Zur Beurteilung der Situation in der DDR
13. September 1955
Informationsdienst Nr. 2484 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben die Diskussionen über den Aufenthalt der Bonner Regierungsdelegation in Moskau1 etwas zugenommen, entsprechen jedoch immer noch nicht der Bedeutung dieses politischen Ereignisses. Die Ursache dieser gewissen Gleichgültigkeit gegenüber den aktuellen politischen Geschehen beruht nach wie vor auf der zurzeit bestehenden Unzufriedenheit der Werktätigen über die wirtschaftliche Lage in der DDR. Demzufolge werden vorwiegend Diskussionen über Fragen des Lebensstandards sowie über betriebliche Belange geführt.
Von fortschrittlichen Werktätigen, Arbeitern und Angestellten, nur vereinzelt Intelligenzlern, in den Industrie- und Verkehrsbetrieben wird das Auftreten Adenauers2 und des Bonner Außenministers verurteilt und erklärt, dass die Forderungen, die sie in Moskau stellten, jeder realen Grundlage entbehren.3 So sagte zum Beispiel:
Ein Arbeiter vom VEB Messgerätewerk Quedlinburg, [Bezirk] Halle: »Adenauer zeigt bei den Verhandlungen in Moskau ganz offensichtlich, dass er ein Feind des Friedens ist und lieber heute als morgen einen Krieg vom Zaune brechen würde. Sein Gefasel vom Frieden ist nur zum Schein, sonst würde er nicht die NATO und die Pariser Verträge4 als nichts Bedeutendes hinstellen.«
Ein Kraftfahrer aus der Farbenfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle: »Das Verhalten Adenauers in Moskau ist nicht richtig. Er stellt Forderungen, die nicht real sind. Es stimmt nicht, wenn er behauptet, im Namen des ganzen deutschen Volkes zu sprechen. Die Bevölkerung in der DDR gehört auch zum deutschen Volk und er kann nicht behaupten, dass er diese vertritt.«5
Zum anderen spricht sich ein Teil der Werktätigen aufgrund der sturen Haltung Adenauers skeptisch bezüglich eines erfolgreichen Ausganges der Besprechungen in Moskau aus. So herrscht z. B. die Meinung dabei vor, dass Adenauer von seiner sturen Politik nicht abgehen wird und demzufolge könnten die Besprechungen nicht den gewünschten Erfolg bringen.
So sind z. B. einige Angestellte des VEB Rohrleitungsbau Berlin der Meinung: »Adenauer wird aufgrund seiner sturen Politik der Stärke auch in Moskau nicht zu vernünftigen Abmachungen zu bewegen sein.«
Ein Teil der Arbeiter im VEB Leichtmetallwerk Rackwitz, [Bezirk] Leipzig, vertritt den Standpunkt: »Bei den Verhandlungen wird nicht viel herauskommen. Adenauer beharrt stur auf den Fragen der Oder-Neiße-Grenze und der Kriegsgefangenen6 und lässt sich auf nichts anderes ein.«
Ein Arbeiter VEB EKO Oschatz sagte: »Von den Besprechungen erhoffe ich mir gar nichts, weil Adenauer stur an seiner Politik der Stärke festhält.«
Ein Arbeiter, parteilos, aus dem VEB Hartsteinwerk Klinga, [Bezirk] Leipzig: »Ich verurteile die provokatorischen Ausführungen Adenauers. Daraus ist wieder klar zu ersehen, wessen Interessen er vertritt. Die Einheit Deutschlands darf nicht auf Kosten der DDR herbeigeführt werden. Meiner Meinung nach haben wir von den Verhandlungen nichts mehr zu erwarten.«
In den im geringen Maße bekannt gewordenen negativen Äußerungen spiegelt sich deutlich der Einfluss der Westpropaganda wider, und zwar unterstützen diese Elemente die provokatorischen Forderungen Adenauers. Zum anderen treffen sie die Feststellung, dass man von den Westsendern besser informiert würde, denn »diese haben bei der Übertragung des Empfanges in Moskau nicht, wie die Sender der DDR, dass Deutschlandlied unterschlagen«.
Ein Schmied aus dem VEB Ziehwerk Delitzsch, [Bezirk] Leipzig: »Es war eine große Sache in Moskau, als Adenauer mit dem Deutschlandlied empfangen wurde. Das war wieder einmal eine Musik für mein Ohr.«
Einige Arbeiterinnen des VEB Bekleidungswerk Frankfurt/Oder äußerten: »Adenauer wird in Moskau freie Wahlen7 bewirken. Dann müsste in der DDR die SPD8 zugelassen werden und die würde dann das Rennen machen. Man muss den Sender ›Freies Berlin‹9 hören, denn der gibt die besten Berichte von Moskau und auch wortgetreu die Ausführungen Adenauers wieder. Der Empfang war herrlich und als das Deutschlandlied gespielt wurde, entstand eine feierliche Stille.«
Ein Arbeiter aus Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wie ich gehört habe, hat Adenauer eine Liste der Namen von den Kriegsgefangenen mit nach Moskau genommen und er setzt sich für die Freilassung ein. Wenn Adenauer in Moskau Erfolg hat, haben wir auch bald so volle Läden wie in Westdeutschland.«
Ein Arbeiter aus der »August-Bebel« Hütte,10 [Bezirk] Halle: »Ein großer Teil unserer Kriegsgefangenen wurde nur wegen geringer Vergehen, wie z. B. Diebstahl von Brot oder Kartoffeln, zu 20 bis 25 Jahren verurteilt.«
Zwei Jugendliche aus den Oberlausitzer Glaswerken Weißwasser, [Bezirk] Cottbus: »Warum ist, seitdem Adenauer in Moskau ist, der RIAS11 gut zu verstehen und wird nicht gestört? Man kann jetzt wieder normal alle Sendungen hören, was sonst nicht der Fall ist. Man sollte überhaupt die Störsender12 abbauen.«
In den im größeren Umfang geführten negativen Diskussionen über die wirtschaftliche Lage in der DDR zeigt sich immer wieder die unter einem Teil der Werktätigen bestehende Unzufriedenheit.13 Dabei besonders über die Versorgungsschwierigkeiten, über den Lebensstandard im Allgemeinen, und zum Teil auch über die Entlohnung.
Zu beachten sind in diesem Zusammenhang die immer wieder geführten Diskussionen über die »Verherrlichung der Verhältnisse in Westdeutschland«, die hauptsächlich durch diejenigen Kollegen entfacht werden, die drüben ihren Urlaub verbracht haben. Dabei geht es besonders um die »Feststellung«, dass die Arbeiter drüben besser bezahlt würden, sich demzufolge auch mehr leisten könnten und dass es in Westdeutschland keine Versorgungsschwierigkeiten gäbe, sondern dass der westdeutschen Bevölkerung ein ständiges reichhaltiges Warenangebot zur »Verfügung« stünde.
Nicht zu unterschätzen dabei ist auch der zunehmende Einfluss der Westpropaganda, die vor allem durch das Abhören der Westsender unter den Beschäftigten getragen wird. Die Auswirkungen, einmal der Unzufriedenheit und zum anderen der Westbeeinflussung, bestehen u. a. in einem verstärkten Absetzen von Facharbeitern, Arbeitern und Intelligenzlern. Von einzelnen Republikflüchtigen werden dann Briefe an die ehemaligen Kollegen geschrieben, in dem sie die »günstigen« Arbeitsverhältnisse in der Bundesrepublik schildern.
So sind z. B. im Monat August 1955 im RBD Bereich Greifswald, [Bezirk] Rostock, verstärkt Republikfluchten zu verzeichnen, und zwar setzten sich im Monat Juni 1955 21, im Juli 15 und im August 37 Eisenbahner nach dem Westen ab.
Im VEB Trikotex Wittgensdorf,14 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, kehrten von 68 Kollegen, die ihren Urlaub in Westdeutschland verbrachten zwölf, im VEB Groma Markersdorf,15 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, von 50 Kollegen acht und im VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt im Monat zehn Kollegen nicht in die DDR zurück.
In Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind es besonders Jugendliche die nicht zurückkehren.
So verblieben z. B. vier Jugendliche aus dem VEB Werkin16 in Westdeutschland und nahmen in Remscheid bei einer gewissen Fa. Berghaus17 die Arbeit auf. (Der dortige Betriebsinhaber ist der Bruder des früheren Besitzers des genannten VEB.)
Im Bezirk Magdeburg wurden im Monat August 1955 46 Intelligenzler republikflüchtig. Davon allein im Stadtgebiet Magdeburg zwölf Ingenieure. Im Kreis Schönebeck befanden sich unter den im August 1955 insgesamt 130 geflüchteten Personen acht Intelligenzler.
In den Schwerpunktbetrieben Ernst-Thälmann-Werk,18 Karl-Liebknecht-Werk19 und Karl-Marx-Werk20 in Magdeburg wurden im Monat August 1955 insgesamt 96 Beschäftigte republikflüchtig.
Das Ansteigen der Republikflüchtigen im Karl-Marx-Werk ist u. a. auf folgende Ursachen zurückzuführen. Infolge geringer Auftragserteilung können die Arbeiter in der Stahlgießerei nur noch bis Oktober 1955 beschäftigt werden. Der Grund dafür ist, dass die ehemaligen SAG-Betriebe21 die Preise nach der Preisordnung Nr. 141 vom 8.9.1948 festlegen müssen.22 Daraus ergibt sich ein Durchschnittspreis von etwa 1 880 DM je Tonne für Elektrostahlguss, wogegen nach der Preisanordnung 2222/0002 vom 1.2.195123 bei den übrigen volkseigenen Gießereien nur ein Preis von etwa 1 500 DM je Tonne berechnet wird.
Aufgrund dieser Preisdifferenz erteilen verschiedene Betriebe wie z. B. Waggonfabrik Dessau und Ammendorf, Polysius Dessau,24 Maschinenbau Nordhausen und andere dem Karl-Marx-Werk keine Aufträge mehr. Darüber herrscht unter den Beschäftigten eine Missstimmung, die ihre Auswirkung einmal in dem verstärkten Absetzen und zum anderen in einem hohen Krankenstand hat.
Unter den Beschäftigten der Leuna-Werke wird im Zusammenhang mit dem Absetzen von Intelligenzlern verschiedentlich negativ diskutiert. So sagte z. B. eine Maschinistin aus den Bau 8: »Der 17. Juni25 steht vor der Tür, die Intelligenz haut ab.«
In den Randgebieten von Berlin, des Bezirkes Potsdam, hält die Fluktuation von Arbeitskräften nach Westberlin weiter an. So haben z. B. im August 1955 im VEB Landmaschinenbau Falkensee zwei Werkzeugmacher und zwei Dreher gekündigt und in Westberlin, zum Teil bei Siemens die Arbeit aufgenommen.26
Da jetzt diese Kollegen mit dem »günstigen« Arbeitsverdienst, vor allem durch den Geldumtausch, »Reklame« machen, muss mit einer weiteren Fluktuation gerechnet werden.
Außer den Mängeln in der Versorgung, der Unzufriedenheit über die Entlohnung sind es auch immer wieder die betrieblichen Schwierigkeiten, ganz besonders die Materialversorgung, Absatzschwierigkeiten sowie Auftragsmangel, die zur Verärgerung führen.27
So herrscht z. B. unter den Kollegen, zum Teil auch unter den Intelligenzlern im VEB »WEMA« Aschersleben28 [Bezirk] Halle, keine gute Stimmung, da aufgrund des Materialmangels und der hohen Ausschussquote in der Gießerei die Termine verzögert werden. Dadurch können die mechanischen Abteilungen nur stockend arbeiten.
Ein Meister aus der Filmfabrik Wolfen sagte: »Was nützen alle Produktionsberatungen, Wettbewerbe und Verpflichtungen, wenn wir keine Rohstoffe bekommen. Die Kollegen wollen den Plan erfüllen, aber unter diesen Umständen wird ein Keil zwischen die Arbeiterschaft und Regierung getrieben und die Werktätigen verlieren das Vertrauen zu unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat.«
Im Georgi-Dimitroff-Werk in Magdeburg29 musste infolge Rohstoffmangel der 12-t-Schmelzofen stillgelegt werden, was zur Umbesetzung von einigen Kollegen führte. Da dies mit einer Verdienstminderung verbunden ist, kommt es unter den Betroffenen zu Äußerungen wie z. B.: »Es wird immer von der Steigerung des Lebensstandards gesprochen. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus.«
Des Weiteren klagen über Materialmangel:
VEB Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder – Schlauch-Abteilung – (Ventile – dadurch können 10 000 Schläuche nicht fertiggestellt werden);
VEB Apollowerk Gößnitz,30 [Bezirk] Leipzig (Bleche, Stabstahl, Normenteile – dadurch können die Schweißer nicht voll beschäftigt werden und einige sind in Privatbetriebe abgewandert) und
VEB Bremsbelag Coswig (Kresol31 und Zinkweiß).
Produktionsstörungen
Am 9.9.1955 war ca. vier Stunden im VEB Witznitz,32 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, die gesamte Fabrik außer Betrieb. Ursache: Bruch der Frischdampfleitung. Produktionsausfall: ca. 400 t Brikett.
Im VEB Grube Regis (Tagebau Schleenhain) [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, war der gesamte Betrieb wegen einer Störung im Stromnetz außer Betrieb. Ausfall: 1 300 t Rohkohle.
Im Werk III Königsaue33 des VEB Nachterstedt, [Bezirk] Halle, kam es infolge einer Zugentgleisung zu einem Produktionsausfall von 500 t Rohbraunkohle.
Feindtätigkeit
In der Abt. Putzerei des VEB Leipziger Eisen- und Stahlwerke wurde am 10.9.1955 von bisher unbekannten Tätern eine Handvoll Stahlschrottkörner in die Spindel einer Friktionspresse34 geworfen. Schaden konnte verhütet werden, weil es rechtzeitig bemerkt wurde.
Am 8.9.1955 wurde im Wismut-Schacht35 294 – Auerbach – festgestellt, dass von einem Schaumlöscher die Plombe entfernt, der Feuerlöscher entleert und mit Wasser nachgefüllt war.
Das Anschmieren von Hetzlosungen wurde festgestellt:
Im VEB Kombinat Espenhain, [Bezirk] Leipzig (eine war gegen führende Funktionäre gerichtet und die andere lautete: »es lebe die Bundesrepublik, nieder mit der Regierung«).
Und in den Verkehrsbetrieben Dresden in einer Toilette (»das ist ein Saustall – so ist die ganze DDR« – daneben wurden zwei Hakenkreuze gemalt).
Versorgung der Bevölkerung
Durch die verstärkten Ernteeinsätze seitens der Bevölkerung, Betriebe, Institutionen usw. ist die Kartoffelversorgung etwas besser geworden, was jedoch nicht ausschließt, dass es noch zahlreiche Beispiele gibt, wo die Kartoffelversorgung Brennpunkt ist, die Hausfrauen stundenlang danach anstehen und wo es sogar zu Ausschreitungen kommt, wie das z. B. in Stralsund, [Bezirk] Rostock, der Fall war, wo die Hausfrauen den Parteisekretär vom Entwurfsbüro Hochbau tätlich angriffen, als er sich in das Gespräch der dort Stehenden einmischte und diesen zu erklären versuchte, dass die Getreideernte zurzeit vordringlich sei und die Bevölkerung bei der Kartoffelrodung helfen sollte.
Die Gespräche der Arbeiter, Hausfrauen usw. drehen sich ausschließlich um die Kartoffelversorgung. wie schon des Öfteren berichtet, werden die Diskussionen darüber auch von fortschrittlichen, der DDR positiv gegenüberstehenden Personen geführt, denn in den Diskussionen kommt zum größten Teil keine Hetze gegen unseren Staat und unsere Errungenschaften zum Ausdruck. Es wird vielmehr immer wieder herausgestellt, dass unsere Regierung sicher nichts von den Versorgungsschwierigkeiten wüsste, sonst hätte sie schon längst Abhilfe geschafft. Vielmehr seien die untersten Verwaltungsorgane schuld, die keine Warenstreuung durchführen und durch ihre Unfähigkeit die Bevölkerung nur verärgern. Vielfach wird auch erklärt, dass wahrscheinlich in unserer Wirtschaft noch sehr viele Agenten sitzen, die bewusst die Versorgung sabotieren.
In einem Teil der Diskussionen kommt aber auch zum Ausdruck, dass langsam das Vertrauen zur Regierung und Partei verloren werden kann, wenn man in Betracht zöge, dass sich seit 1952 die Lebenslage ständig verschlechtert hätte. Besonders hervorgehoben wird dabei, dass wir doch am Ende des Fünfjahrplanes36 sind, wo den Werktätigen der DDR ein nie gekannter Wohlstand versprochen sei.37
Eine Kollegin aus den Dübelwerken Loitz, Kreis Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte z. B.: »Wir sind im letzten Jahr des Fünf-Jahresplanes und von der Regierung wird erklärt, dass ein Wohlstand wie nie zuvor erreicht werden soll. Bis jetzt kann man aber nichts davon merken. Vor zwei Jahren war er besser als jetzt. Man kann so langsam das Vertrauen zu unserer Republik verlieren.«
Ein Arbeiter aus Güstrow, [Bezirk] Rostock: »Wenn das Walter Ulbricht38 wüsste, was der wohl sagen würde. Der würde bestimmt aufräumen. Aber er wird dies wohl nicht erfahren. Für so etwas haben wir nun gekämpft, da muss doch der Teufel zwischen schlagen. Viele frühere Nazis tragen heute unser Parteiabzeichen, fressen sich dick und denken nicht daran, unsere Interessen zu vertreten.«
Die Arbeiter in den Betrieben sind vor allem darüber unzufrieden, dass das Werkessen aus Nudeln besteht und sie zu Hause von ihren Frauen auch noch laufend Nudeln vorgesetzt bekommen.
Die Verärgerung darüber ist so groß, dass die Arbeiter verschiedentlich mit Arbeitsniederlegung drohen, wenn sich die Versorgungslage nicht bald ändert. So drohten z. B. 15 Arbeiter aus einem Abbau im Kaliwerk Bleichrode, [Kreis] Nordhausen, am 12.9.1955 die Arbeit nicht aufzunehmen, wenn keine Verbesserung in der Kartoffel- und Fleischversorgung eintritt.
In den Diskussionen kommt vorwiegend zum Ausdruck, dass es endlich Zeit wird, dass eine Verbesserung der Versorgung eintritt, denn von den Arbeitern würde auch verlangt, dass diese die Normen erfüllen.
Feindliche Diskussionen treten nicht im großen Umfange auf. Sie richten sich vor allen gegen unsere Regierung und beinhalten, dass wir in der DDR denselben Weg wie vor dem 17. Juni gehen würden, und dass die Lage genauso schlecht sei. Außerdem ginge es nicht mehr lange so weiter, da die Karre im Dreck steckte.
Ein Einwohner aus Herschdorf, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, sagte z. B.: »Das geht nicht mehr lange so weiter, denn die Karre steckt schon ganz im Dreck und es sieht auch nicht so aus, dass es wieder aufwärts gehen könnte.«
Ein Gütekontrolleur vom VEB LMW in Barth,39 [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Wir Arbeiter haben uns von dem Ende des Fünfjahrplanes mehr versprochen. Es ist eine Schweinerei, dass es heute noch Kartoffeln auf Marken gibt und die gibt es noch nicht einmal. Vor zwei Jahren haben wir besser gelebt. Wir sind heute schon wieder auf dem besten Wege zum 17. Juni. Die Schönfärberei ist wieder im Gange.«
Frauen, die in der Müller-Straße40 in Güstrow, [Bezirk] Rostock, nach Kartoffeln anstanden sagten: »Die SED bricht bald zusammen. Nun haben sie sich festgewirtschaftet. Es gibt nichts mehr. Nicht einmal Kartoffeln kann man mehr kaufen. Die dicken Bonzen sitzen überall in den Verwaltungen herum. Die sollen lieber aufs Land gehen und arbeiten.«
Arbeiter aus dem gleichen Ort unterhielten sich ebenfalls über die Versorgungslage, wobei der eine auf das Gebäude der SED-Kreisleitung zeigte und sagte: »Die da oben haben die Verbindung mit den Massen verloren und sind überheblich. Dort muss unbedingt aufgeräumt werden.«
Folgende Beispiele zeigen, wie vom Gegner versucht wird, bewusst eine Beunruhigung in die Bevölkerung hineinzutragen.
So appelliert das Internat der Goethe-Oberschule in Bad Doberan, [Bezirk] Rostock, an die Eltern der dort untergebrachten Kinder, dass sie durch die knappe Kartoffelzuteilung gezwungen seien, die Eltern der Kinder, die Landwirtschaft besitzen, aufzufordern, pro Kind zehn Zentner Kartoffeln zu liefern, damit die fehlenden 200 Zentner das Internat selbst decken kann.
In Görlitz, [Bezirk] Dresden, ist zu verzeichnen, dass mehr als sonst Personen mit Fieber und Durchfall den Arzt aufsuchen. In diesem Zusammenhang wird das Gerücht verbreitet, dass diese Krankheitserscheinungen auf die schlechte Qualität der Kartoffeln zurückzuführen seien.
Im Kreis Eisenberg, [Bezirk] Gera, wird das Gerücht verbreitet, dass es in diesem Jahr nur wenig Kartoffeln gäbe und mit einer großen Not zu rechnen sei.
In Remsdorf, Kreis Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde an die Hauswand einer Gaststätte folgende Hetzlosung mit Kreide angeschmiert: »Weg mit der Regierung, gebt uns Kartoffeln.« Unterschrift: DFD
Im Bezirk Magdeburg wird das Gerücht verbreitet, dass es in diesem Jahr nur knapp zwei Zentner Einkellerungskartoffeln pro Person geben soll.
Obwohl in einigen Bezirken die Kartoffelversorgung etwas verbessert wurde, so zeigt sich doch, dass die Stimmung der Bevölkerung zur Versorgungslage nicht besser geworden ist, sondern jetzt über andere fehlende Waren diskutiert wird. Der Inhalt dieser Diskussionen ist nicht anders wie der in den Diskussionen über die Kartoffelversorgung.
Wie in der letzten Zeit des Öfteren berichtet, besteht nach wie vor der Mangel an billigen Zigaretten, jetzt vor allem HO-Fleisch41 (in verschiedenen Kreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt blieben am 12.9.1955 HO-Fleischverkaufsstellen geschlossen, weil kein Fleisch vorhanden war).
Weiter mangelt es an Obst und Gemüse. In den ländlichen Gemeinden an Fisch usw.
Die Lage in der Landwirtschaft
Über die Reise Adenauers nach Moskau wird von der Landbevölkerung immer noch sehr wenig diskutiert. Die vereinzelt geführten Diskussionen, vorwiegend aus dem sozialistischen Sektor der Landwirtschaft kommend, sind in ihrer Mehrheit positiv. Hier werden vor allem die provokatorischen Äußerungen Adenauers verurteilt und erklärt, dass die Wiedervereinigung Deutschlands niemals auf Kosten der DDR erfolgen kann. Zum Teil wird auch richtig erkannt, dass Adenauer in keiner Weise daran interessiert ist, die Einheit Deutschlands auf demokratischer Grundlage herzustellen und dass er nur nach Moskau gefahren ist, weil er vom Volk dazu gezwungen wurde.
Zum Beispiel sagte ein LPG-Vorsitzender, NDPD, aus dem Kreis Bernau, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Es kann und darf keine Einheit Deutschlands geben, die die westdeutschen Verhältnisse auf uns überträgt. Das würde heißen, dass ich meine Sachen packen muss und der ehemalige Großgrundbesitzer alles wieder übernimmt. Wir wollen die Einheit Deutschlands, aber unsere Errungenschaften geben wir nicht auf.«
Zwei Traktoristen der MTS Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, erklärten: »Die überwiegende Mehrheit der Traktoristen seien über die Grundsatzerklärung, die Adenauer in Moskau abgegeben hat, empört. Adenauer hat sich in Moskau erneut als Kriegshetzer entlarvt.«
Negative Diskussionen werden vereinzelt, hauptsächlich aber von Groß- und Mittelbauern, geführt. Von diesen Elementen wird gegen die SU gehetzt und erhofft, dass Adenauer in Moskau die »Frage der Kriegsgefangenen klärt«, dass die DDR dann Westdeutschland angegliedert wird und dann auch bei uns die sogenannte »freie Marktwirtschaft« eingeführt wird.
Zum Beispiel erklärte ein Großbauer42 aus dem Kreis Roßlau, [Bezirk] Halle: »Wir sehen aus den ersten Verhandlungstagen in Moskau, dass Adenauer unsere Interessen als Deutscher vertritt und sich nicht von den Russen ablenken lässt.«
Einige Großgrundbesitzer im Kreis Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, besonders in Vieritz und Schmetzdorf, erhoffen von den Moskauer Verhandlungen, dass Adenauer die Einheit Deutschlands auf westlicher Basis erzwingt.
Zwei Großbauern aus Georgewitz, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden: »Wir begrüßen, dass Adenauer nach Moskau fährt und hoffen, dass er auch das Richtige für uns mitbringt. Pflichtanbaupläne und Pflichtablieferung wollen wir nicht, sondern freie Konjunktur.«
Bei den wirtschaftlichen Problemen nehmen die Fragen der Regierungsverordnung zur Einbringung der Ernte, die Ablieferung und die Arbeit der MTS den größten Teil Raum ein.
Die Regierungsverordnung vom 8.9.195543 wird von den Genossenschafts- und werktätigen Einzelbauern begrüßt. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Verordnung wieder einmal zeigt, dass unsere Regierung eng mit den Bauern verbunden ist und alles daran setzt, um die Ernte so schnell wie möglich zu sichern.
So erklärte z. B. eine Genossenschaftsbäuerin aus Blandikow, [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam: »Noch nie hat es eine Regierung gegeben, die sich so für die Bauern einsetzt wie die jetzige. Denn die Verordnung zeigt, dass unsere Regierung eng mit den Bauern verbunden ist. Die Ernte muss rechtzeitig von den Feldern gebracht werden, damit die Ernährung der Bevölkerung gesichert ist.«
Demgegenüber wird diese Verordnung von einigen VEB und Verwaltungen unterschätzt. Das kommt darin zum Ausdruck, dass sich von ca. 640 Angestellten des Rates des Bezirkes Frankfurt/Oder nur 15 Kollegen für Sonnabend und Sonntag und 30 für den Sonntagseinsatz bereiterklärten.
Durch die persönliche Aussprache konnten noch einige Kollegen für den Ernteeinsatz gewonnen werden.
Eine Kollegin aus dem VEB Welton Meiningen, [Bezirk] Suhl, sagte zu dieser Verordnung: »Die Bauern sollen selbst etwas tun. Früher haben sie ihre Ernte auch ohne die Städter eingebracht und hatten keine Maschinen. Heute gibt es alle möglichen Erntemaschinen und trotzdem braucht man noch Arbeitskräfte aus der Stadt.«
Diese Meinung gibt es auch in anderen Betrieben, wie z. B. im Standard-Kühlhaus44 in Berlin und in einigen Betrieben in Barth, [Bezirk] Rostock.
In den Bezirken Frankfurt/Oder, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, treten Schwierigkeiten bei der Einlagerung des Getreides auf. Die Getreidelager der VEAB sind nicht in der Lage, die anfallenden Getreidemengen zu fassen, weil die Lagerräume voll sind oder Säcke fehlen.
Zum Beispiel ist die VEAB Steudten, [Kreis] Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, schon seit acht bis zehn Tagen nicht mehr in der Lage Sollgetreide abzunehmen, da keine Leihsäcke vorhanden sind. Dadurch entstanden unter den Bauern negative Diskussionen.
In einigen VEAB-Erfassungsstellen im Bezirk Frankfurt/Oder ist zu verzeichnen, dass das Getreide zu hoch gelagert ist, dadurch warm wird und wegen Mangels an Arbeitskräften nicht ständig bewegt werden kann. Weiter kommt hinzu, dass täglich Importgetreide den einzelnen Erfassungsstellen zugeleitet wird. Dadurch treten für die Lagerung des Getreides besondere Schwierigkeiten auf.
In den Getreidelagern in Remptendorf, Wurzbach, Lobenstein, Lothra und Ebersdorf, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera, wurde festgestellt, dass das Getreide der diesjährigen Ernte mit Milben befallen ist. Das Pflanzenschutzamt stellte als Ursache eine zu hohe Feuchtigkeit fest.
Obwohl die Mehrheit der landwirtschaftlichen Betriebe bestrebt sind, ihren Verpflichtungen dem Staat gegenüber nachzukommen und das Getreide vorfristig abzuliefern, so gibt es immer wieder Beispiele, dass sich meistens Groß- und Mittelbauern gegen eine vorfristige Ablieferung aussprechen.
Das am weitesten verbreitete Argument hierüber ist, dass laut Gesetz das Soll bis zum 31.12.1955 zu erfüllen ist und sie jetzt andere Arbeiten zu erfüllen und keine Arbeitskräfte haben. Einzelne Großbauern drohen sogar damit, wenn man sie nicht in Ruhe lässt, würden sie [Worte handschriftlich ergänzt und schwer lesbar, vermutlich »nach dem Westen«] gehen.45
So erklärte z. B. ein Großbauer, CDU, aus Petersberg, [Kreis] Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock: »Wenn ihr mich mit der Ablieferung drückt, gehe ich nach dem Westen. Ich bin jetzt 58 Jahre alt und will meine letzten 20 Jahre in Ruhe verbringen. Diese Regierung ist ja verrückt. Da sitzen Menschen, die keine Ahnung von der Landwirtschaft haben, sonst könnten nicht solche Gesetze bestehen.«
Ein Mittelbauer aus Großwelsbach, [Kreis] Langensalza, [Bezirk] Erfurt, äußerte einem Instrukteur gegenüber: »Was ihr nur immer so auf die Ablieferung drängt. Studiert lieber eure Gesetze, dann würdet ihr feststellen, dass wir Bauern mit der Ablieferung bis zum 31.12.1955 Zeit haben.«
Feindtätigkeit
Beim Mähen mit einem Mähdrescher in Blankenhain, [Kreis] Weimar, [Bezirk] Erfurt, wurde festgestellt, dass in einem Gerstenfeld eine metergroße Eisenstange in den Boden eingeschlagen war und mehrere alte Eisengegenstände auf dem Feld verstreut waren. Schaden am Mähdrescher wurde nicht verursacht.
Am 8.9.1955 fiel nach zweistündiger Arbeit eine Hanomag-Raupe46 der MTS Magdalena [Kreis] Weimar, [Bezirk] Erfurt, aus. Der Riemenscheibenantrieb wurde vollständig ruiniert. die Untersuchung ergab, dass in dem oberen Getriebe eine Handvoll Schrauben, Muttern und Eisenteile hineingeworfen war.
Der Kraftfahrer der MTS Holtendorf, [Kreis] Görlitz, ließ einen Spreuwagen des Stalinez47 auf der Landstraße zwischen Reichenbach und Königshain stehen. Durch unbekannte Täter wurde die Bereifung mit einem Messer zerstochen.
An einem Traktor Typ »Aktivist«48 auf der MTS Samtens, [Kreis] Rügen, [Kreis] Rostock, wurden des Nachts die Kabel am Stromverteiler abgerissen. Außerdem wurden sämtliche Sicherungen entfernt.
Am 12.9.1955 wurde festgestellt, dass ein Karpfenteich der LPG Pochra, [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden49 durch Zufluss von Jauche vergiftet wurde. Von den im Jahr 1954 eingesetzten 170 Karpfen sind bisher 65 verendet.
Brände
Am 7.9.1955 brannte der Stall der LPG »Herrlicher Weg« in Zühr, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, ab. Die Brandursache ist noch nicht ermittelt. Schaden ca. 15 000 DM.
Bei einem Einzelbauern in Blodda, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle, ist eine Scheune und ein Schuppen abgebrannt. Das Feuer wurde durch den fünfjährigen Sohn des Bauern angelegt. Der Schaden beträgt ca. 15 000 DM.
Am 8.9.1955 brach in Fünfeichen, [Kreis] Fürstenberg/Oder, [Bezirk] Frankfurt/Oder, aus bisher ungeklärten Gründen in der Scheune eines werktätigen Einzelbauern ein Brand aus. Schaden ca. 12 000 DM.
Am 11.9.1955 brannten in der Gemeinde Zobbenitz, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, zwei Scheunen von Großbauern ab. Brandursache wird noch ermittelt. Schaden ca. 90 000 bis 100 000 DM.
Durch Blitzschlag wurden 13 Brände (Scheunen und Schuppen) mit einem Schaden von ca. 135 000 DM verursacht.
Tierseuchen
In der LPG Ilmenau, [Bezirk] Suhl, sind bis zum 8.9.1955 48 Schafe verendet.
Die Ursachen wurden tierärztlich festgestellt und es handelt sich hierbei um eine Erkrankung an Magen- und Lungenwürmern.
Einschätzung der Situation
Die Verhandlungen mit Adenauer in Moskau finden bei der Bevölkerung nicht die notwendige Beachtung. Der Umfang der Diskussionen ist verhältnismäßig gering, trotz einer gewissen Zunahme der Gespräche in den letzten Tagen. Meist nehmen fortschrittliche Kräfte Stellung gegen das Verhalten Adenauers.
Da Adenauer versucht an der »Politik der Stärke« festzuhalten, sind die Meinungen über das zu erwartende Ergebnis der Moskauer Besprechungen meist skeptisch.
Negative Argumente treten weiterhin nur im geringen Umfang in Erscheinung.
Die Anteilnahme der Bevölkerung ist deshalb ungenügend, weil die Fragen im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage in der DDR weiterhin im Vordergrund stehen, weil viele Menschen von vornherein der Meinung gewesen sind, dass bei der Besprechung mit Adenauer »nichts dabei herauskommt« und weil die politische Aufklärungsarbeit unter den Massen stark nachgelassen hat.
Anlage 1 vom 12. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2484
Auswertung von Hetzschriften
Die Feindzentralen50 verbreiten durch die Hetzschriften, dass der neue Kurs51 in der DDR bereits zu Ende wäre und eine Änderung erfahren hätte, die sich verschlechternd auf die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung auswirken würde. So schreibt der UfJ52 in der Hetzschrift »Der Freundeskreis«:53 »Der Neueste Kurs, der offiziell mit der Absetzung Malenkows54 bekannt wurde,55 hatte sich schon monatelang vorher angekündigt.«56
Auf die DDR übertragen schreibt das Hetzblatt: »Eine Folge des Neuesten Kurses ist auf wirtschaftlichem Gebiet die zurzeit herrschende Versorgungskrise. Es fehlen die wichtigsten Nahrungsmittel wie Fleisch, Butter, Eier, Zucker, Gemüse, Konserven, selbst Streichhölzer. Daneben herrscht Mangel an brauchbaren Textilien, Schuhen und anderen Lederwaren.«
Zur weiteren Beeinflussung der Bevölkerung der DDR werden die Maßnahmen der Regierung zur Sicherung gegen Überfälle von Westberlin,57 die Erhöhung der Autobahnbenutzungsgebühren,58 die Verhaftung der 521 Agenten59 sowie die in letzter Zeit verhängten Strafen gegen Agenten angeführt.
In der Hetzschrift »Der Umlauf«60 (UfJ) wird Unruhe unter der Bevölkerung erzeugt, indem das Gerücht verbreitet wird, dass »die Kohlenversorgung in diesem Winter noch schlechter sein wird als im vergangenen Jahr«.
Die KgU hetzt in einer Hetzschrift gegen die Wettbewerbsbewegung der VdgB unter den werktätigen Bauern. Um sie davon abzuhalten sich der Wettbewerbsbewegung anzuschließen, schreibt die KgU in dieser Hetzschrift: »Man will sehen, wieviel der Bauer überhaupt schaffen kann, um im nächsten Jahr die Norm auch höher zu schrauben. So begann es 1949 mit den freien Spitzen.61 Je mehr freie Spitzen verkauft wurden, desto höher war im nächsten Jahr Deine Pflichtabgabe. Darum halte Dich fern vom Wettbewerb.«
In einer Hetzschrift der gleichen Zentrale mit der Überschrift »Lieber Junger Freund«62 hetzt die KgU die Jugendlichen auf, an keinen Demonstrationen mehr teilzunehmen, die fortschrittliche Kräfte in Westberlin durchführen, indem unter Hinweis darauf, dass »die KPD nicht mehr im Bundestag vertreten ist, da sie von der Bevölkerung abgelehnt würde«, der Gedanke verbreitet werden soll, dass auch die Staatsform der DDR abgelehnt würde und die Demonstrationen in Westberlin nur von der SED »organisierte Terrorakte gegen die Westberliner Bevölkerung« seien.
Im verstärkten Maße versucht der Gegner in letzter Zeit Fach- und Arbeitskräfte der DDR nach Westdeutschland abzuziehen. So wurden durch eine unbekannte Feindzentrale Annoncen der westdeutschen Zeitungen an die Bevölkerung der DDR verschickt, in denen Arbeitskräfte gesucht werden. Diesen Zeitungsausschnitten liegt ein »Aufruf« mit der Überschrift »Facharbeiter und Spezialisten der sowjetischen Besatzungszone!« bei, indem er heißt:
»Aufgrund des bolschewistischen Plansystems wird das Chaos der sowjetischen Besatzungszone von Jahr zu Jahr größer. Unter dem Motto: Sparsamkeit und Rentabilität wird die sogenannte Umgruppierung der Arbeitskräfte und Herabsetzung der Löhne vorgenommen. Seid auf der Hut vor Verpflichtungen nach China, der Sowjetunion, den Volksdemokratien, zur KVP oder in die Landwirtschaft! Sichert euch einen Arbeitsplatz in der Bundesrepublik! Bei Arbeitsnachweis ist keine Anerkennung als politischer Flüchtling63 erforderlich.«64
Die Rückseite dieses »Aufrufes« enthält die Anschriften der Zeitungen, bei denen die Annoncen zur Veröffentlichung aufgegeben wurden und an die sich die Bewerber wenden sollen.
Besonderes Augenmerk verwenden die Feindzentralen weiterhin auf die Bewegung Industriearbeiter aufs Land.65 Unter der Überschrift »MTS-Werbung und was dahinter steckt« hetzt das Hetzblatt »Der Tag«66 insbesondere die Jugendlichen in den VEB auf, sich nicht als Traktoristen werben zu lassen, da diese Werbung »nur« eine versteckte Werbung für die KVP67 wäre.
Wörtlich schreibt das Hetzblatt dann weiter: »Die Betriebe selbst sind froh, wenn sie auf diese Art Jugendliche loswerden, die die KVP früher oder später doch holt. Scheiden diese nämlich vorher aus dem Betrieb aus, um erst auf dem Umweg über eine MTS in die KVP zu geraten, ist der Betrieb für die KVP-Rekruten nicht mehr verantwortlich. Die Betriebe brauchen die Jugendlichen später nicht mehr als Facharbeiter aufzunehmen, wenn sie aus der KVP entlassen werden.«68
Gefälschte Schreiben
Durch Feindzentralen wurden gefälschte Aufstellungen von Materialien, die angeblich bei beim Staatlichen Vermittlungskontor Maschinen und Metallreserven Berlin Nr. 55, Greifswalder Straße 207, liegen, an die Betriebe verschickt und als Sonderangebot zur sofortigen Lieferung angeboten, um dadurch zu erreichen, dass die Betriebe Anforderungen über derartige Materialien an obengenannte Verwaltung richten.
Anlage 2 vom 12. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2484
Auswertung von Hetzschriften
Die Feindzentralen versuchen durch üble Hetze Verwirrung unter den Mitgliedern und Funktionären der Partei zu stiften, indem sie im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen der Sowjetunion zu Jugoslawien69 von einem angeblich bevorstehenden »Führungswechsel« innerhalb des ZK der SED schreiben. Unter der Überschrift »Kommt Dahlem70 wieder – Wiedervereinigung ohne Ulbricht« schreibt das Hetzblatt »SED-Opposition«:71
»Seine Ehrenrettung verdankt Dahlem jedoch nicht etwa einer plötzlich ausbrechenden Gerechtigkeitsliebe der Sowjets.72 Der Kreml lässt sich – wie immer – auch bei diesem Schritt nur von reinen Nützlichkeitserwägungen leiten. Walter Ulbricht, das hat sich inzwischen bis nach Moskau durchgesprochen, ist für ein wiedervereinigtes Deutschland, gleich welche politische Form es annehmen sollte, einfach untragbar.«
Weiter schreibt das Hetzblatt in diesem Artikel: »Nun glauben sie, ein reingewaschener Dahlem könnte Wunder wirken und eine in zehn Jahren verfahrene Politik im Handumdrehen ins rechte Gleis bringen.«
Die KgU nimmt ebenfalls in einer Hetzschrift »An die Funktionäre der SED« zu der Aufnahme der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien Stellung und versucht durch Drohungen Zersetzung und Verwirrung in den Reihen der Partei zu stiften, indem sie schreibt: »Halten Sie Ulbricht die Treue, lassen sie die Chancen der gegenwärtigen Situation ungenutzt verstreichen, werden sie eines Tages genauso ein Opfer des opportunistischen Kurses des Politbüros wie die ungezählten Funktionäre vor Ihnen, die glauben, an Marx,73 Engels,74 Lenin75 festhalten zu dürfen.«76
In verstärktem Maße behandeln die Feindzentralen in den Hetzschriften in letzter Zeit sogenannte »Freie Wahlen« für Deutschland. Die Hetzschrift »Freie Welt«77 vom August 1955 nimmt dabei unter der Überschrift »mittels freier Wahlen«78 zum Schlusskommuniqué der Genfer Konferenz79 Stellung, indem es schreibt, dass nicht »Genf ein Wendepunkt der Geschichte«, sondern »die Pariser Verträge der große geschichtliche Wendepunkt« gewesen sei und durch deren Verwirklichung die Sowjetunion gezwungen worden wäre im Schlusskommuniqué anzuerkennen, dass die Regierungschefs für »die Regelung des deutschen Problems und der Wiedervereinigung Deutschlands, mittels freier Wahlen übereingekommen sind, dass die Lösung der deutschen Frage und die Wiedervereinigung Deutschlands im Einklang mit den nationalen Interessen des deutschen Volkes und den Interessen der europäischen Sicherheit herbeigeführt werden soll.«
Der »Union-Pressedienst«80 hetzt in der Ausgabe Nr. 8 unter der Überschrift »Freie Wahlen in der DDR«81 die Bevölkerung der DDR auf, sich passiv zu verhalten, indem er schreibt: »Wer in der Sowjetunion lebt, muss irgendwie sehen, dass er sich hindurchwindet, wenn er nicht den Gang ins Zuchthaus provozieren will. Das wissen wir. Wer nicht als Denunziant oder als Unmensch Schuld auf sich geladen hat, der kann unbesorgt den Tag der Wiedervereinigung entgegensehen.«
Die Hetzschrift »Freie Welt« nimmt die Leipziger Messe82 zum Anlass, nun die Bevölkerung gegen die SU und DDR aufzuhetzen, indem es behauptet, dass es nur aufgrund der Geschäftsabschlüsse mit der Versorgung der DDR so schlecht stehen würde, indem er wörtlich schreibt: »Hier ist das oberste Wirtschaftsprinzip nicht die Versorgung der Bevölkerung mit guten und preiswerten Waren, sondern die Erfüllung eines Planes, der mit den Plänen der Ostblockländer koordiniert ist und mit ihnen zusammen ein System bildet, dessen oberster Nutznießer die Sowjetunion ist.«
Das gleiche Hetzblatt nimmt die gegenwärtigen Versorgungsschwierigkeiten zum Anlass gegen die demokratische Bodenreform83 zu hetzen, indem es unter der Überschrift »Scharnowski84 hatte Recht«85 diese Schwierigkeiten auf die Bodenreform zurückführt und ein Interview Scharnowskis zitiert, worin es heißt: »Die periodisch auftretenden Aussaat- und Ernteschwierigkeiten in der Sowjetzone haben ihren Grund nicht in dem mangelnden Fleiß der Landbevölkerung oder in der Ungunst des Wetters, sondern in der Bolschewisierung der Landwirtschaft, die 1945 mit der sogenannten Bodenreform begonnen wurde.«
Der »Union-Pressedienst« hetzt in seiner Hetzschrift gegen die Bemühungen der Regierung zur Freilassung der in der Sowjetunion wegen begangener Verbrechen verurteilten Kriegsgefangenen und versucht darzustellen, dass die Regierung damit nur ein politischen Verdienst erreichen will. Wörtlich schreibt das Hetzblatt: »Die Freilassung der deutschen Gefangenen in der Sowjetunion will der Kreml als politische Trumpfkarte zum Verdienst der Regierung Grotewohls86 ausspielen. Der unmittelbare Zusammenhang mit der jetzt folgenden Reise des Bundeskanzlers bei der Lösung dieses Problems ist jedoch unverkennbar.«
Gefälschte Schreiben
Vom Gegner wurde unter dem Absender Ministerium des Innern – Kasernierte Volkspolizei – Quartiernutzungsabteilung Berlin ein gefälschtes Schreiben an den Rat der Stadt Fürstenberg/Oder versandt, indem um dringende Übersendung von zwei Exemplaren des Stadtplanes sowie Bebauungsplanes ersucht wird, um dadurch Unruhe unter der Bevölkerung zu stiften.
Anlage 3 vom 13. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2484
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 9.9. bis 12.9.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:87
- –
Gera: Kreis Gera 16 213;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Klingenthal 1 048, Kreis Schwarzenberg 815, Kreis Karl-Marx-Stadt 700, Kreis Zschopau 400;
- –
Rostock 153;
- –
Dresden 514;
- –
Potsdam 150: Kreis Pritzwalk;
- –
Frankfurt/Oder 2 380;
- –
Halle 100: Kreis Zeitz 1 000, Eisleben 100;
- –
Leipzig 40;
- –
Schwerin 55: Kreis Perleberg 30;
- –
Neubrandenburg 203.
Tschechische Sprache:
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Zwickau 1 758;
- –
Dresden 98;
- –
Leipzig 111;
- –
Halle 252.
»Freie Junge Welt«:88
- –
Karl-Marx-Stadt 815;
- –
Potsdam 19.
NTS:89
- –
Karl-Marx-Stadt 3 472;
- –
Dresden 232;
- –
Potsdam 1 280: Kreis Pritzwalk 50;
- –
Schwerin: Kreis Parchim 2 000, Kreis Lübz 400, Kreis Parchim 50;
- –
Neubrandenburg 169;
- –
Frankfurt/Oder 60;
- –
Berlin 75.
KgU:90
- –
Potsdam: Kreis Nauen 620, Kreis Königs Wusterhausen 200.
FDP-Ostbüro:91
- –
Potsdam: Kreis Pritzwalk 75.
Unbekannter Herkunft:
- –
Potsdam 7 000: Kreis Pritzwalk 20 000;
- –
Schwerin: Kreis Lübz drei Ballons;
- –
Frankfurt/Oder: Kreis Fürstenwalde 2 916.
Freie Arbeiter- und Bauern der Sowjetzone:
- –
Berlin 130 000.
Welt und Zeit:92
- –
Schwerin 100.
Antidemokratische Tätigkeit
Ein Teilnehmer eines Lehrganges für Kampfgruppenkommandeure93 in Ilfeld, [Kreis] Nordhausen, begab sich am 10.9.1955 mit noch mehreren Genossen des Lehrganges in das Hotel »Zur Tanne«.
Gegen 22.00 Uhr wurde er ohne Grund von verschieden Rowdys im Lokal angefallen und misshandelt, sodass er erhebliche Verletzungen am Kopf davontrug. Drei der Täter wurden inhaftiert. Gegen zwei weitere, die flüchtig sind, wurden Fahndungsmaßnahmen eingeleitet.
In der Nacht des 5.9.1955 wurden von unbekannten Personen vor dem Kirchengebäude in Ponickau, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, faschistische Lieder gesungen.
Von einer Gedenktafel am Alten Zuchthaus94 in Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, die einer antidemokratischen Widerstandskämpferin gewidmet ist, wurde am 11.9.1955, gegen 1.45 Uhr, von einem Kraftfahrer ein Kranz abgerissen und zu Boden geworfen. Der Kraftfahrer wurde festgenommen.
In Markranstädt, [Bezirk] Leipzig, wurden anlässlich des 10. Jahrestages der Opfer des Faschismus95 am Ehrenmal96 34 Kränze niedergelegt. In der Nacht wurden davon 24 Kränze durch unbekannte Täter entfernt und an das Kriegerdenkmal niedergelegt, fünf Kränze auf einen Müllhaufen geworfen und fünf Kränze ließ man liegen.