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Analyse: Kampfgruppen

[ohne Datum]
Der Zustand der Kampfgruppen nach der Genfer Konferenz (Beteiligung und Einstellung) [Analyse Nr. 7/55]

Seit Beendigung der Genfer Konferenz1 ist in allen Bezirken der DDR eine allgemeine Verschlechterung der Arbeit in den Kampfgruppen2 zu verzeichnen. Dieses zeigt sich besonders in der geringen Beteiligung der Kampfgruppenmitglieder an der Ausbildung.

Die Beteiligung beträgt durchschnittlich nur noch 30 % bis 35 %, wobei einige Kampfgruppen nur noch auf dem Papier bestehen.

Besonders stark tritt dieser Rückgang in den Großbetrieben der DDR auf.

Zum Beispiel nehmen im VEB Kirow-Werk Leipzig3 von 250 Kampfgruppenmitgliedern durchschnittlich nur noch 30 Mitglieder an der Ausbildung teil.

Im VEB Braunkohlenwerk Zechau, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, beteiligen sich von 100 Genossen durchschnittlich nur noch 15 bis 18.

Charakteristisch ist das Bild im RAW »Einheit« Engelsdorf, [Bezirk] Leipzig, wo vor der Genfer Konferenz von 160 Kampfgruppen-Mitgliedern ca. 120 zu den Übungen kamen, nach der Konferenz nur noch 50 bis 70 Mitglieder als Teilnehmer.

Im RAW Wittenberge ist die Beteiligung auf 31 % zurückgegangen und im Waggonbau Görlitz werden die Ausbildungsstunden nur noch von 20 % bis 30 % der Mitglieder besucht.

Des Weiteren nehmen im Kunstseidenwerk »Wilhelm Pieck« in Schwarza, Bezirk Gera, von den 400 Mitgliedern der Kampfgruppe nur noch 18 aktiv teil.

An den letzten Übungsstunden im Monat August 1955 nahmen teil:

  • VEB »Ernst-Thälmann-Werk«4 [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, von 150 Mann nur 38 Mann,

  • Buna-Werk Halle von vier Hundertschaften nur 150 Mann,

  • VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle, von vier Hundertschaften nur 25 Mann,

  • VEB Funkwerk Berlin-Köpenick von 130 Mann nur 15 Mann.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet der Bezirk Magdeburg, wo nach der Genfer Konferenz in fast allen Kampfgruppen die Ausbildung nicht mehr durchgeführt wurde.

In den LPG, MTS und VEG ist so gut wie keine Arbeit in den Kampfgruppen mehr zu verzeichnen. Dort wird allgemein erklärt, dass man jetzt dazu keine Zeit habe, denn die Ernte ist wichtiger.

Aufgrund der Ergebnisse der Genfer Konferenz, die eine Minderung der internationalen Spannung brachte, die kollektive Sicherheit in den Vordergrund stellte, trat in allen Bezirken die gleiche Meinung unter vielen Kampfgruppenmitgliedern auf, indem sie argumentierten, dass die Kampfgruppen an Bedeutung verloren haben, die Kampfgruppen und die Ausbildung nicht mehr notwendig sei und Ähnliches.

In den Kampfgruppen des Bezirkes Leipzig heißt es u. a.: »Nach der Genfer Konferenz ist eine Entspannung eingetreten und macht den Aufbau von Kampfgruppen illusorisch« oder »durch die Genfer Konferenz ist eine allgemeine Entspannung eingetreten und die Kampfgruppen seien jetzt überflüssig.«

Im Bezirk Erfurt argumentiert man: »Es würde ein schlechtes Beispiel geben, wenn wir heute als Kampfgruppen noch aufmarschieren und in Genf Beschlüsse gefasst wurden, die den kalten Krieg beenden sollten«.

Weiter heißt es im Bezirk Magdeburg: »Wir bauen Kampfgruppen auf und die anderen mobilisieren ihre Kräfte« oder »nach der Genfer Konferenz werden von der ČSR sowie von der SU die Truppen verringert,5 ausgerechnet bei uns in der DDR stellt man noch Kampfgruppen auf«.

Vereinzelt und unbedeutend treten in kleineren Betrieben Diskussionen auf, dass in der SU und den Volksdemokratien demobilisiert wird und in der DDR wird durch die Kampfgruppen aufgerüstet.

Die Ursachen der ungenügenden und zurückgehenden Beteiligung an der Ausbildung in den Kampfgruppen ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass man auf das positive Ergebnis der Genfer Konferenz falsch reagiert. Die Bezirke berichten dazu übereinstimmend, dass eine weitere wichtige Ursache in der ungenügenden Aufklärung der Genossen, in der ungenügenden Anleitung und Kontrolle der Kampfgruppen durch die Parteiorganisationen und zum Teil durch die Kreisleitungen zu suchen ist.

Weiterhin wirkt sich auch das Fehlen von qualifizierten Ausbildern auf die Beteiligung der Kampfgruppen aus.

Zum Beispiel beklagen sich die Kampfgruppen der Kreise Kyritz, Brandenburg, Wittstock, Nauen, Potsdam-Land und Oranienburg über die teilweise unqualifizierten Kader.

Des Weiteren wird über den ständigen Wechsel der Ausbildung Zug- und Gruppenführer sowie Kommandeure der Kampfgruppen geklagt.

Es gibt aber auch gute Arbeit der Kampfgruppen in vereinzelten Betrieben, und zwar dort, wo die Partei sich ernsthaft mit der Ausbildung und Schulung befasst, wo gute politische ideologische Arbeit geleistet wird.

Zum Beispiel ist im Mähdrescherwerk Weimar eine regelmäßige gute Beteiligung an den Übungen zu verzeichnen. Das Gleiche gilt bei der MTS Gräfentonna und MTS Klettstedt, Bezirk Erfurt.

Im Bezirk Schwerin kann als gutes Beispiel der Rat des Kreises Perleberg bezeichnet werden. Hier ist eine 100%ige Beteiligung an der Ausbildung und eine gute Disziplin vorhanden.

Ein gutes Beispiel bildet ebenfalls die Kampfgruppe des Zentralrates der FDJ, wo die Ausbildung nach einem Plan durchgeführt wird. Die Beteiligung beträgt 70 % bis 80 % und für den fehlenden Teil von 20 % bis 30 % werden Nachausbildungen durchgeführt.

Ebenfalls wird auch gute Arbeit in den Kampfgruppen des Staatssekretariats für Innere Angelegenheiten und des Präsidiums des Ministerrates geleistet.

In der Kampfgruppe des ADN ist sogar zu verzeichnen, dass sich die Einsatzfreudigkeit in der Ausbildung nach der Genfer Konferenz noch verbessert hat.

Abschließend kann gesagt werden, dass bei guter ideologischer Aufklärungsarbeit der Partei unter den Kampfgruppen die Beteiligung sowie die Disziplin ständig steigt und die Ausbildung planmäßig durchgeführt werden kann.

  1. Zum nächsten Dokument Analyse Genfer Konferenz

    21. Oktober 1955
    Analyse über die Stimmung unter der Bevölkerung nach der Genfer Konferenz [Analyse Nr. 8/55]

  2. Zum vorherigen Dokument Analyse: Lehrkörper und Studenten

    20. Oktober 1955
    Analyse über Stimmung unter Studenten und Lehrkräften an Universitäten und Hochschulen [Analyse Nr. 6/55]