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Analyse: Stimmung technische Intelligenz

20. Oktober 1955
Die Stimmung unter der technischen Intelligenz in den Betrieben [Analyse Nr. 2/55]

Die Intelligenz erfüllt in allen Industriezweigen ihre fachlichen Aufgaben, hält sich jedoch in politischen Fragen und gesellschaftlicher Arbeit zurück. Diskussionsgegenstand unter breiten Kreisen der Intelligenz in allen Industriezweigen und Ursachen von Unzufriedenheit sind Fragen mangelnder Versorgung, der Prämienzahlungen, der ungenügenden technischen sowie persönlichen Unterstützung, sowie Benachteiligungen und Ablehnung besonderer Wünsche und die Auffassung, dass es in Westdeutschland besser sei.

So kam es auf einer Beratung mit der technischen Intelligenz im VEB Eilenburger Zelluloid-Werk zum Ausdruck, dass es besondere Schwierigkeiten gibt bei der Einführung neuer wissenschaftlich-technischer Ergebnisse in der Produktion, was drei bis vier Jahre dauern würde. In diesem Zusammenhang unterbreiten die Intelligenzler den Vorschlag, den Betrieben im Rahmen der Investitionsmittel einen Sonderfonds zur Verfügung zu stellen, damit Neuerungen schneller in die Produktion eingeführt werden können. Weiter kam es zum Ausdruck, dass die in der DDR entwickelten Maschinen wie Spritzgussautomaten, Schneckenpressen und andere nicht dem Stand der Weltfabrikation entsprechen. Es wurde deshalb vorgeschlagen, Einzelaggregate aus England, der Schweiz oder Westdeutschland einzuführen. Weiterhin wurde bemängelt, dass verschiedene Anlagen des Betriebes veraltet sind, und der Vorschlag unterbreitet, dass der Werkleiter dafür einen Sonderfonds erhält. Auf die immer schlechter werdende Qualität durch zu hohe Quantität der Erzeugnisse eingehend, wurde der Vorschlag unterbreitet, die Auszahlung der Leistungsprämien von der Qualität abhängig zu machen und der technischen Kontrolle das Recht zu erteilen, die Abgabe schlechter Erzeugnisse zu verbieten.

Von einigen Intelligenzlern wurden außerdem persönliche Interessen vertreten. So wurde geäußert, dass die Sorgen wegen der Ausbildung ihrer Kinder hätten, die durch Mangel an Lehrern, häufigen Lehrerwechsel und durch ungeeignete Lehrkräfte weniger lernen würden als früher in den Grundschulen.

Ebenfalls bemängelt wurde, dass es gegenwärtig keinen Bohnenkaffee und schwarzen Tee gibt, was sie benötigen, um auch nachts arbeiten zu können. Ferner wurde vorgeschlagen, die Kollegen mit Spezialkenntnissen von betrieblichen Verwaltungsarbeiten, Sorgen um die Planerfüllung und anderem zu befreien, damit sie sich ihren tatsächlichen Aufgaben in der Entwicklungsarbeit widmen können.

Ähnlich sind auch die Meinungen unter den Intelligenzlern der Buna-Werke, die derartige Zustände auch als Gründe für die aus der DDR geflüchteten Intelligenzler angeben. So äußerte ein Dr. J.: »Der springende Punkt für die Absetzungen der Intelligenzler nach dem Westen ist ja der, dass uns hier in der DDR die Hände gebunden sind. Wir schaffen es gerade noch, die von uns verlangten Aufstellungen und Statistiken fertigzustellen.

Die Chemiker der DDR sind aufgrund der ganzen Verwaltungswirtschaft gar nicht in der Lage, wissenschaftlich zu arbeiten. Außerdem sind wir gegenüber dem Westen dermaßen weit im Rückstand, dass gar nicht daran zu denken ist, deren Technik einzuholen.«

Anlass zur Verärgerung und zu negativen Diskussionen bilden auch die von einigen Betrieben eingeleiteten »Sparmaßnahmen«, die dazu führten, dass die Intelligenzler nach Westdeutschland gingen.

So sagte ein Dr. A. aus dem Buna-Werk über die Westflucht einiger seiner Kollegen: »Meine Kollegen gehen nicht etwa weg, weil wir uns nicht die Butter kaufen können, sondern weil wir in der DDR keine Unterstützung finden. Zum Beispiel in der Frage Leutemangel. Ich kann auch die Produktion bald nicht mehr halten, weil ich keine Leute mehr bekomme. Die Geschäftsbriefe muss ich mit der Hand schreiben wie vor 100 Jahren, weil die Stelle für die Stenotypistin eingespart werden soll. Wir werden nicht mehr in unserem Fach beschäftigt, sondern mit unnötigem Papierkrieg.«

In ähnlicher Weise äußerte sich ein Ingenieur aus dem gleichen Betrieb, als er sagte: »Es haben sich aus unserem Werk deshalb einige Intelligenzler nach dem Westen abgesetzt, weil die Sparmaßnahmen besonders auf dem Gebiet der niedrigen Entlohnung der Arbeiter zu groß sind und dies viel Verärgerung unter der Intelligenz auslöst.«

Ein geflüchteter Intelligenzler aus dem Buna-Werk gab als Gründe für seine Flucht an, dass er mit seinem Gehalt und seiner Arbeit zufrieden war, jedoch die Wirtschaftslage in der DDR ständig im Sinken begriffen und keine Hoffnung auf eine Änderung in der Zukunft bestehe. Auch wäre nicht die Garantie gegeben, dass die jetzigen hohen Gehälter der Intelligenz beibehalten werden, wenn erst genügend Nachwuchs von den Hochschulen vorhanden sein wird. Es könnte dann später die Pension gesenkt werden, was sich jetzt schon in der Senkung der Quartalsprämien1 ausdrückt, die ein Bestandteil des Einkommens sind. Auch sehe er in der Streichung der Stipendien für Studierende, deren Eltern ein höheres Einkommen haben, eine Benachteiligung der Intelligenz.2 In Zukunft würden überhaupt die Kinder der Intelligenzler von den Hochschulen durch die Arbeiterstudenten immer mehr verdrängt, und bei der Besetzung von Wirtschaftsfunktionen würde die soziale Herkunft eine Rolle spielen.

Ähnlich diskutieren auch Intelligenzler anderer Betriebe, die durch Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Studienplätzen für ihre Kinder verärgert werden.

So wurden Dr. Küster,3 einem Mitarbeiter des Forschungskollektivs von Agfa-Wolfen, Schwierigkeiten in der Beschaffung eines Studienplatzes seines Sohnes an der Universität Halle bereitet.

Trotz der Schreiben der Werkleitung, welche auf die große Gefahr aufmerksam machte, die sich hieraus für den gesamten Betrieb ergeben würde, blieb man bei dem Bescheid, und Dr. Küster sah sich veranlasst, seinen Sohn in Westdeutschland einen Studienplatz zu verschaffen. Dem Dr. Küster gefällt dieser Zustand nicht und er sagte, dass er seinen Sohn unterstützen müsse und er doch nicht könnte, denn er hängt an seinen Forschungsarbeiten in der Filmfabrik. Er fühle sich für diesen Forschungsauftrag verantwortlich.

Unter den Angestellten und Intelligenzlern des Eilenburger Celluloidwerkes Leipzig besteht über einen am 23.7.1955 in der Leipziger Volkszeitung4 (Kreisausgabe)5 erschienenen Artikel, der vom 1. SED-Kreissekretär veröffentlicht wurde, zu den Pensionskassen Troisdorf/WD6 Stellung genommen und die Intelligenzler und Angestellten des ehemaligen IG-Farben7 Konzerns angegriffen, die jetzt noch von dieser Pensionskasse Gelder beziehen.8 Dies trifft u. a. auf einige Intelligenzler des genannten Werkes zu. Sie vertreten die Meinung, dass sie früher das Geld eingezahlt und deshalb jetzt auch einen Anspruch darauf haben. So äußerte ein Betriebsleiter: »Es hat den Anschein, als wollte man uns um das Geld bringen. Das Geld haben wir eingezahlt, demzufolge haben wir einen Anspruch darauf.«

Bemerkenswert ist, dass in diesem Werk in der letzten Zeit mehrere Intelligenzler angeblich wegen Krankheit und Erreichung der Altersgrenze gekündigt haben.

Verärgerung und Unzufriedenheit rufen unter der Intelligenz auch gewisse Beschränkungen und Kontrollen hervor, die bei Fahrten nach Westdeutschland und dem Ausland auferlegt werden. Es wird dabei die »Feststellung« getroffen, dass sie in der DDR »unfrei leben«. So äußerte Dr. L. aus dem Salzbetrieb der Leuna-Werke: »Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass man zur Reise nach Westdeutschland nicht seinen eigenen Wagen benutzen darf. Unsere westdeutschen Kollegen besitzen doch auch eigene Fahrzeuge. In der Regierungserklärung heißt es doch auch, dass die Verbindung nach dem Westen weiter gefestigt werden soll.«9

Der Leiter des Analytischen Labors des VEB Fewa-Werkes10 Karl-Marx-Stadt reiste nach Westdeutschland und kehrte von dort mit der Begründung nicht wieder zurück, man habe ihm die beantragten zehn Tage unbezahlten Sonderurlaub nicht gewährt.

Anlass zur Verärgerung bereitet auch die ungenügende Unterstützung der Intelligenz in Wohnungsfragen.

Der Chef-Ingenieur Hamann11 bei Agfa-Wolfen wohnt in Greppin und sucht seit zwei Jahren eine Wohnung in Halle. Er will jetzt kündigen und im VEB Bitterfeld12 arbeiten, da er dort eine Wohnung bekommt.

Der Kollege [Name] wohnt in Eisleben. Er will heiraten, bekommt aber in Eisleben keine Wohnung und hat deshalb gekündigt. Er hat in Erfurt eine Wohnung erhalten und geht deshalb zum EFI13 nach Erfurt.

Im Kalibergbau ruft die 5. Durchführungsbestimmung vom 10.6.195514 Verärgerung unter der Intelligenz hervor. Demnach soll das ingenieur-technische Personal des Thomas-Müntzer-Schachtes in Sangerhausen, welches nicht täglich seine Schichten unter Tage verfährt, sondern auch über Tage seine Aufgaben zu erfüllen hat, von 12 % Treuprämie auf 10 % zurückgestuft werden. In dieser Frage treten Diskussionen auf, dass sich die Kollegen mit dieser Maßnahme nicht einverstanden erklären, da sie die 12 % schon seit einigen Jahren erhalten haben und jetzt ohne vorherige Aussprache nur noch 10 % erhalten.

Ähnliche Unzufriedenheit und Unruhe löst auch ein Beschluss des Staatssekretariats für Hochschulwesen15 und die Verfügung Nr. 516 des Ministeriums für Allgemeinen Maschinenbau17 unter den Kreisen der alten Techniker und Ingenieure aus, worin es heißt, dass alle, die noch keine Prüfungszeugnisse bzw. Abschlusszeugnisse besitzen, sich einer Prüfung unterziehen müssen.

Von den Intelligenzlern des Ernst-Thälmann-Werkes Magdeburg18 sind von dieser Verfügung ca. 270 bis 300 Personen betroffen. Von einigen wurde erwähnt, dass unter diesen Umständen eine Stellung in Westdeutschland günstiger sei.

Ein Ingenieur vom Konstruktionsbüro und Entwicklungsbüro für Werkzeugmaschinen in Karl-Marx-Stadt äußerte sich dazu:

»Weil ich früher kein Geld zum Studieren hatte und meine Kenntnis aus eigener Kraft erwerben musste, soll ich jetzt, nur um des Titels Willen, eine Prüfung ablegen. Wenn ich diese nicht bestehen sollte, kann ich gehen. Es sieht gerade so aus, als ob genau wie früher nicht mehr die Leistung, sondern der Titel maßgebend ist. Wer früher Geld hatte und studieren konnte, der bezieht heute wieder große Gehälter und die anderen leisten die Arbeit.«

Diese Stimmung ist unter einem großen Teil der betroffenen Intelligenz, insbesondere unter den Kreisen, die als Nationalpreisträger und verdiente Erfinder ausgezeichnet wurden, verbreitet.

Ebenso ist dazu die Meinung weit verbreitet, dass man in Westdeutschland nicht auf den Titel, sondern auf die Leistung sieht.

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