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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

30. September 1955
Informationsdienst Nr. 2488 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Mittelpunkt der politischen Gespräche steht in dieser Berichtsperiode die Volkskammertagung vom 26.9.19551 und die Moskauer Verhandlungen,2 wobei man vorwiegend über den Staatsvertrag3 spricht.

Bei den Gesprächen zur Volkskammersitzung ist festzustellen, dass man weniger über die Regierungserklärung des Gen. Otto Grotewohl4 spricht,5 sondern in der Hauptsache über die Verfassungsänderung.6 In den politischen Gesprächen, die in der Minderheit sind, wird von fortschrittlichen Arbeitern und Angestellten zum Ausdruck gebracht, dass man die Maßnahmen zur Verteidigung unserer Heimat begrüßt und alles getan werden muss, um den Schutz unserer Republik und unserer VEB zu organisieren. Von etwas älteren Arbeitern wird verschiedentlich geäußert, dass es den Jugendlichen nicht schaden würde, wenn sie eine bestimmte Erziehung erhalten würden.

In der Filmfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle, äußerte z. B. ein Arbeiter: »Ich begrüße die Ausführungen des Stellvertretenden Ministerpräsidenten Stoph,7 welcher zum Ausdruck brachte, dass die Maßnahmen der Regierung eine erzieherische Wirkung auf unsere Jugend ausüben wird.8 Auch brauchen wir einen starken Schutz, damit unsere Bevölkerung die Gewissheit hat, dass sie in Ruhe und Frieden ihrer Arbeit nachgehen kann.«

Ein Chemiker aus den Glashütter-Uhrenbetrieben Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, sagte: »Ich kann dem Volkskammerbeschluss nur zustimmen, denn auch wir müssen uns gegen unsere Feinde schützen und dazu ist nun mal eine Streitmacht nötig.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Leipziger Eisen- und Stahlwerken äußerte, dass es den jungen Menschen nicht schaden würde, wenn sie eine bestimmte Erziehung erhalten würden im Sinne unseres Arbeiter-und-Bauern-Staates.

Ähnliche Diskussionen werden auch im VEB Baumwollspinnerei Riesa, [Bezirk] Dresden, geführt.

Bei den Gesprächen zur Verfassungsänderung werden häufig negative Diskussionen geführt, die zum Teil erkennen lassen, dass es diesbezüglich noch große Unklarheiten gibt. auch wird häufig angenommen, dass durch die Verfassungsänderung bei uns in der DDR die Wehrpflicht eingeführt wird. Dazu wird geäußert: »Einerseits schimpft man auf Westdeutschland und dann macht man in der DDR das Gleiche. Auch sei man mit der Wehrpflicht nicht einverstanden und es sollen die hingehen, die dieses beschlossen hätten.«

Oft wird bei diesen Diskussionen, meist von älteren Arbeitern, zum Ausdruck gebracht, dass dadurch viele Jugendliche nach dem Westen gehen werden. Verschiedentlich äußern sich auch die Jugendlichen in dieser Form. Vereinzelt vertreten die Jugendlichen auch die Meinung, dass sie dann lieber in die westdeutsche Armee gehen würden.

Im Zusammenhang mit der Verfassungsänderung fragen negative Elemente, was sie verteidigen sollen, da doch der Lebensstandard so schlecht wäre.

Bei derartigen Diskussionen vertritt man auch die Meinung, dass die Besoldung der KVP zu hoch sei und man diese reduzieren müsse, da der jetzige Zustand auf die Dauer für unsere Wirtschaft untragbar sei.

Im Ideal-Werk Karl-Marx-Stadt9 sind die Jugendlichen des Jahrganges 1935 stark beunruhigt. Einige Jugendliche äußerten sich, falls die Wehrpflicht eingeführt würde, würden sie nach Westdeutschland gehen.

Im Elektro-Motoren-Werk Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, brachten einige Arbeiter zum Ausdruck, dass eine Massenflucht von Menschen, besonders unter den Jugendlichen, nach Westdeutschland eintreten würde, wenn die Dienstpflicht eingeführt wird.

Ähnliche Diskussionen tauchen in der Baumwollspinnerei und Weberei Adorf, Kreis Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in der Lederfabrik Pößneck, [Bezirk] Gera, im VEB Förderanlagenbau Leipzig, VEB (K) Elektrowerkstätten Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, VEB Funkwerk Köpenick Berlin und im VEB Zeiss Jena, [Bezirk] Gera, auf.

Ein Jugendlicher vom RAW Jena, [Bezirk] Gera, äußerte: »An meiner Person bekommen sie sowieso keinen guten Soldaten. Was sollen wir auch verteidigen, bei uns gibt es doch nur wenig Butter und Fleisch.«

Im VEB Kühlautomat Berlin z. B. wird von einigen Arbeitern die Meinung vertreten, dass die Gehälter der KVP-Angehörigen nicht gerechtfertigt sind und der jetzige Zustand auf die Dauer für unsere Wirtschaft untragbar ist.

Bei den Diskussionen zur Vertragsänderung werden immer wieder Äußerungen bekannt, die erkennen lassen, dass ein Teil unserer Werktätigen noch eine pazifistische Einstellung hat, wobei solche Meinungen vertreten werden, dass man die Gestellungsbefehle zerreißen will und man nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen wird.

So äußerte z. B. ein Brigadier von der VEB Metallfabrik Bernsbach, [Kreis] Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich nehme keine Knarre mehr in die Hand. Als ich in Russland in Gefangenschaft war, sagten uns die sowjetischen Offiziere: ›Schaut euch die Räume an, wenn ihr wieder eine Waffe in die Hand nehmt, hängen wir euch dort auf.‹«

Ein Schmelzer aus dem VEB Metallgusswerk Leipzig, Werk I äußerte: »Um keinen Preis nehme ich wieder eine Waffe in die Hand. Erst hieß es immer, wir sollen nie wieder eine Waffe nehmen und nun ist es auf einmal anders.«

Bei den Diskussionen über die Moskauer-Verhandlungen zwischen der UdSSR und DDR wird vorwiegend über den Staatsvertrag gesprochen, wobei die Diskussionen noch immer geringen Umfang haben, obwohl in vielen Betrieben Kurzversammlungen durchgeführt wurden. Jedoch muss man feststellen, dass die individuelle Aufklärungsarbeit in den Betrieben noch ungenügend ist. Dies ist z. B. im Gaswerk Berlin10 Dimitroffstraße11 der Fall, wo die verantwortlichen Funktionäre erklärten, dass sie keine Zeit hätten und zum anderen die Kollegen sowieso nichts sagen würden.

Hauptsächlich äußern sich fortschrittliche Arbeiter und Angestellte und nur vereinzelt Intelligenzler. Die Diskussionen haben weiterhin in der Mehrzahl positiven Charakter.

Vorwiegend wird über die Artikel 1,12 213 und 514 gesprochen, wobei immer wieder begrüßt wird, dass nun die DDR die volle Souveränität besitzt und in allen Fragen der Innen- und Außenpolitik frei entscheiden kann. Auch wird oft genug geäußert, dass der Vertrag ein weiterer Beitrag zur Erhaltung des Friedens und zur Herstellung der Einheit Deutschlands ist.

Teilweise wird auch positiv zum Verbleib der sowjetischen Truppen15 diskutiert und gesagt, dass es richtig ist, wenn die sowjetischen Truppen solange in der DDR verbleiben, bis die Truppen in West-Deutschland abziehen, wobei man auch vereinzelt Vergleiche mit Korea16 zieht.

Über die Entwicklung und Festigung der wissenschaftlich-technischen und kulturellen Beziehungen wird kaum diskutiert.

Als Zeichen der Zustimmung zum Staatsvertrag werden vereinzelt auch von den Werktätigen Verpflichtungen übernommen.

Im Gummiwerk »Elbe« in Piesteritz, [Kreis] Wittenberg, [Bezirk] Halle, hat sich z. B. das technische Kollektiv der Schuhfabrik anlässlich des Abschlusses des Staatsvertrages verpflichtet 150 000 DM jährlich einzusparen. Diese Einsparung will man durch technische Verbesserung und Schaffung von Stanzplänen erzielen.

Die Jugendbrigade »Philipp Müller« in den Rathenower Optischen Werken Potsdam verpflichtete sich, eine Sonderschicht zu fahren. Zwei andere Abteilungen haben sich dieser Verpflichtung angeschlossen.

Öfters tauchen gerade zu den Problemen des Staatsvertrages Unklarheiten auf, die nicht zuletzt auf die mangelhafte Aufklärung zurückzuführen sind. Am häufigsten treten diese in der Frage der Souveränität auf, wo man annimmt, dadurch würde die Einheit Deutschlands verzögert. Verschiedentlich wird auch die Meinung vertreten, wenn wir nun selbstständig sind, kann doch die SU die Truppen abziehen, die Westmächte werden dann dasselbe tun.

Vereinzelt tritt auch die Frage auf, ob nun aufgrund der Existenz zweier deutscher Staaten die jetzige Demarkationslinie17 die Staatsgrenze sei.

Zum Beispiel wird im Eisenwerk Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, die Meinung vertreten, wenn die SU mit beiden Teilen Deutschlands diplomatische Beziehungen unterhält und beide Staaten souverän sind, wird dadurch die Einheit Deutschlands auf lange Zeit hinausgeschoben, wenn nicht ganz und gar verhindert.

Ein Angestellter vom VEB Westglas Ilmenau, [Bezirk] Suhl: »Der Staatsvertrag ist wohl abgeschlossen und gibt uns auch die Souveränität, doch führt dieser Weg ab von der Herstellung der Einheit Deutschlands, denn durch diese Maßnahme werden die Grenzen noch erhärtet.«

In den Bezirken Potsdam, Magdeburg, Gera, Dresden, Leipzig und Suhl tritt in einigen Betrieben durch die Unzufriedenheit über die Versorgungslage und betriebliche Schwierigkeiten eine Interessenlosigkeit gegenüber politischen Fragen in Erscheinung. So kommt es vor, wenn Kollegen angesprochen werden, dass sie äußern, »gebt uns mehr zu essen, dann werden wir uns auch für Politik interessieren«. Diese Meinung wird in den Bekleidungswerkstätten Zehdenik, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, vertreten. Ähnlich diskutiert man auch im VEB Walzwerk Burg, [Bezirk] Magdeburg.

Oft wird bei diesen Diskussionen der Westen verherrlicht.

So wird z. B. vom VEB Kunstfaserwerk »W. Pieck« Rudolstadt, [Bezirk] Gera, bekannt, dass zwei Drittel der Wirtschaftsfunktionäre den Westen verherrlichen und Westpropaganda betreiben. Besonders stark tritt dies in der Abteilung Kraftanlage in Erscheinung. Genossen unserer Partei beteiligen sich ebenfalls in diesem Betrieb an solchen Diskussionen.

Bei diesen Äußerungen über die Versorgungslage sagt man auch, dass sich der Lebensstandard in der letzten Zeit verschlechtert hat, was mit den Versprechungen, die die Regierung zu Beginn des Fünfjahrplanes gemacht hat, nicht in Einklang zu bringen sei.

Verschiedentlich wird auch zum Ausdruck gebracht, dass nach den durchgeführten Preissenkungen die Preise wieder ansteigen würden.18 Derartige Diskussionen werden uns vom VEB Werkzeugmaschinenwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera, vom RAW Schlauroth, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, und vom Braunkohlenwerk Zipsendorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, bekannt.

Über betriebliche Mängel und Schwierigkeiten wurde uns in dieser Berichtsperiode Folgendes bekannt:

Im Wismut-Schacht19 356 in Gera wird seit Monaten der Erzplan nicht erfüllt. Trotz Umbesetzung innerhalb des Ingenieur-Technischen-Personals herrschen dort noch große Mängel in der Förderung und im Einsatz mit Maschinen. So kommt es vor, dass Brigaden bis zu vier Stunden in der Schicht keine Massen fördern können, weil keine Hunte20 vorhanden sind.

Eine andere Brigade benötigt seit acht Tagen einen Schrapper.21 Dieser steht über Tage und wurde bis 24.9.1955 noch nicht eingesetzt. Diese Zustände wirken sich negativ auf die Arbeitsmoral der Brigaden aus.

Im VEB Stahlwerk Silbitz, [Bezirk] Gera, besteht Auftragsmangel, was zur Verärgerung innerhalb der Belegschaft führt, weil sich dies auf den Verdienst auswirkt.

Ein parteiloser Brigadier äußerte dazu: »Ich bin zweifacher Aktivist22 und unsere Brigade leistet gute Arbeit. aber seit drei Monaten sind die Kollegen in der Dreherei sehr verärgert, weil jeder ohne sein Verschulden monatlich 100 bis 150 DM weniger in seiner Lohntüte findet. Wir als Brigade haben uns das Ziel gesetzt, unseren Produktionsplan monatlich überzuerfüllen, denn davon hängt ja unser Lebensstandard ab. Aber zu einer derartigen Planung von oben kann man schon kein Vertrauen mehr haben.«

Materialmangel wurde aus folgenden Betrieben bekannt:

  • Montagewerk Halle (200 t nahtlose Siederohre 159 mm, außerdem einhalb und dreiviertel zöllige Gasrohre, Porzellanrohre und Formstücke),

  • Teerwerk Erkner, [Bezirk] Frankfurt/Oder (Rohteer),

  • Im Wismut-Schacht 31 – Johanngeorgenstadt [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Bohrstangen),

  • VEB IFA Kraftfahrzeugwerk Phänomen Zittau [Bezirk] Dresden (Tiefziehblech),

  • VEB Textilkombinat Spremberg [Bezirk] Cottbus (Streichgarnzellwolle),

  • Waggonbau Dessau [Bezirk] Halle (Bremsdreiecke, Handbremszugstangen, Bremswellenlager und Bremshebelverbinder).

Materialhortung

Im VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden, befinden sich seit 1952/53 größere Mengen Rohmaterialien, u. a. 20 t Kupfer, 21 t Schmiedestücke und 168 t Gießereizeugnisse ungenutzt. Diese Materialien stammen aus annullierten Aufträgen und sind Eigentum des VEB EAW J. W. Stalin Berlin-Treptow.

Vom SWN sind alle Versuche unternommen worden dieses Material der Volkswirtschaft zuzuführen, jedoch bis zum heutigen Tag hat sich der VEB EAW noch nicht gerührt.

Produktionsstörungen

In dieser Berichtszeit kam es in den Braunkohlenbetrieben der Kreise Borna, Altenburg, [Bezirk] Leipzig, zu Produktionsstörungen mit einem Produktionsausfall von insgesamt 24 723 cbm Abraum, 800 t Rohkohle.

Am 27.9.1955 ereignete sich im Wismut-Schacht 352 Gera ein Förderausfall von sieben Stunden wegen Heißlaufens eines Lagers in der Fördermaschine.

Im Kaliwerk Roßleben, Kreis Artern, [Bezirk] Halle, wurde der Kessel III zur Reinigung außer Betrieb genommen. Da der Kessel IV ebenfalls in Reparatur ist und die restlichen Kessel die erforderliche Menge Dampf nicht erzeugen können, musste die Förderung eingestellt werden. Förderausfall ca. 1 260 t Rohsalz – ca. 12 700 DM.

Im Kraftwerk »Erich Weinert« Kreis Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, musste der Kessel III wegen Rohrreißer außer Betrieb genommen werden. Der Produktionsausfall beträgt ca. 900 000 Kilowatt.

Am 27.9.1955, gegen 4.35 Uhr, explodierte der Versuchskessel DSU 1-g mit 1,3 t Stundenleistung im Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg-Salbke.23

Feindtätigkeit

Im RAW Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, und im RAW Magdeburg-Salbke wurden folgende Hetzlosungen angeschmiert:

  • »Nieder mit der DDR« und

  • »Warten bis ’s Reich bricht«.

Am 28.9.1955, 2.30 Uhr, wurde im Schacht 6 in Oberschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Brand entdeckt und gelöscht. Ursache: Brandstiftung.

Versorgung der Bevölkerung

Bei der Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln für den laufenden Bezug und für die Einkellerung zeigt sich, dass in einigen Fällen durch organisatorische Mängel oder andere Gründe eine reibungslose Belieferung nicht erfolgt.

So bestehen z. B. große Schwierigkeiten in der Belieferung der Bevölkerung mit Kartoffeln für September im Kreis Torgau, [Bezirk] Leipzig. Es fehlen ca. 300 t. Der Kreis Torgau muss täglich 400 t für die Versorgung der Stadt Leipzig liefern, sodass die gerodeten Mengen nicht ausreichen.

Bei Belieferung der Verkaufsstellen mit Kartoffeln bilden sich wieder Käuferschlangen, wobei zum Ausdruck gebracht wird, dass man nicht mehr an der Rodung teilnehmen will.

Im Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, fehlen zurzeit ca. 3 000 t Kartoffeln, die durch Eigenaufkommen nicht gedeckt werden können.

Ebenso ist im Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, die Kartoffelversorgung immer noch nicht zufriedenstellend. Da stehen immer noch vor den Verkaufsstellen, wo Kartoffeln ausgeliefert werden, Schlangen.

Im Bezirk Potsdam entsprechen die zur Auslieferung kommenden Mengen der Einkellerungskartoffeln nicht der eingeplanten Höhe, sondern nur ca. 26 bis 30 %.

Schwerpunkt bildet weiterhin die Fleisch- und Fleischwarenversorgung, vor allem auf HO-Basis,24 verschiedentlich aber auch auf Markenbasis. Durch den schlechten Auftrieb bzw. deswegen, dass viele Bezirke zunächst die erfassten Viehbestände in andere Bezirke ausliefern müssen, treten in den Bezirken besonders Potsdam, Frankfurt/Oder, Suhl, Cottbus, Rostock, Magdeburg und Erfurt Schwierigkeiten auf. Besonders stark ist die Nachfrage nach HO-Fleisch- und Fleischwaren jetzt zum Ende des Monats, da die Bevölkerung auf HO-Waren angewiesen ist, weil die Marken aufgekauft sind.

So kann z. B. in Bitterfeld der Bedarf an HO-Waren nur zu 60 % gedeckt werden. Ähnlich ist es in Artern, [Bezirk] Halle.

Im Kaliwerk Roßleben, [Bezirk] Halle, hat die Verkaufsstelle der HO schon seit drei Tagen keine Fleisch- und Wurstwaren.

Im Kreis Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, ist die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch auf Markenbasis und HO nicht mehr gesichert. Dem Kreis steht für das IV. Quartal noch eine Importlieferung von 20 t zur Verfügung. Die weitere Menge muss aus Notschlachtungen genommen werden.

Die Qualität der Fleisch- und Wurstwaren ist demzufolge nicht gut und bringt Unzufriedenheit unter die Bevölkerung.

Demgegenüber zeigt sich, dass es trotz des Mangels gerade an diesen Waren immer wieder Fälle gibt, wo Waren dem Verderb ausgesetzt sind.

Zum Beispiel ist in Görlitz, [Bezirk] Dresden, ein Bestand an mehreren Tausend Büchsen Fleisch vorhanden, die bis Ende September verbraucht werden müssen. Das Büchsenfleisch wird aber von der Bevölkerung nicht gekauft, da es im Preis zu hoch ist.

Die Abteilung Handel und Versorgung ist nun »gezwungen«, den Termin des Verbrauchs verlängern zu lassen, wobei aber die Gefahr besteht, dass das Fleisch durch zu langes Lagern verdirbt.

In den Fleisch-Verkaufsstellen und Produktionsbetrieben des Kreises Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, sind des Öfteren Fleisch- und Wurstwaren dem Verderb ausgesetzt, weil die Kühlanlagen nicht in Betrieb genommen werden können, da die erforderliche Kühlmasse nicht vorhanden ist.

Der im letzten Bericht erwähnte Mangel an HO-Butter, Margarine, billigen Zigaretten, Tee und anderen Lebensmitteln25 hält noch an und wird in dieser Berichtsperiode besonders aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Gera, Rostock, Frankfurt/Oder, Neubrandenburg, Erfurt und Cottbus gemeldet.

Unzufriedenheit

Die Bevölkerung ist besonders über die schlechte Belieferung mit Fleisch verärgert und bringt das in ihren Diskussionen auch zum Ausdruck.

So wird z. B. in der Abteilung Werkzeugbau im VEB Optima Erfurt26 unter den Kollegen stark über die Fleischversorgung gesprochen. Die Kollegen bringen offen zum Ausdruck, dass sie jetzt nichts mehr glauben, nur das, was man ihnen in die Hand gibt und was sie sehen können.

Die Stimmung zur Versorgung hat sich nicht wesentlich verändert. Durch den Mangel an den verschiedenen Lebens- und Genussmitteln werden immer wieder negative Diskussionen hervorgerufen, die aber inhaltlich nicht wesentlich anders sind wie schon des Öfteren berichtet.

Im Wesentlichen lauten weiterhin die Hauptargumente »Wo bleibt der im Jahre 1955 versprochene Lebensstandard,27 zehn Jahre nach Kriegsende müsste die Lage anders aussehen« und »Der Lebensstandard im Westen ist besser als bei uns«.

So sagte z. B. eine Arbeiterin aus Lichtenstein, [Kreis] Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Das Gewurschtel mit dem Lebensstandard in der DDR dauert mir zu lange. Ich will regelmäßig meine Butter essen. Wenn das nicht bald anders wird, sehe ich mich im Westen nach einem anderen Arbeitsplatz um.«

Besonders in Stalinstadt28 herrscht große Unzufriedenheit über die Versorgungslage.

In einer Versammlung der CDU in Radibor, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, sagte ein Mitglied, welches am Bahnhof beschäftigt ist, die Russen sind von Österreich alle hierher gezogen und es sei daher nicht verwunderlich, wenn bei uns die Lebensmittel knapp werden, wie z. B. Margarine und Fleisch. Er hätte dies selbst von sowjetischen Soldaten gehört.29

Verderb

Am 24.9.1955 erhielt die Ogema-Konservenfabrik in Seehausen,30 [Bezirk] Magdeburg, ein Waggon völlig verfaulter Gurken aus dem Bezirk Frankfurt/Oder. Unter den Arbeitern des VEAB Seehausen wird die Meinung vertreten, dass so etwas nicht passieren dürfte. Man sollte lieber besser planen und die Gurken, die von Seehausen nach Karl-Marx-Stadt geliefert werden müssen, in Seehausen lassen und die von Frankfurt/Oder nach Karl-Marx-Stadt schicken, da der Weg nach dort nicht so weit wäre.

Durch die Übernahme des Lebensmittellagers der HO-Wismut Aue an das Großhandelskontor31 haben fast alle dort beschäftigten Transportarbeiter gekündigt. Der Grund hier ist, dass sie im Großhandelskontor ca. 100 DM weniger verdienen und mit diesem Verdienst nicht ihre Familie ernähren könnten.

Unter den Transportarbeitern wurde davon gesprochen, dass ja niemand mit Sammellisten für die Streikenden in Westdeutschland32 kommen soll.

Am 26.9.1955 wurde im Männerklosett der Großmarkthalle Leipzig mit Bleistift ein Hakenkreuz und folgende Hetzparole angeschmiert: »Das war eine schöne Zeit.«

Zur Lage in der Landwirtschaft

Über die Regierungserklärung, die aufgrund des Abschlusses des Staatsvertrages zwischen der UdSSR und der DDR abgegeben wurde, werden unter der Landbevölkerung, wie zu allen anderen politischen Problemen, nur verhältnismäßig wenig Diskussionen geführt. Es wird augenblicklich noch über den Abschluss des Staatsvertrages der UdSSR mit der DDR gesprochen.

Zur Regierungserklärung wird vor allem über das Gesetz zur Ergänzung der Verfassung gesprochen, wobei besonders im sozialistischen Sektor erklärt wird, dass es richtig ist, bei uns nationale Streitkräfte aufzubauen, da wir durch den Staatsvertrag die Verantwortung übernommen haben, unsere Grenze und die DDR selbst zu schützen. Es wird dabei auch erkannt, dass damit gleichzeitig die DDR nie wieder vom Imperialismus beherrscht werden kann.

So sagte z. B. ein Traktorist vom VEG Panitz, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Ich begrüße das Gesetz zur Ergänzung der Verfassung, insbesondere die Artikel33 534 und 112,35 weil dadurch die Gewähr gegeben wird, dass unsere Heimat nie wieder vom Imperialismus unterjocht wird.«

Der Oberbuchhalter der MTS Burkartshain, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Ich bin mit der Ergänzung der Verfassung einverstanden, denn es ist unbedingt notwendig, dass wir nationale Streitkräfte aufbauen, damit unsere Republik geschützt werden kann.«

Ein Traktorist, parteilos, von der MTS Öttersdorf, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera: »Wenn wir jetzt ein souveräner Staat sind und unsere Geschicke selbst in die Hände nehmen, werden sich einige vom Staatsapparat zu keinem Befehlshaber [sic!] entwickeln. Und wenn wir jetzt die Grenzen selbst besetzen müssen36 und die Sowjettruppen nur zum Schutz unserer Heimat hierbleiben, so macht es sich doch erforderlich, dass wir in der DDR die Wehrpflicht einführen müssen.«

Ein Mitglied der DBD in der Gemeinde Muschwitz, Kreis Hohenmölsen, [Bezirk] Halle: »Ich begrüße die Erklärung in der Volkskammer in all ihren Punkten. Vor allem aber die Abänderung unserer Verfassung. Diese Erklärung hat uns das gebracht, was die politische Lage erfordert.«

Es zeigt sich aber auch, dass mit dem Staatsvertrag und der damit verbundenen Regierungserklärung die Diskussionen über die Aufstellung nationaler Streitkräfte und die Einführung der Wehrpflicht beginnen. Dabei wird besonders unter den Jugendlichen diese Frage behandelt und Stimmen laut, dass man mit einem Wehrgesetz nicht einverstanden ist und dort auch nicht eintreten bzw. erst dann gehen will, wenn man dazu gezwungen würde.

Es gibt auch Beispiele, wo Jugendliche erklären, nie eine Waffe in die Hand zu nehmen, da außerdem zuerst immer die Jugend aufgefordert wurde, gegen die Einführung des Wehrgesetzes in Westdeutschland37 zu kämpfen und überhaupt die Jugend dafür eintreten soll, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen.

Vereinzelt werden auch Stimmen laut, wenn jetzt auf jeden einzelnen ein Druck ausgeübt würde, zu den Nationalen Streitkräften zu gehen, »das Weite zu suchen« und in Westdeutschland neue Arbeit aufzunehmen.

Ein Traktorist der MTS Burkartshain, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, erklärte: »Ich nehme kein Gewehr mehr in die Hand und wenn mir eine in die Hand gedrückt wird, dann knalle ich es an den nächsten Baum, dass es in tausend Stücke fällt.«

Ein Agronom von der MTS Milow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, arbeitete nach Bekanntwerden des Gesetzes unlustig. Als er nach dem Grund seiner Unzufriedenheit gefragt wurde, erklärte er, dass er jetzt ja doch ein Gewehr in die Hand nehmen muss, was vorher nicht seine Absicht war.

Ein Traktorist von der MTS Hobeck, [Kreis] Loburg, [Bezirk] Magdeburg: »Wenn die allgemeine Wehrpflicht bei uns eingeführt wird, suche ich das Weite.«

Weiter brachte er zum Ausdruck, dass dann noch mehr Jugendliche nach Westdeutschland gehen werden. Diese Äußerung begründet er damit, dass man 1947 gesagt hätte, dass wir kein Gewehr wieder anfassen und danach werde er sich richten.

Ein Traktorist, SED, von der MTS Oschatz, [Bezirk] Leipzig: »Dieses Gesetz ist wie Gummi. Das zieht man rüber und rüber und in der Mitte steckt das Wehrgesetz.«

Ein Genossenschaftsbauer aus Poppitz, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig: »Es wird nun nicht mehr lange dauern und bei uns werden die Jugendlichen eingezogen. Das Beste ist, wir hauen jetzt schon nach dem Westen ab.«

Es gibt noch immer eine ganze Reihe Beispiele, wo sich Bauern, vor allem Großbauern38 weigern, ihr Soll vorfristig zu erfüllen.

Ihre Argumente sind vor allem die, bis zum 31.12.[1955] mit der Ablieferung Zeit zu haben.

Vereinzelt vertreten die Bauern aber auch die Ansicht, da sie im vergangenen Jahr ihr Soll nicht erfüllten, ist dieses gestrichen worden. Sie hoffen, dass sie es dann in diesem Jahr genauso gestrichen bekommen.

So vertraten z. B. einige werktätige Bauern aus der Gemeinde Möller, Kreis Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, die Meinung, dass sie im vorigen Jahr ihr Soll nicht erfüllen und ihnen das gestrichen wurden. So würde es auch in diesem Jahr sein.

Im Kreis Kalbe/Milde, [Bezirk] Magdeburg, ist die Sollerfüllung der großbäuerlichen Betriebe nicht gewährleistet, da diese oft sehr hohe Rückstände aus den Vorjahren haben, die sie nicht begleichen können.

Verschiedene Groß- und Mittelbauern aus der Gemeinde Eichenfelde, Kreis Wittstock, [Bezirk] Potsdam, sind unzufrieden, da sie noch Sollrückstände aus dem Vorjahr haben. Sie erklären, sich nach dem Westen abzusetzen, wenn ihnen nicht geholfen wird. Verschiedene dieser Bauern haben ihr Soll für 1955 zum größten Teil erfüllt.

Derartige Unzufriedenheiten traten auch im Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, auf.

Einige Bauern bringen ganz offen zum Ausdruck, dass sie gar nicht daran denken, ihr Getreide abzuliefern.

Zum Beispiel sagte ein Großbauer aus Wiehe, Kreis Artern, [Bezirk] Halle: »Ich denke gar nicht daran, meinen Ablieferungsverpflichtungen gegenüber dem Staat nachzukommen.«

Ein Einzelbauer aus St. Gangloff, Kreis Stadtroda, [Bezirk] Gera: »Abliefern tue ich, wenn ich will. Futtergetreide liefere ich überhaupt nicht ab, denn das brauche ich für meine Pferde. Obwohl ich das Getreide habe, will ich den Staat ärgern. Eure Diktatur lasse ich mir nicht aufzwingen. Auch das Geflügel essen wir selber. Wenn ihr welches haben wollt, könnt ihr ja Krähen schießen.«

In der Gemeinde Nunsdorf, Kreis Zossen, [Bezirk] Potsdam, ist eine allgemeine Unzufriedenheit unter allen Bauern zu verzeichnen, da diese nicht mit der vorfristigen Ablieferung einverstanden sind. Es wird die Meinung vertreten, dass dadurch andere wichtige Arbeiten zurückbleiben. So liegen z. B. noch ca. 30 % Heu auf den Wiesen, weil die Bauern gezwungen sind, erst für die vorfristige Ablieferung zu Dreschen.

Augenblicklich steht bei den Erntearbeiten die Kartoffelrodung im Vordergrund. Hier zeigt sich, dass es noch verschiedene Beispiele gibt, wo die Arbeit entweder durch schlechte Rodemaschinen, Mangel an Arbeitskräften oder hinsichtlich des Abtransportes der Kartoffeln nicht planmäßig durchgeführt werden kann.

So wurde z. B. in der LPG Bochow, Kreis Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, eine Kartoffelerntemaschine eingesetzt, die, nachdem damit 5,5 ha gerodet wurden, neu überholt werden musste.

Auch im Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, ist ein erhöhter Ausfall an Maschinen zu verzeichnen. Der Ausfall dort ist bedingt dadurch, dass sehr wenig qualifizierte Traktoristen zur Verfügung stehen.

Die Traktoristen sind zum Teil erstmalig beim Kartoffelroden eingesetzt und fahren wegen jedem geringfügigen Schaden an den Maschinen in die Station zurück.

Die MTS Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, erhielt Anfang September 1955 eine Kartoffelvollerntemaschine aus Weimar, die aber nach dem Umbau nicht eingesetzt werden kann, weil das Mähdrescherwerk die Antriebskette nicht liefert.

Ebenso kann in der MTS Radeburg,39 [Bezirk] Dresden, die Kartoffelvollerntemaschine nicht eingesetzt werden. Die Kartoffelvollerntemaschine erhielt die MTS 1954. Da es eine Fehlkonstruktion war, schickte die MTS diese an das Werk zurück. Das Werk sandte die Maschine der MTS mit einigen Abänderungen wieder zu. Es stellte sich aber heraus, dass die Maschine trotzdem nicht eingesetzt werden konnte.

Im Kreis Belzig, [Bezirk] Potsdam, ist die Waggonbereitstellung seitens der Reichsbahn für den Abtransport der Kartoffeln völlig ungenügend.

Bei der VEAB Wiesenburg, Brück und Niemegk liegen deshalb z. B. 400 t Kartoffeln, die der Bevölkerung nicht zugeführt werden können.

Im Kreisgebiet Kalbe/Milde, [Bezirk] Magdeburg, wurden bisher 36 % Kartoffelflächen gerodet, während die Ablieferung bei 9,2 % liegt. Ursache dafür ist ebenfalls die schlechte Bereitstellung der Waggons durch die Reichsbahn. Oftmals müssen Ablieferer die Kartoffeln tagelang stehen lassen, bevor sie verladen werden.

Lieferung unbrauchbarer Saatkartoffeln

Am 14.9.1955 erhielt die BHG Tronitz, [Bezirk] Leipzig, zwei Waggons Saatkartoffeln (Sorte »Sieglinde«40) von der DSG-HZ Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg. Ein Teil von diesen Kartoffeln war von Nassfäule befallen und dadurch nicht mehr als Saatgut verwendbar.

Die VdgB/BHG Teuchern, [Bezirk] Halle, erhielt aus Hohenhenningen,41 Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, einen Waggon Frühkartoffeln als Saatgut für 1956. Diese 11 t Kartoffeln werden stark von Braunfäule und zum Teil auch Nassfäule befallen. Es wurde festgestellt, dass die Kartoffeln nicht voll ausgereift waren.

Feindtätigkeit

In der Nacht vom 25. zum 26.9.1955 haben unbekannte Täter das Förderband einer Kartoffelsortiermaschine der LPG Holzhausen, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, zerschnitten. Durch die Tat ist ein Ausfall der Maschine von mehreren Tagen zu verzeichnen.

In der Zeit vom 24. bis 26.9.1955 wurde durch unbekannte Täter auf dem Stützpunkt Schinne, Kreis Stendal, [Bezirk] Magdeburg, Dieselkraftstoff in die Ölwanne eines Traktors gegossen und die Ölleitung eines anderen Traktors zerschnitten.

In der Brigade 3 im Stützpunkt Rüdigsdorf der MTS Narsdorf, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig, fielen in den letzten Tagen zwei Traktoren aus, da die Batterien mit Dieselöl gefüllt waren.

In der Gemeinde Meusdorf des gleichen Kreises wurde ein Binderrad mit Bereifung gestohlen.

In der MTS Taubenhain, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde am 24.9.1955 im Stützpunkt Röhrsdorf eine Raupe blockiert. Die Maschine blieb bis zum 26.9.1955 stehen und nach dem Öffnen wurde festgestellt, dass sich im Wechselgetriebe ein Schraubenzieher befand, welcher völlig zermalmt war. Größerer Schaden entstand nicht.

Auf dem Druschplatz der LPG Friedensweiler, [Bezirk] Magdeburg, wurde vom 26. zum 27.9.1955 ein Lederriemen, welcher an einer Schütterröste angebracht ist, von bisher unbekannten Tätern zerschnitten.

Am 26.9.1955 wurde vom ABV der Gemeinde Röwitz im Kreis Klötze, [Bezirk] Magdeburg, festgestellt, dass am MTS-Stützpunkt der MTS Klötze zwei Hetzschriften angeklebt waren. Beide waren handschriftlich und beinhalteten Hetze gegen die hier stationierten sowjetischen Truppen.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Die Zahl der Erkrankten an Kinderlähmung ist im Kreis Bautzen, [Bezirk] Dresden, auf 76 und im Kreis Nebra, [Bezirk] Halle, auf 28 Fälle gestiegen.

Im Kindergarten der Textilwerke Zittau, [Bezirk] Dresden, erkrankten zehn Kinder, im Quartier für die Schüler der Energiefachschule Zittau, [Bezirk] Dresden, im »Weißen Engel«42 neun, im Internat sechs Schüler und in einem Kinderheim in Zittau, [Bezirk] Dresden, sind 14 Kinder und zwei Pflegerinnen an Ruhr erkrankt.

Einschätzung der Situation

An den Diskussionen im Zusammenhang mit dem Staatsvertrag zwischen der UdSSR und der DDR beteiligen sich vorwiegend fortschrittliche Kreise, die die Politik unserer Regierung unterstützen. Eine ganze Reihe Unklarheiten und falsche Meinungen, die zu diesem Problem auftreten, sind hauptsächlich auf die fehlende Aufklärungsarbeit zurückzuführen.

Die überaus negativen Diskussionen über die Kriegsverbrecher sind abgeflaut und haben jetzt keinen bedeutenden Umfang mehr.43

Dagegen zeigt sich in den letzten Tagen, besonders aufgrund des Gesetzes zur Ergänzung der Verfassung, eine zunehmende Diskussion über die Pflicht zur Verteidigung unserer Republik. Dabei wird eine ungenügende Verteidigungsbereitschaft festgestellt. Die Mehrzahl, besonders die Jugendlichen, welche zu dieser Frage Stellung nehmen, zeigen eine ablehnende Haltung.

Anlage 1 vom 30. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2488

Stimmen zur Verhandlung der UdSSR mit der DDR und die Bedeutung des Abschlusses eines Staatsvertrages

Unter allen Schichten der Bevölkerung wurde über den Abschluss und das Ergebnis des Staatsvertrages zwischen der UdSSR und der DDR diskutiert, wobei die Diskussionen zum Teil gleichzeitig noch über die Ergebnisse der Adenauer-Reise44 nach Moskau und die dort erzielten Ergebnisse geführt worden sind.

Fortschrittliche Verwaltungsangestellte bewerten die Ergebnisse dieses letzten politischen Ereignisses als einen weiteren Schritt zur Festigung des Friedens und der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands. Als besonders positiv wird dabei herausgestellt, dass mit diesem Vertrag ganz klar die Souveränität des deutschen Volkes zum Ausdruck kommt. Daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, dass nun die DDR international anerkannt werden muss und auch Adenauer damit zu Verhandlungen mit der DDR gezwungen wird. Das wird besonders auch deshalb erwartet, weil Adenauer bei den Verhandlungen in Moskau seine Politik der Stärke45 aufgeben musste und auf die Vorschläge der SU einging.

Vielfach wird auch über die Haltung der SU gesprochen und dabei herausgestellt, wie sich die SU für die Herstellung der Einheit Deutschlands bisher eingesetzt hat und wie sie damit ihre Freundschaft zum deutschen Volk beweist.

Ähnlich wird auch von fortschrittlichen Handelsangestellten diskutiert.

Es gibt aber auch eine Reihe Verwaltungs- und Handelsangestellte, die zum Vertrag keine positive Haltung einnehmen und die verschiedensten Einwände dazu machen. So ist z. B. unter vielen Angestellten die Frage der Kriegsverbrecher in der SU Diskussionspunkt. Hier zeigt sich verschiedentlich in dieser Frage der Einfluss der Westsender.

So bringen Angestellte der Kreissparkasse in Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, zum Ausdruck, dass die jetzt noch festgehaltenen »Kriegsgefangenen« auch nur Soldaten waren, die die Befehle der Offiziere ausführen mussten.

Sie sagten: »Wir können nicht verstehen, warum man Paulus46 und Schörner47 als ihre Führer freigelassen hat.«

Unter anderem wird von einigen Angestellten auch erklärt, dass in unserem Vertrag nichts Wesentliches stünde, weil ja die Kriegsgefangenen-Frage gar nicht enthalten sei. Adenauer dagegen wird der Verdienst zugeschrieben. Es wird gesagt, er sei mutig gewesen und hätte diese Frage in Moskau zur Zufriedenheit aller gestellt und die Forderung frei an die Sowjetregierung gerichtet.

Ein Handelsangestellter vom Großhandelskontor Lebensmittel Barth, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, sagte: »Adenauer hat auf der Konferenz in Moskau doch nicht nachgegeben. Ich habe von Anfang an gesagt, was Adenauer will und wenn immer gesagt wird, er ist amerikahörig, dann glaube ich das nicht ganz, denn er hat offen gesagt, was zu tun ist. Ich habe Verwandte, deren Sohn ist auch noch vermisst. Wer weiß, ob der nicht auch noch in Moskau ist.«

Lebhaft diskutiert wird diese Frage auch unter den Angestellten des Rates des Bezirkes Frankfurt/Oder, wo erklärt wird, dass es Zeit würde, diese »Gefangenen« bald zu entlassen.

Ein Angestellter der Abt. Erfassung erklärte sogar, es gäbe bestimmt noch Schweigelager48 in der SU.

Verschiedentlich wird von Angestellten erklärt, dass dieser Vertrag die Frage der Herstellung der Einheit Deutschlands weit in den Hintergrund gerückt hätte. Im Zusammenhang damit wird auch erklärt, dass unsere Regierung nur zum Befehlsempfang nach Moskau gefahren sei.

Eine besondere Rolle bei diesen negativen Diskussionen spielt die Frage der Souveränität der DDR. Es taucht durch diesen Vertrag die Frage auf, wieso jetzt besonders die Frage der Souveränität so hervorgehoben würde, wo doch schon vor einem halben Jahr die Souveränität der DDR proklamiert worden wäre.49

Diese Meinung wird besonders im GHK Textil in Wittstock, [Bezirk] Potsdam, laut, wo 30 % der Angestellten diese Auffassung vertreten.

Unter den Kreisen der Handwerker und Geschäftsleute wird ebenfalls von fortschrittlichen Kräften der Vertrag als positives Ergebnis gewertet. Dabei taucht besonders bei einigen Handwerkern die Frage der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf. Dabei machen diese sich Gedanken, wie das einheitliche Deutschland aussehen soll. Es wird dazu erklärt, dass sie nichts für das Adenauer-Regime übrig hätten, weil dieses für die Handwerker nichts Gutes bringt. Das Handwerkergesetz50 ließen sie sich nicht wieder wegnehmen. Sie hätten dadurch ihre Existenzgrundlage wesentlich festigen können. Aus diesem Grunde würden sie immer hinter der Regierung der DDR stehen.

Zum Beispiel sagte ein Elektromonteur aus Greifswald, [Bezirk] Rostock: »In der Frage der Einheit Deutschlands steht eines fest, dass das Handwerk, mag es reden wie es will, zur DDR stehen wird. Das Handwerksgesetz lassen sie sich nicht wieder nehmen, denn das ist gut. Was Adenauer für das Handwerk übrig hat, sieht man und das ist nichts Gutes.«

Die Einstellung innerhalb der Mittelschichten zum Vertrag ist verschieden. Zum Beispiel sind im Bezirk Halle unter den kleinbürgerlichen Kreisen rege Diskussionen über die Kriegsgefangenenfrage (inhaltlich wie bereits unter den Angestellten eingeschätzt).

In Bitterfeld, [Bezirk] Halle, sind viele Geschäftsleute der Ansicht, die Einheit Deutschlands sei durch diesen Vertrag hinausgeschoben worden.

Die Kaufleute in den Städten des Bezirkes Halle zeigen eine Zurückhaltung zum Abschluss des Vertrages.

Im Wesentlichen ist der Inhalt der positiven und negativen Diskussionen nicht anders als unter den Verwaltungsangestellten.

In den positiven Diskussionen unter diesen Schichten ist noch zu sagen, dass ein großer Teil Handwerker aus dem Bezirk Frankfurt/Oder die Auffassung vertritt, dass Verhandlungen stets etwas Gutes brachten, demzufolge auch nichts Schlechtes von diesem Vertrag zu erwarten sei.

Auch ein Kleinunternehmer aus Rudolstadt, [Bezirk] Gera, sagte z. B.: »Der Staatsvertrag kann nichts Schlechtes für uns bedeuten. Ob es nun aber die richtige Freiheit ist, muss erst abgewartet werden. Die Frage wird sich dann entscheiden, ob die Selbstständigkeit der Unternehmen bestehen bleibt oder nicht.«

Der Inhaber eines Schuhgeschäftes im gleichen Ort hingegen sagte: »Es ist lächerlich, von diesem Staatsvertrag als Privathandelsmann etwas zu erwarten.«

Vereinzelt taucht unter diesen Schichten auch die Meinung auf, dass sich die DDR sowieso nicht mehr lange halten könne und die Handwerker und Geschäftsleute in der Bundesrepublik eine bessere Existenz hätten. Außerdem wird die Ansicht vertreten, die Genfer Konferenz51 im Oktober abzuwarten, da diese bestimmt die Lösung der jetzt stehenden Fragen bringen wird.

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    1. Oktober 1955
    Landwirtschaft [Nr. 7/55]

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    29. September 1955
    Versorgung [V 6/55]