Versorgung
26. November 1955
Versorgung [V 26/55]
Fettversorgung
In den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Frankfurt/Oder, Neubrandenburg, Potsdam, Schwerin, Rostock, Leipzig, Dresden, Suhl und Gera halten die Schwierigkeiten in der HO-Butter- und HO-Margarine-Versorgung1 weiterhin unvermindert an. Es kommt jetzt bereits wieder häufiger zu Schlangenbildungen, weil die Hausfrauen bestrebt sind, für das Weihnachtsfest vorzusorgen. Die Begründung für den verstärkten Einkauf lautet auch oft, »man muss jetzt kaufen, wie es aussieht, gibt es zu Weihnachten gar nichts«. Besonders schwierig ist augenblicklich die Lage im Bezirk Karl-Marx-Stadt.
Dort hat sich die Versorgungslage aufgrund von HO-Butter- und HO-Margarinemangel besonders verschärft. Es kommt in allen Kreisen zu Schlangenbildungen. Bei diesen Schlangenbildungen musste in verschiedenen Kreisen VP eingesetzt werden. Außerdem kam es in verschiedenen Kreisen auch zu Schlägereien. Nicht nur bei der Verteilung von Butter, sondern auch bei der Verteilung von Glühbirnen. Der Grund der schlechten Stimmung ist vor allem mit darauf zurückzuführen, dass eine Anweisung vom Rat des Bezirkes erfolgte, wonach ab 20.11.1955 die Versorgung mit Butter und Margarine als gesichert zu betrachten sei.
In der Kreisstadt Flöha und in den Orten Plaue, Oberwiesa2 und anderen Orten des Kreises musste die VP die Käufer auffordern, die HO-Geschäfte zu räumen, worauf jedoch die Bevölkerung nicht reagierte.
Der Bürgermeister der Stadt Flöha begab sich in das Hauptgeschäft der HO und versuchte mit der erregten Bevölkerung zu diskutieren. Es gelang ihm jedoch nicht, die Bevölkerung zu überzeugen.
In der Kreisstadt Brand-Erbisdorf sah sich das Verkaufspersonal gezwungen, das Geschäft aufgrund des Käuferandranges zeitweise zu schließen.
Im Kreis Rochlitz kam es vor den Geschäften zu einer Schlägerei. Die Ursache hierfür war, dass der Bürgermeister Marken für die Verteilung ausgab und dabei auswärts wohnende nicht berücksichtigte.
In Rochlitz forderte eine Hausfrau dazu auf, nach der Kreisleitung der SED zu demonstrieren. Ihrer Aufforderung leistete jedoch niemand Folge.
In einem HO-Geschäft in Annaberg-Buchholz 2 war der Käuferandrang so stark, dass es unter den anstehenden Frauen zu erregten Zwischenfällen kam.
Mehlversorgung
In einigen Fällen gibt es auch Schwierigkeiten in der Mehlversorgung. So z. B. im Kreis Meiningen, [Bezirk] Suhl, wo ab 1.12.1955 die Mehlversorgung gefährdet ist. Es fehlen 350 t Roggenmehl und 60 t Weizenmehl. Obwohl dieses Getreide in den Mühlen vorhanden ist, sind diese nicht in der Lage, die fehlende Menge zu mahlen, weil sie bereits voll ausgelastet sind.
Im Bezirk Cottbus kommt es ebenfalls vor, dass die Hausfrauen stundenlang auch nach Mehl anstehen müssen.
Auch im Kreis Rathenow, [Bezirk] Potsdam, hat sich die Versorgung mit gutem Mehl noch nicht gebessert, sodass die Hausfrauen stark beunruhigt sind, weil sie befürchten, dass sie zu Weihnachten keinen Kuchen backen können.
Im sowjetischen Magazin in Dresden traten Hamstereinkaufe in Mehl auf. Es wurden zehn bis 15 Pfund Mehl mit der Erklärung gekauft, vor Weihnachten würde eine Mehlknappheit eintreten.3
Importlieferungen
Trotz mehrfacher Hinweise von der Auslandsfleischbeschaustelle Dresden an den DIA Berlin laufen weitere Waggons mit Fleisch in Dresden ein, welches verderbgefährdet ist.
Am 16.11.1955 traf ein Waggon ungarisches Rindfleisch ein, das stark verschmutzt [war] und Oberflächenfäulnis aufwies. Die Untersuchung ergab, dass 1 587 kg der Beseitigungsanstalt gegeben werden mussten und 650 kg als minderwertig an die Freibank4 zum Verkauf kam.
Mitte Oktober sind ca. 60 Waggons Äpfel aus Rumänien in Krippen, [Kreis] Pirna,5 [Bezirk] Dresden, eingegangen, die von einer Laus befallen waren. Die Einfuhr wurde vom Pflanzenschutz verweigert, worauf die Waggons tagelang in Krippen standen. Nach Verhandlungen mit verschiedenen Ministerien sollen die Wagen eingeführt werden. Das rief bei vielen Kollegen Verärgerung hervor.
Warenbestände
Im VEB Bekleidungswerk Görlitz liegen ca. 1 000 Mäntel aus der Produktion 1953/54. Es handelt sich um solche Größen, die sehr wenig gekauft werden. Deshalb weigerten sich die Handelsorgane auch, diese Mäntel abzunehmen. Außerdem liegen sie preislich sehr hoch und entsprechen nicht mehr der Mode.
Kartoffelversorgung
Im Kreis Meißen, [Bezirk] Dresden, haben ca. 22 000 Einwohner ihre Einkellerungskartoffeln noch nicht. Die Bevölkerung befürchtet, dass sie vor Einbruch des Winters keine Kartoffeln mehr erhalten.