Versorgung
19. September 1955
Versorgung [V 2/55]
In der Versorgung der Bevölkerung tauchen nach wie vor örtlich einige Schwierigkeiten auf, die aber vorwiegend auf organisatorische Mängel bzw. schlechte Warenstreuung zurückzuführen sind.
Aus dem Gebiet Johanngeorgenstadt, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde bekannt, dass es zurzeit nur vereinzelt Kartoffeln in kleinen Mengen zu kaufen gibt.
Aus dem Kreis Rudolstadt, [Bezirk] Gera, wird berichtet, dass dort immer noch eine unzufriedene Versorgung mit Kartoffeln zu verzeichnen ist.
Die Anlieferung der Kartoffeln in Rostock ist sehr unterschiedlich. Sie steht in keinem Verhältnis zu den gebrauchten Mengen. Es werden pro Tag ca. 100 t benötigt, während nur ca. 35 bis 50 t immer angeliefert werden.
In der KG-Dresden-Stadt1 liegen im Kartoffellager zurzeit 750 t Kartoffeln. Darüber hinaus sind weitere Waggons mit 165 t gemeldet. Die Kartoffeln lagern auf offener Ladestraße und sind der Witterung ausgesetzt. Die Verkaufsstellen nehmen keine Kartoffeln, da sie auch genügend auf Lager haben. Die Bevölkerung nimmt keine Kartoffeln mehr ab, da die Abschnitte 1 und 2 restlos beliefert sind.
Durch die Nichtfreigabe des Abschnittes 3 für September werden in den Verkaufsstellen von den vorhandenen 30 bis 50 Sack Kartoffeln nur zwei bis drei Sack verkauft werden. Es wäre deshalb notwendig, diesen Abschnitt für den Kauf von Kartoffeln freizugeben.
In der Fleischversorgung ist ein Engpass im Kreis Kamenz, [Bezirk] Dresden, eingetreten. Die Bevorratung liegt bei drei Tagen. Benötigt werden vom 15. bis 30.9.1955 12 t. Nach Meinung des Rates des Kreises ist in den nächsten Tagen mit Fleischeingängen nicht zu rechnen.
Am 15.9.1955 wurden 9 990 kg grüne Heringe in Eis vom VEB Versorgungs- und Lagerungskontor2 der Lebensmittelindustrie Fischwirtschaft Auslieferungslager Görlitz, [Bezirk] Dresden, an die Tierkörperverwertung geliefert.3
In Merseburg, [Bezirk] Halle, wurde ein Gerücht verbreitet, dass nur 1,8 Zentner Kartoffeln zur Einkellerung freigegeben werden und der Rest im Frühjahr ausgeliefert werden soll.4
In der HO-Betriebsverkaufsstelle5 des VEB Garnveredlungswerk Sehma, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist der Umsatz wesentlich gestiegen. So wurden am einen Tag allein für 2 000 DM Fleisch und Fleischkonserven von den Betriebsangehörigen gekauft, was den normalen Umsatz an diesen Waren wesentlich übersteigt.
Die Fleischversorgung auf Markenbasis ist für die zweite Dekade durch zusätzliche Lieferung von 30 t Importfleisch gesichert. Dagegen fehlen noch 170 t für den HO-Verkauf.
Im Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, ist zu verzeichnen, dass das Eigenaufkommen an Schlachtvieh für die Versorgung der Bevölkerung, einschließlich auf HO-Basis, nicht aufgebracht werden kann.
Das Großhandelskontor Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, erhielt am 15.9.1955 einen Waggon Weintrauben aus Ungarn. Obwohl die Verpackung und Lagerung einwandfrei waren, sind ca. 25 % verdorben.
Aus der VVEAB Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, wurden an den VVEAB Kommunaler Großhandel zwei Waggon zusätzlich Weißkohl geliefert, wofür keine Bestellung vorlag. Die Ware war zu 50 % verfault.
Im Konsum – Unterlager Falkenau Kreis Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind 800 Stück Eier verdorben.
Aus unbekannter Ursache blieb vor einigen Tagen die Mehllieferung von der Mühle in Potsdam nach Werder aus, sodass nicht die erforderliche Menge Brot gebacken werden konnte. In den Nachmittagsstunden des 15.9.1955 war in der ganzen Stadt kein Brot mehr zu erhalten. Dieser Zustand rief unter der Bevölkerung große Verärgerung und Beunruhigung hervor. Am nächsten Tage konnte die Bevölkerung jedoch wieder beliefert werden.
Durch Verschulden des Lagerleiters und einiger Funktionäre des Vorstandes der Kreis-Konsumgenossenschaft Zossen, [Bezirk] Potsdam, verdarben in einen Lager 6,75 Zentner Butter, die seit Mai6 dort lagerte. Außerdem lagerten dort seit August 1955 246 kg Harzer Käse, der ebenfalls verdorben war. Schaden insgesamt 2 000 DM.7
In der Gemeinde Salsitz, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, wurde ranzige Butter in der HO verkauft, was zu negativen Diskussionen unter den Hausfrauen führte. In der Konsumverkaufsstelle der Gemeinde Schnellbach wurde verschimmeltes Paniermehl verkauft.
Im Bezirk Cottbus treffen laufend Sendungen mit Frischfisch ein. Dadurch ist zu verzeichnen, dass ein Teil der Frischfische verdirbt und zur Verfütterung abgegeben werden muss. So wurde z. B. am 31.8.1955 einer LPG 510 kg Kabeljau II, 180 g Kabeljau I und 210 kg Heringe zur Verfütterung übergeben. Die VEB Mastanstalt Löschen, [Bezirk] Cottbus, erhielt ebenfalls größere Mengen zur Verfütterung.8
Im HO Kreisbetrieb Cottbus ist zurzeit eine größere Fluktuation zu verzeichnen. In der letzten Zeit haben 44 Kollegen ihr Arbeitsverhältnis gekündigt. Es sind überwiegend Verkäuferinnen, die sich finanziell verbessern konnten. Des Weiteren versuchen mehrere Angestellte im Werk »Schwarze Pumpe«9 Arbeit zu finden, weil ihnen dort finanziell mehr geboten wird.
Die Stimmung der Bevölkerung zur Versorgungslage hat sich nicht verändert. Sie ist weiterhin negativ und inhaltlich nicht anders, wie schon des Öfteren berichtet. Es zeigt sich, dass besonders auch in den Verkaufsstellen von den Hausfrauen negativ diskutiert und erklärt wird, dass es bald nicht mehr so weitergehen kann, denn das Einkaufen mache wirklich keinen Spaß mehr.
So äußerte z. B. eine Hausfrau aus Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, in einer Konsumverkaufsstelle, als sie die gewünschte Ware nicht erhielt, zu der Verkäuferin: »Hängen Sie sich doch ein Schild um den Hals und schreiben Sie darauf – haben wir nicht –.«