Versorgung
29. September 1955
Versorgung [V 6/55]
Die Fleischversorgung ist im Kreis Ribnitz, [Bezirk] Rostock, unter keinen Umständen sichergestellt. Das gesamte Kontingent an Importfleisch wurde schon mit den 20.9.1955 vollkommen ausgelastet. Die schlechte Versorgung ist darauf zurückzuführen, dass große Rückstände beim VEAB im Ankauf von Lebendvieh vorhanden sind.1 Die größte Schwierigkeit besteht weiterhin in der Kartoffelversorgung. Die anfallenden Mengen wurden auf die Schwerpunkte des Kreises verteilt. In den Landgemeinden konnten trotz Aufruf jedoch erst geringe Mengen angeboten werden.
In den Kreisen Gardelegen, Oschersleben und Klötze, [Bezirk] Magdeburg, ist eine Belieferung mit Frischfleisch nicht gewährleistet. Dies ist auf die mangelhafte Erfassung von Schlachtvieh zurückzuführen. Des Weiteren wurde von den Kreisen die Ausfuhrauflage nicht realisiert und die Rückstände müssen erst nachgeholt werden.
Der Kreis Klötze hat bis zum 25.9.1955 eine Auflage von 440 t Schlachtvieh, die nach Angaben des VEAB voraussichtlich nur mit 80 t realisiert wurden. Aufgrund dieser Tatsache wurde vom Rat des Bezirkes Magdeburg die kreiseigene Versorgung gesperrt, welches unter der Bevölkerung zu negativen Diskussionen führte.2
Die Großküchen im Kreis Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wurden aufgrund des Mangels an Frischfleisch mit Importfleisch (China) beliefert, welches unter den Werktätigen zu Unzufriedenheiten führt. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass das Vieh, welches verladen werden muss, doch im Kreis bleiben könnte.
Im Kreis Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, erfolgt die Fleischversorgung ausschließlich aus Import. Die Hausfrauen diskutierten, dass das Fleisch qualitätsmäßig nicht so gut ist wie Frischfleisch.
Nach wie vor bestehen im Bezirk Erfurt noch weitere Schwierigkeiten in der Versorgungslage, besonders in Fleisch und Wurstwaren, Eiern, Tee, zum Teil an billigen Zigarettensorten.
Unter der Belegschaft des VEB Rheinmetall Sömmerda wird stark diskutiert über die Fleischversorgung. Sie bringen zum Ausdruck, dass sie nicht früher der Regierung Glauben schenken können, ehe sie es auf der Hand haben.
Die Versorgung mit Fleisch und Wurstwaren ist in einigen Kreisen des Bezirkes Potsdam immer noch ungenügend und ruft unzufriedene Diskussionen unter der Bevölkerung hervor, da besonders jetzt am Monatsende viel Fleisch auf HO-Basis3 verlangt wird, da die Lebensmittelkarten größtenteils schon abverkauft sind.
Wie schon berichtet ist dieser Mangel hauptsächlich auf den ungenügenden Viehauftrieb zurückzuführen. Da jedoch jetzt eine Erhöhung der Aufkaufpreise vorgenommen wurde, ist eine Besserung bald zu erwarten.
In Schulzendorf, Kreis Königs Wusterhausen, wo es schon einige Tage überhaupt kein HO-Fleisch gibt, ist die Bevölkerung sehr verärgert und die Verkäuferin [Name] aus der Verkaufsstelle dieser Gemeinde sagte, dass sie nicht weiß, was sie den Kunden als Begründung angeben soll.
In der Verkaufsstelle dieser Gemeinde gibt es außerdem schon einige Tage keine Margarine auf Markenbasis, trotzdem diese in anderen Gemeinden und Kreisen reichlich vorhanden ist. Über diesen Missstand äußern [sich] besonders die Rentner sehr negativ, da sie sich angeblich keine HO-Margarine kaufen können, weil ihnen diese zu teuer ist.
In der Versorgungslage der Bevölkerung des Bezirkes Potsdam bestehen noch die gleichen Schwierigkeiten wie in den Vortagen. Die Kartoffelversorgung ist zufriedenstellend. Nur bei der Einkellerung betragen die zur Auslieferung kommenden Mengen nicht die eingeplante Höhe, sondern nur ca. 26 bis 30 %. Vom Rat des Bezirkes werden jedoch Maßnahmen eingeleitet, um die Einkellerungsaktion trotzdem zum festgesetzten Termin abzuschließen.
In der Konsum-Genossenschaft4 Dessau, [Bezirk] Halle, liegen zurzeit 220 t Kartoffeln, die keinen Absatz finden, weil es sich um mittelfrühe Kartoffeln handelt, die sich zur Wintereinkellerung nicht eignen.5
Aus dem Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, wird berichtet, dass die Kartoffelversorgung immer noch nicht zur Zufriedenheit der Bevölkerung geregelt ist. So ist immer noch eine Schlangenbildung von Käufern vor den Verkaufsstellen, wo Kartoffeln verkauft werden, zu beachten.
Häufige Diskussionen werden im Handelsbereich der HO-Wismut6 in Johanngeorgenstadt über die Kartoffelversorgung, Obstpreise und einer schlechten Qualität der Räucherwaren (Fisch) sowie über die Ausgabe von Speck statt Butter in den Wismutküchen geführt. Der Preis der Weintrauben in Höhe von DM 3,20 je kg wird als höher wie in den Vorjahren betrachtet.
Im Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wird ein Mangel in der Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und im Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Mangel in der Bereitstellung mit Margarine berichtet.
Im Kreisgebiet Seelow besteht ebenfalls eine große Nachfrage nach Heringen, Käse und Süßwaren.
In Stavenhagen, Kreis Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, ist ein Engpass in den letzten Tagen besonders an Margarine, Schmalz, Butter und Weizenmehl. Diese Lebensmittel waren auf HO- und Markenbasis nicht zu haben. Eine Überprüfung ergab, dass bei der DHZ7 die angeführten Lebensmittel im genügenden Maße vorhanden waren, aber die DHZ die Anweisung hatte, diese Lebensmittel erst für die Dekade vom 26.9.1955 an die Verkaufsstellen zu liefern.
Im Kreis Bautzen, [Bezirk] Dresden, ist die Belieferung an Fleisch und Wurstwaren sowie Gurken und Zwiebeln sehr mangelhaft.
Die DHZ-Kohle Görlitz, [Bezirk] Dresden, teilt mit, dass die Versorgung der örtlichen Industrie mit Kohle stark gefährdet ist, da die von der DHZ Dresden versprochenen 100 t täglich bis jetzt noch nicht geliefert wurden.
Die Bäckerei der KG Görlitz muss bereits laufend vom Kohlenplatz des zivilen Sektors Kohlen nehmen, damit die Versorgung der Bevölkerung mit Brot gewährleistet ist. Wenn nicht umgehend die versprochenen Kohlen eintreffen, besteht die Gefahr, dass die Bäckereien kein Brot mehr backen können.
Unter der Bevölkerung von Meißen, [Bezirk] Dresden, wird Klage geführt, dass die Kohlenbelieferung durch die KG sehr schleppend vor sich geht. Viele Haushalte bringen zum Ausdruck, dass sie im nächsten Jahr ihre Kohlen beim Privathändler bestellen wollen.
Vom Kreis-Konsum Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde Folgendes bekannt: Der Konsum Industriewaren verfügt über keine Glühbirnen. Es wurde mit dem Handelskontor (für Technik) in Berlin Rücksprache genommen, von wo der Bescheid kam, dass vom Ministerrat eine Anweisung herausgekommen ist, dass zwei Drittel des Kontingents für die Bevölkerung für die Industrie abzuziehen ist. Der Disponent vom Kreis-Konsum Fürstenwalde stellte aber fest, dass im Auslieferungslager Fürstenberg noch 900 Stück Glühbirnen lagern, welche angeblich wergen Arbeitskräftemangel nicht ausgeliefert werden können.
Im Kreis Pirna, [Bezirk] Dresden, fehlen Glühlampen in sämtlichen Wattstärken zu 220 Volt.
Unter den Konsum-Mitgliedern in Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, herrscht eine schlechte Stimmung, weil man bereits seit dem Jahre 1952 nur 2 % Rückvergütung an die Verbraucher auszahlt, wogegen in anderen Kreisen 3 % ausgezahlt werden.8
Aus dem Kreis Ribnitz, [Bezirk] Rostock, wurde berichtet, dass sich beim GHK in Barth Überplanbestände von 31 t Butter auf Markenbasis befinden. Auch an Schmalz sind 24 t Überplanbestände vorhanden. Der Rat des Bezirkes, Abteilung Handel und Versorgung hat hiervon Kenntnis.
Aus Rostock kommend ist am 26.9.1955 ein Lkw mit Anhänger Fische in Dessau, [Bezirk] Halle, eingetroffen, wo festgestellt wurde, dass die gesamte Ladung schlecht ist.
Inoffiziell wurde mitgeteilt, dass im Stadtkrankenhaus in Ilfeld,9 [Kreis] Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, ein starker Mangel an Bohnenkaffee, welcher dort als Medizin für bestimmte Erkrankungen benötigt wird, vorhanden ist.
Aus der gleichen Quelle wurde mitgeteilt, dass die Bevölkerung von Ilfeld über die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln ziemlich verärgert ist. Es fehlt immer wieder an Fleisch- und Wurstwaren.
Im VEB Ölwerk Riesa, [Bezirk] Dresden, gibt es unter den Arbeitern heftige Diskussionen, da es keine Margarine zu kaufen gibt. Wenn Rohstoffschwierigkeiten bestehen würden, wäre es den Arbeitern einigermaßen verständlich, aber so wird in dem Ölwerk die Produktion gedrosselt, weil die Margarinefabrik nicht mehr abnimmt. Wie wir aus dem Ölwerk erfahren, könnte ohne Weiteres mehr Margarine hergestellt werden, es fehlt aber im Werk Karl-Marx-Stadt10 eine Erweiterung der Kühlanlage, um drei-schichtig arbeiten zu können.
Die Schwierigkeiten in der Fleischversorgung sind zurzeit noch nicht behoben. In Ruhland, Kreis Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, war z. B. zu verzeichnen, dass am 24.9.1955 die Fleischgeschäfte geschlossen werden mussten, weil keine Fleischwaren HO und Markenbasis eingetroffen waren.
Ein weiterer Schwerpunkt ergibt sich in der Belieferung mit HO-Butter. Als Beispiel kann angeführt werden, dass am 26.9.1955 in Senftenberg in der HO-Verkaufsstelle Butter angeliefert wurde, aber die Bevölkerung schon seit den frühen Morgenstunden dort stand, um bei Beginn des Verkaufes dort zu sein. Nach Eingang der Waren stürmten sie die Verkaufsstelle und zerdrückten dabei die Glasaufsätze in der Verkaufsstelle. Die Kolleginnen sahen sich gezwungen die VP zu verständigen, damit Ruhe und ein reibungsloser Verkauf gewährleistet wird. Die VP lehnte es aber ab, mit dem Bemerken, es wäre in der jetzigen Situation nicht angebracht die Butter unter Polizeiaufsicht zu verkaufen.
Im Kreis Bad-Salzungen, [Bezirk] Suhl, bestehen Schwierigkeiten in der Fleischversorgung auf HO-Basis. Die Agenturpartner können nicht mehr beliefert werden. Besonders deshalb, weil augenblicklich in vielen Gemeinden dieses Kreises die Kirmesfeiern durchgeführt werden, herrscht darüber eine schlechte Stimmung unter der Bevölkerung.
Weiter wird aus diesem Kreis berichtet, dass dort Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung bestehen. So fehlen z. B. von Tangerhütte ca. 50 t und von Oschersleben ca. 30 t Kartoffeln (Bezirk Magdeburg).
Im Bezirk Frankfurt/Oder treten zurzeit Schwierigkeiten in der Belieferung mit Kartoffeln für die einzelnen Haushalte auf. Die Ursachen bestehen hauptsächlich im Mangel an Arbeitskräften.
Im Bezirk Gera fehlt es allgemein an Eiern und örtlich an HO-Butter und Margarine sowie an Süßwaren und Nährmittel. Auch werden nicht genügend Zwiebeln angeboten.
Ein weiterer Engpass im Bezirk Karl-Marx-Stadt ist zurzeit die HO-Butter, Eier und wie schon mehrmals berichtet die Glühbirnen. Diese Mängel führen unter den Leuten oft noch zu negativen Diskussionen.
Bei Schlangenbildungen an Lebensmittelgeschäften kann man immer wieder Folgendes zu hören bekommen, und zwar im Bezirk Erfurt:
»Hoffentlich bricht dieser Laden bald zusammen. Hoffentlich siegt Adenauer.11 Warum kapseln die da oben sich ab. Bei denen ist es so, dass bei ihnen in erster Linie das Geld stimmt. Alles andere vergessen sie. Sie fahren mit großen Wagen, haben Sitzungen und draußen gibt es nichts zu kaufen.«
Ähnliche Äußerungen hört man auch von Kurgästen, die dort zur Erholung sind.
Der Leiter der Konsum-Gaststätte in Klein Paschleben, Kreis Köthen, [Bezirk] Halle, ein aus Westdeutschland Zugewanderter sagte:
»Wir sprechen immer von Errungenschaften in der DDR. Aber der Arbeiter lebt in Westdeutschland besser. Wenn wir den Westen aufholen wollen, dann müsste dort drüben zehn Jahre lang alles stillgelegt werden. Drüben im Westen fährt fast jeder Motorrad, und hier kann sich keiner was leisten. Hier sagt man immer Krupp12 rüstet auf, der stellt aber nur Massenbedarfsgüter her. Hier bekommen die Funktionäre große Gehälter und vertreten nicht die Interessen der Arbeiter.«