Direkt zum Seiteninhalt springen

Äußerungen des Ostbüros der SPD

9. Dezember 1955
Sonderinformation über Äußerungen leitender Mitarbeiter des »Ostbüros der SPD« [Information M 28/55]

1.) Über die »KgU«1

Aufgrund inoffiziellen Materials wurde von einem leitenden Mitarbeiter des »Ostbüro der SPD«2 bekannt, dass zwischen Ollenhauer3 und Brentano4 die Linie gegenüber der »KgU« festgelegt worden ist.5

Demnach sei zwischen Brentano und Ollenhauer »die Liquidierung der KgU« vereinbart worden, »da diese Sabotageakte verübe, die nur das Ansehen der SPD in den Augen der Ostzone schmälern würden«.

Als Beispiel wurde angegeben, dass »in der KgU 16-jährige Jungen dazu verwendet werden, Sabotageakte in der Zone durchzuführen«.

Ferner habe man »in Sachsen eine Textilfabrik in Brand gesteckt . Die Folge davon wäre, dass die Arbeiter keine Arbeit hätten und so als Grund für ihre Arbeitslosigkeit die Partei und die Regierung der SPD-CDU6 dafür verantwortlich machen«.

Außerdem betonte dieser Mitarbeiter, dass durch »solche Akte nur die Geheimsender7 in die Hände des SSD gespielt wurden und dieser die Möglichkeit hätte, sich eventuell mit der KgU in Verbindung zu setzen«.

»Er wisse auch, dass die amerikanische Regierung gegen die Arbeit der KgU ist.8 Die KgU sei eine Organisation, die von amerikanischen Firmen finanziert wird und daher sei es auch schlecht, etwas gegen sie zu unternehmen. Es wären aber Schritte über die amerikanische Regierung gegen die KgU eingeleitet worden.«

2.) Über das Verhalten bei einem eventuellen Abgang Adenauers9

Nach Äußerungen des Mitarbeiters des SPD-Ostbüros macht die SPD in Zukunft niemals einen Schritt nach links. »Von Brentano und Ollenhauer haben sich geeinigt und das Verhältnis zwischen SPD und CDU könne bei einem Abgang Adenauers nur ein festeres werden.«

Brentano sei, nach Meinung des Mitarbeiters des Ostbüros der SPD, »der nächste Vertreter nach Adenauer. Selbst wenn Ollenhauer durch plötzlichen Tod abberufen würde, würden die vier Sekretäre keinen Schritt nach links gehen.«

3.) Über die Wiedervereinigung

Nach Meinung des Mitarbeiters des Ostbüros der SPD ist die Wiedervereinigung nur durch »freie Wahlen« möglich. Dazu müssten alle Besatzungstruppen ab- und in Deutschland alliierte Truppen aus Schweden, Norwegen, Finnland, Luxemburg und Italien einziehen, die die Sicherheit jedes aufgestellten Kandidaten aller Parteien gewährleisten, sowie in der »Zone (DDR) freies Fahrtrecht, Bewegungsrecht und Redefreiheit. Dann kann die SPD auch die Personen, die noch in der zurzeit sowjetischen Zone leben, öffentlich benennen und als Kandidaten vorschlagen.«

Nach seiner Meinung »muss der Wahlvertrag in jedem einzelnen Punkt genau festgelegt werden, damit jeder Winkelzug von den Russen von vornherein ausgeschaltet ist. Wenn z. B. die Russen in dem Wahlvertrag darauf bestehen würden auf das Wismut Gebiet10 im Raum von Ronneburg, dann könne man das Gebiet im Interesse freier Wahlen opfern, es käme ja nach den Wahlen sowieso zurück. Das Wismut-Gebiet müsse allerdings genau abgesteckt und Punkt für Punkt, z. B. Abfahrtsstraßen und dergleichen, in dem Wahlvertrag festgelegt werden.«

4.) Über die Aufgaben des SPD-Ostbüros zur »Vorbereitung« der Wahlen

Im Zusammenhang mit der Meinung über »freie Wahlen« nannte der Mitarbeiter des SPD-Ostbüros einige Aufgaben, die dazu das SPD Ostbüro hätte.

»Wenn z. B. die Russen in dem Wahlvertrag darauf bestehen, dass Wismut-Gebiet zur Ausbeute beizubehalten, so müssen wir (das SPD-Ostbüro) doch genau wissen, wie groß dieses Wismut-Gebiet im Raum von Ronneburg ist und wo die neuen Versuchsgebiete liegen. Wenn von Brentano unterschreibt, dann kann er sich nur auf zuverlässige Informationen aus der Ostzone stützen.«

Als solche Informationen nannte er »neue Straßen, wichtige Betriebspunkte, Wismut-Bahnhöfe, Garagen, Holzplätze, mechanische Werkstätten, alte und neue Schächte, voraussichtliche Lage der neuen Eisenbahn zu neuen Schächten sowie größte Konzentration von Bohrtürmen«.

Er sagte weiter, »dass der kalte Krieg, der jeden Tag mit noch größerer Schärfe geführt wird, schon morgen ein heißer sein könnte. Das wären dann die Punkte, wo die Bomben zu fallen hätten.«

Als weitere Aufgabe nannte der Mitarbeiter des Ostbüros der SPD, »besonderes Augenmerk auf die Bevölkerung zu richten, ob in Ronneburg und umliegenden Gebieten verschiedene Warenknappheit herrscht. Das sei wichtig, um die Stimmung der Bevölkerung, besonders der Hausfrauen kennenzulernen. Er sei überzeugt, dass, wenn eines Tages freie Wahlen durchgeführt sind und das Regime der Ostzone gestürzt ist, die Hausfrauen oder die terrorisierte Bevölkerung die SED-Funktionäre mit dem Knüppel totschlage. Dies könne und sollte geschehen, bevor die alliierten Sicherheitsorgane eingreifen.«

  1. Zum nächsten Dokument Versorgung

    9. Dezember 1955
    Versorgung [V 30/55]

  2. Zum vorherigen Dokument Zur Beurteilung der Situation in der DDR

    7. Dezember 1955
    Informationsdienst Nr. 2495 zur Beurteilung der Situation in der DDR