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Analyse: Lage bei der Versorgung

24. Oktober 1955
Überblick über die allgemeine Versorgungslage [Analyse Nr. 11/55]

I. Überblick über die allgemeine Versorgungslage

In den letzten Quartalen traten ernste Versorgungsschwierigkeiten im ganzen Gebiet der DDR auf, sodass man gegenüber dem vorigen Jahr von einer allgemeinen Verschlechterung der Versorgung sprechen kann. Es mangelt an den wichtigsten Grundlebensmitteln, die es zwar zeitweilig in den Verkaufsstellen zu kaufen gibt, aber dann sind sie wieder für einige Zeit verschwunden. Es sind dies vor allem Margarine, Nährmittel, pflanzliche und tierische Fette auf HO-Basis,1 Marmelade, HO-Zucker, Essig, Fleisch und Fleischwaren, Kartoffeln, Obst und Gemüse, Genussmittel wie billige Zigaretten, Kakaowaren, Schokolade, Kaffee, Tee und anderes mehr.

Abgesehen davon, dass bei dem Mangel an verschiedenen Waren von einer schlechten Arbeit des Handels bzw. schlechter Warenstreuung gesprochen werden kann, liegen die Ursachen vor allem darin, dass die Bezirke vom Ministerium für Handel und Versorgung erst spät ihre Pläne bekommen, wo dann noch bald zur Mitte des Jahres Planveränderungen, operative Eingriffe usw. vorgenommen werden. Als Beispiel seien die Versorgungsschwierigkeiten im Februar, März, April und Mai 1955 aufgeführt, wo Angsteinkäufe in Mehl, Margarine, Zucker, Fleisch usw. zu verzeichnen waren, die zum großen Teil aufgrund der Plankürzungen auftraten. Um die ernstesten Schwierigkeiten zu beheben, wurde damals den Bezirken gestattet, Vorgriffe auf das III. und IV. Quartal zu nehmen, was sich natürlich bezüglich der Schwierigkeiten (besonders in Fleisch) im III. und IV. Quartal auswirken wird.

Als eine weitere Ursache kann auch die Nichteinhaltung der vertraglichen Verpflichtungen von Importlieferungen, besonders vom kapitalistischen Ausland, angesehen werden.

Unsere Versorgungslage zeigt ganz klar, dass eine reibungslose Versorgung der Bevölkerung, besonders mit oben angeführten Waren, nicht zu verzeichnen ist. Ist eine Ware für kurze Zeit vorhanden, fehlt es wieder an anderen Waren, sodass es selten vorkommt, dass der Kunde alle gewünschten Waren zugleich kaufen kann.

Wie die schon bekannt gewordenen Beispiele zeigen, wird es in diesem Jahr wieder ernste Schwierigkeiten in der Belieferung der Bevölkerung mit Kohle geben.

Im letzten Quartal traten ernste Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung auf, die einmal auf die durch die Schlechtwetterperiode und die vordringlichen Erntearbeiten vernachlässigten Bodenarbeiten sowie auf die Nichterfüllung der Anbaupläne durch Mangel an einwandfreiem Saatgut, späte Aussaat durch die Regenfälle und Überschwemmungen großer Gebiete usw. zurückzuführen sind.

Die Auswirkungen zeigten sich darin, dass bis vor einigen Tagen die Menschen Schlange nach ein paar Pfund Kartoffeln standen, sich schon in den frühen Morgenstunden vor die Läden stellten und oft bis in die späten Nachmittagsstunden standen und auf Kartoffeln warteten. Es kam dabei häufig zu Ausschreitungen, wenn Hausfrauen in den hintersten Reihen feststellten, dass sie nichts mehr abbekamen. Oft musste die VP eingreifen, damit ein ordnungsgemäßer Verkauf gewährleistet war. Besonders bemerkbar machte sich der Mangel auch in den Großküchen, die tagelang keine Kartoffelspeisen ausgeben konnten und dadurch jeden Tag Nudel- und Mehlspeisen den Arbeitern vorsetzen mussten. Zum Beispiel kam es dadurch in den Gaststätten der Wismut2 zu unliebsamen Zwischenfällen, wo die Kumpels die Teigwarengerichte auf die Erde warfen und gegen die einseitige Versorgungslage protestierten. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt drohten einige Arbeiter mit Arbeitsniederlegung, wenn sich die Kartoffelversorgung nicht bald bessere. Außerdem kam es häufig zu Anrufen, wo Kartoffeln gefordert und Drohungen ausgesprochen wurden.

Nachdem die Kartoffelversorgung durch die vordringlichen Rodearbeiten, bis auf örtlich immer wieder auftretende kleinere Schwierigkeiten, wesentlich verbessert wurde, tritt in den letzten Tagen wieder verstärkt ein Mangel an Fleisch und Fleischwaren auf. Die Ursachen hierfür liegen, wie oben bereits erwähnt, mit darin, dass im I. und II. Quartal Vorgriffe auf das III. und IV. Quartal vorgenommen wurden. Weiterhin ist aber auch in den Bezirken ein schlechter Aufkauf an Lebendvieh bzw. schlechte Erfassung zu verzeichnen, sodass Maßnahmen zur besseren Erfassung ergriffen werden mussten.

In einzelnen Fällen wird aber kein wesentlicher Erfolg in einem verstärkten Aufkauf zu erzielen sein, da wie z. B in Neubrandenburg ein verstärkter Aufkauf durch Tierseuchen, besonders Schweinepest, behindert ist. Als Beispiel sei hier der Kreis Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, angeführt, wo sich bei den Schweinen eine Flächenimpfung notwendig machte, da 23 Gemeinden aktiv mit Schweinepest verseucht sind.

Um die Versorgung auf Markenbasis3 sicherzustellen, wurde bereits in einigen Fällen der Verkauf auf HO-Basis gesperrt, was aber von der Bevölkerung nicht eingesehen wird, weil bereits Mitte des Monats die Marken aufgekauft sind und die Bevölkerung vorwiegend auf HO-Waren angewiesen ist.

Um die Versorgung auf Markenbasis sicherzustellen, mussten bereits wieder einige Vorgriffe auf die Staatsreserven getan werden. Da der Bedarf der Bevölkerung aus eigenem Auftrieb in einigen Bezirken nicht gedeckt werden kann, wie z. B. Magdeburg, Neubrandenburg, Schwerin und andere, sind ernste Maßnahmen notwendig, die Schwierigkeiten schnellstens zu beheben.

Weitere Schwierigkeiten sind augenblicklich auch in der Versorgung mit Nährmitteln, Haferflocken, Grütze usw. sehr stark. Schon seit Wochen gibt es in den Läden diese Waren nicht zu kaufen. Die Ursachen hierfür sind vor allem darauf zurückzuführen, dass einmal durch die schlechte Kartoffelversorgung mehr diese Waren gekauft wurden und zum anderen besonders durch die Kleintierhalter in den ländlichen Gebieten diese als Futter aufgekauft werden. Die Kleintierhalter tun es deswegen, weil sie nirgends Futter erhalten und im Plan die Kontingente dafür gänzlich gestrichen wurden. Außerdem tauchen Schwierigkeiten dahingehend auf, dass den Bezirken, die Saisonbetrieb haben, keine Zusatzkontingente für die Belieferung der Gäste zur Verfügung gestellt bekommen, sondern gezwungen sind, diese aus den Kontingenten für die Bevölkerung des Bezirkes zu versorgen.

Durch die vielen Kinderferienlager und durch den sich ständig steigenden Urlaubsbetrieb traten dadurch in den Betrieben ernste Schwierigkeiten in der Versorgung auf. Dies zeigte sich in diesem Jahr besonders im Bezirk Rostock und Dresden.

Trotzdem in diesem Quartal Hochsaison im Fischanfall war, konnte festgestellt werden, dass es einige Kreise, vor allem auch ländliche Gebiete gab, wo die Fischversorgung nicht gewährleistet war.

Die Ursachen sind hier nicht auf den Mangel an Fisch zurückzuführen, denn in den fischverarbeitenden Betrieben war ein starker Anfall an Frischfisch einmal aus dem eigenen Fang und zum anderen aus Importen, sodass die Betriebe gar nicht allen Fisch verarbeiten konnten.

Zum Beispiel musste der fischverarbeitende Betrieb Marienehe Rostock,4 der durch eigene Anlandung voll ausgelastet war, Fisch aus Importen verarbeiten.

Im Bezirk Rostock mussten 200 t Notsalzungen von Heringen durchgeführt werden.

So kam es vor, dass der Fisch tagelang in Waggons vor den Betrieben stand, nicht verarbeitet werden konnte und so bereits in Fäulnis überging. Aus diesem Grunde wurden auch verstärkt größere Mengen Fisch von Rostock in die anderen Bezirke unserer Republik eingeschleust, der dort entweder durch zu langen Transport (bis zu sechs Tagen) bereits schlecht ankam bzw. verdorben, weil der Bezirk nicht in der Lage war, den hohen Anfall zu bewältigen. Es fehlte an Lagermöglichkeiten und anderen Voraussetzungen bzw. war der Bedarf der Bevölkerung nach Fisch in der heißen Jahreszeit verhältnismäßig gering. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Bevölkerung den Fisch auch deshalb ablehnte, weil durch den Mangel an Kartoffeln die Hausfrauen keine Fischgerichte zubereiten wollten.

Diese Tatsache hatte zur Folge, dass der Fisch tonnenweise verdarb und somit der Versorgung der Bevölkerung entzogen wurde.

Auch hierfür gibt es zahlreiche Beispiele, die zusammengefasst einen unermesslichen Schaden für die Volkswirtschaft bedeuten.

Zum Beispiel wurden in der Fischwirtschaft Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, am 23.8.1955 7 t Räucherfisch mittels Lkw geliefert. Die gesamte Lieferung musste verworfen werden, da der Fisch von Würmern und Maden befallen war.

Besonderen Ärger unter der Bevölkerung verursacht auch der Mangel an Genussmitteln, vor allem an Tee, Kaffee, Kakao und besonders billigen Zigaretten. Besonders billige Zigaretten gelangen schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr reibungslos zum Verkauf. Da diese Sorten besonders von den Arbeitern und Bauern verlangt werden, besteht danach eine sehr starke Nachfrage, die auch nicht durch die Preissenkung5 von »Travel« und »Derby« gedeckt werden konnte, denn erstens ist den Arbeitern der Preis noch zu hoch und zum anderen sagt der Geschmack dieser Sorten nicht zu.

Demgegenüber gibt es zahlreiche Beispiele, wo teure Zigaretten lagern und Überplanbestände darin bestehen, die nicht abgesetzt werden können, weil diese Zigaretten nicht gefragt sind.

Besonders stark macht sich der Mangel an billigen Zigaretten in den Landgemeinden bemerkbar. Es gibt Verkaufsstellen, wo es Tage oder sogar wochenlang diese nicht zu kaufen gibt. Das ist besonders auch mit ein Zeichen dafür, dass die Versorgung der Landgemeinden vernachlässigt wird, denn die schlechte Versorgung zeigt sich nicht nur in der Belieferung mit billigen Zigaretten, sondern allgemein in der Belieferung mit Lebensmitteln und Industriewaren. Solche Erscheinungen treten in allen Bezirken auf.

Nicht so ernst wie in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist die Versorgung mit Industriewaren. Hier zeigt sich, dass es wie z. B. bei Textilien mitunter erhebliche Überplanbestände gibt, die sich auf Millionen DM beziffern. Die Ursachen sind hier vor allem darin zu suchen, dass es unsere Industrie nicht versteht, bedarfsgerechte Waren herzustellen, denn es handelt sich bei den Überplanbeständen im Wesentlichen mit um solche Waren, die nicht der Mode und der gewünschten Qualität entsprechen.

Als Beispiel seien hier die Überplanbestände von 87 Millionen DM in sämtlichen Fortschrittwerken Berlin6 erwähnt. Es handelt sich hier um Produkte, die der Handel nicht abnimmt, weil sie unmodern sind und aus der Produktion 1953/54 stammen. Diese Tatsache wirkt sich so aus, dass die Mittel gebunden sind und die Löhne der Arbeiter zum Teil nicht ausgezahlt werden können, wenn keine Zuschüsse vom Staat gegeben werden.

Zeitweilig besteht auch ein Mangel an Haushaltsgegenständen, besonders auch in den ländlichen Gemeinden, was aber besonders auf eine schlechte Warenstreuung zurückzuführen ist, denn es zeigt sich, dass es in anderen Kreisen die Waren im Überfluss gibt, die in diesen oder jenen Kreisen fehlen.

Besonders wird jetzt aber auch über Mangel an Bereifung, Fahrzeugen wie Motorrädern, Autos usw. geklagt, da diese sehr stark gefragt sind und nur im geringen Umfang im Handel zu haben sind.

II. Zur Arbeit der Handelsorgane

Obgleich in vielen Beziehungen eine Verbesserung der Arbeit unserer Handelsorgane zu verzeichnen ist, so kann aber festgestellt werden, dass es noch erhebliche Mängel, einmal hinsichtlich der Verkaufskultur, der Warenstreuung, der Arbeit der Handelsangestellten, deren Qualifikation, Räumlichkeiten, Transportfragen usw. gibt.

Die zahlreichen Schwierigkeiten in der Versorgung werden dadurch noch verschärft, weil es noch nicht verstanden wird, die Waren schnell und im gut erhaltenen Zustand an den Käufer zu bringen.

Die in der letzten Zeit aufgetretenen Schwierigkeiten z. B. in der Kartoffelversorgung zeigten, dass es der VE und KG-Handel7 nicht verstanden hatte, die Lieferungen so auf die Verkaufsstellen zu verteilen, dass eine reibungslose Versorgung gewährleistet war. Dagegen werden die Sendungen zum größten Teil an eine Verkaufsstelle geliefert, wodurch dann die großen Schlangenbildungen verursacht wurden.

Hinsichtlich der Verkaufskultur treten besonders auf dem Lande noch Schwierigkeiten auf, worüber die Landbevölkerung sehr verärgert ist. Aber auch in den Städten gibt es noch solche Erscheinungen. Besonders zeigt sich das in den Gemüseverkaufsstellen der HO und des Konsums gegenüber den Privatgeschäften, die es verstehen, besser Handel zu treiben als unser volkseigener Handel.

Zum Teil mangelt es aber auch an Räumlichkeiten für die ordnungsgemäße Lagerung der Waren.

Die schlechte Versorgung der Verkaufsstellen, die ungenügende Qualifikation der Angestellten, zum Teil auch die schlechte Organisation der Arbeit, die verhältnismäßig niedrige Bezahlung des Verkaufspersonals ruft unter diesen eine Verärgerung und Unlust hervor, sodass sich jetzt Anzeichen einer Fluktuation der Arbeitskräfte aus dem Handelsapparat bemerkbar macht, weil diese das Bestreben haben, sich finanziell zu verbessern. Als Beispiel kann hier der HO-Kreisbetrieb Cottbus angeführt werden, wo 44 Kollegen ihr Arbeitsverhältnis gekündigt haben. Es sind überwiegend Verkäuferinnen, die sich finanziell verbessern konnten. Des Weiteren versuchen einige Angestellte im Werk »Schwarze Pumpe«8 Arbeit zu bekommen, weil ihnen dort finanziell mehr geboten wird.

Ähnliche Erscheinungen werden besonders noch aus Berlin und Rostock bekannt.

Es zeigt sich auch gegenüber dem Vorjahre, dass in einigen Bezirken ein Erstarken des privaten Einzelhandels zu verzeichnen ist. Durch die Wendigkeit, bessere Verkaufskultur, durch reichhaltige und bessere Angebote an Waren ist es diesen in einigen Fällen gelungen, die Käufer des VE und genossenschaftlichen Handels zu sich zu ziehen. Besonders zeigt sich das im Gemüsehandel. Aber auch in anderen Waren wie z. B. Textilien usw., wo es bei diesen solche Waren gibt, die die Bevölkerung wünscht.

Solche Erscheinungen gibt es besonders in Potsdam, Frankfurt[/Oder] und Rostock. Als Beispiel hierfür der Bezirk Potsdam.

Im Kreis Rathenow versteht es z. B. der private Einzelhandel, mehr und bessere Waren, vor allem solche, die die Landgemeinden benötigen, zu verkaufen. In Eichwalde, Kreis Königs Wusterhausen, wurde die Konsum-Fleischerei geschlossen, dagegen vergrößert die Fleischerei Krüger9 ständig ihren Laden und bietet einwandfreie Ware an.

Ebenfalls ist es im Kreis schon vorgekommen, dass Verkaufskräfte aus dem genossenschaftlichen Sektor abwandern und zu Privathändlern überwechseln.

Bei der Mitgliederversammlung für den Konsum wurde von vielen Hausfrauen im Kreis Königs Wusterhausen eine ablehnende Haltung eingenommen. Sie äußerten, dass sie lieber zum Privathändler einkaufen gehen, da sie im Konsum doch nicht die gewünschten Waren erhalten.

III. Stimmen der Bevölkerung zur Versorgungslage

Während zu Beginn der Versorgungsschwierigkeiten noch von vielen Menschen gesagt wurde, dass diese Schwierigkeiten nur kurze, vorübergehende Erscheinungen sind und unsere Partei und Regierung alles daran setzen würde, diese schnellstens zu beheben, so zeigt sich jedoch im Laufe der Zeit, als eine Schwierigkeit die andere ablöste, dass nicht nur von Feinden unserer Republik negativ über unsere Entwicklung gesprochen wurde. So zeigte sich nach der Genfer Konferenz,10 dass durch die Versorgungslage zum größten Teil selbst die politischen Gespräche in den Hintergrund gedrängt wurden und ausschließlich von breiten Bevölkerungskreisen negativ diskutiert wurde. Besonders stark stiegen die negativen Diskussionen während der Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung an. Genossen unserer Partei, Hausfrauen usw. brachten ihr Unverständnis über die Lage zum Ausdruck, da sie die Ansicht vertraten, dass die Versorgung mit den wichtigsten Lebensmitteln wie Kartoffeln, Obst, Gemüse u. a. gewährleistet sein müsste. Menschen, die unserer Regierung und der Entwicklung positiv gegenüberstehen, erklärten, dass es bald nicht mehr so weitergehen könnte und eine Änderung in der Lage eintreten müsste.

Dadurch, dass die Arbeiter in den Betriebsküchen oft nur Mehlspeisen vorgesetzt bekamen, stießen diese Drohungen aus. Sie drohten mitunter sogar mit Arbeitsniederlegung, wenn sich die Lage nicht bald bessern würde. Es zeigte sich in den Gesprächen über die Versorgungslage aber häufig, dass nicht der Partei und Regierung die Schuld dafür gegeben wurde. Es wurde viel mehr zum großen Teil erklärt, dass die Schuld an den untersten Verwaltungsorganen, an einigen einjährigen Kräften usw. liegen müsste, die es nicht verstehen würden, eine reibungslose Versorgung zu organisieren und die Schuld an der schlechten Warenstreuung trügen.

Oft konnte man das Argument hören: »Wenn das Walter Ulbricht11 oder die anderen führenden Funktionäre wüssten, wie es uns geht, sie würden sofort Maßnahmen ergreifen. Aber unsere Sorgen und Nöte dringen ja nicht bis nach oben.«

Die meisten negativen Diskussionen wurden von Hausfrauen und solchen Personen geführt, die sich stundenlang nach einigen Kartoffeln bzw. auch nach anderen Waren anstellen mussten. So erklärten Hausfrauen, ihre Männer nicht mehr zur Arbeit zu schicken, wenn nicht bald Kartoffeln geliefert würden. Mitunter wurden auch solche Stimmen laut, die Verwaltungsstellen und andere verantwortliche Institutionen zu stürmen, um »dort ein bisschen Wind wegen der Kartoffelversorgung zu machen«.

Am häufigsten tauchte das Argument auf, »wie kann so etwas zehn Jahre nach Kriegsende passieren, wo doch immer erklärt wurde, dass im letzten Jahr des Fünf-Jahres-Planes12 ein nie gekannter Wohlstand und Lebensstandard erreicht werden sollte«.13

Feindliche Elemente nützen das Argument aus und erklären, wo denn der von Ulbricht so gepriesene Lebensstandard geblieben sei. Die augenblickliche Lage wäre ein klares Zeichen der Unfähigkeit der Partei und Regierung, einen Staat richtig zu lenken, und es sei auch ein Beweis, dass die Partei und Regierung bald abtreten müsste.

Im Zusammenhang damit trat in der Periode nach der Genfer Konferenz verstärkt eine Verherrlichung des Westens ein. Personen, die ihren Verwandten in Westdeutschland bzw. Westberlin einen Besuch abstatteten, und solche Personen, die von dort auf Besuch in der DDR weilten, schilderten die Lage in Westdeutschland und verherrlichten dort den Lebensstandard, weil sie nur die vollen Schaufenster sahen. Es wurde erklärt, »dass es drüben« nicht solche Schwierigkeiten gäbe, keine Schlangen zu sehen sind und Kartoffeln, Tomaten, Obst und Gemüse in Hülle und Fülle angeboten würden. Dagegen wären bei uns zehn Jahre nach Kriegsende noch solche Schwierigkeiten zu verzeichnen, sodass man ja nicht mehr mit dem Argument kommen sollte, drüben sei der Lebensstandard schlechter als bei uns. Besser wäre es, wenn derselbe Lebensstandard wie dort wäre und wir das gleiche Warenangebot hätten.

Durch die schlechte Versorgung der Landgemeinden sind auch unter der Landbevölkerung die negativen Diskussionen sehr stark. Es zeigt sich immer wieder, dass in den Landgemeinden die schlechte Belieferung der Verkaufsstellen zu verzeichnen ist, sodass es oft die wichtigsten Lebensmittel und Industriewaren nicht zu kaufen gibt. Die Landbevölkerung erklärt deshalb, dass sie es nicht für richtig hält, dass sie immer nur benachteiligt werden. Sie kämen sich wie Menschen zweiter Klasse vor. Sie würden genau wie die Arbeiter in den Betrieben ihren Verpflichtungen gegenüber dem Staat nachkommen, aber der Staat versorgt nur immer die Stadt, während die Landbevölkerung nur Nachteile hätte. Das Warenangebot, was in der Stadt vorhanden wäre, müsste auch auf dem Land sein, dann würde man der Landbevölkerung wesentlich die Arbeit erleichtern, da sie jetzt ja gezwungen seien, ihre Einkäufe in der Stadt zu tätigen.

Aus diesem Grunde machte sich besonders im Bezirk Potsdam bemerkbar, dass ein großer Teil der Bevölkerung von den Randgebieten Berlins in Berlin einkaufen. Im Bezirk Suhl zeigt sich, dass besonders die Bevölkerung in den Sperrgebieten14 Klage über die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln und Industriewaren führen. Dadurch werden dort häufig Stimmen laut, man solle doch unsere Bevölkerung ihre Einkäufe tätigen lassen im Westen, wenn es hier nichts zu kaufen gibt.

Wie der Gegner versucht, die Versorgungsschwierigkeiten für seine Zwecke auszunutzen und versucht, die Bevölkerung gegen unsere Entwicklung und die Partei und Regierung aufzuwiegeln, zeigen die vielen feindlichen Argumente und Gerüchte, die von feindlich eingestellten Personen noch weiterverbreitet werden. Die Hauptargumente sind hier, »die Regierung ist unfähig, einen Staat zu lenken«, »sie muss abtreten«, »die westlichen Verhältnisse sollen auch auf die DDR übertragen werden« usw. Damit im Zusammenhang wird verschiedentlich von solchen Personen mit einem neuen 17. Juni15 gedroht, der aber anders ausginge als der erste und die Verhältnisse in der DDR schnellstens ändern würde. Zum anderen wird mitunter noch erklärt, dass der erste 17. Juni ein anderes, besseres Warenangebot gebracht hätte und es darum angebracht wäre, wieder mal einen 17. Juni zu starten, denn dann wäre die Gewähr gegeben, dass eine Änderung in der Versorgung eintritt. Außerdem würde es schon tüchtig unter der Bevölkerung brodeln, man warte nur noch auf den Ausbruch.

Im Zusammenhang mit der Belieferung der Bezirke mit Kartoffeln wird erklärt, dass diese nur in die Bezirke geliefert würden, die am 17.6.1953 »revolutioniert« hätten. Die Bezirke, die am 17. Juni hinter der Regierung gestanden hätten, würden benachteiligt. Diese Stimmen kommen vorwiegend aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt.

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