Sonderbericht Aktion Bündnis II
25. Juli 1955
Sonderbericht zur Aktion Bündnis (II) [Information M 15/55]
Stimmen zur Aktion »Bündnis«1
Zum Empfang der sowjetischen Delegation in Halle2 wurden von den Schulen, Betrieben usw. Delegationen entsandt, die die Straßen, wo die Delegation durchkam, umsäumten. Überall war eine gute Stimmung zu verzeichnen.
Dessau:
Um die Delegation würdig zu empfangen, beschloss z. B. die Leitung der BPO des Reichsbahnausbesserungswerks Dessau, dass eine Delegation von 300 Betriebsangehörigen die sowjetischen Staatsmänner empfangen, während die gesamte Belegschaft von ca. 3 000 Mann diese an der Straße begrüßen sollte.
Im Stadtzentrum von Dessau war gegenüber dem Vorort die Beflaggung sämtlicher Häuser gut. Unter der Bevölkerung herrschte eine große Begeisterung. Auch die Diskussionen, die sich ausschließlich mit dem Ergebnis der Genfer Konferenz beschäftigten, waren bis auf einige Ausnahmen positiv. Zum anderen bringt die Bevölkerung von Dessau zum Ausdruck, dass der Besuch der sowjetischen Staatsmänner eine besondere Ehre für die DDR ist und dass sich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR gefestigt haben. Allgemein wurde auch begrüßt, dass die sowjetische Delegation im offenen Wagen fuhr.
Negative Diskussionen traten insofern auf, dass Teile der Bevölkerung verärgert waren, dass sie drei Stunden stehen mussten, ehe die Delegation kam. Man äußerte sich dahingehend, wer den Lohnausfall bezahlen sollte, sonst würde man mit jeder Minute rechnen, und hier würden 10 000 Mann auf der Straße stehen, nachher müsste aber wieder auf Knochen der Arbeiter die Zeit herausgeholt werden, um unbedingt den Plan zu erfüllen.
Die sowjetischen Staatsmänner wurden bei der Ankunft in Dessau, um 11.00 Uhr, von den Anwesenden begrüßt. Der Begrüßungsort war mit zahlreichen Fahnen und Losungen geschmückt. Auf den Straßen von Dessau bis Mosigkau, wo die Delegation durchfuhr, standen ca. 40 000 Werktätige Spalier.
Die Straßen waren reichlich geschmückt. Im Allgemeinen waren nur positive Stimmungen vorhanden. Die Dessauer Bevölkerung war begeistert, dass sie die führenden Staatsmänner der SU sehen und begrüßen konnte.
Diskussionen wurden über die Genfer Konferenz3 geführt. Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass auf der Konferenz zwischen den vier Regierungschefs eine freundschaftliche Atmosphäre geherrscht hat.
Besondere Begeisterung zeigten die Jungen Pioniere.4
Bei der Begrüßung in Vockerode wurde von der Bevölkerung kritisiert, dass die Begrüßungsansprache des Genossen Chruschtschow5 schlecht übersetzt wurde.
Die Beflaggung und Ausschmückung der Häuser an den Streckenabschnitten von der Autobahnzufahrt in Dessau war verschieden. Die staatlichen und kommunalen Gebäude waren vorbildlich geschmückt, während die privaten Geschäfte und Häuser überhaupt nicht oder schlecht beflaggt waren.
Die Bevölkerung an dieser Strecke war sehr begeistert, und trotz dreieinhalbstündiger Wartezeit war keine Verärgerung festzustellen. Besonders gut wirkte sich aus, dass auf diesen Streckenabschnitten viele Jugendliche waren, die eine begeisterte Stimmung unter die Bevölkerung trugen.
Besonders lebhaft wurde auch diskutiert, dass die sowjetischen Staatsmänner im offenen Wagen fuhren. Einige Personen äußerten sich dazu, dass die sowjetischen Staatsmänner keine Angst haben und ganz frei durch die Stadt fahren.
Dagegen hätten die Polizei bzw. die verantwortlichen Staatsfunktionäre große Angst, da sie ein großes Aufgebot von Polizei und Kampfgruppen aufgestellt hätten.
Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass die Durchfahrt der sowjetischen Staatsmänner durch Dessau ein voller Erfolg war, und dass trotz einiger Mängel die Bevölkerung sehr begeistert war.
Bernburg:
Aus Bernburg wurde gemeldet, dass ca. 8 000 Werktätige in Dessau, Köthener Straße, die Delegation mit Spannung erwarteten. Im Laufe der Zeit sammelten sich dort noch mehr Menschen an.
Im Ortsteil Dröbel,6 Bernburg, ist zu verzeichnen, dass vor allem die Schulkinder mit Blumen bereitstanden.
Die Bernburger Bevölkerung sieht in dem Besuch der sowjetischen Staatsmänner in Bernburg den Beweis, dass ihnen das Deutschlandproblem wirklich am Herzen liegt.
Im Serumwerk Bernburg wurden Vorbereitungen getroffen, um die Delegation bei der Abfahrt Richtung Halle zu begrüßen. Hier wurden Stimmen laut die zum Ausdruck brachten, dass der Ausgang der Konferenz enttäuscht hätte. Man hätte erwartet, dass die Frage der Einheit Deutschlands sofort geklärt wird. Ein Ingenieur von diesem Werk sagte: »Mit Spannung verfolgte ich anhand der Presse- und Rundfunkmeldung die Genfer Konferenz. Durch das Auftreten der sowjetischen Delegation habe ich in der Frage der Einheit Deutschlands große Hoffnung auf Erfolg. Der Vorsitzende des Ministerrates der UdSSR machte gute Vorschläge zur Lösung der Deutschlandfrage und über die damit im Zusammenhang stehende Sicherheit des Volkes. Hoffen wir, dass die Stimmen der friedliebenden Völker geachtet werden, dann sind auch unsere Forderungen an die Genfer Konferenz erfüllt und wir gehen einer zukunftsfrohen Zeit ohne Kriegsgespenst entgegen.«
In der Gemeindegaststätte in Katharinenrieth, Kreis Sangerhausen, unterhielten sich zwei Einwohner wie folgt: »Die Russen haben gar nicht die Absicht, etwas für die Wiedervereinigung Deutschlands zu tun.« Sie sagten weiter, sie würden im Gegenteil die freien Wahlen7 sabotieren. Bei diesen Wahlen würde unsere Regierung doch nur eine Schlappe erleiden.
Über die Konferenz und den Besuch der sowjetischen Staatsmänner in der DDR wurden noch folgende Diskussionen bekannt:
Ein Angestellter der HO-Industriewaren8 Weißenfels sagte z. B.: »Der sowjetische Staatsmann Bulganin9 hat sich durch sein Auftreten auf der Genfer Konferenz das Vertrauen der deutschen Bevölkerung noch mehr erworben, da er wiederum bewiesen hat, dass auf friedlichem Wege alle strittigen Fragen zu klären und zu lösen sind.«
Eine in der Gemeinde Uichteritz, Kreis Weißenfels, aus Westdeutschland auf Besuch weilende Frau: »Ich erhoffe mir von der Genfer Konferenz, dass die Einheit Deutschlands Wahrheit wird und die Regelung des Interzonenverkehrs erleichtert wird.«
Ein Maurer aus Großkorbetha, Kreis Weißenfels: »Ich bin hocherfreut über die Erfolge der Genfer Konferenz und ich hoffe, dass nun auch bald die Einheit Deutschlands zustande kommt und das allen, die einen demokratischen Aufbau stören wollen, das Handwerk gelegt wird.«
Im Zementwerk Nienburg/Saale sagten zwei Kollegen: »Die vier großen Vier waren sich auf dem Bankett in Genf einig, aber über die Deutschlandfrage konnten sie sich nicht einig werden.«
Aus den Kreisen der Bevölkerung von Quedlinburg wird bekannt, dass sie den Besuch der sowjetischen Staatsmänner freudig erwarteten. So äußerte sich ein Angehöriger des Kreis-Verbandes der NDPD: »Bereits gestern wurde in breitesten Schichten der Bevölkerung in Quedlinburg über das Eintreffen der sowjetischen Staatsmänner debattiert. Es wurde gesagt, das große Schritte auf dem Wege zur Erhaltung des Friedens und Wiederherstellung der Einheit Deutschlands erzielt worden sind.«
Ein Pfarrer sagte: »Die Möglichkeit einer Verständigung zwischen der Regierung der DDR und der Bonner Regierung muss nun kommen. Bloß steht in Westdeutschland die Frage offen, ob Adenauer10 dazu gewillt sein wird. Es liegt nun an dem Volke, Adenauer zur Annäherung der DDR zu bewegen. Ich bin der Meinung, dass durch den Besuch der sowjetischen Staatsmänner neue Momente für die weitere Entspannung gekommen sind.«
Über den bisherigen Verlauf der Fahrt der Delegation durch den Bezirk Halle wurden keine besonderen Vorkommisse bekannt.