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Analyse: Lehrkörper und Studenten

20. Oktober 1955
Analyse über Stimmung unter Studenten und Lehrkräften an Universitäten und Hochschulen [Analyse Nr. 6/55]

1. Politische Probleme

Der Lehrkörper der TH Dresden besteht noch vorwiegend aus bürgerlichen Wissenschaftlern, wobei die chemischen Institute einen besonderen Schwerpunkt für negativ auftretende Erscheinungen bilden.

Ein Nationalpreisträger, als Kopf der Abteilung, äußerte bei einem Gespräch Folgendes:

»Die DDR ist nicht unser Staat«, damit war gemeint, nicht der Staat der bürgerlichen Wissenschaftler.

Aus einem Bericht geht hervor, dass an der im Mai 1955 stattgefundenen »Achema-Tagung«1 in Frankfurt am Main 40 Assistenten und Studierende verschiedener Institute der TH teilgenommen haben. Seit dieser Zeit macht sich die Idealisierung westlicher Verhältnisse an der Hochschule bemerkbar. Im anorganisch-chemischen Institut sind es besonders zwei Personen, die sehr beeindruckt aus Westdeutschland zurückgekehrt sind. Ihre Argumente sind folgende:

»Nicht mehr Nationalstaaterei mit Stacheldraht und Finger am Abzug!« Drüben industrielle Leistung, hier Krampf.

»Ich bin 30 Jahre alt und will nun leben!«

Solche Diskussionen bleiben nicht ohne Wirkung, besonders auf Studenten bürgerlicher Herkunft.

An der Fakultät II Bauwesen sind besonders zwei Professoren dadurch verärgert, dass man sie ignoriert. Ohnedies schwankend in ihrer Haltung fühlen sie sich immer mehr zum Westen hingezogen, was nicht ohne Beeinflussung der Studenten bleibt.

Die im Sommer erfolgte Aussprache zwischen Vertretern des ZK und der Deutschen Bauakademie sowie den Professoren der TH zeigte keine positiven Ergebnisse. Es besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass Wissenschaftler dieser Fachrichtung nach dem Westen gehen.

Der bereits erfolgte Weggang zweier Professoren nach Westberlin wirkt sich heute noch auf den wissenschaftlichen Nachwuchs derjenigen aus, die bei ihnen an der Hochschule gelernt und gearbeitet haben, indem sie diese nachziehen. Das bezieht sich auch auf solche, die bereits in unserer volkseigenen Industrie arbeiten. So trägt sich z. B. ein Diplom-Ingenieur vom VEB Entwurfsbüro für Industriebau mit der Absicht, nach Westdeutschland zu gehen, weil er dort ein günstigeres Angebot erhalten hätte.

Unzufriedenheit und zunehmende Tendenz der Westgänge wird auch dadurch hervorgerufen, dass die Absolventen der Hochschule nach Abschluss ihres Studiums nicht ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden.

Sehr viele Studenten und auch Angehörige des Lehrkörpers fahren in den Semesterferien nach Westdeutschland, wo zu einem großen Teil Bemühungen für einen späteren Westgang vorbereitet werden.

Professor Thilo2 von der Akademie der Wissenschaften äußerte Folgendes: »Die Chemiker, die etwas können und noch hier sind, warten nur auf ihren Abruf. Wenn sie in Westdeutschland eine gute Stellung erhalten, gehen sie. Die Ursache: Sie können nicht in Ruhe arbeiten. Die politischen Belastungen sind zu groß. Heute die politische Versammlung, morgen eine andere. Selbst der Sonntag gehört der Politik. Der Wissenschaftler oder der Nachwuchs hat im Beruf keine Möglichkeit zum ruhigen Studium. Drüben im Westen hat er um 5.00 Uhr Feierabend. Wir machen hier alle durch den großen politischen Druck systematisch kaputt. Aber das will ja keiner hören.«

2. Einschätzung der politischen Lage

An der Universität Rostock kann man allgemein feststellen, dass die Genfer Konferenz3 und die Reise Adenauers nach Moskau4 besondere Beachtung fanden. Der überwiegende Teil der Intelligenz verfolgt sonst nur unvollkommen die nationalen und internationalen politischen Ereignisse.

In den Ergebnissen der Genfer Konferenz sahen sie die Entspannung der internationalen Lage und das Heranwachsen einer Situation, in der die Lösung der Deutschlandfrage möglich wäre.

Der größte Teil der Intelligenz ist starken Schwankungen unterworfen, sieht nur die persönlichen Vorteile und im Zusammenhang damit die berufliche Tätigkeit nur mehr oder weniger nebensächlich die politischen Aufgaben. Aus Diskussionen war zu erkennen, dass sich ein bestimmter Teil der Intelligenz aufgrund der unvollkommenen Verfolgung der politischen Ereignisse nicht recht im Klaren war über das Zustandekommen der Einheit Deutschlands.

Professor Schilling5 sagte zu dem Auftreten Adenauers in der Sowjetunion, dass dessen Verhalten unverschämt sei und man endlich vernünftig werden und den deutschen Standpunkt vertreten solle.

3. Zusammenarbeit der Universitäten und Hochschulen mit Regierungsdienststellen

In der TH Dresden ruft die teilweise bürokratische und langweilige Arbeitsweise unserer Ministerien bei den Professoren Verärgerung hervor. So äußerte z. B. ein Professor vom Institut für Verbrennungsmaschinen und Kraftfahrzeuge, dass Forschungsergebnisse, wissenschaftliche Erkenntnisse und Verbesserungsvorschläge von den Vertretern der Ministerien zwar angehört und zur Kenntnis genommen würden, aber nicht zur Anwendung kommen, und dass bei diesen Leuten jedes Wort umsonst sei.

Weiterhin vertritt man die Meinung, dass viele Verwaltungs- und Regierungsstellen keine Ahnung von der wissenschaftlichen Arbeit haben. Der wissenschaftliche Redakteur [Name] vom Technischen Zentralblatt6 sagte dazu: »Man solle doch anstelle des schlechten Fachmannes und guten Funktionärs doch lieber zwei Mann einsetzen, einen Fachmann und einen politischen Mitarbeiter, dann würde es schon besser gehen.«

Über die Investplanung äußerte Professor Schilling in der Universität Rostock Folgendes: »Unser Eisschrank für die Blutbank ist ausgefallen und wir können ihn nicht reparieren, weil keine Mittel dafür »eingeplant« sind. Soll mir bloß einer sagen, woher wir wissen sollten, dass unser Eisschrank ausfallen wird.«

Das Wort Planung spricht er nur im ironischen Ton aus.

4. Einstellung zur gesellschaftlichen Arbeit

Unter den Wissenschaftlern der Akademie der Wissenschaften klagt man darüber, dass man nicht in Ruhe arbeiten kann und zu großen Belastungen durch Sitzungen, Konferenzen und Organisationsfragen ausgesetzt ist.

Diese Meinung vertreten führende Wissenschaftler, wie Professor Thilo, Prof. Rompe,7 Prof. Hachenberg,8 Prof. Jung9 und Dr. Graffi.10

5. Einstellung zur Sowjet-Wissenschaft und Neuerer-Methoden11

Einige Professoren lehnen die Sowjet-Wissenschaft ab und fordern eine Anlehnung an den Westen. Sie werden in dieser Ansicht vom Präsidenten der Akademie, Professor Dr. Friedrich,12 unterstützt.

Als das Lehrbuch zur Physiologie13 von Bykow14 zur Drucklegung genehmigt werden sollte, sagte Prof. Brugsch:15 »Ich muss es ablehnen, unsere Studenten brauchen es nicht. Wir haben deutsche, d. h. westdeutsche Lehrbücher, die genügen vollkommen. Wenn unsere Universität im Osten liegt, ist das noch kein Grund, unseren Studenten Ost-Lehrbücher zu geben, die die Studenten auch nicht wollen.«

Zu einem Gutachten von Prof. Nicolai16 und einem Aspiranten der Akademie der Wissenschaften der UdSSR sagte Professor Lohmann:17 »Was können uns die schon sagen, wir brauchen das nicht.«

Die Professoren Mangold,18 Thilo, Schröder19 und Dobberstein20 fordern amerikanische und englische Bücher in deutscher Sprache herauszugeben. Als das Ministerium für Gesundheitswesen darüber befragt werden sollte, lehnte man es mit der Begründung ab: »Wer sitzt denn da, was wollen die uns sagen, lauter Dilettanten, die Meinung interessiert uns nicht!«

Der Präsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Friedrich, forderte: »Man soll die amerikanischen Bücher der Kernphysik übersetzen und herausgeben. Die Russen haben ja nichts geschrieben, die Amerikaner sind führend. Die Russen machen’s bloß nach und leisten nichts.« Von jemanden danach befragt, wie er diese Meinung mit seiner Lobrede auf die sowjetischen Kernphysiker21 auf der Tagung in Dresden22 vereinbare, brüllte er, davon verstehen sie nichts.

6. Unzufriedenheit in der materiellen Versorgung

a) Wohnungsfragen:

Ein besonderer Punkt der Unzufriedenheit bildet der der Wohnraumfrage. Besonders bei der Universität in Jena.

Beim dortigen Wohnungsamt sind etwa 600 Wissenschaftler sowie Assistenten und studierende Ehepaare als Wohnungssuchende gemeldet.

Bei der TH in Dresden ist das Wohnungsproblem auch erster Tagesordnungspunkt. Den Wissenschaftlern ist es unverständlich, dass man gegenwärtig die Kontingente der TH der Zentralen Wohnraumlenkung geben müsste, obwohl so weit über Hundert Wohnungssuchende an dieser Hochschule gibt. Ein großer Teil von Westgängen von der TH ist nachweisbar auf die Wohnraumfrage zurückzuführen. Es werden wahrscheinlich aufgrund dessen noch weitere Abgänge erfolgen. Mitteilungen unserer Presse, dass in Dresden zusätzlich 100 Wohnungen gebaut werden sollen, werden mit Skepsis aufgenommen, da ja bekannt war, dass diese nicht einmal für das Objekt Klotzsche ausreichen würden. Weiter wird das Bauen am Altmarkt stark kritisiert. So sagte z. B. ein Professor, dass hier mit einem Aufwand gebaut würde, der in keinem Verhältnis zur Lage stünde, alles nur, um zu repräsentieren.

Die Akademie für Sozial- und Arbeitshygiene Berlin erhält im Jahr nur zwei Wohnungen zugeteilt. Diese werden an Mitarbeiter verteilt, welche schon drei Jahre in dem Objekt arbeiten. Der leitende Zahnarzt von der Akademie hat eine Beschwerde an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl23 und an den Oberbürgermeister Friedrich Ebert24 geschickt, weil er in Brandenburg eine Dienstwohnung hat, die jetzt geräumt werden soll.

Dr. Mertsch,25 ein ehemaliger Oberarzt aus Brandenburg, dem es genauso geht, trägt sich mit dem Gedanken, Berlin zu verlassen und wieder in die DDR zu gehen.

Oft werden diesen Ärzten auch Versprechungen gemacht, die man dann nicht halten kann. Dr. Spengler26 ist für die Sanitätsinspektion vorgesehen. Er ist verdienter Arzt des Volkes. Seine Forderung nach Wohnung wurde mit folgender Begründung abgelehnt: Er solle sich erst in Berlin bewähren, d. h., einarbeiten, und dann könnte er eine Wohnung bekommen.

Durch diese Wohnungsknappheit können viele Planstellen nicht besetzt werden, was zu einer Überlastung der schon tätigen Ärzte führt.

b) Finanzielle Lage:

Unter der Lehrerschaft des Bezirkes Gera gibt es umfangreiche Diskussionen über die Gehaltsfragen. Es tritt die Meinung auf, dass die Gehälter von der Unterstufe und Mittelstufe gleichgestellt werden sollen, und besonders bei den jüngeren Lehrern richtet sich die Diskussion gegen die Methode der Einstufung, nach der wiedereingestellte Lehrer aus der faschistischen Zeit aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit meistens in die Gehaltsstufe 10 oder 11 eingestuft, während jüngere Lehrer nach den Gruppen 4 oder 5 bezahlt werden.

Von der TH Dresden wurde bekannt, dass besonders in der chemischen Industrie, in Teilen des Maschinenbaues und der Elektroindustrie unseren Hochschulabsolventen Anfangsgehälter von DM 1 000 West mit freier Wohnung und der Perspektive der Aufstiegsmöglichkeit in ein bis zwei Jahren bis zu DM 2 000 West geboten werden.

In der TH herrscht Missstimmung unter den Hilfsassistenten (Studenten älterer Semester) darüber, dass ihre Gehälter aufgrund einer Verordnung des Staatssekretariats für Hochschulwesen herabgesetzt wurden.27

c) Versorgungslage im Allgemeinen:

Unter einem großen Teil der Wissenschaftler, z. B. in der Akademie der Wissenschaften und der TH Dresden, herrscht gegenwärtig über die Fragen der wirtschaftlichen Versorgung Unzufriedenheit.

So äußerte ein Diplom-Ingenieur beispielsweise, dass nach zehn Jahren das Schlangestehen nach Kartoffeln, Käse und Eiern eine Unmöglichkeit wäre, es beweise eindeutig die Unfähigkeit verschiedener Staatsfunktionäre. Man würde jedoch keinerlei Konsequenzen daraus ziehen.

d) Urlaubsreisen ins Ausland und nach Westdeutschland:

Von Wissenschaftlern, z. B. der Universität Rostock und Ärzten des gesamten Bezirkes sowie der Akademie der Wissenschaften, werden Diskussionen darüber geführt, dass sie keine Möglichkeit haben, in das kapitalistische Ausland zu fahren, um dort ihren Urlaub zu verbringen.

Als Beispiel wird angeführt, dass die Wissenschaftler in Westdeutschland die Möglichkeit haben, für 200 bis 300 Westmark eine Urlaubsreise von drei Wochen ins Ausland zu unternehmen. Unter diesen Wissenschaftlern besteht die Meinung, wenn Reisen ins kapitalistische Ausland nicht möglich sind, müsste man wenigstens in die Sowjetunion oder in die Volksdemokratien fahren können.

Die Anweisung vom Ministerium für Land und Forst an die wissenschaftlichen Mitarbeiter von Groß Lüsewitz,28 während der Verhandlungen in Genf den Westsektor von Berlin nicht zu betreten, brachte erregte Meinungen im gesamten Institut auch bei Dr. Wolf29 vom Tiergesundheitsamt Rostock.

Von den Wissenschaftlern wird die Meinung vertreten, dass man sich doch nur in Westdeutschland oder Westberlin über den wissenschaftlichen Stand orientieren könne.

Unter den Lehrern des Bezirkes Gera gibt es starke Unzufriedenheit darüber, dass man ihnen Besuche nach Westdeutschland ablehnt. Man diskutiert beispielweise, dass man damit mangelndes Vertrauen zu ihnen hätte. Verstärkt wird diese Verärgerung dadurch, dass unter den Lehrern die Ansicht verbreitet ist, dass es in den Mecklenburger Bezirken, in Potsdam und Erfurt für die Lehrer keinerlei Schwierigkeiten geben würde, nach Westdeutschland zu fahren.

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    [ohne Datum]
    Der Zustand der Kampfgruppen nach der Genfer Konferenz (Beteiligung und Einstellung) [Analyse Nr. 7/55]

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    [ohne Datum]
    Wie ist die Aktivität der FDJ in den Betrieben und auf dem Lande? Wie wirkt sich der Einfluss der FDJ auf die nichtorganisierten Jugendlichen aus? [Analyse Nr. 5/55]