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Bericht Kundgebung Marx-Engels-Platz

27. Juli 1955
Bericht Kundgebung Marx-Engels-Platz [Information M 18/55]

Bericht über die Kundgebung auf dem Marx-Engels-Platz am 26. Juli 19551

Allgemein wurde eine sehr starke Beteiligung an der Kundgebung festgestellt. Von vielen Teilnehmern wurde geäußert, dass sie selten eine so große Beteiligung an einer Kundgebung in Berlin erlebt hätten.

Auch war die Stimmung unter den Teilnehmern gut. Es wurde oft der Freude Ausdruck gegeben, dass die sowjetische Delegation nach Beendigung der Genfer Konferenz2 nach Berlin gekommen ist. Dies wurde immer wieder als Beweis für die Freundschaft zwischen der SU und DDR gewertet. Verschiedentlich wurden dabei in den Gesprächen Vergleiche zu den westlichen Staatsmännern gezogen, die gleich nach Beendigung der Konferenz in ihre Länder abgeflogen sind.

In diesem Zusammenhang kam es zu Bemerkungen wie z. B. »der Besuch der sowjetischen Staatsmänner widerlegt die Behauptung, dass die SU die DDR habe fallen lassen, bzw. dass sie an einer Wiedervereinigung nicht interessiert ist«.

Großen Beifall fanden die Ausführungen3 des Genossen O. Grotewohl4 und des sowjetischen Genossen Chruschtschow5 und vielfach wurde bedauert, dass der Genosse Bulganin6 nicht gesprochen hat.

Die bekannt gewordenen Äußerungen von Kundgebungsteilnehmern drückten immer wieder Freude über den Aufenthalt der sowjetischen Staatsmänner sowie über ihr Auftreten auf der Genfer Konferenz aus.

Überhaupt wurden die meisten Gespräche im Zusammenhang mit der Genfer Konferenz geführt.

Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter: »Er habe jetzt verstanden, warum die Delegation der sowjetischen Regierung vor allem die internationalen Fragen in den Mittelpunkt gestellt hat. Ihm war bis dahin nicht klar geworden, welche Bedeutung gerade diese Frage für das deutsche Problem hat.«

Ein älterer Herr sagte: »Er sehe die große Kraft der SU, die fest hinter unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat steht, und dass die Politik der Stärke7 und damit die Politik Adenauers8 zusammengebrochen ist. Die sowjetischen Staatsmänner seien die größten der Welt und die SU sei eine reale Macht, ja sogar die stärkste Macht.«

Ein Rentner, der die 40-jährige Ehrennadel des FDGB trug, sagte: »Er habe sich gefreut, die sowjetische Delegation aus der Nähe zu sehen, und dass Eisenhower9 nicht so mit dem westdeutschen Volk verbunden ist. Denn dieser bestelle sich Adenauer nach den USA und vermittelt ihm dort die Ergebnisse der Konferenz in Befehlsform.10 Die Konferenz war für ihn ein Erlebnis.«

Ein Westberliner Bauarbeiter erklärte: »Er erwartet, dass Bulganin noch sprechen würde. In einer Westzeitung habe er gelesen, dass jetzt auch Amerika mit China verhandeln wolle.11 Die Ursache dafür sehe er in der Genfer Konferenz. Er glaube jedoch nicht, dass es im Oktober12 gleich zu einem Erfolg kommt, denn Adenauer will unbedingt eine Wehrmacht haben.«

Zur Rede des Westberliner SPD-Funktionär13 äußerte der Bauarbeiter: »Es sei das erste Mal, dass ein SPD-Funktionär hier spricht, sonst machen die doch in Bonn alles was Adenauer will.«

Eine Arbeiterin aus einem Berliner VEB erklärte: »Dass sie erfreut darüber sei, dass so viele Westberliner anwesend waren, und dass ein SPD-Funktionär aus Westberlin gesprochen habe. Wenn man Adenauer davonjagen würde, wäre die Einheit Deutschlands wesentlich leichter zu schaffen. In der Anwesenheit der sowjetischen Delegation in Berlin sehe ich einen Beweis der Freundschaft mit dem deutschen Volke. Auf die Außenministerkonferenz im Oktober setze ich große Hoffnungen.«

Ein Arbeiter aus dem Armaturenwerk in Köpenick14 erklärte: »Dass er erfreut darüber sei, die sowjetische Delegation zu sehen, die sich mit aller Kraft dafür einsetze, um das deutsche Problem zu lösen.«

Ein Arbeiter aus dem Kabelwerk Oberspree sagte kurz vor der Eröffnung der Kundgebung: »Die Genfer Konferenz sei ein Wendepunkt in der Geschichte. Nach diesem großen Erfolg des Friedenslagers seien für Adenauer die Tage gezählt. Die deutsche Frage könne nicht im Sinne Adenauers gelöst werden. Adenauer müsste jetzt nach Moskau fahren,15 wenn er noch einige Stimmen auf sich vereinigen will.«

Ein älterer Metallarbeiter eines Berliner Großbetriebes sagte zur Genfer Konferenz: »Dies sei ein gutes Beispiel der Verständigung gewesen. Die Tatsache des Erfolges der Genfer Konferenz gehe auch nicht an großen Teilen der westdeutschen und Westberliner Werktätigen ohne Einfluss vorüber. Er sei davon überzeugt, dass die Bonner Regierungskreise jetzt verhandeln müssen oder sonst hinweggefegt werden.«

Ein Angehöriger der Intelligenz erklärte kurz nach Beendigung der Kundgebung: »Er begrüße besonders die Bemerkungen Chruschtschows über die Wiedervereinigung Deutschlands und dass die Wiedervereinigung nicht auf Kosten der DDR gehen werde. Auch sei die Wiedervereinigung ohne Mitwirkung der beiden Teile Deutschlands unmöglich.«

Vereinzelt wurden auch negative Äußerungen festgestellt, die eine gegnerische Einstellung gegenüber der DDR und SU zeigen.

Zwei Transportarbeiter äußerten: »Die Demonstranten sollten sich schämen, denn sie hätten wahrscheinlich vergessen, wie die Russen nach Berlin kamen.«

Ein älterer Angestellter, wahrscheinlich früherer Beamter, sagte: »Durch diese Rederei wird sich doch nichts ändern. Wenn morgen freie Wahlen durchgeführt würden, dann wäre das ganze Problem gelöst. Aber das wollen eben die hier nicht, weil sie ganz genau wissen, dass sie dabei verlieren. Wenn Grotewohl sagt, dass er verhandeln wolle, dürfe er nicht auf die NATO schimpfen, denn in der DDR würde ja dasselbe gemacht. Waffen bleiben Waffen, Adenauer sei mit großer Mehrheit Kanzler geworden. Uns können nur freie Wahlen, auch unter Kontrolle helfen, aber nicht solche wie im Oktober.«16

Ein älterer Postangestellter, wahrscheinlich ehemaliger Nazi, erklärte: »In Genf ist gar nichts herausgekommen. Es sind doch nur Verfahrensfragen geregelt worden, Bulganin könnte ja auch nichts machen, denn er kriegt von der Partei alles vorgeschrieben, und wenn er aus der Reihe tanzt, wird er niedergemacht. Zu Verhandlungen zwischen Ost und West könne es nicht kommen, da die Regierung drüben vom Volke gewählt sei, während diese hier eingesetzt sei. Adenauer sei drüben genauso verhasst wie die hier.«

Ein Obermeister aus dem Haupttelegrafenamt, Abt. Rohrpost, äußerte in einem allgemeinen Gespräch über die Kundgebung: »Er würde nicht an der Kundgebung teilnehmen und auch von seiner Abteilung nur wenige, im Höchstfalle nur 40 Personen. Er sei an solchen Sachen nicht interessiert und wenn man ihn bei der Post entlasse, würde er in Westberlin jeder Zeit unterkommen und mit 62 Jahre gleich 350 [DM] West Pension erhalten, während er hier nur DM 190 Rente bekomme.«

Drei Angestellte, vermutlich von der Kammer der Technik, äußerten zur Kundgebung: »Ob Bulganin oder Chruschtschow gesprochen hätte, sei egal, denn beide würden ja nichts Gescheites erzählen, Bulganin sei aus der Schweiz gekommen und sie wunderten sich, dass er nicht dort geblieben sei.«

Des Weiteren konnte festgestellt werden, dass ein beträchtlicher Teil – darunter auch Genossen – bereits auf den Stellplätzen, und dann während der Kundgebung, abgewandert sind.

Im Verhältnis zu der gesamten Beteiligung an der Kundgebung gesehen, kann es als eine Nebenerscheinung betrachtet werden. Vielfach waren es auch Frauen, die es mit folgenden Bemerkungen begründeten:

  • »Es wird einem ja vom langen Stehen ganz schlecht«;

  • »man kann in Zukunft nicht mehr mitdemonstrieren, wenn man nicht wieder vom Platz herunter darf, wenn man will«;

  • »die Absperrungsmaßnahmen sind wieder etwas für den Westen, ich bin freiwillig hier hergekommen und will nicht mit Gewalt festgehalten werden«;

  • »ich muss nach Hause, als Frau hat man noch andere Sachen zu tun.«

Drei Frauen, die vorzeitig den Kundgebungsplatz verließen, begründeten es auf Befragen damit, dass sie Kinder zu Hause hätten und einkaufen müssten.

Zwei Angestellte »beschwerten« sich über das Verhalten ihres kaufmännischen Leiters, der sie auf Schritt und Tritt bewachen würde und sie auch zur Kundgebung »befohlen« hätte. Sie seien jedoch keine »Befehlsempfänger« und machten was sie selbst wollten.

Nach der Rede des Genossen Grotewohl war die Fahrbahn längs der Spree-Seite fast leer. Die Absperrung durch die VP an der Rathausbrücke während der Kundgebung rief häufig das Missfallen der Teilnehmer hervor, die vorzeitig nach Hause wollten, und es entwickelten sich hierbei teilweise lebehafte Auseinandersetzungen.

Verschiedentlich wurden die Absperrmaßnahmen durch die VP kritisiert. Es wurde z. B. als unverständlich bezeichnet, dass auf dem Kundgebungsplatz eine Absperrung in Quadraten vorgenommen war und dadurch niemand in ein anderes Quadrat überwechseln konnte, obwohl dort mitunter mehr Platz zur Verfügung stand.

Verärgerung rief das unhöfliche Verhalten eines diensttuenden Unterleutnant vor der Tribüne vor der Rathausseite hervor, dass zur Folge hatte, dass verschiedene Personen äußerten, sie hätten dadurch die Freude an der Kundgebung durch diesen »Kasernenhof-Ton« verloren. Zum Beispiel sagte dazu ein Arbeiter: »Manche VP-Angehörige haben wahrscheinlich vergessen, dass sie von Arbeitergroschen bezahlt werden. Sowjetische Offiziere verhalten sich den Werktätigen gegenüber viel besser.«

Allgemein kann zu dieser Kundgebung gesagt werden, dass sie einen starken Eindruck auf die Teilnehmer gemacht hat. Besondere Freude herrschte vor allem darüber, dass der Genosse Chruschtschow zu den Berlinern gesprochen hat und vielfach wurde darüber Bedauern ausgedrückt, dass nicht auch der Genosse Bulganin das Wort ergriffen hat.

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