Sonderbericht Genfer Konferenz II
26. Juli 1955
Sonderbericht Genfer Konferenz (II) [Information M 17/55]
Stimmen zum Ergebnis der Genfer Konferenz1
Über das Ergebnis der Genfer Konferenz wird der Bedeutung nach in den Industrie- und Verkehrsbetrieben noch nicht im genügenden Umfange diskutiert. Von fortschrittlichen Kräften, in der Mehrzahl sind es Arbeiter, wird das Ergebnis richtig eingeschätzt. So wird z. B. immer wieder betont, dass die Genfer Konferenz hinsichtlich der Entspannung der internationalen Lage sowohl in Bezug auf die Annäherung zwischen der SU und den Westmächten einen Erfolg gehabt habe, der in erster Linie durch die konsequente Politik der SU erreicht wurde. Bezüglich der Lösung der Deutschlandfrage setzen sie jetzt neue Hoffnung auf die im Oktober stattfindende Außenministerkonferenz.2
Nachstehende Stimmung ist charakteristisch für die Einstellung der fortschrittlichen Kräfte, die, wie bereits erwähnt, die Genfer Konferenz als einen Erfolg werten und gleichzeitig erkennen, dass somit die »Politik der Stärke«3 eine erneute Niederlage erlitten hat.
So sagte z. B. ein Arbeiter, parteilos, aus dem VEB Kirow-Werk in Leipzig:4 »Das Hauptziel, Verhandlungen zur Sicherung des Friedens zu führen, ist erreicht. Die SU hat durch ihre Zusicherung, dem kalten Krieg ein Ende zu bereiten,5 den größten Beitrag geleistet. Mögen die Verhandlungen der vier Außenminister im Oktober 1955 den von allen friedlichen Menschen ersehnten Erfolg bringen.«
Ein Kollege aus dem VEB Eilenburger Celluloid-Werk: »Das Zusammentreffen der vier Staatsmänner in Genf brachte eine Entspannung der allgemeinen Lage. die Hoffnung Adenauers6 wurde dadurch zunichte gemacht. Seine Politik der Stärke erhielt eine Niederlage. In Genf wurden Grundlagen zu weiteren Verhandlungen über die europäische Sicherheit und die Deutschlandfrage geschaffen.«
Im Zusammenhang mit dem Ausgang der Genfer Konferenz wird in den Betrieben vereinzelt zu dem Besuch der Sowjet-Delegation Stellung genommen.7 Diese Äußerungen sind ausschließlich positiv und es geht daraus hervor, dass man diesen Besuch als Beweis des Vertrauens und der Freundschaft der sowjetischen Staatsmänner gegenüber dem deutschen Volk ansieht. Auch wird dabei erwähnt, dass wir den sowjetischen Staatsmännern großen Dank schulden, da sie sich in Genf wiederum so konsequent und vorbehaltlos für die Belange des deutschen Volkes und für die Erhaltung des Friedens eingesetzt haben.
In einer Unterhaltung mehrerer Heizer aus dem VEB Kugellagerfabrik Leipzig kam Folgendes zum Ausdruck: »Der Besuch der sowjetischen Staatsmänner zeigt wieder einmal ihre Verbundenheit zu den Arbeitern. Wir haben allen Grund über den Besuch begeistert zu sein, denn Bulganin8 hat zum größten Teil dazu beigetragen, dass die Genfer Konferenz zu einem Erfolg wurde.«
Ein Kumpel vom Wismut-Schacht9 12 – Oberschlema –: »Es ist ein Zeichen des Vertrauens, dass nach beendeter Konferenz in Genf die sowjetische Delegation die DDR besucht.«
Ein anderer Kumpel des gleichen Schachtes: »Die sowjetische Delegation besucht die DDR, während die westlichen Staatsmänner sofort in ihre Länder abreisten. Darin liegt wieder ein Beweis für die ehrliche Friedenspolitik der SU.«
Ein Arbeiter, parteilos, aus der Maxhütte:10 »Durch den Besuch der sowjetischen Staatsmänner kommt klar die feste Verbundenheit zwischen der SU und der DDR zum Ausdruck. Die SU wird auch weiterhin alles tun, um so schnell wie möglich die Einheit Deutschlands zu schaffen.«
Das starke Interesse breitester Bevölkerungskreise an dem Verlauf der Genfer Konferenz war in erster Linie auf die Hoffnung zur baldigen Lösung des Deutschlandproblems zurückzuführen. Da nun die Genfer Konferenz keine endgültige Lösung der Deutschlandfrage brachte, wie so viele erwarteten, zeigt sich in einer ganzen Reihe von Stellungnahmen eine Enttäuschung über den Ausgang der Konferenz. Es kommt zu Äußerungen wie z. B. »die Konferenz hat enttäuscht, da sie ungenügend die Deutschlandfrage behandelt hat«, »die Genfer Konferenz war im Bezug der Lösung der Deutschlandfrage kein Erfolg«, »die Konferenz hätte gar nicht stattfinden brauchen, das wäre genauso gut gewesen«, u. Ä. mehr.
So z. B. sind in der Maxhütte viele Arbeiter und Angestellte sowie auch Intelligenzler über den Ausgang der Genfer Konferenz enttäuscht, da sie mehr erwartet haben.
So sagte z. B. ein Arbeiter (SED): »Von der Genfer Konferenz bin ich sehr enttäuscht, da über die Einheit Deutschlands nur zwei Stunden verhandelt wurde. Ich habe zumindest erwartet, dass eine Grenzerleichterung kommen wird, sodass wir durch gegenseitige Besuche für die Einheit Deutschlands eintreten können. Auch wäre es nötig gewesen, dass über eine einheitliche Währung eine Aussprache durchgeführt wird.«
Auch im VEB Jenapharm sind viele Kollegen aus den gleichen Gründen über den Ausgang der Genfer Konferenz enttäuscht.
Dabei kommt es zu Äußerungen wie z. B. (ein parteiloser Installateur): »Wenn die vier Regierungschefs nicht zusammengekommen wären, wäre es dasselbe gewesen. Schade um die Zeit und das Geld.«
Ein Kumpel aus dem Wismut-Schacht 64 – Oberschlema –: »Ich bin mit der Konferenz und deren Ausgang nicht zufrieden. Die Deutschlandfrage ist ungenügend behandelt worden. Es gab schon viele Konferenzen, die zu keinem Erfolg führten.«
Ein Angestellter, parteilos, aus dem VEB Kugellagerfabrik Leipzig: »Es ist ganz schön, wenn die sowjetische Delegation in der DDR weilt, nur wir haben nichts davon. Die SU hat uns zwar schon immer geholfen, auch jetzt wieder in Genf, das geht aber nun schon zehn Jahre so. Wenn in Genf der Beschluss gefasst worden wäre, dass wir noch in diesem Jahr die Einheit Deutschlands bekommen, dann wäre die Begeisterung über den Besuch noch größer.«
Zum anderen zeigt sich, dass sich negative Elemente, besonders in Berlin, nach den Verlautbarungen der Westsender und -zeitungen orientieren. Auf dieser Linie versuchen sie dann Stimmung gegen die SU zu machen, indem sie diskutieren, dass Bulganin dagegen gewesen wäre, dass als erstes Problem die Deutschlandfrage zu behandeln sei,11 und dass dies ein »Beweis« dafür wäre, dass die SU entgegen ihren Erklärungen an einer Lösung gar nicht interessiert sei.
Dabei zeigt sich die Tendenz, dass es die Schuld der SU sei, »wenn die Genfer Konferenz, bezüglich der Herstellung der Einheit Deutschlands kein positives Ergebnis brachte«.
So sagte z. B. ein Kollege aus dem VEB Waggonbau Gotha, [Bezirk] Erfurt: »Man redet zwar immer von der Verhandlungsbereitschaft der SU, was aber gar nicht so ist. In Genf hat Bulganin die Tagesordnung kritisiert und verlangt, dass die Deutschlandfrage nicht als erster Tagesordnungspunkt behandelt werden sollte, sondern, dass weiter über das kollektive Sicherheitssystem beraten werden sollte.«
Ein Arbeiter (SED) aus dem VEB Sternradio Sonneberg, [Bezirk] Suhl: »Ich habe es selber gehört, dass Bulganin die Deutschlandfrage als zweitrangig bezeichnet hat. Nun weiß ich genug und mir braucht keiner mehr was zu erzählen.«
Zwei Angestellte aus dem Betrieb Kodak12 Berlin: »Der Westen will die Vereinigung Deutschlands und dann erst die kollektive Sicherheit und der Osten will es umgekehrt. Das Volk soll durch freie Wahlen entscheiden, dann wären die Probleme gelöst. Die Genfer Konferenz hat deshalb keinen Erfolg gezeitigt, weil Bulganin die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands zweitrangig betrachtete.«
Ein Kollege von der geologischen Abteilung des Wismut-Schachtes 13 – Aue – erklärte im Kreis seiner Kollegen, dass durch die SU die deutsche Wiedervereinigung in Genf für die europäische Sicherheit verkauft wurde. »Da sieht man wieder einmal wo die Freundschaft bleibt.«
(Der Genannte hört ausschließlich Westsender und beeinflusst die ganze Abteilung, da er sehr redegewandt ist.)
Vereinzelt ergehen sich feindliche Elemente in übler Hetze gegen die SU und DDR. Dabei zeigt sich ebenfalls eine Befürwortung der westlichen Politik.
So äußerte z. B. ein Kollege aus der Bärenhütte,13 [Kreis] Weißwasser, [Bezirk] Cottbus: »Man soll die Besatzungstruppen zurückziehen und einen neuen 17. Juni14 durchführen, dann wird sich schon zeigen, wer an das Ruder kommt. Unsere Regierung hat die Ostgebiete verschachert und unsere Presse ist nur eine Hetzschrift.«
Ein Kollege aus dem VEB »H. Rau« Wildau,15 [Bezirk] Potsdam: »Ich kann die Westmächte nicht verstehen, anstatt sich mit den Russen feindlich zu stellen, verlief in Genf alles freundschaftlich. Aus der Konferenz ist nichts Wesentliches herausgekommen, weil der Russe nicht eher nachgibt, bis er alles aus uns herausgeholt hat.«
Ein Kraftfahrer aus der Garage des Wismutobjektes 29 – Gera –: »Die Genfer Konferenz hat deutlich die Schwäche der Russen gezeigt. Dies kam auch schon bei dem Besuch in Jugoslawien16 zum Ausdruck.«
Ein Angestellter aus dem VEB Zeiss Jena: »Nach dem Ausgang der Genfer Konferenz braucht man in diesem Jahr keine Hoffnung mehr auf die Wiedervereinigung Deutschlands zu haben, da der Osten kein Entgegenkommen zeigt. Es werden jetzt wieder ähnliche Maßnahmen wie vor dem 17. Juni 1953 kommen, u. a. Einschränkung des Interzonenverkehrs. Da wird man, in Bezug auf Abwandern, nach dem Westen etwas erleben.«
Im privaten Baubetrieb Loeffler17 in Königs Wusterhausen zahlt ein Teil der Kollegen keinen Gewerkschaftsbeitrag mehr. Sie begründen das damit, dass es bald anders kommen wird.
Infolge der vollen Inanspruchnahme der Landbevölkerung durch die Erntearbeiten wird bisher verhältnismäßig wenig über die Ergebnisse der Genfer Konferenz diskutiert.
Über den Besuch der sowjetischen Delegation in der DDR wird auf dem Lande fast gar nicht diskutiert. Verschiedentlich hat man von diesem Besuch noch gar keine Kenntnis.
Die Diskussionen über die Ergebnisse der Genfer Konferenz sind in der Mehrheit positiv. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Konferenz wesentlich mehr gebracht hat, als alle vorhergehenden und dass es die sowjetische Delegation versteht ihren Standpunkt zu verteidigen. Auch wird geäußert, dass es in erster Linie Sache der Deutschen selbst ist, die Einheit auf demokratischer Grundlage herbeizuführen und dass durch die Ergebnisse in Genf auch ein Schlag gegen die Adenauersche Politik in Westdeutschland geführt wurde.
Zum Beispiel erklärte ein Heizer aus der MTS-Spezialwerkstatt Liebertwolkwitz, [Bezirk] Leipzig: »Adenauer befindet sich jetzt in einer großen Klemme.«
Ein Zootechniker der Gemeinde Granzin, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, sagte: »Die Viererkonferenz hat gezeigt, dass die sowjetische Delegation es versteht, ihren Standpunkt zu verteidigen und die Westmächte zu überzeugen.«
Einige Kollegen der MTS Wachow, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, äußerten: »Diese Konferenz hat doch wesentlich mehr gebracht, als alle vorhergehenden. Auch wir müssen alle daran arbeiten, um allen Menschen in ganz Deutschland die unbedingte Notwendigkeit der Einheit unseres Vaterlandes auf demokratischer Grundlage klarzumachen.«
Dem gegenüber gibt es eine ganze Reihe enttäuschte Stimmen, welche von der Genfer Konferenz mehr erwartet hatten, vor allen Dingen konkrete Beschlüsse in der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands.
Zum Beispiel erklärte ein Agronom der MTS Moisall,18 [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin: »Ich hätte von der Konferenz mehr erwartet, aber die Hauptsache ist, dass sie sich über die Abrüstung einig sind.«
Ein Mähdrescherführer der MTS Gleizin,19 [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, sagte: »Die Konferenz hätte konkrete Beschlüsse fassen müssen, damit die Weltöffentlichkeit sieht, dass alle Staaten an der Erhaltung des Friedens interessiert sind.«
Negative Diskussionen gibt es sehr wenig. Diese werden hauptsächlich von Großbauern20 geführt, die hoffen, dass es jetzt nach Beendigung der Genfer Konferenz anders kommen werde, denn die Einheit könne nur auf westlicher Grundlage erfolgen.
Auch wird gegen die SU gehetzt und erklärt, dass die »Russen« für Deutschland wenig übrig haben. In diesem Zusammenhang wird immer wieder gegen die Oder-Neiße-Grenze gehetzt.
Zum Beispiel erklärte ein Genossenschaftsbauer der LPG Klitzscher, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig: »Die SU hat zwar das Zustandekommen der Genfer Konferenz herbeigeführt, aber das nur aus taktischen Erwägungen heraus. Kommt es zu freien demokratischen Wahlen, dann verschwindet die SU und die DDR in Deutschland. Die Festlegung der Oder-Neiße-Grenze ist ein Beweis dafür, wie wenig die Russen für Deutschland übrig haben.«
Ein Großbauer aus Späningen, [Kreis] Kalbe, [Bezirk] Magdeburg, sagte: »Nach Beendigung der Genfer Konferenz wird es anders kommen. Die DDR wird zusammenfallen, und zwar bis zum Herbst und verschiedene Personen, ganz besonders die Erfasser von der VEAB sollten sich heute schon um andere Arbeit kümmern, damit sie nachher auch wieder angestellt werden.«
Von den Großbauern im Kreis Klötze, [Bezirk] Magdeburg, werden Stimmen laut wie: »die enteigneten Besitzer müssten ihren früheren Besitz wieder erlangen« und »die Genfer Konferenz würde der Untergang der DDR« sein.
Über den Ausgang der Genfer Konferenz und den Besuch der sowjetischen Regierungsdelegation werden unter der übrigen Bevölkerung Diskussionen geführt, die zum überwiegenden Teil positiv sind und von fortschrittlichen Kräften aus allen Schichten der Bevölkerung kommen.
Der Abschluss der Genfer Konferenz wird als positiv gewertet, weil es die SU verstanden hat, durch ihre Vorschläge einen positiven Ausgang der Konferenz zu sichern, die Außenministerkonferenz – Oktober einzuberufen, und weil durch ihre Handlungsweise eine wesentliche Entspannung der internationalen Lage erzielt wurde.
Es wird auch immer wieder betont, dass diese Konferenz die Voraussetzungen für weitere Verhandlungen über die Deutschlandfrage geschaffen hat. Weiter kommt zum Ausdruck, dass aus den Vorschlägen der SU zu ersehen ist, dass sie nach wie vor der wahre Freund des deutschen Volkes ist und nicht von der Linie der Schaffung der Einheit Deutschlands abgeht.
Besonders betont wird auch, dass es erst einmal für alle Menschen wichtig ist, den Frieden zu erhalten und durch die Konferenz wäre zweifellos erst einmal die drohende Kriegsgefahr etwas in den Hintergrund getreten.
Die Haltung des Genossen Bulganin auf der Konferenz wird von vielen Menschen auch ganz besonders gewürdigt, weil er derjenige war, der auf der Genfer Konferenz allen friedlichen Menschen aus den Herzen gesprochen hat und die Menschen dadurch zu ihm und der sowjetischen Regierungsdelegation noch mehr Vertrauen gewonnen hätten.
Ein Bürger aus Zella-Mehlis, [Bezirk] Suhl, äußerte z. B.: »Es war immerhin ein Erfolg, dass die Konferenz zustande kam und so verlaufen ist. Es ist nun zu erwarten, dass im Herbst bei der Besprechung der Außenminister ein noch besseres Ergebnis zustande kommt. Ich bin der Meinung, die Westmächte wollen im Westen das Militär aufbauen und uns absondern. Das lässt eben die SU nicht zu. Die drei Westmächte haben in Paris ihre Linie für die Konferenz in Genf festgelegt. Die SU sieht ihre Aufgaben aber darin, nach dem Potsdamer Abkommen zu verhandeln.«
Die Alterspräsidentin des DFD aus Potsdam: »Die Genfer Konferenz hat die Voraussetzung für die Klärung aller strittigen Fragen geschaffen und ist demnach unbedingt als positiv zu bewerten. Die Reden der Vertreter der Westmächte sollten mit Vorbehalt aufgenommen werden, denn in Vietnam zeigt sich wiederum, dass neue Unruhen geschürt werden.«21
Ein Bürger aus Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Vorschläge Bulganins22 zeigten die Wege auf, die alle anderen Staaten erkennen müssen und wozu sie auch ihre Zustimmung geben müssten.«
In einer Versammlung der Nationalen Front23 in Künsdorf, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera, brachten alle anwesenden Einwohner zum Ausdruck, dass der sowjetische Regierungschef Bulganin der Mann ist, der auf der Genfer Konferenz ihnen aus den Herzen gesprochen und verhandelt hat. Sie hätten dadurch zu Bulganin und zu den übrigen sowjetischen Delegationsmitgliedern noch stärkeres Vertrauen als bisher bekommen.
Im engen Zusammenhang mit den Ergebnissen der Genfer Konferenz wird der Staatsbesuch der sowjetischen Delegation der DDR diskutiert. Dabei kommt immer wieder zum Ausdruck, dass dieser Besuch ein Ausdruck der engen Freundschaft zwischen dem deutschen und dem sowjetischen Volk ist. Mehrfach wird hervorgehoben, dass gerade dieser Besuch neue Wege zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands eröffnet.
Große Hoffnung wird auf die Fortsetzung der Politik der SU gegenüber Deutschland und der Einigung der Deutschen untereinander gesetzt.
Eine Geschäftsfrau aus Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, sagte z. B.: »Es ist nur zu begrüßen, dass die sowjetische Delegation zurzeit in Berlin weilt. Durch die Freundschaft der SU wird unser Aufbau in der DDR gefestigt und gestärkt.«
Ein Fabrikbesitzer aus Wurzen, [Bezirk] Leipzig, bezeichnete den Delegationsbesuch der SU in der DDR als gut und erklärte: »Die Konferenz Genf hat eine Entspannung der internationalen Lage gebracht. Nunmehr wird auch Adenauer gezwungen sein nach Moskau zu fahren.24«
Ein Pfarrer aus Leipzig: »Ich bin über den Besuch von Bulganin und Chruschtschow25 erstaunt gewesen, als ich dies gestern im Radio hörte. Bisher habe ich die DDR immer als Satelliten betrachtet. Mit diesem Besuch so unmittelbar nach der Genfer Konferenz nicht nur des Außenministers, sondern des Chefs der SU ist für mich klar, dass dies die volle Anerkennung der Souveränität der DDR bedeutet. Ich glaube nicht, dass Eisenhower26 auf Adenauers Einladung nach Bonn gefahren wäre. Die Konferenz ist viel besser ausgefallen als erwartet wurde.«
Negative bzw. gleichgültige Stimmen über den Besuch der sowjetischen Delegation wurden nur vereinzelt bekannt.
Im Rat des Stadtbezirkes Friedrichshain/Berlin ist keine freudige Stimmung über den Besuch der Delegation festzustellen. Einige Kollegen sprechen gleichgültig davon, »dass es ja keine Seltenheit ist, dass sich jemand in Berlin aufhält«.
Ein Rentner im Stadtbezirk Prenzlauer Berg: »Dieser Besuch dient auch dazu, mit der Regierung der DDR die jetzige Lage zu besprechen und unserer Regierung neue Anweisungen zu geben. Die DDR ist genauso von der SU abhängig wie Westdeutschland von Amerika.«
Neben den zahlreichen positiven Stimmen aus allen Schichten der übrigen Bevölkerung gibt es auch solche, die ihre Enttäuschung über die Konferenz aussprechen, weil sie erwartet hatten, dass auf der Konferenz die Deutschlandfrage, gleich der Österreichfrage,27 sofort geklärt würde.
In den Diskussionen wird auch versucht, den Genossen Bulganin als schuldig hinzustellen, dass die Einheit Deutschlands auf der Genfer Konferenz nicht herausgestellt wurde, da er vor das Deutschlandproblem die kollektive Sicherheit gestellt hätte, und dass das von der SU eine Verzögerungstaktik sei.
Einige Bürger aus Prützke, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, sagten z. B.: »Bulganin ist schuld, dass die Einheit Deutschlands nicht zustande gekommen ist, denn unsere Regierung ist sich mit der Bundesregierung einig, weil man in West-Deutschland genauso wie in der DDR ehemalige Offiziere der Naziwehrmacht einsetzt.28«
Einige Hausfrauen aus Schleiz, [Bezirk] Gera: »Die Konferenz der vier Großmächte wurde ja am Samstag sehr schnell beendet. Es ist wieder einmal nicht viel herausgekommen, und auch die anderen Konferenzen werden so verlaufen. Von den einzelnen Delegationen wurden große Essen gegeben, aber für die kleinen Menschen kam nichts heraus.«
Negative Stimmen sind bis jetzt nur vereinzelt und treten besonders in den Kreisen der Umsiedler,29 Geschäftsleute, kleinen Gewerbetreibenden und Intelligenzler auf. Bei den Umsiedlern wird besonders die Frage der Oder-Neiße-Grenze in den Vordergrund gestellt. In den Diskussionen kommt dabei auch zum Ausdruck, dass die SU schuld daran sei, dass die Deutschlandfrage nicht erörtert wurde. Das sei ein Beweis dafür, wie schlecht die SU an den Deutschen handelt. Es wird damit gleichzeitig eine Hetze allgemein gegen die SU verbunden.
Der Vorsitzende einer Wohngruppe der Nationalen Front aus Sonneberg, [Bezirk] Suhl, sagte z. B.: »Die Genfer Konferenz ist wieder ein Beweis, wie schlecht die Russen an uns handeln. Bulganin will keine Einheit. Doch die anderen westlichen Teilnehmer sind für uns. Wir müssen nun bis Oktober warten und da sagt Bulganin bestimmt wieder nein.«
Ein Bürger, ebenfalls aus Sonneberg: »Ich habe es im Voraus gewusst. Mit den Russen erlebten wir in den zehn Jahren nur Niedergang. Wie steht der Westen dagegen zu uns. Zu den kann man Vertrauen haben.«
Eine Bürgerin aus Sonneberg, [Bezirk] Suhl: »Das Radio hat gebracht, dass keine Einheit zustande käme und in zwei bis drei Jahren hole Adenauer oder seine Nachfolger mit seiner Armee sich unsere abgetretenen Ostgebiete zurück.«
Ein Angestellter vom Projektierungsbüro Greifswald, [Bezirk] Rostock: »Der Westen wird den Russen diesmal die Pistole auf die Brust setzen in Bezug auf die Einheit Deutschlands. Er wird schon Zugeständnisse machen müssen. Bisher hat er doch alle Verhandlungen zum Scheitern gebracht und nicht der Westen. Diese Konferenz hat es auch wieder bewiesen. Nicht Russland hat als ersten Tagesordnungspunkt die Einheit Deutschlands aufgesetzt, sondern die von drüben.«
Ein Augenarzt aus Leipzig: »Die roten Halunken muss man totschlagen, der Tag kommt auch. Ich kenne bei den SED-Mitgliedern wenig anständige Leute, aber viele Halunken die Dreck am Stecken30 haben. Die allgemeinen Aussichten sind nicht rosig.«
Ein Juwelenfasser aus Leipzig: »Wenn man wüsste ob und wie uns Amerika in der Ostzone helfen wird, wir würden die zehn % Kommunisten schon umbringen. Aber solch eine Pleite wie am 17.6.1953 darf es nicht wieder geben. Wir müssen abwarten, wie Adenauer sich nach der Konferenz verhält. Zweifellos hat man ihm in Amerika versprochen, wir Amerikaner werden das mit Deutschland schon machen. Nun haben sie aber mit den Russen nur schöne Worte gewechselt. Jetzt werden die in der Ostzone aber auftreten. Es kann sein, dass die Grenzen ganz dicht gemacht werden.«
Ein Schneider, angestellt in der Schneiderwerkstatt der Nervenheilanstalt Uchtspringe, [Kreis] Stendal, [Bezirk] Magdeburg: »Die Russen sind die größten Räuber. Es liegt nur an, dass wir die Einheit Deutschlands nicht haben. Er will jedem Volke seinen Bolschewismus aufzwingen. Man spricht hier immer von Demokratie. Hier ist aber keine bei uns. Unser heutiges System ist das Schlimmste, was es auf der Welt gibt.«
Aus allen Schichten der Bevölkerung wird vereinzelt laut, dass es nicht richtig sei, wenn nur die Reden der sowjetischen Vertreter ausführlich in Presse und Rundfunk wiedergegeben werden, während die Ausführungen der Vertreter der Westmächte gar nicht gebracht werden. Daraus werden die Schlussfolgerungen gezogen, »wenn man sich zweiseitig orientieren wollte, müsste man die Westsender hören.«
Die Diskussionen aus den Reihen der KVP und DGP zeigen, dass aus Unkenntnis der politischen Bedeutung der Genfer Konferenz einige Angehörige unklar bzw. ablehnend diskutieren.
So sagte z. B. ein Unteroffizier vom Aeroclub31 Bautzen: »Es ist egal was dabei herauskommt. Für uns sowieso nichts Positives.«
Ein Feldwebel sagte, dass ihm die Genfer Konferenz nicht interessiere. Er habe keine Zeit zum Lesen und außerdem hat er die Schnauze voll. Er warte nur darauf, dass sein letztes Jahr um ist, dann will er nach Hause gehen.
Ein Gefreiter von GPB Gardelegen: »Die ganze Konferenz ist Mist. Die fressen sich dort nur die Bäuche voll auf Kosten der Arbeiter und heraus kommt nichts dabei.«
Ein anderer Gefreiter von dort: »Die Westmächte werden auf der Genfer Konferenz doch ihre Meinung durchsetzen und werden der SU schon zeigen, was Mode ist. Ich bin gespannt, was aus uns dann wird.«