Analyse: FDJ
[ohne Datum]
Wie ist die Aktivität der FDJ in den Betrieben und auf dem Lande? Wie wirkt sich der Einfluss der FDJ auf die nichtorganisierten Jugendlichen aus? [Analyse Nr. 5/55]
Die Arbeit der FDJ ist in fast allen Bezirken als schlecht zu bezeichnen. Nur in den Bezirken Erfurt, Gera und Rostock ist die FDJ-Arbeit im Vergleich zu den anderen Bezirken etwas besser.
Auch in den Großbetrieben ist die FDJ-Arbeit ungenügend. Trotzdem dort meistens hauptamtliche Funktionäre vorhanden sind, beschränkt sich die FDJ-Arbeit vorwiegend auf kulturelle Arbeit und in der Produktion, wie z. B. im »Wilhelm-Pieck-Aufgebot«1 tritt die FDJ nur vereinzelt in Erscheinung. Als positiv kann der Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, angeführt werden, wo die FDJ für gute Arbeit das »Philipp-Müller-Banner«2 erhalten hat.
In den Betrieben ist wenig Interesse an der FDJ-Arbeit zu verzeichnen. Dies wird schon sichtbar an dem schlechten Besuch der FDJ-Versammlungen. So z. B. wurde im Werk Mücheln/Geiseltal – Werkteil II,3 [Bezirk] Halle, eine FDJ-Kurzversammlung angesetzt, wozu die Jugendlichen eine halbe Stunde vor Schichtschluss zu dieser Versammlung beurlaubt wurden, diese jedoch nicht besuchten und auf Befragen erklärten, sie wollen keine zusätzliche Arbeit für die FDJ übernehmen. Die Beitragskassierung innerhalb der FDJ ist ebenfalls bezeichnend für den Zustand des Verbandes.
Im Durchschnitt werden nur 30 % bis 40 % der Jugendlichen regelmäßig kassiert. Im LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, z. B. sind 1 200 Mitglieder karteimäßig erfasst, 177 werden jedoch nur regelmäßig kassiert.
Auch in den Verwaltungen und ländlichen Gemeinden ist die FDJ-Arbeit ebenfalls schlecht. So liegt z. B. in der Stadt Mirow, [Bezirk] Neubrandenburg, seit einigen Wochen die gesamte FDJ-Arbeit am Boden. Die Ursachen liegen darin, dass der verantwortliche Sekretär zur Kreisleitung abberufen wurde und sich dort niemand mehr um die FDJ-Arbeit kümmert.
Am schlechtesten ist die FDJ-Arbeit in den ländlichen Gemeinden.
Besonders in den Sommermonaten wurden auf dem Lande fast keine Versammlungen durchgeführt, was besonders im Kreis Neubrandenburg oft in Erscheinung tritt. Hierbei muss man allerdings mit erwähnen, dass auch die Kreisleitungen der FDJ die ländlichen Gemeinden vernachlässigen und sich ein großer Teil der Grundeinheiten auf dem Lande beschwert, dass sich sehr wenig Instrukteure der Kreisleitungen sehen lassen.
Als Ursachen der allgemeinen schlechten Arbeit der FDJ muss man die teilweise unqualifizierten Kader anführen, was verschiedentlich darauf zurückzuführen ist, dass die aktivsten und besten FDJ-Funktionäre zur KVP gegangen sind. Deshalb macht sich auch oftmals ein Wechsel der Funktionäre notwendig.
Verschiedentlich ist auch zu verzeichnen, dass Grundorganisationen keine Leitungen haben. So sind z. B. im Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, von 180 Grundorganisationen 38 ohne Leitung, sodass hier die Arbeit vollkommen brachliegt.
Teilweise ist es auch so, dass die gewählten Leitungen nur auf dem Papier stehen und keine Arbeit leisten. Dies trifft z. B. für die VEB Kleiderwerke Schwerin, RAW Wittenberge und die Elbewerft Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, zu.
Neben der vorwiegend schlechten FDJ-Arbeit gibt es auch Beweise dafür, wo Grundorganisationen der FDJ-gute Arbeit leisten und aktiv in Erscheinung treten, was öfters in Mittel- und Oberschulen der Fall ist. So ist z. B. in der Käthe-Kollwitz-Schule Halle eine gute FDJ-Arbeit zu verzeichnen. Dort gelang es der FDJ, im Zusammenhang mit der GST, alle Abiturienten für den Kampfsport zu gewinnen. 46 Jugendliche legten das Mehrkampfabzeichen ab.
Auch an den Hoch- und Oberschulen des Bezirkes Suhl wirkt sich eine gute FDJ-Arbeit so aus, dass eine Mitarbeit und Erziehung im gesellschaftlichen Leben der nichtorganisierten Jugendlichen erreicht wird. Dies ist z. B. an der Oberschule in Schleusingen der Fall, wo man es verstanden hat, die Jugend auf politischem und kulturellem Gebiet zu gewinnen. Dort ist zu verzeichnen, dass nichtorganisierte Schüler von selbst kommen und Anträge zur Aufnahme in die FDJ verlangen.
Im IFA-Schlepperwerk Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, ist eine gute FDJ-Arbeit zu verzeichnen. Dort ist z. B. die FDJ-Betriebsgruppe bemüht, Wettbewerbe durchzuführen, die allerdings daran scheitern, dass der Betrieb nicht genügend Aufträge hat.
Auch die Jugendlichen im VEB Mähdrescherwerk Weimar, [Bezirk] Erfurt, sind für politische Probleme sehr aufgeschlossen.
Zur Arbeit der FDJ-Kreisleitungen
Schlecht wirkt auf die Arbeit in den Grundorganisationen, dass meistens die Arbeit der Kreisleitungen kampagnenmäßig durchgeführt wird und dies hauptsächlich zu besonderen Anlässen wie z. B. V. Parlament4 usw. So ist zu verzeichnen, dass die Kontrolle und Anleitung nicht systematisch und schwerpunktmäßig erfolgt.
So kommt es auch oft vor, dass Instrukteure der Kreisleitung zwar in die Vertriebsgruppen und Grundeinheiten fahren, aber diese nicht operativ anleiten, sondern nur Gastrollen geben.
Dies ist besonders im Bezirk Neubrandenburg der Fall.
Eine schlechte Anleitung sowie Verbindung besteht von den Kreisleitungen der FDJ zu der Jugend im Bezirk Erfurt. Dazu wird angeführt, dass dies auf die starke Fluktuation des Funktionärskörpers und dem Beitritt der guten Funktionäre zur KVP zurückzuführen ist.
Ein weiterer Mangel in den Kreisleitungen der FDJ ist, dass man die gefassten Beschlüsse durch die ungenügende Kontrolle nur zum Teil verwirklicht.
Weiter kann man z. B. im Bezirk Leipzig feststellen, dass die FDJ-Kreisleitung ausnahmslos jede Aktivität vermissen lassen.
Oft fehlen auch der Kontakt und die Übersicht über die Gruppen vonseiten der leitenden Funktionäre.
So konnten im Kreis Eilenburg die Sekretäre der Kreisleitung kein genaues Bild über die Mitglieder geben. Auch die Anzahl der Mitglieder war ihnen unbekannt.
Man muss auch feststellen, dass die Anleitung der FDJ vonseiten der Partei noch zu wünschen übriglässt.
Durch die allgemein schlechte und mangelhafte FDJ-Arbeit gewinnen die kirchlichen Kreise, besonders die »Junge Gemeinde«, stark an Einfluss unter den Jugendlichen, sogar auch teilweise unter den Mitgliedern der FDJ. Dies tritt besonders im Bezirk Neubrandenburg stark in Erscheinung. Um die Jugendlichen und FDJler für sich zu gewinnen, veranstaltet die »Junge Gemeinde« Tanzabende, Fußballspiele, Gesellschaftsspiele. Oft organisiert man auch Treffen mit Kuchen und Kaffee.
Hierbei gibt es zu bemerken, dass die Kirche besonders unter der Landjugend großen Einfluss gewinnt, was nicht bedeutet, dass sie nicht auch in ausgesprochenen Industriezweigen an Einfluss gewinnt, wie z. B. in Karl-Marx-Stadt und Halle.
So wirkt sich z. B. der Einfluss der »Jungen Gemeinde« im Kreis Stollberg so aus, dass die FDJler in den Kulturgruppen keine Kampflieder mehr singen wollen, sondern nur noch Volkslieder.
Auch im Kreis Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde aufgrund der Aktivität der »Jungen Gemeinde« die FDJ-Grundeinheit Theuma,5 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, aufgelöst. Das Gleiche ist im Kreis Werdau zu verzeichnen, wo neugebildete FDJ-Grundeinheiten nach der Gründung gleich wieder zusammengefallen sind.
In Boitzenburg, Hilmersdorf und Lychen, Kreis Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, kann man feststellen, dass die »Junge Gemeinde« offen zum ideologischen Kampf gegen die FDJ auftrat, indem sie die Mitglieder FDJ beeinflusst, in die »Junge Gemeinde« einzutreten.
In der Gemeinde Neukalen,6 Kreis Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, ist fast die gesamte FDJ-Ortsgruppe zur Jungen Gemeinde übergegangen, wie z. B. der Pfarrer aus Altwarp,7 Kreis Ueckermünde, und verlesen in der Kirche Briefe, worin die Jugendlichen aufgefordert werden, aus der FDJ auszutreten und sich in der »Jungen Gemeinde« zu organisieren.
Aus diesen Tatsachen kann man bereits ersehen, dass die FDJ sehr geringen Einfluss auf die nichtorganisierten Jugendlichen ausübt. Dabei muss man besonders herausstellen, dass die FDJ es nicht versteht, ein wirklich »Frohes Jugendleben« zu entwickeln, wo man die nichtorganisierten Jugendlichen für die FDJ-Arbeit gewinnen kann.
Es gibt nur Einzelbeispiele, wo ein gewisser Einfluss vorhanden ist, und zwar ist das dort, wo die FDJ-Arbeit gut ist und man sich auch um diese Jugendlichen kümmert.
So z. B. ist im Fliesenwerk Boizenburg zu verzeichnen, dass die FDJ-Betriebsgruppe gut arbeitet und auch mit den nichtorganisierten Jugendlichen Aussprachen durchführt, die zum Ergebnis hatten, dass eine Reihe von Jugendlichen dem Verband beitraten.