Ankunft und Weiterleitung der Kriegsverurteilten, 1. Bericht
22. Oktober 1955
Zusammenfassung der Berichte über die Ankunft und Weiterleitung der zurückgekehrten Kriegsverurteilten. 1. Bericht [Information M 21/55]
1. Zustand der Transporte
a) Zahl der Rückkehrer1
Bis zum 19.10.1955 trafen in Frankfurt/Oder insgesamt 1 876 Personen ein, davon verbleiben 1 116 Personen in DDR, 115 Personen im demokratischen Sektor von Berlin,2 weitergeleitet 415 Personen nach Westdeutschland, 227 Personen nach Westberlin, eine Person Zuchthaus,3 eine Person vom Transport entfernt, eine Person Listenfehler.
Bis zum 19.10.1955 trafen in Frankfurt/Oder zur unmittelbaren Weiterleitung nach Westdeutschland 3 928 Personen ein.
b) Stimmung und Verhalten der zurückkehrenden Kriegsverurteilten
Die Stimmung – und sich daraus ergebend, das Verhalten – zeigt zwei grundsätzliche Linien, da sich die Stimmung der in der DDR Verbleibenden scharf von der Stimmung der nach Westdeutschland fahrenden Personen abgrenzt.
Die in der DDR verbleibenden Personen sind meistens aufgeschlossen und zuversichtlich. Sie bringen vielfach zum Ausdruck, dass sie ihrer Arbeit nachgehen wollen, um am Aufbau mitzuhelfen.
Einige betonen aber auch, dass sie in Zukunft nichts mehr von Politik wissen wollen, und in ihren Heimatorten angekommen, verweigerten sie zum Teil die Auskunft über ihr Leben in den letzten Jahren oder sie lehnten überhaupt Diskussionen ab.
Zum Beispiel brachte der nach Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, zurückgekehrte Fred Müller4 zum Ausdruck, dass er sich in Zukunft von der Politik fernhalten wird, da er in der SU aus politischen Gründen verurteilt worden ist.
In der Abteilung PM der VPKA Ueckermünde sagte er in Anwesenheit von Publikum, dass es in der SU keine Kriegsgefangenen mehr gibt. Es soll sich deshalb niemand mit dem Gedanken tragen, dass noch einer seiner Angehörigen in sogenannter Gefangenschaft sei. Es befänden sich nur noch solche Personen dort, die ein Verbrechen begangen hätten. Im Übrigen ist M. sehr verschlossen.
Vereinzelt wird zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht wüssten, warum sie verurteilt wurden bzw., dass ihr Urteil nur aufgrund von Handlungen erfolgte, die jeder andere deutsche Soldat auch begangen habe. Diese Stellungnahmen schüren insgeheim die unter weiten Bevölkerungskreisen vorhandene und von der Westpresse verbreitete Meinung, dass es sich bei den Rückkehrern um »unschuldig Verurteilte« handele. Es erscheint deshalb notwendig, unsere Agitation darauf auszudehnen, das schändliche Verhalten der Kriegsverbrecher aufzuzeigen.
Vereinzelt erklärt man sich bereit, mit den Staatsorganen zusammenzuarbeiten.
Zum Beispiel erklärten zwei Rückkehrer am 10.10.1955 gegenüber unserer Dienststelle in Frankfurt[/Oder], dass sie beide für besondere Aufgaben arbeiten wollen.5 (Meldung der HA VII6 vom 11.10.[1955])
Am 15.10.1955 baten 16 Rückkehrer die VP in Fürstenwalde7 um Schutz, da sie im Lager in der SU für die Lagerarbeiter gearbeitet hätten und vonseiten anderer Gefangener sei ihnen deshalb gedroht worden, dass man mit ihnen in Fürstenwalde oder später auf der Bahn abrechnen wolle.8 Die 16 wurden separat in einer Baracke untergebracht.
Von den in der DDR Verbliebenen wurden bisher keine negativen Erscheinungen größeren Umfangs festgestellt.
Das Verhalten der einzelnen Transporte zeigt voll und ganz die feindliche Einstellung der dortigen Kriegsverurteilten.
Zum Beispiel wollte am 14.10.1955 ein Kriegsverurteilter eine Auskunft von einem Oberstleutnant der Grenzpolizei haben, als ein anderer Kriegsverurteilter auf ihn zutrat und sagte: »Hier hast du nichts zu bitten. Die haben uns an die Russen verkauft und wollen uns jetzt wie die Fliegen fangen.«
Transparente enthielten u. a. Parolen wie:
- –
»Wir grüßen das Vaterland. Wir sind da!«
- –
»Wir danken Dr. Adenauer!«9
- –
»Deutschland über alles.«
Die Insassen eines Transportes am 10.10.1955 benahmen sich beim Warten in Wartha nicht wie zivilisierte Menschen. Sie verrichteten auf dem Bahnsteig ihre Notdurft, sodass dieser nach Abfahrt des Zuges einem Schweinestall glich.
c) organisatorische Fragen
Die Übernahme der Waggons mit Kriegsverurteilten, die nicht direkt nach Westdeutschland weitergeleitet werden, erfolgt nach kurzer vorheriger Anmeldung durch die polnischen Freunde10 in Frankfurt/Oder und die als Bürger der DDR gemeldeten werden zum Lager Fürstenwalde transportiert. Dort stellt sich dann heraus, dass außer den bereits von den Freunden11 weitergeleiteten noch Bürger der Bundesrepublik vorhanden sind, die dann ebenfalls weiterbefördert werden.
Daraus ergibt sich auch die Zahl der unter 1 a) genannten Kriegsverurteilten für Westdeutschland und Westberlin.
Im Lager Fürstenwalde erfolgt die Übersetzung der in russischer Sprache übergebenen Namenlisten und die Registrierung, was je nach Größe des Transportes bis zu zwölf Stunden in Anspruch nimmt.
Infolge Kräftemangels kann hier jedoch keine endgültige Überprüfung vorgenommen werden, obgleich eine enge Zusammenarbeit zwischen HA VII12 und HA XII13 erfolgt.
Die Heimreise in die Wohnorte in der DDR erfolgt ohne Schwierigkeiten.
2. Verhalten der Bevölkerung
Über die Rückkehr der Kriegsverurteilten wird in allen Bevölkerungsschichten rege diskutiert. Dabei kommt es sehr oft zu negativen Äußerungen, die oftmals den Einfluss der Westsender erkennen lassen.
Da die Annahme sehr weit verbreitet ist, dass es sich nur um Kriegsgefangene handelt, wird auch der Empfang der Kriegsverurteilten oftmals dementsprechend ausgestaltet. Trotz der Sicherungsmaßnahmen seitens der Transportpolizei kommt es immer wieder entlang der Transportstrecke zu Menschenansammlungen und zu Begrüßungsszenen, bei denen oftmals sowohl vonseiten der Kriegsverurteilten als auch vonseiten der Bevölkerung negative Stimmen laut werden.
a) Zivilbevölkerung
Zum Beispiel wurde am 11.10.1955 von einigen auf dem Bahnhof Falkenberg, [Bezirk] Cottbus, wartenden Personen, die angeblich die Ankunft ihrer Angehörigen erhofften, geäußert, dass die Heimkehrer den angebotenen heißen Tee der Volkssolidarität14 ablehnen, da sie »von dem Verein nichts wissen wollen. Sie würden sowieso mit der DDR abrechnen.«
Als am 14.10.1955 auf dem Hauptbahnhof Gotha, [Bezirk] Erfurt, ein Transport abgestellt wurde, befanden sich gerade Hunderte von Arbeitern auf den Bahnsteigen, die auf ihre Züge warteten und sich sofort dem Transport zuwandten. Dabei wurde übelste Hetze gegen die SU und die DDR seitens der Kriegsverurteilten laut und besondere Unruhe entstand unter den Anwesenden, als die Kriegsverbrecher ausriefen, dass in der SU noch 1,5 Mio. Kriegsgefangene seien, die noch gar nicht geschrieben hätten.15 Das Ergebnis war, dass ein großer Teil der anwesenden Frauen den D-Zug stürmten und nach ihren Männern fragten. Als die VP auf dem Bahnhof Gotha eintraf, setzte sich der Transport gerade in Bewegung.
Unter der Belegschaft des Postamtes in Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, war bekannt, dass am 10.10.1955 ein Transport Kriegsverurteilter in Oranienburg eintrifft. Beim Eintreffen dieses Zuges verließen die Kollegen der Abteilung Abfertigung und Zeitungsvertrieb das Postamt und begaben sich zum Bahnhof, um die Zurückgekehrten zu begrüßen.
Die Angestellte [Name 1] (CDU) sagte: »Die armen, armen Menschen. Es ist eine Schande, diese Menschen so lange festzuhalten, die nichts getan haben. Jetzt stellt sich erst heraus, wie viele Kriegsgefangenen noch in der SU festgehalten werden. Dies ist ein Erfolg der Reise Adenauers nach Moskau.«16
Neben den Vorbereitungen, die oftmals in den einzelnen Gemeinden getroffen werden, um die Zurückkehrenden zu begrüßen (z. B. Blumengirlanden, Lieder und anderes), kommt es vor, dass Geldspenden gegeben werden.
Zum Beispiel gaben am 13.10.1955 Schwestern des Krankenhauses Ronneburg, [Bezirk] Gera, ihre Prämie mit dem Bemerken an den BGL-Vorsitzenden zurück, dieses Geld an den FDGB weiterzuleiten, damit es den jetzt aus der SU zurückgekehrten »Kriegsgefangenen« überwiesen werde.
b) Eisenbahnpersonal
Nachdem die Zivilbevölkerung infolge der Absperrmaßnahmen kaum noch Zutritt zum Bahngelände hat, zeigt sich, dass sich große Teile des Eisenbahnpersonals bei Bekanntwerden eines Kriegsverurteilten-Transportes negativ verhalten und die Feindpropaganda indirekt unterstützen.
Trotz anderer Anweisungen begeben sie sich zu den Zügen, diskutieren, nehmen Gegenstände entgegen oder geben den Kriegsverurteilten etwas.
Zum Beispiel übergab die Reichsbahnangestellte [Name 2] von Cottbus einem Kriegsverbrecher Schreibpapier.
In Peitz, [Bezirk] Cottbus, wurden einem Transport Blumen zugeworfen.
Die Wagenwäscherin [Name 3] vom Bahnhof Cottbus nahm von den Kriegsverbrechern Brote, Konserven, Wäsche und eine Gitarre entgegen, obgleich sie vorher auf eine dementsprechende Frage geäußert hatte, dass wir [sic!] nicht hungern brauchten.
c) Presse
Die teilweise negative Haltung der Bevölkerung zur Entlassung der Kriegsverurteilten aus der SU ist mit darauf zurückzuführen, dass seitens unserer Presseorgane nur im ungenügenden Maße die Frage behandelt wird.
Es wäre möglich, Diskussionen mit Rückkehrern, die in der DDR bleiben, so auszuwerten, dass einmal ihre Verbrechen aufgezeigt werden, um Klarheit in der Frage »Kriegsverbrecher-Kriegsverurteilte-Kriegsgefangene« zu schaffen oder dass man die Bemühungen unseres Staates darlegt, diese Menschen wieder dem Produktionsprozess einzugliedern. Damit könnte gleichzeitig in verständlicher Weise das vom Westen gestartete Propagandamanöver entlarvt werden.
Das Verhalten von Pressevertretern zeigt aber nicht, dass man dem Rechnung trägt.
Zum Beispiel wurde am 15.10.[1955] dem Vertreter des ADN/Presse die Zeit bis Ankunft des Transportes zu lang und er fuhr mit seinem Pkw wieder nach Berlin zurück. Es wurde nicht festgestellt, dass er mit Rückkehrern diskutierte.
d) Kirche
Seitens der Kirche wird in verstärktem Maße versucht, die Kriegsverbrecherfrage zu ihren Gunsten auszunutzen.
Pfarrer und Institutionen der Kirche bereiten den Empfang der Kriegsverurteilten vor und es muss teilweise festgestellt werden, dass sie besser über die Transporte unterrichtet sind als die Staatsorgane.
Zum Beispiel ist die Innere Mission Potsdam-Hauptbahnhof stets schon vor Ankunft im Besitz der Namen der Rückkehrer, geleitet diese in ihre Räume und bewirtet sie dort mit Torte, Broten u. a.m.
In einzelnen Gemeinden gingen die Pfarrer zu den Heimkehrern und versuchten, sie durch Geldspenden der Kirche zu verpflichten.
Zum Beispiel besuchte der Pfarrer von Zechin, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, am 13.10.[1955] einen ehemaligen Kriegsverurteilten aus der Gemeinde und überreichte ihm einen Geldbetrag von 50,00 DM. Er versprach, dass er selbst versuchen wird, 6 000 DM aus Westberlin zu beschaffen.
Der Vikar Zacharias17 aus Neukirchen,18 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Bahnhofstraße 14, besuchte am 10.10.1955 einen nach dort zurückgekehrten Kriegsverbrecher. Z. fragte ihn, warum er sich nicht habe nach Westdeutschland entlassen lassen. Wenn er irgendeine Hilfe brauche, solle er sich vertrauensvoll an die Kirche wenden.
In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass Z. 1954 als Rückkehrer in die DDR kam und vorwiegend Personen aufsucht, die von Westdeutschland zurückgekehrt sind.
Der zurückgekehrte Kriegsverurteilte Heinz Drechsler,19 wohnhaft in Hornhausen, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wurde am 9.10.1955 von dem evangelischen Pfarrer Littke20 aus dem gleichen Ort aufgesucht. Dieser brachte zum Ausdruck, dass er es bedauere, dass kein besserer Empfang vorbereitet wurde. Wenn ihm die Ankunft des D. früher bekannt geworden wäre, hätte er zum Empfang den Kirchenchor geschickt. Weiterhin meinte er, dass er am kommenden Sonntag die Entlassung des D. der Kirchengemeinde bekannt gäbe und den D. sowie seine Verwandten dazu einladen wolle. D. lehnte dies mit der Begründung ab, dass er von Pfaffen nichts wissen wolle.
3. Operatives Material
a) vermutliche Feindtätigkeit
Die Zahl der Rückkehrer, die trotz ihres Wohnsitzes in der DDR nach Westdeutschland wollen, lässt die Schlussfolgerung zu, dass in Fürstenwalde bzw. schon vorher seitens der Feinde agitiert wird, die DDR zu verlassen. Das geschieht einmal durch Drohungen bzw. Verhetzung der DDR, dass die Kriegsverurteilten gleich wieder festgenommen würden, oder das direkte Angebot, für 6 000 DM nach Westdeutschland zu gehen.
Zum Beispiel erklärte der Rückkehrer Otto Becker,21 aus Aken, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, dass ihn in Fürstenwalde unbekannte Personen zu überreden versuchten, sich nach Westdeutschland zu begeben, da er dort 6 000 DM bekäme.22
Seitens der Transportpolizei wird die Vermutung ausgesprochen, dass es sich um organisierte Feindtätigkeit handelt, wenn die Bevölkerung oftmals so zahlreich an der Streckenführung steht.
b) Arbeit der Agenturen
In den Transporten kommen auch nach 1945 verurteilte Spione und Agenten23 zurück und gehen oftmals nach Westdeutschland. Infolge ungenügender Zusammenarbeit mit den Freunden erhielt unser Organ aber nicht rechtzeitig Kenntnis von uns interessierenden Personen, sodass auch die Gefahr besteht, dass in Einzelfällen Westagenturen24 aufgedeckt werden.
Zum Beispiel befanden sich im zweiten großen Transport vom 10.10.1955 zu 90 % nach 1945 Verurteilte.
Zurzeit sind 163 Personen, die nach 1945 – insbesondere 1950/51/52 von den Organen des MfS gefasst wurden, registriert und in der DDR beheimatet.
Trotzdem bleibt die übergroße Mehrzahl bei uns unbekannt, weil darüber keine Unterlagen vorliegen.
So fuhr z. B. am 14.10.1955 ein Transport mit 600 Kriegsverurteilten direkt nach Westdeutschland und es konnte dadurch z. B. vorkommen, dass die Rückkehr des Agenten Kurt Müller25 erst durch die Westpresse26 bekannt wurde.
4. Wesentliche Mängel
Im Wesentlichen ergeben sich aus der vorstehenden Zusammenfassung folgende Mängel:
- a)
Die Maßnahmen, um die Bevölkerung von der Transportstrecke abzuhalten und einen engen Kontakt mit den Rückkehrern zu verhindern, sind noch ungenügend.
- b)
Die Agitatoreneinsätze an den Punkten, wo ein Zusammentreffen mit der Bevölkerung nicht verhindert werden kann, sind noch zu gering, sodass die negativen Diskussionen überwiegen und das positive keinen Fuß fassen kann.
- c)
Die Arbeit der Presseorgane ist ungenügend und stellt keinen entscheidenden Faktor gegenüber der Westpropaganda dar. Durch die mangelhafte Arbeit erfolgt eine indirekte Unterstützung der Feindpropaganda.
- d)
Da die Bearbeitung und Registrierung der Rückkehrer vollkommen durchorganisiert ist, treten hierbei immer wieder Mängel auf, die Erfassung dauert zu lange und es können Fehler entstehen.
Es fehlen seitens unserer Dienststelle die genügenden Schreibkräfte.
- e)
Die Zusammenarbeit mit den Freunden ist schlecht, sodass wir keine Übersicht über die nach Westdeutschland gehenden Personen haben, die uns operativ interessieren.