung gelockert, sodass bei zwei kleineren Elektromotoren die Wicklungen durchbrannten.
In der Nacht zum 10.12.1955 wurde von unbekannten Tätern auf dem MTS-Stützpunkt Sponholz der MTS Cölpin, [Kreis] Neubrandenburg, von dem Traktor eines guten Schichtfahrers die Batterie entwendet.
Am 14.12.1955 wurde von der Zuckerfabrik Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, ein Waggon Nassschnitzel für die LPG Krositz geliefert, auf denen Scherben lagen.
Am 17.12.1955 wurden beim Entladen eines Waggons Zuckerrübenschnitzel auf dem Bahnhof Blankensee, Kreis Neubrandenburg, Metallteile gefunden. Die Schnitzel wurden von der Rübenfabrik Friedland geliefert und waren für den ÖLB49 Blankensee bestimmt.
In der Nacht zum 5.12.1955 wurden in der LPG in Friedenshorst, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, durch unbekannte Täter zwei Elektromotore und 30 Meter Verlängerungskabel entwendet.
Auf dem VEG Groß Düben, Kreis Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, wurde in den Futtermitteln Viehsalz und wahrscheinlich Arsenik aufgefunden. Ermittlungen wurden geführt.
Im VEB Gartenbau Dresden – Laubegast wurden die Drosselklappen der Dampfheizung abgedreht, sodass die Temperatur in den Gewächshäusern bis auf minus zwei Grad absank.
In der Gemeinde Veilsdorf, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, tragen sich einige Bauern mit dem Gedanken eine LPG zu gründen. Hierbei konnte festgestellt werden, dass die Frau des Pfarrers verschiedene Bauern aufsucht, sie mit Westpaketen beschenkt, um sie zu beeinflussen, nicht in die LPG einzutreten.
Gerüchte
In der Gemeinde Mörbitz, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, wird das Gerücht verbreitet, dass die LPG verstaatlicht werden und die Genossenschaftsbauern dann von ihren Gehöften vertrieben würden. Eine werktätige Bäuerin, die sich zum Eintritt in die LPG bereiterklärt hatte, sagte daraufhin, dass sie nicht eintreten wolle, weil sie erst jetzt abwarten wollte, wie die Entwicklung geht.
In den Ortsteilen Redebas, Trinwillershagen und Langenhanshagen/MTS-Bereich Langenhanshagen, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, ist das Gerücht im Umlauf, dass die LPG Trinwillershagen in ein VEG umgewandelt werden.
Vom Vorsitzenden der VdgB aus der Gemeinde Redebas wurde erklärt, dass die werktätigen Bauern nicht mehr in eine LPG eintreten wollen, weil mit der Umwandlung der LPG zum VEG das gesamte genossenschaftliche Eigentum verloren ginge.
In der Gemeinde Langenhaushagen wollen sieben werktätige Bauern aus diesem Grunde ihre Wirtschaften abgeben.
Brände in der Zeit vom 7.12. bis 20.12.1955
Bezirk Neubrandenburg
Ein Stallbrand bei einem werktätigen Bauern – Ursache: Brandstiftung.
Bezirk Schwerin
Eine Heumiete einer LPG – Ursache: Selbstentzündung.50
Ein Stallbrand bei einem Großbauern51 – Ursache: durch Kinderhand.
Ein Scheunenbrand in einer LPG – Ursache: durch Kinderhand.
Bezirk Potsdam
Zwei Stallbrände bei Kleinbauern – Ursache: vermutliche Brandstiftung und Fahrlässigkeit.
Zwei Scheunenbrände bei einem Großbauern – Ursache: noch nicht ermittelt.
Zwei Scheunenbrände bei einem VEAB – Ursache: vermutliche Brandstiftung.
Eine Strohmietenbrand bei einem Großbauern – Ursache: vorsätzliche Brandstiftung.
Bezirk Karl-Marx-Stadt
Ein Stallbrand bei einem werktätigen Bauern – Ursache: Fahrlässigkeit.
Zwei Scheunenbrände bei werktätigen Bauern – Ursache: vermutliche Brandstiftung und vermutlich Defekt an der elektrischen Anlage.
Bezirk Dresden
Zwei Scheunenbrände bei einem werktätigen Bauern und bei einem Häusler – Ursache: noch nicht ermittelt.
Bezirk Gera
Ein Mühlenbrand einer LPG – Ursache: Fahrlässigkeit zweier Grenzpolizisten.