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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

30. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2471 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Weiterhin werden in den Industrie- und Verkehrsbetrieben die politischen Gespräche von dem Ausgang der Genfer Konferenz1 bestimmt. In der Mehrzahl verlaufen die Gespräche positiv, indem zum Ausdruck gebracht wird, die Genfer Konferenz habe eine Entspannung der internationalen Lage gebracht, was in erster Linie ein Verdienst der SU sei. Auch setzt man in diesem Zusammenhang große Hoffnung auf die im Oktober stattfindende Außenministerkonferenz2 in Bezug auf Lösung der Deutschlandfrage.

Die positiven Diskussionen enthalten eine richtige Einschätzung der Genfer Konferenz, jedoch wird verhältnismäßig wenig die richtige Schlussfolgerung daraus gezogen, nämlich, dass die Schaffung der Einheit Deutschlands in erster Linie Sache der Deutschen selbst sein muss.

So werden z. B. solche Stellungnahmen, wie die eines Arbeiters aus dem VEB Öl und Hefe Velten,3 [Bezirk] Potsdam, nur vereinzelt bekannt.

Er sagte: »Wir deutschen Arbeiter müssen uns in Zukunft mehr dafür einsetzen, um unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir dürfen nicht immer zusehen und warten, bis die SU uns die Einheit Deutschlands erringt, sondern wir müssen selbst etwas dazu tun.«

Im Zusammenhang mit der Genfer Konferenz wird verschiedentlich zu dem Besuch der sowjetischen Delegation4 Stellung genommen. Dieses Ereignis wird fast ausschließlich positiv gewertet, und zwar wird immer wieder die darin zum Ausdruck kommende Verbundenheit der sowjetischen Staatsmänner mit dem Volke sowie überhaupt die Freundschaft zwischen der SU und dem deutschen Volke betont.

Auch werden dabei Vergleiche zu dem Verhalten der westlichen Staatsmänner, die von Genf aus sofort in ihre Länder abgeflogen sind, gezogen.

Zum anderen beschäftigen sich viele mit der Frage, wie die Einheit Deutschlands zustande komme und wie dazu das wiedervereinigte Deutschland aussehen sollte.

Fortschrittliche Kräfte erklären hierbei, dass wir auf keinen Fall unsere Errungenschaften preisgeben werden. Dabei beziehen sich einzelne Stellungnahmen auf die Ausführungen des Genossen Chruschtschows,5 die er am 26.7.1955 auf der Kundgebung in Berlin, bezüglich der Einheit Deutschlands machte.6

Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem VEB Zellwollwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin: »Ich bin froh, dass die Einheit Deutschlands nicht auf Kosten unserer Errungenschaften geht.«

Ein Meister aus dem VEB Feinmechanik Neustadt-Glewe: »In unseren Diskussionen sind wir erst nicht klargekommen, wie die Einheit hergestellt werden soll. Aber die Erklärung Chruschtschow zeigt, dass es nicht auf unsere Knochen geht.«

Neben den Stellungnahmen, die in der Genfer Konferenz einen Erfolg sehen, gibt es eine ganze Reihe enttäuschter Stimmen, und zwar deshalb, weil sie sich von dieser Konferenz Sofortmaßnahmen bezüglich der Herstellung der Einheit erhofft hatten. So wird z. B. immer wieder erklärt, dass sie enttäuscht seien, dass wieder nichts für die Herstellung eines einheitlichen Deutschlands herausgekommen sei und »dieser Frage nicht genügend Beachtung geschenkt« worden sei.

So gilt z. B. die Meinung eines Eisenbahners aus Weißenfels, [Bezirk] Halle, für viele. Er sagte: »Ich bin von dem Abschluss der Genfer Konferenz enttäuscht, da ich erwartet habe, dass das Deutschlandproblem mehr in den Vordergrund gestellt wurde. Aber nun sind die Verhandlungen wieder auf Wochen hinausgeschoben. Wer weiß, was in der Zwischenzeit alles passiert. Die Deutschlandfrage ist eben viel zu kurz gekommen und nichts ist erreicht worden.«

Negative bzw. feindliche Stimmen werden nur im geringen Umfang bekannt. Dabei zeigt sich, dass die Einstellung dieser Elemente größtenteils auf der Beeinflussung durch die westliche Propaganda beruht. Vereinzelt geben diese Kräfte auch zu, dass sie die westlichen Hetzsender hören. Auf deren Linie führen sie dann ihre Diskussionen, die meistens Hetze gegen die DDR und SU beinhalten.

Mehr negative Äußerungen sind in den Berliner Betrieben zu verzeichnen, da ja hier auch die westliche Beeinflussung am stärksten ist.

Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter aus der VEB-Yacht-Werft Berlin: »Die Konferenz ist auch wieder aufgeflogen. Daran ist nur der Russe schuld. Es ist eben alles Schwindel.«

Ein Technologe aus dem gleichen Betrieb sagte: »Auf der Genfer Konferenz hat Bulganin7 genauso wieder nein gesagt wie bei allen übrigen Konferenzen. Dies trat besonders bei der Behandlung der Deutschlandfrage auf, da er erst das Problem der kollektiven Sicherheit geklärt haben wollte.8 Unsere Zeitungen schreiben doch nicht die Wahrheit. Ich habe in den Westzeitungen ganz andere Kommentare gelesen. Die Westmächte haben sich wirklich für Deutschland eingesetzt. Auch haben sie die Ostgebiete zurückverlangt.«

Ein Schlosser, parteilos, aus dem VEB Jenapharm [Bezirk] Gera: »Das war vorauszusehen, dass Bulganin wieder bremst. Wir sind eben noch nicht so arm, dass man uns aufgibt. Die Westmächte sind für eine sofortige Einheit und gesamtdeutsche Wahlen.«

Ein Schlosser vom RAW Wittenberge, [Bezirk] Schwerin: »Ich habe im Verlauf der Konferenz ständig dem NWDR9 gehört, um mir einen Überblick über diese Konferenz zu verschaffen. Das Ergebnis der Konferenz war, das Hinausschieben des Zusammenschlusses Deutschland.«

Ein Kraftfahrer, SED und RIAS-Hörer,10 vom Straßenbau-Unterhaltungs-Betrieb Neustrelitz: »Nun sind die vier Großen in Genf zusammen gewesen und es ist so gut wie nichts dabei herausgekommen. Der RIAS hat gemeldet, dass Bulganin es mit der Einheit Deutschlands gar nicht so ernst genommen hat und deshalb kann diese Angelegenheit erst später behandelt werden.«

Ein Arbeiter aus dem Zellwollwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin: »Nach den Ausführungen Bulganins hat die Einheit Deutschlands noch acht Jahre Zeit.11 Tatsache ist aber, wenn die Einheit jetzt nicht kommt, beginnt in der nächsten Zeit eine Massenflucht nach Westdeutschland.«

Ähnliche Meinungen hatten auch drei Kollegen aus dem Mercedes-Werk Zella-Mehlis,12 [Bezirk] Suhl.

Außer den Diskussionen über die politischen Tagesfragen beschäftigen sich die Werktätigen der Betriebe viel mit betrieblichen sowie persönlichen Belangen und auch mit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in der DDR. Dabei gibt es vielfach negative Äußerungen, die entweder auf eine gewisse Unzufriedenheit zurückzuführen sind oder auf einer negativen Einstellung beruhen.

Bei den betrieblichen Problemen sind es größtenteils Mängel und Schwierigkeiten die im Produktionsablauf auftreten sowie auch Lohnfragen sind dabei vielfach Gesprächsstoff.

In wirtschaftlicher Hinsicht sind es meist Versorgungsfragen. Dabei werden immer wieder Vergleiche zu Westdeutschland gezogen.

Es herrscht dann die Meinung vor, dass es »drüben besser sei«.

In der Montage des VEB Berliner Glühlampenwerk diskutierten einige Kolleginnen über die Versorgungslage. Dabei äußerte eine Kollegin: »Es gibt nun schon so lange kein Rindfleisch mehr. In Westdeutschland und Westberlin treten solche Schwierigkeiten nicht auf. Auch sind dort die Waren billiger als bei uns. Bei uns sind nicht die richtigen Leute in der Regierung, was geändert werden müsste.«

Dieser Unterhaltung wohnten zehn bis zwölf Kolleginnen bei und nur eine davon trat dieser Diskussion entgegen.

In der Abteilung Einkauf des gleichen Betriebes wurde von einer Gruppe Kollegen ähnliche Diskussionen geführt. Dabei wurde geäußert: »Unser Arbeiter-und-Bauern-Staat kümmert sich nur um die, von denen er Nutzen hat. Die Rentner z. B. sind ihm vollkommen gleichgültig.«

Ein Schiffsbauer von der Volkswerft Stralsund: »Meine Brigade hat in vergangenem Monat nur zwei Tage gearbeitet und die übrige Zeit sind Wartestunden geschrieben worden.«

Des Weiteren ging er auf die Entwicklung der DDR ein und sagte: »Die Bevölkerung steht nicht hinter unserer Regierung, weil sie es nicht fertiggebracht haben, das Volk auf ihre Seite zu bringen. Der Lebensstandard im Westen ist bedeutend höher als bei uns. Die DDR wird sich nicht mehr lange halten können.«

(Die Wartestunden entstanden, weil die Werft die eingeplanten 67 t Walzmaterial nicht erhalten hat.)

Unter den Jugendlichen der Abteilung Massenbedarf des Karl-Marx-Werkes Potsdam-Babelsberg13 herrscht wegen der ungenügenden Auftragslage eine schlechte Stimmung, weil sich dies auf ihren Verdienst auswirkt.

In ihren Diskussionen erklären sie, dass in Westberlin eine Zeitungsfrau mehr verdienen würde als sie.

Als von älteren Kollegen auf die große Arbeitslosigkeit im Westen hingewiesen wurde, erklärte ein Jugendlicher: »Wenn wir hier nicht die ganzen Jugendlichen in die KVP zwingen würden, hätten wir mehr Arbeitslose als im Westen.«

Auch in einigen Betrieben der größten Werke Magdeburg, insbesondere Karl-Marx-Werk,14 ET-Werk15 und Karl-Liebknecht-Werk16 herrscht Arbeitsmangel. Die Arbeiter sind gezwungen kleinere bzw. unqualifizierte Arbeiten zu verrichten oder auch Wartestunden zu schreiben. Die Stimmung ist entsprechend schlecht. Einige Kollegen wollen entweder in andere Betriebe überwechseln oder, wie es bereits in einigen Fällen geschah, sich nach dem Westen absetzen.

Zum Beispiel wurden im Karl-Liebknecht-Werk in verschiedenen Werkstätten schon Arbeiten für 1956 ausgeführt. Auch ist in diesem Werk in den Monaten April, Mai und Juni eine verstärkte Republikflucht zu verzeichnen. Feindliche Elemente versuchen die Zustände zur negativen Beeinflussung der Arbeiter auszunutzen.

Zum Beispiel hebt ein Technologe aus der mechanischen Abt. II Buckau in Diskussionen immer wieder hervor, dass die Arbeitsverhältnisse bei Kleinherne17 in Grevenbroich/Westdeutschland sehr gut seien.

Exportfragen

Im VEB Bremsbelag Coswig, [Bezirk] Dresden, liegt zurzeit eine Exportlieferung für die Türkei zum Versandt bereit. Der Wert beträgt ca. 500 000 DM. Der Grund der Nichtauslieferung dieser Sendung liegt an einer Sperrung durch den DIA, was damit begründet wird, dass die Türkei ihre Lieferungsverpflichtungen an uns nicht eingehalten hat.

Der VEB Maschinen-Fabrik Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig, verkaufte eine Maschine an eine Firma in Österreich. Da diese Maschine nicht mehr läuft, wurde von dort ein Vertreter von dem obengenannten Betrieb zur Instandsetzung angefordert. Da seitdem schon eine geraume Zeit verstrichen ist, verlangt die Österreichische Firma für jeden Tag Stillstand der Maschine 500 Schillinge zu bezahlen. (Der VEB hat bereits schon vor sechs Wochen einen Antrag für die Genehmigung der Auslandsreisen des technischen Direktors gestellt, was bis jetzt noch nicht bestätigt ist.)

Materialmangel wurde uns aus nachstehenden Betrieben bekannt:

  • VEB Deko Gräfenthal,18 [Bezirk] Suhl – 500 t Grauguss und 50 t Bleche für Aufträge, die auf der Leipziger Messe abgeschlossen worden;

  • VEB Wurzener Teppichfabrik – Kürzung der Planmengen gewaschener Wolle –Exportaufträge gefährdet;

  • VEB Metallgusswerk Leipzig – Kolbenlegierung – dadurch Produktions-Rückstand von 17 000 Kolben und

  • VEB Pfalz und Heftmaschinenwerk – Gussteile – dadurch sechs Wochen Plan-Rückstand.

Produktionsstörungen

Am 25.7.1955, gegen 17.00 Uhr, riss [im] Tagebau Witznitz, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, das Halteseil des Schaufelradauslegers vom Bagger 560. Produktionsausfall: 100 000 t Rohkohle, Reparaturzeit zehn bis zwölf Tage, ca. DM 50 000 Materialschaden.

Im VEB Grube Zipsendorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wurde der Schaufelradbagger außer Betrieb genommen, da die Kurbelwelle defekt war. Produktionsausfall: 3 990 cbm Abraum.

Im VEB Deutzen,19 [Bezirk] Borna musste der Bagger 60 wegen einer Reparatur am Bandmotor ca. zehn Stunden außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: 2 000 t Kohle.

Im VEB Witznitz, [Kreis] Borna, fiel der Bagger 268 wegen Störung am Hauptmotor ca. fünf Stunden aus. Produktionsausfall: 1 000 t Kohle.

Im VEB Böhlen, [Kreis] Borna, musste die Maschine II wegen Dichtungsschaden an der Abdampfleitung außer Betrieb genommen werden. Voraussichtlicher Ausfall von ca. 100 Mio. Watt.

Am 26.7.1955 kam es im BKW Spreetal, Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, durch Fahrlässigkeit zu einem Zugzusammenstoß. Schaden ca. DM 10 000.

Je ein gefälschtes Schreiben mit dem fingierten Absender Kammer der Technik erhielten Elbe-Werft Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, VEB Tewa Neustadt,20 [Bezirk] Gera, VEB Luft- und Wärmetechnik und Chemische Werke Greiz-Dölau, [Bezirk] Gera.

Es handelt sich dabei um eine Einladung zu einer Konferenz der Wissenschaftler für die Zeit vom 27. bis 28.7.1955 im Kongresssaal des Ministeriums der Finanzen.

Weitere gefälschte Schreiben mit dem fingierten Absender der Präsidialkanzlei Berlin gingen an VEB Schott Gera, VEB Waggonbau Gotha, [Bezirk] Erfurt, und Elektromotorenwerk Olbersdorf, [Kreis] Zittau. In diesem Schreiben werden die Betriebs-Leiter aufgefordert, zu einer Auszeichnung der zehn besten Aktivisten21 mit diesen am 29.7.1955 in Berlin zu erscheinen.

Im VEB Werk für Signal- und Sicherungstechnik erhielten einige Intelligenzler Abwerbungsschreiben aus Westdeutschland zugestellt. Diese Schreiben kommen von den Fa. Pintsch und Siemens.22

Sie gingen an die Privat-Adressen der Ingenieure und enthalten genaue Angaben über die neue Tätigkeit, Gehaltsangebot und Wohnmöglichkeit. Diese Schreiben wurden an folgenden Personenkreis des Betriebes gerichtet:

  • an alle Gruppenleiter und Ingenieure der Projektierung,

  • an einige Ingenieure des Zentral-Labors – Fernmeldetechnik und

  • an einige Ingenieure des Entwicklungsbereiches.

Aus dem VEB Kema Görlitz23 wurde Folgendes bekannt:

Für die Zeit vom 3.8. bis 27.8.1955, wo der Lehrbetrieb seinen Urlaub macht, haben 15 Lehrlinge aus dem Schlosseraktiv, die jetzt ihre Lehrzeit beendeten, Urlaub nach Westdeutschland beantragt. Das gesamte Lehraktiv umfasst 22 Lehrlinge und bei den 15 Genannten handelt es sich um Angehörige sowie Sympathisierende der JG.24 Es wird vermutet, dass die Jugendlichen eventuell zu einem Treffen oder zu einem Ferienaufenthalt der JG nach Westdeutschland fahren wollen.

Am 26.7.1955, gegen 6.00 Uhr, wurde im Rohschamotte-Werk Wetro Bautzen in die Ölzufuhr des Antriebsmotors eines Pressaggregates Schmotte-Streusand eingeworfen. Ein Produktionsausfall konnte jedoch verhindert werden.

Versorgung der Bevölkerung

Die Lage in der Versorgung hat sich in den letzten Tagen nicht verändert.

Die Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln ist immer noch Schwerpunkt.

Obwohl in fast allen Bezirken der Bedarf an Kartoffeln nicht gedeckt werden kann und die Großverbraucher Speisen ohne Kartoffeln herrichten müssen, ist in einigen Kreisen des Bezirkes Halle der Anfall von Kartoffeln so stark, dass diese weit den Bedarf übersteigt.

Zum Beispiel werden im Kreis Bitterfeld, [Bezirk] Halle, die Frühkartoffeln frei verkauft.25

Allein bei der Zörbiger26 Zweigstelle der VEAB lagern 50 t Frühkartoffeln, wofür zurzeit kein Absatz ist. Bis Ende August ist jedoch mit einem Anfall von 1 450 t Frühkartoffeln zu rechnen. Diese Menge liegt weit über dem Bedarf.

Die VEAB Leinefelde, [Bezirk] Erfurt, hat an das VEG Beinrode, [Bezirk] Erfurt, einen Waggon (6 t) Blumenkohl zum Verfüttern verkauft.

Die VEAB gab an das VEG die Anweisung, den Blumenkohl beim Einbrechen der Dunkelheit zu verladen und den Transport mit einer Pflanze überdecken.

Die Arbeiter des VEB sind darüber empört, denn der Blumenkohl war nicht so schlecht, dass er nicht mehr an die Bevölkerung hätte verkauft werden können. (Ein Drittel war noch vollkommen gut, zwei Drittel waren befleckt.)

Im Bezirk Halle ist zurzeit ein Stau von 120 t Schoten zu verzeichnen.

Die Ursachen des Staues liegen in der Nichtabnahme der Industriebetriebe, insbesondere des Bezirkes Magdeburg.

So liegen allein bei der VEAB Aschersleben seit mehreren Tagen 300 Zentner Schoten, die von der Konservenfabrik Oebisfelde, [Bezirk] Magdeburg, der Abnehmerbetrieb ist, nicht abgenommen werden, weil die Produktion dort überlastet ist.

Wenn hier nicht schnellstens Abhilfe geschaffen wird, gehen der Versorgung 300 Zentner Schoten verloren.

In der Molkerei Kyritz, [Bezirk] Potsdam, lagern fünf Tonnen Butter, die nicht verteilt werden können, weil die Molkerei keine Verpackung hat. Trotz Bemühungen des Molkereileiters ist es nicht gelungen, Verpackungsmaterial zu beschaffen.

Wenn nicht sofort Abhilfe geschaffen wird, muss die Molkerei ihre Produktion einstellen, da täglich 2,5 t Butter hergestellt werden und der Kühlraum nur 7,5 t fast.

Am 27.7.1955 wurde der Schlachthof Crimmitschau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, geschlossen, da am Schlachtvieh Bakterien festgestellt wurden. Es handelt sich um Breslau-27 und Joubert-Bakterien,28 die Vergiftungserscheinungen nach dem Genuss des Fleisches hervorrufen. Das verstärkte Auftreten der Bakterien ist auf die wechselnden klimatischen Verhältnisse zurückzuführen.

Der Schlachthof bleibt voraussichtlich bis 3.8.1955 geschlossen. Schaden: ca. 25 000 DM.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Landbevölkerung ist augenblicklich sehr daran interessiert, die diesjährige gute Ernte so schnell wie möglich verlustlos einzubringen. Daher drängen die wirtschaftlichen Probleme die politischen in der Landwirtschaft zurück.

Die Diskussionen über das Ergebnis der Genfer Konferenz sind zum größten Teil positiv.

In den Diskussionen wird die Befriedigung über die Entspannung der internationalen Lage zum Ausdruck gebracht und dass Entspannung in erster Linie auf die Initiative der SU zurückzuführen ist. Weiterhin, dass durch Genf günstige Voraussetzungen für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands geschaffen wurden. Auf die Außenministerkonferenz im Oktober wird große Hoffnung in Bezug auf die Regelung der Deutschlandfrage gesetzt. In einigen Diskussionen wird auch erklärt, dass die Genfer Konferenz bewiesen hat, dass es durchaus möglich ist, dass Vertreter des sozialistischen und des kapitalistischen Wirtschaftssystems sich verständigen.

Zum Beispiel erklärte ein werktätiger Bauer aus Sonnenberg, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam: »Ich als werktätiger Bauer bringe der Friedenskraft der SU großes Vertrauen entgegen, denn auf der Genfer Konferenz war es doch hauptsächlich die SU, die die Einheit Deutschlands anstrebte. Die Genfer Konferenz, die in einer guten Atmosphäre verlief, zeigt uns doch, dass eine Verständigung zwischen den Vertretern des Sozialismus und des Imperialismus durchaus möglich ist.«

Ein Meister der MTS Nöthnitz, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, erklärte: »Viele Menschen haben erhofft, dass die Konferenz in Genf die Einheit Deutschlands bringen wird. Wenn dies auch nicht der Fall war, so wurden doch gewisse Erfolge erzielt. Ich bin überzeugt, dass die Außenministerkonferenz im Oktober uns einen wesentlichen Schritt weiterbringt.«

Ein werktätiger Bauer aus Bochow, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, sagte: »Ich habe gedacht, es würde über die Einheit Deutschlands mehr verhandelt werden, aber das wird jetzt die Aufgabe der Außenminister sein, denn es ist ja vorerst einmal wichtig, dass der Krieg verhindert wird.«

Ein Einzelbauer aus Hinrichsfeld, [Kreis] Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, erklärte: »Wir sehen immer wieder, dass es die SU ist, die mit all ihren Kräften arbeitet, um den Frieden für alle Menschen in der ganzen Welt zu erhalten. Dies kommt auch besonders bei der Genfer Konferenz zum Ausdruck.«

Demgegenüber gibt es eine ganze Reihe Menschen, die über den Ausgang der Genfer Konferenz enttäuscht sind, weil sie in der Deutschlandfrage eine Lösung erhofften. Sie sind der Meinung, dass auf solchen Konferenzen nur viel gegessen und getrunken wird, aber weiter nichts herauskommt.

Zum Beispiel erklärte ein werktätiger Einzelbauer aus Drackendorf, [Kreis] Jena, [Bezirk] Gera: »Was haben sie nur in Genf erreicht, nichts. Und wenn sie im Oktober noch einmal zusammentreffen, kommt dasselbe heraus.«

Die Oberbuchhalterin vom VEG Lichtenwalde in Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Ich habe mir von dem Verlauf der Konferenz mehr erhofft. Auch meine anderen Arbeitskollegen in der Verwaltung vertreten diese Meinung. Sie halten Sitzungen und nochmals Sitzungen, und eine klare Linie für die Einheit Deutschlands kommt nicht heraus.«

Ein Bauer aus dem Kreis Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, äußerte: »Wir sind enttäuscht, dass auf der Genfer Konferenz die Deutschlandfrage wieder zurückgestellt wurde und erst im Oktober behandelt wird.«

Negative Diskussionen wurden nur im geringen Umfang geführt und beinhalten hauptsächlich Hetze gegen die SU, dass die SU nicht an der Herstellung der Einheit Deutschlands interessiert sei. Des Weiteren beinhalten die Diskussionen Propaganda für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf westlicher Grundlage. Diese Diskussionen werden meistens von Großbauern29 geführt.

Zum Beispiel sind einige Großbauern im Bezirk Magdeburg der Meinung, »dass die Einheit Deutschlands bald zustande käme, jedoch nicht wie unsere Partei und Regierung sich das vorstellen, sondern auf westlicher Basis«.

Ein Großbauer aus Weiten, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, sagte: »Die können noch viel verhandeln in Genf, zu einer Einheit Deutschlands kann es nicht kommen, solange die ›Russen‹ auf ihren Forderungen bestehen und ihr System bei uns in Deutschland durchdrücken wollen. Aber das wollen nur die 45 000 Kommunisten in Westdeutschland und der DDR. Wir freien Bauern wollen keine Kolchosen30 und kein Soll.«

Ein Großbauer aus Userin, Kreis Neustrelitz, sagte: »Was haben wir schon von der Genfer Konferenz? Auf den Bildern in den Zeitungen sieht man es ja, sie sind dorthin gefahren um wieder einmal einen guten Tag zu leben, rauskommen kann da ja sowieso nichts und wir können ja auch nichts dazu tun, wenn sich die vier Großmächte nicht einig sind.«

Diskussionen über den Besuch der sowjetischen Delegation in der DDR gibt es nur sehr wenige.

Es wird erklärt, dass die Regierung der SU wieder einmal bewiesen hat, dass die DDR ihr volles Vertrauen besitzt und die DDR auch in Zukunft auf Unterstützung durch die SU im Kampf um die Einheit Deutschlands rechnen kann.

Im Bezirk Schwerin wurde teilweise darüber diskutiert, weshalb die sowjetische Delegation nicht auch Mecklenburg besucht hat.

Zum Beispiel erklärte der Brigadier einer Feldbaubrigade der LPG Mestin, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin: »Es ist nicht richtig, dass sie immer nur nach Sachsen zur Besichtigung der Industriezentren fahren,31 sie müssten auch einmal die ländlichen Bezirke besuchen.«

Ein Arbeiter der VEAB Grimmen, [Bezirk] Rostock, äußerte: »Der Besuch des Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR Bulganin in der DDR zeigt, dass wir nicht allein stehen. Dieser Besuch kann nur das Ansehen der DDR in der Weltöffentlichkeit stärken und festigen.«

In den Bezirken Schwerin, Cottbus, Dresden, Frankfurt/Oder, Leipzig und Magdeburg wird auf den MTS über die zum Einsatz kommenden Mähdrescher aus dem VEB Mähdrescherwerk Weimar Klage geführt. Die Mähdrescher kommen wohl zum Einsatz, fallen aber nach kurzer Zeit wieder aus und müssen zur Reparatur gebracht werden.

Die Ursache liegt darin, dass die Kugellager im Getriebe nicht den Anforderungen entsprechen, weil sie zu weich sind und nach wenigen Betriebsstunden schon abgenutzt sind. Jetzt während der Ernte müssen die Mähdrescher für einige Zeit stillgelegt und neue Kugellager eingebaut werden. Über diese schlechte Arbeit des VEB Mähdrescherwerk Weimar sind die Kollegen der MTS empört. Sie sind der Meinung, dass die Mähdrescher in allen ihren Einzelteilen überprüft werden müssen, bevor die Serienproduktion beginnt.

Im Kreis Herzberg, [Bezirk] Cottbus, bringen die Kollegen der MTS zum Ausdruck, dass die Mähdrescher aus Weimar schneller im »Martin-Ofen«32 landen werden als die sowjetischen Mähdrescher, obwohl mit diesen schon einige Kampagnen bearbeitet wurden.

Zum Beispiel müssten alle 44 Mähdrescher im Bezirk Magdeburg, die vom Mähdrescherwerk Weimar geliefert wurden, stillgelegt werden.

Der Grund ist folgender: Vom Kugellagerwerk Frauenreuth, [Bezirk] Suhl, wurden an das Werk Glauchau, welches die Getriebe für Mähdrescher herstellt, falsche Kugellager geliefert. Diese sind zu weich und nutzen sich nach wenigen Betriebsstunden ab. Die vom Werk Glauchau eingesetzten Kugeln zermahlen sich an den Lagern, wobei das gesamte Differenzialgetriebe aus der normalen Lage kommt und die Zähne sich gegenseitig stark abnutzen. Die weitere Folge kann eine Zersprengung des gesamten Differenzialgetriebes sein.

Zum Einbau anderer Kugellager befinden sich jetzt zwei Kollegen vom Werk Glauchau und vier Kollegen vom Mähdrescherwerk Weimar in Magdeburg.

Die Montage soll bis zum 30.7.1955 beendet sein. Laut Aussagen zweier Kollegen von diesen Werken sollen ca. 700 Mähdrescher, und zwar von der Nr. 300 bis 1 000 mit diesen falschen Kugellagern versehen sein.

Im nachfolgenden MTS und VEG fielen bisher durch die gleiche Ursache ebenfalls Mähdrescher aus:

  • MTS Missen, [Kreis] Calau, [Bezirk] Cottbus – ein Mähdrescher,

  • MTS Seelow, [Bezirk] Frankfurt(Oder) – drei Mähdrescher,

  • MTS Gröbern, [Bezirk] Leipzig – vier Mähdrescher,

  • VEG Pesterwitz, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden – ein Mähdrescher.

In den MTS der Bezirke Cottbus und Schwerin sind einige Mähdrescher ausgefallen.

In nachfolgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

  • VEB Könderitz, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle – 250 Schweine notgeschlachtet, 50 Schweine verendet;

  • LPG Böckenberg, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg – 74 Schweine notgeschlachtet;

  • LPG »Fortschritt« in Gnoien,33 [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg – 126 Schweine notgeschlachtet, 17 Schweine verendet;

  • Gemeinden Plate34/ Jessenitz35/Gülze36 – [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin – 139 Schweine notgeschlachtet, sieben verendet.

  • Bei einem Großbauern in Dittersbach, [Kreis] Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt – 77 Schweine notgeschlachtet.

  • Bei zwei Kleinbauern in Rohna und Wedendorf, [Bezirk] Schwerin – 29 Schweine notgeschlachtet, ein Schwein verendet.

Am 21.7.1955 brannte die Baracke der BHG Siebenbrünzow, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, in der Futtermittel und landwirtschaftliche Maschinen lagerten, aus bisher unbekannten Gründen ab. Gesamtschaden ca. 29 000 DM.

Am 25.7.1955 brannten ebenfalls aus unbekannten Gründen ein Stall- und Wohnhaus der LPG Groß Rünz, [Kreis] Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, ab. Schaden ca. 15 000 DM.

Am 17.7.1955 fand in Groß Welle, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, ein Treffen der ehemaligen Umsiedler37 aus Mogilno38 statt. Ein Pfarrer, der aus Mogilno stammt und jetzt im Kreis Kyritz wohnhaft ist, hat dieses Treffen organisiert.

Am 25.7.1955 konnte auf der LPG Löthain, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, kein Lohn ausgezahlt werden, weil auf dem Konto nicht genügend Geld vorhanden war. Aufgrund dessen soll die Arbeitseinheit39 von DM 8,34 auf DM 5,00 herabgesetzt werden. Die Stimmung der Mitglieder ist aus diesem Grunde schlecht, sodass sie die Arbeit niederlegen wollen, da DM 5,00 für sie zu wenig sei.

Bei einem Neubauer40 auch Rackwitz, [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, wurde von unbekannten Tätern, während er sich mit seinen Angehörigen zum Nachtdrusch41 auf dem Felde befand, das Hoftor aufgerissen, das Vieh in den Ställen losgelassen und die Milchkannen auf den Hof breitgeworfen.

In der Nacht vom 24. zum 25.7.1955 wurde am Eingangstor des Handelskontors für Zucht- und Nutzvieh Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock42 eine mit Tinte geschriebene Hetzschrift, die Hetze gegen Funktionäre und dem Bau von Kulturräumen beinhaltet, angehängt.

Von mehreren Personen in Zernitz und Koppenbrück,43 [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, wird die Meinung verbreitet, mit der Ablieferung zu warten, da im September dieses Jahres in der DDR eine Änderung eintreten würde.

In der Gemeinde Wilsikow, [Kreis] Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden in der Nacht zum 18.7.1955 Aushänge angebracht, in welchen gegen den LPG-Vorsitzenden gehetzt wird und dieser als Gründer einer Kolchose, Saboteur und Baron aus der faschistischen Zeit bezeichnet wird.

Einschätzung der Situation

Die Ergebnisse der Genfer Konferenz stehen weiterhin im Mittelpunkt der politischen Gespräche in allen Schichten der Bevölkerung. Die Anteilnahme ist aber nicht so stark als 1954 zur Viermächtekonferenz.44 Dies trifft besonders auf die Landbevölkerung zu, wobei jedoch die Erntearbeiten mit zu berücksichtigen sind.

Der überwiegende Teil der Meinungsäußerungen zeigt, dass die Genfer Konferenz als Erfolg gewertet wird. Erstens hinsichtlich der Entspannung der internationalen Lage und in zweiter Linie wird der Zusammenhang der kollektiven Sicherheit mit der Wiedervereinigung erkannt und damit die Bedeutung der Genfer Konferenz für die Schaffung günstiger Voraussetzungen zur Lösung des Deutschlandproblems. Sehr häufig werden diese Ergebnisse der Genfer Konferenz als Verdienst der SU gewertet und es zeigt sich großes Vertrauen zur Politik der SU. Durch den Besuch der sowjetischen Regierungsdelegation in der DDR ist das Vertrauen weiter Kreise zur Politik der SU, besonders hinsichtlich Deutschlands, noch verstärkt worden.

Große Hoffnung wird auf die Konferenz der Außenminister im Oktober gesetzt, von dieser Konferenz erwarten viele eine Regelung der Deutschlandfrage oder zumindest sichtbare Fortschritte in dieser Richtung.

Die Erkenntnis, dass der entscheidende Beitrag zur Herstellung der Einheit Deutschlands von uns Deutschen selbst geleistet werden muss, ist, obwohl jetzt entsprechende Meinungen allmählich zunehmen, im Allgemeinen nur in viel zu geringem Maße festzustellen.

Weil die Genfer Konferenz die Deutschlandfrage nicht lösen konnte, wie es sehr viele Menschen aller Bevölkerungsschichten gehofft hatten, hat die Enttäuschung über den Ausgang der Konferenz einen beachtlichen Umfang. Deshalb wird von diesen Menschen der Konferenz häufig jeglicher Erfolg abgesprochen. Diese Meinungen sind nicht feindlich, sondern hier zeigt sich besonders deutlich, dass ein großer Teil der Bevölkerung über die politischen Fragen im Zusammenhang mit der Genfer Konferenz nur ungenügend oder gar nicht informiert ist. Dies liegt vielfach mit an der ungenügenden Aufklärung der Massen in der letzten Zeit.

Feindliche Argumente werden in verhältnismäßig geringen Umfang vertreten, nur in Berlin häufiger. Dabei zeigt sich durchweg der Einfluss westlicher Propaganda, indem die SU verleumdet wird: »Sie trage die Schuld, dass die Einheit nicht zustande kommt, da sie daran nicht interessiert sei.« Dabei wird häufig noch die Politik der Imperialisten vertreten, die auf den Anschluss der DDR an den Bonner-Staat abzielt. Zum Teil zeigen feindliche Elemente auch Enttäuschung, weil sich die »Politik der Stärke«45 nicht durchgesetzt hat.

Die feindlichen Argumente kommen im geringen Umfang aus allen Schichten der Bevölkerung, auf dem Lande häufiger von großbäuerlichen Elementen und in einzelnen Bezirken etwas häufiger aus den Mittelschichten. Umsiedler machen sich jetzt, gegenüber der Zeit vor und während der Genfer Konferenz, weniger bemerkbar.

Anlage 1 vom 29. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2471

Auswertung der Westsender

Die Westsender und vor allem »Sender Freies Berlin«46 hetzen gegen den Besuch der sowjetischen Regierungsdelegation mit dem Ziel, das Vertrauen, was die Bevölkerung der DDR gegenüber der Sowjetunion zum Ausdruck bringt, zu untergraben, indem behauptet wird: »Die Sowjetunion sei nicht an der Wiedervereinigung Deutschlands interessiert.«

Wörtlich argumentiert man: »Angenommen die von den Sowjets geforderte europäische Sicherheit … würde geschaffen, dann stünde noch immer Chruschtschows Versicherung da, dass die Interessen des sowjetisch-deutschen Teilstaates nicht angetastet und die vollendeten Tatsachen der SED-Herrschaft nicht gefährdet werden dürfen. Das heißt doch nur, dass es keine Wiedervereinigung geben kann.«

Immer wieder hetzt RIAS gegen die Aufstellung von Kampfplänen zur Einbringung der Ernte und gegen die Wettbewerbe. Diese Hetze soll dazu dienen, dass die Bauern nicht an einer schnellen verlustlosen Einbringung der Ernte interessiert sind. Mit folgenden Argumenten versucht RIAS die Bauern von ihren Aufgaben abzulenken: »Wie wäre es, wenn die Pankower Regierung47 einen Wettbewerb inszenieren würde, um die Bauern mit allem zum Einbringen der Ernte notwendigen Materialien zu versorgen? Zum Beispiel mit anständigen Mähmesserklingen, mit ordentlichen Gartenforken, mit gutem Maschinenöl usw.«

Weiter hetzt er noch gegen den Einsatz zusätzlicher Arbeitskräfte, die durch die Räte der Gemeinden und die Ausschüsse der Nationalen Front48 geschaffen werden sollen, indem es dort heißt »Pankow scheint noch nicht einmal zu wissen, dass die Mehrheit der Ausschüsse der Nationalen Front nur auf dem Papier stehen.«

In einem Kommentar hetzt »Sender Freies Berlin« gegen die vorfristige Ablieferung. Damit will man die Bauern beeinflussen, nicht gleich nach der Ernte das Getreide abzuliefern, sondern erst im Spätherbst oder Winter.

Dazu heißt es: »Den Drusch der Getreideernte verlegt jeder vernünftige Landwirt, wenn er nicht gerade einen Mähdrescher besitzt oder sehr dringend Geld braucht, in den Spätherbst oder auch in den Winter, denn dann herrscht Ruhe und es fehlt an anderer Arbeit.«

In der Sendung »Jugend spricht zur Jugend«49 hetzt RIAS gegen den Sport bzw. gegen die Sektion Touristik, die nach RIAS »dort anknüpft wo die Nationalsozialisten aufgehört haben« und bezeichnet dies »als materiellen Anreiz für den Eintritt in die KVP oder in die Kampfgruppe«.50

RIAS will damit erreichen, dass die Jugendlichen nicht zum Sport gehen, sondern er fordert die Jugendlichen in der Sektion Touristik auf zu erreichen, dass man hauptsächlich wandert. Hierzu gibt RIAS folgenden »Hinweis«.

»Gründet Wandergruppen, da seid ihr an keine Zeit gebunden und dies ist das wirkungsvollste und ungefährlichste Mittel des Widerstandes … benutzt die Fahrten zum Erfahrungsaustausch und zur Informationsübermittlung.«

In einer anderen Sendung des »RIAS – Jugend spricht zur Jugend« wird gegen die FDJ-Arbeit gehetzt mit dem Ziel, dass die Jugendlichen sich von der FDJ abwenden, da angeblich »die FDJ-Arbeit sowieso am Boden liege, so z. B. bestünden von 27 Grundeinheiten der Mathias-Thesenwerft in Wismar nur noch drei, in anderen Betrieben sähe es ähnlich aus.«

Als Grund dieser angeblichen »Zerfallserscheinungen« gibt RIAS die KVP-Werbung an.

Im Zusammenhang damit versucht RIAS den Jugendlichen in versteckter Form Hinweise zu geben, wie sie sich der KVP-Werbung entziehen können. »Wenn ihr nicht zur KVP geht, ist eben keine Arbeit mehr für Euch da, … dann wandert ihr zum VEB Seehafen oder zur Bau-Union über.«

Anlage 2 vom 28. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2471

Bericht über die Stimmung unter den Eisenbahnern

Anhand einer Reihe von Beispielen ist zu sehen, dass viele Eisenbahner mit der Einschränkung der Ausgabe von Freifahrtscheinen nach Westdeutschland nicht einverstanden sind.51

Dazu kommt noch, dass mitunter, wie dies z. B. aus dem Raum der RBD Halle gemeldet wird, die Betriebsparteiorganisationen der Verwaltungsstellen nicht aufklärend nach unten wirken, sodass die Meinung vertreten wird, die Einschränkung wäre auf eine Anordnung des ZK unserer Partei zurückzuführen.

Zum Teil fahren jetzt die Eisenbahner mit einem Freifahrtschein bis zu einem Grenzort, bezahlen dann die Fahrt bis zu einem Bahnhof im Bundesgebiet und holen sich dort Freifahrtscheine auf den Dienststellen der Bundesbahn.

In den Diskussionen bringen die Eisenbahner größtenteils zum Ausdruck, dass solche Maßnahmen einmal das Ansehen der DDR schädigen und zum anderen nicht im Sinne der gesamtdeutschen Verständigung liegen würden.

In den meisten Äußerungen zeigt sich kein Verständnis für diese Maßnahme.

Zum Beispiel sagte ein Kollege aus dem RAW Meiningen, [Bezirk] Suhl: »Ich kann einfach nicht verstehen, dass es auf der einen Seite heißt, das gesamtdeutsche Gespräch muss verstärkt werden und auf der anderen Seite werden die Freifahrtscheine nach Westdeutschland eingeschränkt.«

Ein Kollege vom Bahnhof Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, wollte einen Freifahrtschein haben, um in seinem Urlaub zur Silberhochzeit zu seinen Verwandten nach Westdeutschland zu fahren. Da dies abgelehnt wurde, beantragte er einen PM 12,52 den er auch von der VP ausgehändigt bekam. Dazu äußerte er: »Die Eisenbahn will den Menschen etwas aufzwingen, was gar nicht notwendig ist. Sie erzählen von Einschränkung des Reiseverkehrs nach Westdeutschland und von der VP erhält man ohne Weiteres die Genehmigung. Das Geld für die Reise werde ich mir in der Zeit verdienen, wo ich vorher gesellschaftliche Arbeit geleistet habe. In Westdeutschland muss ich eben dann betteln gehen, um wieder zurückzufahren zu können.«

Vom BW Magdeburg-Rothensee wurde bekannt, dass sich in der letzten Zeit ein erhebliches Ansteigen der Anträge auf Freifahrtscheine nach Westdeutschland und Raum Berlin bemerkbar macht. Der Tagesdurchschnitt liegt bei sieben bis acht Stück.

Auch im RAW Schöneweide-Berlin wird besonders über die Einschränkung der Freifahrtscheine nach West-Deutschland diskutiert. Die Eisenbahner bringen zum Ausdruck, dass man mit dieser Maßnahme nicht das Reisen nach Westdeutschland verhindern kann. Man sollte wenigstens eine Reisegenehmigung ausstellen, die Fahrt würden sie dazu auch selbst bezahlen.

Zum anderen wird noch immer die Stimmung eines Teiles der Eisenbahner durch den neu eingeführten Dienstplan negativ beeinflusst.53

So führte z. B. der BGL-Vorsitzende vom Objekt der Güterabfertigung Bad Schandau, [Bezirk] Dresden, Folgendes aus: »Ich war am 14.7.1955 in Dresden zur Gebietsvorstandssitzung. Dort ist der neue Dienstplan stark angegriffen worden. Vor allem wurden die Ablösezeiten von 22.00 Uhr und sonntags 10.00 Uhr abgelehnt. Fast alle BGL-Vorsitzende berichteten, dass die Kollegen verärgert sind und dass vielfach die gesellschaftliche Arbeit abgelehnt wird. Die schlechte Bezahlung spiele dabei auch eine Rolle. Viele BGL-Vorsitzende äußerten in der Sitzung, dass sie so ein Durcheinander und so eine Verärgerung bei der Reichsbahn noch nicht erlebt hätten. Vielfach würden die Kollegen nur widerwillig ihre Arbeit ausführen.«

So besteht z. B. unter anderem auch unter den Eisenbahnern des Bahnhofes Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, eine sehr schlechte Stimmung. Es zeigt sich dort die Tendenz, dass einige Kollegen mit dem Ausgang der Genfer Konferenz einen Regierungswechsel in der DDR erwarteten.

Am 19.7.1955 fand dort eine Versammlung statt, in der das Ergebnis des IV. FDGB-Kongresses54 ausgewertet werden sollte. Von 425 Eisenbahnern nahmen nur 25 daran teil und es kam keine Diskussion zustande.

Gegenüber Genossen unserer Partei äußerten einzelne Eisenbahner des Bahnhofes: »Wenn es in Genf zu einer Einigung kommt, wird hier sowieso alles verändert und ihr müsst abtreten.«

Der BGL-Vorsitzende des RAW Görlitz äußerte, dass die Stimmung im RAW jetzt schlechter als vor dem 17.6.195355 sei. Dies zeige sich auch im gegenwärtigen Stand der Produktion.

So ist z. B. die Erfüllung des Monatsplanes zum ersten Mal in diesem Jahr infrage gestellt, da so viel unsachgemäße Arbeit verrichtet wird.

Anlage 3 vom 29. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2471

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 26.7. bis 28.7.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

NTS:56

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 1 000, Kreis Brandenburg 111, Kreis Belzig 30, Potsdam-Land 1 553;

  • Magdeburg: Kreis Stendal 2 000, Zerbst 10 000;

  • Halle 279;

  • Frankfurt/Oder: Kreis Seelow 3 000.

Zope:57

  • Potsdam 200;

  • Karl-Marx-Stadt 131;

  • Gera 50.

Unbekannter Herkunft:

  • Potsdam: Kreis Potsdam Land 6 000, Kreis Brandenburg 50, Kreis Luckenwalde 30 000.

Verschiedener Art:

  • Potsdam 4 000;

  • Dresden 24.

Freie Junge Welt:58

  • Gera 20.

Tschechische Sprache:

  • Karl-Marx-Stadt 150.

KgU:59

  • Potsdam 36;

  • Halle: Kreis Sangerhausen 20 000, Kreis Bitterfeld 5 000, Gräfenhainichen 42;

  • Suhl: Kreis Sonneberg 1 000;

  • Neubrandenburg einige;

  • Leipzig: Landkreis Leipzig 3 000, Eilenburg 5 000.

SPD:60

  • Potsdam 151;

  • Halle: Kreis Weißenfels 30 000, Kreis Gräfenhainichen 190,

  • Dresden 54;

  • Cottbus 844;

  • Karl-Marx-Stadt 1 500, 428;

  • Gera 25;

  • Erfurt: Kreis Worbis 2 000.

Antidemokratische Tätigkeit

Auf einem Fußweg in Dresden wurde mit Kreide »Iwan verrecke«61 geschmiert (Bericht 27.7.[1955]62).

Am 25.7.1955 wurde am Gebäude der Gemeindeverwaltung Westeregeln, Kreis Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, eine Hetzlosung »Deutschland, Deutschland unter alles, ohne Butter, ohne Speck. Der Iwan holt die letzte Marmelade weg«,63 angeschmiert.

Am 25.7.1955 wurden, gegen 21.00 Uhr, im Kreis Freital ca. 100 und im Kreis Meißen ca. 97 mit Gas gefüllte Ballons, die die Aufschrift »Telegraf«64 trugen, aufgefunden.

Am 26.7.[1955] wurden im Sonderferienlager bei Gräfenwarth, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera, von unbekannten Tätern die beiden Deckel vom Wasserkocherbehälter angeschraubt und in das Wasser Bretter, Steine und andere Gegenstände geworfen.

Vor einigen Tagen wurden von bisher unbekannten Tätern der Fahnenmast des Ferienlagers Friedrichsthal, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, herausgerissen und das von den Pionieren65 angelegte Pionier- und Heimatstadt-Emblem zerstört. Im vorigen Jahr wurde bereits versucht, die Einrichtungen des Ferienlagers zu zerstören.

In der Nacht vom 24. zum 25.7.1955 wurde ein Angehöriger der VP des Kreises Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, von zwei Jugendlichen aus Wusterhausen, [Kreis] Dosse, niedergeschlagen. Täter wurde festgenommen.

Nach noch nicht überprüften Mitteilungen soll im Gebiet Ludwigsstadt/Bayern ein Film über die schlechte Lage in der Ostzone »gedreht werden«. Es seien dabei Bilder von Hitler und Grotewohl66 zu sehen, die gegenseitig verglichen werden sollen. Zu diesem Zweck werden Interzonenreisende festgehalten, die sich dafür hergeben, für 10,00 DM West und die dementsprechende Kleidung mächtig über die DDR zu schimpfen.

Am 26.7.1955, um 19.56 Uhr, wurde der D 35 (Berlin – Dresden) bei km 37,4 kurz vor Bahnhof Schönefeld/Berlin von unbekannten Tätern mit Steinen beworfen. Beim vierten und fünften Wagen wurde je eine Scheibe zertrümmert. Ein Reisender wurde leicht am Kopf verletzt. Maßnahmen wurden eingeleitet.

Gerücht

In Frankfurt/Oder und Umgebung wird ein Gerücht verbreitet, dass in der vorigen Woche auf dem Zeltendorfer See, Kreis Fürstenberg/Oder, ein Boot mit 23 Kindern, darunter sechs Kinder aus Westdeutschland gekentert [ist], und alle, bis auf eine Erzieherin ertrunken sein sollen. Die Lehrerein soll bei der Vernehmung sehr frech gewesen sein.

Die Ermittlungen ergaben, dass der BDVP Frankfurt/Oder von diesem Vorfall nichts bekannt ist.

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    3. August 1955
    Informationsdienst Nr. 2472 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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    27. Juli 1955
    Bericht Kundgebung Marx-Engels-Platz [Information M 18/55]