Landwirtschaft
14. September 1955
Ernte [L 1/55]
Zum Teil bestehen Schwierigkeiten bei der Lagerung von Getreide wegen des zu hohen Feuchtigkeitsgehalts. So lagert z. B. in der VEAB Neustadt, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, das Getreide drei Meter hoch. Da die Trockenanlage nicht ausreicht, muss das Getreide wegen des zu hohen Feuchtigkeitsgehaltes des Öfteren umgeschaufelt werden.
Mit der VEAB Nauen wurde über das Trocknen von Getreide gesprochen. Diese versprach der VEAB Neustadt auch das Getreide abzunehmen. Mehrere Lastwagen voll wurden daraufhin nach Nauen gebracht, wo die Kraftfahrer vom Kreisagronom gesagt bekamen: »Uns sind im vorigen Jahr die Rüben verfault, dann kann auch in diesem Jahr das Getreide verfaulen.«
Laut Mitteilung von der Abteilung Erfassung und Aufkauf im Bezirk Frankfurt/Oder sind ca. 3 000 t Getreide in den Lagern der VEAB des Bezirkes dem Verderb preisgegeben. In der VEAB Golzow, Kreis Seelow, sind bereits 50 t Gerste und ca. 100 t Roggen verdorben. Die Ursachen dafür liegen in der mangelhaften Kontrolle der Erfassungsstellenleiter und des Staatsapparates.
In der VEAB Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, lagern 1 500 t Getreide. Davon besteht bei 100 t die Gefahr, dass es verdirbt.
Mit der Trockenstelle Torgau wurde ein Vertrag abgeschlossen, dass diese ca. 3 000 t Getreide zur Einlagerung und zum Trocknen abnimmt. Bisher wurden jedoch von Torgau erst 1 144 t abgenommen.
Die VEAB Steudten, Kreis Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist bereits schon seit acht bis zehn Tagen nicht mehr in der Lage Sollgetreide abzunehmen, da keine Leihsäcke vorhanden sind.
Dadurch entstanden bei den Bauern scharfe Diskussionen. Sie sagten z. B. die Losung »Das erste Getreide dem Staat« sei nicht tragbar, wenn die staatlichen Organe nicht einmal in der Lage sind, diese Losung Wirklichkeit werden zu lassen.
Sie schimpfen darüber, dass erst so getrieben wird und jetzt müssen sie ihr Getreide auf den Boden schaffen, da es die VEAB nicht abnimmt.
Im Kreisgebiet Worbis, [Bezirk] Erfurt, ist es vorgekommen, dass die Bauern mit dem Getreide zurückgeschickt wurden, was zu sehr schlechten Diskussionen führt.
Durch die unnormalen Erntebedingungen ist zu verzeichnen, dass die Ersatzteile vom Mähdrescher S41 im Bezirkskontor für landwirtschaftlichen Bedarf Dresden verbraucht wurden. Im Mähdreschwerk Weimar müssen diese Ersatzteile in zusätzlicher Produktion hergestellt werden. Dadurch ist eine planmäßige Auslieferung der Ersatzteile nicht mehr gewährleistet.
Auf der Station Altenpleen, [Kreis] Stralsund, [Bezirk] Rostock, ist zu verzeichnen, dass die Reifenfrage für Traktoren und Anhänger sich nicht gebessert hat. Es stehen ca. vier Anhänger still, da hierfür keine Bereifung vorhanden sind. Dieses trifft auch bei drei IFA – 40 PS – Traktoren zu. Der Abtransport des Getreides ist hierdurch infrage gestellt. Zur Überbrückung dieser Mängel wurden zwei Fahrzeuge von der KVP eingesetzt.
In den MTS-Bereichen Obermaßfeld und Westenfeld, [Kreis] Meiningen, [Bezirk] Suhl, bestehen immer noch Schwierigkeiten in der Versorgung der Traktoren »Pionier«2 mit Reifen. Zurzeit stehen bereits zehn Traktoren dieses Typs aus diesem Grund still. Bei den noch im Einsatz befindlichen Traktoren »Pionier« haben die Reifen ein derart schlechtes Profil, dass sie auf nassem Boden nicht von der Stelle kommen, weil sie rutschen.
Außerdem besteht bei diesen MTS ein großer Mangel an Schrauben jeder Art. Die Reparaturwerkstätten der Stationen sind nicht mehr in der Lage Reparaturen an Maschinen durchzuführen, da die Ersatzteile bzw. Schrauben fehlen. Die Arbeit der MTS wird dadurch stark gehemmt.
Die MTS Steinbach, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, benötigt ca. 300 Finger zur Reparatur der Grasmähbalken. Vom Auslieferungslager Wurzen wurde der MTS mitgeteilt, dass sie bereits schon 20 Finger erhalten hat und deshalb keine mehr bekommen kann. Die gleichen Schwierigkeiten bestehen bei Schrauben aller Art.
Aus dem Kreis Wurzen, [Bezirk] Leipzig, wird berichtet, dass in den MTS Lossa und Heyda kein Motorenöl mehr vorhanden ist. Am 12.9.1955 konnten schon nicht mehr alle Maschinen eingesetzt werden.
Im Kreis Gotha, [Bezirk] Erfurt, ist zu verzeichnen, dass in allen drei MTS laufend Schwierigkeiten in der Versorgung mit Diesel-Kraftstoff auftreten. Dieses tritt besonders seit ca. drei Wochen in Erscheinung. Der Leiter der Großtankstelle Minol, Gotha, begründet dies damit, dass nicht genügend Tankwagen vorhanden seien.
Der Bürgermeister der Gemeinde Zirkow, [Kreis] Putbus, [Bezirk] Rostock, Mitglied der SED, sagte: »Die Bauern unserer Gemeinde sind auf die MTS Zirkow nicht gut zu sprechen. Ihr Einsatz in der diesjährigen Ernte war mangelhaft und die geleistete Arbeit schlecht. Zur Mahd wurden ganz junge Traktoristen eingesetzt, die nicht die notwendigen Maschinenkenntnisse haben und zum anderen keine sorgfältige Arbeit leisten. Die vorhandenen Maschinen und Geräte sind meistens nicht einsatzfähig. Bei einem Bauer wurde vier Tage gedroschen, und zwar so schlecht, dass das ganze Getreide im Abschluss erst gereinigt werden musste. Der Dreschkasten war gerade aus der Generalreparatur gekommen und versagte trotzdem vollkommen. Weiterhin war zu verzeichnen, dass die Traktoristen ihre Maschinen stehen ließen und tagelang nicht mehr erschienen. Es ist noch kein Rapsacker vorbereitet. Außerdem sind die Voraussetzungen für die Winterfurche nicht geschaffen. An den Traktoren fehlen Ketten, Schrauben, Schlüssel usw.
Im Kreisgebiet Bitterfeld, [Bezirk] Halle, macht sich das Fehlen von fünf Mähdreschern, welche nach Quedlinburg, [Bezirk] Halle, abberufen wurden, bemerkbar. Schwierigkeiten sind im MTS-Bereich Pouch und Jeßnitz aufgetreten. Selbige Stationen haben sich Mähdrescher aus dem MTS-Bereich Brehna und Schrenz ausgeliehen, um die in Verzug geratene Ernte einzubringen. Auch in der LPG Reuten ist dieser Missstand zu verzeichnen. So sagte z. B. der LPG-Vorsitzende, wenn bei uns nicht schnellstens Abhilfe geschaffen wird, und das Getreide von den Feldern gefahren wird, haben wir so viel Verlust zu verzeichnen, dass nächstes Jahr die Aussaat für unsere LPG nicht gedeckt werden kann.
Verschiedene werktätige Bauern aus Reichstädt,3 [Bezirk] Gera, haben mit der MTS einen Vertrag über 17 ha Getreidefläche abgeschlossen, wo mit dem Mähdrescher geerntet werden sollte. Da der Mähdrescher abgezogen wurde, wurden die Bauern aufgefordert, ihr Getreide mit dem Mähbinder hauen zu lassen. Dies rief unter den Bauern große Unstimmigkeit hervor und schwächte das Vertrauen zur MTS.
Unter den Belegschaftsmitgliedern der MTS Kötzlin, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, ist eine Unzufriedenheit über die Arbeit des Leiters der MTS aufgetreten. Sie sind der Meinung, dass sich der Leiter jetzt besonders zur Ernteeinbringung mehr um die Arbeit der MTS kümmern müsste. So fuhr der Leiter der MTS am 6.9., um 20 Uhr, zum Havelberger Markt,4 von wo er am 7.9.1955 früh wieder zurückkehrte. Anschließend legte er sich bis Mittag schlafen und fuhr nach dem Essen nach Pritzwalk, wo seine Familie wohnt und kam dann am 8.9.1955 erst wieder zur Station. Die Belegschaftsmitglieder sind, wie schon angeführt, darüber in schlechter Stimmung und bringen zum Ausdruck, dass der Leiter eines volkseigenen Betriebes seinen Belegschaftsmitgliedern immer und in jedem Fall Vorbild sein muss, was man bei ihm aber nicht sagen kann.
Wie die Angestellten des Rates des Bezirkes Frankfurt/Oder den Ministerratsbeschluss zur Beendigung der Ernte5 verwirklichen, zeigt Folgendes:
Am 9.9.1955 wurde in einer Belegschaftsversammlung auf die Notwendigkeit eines Einsatzes in der Landwirtschaft hingewiesen. Auf die Frage, wieviel Genossen und Kollegen bereit sind, vom Sonnabend bis Sonntag zum Einsatz zu gehen, meldeten sich von ca. 640 Angestellten zwei Mitarbeiter. Am 10.9.1955 wurde eine zweite Versammlung einberufen und erneut die Frage gestellt. Es meldeten sich ca. 15 Kollegen für beide Tage zum Einsatz. Für den Sonntagseinsatz meldeten sich ca. 30 Kollegen, und erst durch persönliche Aussprachen konnten noch einige Mitarbeiter für den Einsatz gewonnen werden.
Am Freitag, den 2.9.1955 veranlasste der Bürgermeister von Sohland am Rotstein, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, dass am Sonnabend den 3.9.1955 bei einem Großbauern6 die Kartoffeln gerodet werden sollten. Der Großbauer sagte, dass er keine Leute und keine Gespanne zur Verfügung stelle, da er noch mit der Getreideernte stark im Rückstand wäre. Die MTS schleuderte am 3.9.1955 ca. zwei Morgen Spätkartoffeln durch, aber die Schulkinder, welche die Kartoffeln auslesen sollten, waren nicht erschienen. Trotz Mahnung des Großbauern kümmerte sich der Bürgermeister nicht mehr um die Kartoffeln, sodass diese bis zum Sonnabend den 10.9.1955 auf dem Felde lagen. Durch das Lagern sind diese durchweg an der Oberfläche grün geworden und können für den menschlichen Genuss nicht mehr verwendet werden.
Am Sonnabend, den 10.9.1955 wurde vom VEB – Glashütte Uhrenbetrieb Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, ein Ernteeinsatz in der Gemeinde Liebenau, [Bezirk] Dresden, durchgeführt. Der Bürgermeister schickte die freiwilligen Helfer mit der Begründung zurück, sie würden nicht benötigt, da schon welche da seien. Sie könnten aber am Sonntag wiederkommen. Die Arbeiter sind über diese Handlungsweise sehr verärgert. Sie sind der Meinung, dass dieses Verhalten unverantwortlich sei, da bestimmt zur Ernteerbringung jeder benötigt wird.
Wie weit vonseiten des Ministeriums Land und Forst, Abteilung MTS Verbesserungsvorschläge, an landwirtschaftlichen Maschinen interessiert ist, zeigt ein Beispiel der MTS Frankfurt/Oder. Der zuständige Direktor dieser Station hat einen Verbesserungsvorschlag an einer Rübendrille gemacht, der beim Ausdrillen von Rübensamen ca. 2 000 DM einspart. Gleichzeitig werden ca. 3 000 DM an Pflegearbeiten eingespart und bringt auch gleichzeitig einen höheren Ertrag.
Vor ca. 14 Tagen war ein Mitarbeiter des Ministeriums für Land und Forst auf der Station. Seitens dieses Mitarbeiters wurde der Verbesserungsvorschlag als gut betrachtet und man wollte dem Direktor der MTS entsprechende Hilfe zukommen lassen. Bis zum heutigen Tage hat sich trotz Versprechen die Hauptabteilung MTS beim Ministerium für Land und Forst nicht gemeldet.
Im Kreis [Bad] Doberan,7 [Bezirk] Rostock, stehen zurzeit ca. 200 ha Getreide auf dem Halm. (Vertragsflächen für Mähdrescher)
Die einzelnen MTS sind der Meinung, dass diese Flächen in der nächsten Woche gemäht werden können.
Die Bürgermeister sowie Bauern des Kreises Pirna, [Bezirk] Dresden, brachten ihre Verärgerung zum Ausdruck über die mangelhafte Arbeit der Angestellten des Rates des Kreises in der Vorbereitung des Ernteeinsatzes. In den letzten Tagen sicherte die FDJ-Kreisleitung laut Plan 3 000 FDJler zu. Das Ergebnis war jedoch, dass etwa 1 000 Freunde bei den Bauern Arbeit fanden und die übrigen wieder nach Hause geschickt wurden.
Im VEAB Görlitz, [Bezirk] Dresden, bestehen große Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Feuchtigkeit des Getreides, da bei derselben bereits im Februar 1955 über die VEAB sechs Feuchtigkeitsbestimmer zur Reparatur und Eichung an die Fa. Weiß8 Greiz/Thüringen eingesandt wurden. Bis zum heutigen Tag wurden erst zwei Stück zurückgesandt. Durch diesen Zustand ist ein erheblicher Mehraufwand von Arbeitszeit erforderlich und bringt unter den landwirtschaftlichen Betrieben bei der Ablieferung des Getreides große Verärgerung hervor.