Direkt zum Seiteninhalt springen

Auswertung der Genfer Konferenz in Bereitschaftspolizei

[ohne Datum]
Auswertung der Genfer Konferenz in den Einheiten der Bereitschaftspolizei [Information M 19/55]

Bei einer Gesamtübersicht der geführten Diskussionen in allen Einheiten kann festgestellt werden, dass unsere Genossen die Ergebnisse der Genfer Konferenz1 und ihre Bedeutung für die Entspannung der internationalen Lage erkennen, aber noch ungenügend Schlussfolgerungen zur Verbesserung ihrer Arbeit ziehen.

Ja, wenn es zum Teil sogar zu falschen Schlussfolgerungen gekommen ist, so lag das daran, dass die verantwortlichen politischen Organe in einigen Einheiten die Auswertung formal und allgemein durchgeführt haben. Man verstand es nicht, mit den verantwortlichen Kommandeuren der Gruppen, Züge und Kompanien solche Maßnahmen festzulegen, dass als Schlussfolgerung der Auswertung der Genfer Konferenz eine Verbesserung des gesamten Dienstes und der Moral unserer Genossen Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere damit verbunden ist.

Als allgemeine Grundtendenz bei den Diskussionen brachten die Genossen immer wieder sehr richtig zum Ausdruck, dass es die Sowjetunion war, die den Friedenswillen der Völker in ihrer gesamten Außenpolitik – also auch in Genf und jetzt in Moskau bei den Verhandlungen2 mit Adenauer3 – zum Ausdruck brachte. Ebenso wurde das provokatorische Auftreten Adenauers in Moskau von den Genossen mit heller Empörung zur Kenntnis genommen.4

Wie richtig unsere Genossen die Lage in Bezug auf die Verstärkung unserer Verteidigungsbereitschaft erkennen, kommt auch in solchen Diskussionen zum Ausdruck, wie die des Soldaten [Name 1] aus der 1. Kompanie Mot. Fürstenberg, der sinngemäß äußerte, dass wir trotz der augenblicklichen Entspannung in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen dürfen. Auch Hitler hat einmal Verhandlungen mit der Sowjetunion geführt, um dann die getroffenen Abmachungen zu brechen.5

Beispiele für richtige und gute Schlussfolgerungen in Auswertung der Genfer Konferenz gab es in der Einheit Basdorf, wo man die Auswertung zum Anlass nahm, die Verpflichtungsbewegung durch Wandzeitungsartikel und Stellungnahmen von Genossen zur Konferenz so zu fördern, dass viele Genossen sich auf zwei, drei, fünf und weitere Jahre weiterverpflichten.

In der Einheit Magdeburg wurde ebenfalls in der Auswertung mithilfe der Wandzeitungen und des Dienststellenfunks die Verpflichtungsbewegung gut gefördert sowie Selbstverpflichtungen zur Erreichung von guten Schießergebnissen von den Genossen abgegeben.

In der Abteilung Gera wurde die positive Stimmung der Genossen gut ausgenutzt, indem sich die FDJ vor jedem Wachaufzug ein Kampfziel für die Zeit ihrer Wache stellte. Sie stellten sich solche Aufgaben wie: vorbildlich, diszipliniert und wachsam ihren Dienst zu versehen.

Im Kommando M.6 Rostock wurde die Diskussion in Auswertung der Genfer Konferenz dazu benutzt, mit den Genossen über die Notwendigkeit der Verpflichtungen zu diskutieren sowie über die Werbung für unsere Einheiten, wobei gute Ergebnisse zu verzeichnen sind.

In allen Einheiten kann festgestellt werden, dass die positiven Stimmungen die negativen überwiegen.

In den Einheiten traten u. a. folgende negative Stimmungen und Meinungen aus, wie zum Beispiel:

  • »Mir ist gleich, was Adenauer macht, wir sind kleine Leute und die Großen machen sowieso die Politik.«

  • »Die Sowjetunion und die volksdemokratischen Länder vermindern ihre Streitkräfte,7 also wird auch bei uns bald eine Änderung eintreten und wir werden nicht mehr benötigt.«

  • »Verhandlungen haben keinen Sinn, denn die vier Großmächte haben in Genf die Deutschlandfrage kaum erwähnt.«

  • »Was nützt es schon, wenn die Arbeiter Deutschlands sich einig sind, die vier Großmächte jedoch das Ziel haben, Deutschland nicht hochkommen zu lassen.«

Es gab auch in einigen Fällen direkt provokatorische Äußerungen, wie die des Genossen [Name 2] vom Kommando M. Rostock, der sagte: »Russland hat noch Kriegsgefangene, warum werden sie nicht entlassen. Adenauer ist für den Frieden, deshalb ist er auch nach Moskau gefahren.«

Oder die der Genossen [Name 3], [Name 4] und [Name 5] aus der 2. Kompanie derselben Einheit, die zum Ausdruck brachten: »Die Sowjetunion beging auch Kriegsverbrechen beim Einmarsch in Deutschland.«

Aus den Berichten der Einheiten ist ersichtlich, dass mit den Genossen, die negative Meinungen vertraten, im Kollektiv und individuell gesprochen wurde und dass man sich mit den Argumenten in der Einheit auseinandergesetzt hat.

Die Gesamteinschätzung zeigt, dass die verantwortlichen Genossen es nicht immer verstanden haben, die politische Auswertung mit der unmittelbaren operativen täglichen Arbeit zu verbinden und die Genossen Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere durch die richtige und unermüdliche Überzeugungsarbeit anhand der positiven Ergebnisse der Genfer Konferenz und der damit verbundenen Stärkung des Weltfriedenslagers zu bewussten, patriotischen Kämpfern für unsere Deutsche Demokratische Republik zu erziehen.

  1. Zum nächsten Dokument Versorgung

    23. November 1955
    Versorgung [V 25/55]

  2. Zum vorherigen Dokument Zur Beurteilung der Situation in der DDR

    19. November 1955
    Informationsdienst Nr. 2494 zur Beurteilung der Situation in der DDR