Versorgung
1. Oktober 1955
Versorgung [V 7/55]
Im Kreis Grimma, [Bezirk] Leipzig, besonders in der Stadt Grimma selbst, besteht ein großer Mangel an Kartoffeln. Für September konnten bisher erst 70 % der Bevölkerung beliefert werden. Bei Anlieferung von Kartoffeln bilden sich größere Käuferschlangen. Die Einkellerung der Winterkartoffeln geht nur sehr schleppend voran.
Im Kreis Torgau, [Bezirk] Leipzig, bestehen große Schwierigkeiten in der Belieferung der Bevölkerung mit Kartoffeln für September. Es fehlen ca. 300 t. Der Kreis Torgau muss täglich 400 t für die Versorgung der Stadt Leipzig liefern, sodass die gerodeten Mengen nicht ausreichen. Bei Anlieferung von Kartoffeln bilden sich Käuferschlangen. Die Bevölkerung ist unzufrieden und es wird zum Ausdruck gebracht, dass man nicht mehr an der Rodung teilnehmen will.
Bei der Einkellerungsaktion treten in einigen Kreisen des Bezirkes Potsdam Schwierigkeiten auf, indem die benötigte Menge an Kartoffeln nicht durch Eigenaufkommen gedeckt werden kann. So fehlen z. B. im Kreis Königs Wusterhausen nach vorläufiger Schätzung ca. 3 000 t Kartoffeln, welche durch Einfuhr aus anderen Kreisen beschafft werden müssen.
Auch die Belieferung mit Fleisch ist in einigen Kreisen des Bezirkes Potsdam, wie schon des Öfteren berichtet, völlig unzureichend. Besonders in den Landgemeinden tritt dieser Mangel verstärkt in Erscheinung.1
In Görlitz, [Bezirk] Dresden, ist ein Bestand an mehreren Tausend Büchsen Fleisch vorhanden, die bis Ende September verbraucht werden müssen. Das Büchsenfleisch wird aber von der Bevölkerung nicht gekauft, da es im Preis zu hoch ist. Die Abteilung Handel und Versorgung ist nun gezwungen, den Termin des Verbrauchs verlängern zu lassen. Dabei besteht die Gefahr, dass das Fleisch durch zu langes lagern verdirbt.
Hinsichtlich der Ernährungslage bestehen weiterhin im Bezirk Erfurt Engpässe, besonders in der Fleischversorgung, Butter, Eier und dergleichen. Besonders, wie schon berichtet wurde, hat sich im Kreisgebiet Worbis2 die Versorgung mit Butter noch nicht gebessert.3
Durch den Leiter der Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Eisenach wurde bekannt, dass bei den Handelsorganen noch 100 t Fleischrückstände zu verzeichnen sind.4 Der Bedarf auf Lebensmittelkarten für die letzten Tage des Monats beläuft sich auf etwa 75 t. Die Abteilung Erfassung und Aufkauf kann aber in den kommenden Wochen nur 30 t aufbringen. Die Fehlmenge von 45 t müsste mit Gefrierfleisch ausgeglichen werden. Für die Anlieferung des Gefrierfleisches ist vom Rat des Bezirkes noch keine verbindliche Zusage gegeben worden.
Aus dem Kreis Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, wird berichtet, dass die HO- und Konsum-Fleischerei5, Schwierigkeiten bei der Aufbewahrung ihrer Fleisch- und Wurstwaren haben, da ein großer Teil der Kühlschränke keine Kühlmasse mehr haben. Es besteht die Gefahr, dass in den nächsten acht Tagen die Kühlmasse in der Konsum-Kühlhalle in Tiefenort, wo einige Tonnen Fleisch vorhanden sind, ausgeht und damit dem Verderb preisgegeben sind. Nach Auskunft vom VEB Kühlapparatebau Arnstadt soll die Produktion von Kühlmasse seit sechs Monaten eingestellt und Importmasse nicht mehr vorrätig sein.
Durch die Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Worbis, [Bezirk] Erfurt, wurde bekannt, dass im Kreis Worbis die Butter ausverkauft ist und neue noch nicht angeliefert wurde. Angeblich soll der Waggon am Sonnabend, den 24.9.1955 von Leipzig nach Nordhausen mit Butter abgegangen sein. Jedoch bis heute ist dieser Waggon noch nicht eingetroffen.
In zwölf Verkaufsstellen des Kreises Geithain, [Bezirk] Leipzig, vom Konsum sind verschiedene Waren im Werte von insgesamt ca. 3 000 DM verdorben. Es handelt sich dabei vor allem um Zigaretten, Süßwaren, Dauerbackwaren, Marmelade, kleine Mengen Speisetalg und anderes. Die Ursache ist vor allem darin zu suchen, dass vom Konsum-Vorstand eine mangelhafte Kontrolle und Anleitung der Verkaufsstellen durchgeführt wird.
Am 24.9.1955 erhielt die OGEMA-Konservenfabrik in Seehausen,6 [Bezirk] Magdeburg, einen Waggon Gurken aus dem Bezirk Frankfurt/Oder. Die Gurken waren vollkommen verdorben und konnten nicht mehr verarbeitet werden. Unter den Arbeitern des VEAB Seehausen wird die Meinung vertreten, dass so etwas nicht passieren dürfte. Man solle lieber besser planen und die Gurken, die von Seehausen an Karl-Marx-Stadt geliefert werden müssen, dort lassen, und die von Frankfurt/Oder nach Karl-Marx-Stadt schicken, denn der Weg wäre nicht so weit.7
In den Fleischverkaufsstellen und Produktionsbetrieben des Kreises Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, sind des Öfteren Fleisch- und Wurstwaren dem Verderb ausgesetzt, weil die Kühlanlagen nicht in Betrieb genommen werden können. Die erforderliche Kühlmasse ist angeblich eine Mangelware. (Die Kühlflüssigkeit soll angeblich im VEB-Leuna-Werk/»Walter Ulbricht« hergestellt werden.)
Die Kumpels, Hausfrauen und Angestellten bringen übereinstimmend zum Ausdruck, dass die Versorgungslage in Stalinstadt,8 [Bezirk] Frankfurt/Oder, vollkommen ungenügend ist.
Es gibt selten etwas Gutes. Das ist die Meinung aller Bürger in Stalinstadt.
In der Branche-Industriewaren fehlt es an genügender Auswahl, wie z. B. Stoffen, Schuhen, Mäntel usw.
In der Lebensmittelbranche fehlt es zurzeit besonders an Eiern, Zwiebeln, Räucherwaren, usw.
Die Versorgung mit Obst und Gemüse ist für Stalinstadt als katastrophal anzusehen. Es waren außer wenigen Zitronen nur wenige Pfund kümmerliche Mohrrüben, wenig Weißkohl und Rotkohl und eine Kiste grüner Apfel, die nicht zu verkaufen waren, am 26.9.1955 in der Gemüseverkaufsstelle zu sehen.
Die Verkaufsstellenleiterin der Gemüseverkaufsstelle brachte zum Ausdruck, dass sie von dem kommunalen Großhandel in Frankfurt/Oder sehr schlecht beliefert werden.
Eine Rücksprache mit dem Kreisdienststellenleiter des SfS in Stalinstadt ergab ebenfalls, dass die Versorgungslage ungenügend ist. Der Genosse Dienststellenleiter brachte zum Ausdruck, dass schon darüber sehr viele Sitzungen durchgeführt wurden, aber bisher hat sich noch nichts verändert.
Mehrere Hausfrauen brachten zum Ausdruck, die Versorgungslage in Stalinstadt schnellstens zu verändern, denn der Name Stalinstadt verpflichtet.
Gegenwärtig herrscht unter der Bevölkerung des Kreises Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, in Bezug auf die Versorgung, besonders in den Städten Seehausen, Arendsee und Werben, eine schlechte Stimmung.
Die Versorgung mit Margarine, Marmelade und Streichhölzern sowie Fleisch, HO und Marken, ist unzureichend. Für das III. Quartal standen dem Kreis Seehausen 40 t Margarine auf HO-Basis zur Verfügung, das heißt, dass pro Person im Monat ein halbes Pfund verkauft werden konnte. Mit der Belieferung von Marmelade sieht es ähnlich aus. Hier wurden monatlich 4 t Marmelade zur Verfügung gestellt, was pro Person 200 Gramm im Monat ausmacht.
In der Stadt Werben, [Bezirk] Magdeburg, ist eine solche Situation zu verzeichnen, dass an Liefertagen große Käuferschlangen vor den Geschäften stehen und warten bis die Lieferung kommt, nur damit sie Margarine bekommen.
Ähnlich ist die Situation in den Grenzkreisen Haldensleben und Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg. Die Stimmung in den Gemeinden ist äußerst negativ. Es wird kein Verständnis dafür aufgebracht, dass es nicht einmal Marmelade, Kunsthonig und Sirup zu kaufen gibt.
In einigen Kreisen des Bezirkes Halle treten Mangelerscheinungen an HO-Margarine auf. Die Margarinefabriken sind ausgelastet, ihre Produktionskapazität ist ungenügend und könne den Bedarf der Bevölkerung nicht decken.
Die Versorgungslage hat sich gegenüber dem Vortage nicht wesentlich gebessert. Auch in der Stadt Stalinstadt, [Bezirk] Frankfurt/Oder, kann man von einer besseren Warenstreuung noch nicht sprechen. So ist die Gemüseversorgung unzureichend. Weiter fehlen Fischkonserven in kleinen Packungen.
Der Abteilungs-Leiter von Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Eisenach, SED, äußerte sich wie folgt: »Am 9.9.[1955] wurde ich beim Rat des Bezirkes beauftragt, 180 Millionen Zigarren an den Konsum Halle abzugeben. Das Handelskontor9 hat aber nur noch 50 Millionen insgesamt. Unter Androhung von Strafe musste alles abgeliefert werden, sodass im Kreis Eisenach, [Bezirk] Erfurt, schon seit voriger Woche keine Zigarren mehr ausgeliefert können.«