Sonderverkauf
15. November 1955
Sonderverkauf [Information M 25/55]
Nach den bisher vorliegenden Berichten aus den Bezirken Dresden, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt und aus dem Wismut-Gebiet1 geht hervor, dass im Bezug des Sonderverkaufs2 große Schwierigkeiten aufgetreten sind.
Aus dem Handelsbereich der HO3 Wismut wird berichtet, dass, obwohl die Vorbereitungen zum Sonderverkauf gut waren, noch Anweisungen des Ministers für Handel und Versorgung kamen, wonach nochmals Änderungen betreffs des Limits4 durchgeführt werden mussten.
So war auch vonseiten des Ministeriums kein festes Limit bekannt gegeben, sondern den Handelssäulen wurde ein großer Spielraum gelassen, in welchem Maße die Überplanbestände eingezogen werden konnten.
Hierbei traten besonders die Genossen Kittelmann5 und Dressel6 vom Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt in Erscheinung, in dem sie agitierten, dass die Handelsleiter für die Überplanbestände verantwortlich seien.
Die Gesamtsumme der abzusetzenden Überplanbestände wurde in letzter Minute gekürzt, sodass nochmals der Einsatz des Verkaufspersonals erforderlich war.
Am Samstag, dem 12.11.1955, gegen 13.30 Uhr, kam dann nochmals eine fernmündliche Anweisung vom Minister für Handel und Versorgung, in der darauf hingewiesen wurde, dass das festgesetzte Limit eingehalten werden muss bzw. noch gekürzt wird.
So haben z. B. einige Handelsberichte ihr Limit schon am ersten Tag bis zu 90 % ausgelastet, sodass für die restlichen 13 Tage noch zehn % verbleiben.
In einem Schreiben vom 12.11.19557 gibt die Abteilung Handel und Versorgung vom Rat des Bezirkes Dresden die Anweisung, folgende Waren aus dem Verkauf zu ziehen: Textilien, Lederwaren und alle anderen Zusatzvorschläge entsprechend des Punktes 10 der Arbeitsrichtlinie zum Abbau von Überplanbeständen,8 wie z. B. Feinrippwaren aus Perlon.9 In den staatlichen und genossenschaftlichen Handelsorganen in Görlitz herrscht seit dem 11.11.1955 eine sehr gespannte Lage. Die neu festgelegten Zahlen sehen wie folgt aus:
In der Gruppe I war vom GHK-Textil Ware im Werte von 1 289 770 DM aufgenommen worden. Der Wertminderungsbetrag belief sich auf 640 062 DM. Genehmigt wurden aber nur 100 000 DM. In der Gruppe II war Ware im Werte von 1 080 132 DM vorgesehen. Genehmigt wurden 73 400 DM. Für die Gruppe III war Ware im Werte von 35 079 DM vorgesehen, genehmigt wurden keine.
Es wurden bereits an die staatlichen und genossenschaftlichen Handelsorgane Waren der Gruppe I ausgeliefert. Dabei handelt es sich um die beste Ware innerhalb der Gruppe I.
Des Weiteren hat die Volkssolidarität bereits für 700 000 DM aus der Gruppe II gekauft, was bedeutet, dass z. B. in der Gruppe II die Ware, die eigentlich an die Volkssolidarität abgegeben werden sollte, als Überplanbestände im GHK verbleiben. Ebenso verblieb die schlechtere Ware aus der Gruppe I im GHK.
Zurzeit betragen die Überplanbestände im GHK Textil immer noch fünf Mio. DM. Nach zwei Jahren wurde festgestellt, dass die in Görlitz lagernden Strümpfe dringend in Dresden benötigt werden.
Stimmung des Verkaufspersonals
Aufgrund dieser Mängel ist die Stimmung besonders unter dem Verkaufspersonal sehr schlecht.
So ergab z. B. eine Überprüfung im GHK Görlitz, dass die Angestellten zum Teil ratlos oder sehr empört waren.
Sie diskutierten, dass sie eine Reihe von Nächten durchgearbeitet haben, um alles für die Preiserhöhung zusammenzustellen und jetzt ist alles, wie schon so oft, wieder umsonst.
Weiter wurde in den Diskussionen unter den Angestellten des HO-Warenhauses in Görlitz am Samstag und Sonntag zum Ausdruck gebracht, dass die Arbeiter, wenn man denen so etwas zugemutet hätte, bestimmt gestreikt hätten. »Aber sie dürfen ja nicht streiken, da sie sonst gleich eingesperrt würden.«
In den weiteren Diskussionen kam zum Ausdruck, dass sie trotzdem streiken würden und dass sie dies nur deshalb nicht tun, da ihnen die Betriebsleitung vom HO-Warenhaus leid tue, weil diese dann sofort eingesperrt würden.
Eine weitere Überprüfung ergab, dass die Empörung vonseiten des Verkaufspersonals über den Ablauf der Sonderaktion zum Teil berechtigt ist, da am Freitag laufend widersprechende Anweisungen vom Rat des Bezirkes und vom Ministerium eingegangen sind. Aufgrund dieser neuen Anweisungen waren die Kollegen am Sonnabend gezwungen, zum größten Teil bis 24.00 Uhr zu arbeiten.
Stimmung der Bevölkerung
Der Sonderverkauf fand unter der Bevölkerung großen Anklang. Als Beweis dafür kann der Andrang am Sonntag in den Geschäften angeführt werden.
So wird z. B. aus dem Kreis Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, berichtet, dass bereits am 13.11.1955 verschiedene Geschäfte zum Teil in ganzen Ortschaften ihre Waren ausverkauften. Der Umsatz betrug am ersten Tag mehr als 350 000 DM, sodass nur noch für 10 000 DM Ware zur Verfügung steht.
Zu negativen Diskussionen kam es dort, wo die Waren bereits ausverkauft waren.
So war z. B. in Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, am 13.11.1955, nachmittags, bereits die gesenkte Ware ausverkauft. In den HO- und Konsum-Verkaufsstellen10 kam es deshalb am 14.11.1955 zu Protesten und negativen Diskussionen unter der Bevölkerung.
In den Diskussionen wird zum Ausdruck gebracht, dass man dafür sorgen muss, dass wenigstens die erste Woche noch Ware zu verbilligten Preisen angeboten wird.
Im Kreis Pirna, [Bezirk] Dresden, ist die Stimmung unter der Bevölkerung wie vor dem 17. Juni.11 Bereits am 13.11.1955 waren im Kreis-Gebiet Pirna 55 % im Konsum und 30 % in der HO an verbilligten Waren verbraucht.
An den Rat des Kreises Pirna ging ein anonymes Schreiben ein, in dem es u. a. heißt, »diese elenden Schlafmützen müssen Arbeiterfäuste zu spüren bekommen. Wir halten es für angebracht, dass das ZK der SED von diesen Unzulänglichkeiten in Kenntnis gesetzt wird.«
Ebenso sind die negativen Diskussionen der Bevölkerung in Görlitz in Bezug auf den Sonderverkauf stark angestiegen. In den Diskussionen kommt immer wieder zum Ausdruck, dass »alles großer Schwindel ist«, dass »unsere Regierung auf Bauernfang gehen wolle«. »Die Regierung hätte die Arbeiter betrogen«. »Im Westen käme so etwas nicht vor.«
Vor allem wird die Bestrafung des Ministers Wach12 gefordert.