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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

4. Oktober 1955
Informationsdienst Nr. 2489 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Zur Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben kann gesagt werden, dass im Mittelpunkt der politischen Diskussionen der Staatsvertrag1 sowie das Gesetz zur Ergänzung der Verfassung zum Schutze unserer Republik2 stehen. Dabei zeigt sich, dass von fortschrittlichen Arbeitern, vielen Parteilosen, von einem Teil der Angestellten und Intelligenzlern beide Probleme richtig eingeschätzt und demzufolge positiv diskutiert werden.

Bei den positiven Diskussionen über den Staatsvertrag zeigt sich in den Stellungnahmen eine richtige Einschätzung der Lage in Deutschland, indem immer wieder betont wird, dass es richtig sei, wenn die sowjetischen Truppen, solange noch die Bundesrepublik von den westlichen Besatzungstruppen besetzt gehalten wird,3 auf dem Territorium der DDR verbleiben.4 Oder es wird auch vielfach betont, dass die vertragliche Bestätigung der Souveränität der DDR durch die Regierung der SU ein weiterer Beweis der konsequenten Friedenspolitik der SU sei und mit Dankbarkeit von den fortschrittlichen Werktätigen unserer Republik aufgenommen wurde, was seinen Ausdruck auch in vielen Produktionsverpflichtungen findet.

Diesen politisch klaren Auffassungen, die in der Mehrzahl bekannt wurden, stehen aber eine Reihe unklarer Fragen bzw. falscher Auffassungen gegenüber. Diese sind nicht in jedem Fall auf eine negative Einstellung zurückzuführen, sondern lassen auch oft auf eine ungenügende Aufklärung schließen.

So wurden z. B. unter der Intelligenz des VEB Elektromotorenwerkes Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, Diskussionen geführt wie z. B.: »Solange noch fremde Besatzungsmächte in der DDR sind, kann es keine Souveränität geben.« »Durch die Moskauer Verhandlungen5 wurde die Spaltung vertieft und die Einheit in die weite Ferne gerückt.«

Ein Jung-Ingenieur aus der Maschinenfabrik Halle: »Jetzt treffen die Voraussetzungen für eine Nation auf Deutschland nicht mehr zu, denn wir haben kein gemeinsames Wirtschaftsleben und auch kein gemeinsames Territorium mehr.«

Im Kombinat Gölzen, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, besteht unter dem Lehrerkollegium der Berufsschule die Ansicht: »Mit der Einheit Deutschlands auf friedlichem Wege ist es nun vorbei, denn es gibt jetzt zwei deutsche Staaten die beide souverän sind.«

Im Revier 9 des Wismut-Schachtes6 64 – Oberschlema – wurden die Fragen gestellt: »Die DDR hat die volle Souveränität erhalten und was geschieht nun mit unserem Erz?« »Wenn wir zur Einheit Deutschlands kommen wollen, warum stört man dann immer die westdeutschen Sender?7«

In den Objekten 2 – Oberschlema – und 6 – Auerbach – tritt verschiedentlich die Frage auf: »Was wird mit dem Betrieb der SDAG-Wismut, wenn wir jetzt souverän sind?«

Ausgesprochene negative bzw. feindliche Äußerungen zum Staatsvertrag wurden nur vereinzelt bekannt und lassen entweder auf eine ablehnende Einstellung gegenüber unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat oder auf eine westliche Beeinflussung schließen. In der Hauptsache argumentieren diese Elemente:

»Von einer Souveränität kann keine Rede sein, da die sowjetischen Truppen in der DDR verbleiben. Dies dient nur zur Niederhaltung eines zweiten 17. Juni.8«

»Besser wäre es gewesen, sie hätten in Moskau über die Verbesserung unseres Lebensstandards verhandelt. So sind sie nur Adenauer9 in den Rücken gefallen.«

»Der Staatsvertrag bringt nichts Neues und der Verbleib der sowjetischen Truppen bietet keine Möglichkeit zur Verbesserung unseres Lebensstandards.« u. Ä. mehr.

Die positiven Stellungnahmen zu dem Gesetz zur Ergänzung der Verfassung zum Schutze unserer Republik, lassen eine fortschrittliche Einstellung gegenüber unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat erkennen, was deutlich wird in den Äußerungen: »es muss die Pflicht eines jeden ehrlichen Bürgers unserer Republik sein, unsere Errungenschaften vor feindlichen Anschlägen zu schützen; es darf niemals zugelassen werden, dass unser Aufbau durch die Imperialisten zerstört wird; unsere volkseigenen Betriebe dürfen nicht wieder in die Hände der Kapitalisten gelangen« u. Ä. mehr.

Stark vertreten ist unter den älteren Kollegen der Betriebe die Ansicht, dass ein Militärdienst für die Jugend erzieherischen Wert habe; dass ihnen dadurch mehr »Schliff« beigebracht würde oder dadurch ihr Staatsbewusstsein gestärkt würde.

Bei den Jugendlichen selbst, die am stärksten an den Diskussionen beteiligt sind, zeigt sich vielfach eine ungenügende Verteidigungsbereitschaft, die mitunter in den Worten gipfelt: »Wenn wir eingezogen werden sollten, hauen wir nach dem Westen ab.«

Auch herrscht unter den Jugendlichen, aber auch unter den älteren Arbeitern und Angestellten häufig die Meinung vor, dass der westdeutschen Jugend geraten würde, die Gestellungsbefehle zu zerreißen,10 folglich müsste dies dann auch die Jugend in der DDR tun.

Überhaupt wird vielfach angenommen, dass in nächster Zeit bei uns ein Wehrgesetz beschlossen bzw. bereits durch die Ergänzung der Verfassung in Kraft getreten sei.

Geschürt wird dies noch durch Gerüchteverbreitung über die Einberufung bestimmter Jahrgänge.

So z. B. wurde im VEB Zinnerz Altenburg, [Bezirk] Dresden, das Gerücht verbreitet, dass die Jahrgänge 1929 bis 1933 die ersten sein werden und im VEB Waggonbau wurde verbreitet, dass alle im Alter von 18 bis 30 Jahren eingezogen und alle im Alter von 31 bis 60 Jahren in den Kampfgruppen11 Dienst tun müssten.

Unter einer Gruppe von Rangierern aus dem VEB Maxhütte Unterwellenborn wurde davon gesprochen, dass durch den Rundfunk gekommen wäre, dass alle Jahrgänge von 1918 bis 1925 in Kürze eingezogen und ein Jahr Dienst tun müssten.

In völliger Verkennung der Bedeutung der Volkskammer als höchstes Organ der Volksvertretung tauchen verschiedentlich bei den Diskussionen Meinungen auf, dass die Volkskammer für solche Beschlüsse keine Befugnis habe, sondern dazu wäre eine Befragung des Volkes notwendig.

So diskutierten z. B. ein Technologe und ein Jung-Ingenieur von der Mathias-Thesen-Werft in Wismar: »Es ist nicht richtig, wenn die Volkskammer Beschlüsse fasst und die Bevölkerung nicht vorher befragt. Schließlich ist ja die Verfassung auch von der gesamten Bevölkerung diskutiert und beschlossen worden.«

Ein Angestellter, parteilos, aus dem VEB Tuchwerk Großenhain, [Bezirk] Dresden: »In Westdeutschland wird über die Einberufung der Wehrpflicht12 oder über eine Verfassungsänderung drei Tage oder noch länger debattiert und bei uns wird das alles in wenigen Stunden durchgeführt. Meines Erachtens kann die Volkskammer so etwas überhaupt nicht beschließen, sondern es müsste eine Volksbefragung durchgeführt werden.« (Ähnlichen Inhalts sind auch die anderen Äußerungen darüber.)

Zum anderen kommt es auch unter den Werktätigen zu der Frage, wieso bei uns so etwas beschlossen werden kann, wo doch die SU und die Volksdemokratien ihre Streitkräfte reduzieren würden.13

Dafür sind diese Äußerungen typisch:

»Die SU verringert ihre Streitkräfte und bei uns werden sie aufgebaut.«

»Zur Entspannung der internationalen Lage reduzieren die SU und die Volksdemokratien ihre Streitkräfte und wir fangen an, eine Wehrmacht aufzubauen.«

Die noch immer bestehende Unzufriedenheit eines Teiles der Werktätigen über die Lebenslage und besonders über die Versorgungsschwierigkeiten hat auch seine Auswirkung auf die politischen Diskussionen. Dies zeigt sich einmal in einer gewissen Interessenlosigkeit, aber auch in einer direkten ablehnenden Haltung, was nachstehende Beispiele beweisen.

Im Werk 3 des VEB Glashütte-Uhrenbetriebe Glashütte, [Bezirk] Dresden, sollte in einer Versammlung über eine Zustimmungserlassung diskutiert und abgestimmt werden.

Nach dem Bekanntgeben des Textes kam keine Diskussion zustande. Außer den Genossen stimmte keiner der Belegschaft für oder gegen diese Erklärung. Ein Arbeiter stand auf und sagte: »Es gibt doch auch Stimmenthaltungen.«

Unter den Arbeitern und Angestellten der VEB im Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, herrscht über die Versorgungsschwierigkeiten eine schlechte Stimmung. Aus dem Grunde wird über die politischen Fragen wenig diskutiert.

Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter, parteilos, aus dem VEB Universalwerk Schmalkalden: »Man kann die Arbeiter nicht mehr mit politischen Artikeln satt machen, sondern es müssen bald Tatsachen geschaffen werden. Ich bin der Meinung, wenn wir nicht bald ein besseres Warenangebot haben, dass sich die Bevölkerung immer mehr von unserer Politik abwendet.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Pressform in Triptis, [Bezirk] Gera: »Die Stimmung ist wieder ganz mies. Es sind noch nie so viele nach dem Westen gemacht wie jetzt. Dem Arbeiter ist es nicht zur Verteidigung der Errungenschaften zumute, er will anständig leben.«

Der BGL-Vorsitzende vom VEB Felgenwerk in Ronneburg sagte: »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Im Betrieb stinkt es so, dass es, wenn es so weitergeht, zu einem neuen 17. Juni kommt.«

Im VEB Zeiss Jena und VEB Schott Jena ist ebenfalls eine Unzufriedenheit über die Versorgungslage sowie über betriebliche Mängel zu verzeichnen.

Immer wieder wird die Frage gestellt: »Warum gibt es keine HO-Butter14 und Margarine?« Dabei wird betont, dass von einem wachsenden Wohlstand in der DDR keine Rede sein könnte.15 Unter den Funktionären der BPO des VEB Zeiss Jena besteht Unzufriedenheit, weil sie den negativen Diskussionen nicht mehr Einhalt gebieten können.

Verschiedentlich äußern sich Kollegen gegenüber den Funktionären dieses Betriebes, dass sie kein Vertrauen mehr zur Partei und Regierung hätten, weil sich in letzter Zeit der Lebensstandard ständig verschlechtert habe.

Des Weiteren wird von vielen Kollegen in diesem Zusammenhang erklärt, dass sie nur noch Westsender hören würden, »da unsere Sender nur schwindeln würden«.

Wie bereits erwähnt ist der Grund der Unzufriedenheit nicht nur auf die Versorgungsschwierigkeiten, sondern auch auf betriebliche Mängel sowie auf angeblich zu niedrige Entlohnung zurückzuführen. Letzteres hat eine Fluktuation oder ein Anwerben von Arbeitskräften nach dem Westen zur Folge.

Starke Fluktuation bestehen in der Kali-Industrie des Bezirkes Erfurt, wie bereits schon berichtet.

Jetzt wurde bekannt, dass in der Nähe von Fulda ein neuer Kalischacht in Betrieb genommen wird. Als Werkleiter wird der ehemalige Werkleiter von Bleicherode eingesetzt. Dieser hat bereits einen Steiger abgezogen und dieser beeinflusst weitere Kollegen zum Absetzen nach dem Westen.

Im Kreis16 Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wird Anfang 1956 der Bau der Nickelhütte in St. Egidien17 wieder aufgenommen. In vielen Dienststellen der Reichsbahn dieses Bezirkes gibt es Kollegen, die in Erwägung ziehen ihren Dienst zu kündigen und in der Nickelhütte die Arbeit aufzunehmen, da sie dort mehr verdienen. Es betrifft besonders die Rangierarbeiter, Bahnhofshelfer und Güterbodenarbeiter.

Die RB Glauchau ist bereits jetzt schon mit 23 Kollegen unterbesetzt.

Bei den betrieblichen Schwierigkeiten spielen immer wieder Auftragsmangel, Materialschwierigkeiten sowie Absatzschwierigkeiten eine Rolle, was ebenfalls zur Unzufriedenheit der Werktätigen führt.

So z. B. sind in dem VEB Bekleidungswerk Bürgel in Eisenberg, [Bezirk] Gera, nur noch für kurze Zeit Aufträge vorhanden und der Betrieb muss, wenn keine Änderung eintritt, stillgelegt werden. (ca. 400 Beschäftigte) Darüber entstehen Diskussionen wie z. B.: »Man spricht bei uns immer von einer krisenfreien Wirtschaft. Aber hier sieht man am besten, dass wir bald arbeitslos werden.«

Materialschwierigkeiten bestehen in

  • VEB Thräna,18 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig (Grubenschwarten und Grubenschienen),

  • VEB Ziehwerk Delitzsch, [Bezirk] Leipzig (Rund-, Flach- und Vierkantstahl),

  • VEB Böhlen, [Bezirk] Leipzig (Gummikabel für die Bagger),

  • VEB Armaturenwerk Dahlen, [Bezirk] Leipzig – Gießerei (Formstifte),

  • VEB IKA-Fabrik Worbis, [Bezirk] Erfurt (Zinkblech).

Dazu äußerte der Parteisekretär dieses Betriebes: »Wenn wir in Zukunft nicht besser mit Zinkblech versorgt werden, dann kann man mit den Kollegen nicht mehr über die politischen Probleme diskutieren. Sie sind alle verärgert über diese Missstände und können nicht verstehen, dass zehn Jahre nach Kriegsende laufend Materialschwierigkeiten auftreten.«

Absatzschwierigkeiten bestehen im

  • VEB Baumwollweberei Olbersdorf, [Bezirk] Dresden (in Berufsbekleidung, die aus Perlon-Mischgarn19 hergestellt wird, was den Preis erheblich erhöht),

  • EOW Dingelstedt,20 [Bezirk] Erfurt (Lagern für 300 000 DM Fertigwaren – Erzeugnisse aus Perlonmischgarn – Preis ebenfalls zu hoch),

  • VEB Steinkohlenwerk Freital, [Bezirk] Dresden (Absatzschwierigkeiten in der Massenbedarfsgüterproduktion von Schlacksteinen – Ursachen: Schlechte Qualität).

Produktionsstörungen

Die Braunkohlenbetriebe21 der Kreise Borna, Altenburg, [Bezirk] Leipzig, und Zeitz, [Bezirk] Halle, hatten einen Produktionsausfall von insgesamt: 10 300 cbm Abraum, 3 000 t Rohkohle, 340 t Brikett. Ursachen: Ausfall von Baggern, von Förderbrücken und Entgleisung von E-Loks.

Am 30.9.1955, gegen 16.00 Uhr, brach im VEB Lederfabrik Crimmitschau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Brand aus. Das Rohmaterial (Leder) konnte zum größten Teil gerettet werden. Schaden ca. 30 000 DM.

Feindtätigkeit

In der Garage des Wismut-Objektes 02 – Oberschlema – wurden in einem Differenzialgetriebe eines Kippers Sägespäne festgestellt.

Im Stellwerk 5 des Bahnhofes Dresden-Friedrichstadt war ein Plakat mit folgendem Text angebracht: »Unfallfreie Arbeit ist eine Voraussetzung für Qualitätsarbeit«. Darunter wurde geschmiert »außer dem 12-Stunden-Tag«.

Am 23.9.1955 wurde an der Haltestelle zum Eisenwerk West in Calbe ein selbstgefertigtes Plakat mit folgendem hetzerischen Text gefunden: »Weg mit den Normen, bessere Versorgung, gerechte Löhne, fort mit dem SED-Regime, wir wollen freie Wahlen, der Geist des 17. Juni lebt, fort mit der KVP, sie ist ein Zeichen der Aufrüstung in der DDR; 90% ist gegen die Regierung und freie Wahlen bedeutet das Ende der Ulbricht-Clique.«22

Im Speiseraum der Kulturbaracke der Bau-Arbeiter im VEB-Edelstahl-Werk Freital ist ein Plakat angebracht, welches zur Senkung der hohen Baukosten auffordert. Unter dem Satz: »Herunter mit den hohen Baukosten« wurde geschmiert: »Herunter mit den hohen Gehältern der Regierung, mehr Rente für die Rentner.«

Am Stellwerk A des Bahnhofes Dresden-Friedrichstadt wurde am 2.9.1955 die Hetzlosung: »Wir fordern achtstündige Arbeitsdauer, wir fordern Normalisierung der Arbeitszeit« festgestellt.

Versorgung der Bevölkerung

Aus den Bezirken wird auch in dieser Berichtsperiode Mangel an den verschiedensten Waren berichtet. Das ist vor allem Fleisch, Wurst, vorwiegend auf HO-Basis, HO-Butter, Zucker zum Teil auf Marken, Nährmittel, Hülsenfrüchte, Eier, Margarine, Marmelade und vereinzelt noch Kartoffeln für den laufenden Bezug.

Die schlechte Versorgung der Bevölkerung in Fleisch- und Fleischwaren ist zum großen Teil auf den mangelhaften Auftrieb von Lebendvieh und auf die schlechte Anlieferung von Importen zurückzuführen.

Schwierigkeiten werden aus den Bezirken Magdeburg, Erfurt, Cottbus, Dresden, Potsdam, Neubrandenburg, Karl-Marx-Stadt und Halle berichtet.

Zum Beispiel konnte in der letzten Zeit der Fleischbedarf in Magdeburg nicht restlos gedeckt werden. Es stand in der Hauptsache nur chinesisches Gefrierfleisch zur Verfügung. Anfall an Frischfleisch war kaum zu verzeichnen. Dadurch war auch der Anfall von Roh- und Dauerwurst gering.

Die Behälter Fleisch- und Wurstwarenfabrik konnte von zehn t angeforderten Wurstwaren nur ca. 1,5 t liefern.

Bei den Handelsorganen des Kreises Eisenach, [Bezirk] Erfurt, sind noch ca. 100 t Rückstände in der Fleischbelieferung zu verzeichnen.

In Görlitz, [Bezirk] Dresden, ist die Fleischversorgung nur noch für acht Tage gesichert. Die vorhandenen Waren bestehen aus ca. 20 % Frischfleisch und ca. 80 % Wurst, d. h., dass es in dieser Woche in einigen Geschäften kein Frischfleisch geben wird.

An der täglich benötigten Menge im Bezirk Neubrandenburg fehlen ca. 30 bis 40 t Lebendvieh. Das sind ca. 30 % der Planmenge an Fleisch. Das Wurstsortiment ist völlig unbefriedigend.

Sehr groß ist auch die Nachfrage nach HO-Butter und Margarine, die aber nicht befriedigt werden kann, weil nicht genügend Waren vorhanden sind.

So ist z. B. im Bezirk Neubrandenburg das Butterangebot völlig unzureichend. Ebenso kann der Bedarf an Margarine nicht gedeckt werden.

Für das III. Quartal standen dem Kreis Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, 40 t Margarine auf HO-Basis zur Verfügung, d. h., dass pro Person im Monat ein halbes Pfund verkauft werden konnte.

In Werben, [Bezirk] Magdeburg, stehen die Menschen Schlange und warten bis die Lieferung kommt, damit sie Margarine kaufen können.

Ähnlich ist die Situation in den Grenzkreisen Haldensleben und Oschersleben.

Mangel an diesen Waren wird ebenfalls aus den Bezirken Neubrandenburg, Karl-Marx-Stadt, Schwerin, Dresden, Gera, Suhl und Halle berichtet.

Schwierigkeiten in der Eierversorgung werden besonders aus den Bezirken Suhl, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Halle und Rostock berichtet.

Dazu wird z. B. aus dem Bezirk Suhl berichtet, dass der VVEAB Sondershausen von der VVEAB in Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, 100 000 Frisch-Eier erhalten soll. Von Sondershausen wird jedoch erklärt, diese Vertragsmenge nicht ausliefern zu können, obwohl im Kreis Hildburghausen einige 100 000 Eier lagern, die vom Staatssekretariat für Erfassung und Aufkauf nicht freigegeben werden. Schon seit ca. drei Wochen sind in den HO-Verkaufsstellen keine Eier zu haben.

Im Schuhwerk »Banner des Friedens« Weißenfels, [Bezirk] Halle, erhält die Betriebsverkaufsstelle für jede Schicht eine Kiste Eier zur Verteilung. Darüber kam es in jeder Schicht zu abfälligen Diskussionen, weil eine Kiste Eier für 1 000 Werktätige nicht ausreicht.

Im Kreis Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, ist die Versorgung mit Zucker nicht gesichert. Im September 1955 konnte der Bedarf nicht gedeckt werden. Für Oktober besteht ebenfalls keine Aussicht den Bedarf zu decken, da der Transportraum für 15 t, die von Magdeburg nach Halberstadt geliefert werden müssen, weder von der Reichsbahn noch vom VEB Kraftverkehr zur Verfügung gestellt wird.

Um die Versorgung mit Zucker zu gewährleisten, werden vom Kreis Belzig, [Bezirk] Potsdam, noch 3 t benötigt, was darauf zurückzuführen ist, dass im Kreis-Konsum in Belzig 3 t Süßwaren auf Markenbasis lagern und dem Verderb ausgesetzt sind. Diese werden von der Bevölkerung nicht mehr abgenommen.

Warenverderb

In der ABF23 Görlitz sind 15 t mittelfrühe Kartoffeln verdorben, die weder für den menschlichen Genuss noch für Futterzwecke verwendet werden können.

Am 30.9.1955 gingen im VEB Versorgungs- und Lagerungskontor24 Dresden ein Waggon mit 88 Fass Salzheringe vom Fischauslieferungslager Wolgast ein. Die gesamte Menge war verdorben und konnte nicht mehr dem Handel zugeführt werden.

Am 25.9.1955 ging in Görlitz vom Versorgungs- und Lagerungskontor Berlin, Außenstelle Dresden, eine Lieferung von 16 966 kg Rohrzucker aus Brasilien bei der KG ein, der für den menschlichen Genuss nicht gut geeignet ist, da er einen Petroleumgeruch aufweist und außerdem stark verunreinigt ist.

Der Zucker wurde der Görlitzer Süßwarenfabrik zur Weiterverarbeitung übergeben, wo noch nicht festgestellt wurde, ob sich das auf das Produkt auswirken wird.

Unzufriedenheit über die Versorgungslage

Da hinsichtlich der Versorgung der Bevölkerung mit den verschiedensten Lebensmitteln immer wieder Schwierigkeiten auftreten, wird dieses von der Bevölkerung weiterhin zum Anlass negativer Diskussionen genommen.

Neben den bereits schon des Öfteren berichteten Argumenten, wie »wo bleibt der viel versprochene Lebensstandard, oder zehn Jahre nach Kriegsende müsste die Versorgung bei uns anders aussehen«, tauchen auch weiterhin Diskussionen auf, in denen Vergleiche zu dem Lebensstandard im Westen und in der DDR gezogen werden, wobei gesagt wird, dass es im Westen besser sei. Diese Meinungen werden noch durch solche Personen, die im Westen zu Besuch weilten bzw. durch Bürger aus Westdeutschland verstärkt und von vielen Menschen geglaubt.

Ein Arbeiter, SED, beschäftigt im VEB Blechwalzwerk Olbernhau, Kreis Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte z. B.: »Zehn Jahre nach Kriegsende müssen wir noch mit Margarine-Schnitten auf Arbeit gehen, da die Butter nicht einmal zur Belieferung auf Marken langt und es in der HO gar keine zu kaufen gibt. Man verlangt von uns, dass wir noch mehr produzieren sollen und einen Wettbewerb nach dem anderen starten, um die Lebenslage unserer Bevölkerung zu heben. Wenn man sich aber etwas kaufen will, bekommt man nichts.

In Westdeutschland dagegen kann sich der Arbeiter alles das kaufen, was wer haben will. Wenn man auch drüben eine Armee aufstellt, so braucht keiner darunter zu leiden. Wenn bei uns einmal eine Wehrmacht aufgestellt wird, dann bekommen wir überhaupt nichts mehr.«

Eine Hausfrau, SED, aus Gera nach ihrem Besuch in Westdeutschland: »Ich werde keine Funktion, die ich im DFD inne habe, mehr ausüben, denn aufgrund der schlechten Versorgung, wie sie zurzeit besteht, hat es keinen Zweck, mit der Bevölkerung zu diskutieren und politische Arbeit zu leisten.«

Verschiedentlich kommen auch ganz besonders aus Rentnerkreisen Klagen über die schlechte Versorgung und ihre Lebenslage überhaupt. Es wird oft erklärt, dass sie mit 65,00 DM Rente, von der sie Kohle und Miete bezahlen müssen, unmöglich sich etwas in der HO einkaufen können, da dort alles viel zu teuer sei. Auch würden sie mit den Marken, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht auskommen.

Außerdem wird jetzt verschiedentlich erklärt, man solle die Versorgungslage verbessern, da würden die Republikfluchten verhindert.

So sagte z. B. ein Rentner aus Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin: »Man spricht immer von der Erhöhung des Lebensstandards. Die Bevölkerung erwartet schon lange eine Preissenkung, die schon lange ausgeblieben ist. Man könnte hierdurch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einmal könnte man die Unzufriedenheit, die unter der Bevölkerung bezüglich der Ernährungslage herrscht, beseitigen und zum anderen die Republikfluchten verhindern.«

Eine Hausfrau aus Magdeburg: »Hier bei uns gibt es doch nichts zu kaufen. Kaum dass man die Lebensmittelkarten beliefert bekommt und dann wundern sie sich, wenn so viele nach Westdeutschland abhauen.«

Feindtätigkeit

In Lippbrandis, [Kreis] Glauchau, wurde mit roter Farbe quer über die Straße folgende Hetzlosung geschmiert: »Gebt uns mehr zu fressen, habt ihr den 17. Juni schon wieder vergessen.«

Zur Lage in der Landwirtschaft

In den politischen Diskussionen unter der Landbevölkerung wird über den Staatsvertrag zwischen der UdSSR und der DDR gesprochen. Neue Argumente sind jedoch nicht aufgetreten.

Über die Volkskammersitzung am 26.9.1955 wird weniger über die Regierungserklärung25 des Genossen Otto Grotewohl,26 sondern vorwiegend über die Ergänzung der Verfassung diskutiert. Allerdings wird gegenwärtig über politische Tagesfragen nur gering diskutiert und vorwiegend nur im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft.

Zur Verfassungsänderung wird in den positiven Diskussionen erklärt, dass es richtig sei, wenn unsere Jugend zum Schutz unserer Heimat herangezogen wird. Dabei kommt es auch zum Ausdruck, dass man die Notwendigkeit einsieht, dass wir unsere Errungenschaften verteidigen müssen.

Ein Pförtner des VEG Markee, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, äußerte: »Es ist richtig, dass unsere Jugend zum Schutze der Heimat herangezogen wird. Wenn man sich den Westen ansieht, so ist es eine nationale Pflicht, eine Volksarmee zum Schutze der Heimat aufzustellen.«

Ein Kollege der MTS Langewiesen, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl: »Dieser Staatsvertrag gibt dem deutschen Volke eine große Perspektive. Auch die Verfassungsänderung ist richtig und wenn unsere Regierung aufruft, so müssen wir alle diese Dienstpflicht erfüllen.«

Oft treten gerade zur Verfassungsänderung negative Diskussionen auf, vor allem unter den Jugendlichen. Dabei muss man berücksichtigen, dass diese auch zum Teil auf Unklarheiten zurückzuführen sind. So z. B. wird oft geäußert, dass man jetzt mit der Wehrpflicht rechnen müsse, wobei vereinzelt gesagt wird, wenn dies der Fall sei, dass man dann nach Westdeutschland gehen will.

Vereinzelt äußert man auch, »die einen entlassen ihre Soldaten, wir müssen uns für die Verteidigung ein Heer schaffen«.

Häufig werden auch pazifistische Einstellungen bekannt, wo zum Ausdruck gebracht wird, dass man nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen will.

Ein Traktorist vom MTS-Stützpunkt Gussow, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam: »Jetzt wird es ja losgehen mit der Verpflichtung und wir werden alle zur KVP eingezogen. Ich bin der Meinung, wir brauchen keine KVP, denn wir wollen ja auch keinen Krieg.«

Ein Buchhalter von der LPG Vietznitz, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam: »Wenn ich wieder eine Waffe in die Hand nehmen soll, dann wandere ich wieder aus.«

Am 30.9.1955 haben sich vier Jugendliche aus der Gemeinde Alt Mörbitz, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig, nach dem Westen abgesetzt. Diese Jugendlichen haben sich am 27.9.1955 in der Gaststätte über die Ergänzung der Verfassung unterhalten und sinngemäß geäußert, dass sie nicht zum Militär gehen, wenn die Wehrpflicht eingeführt wird, sondern sich lieber nach dem Westen absetzen werden.

Ein Traktorist aus Kavelstorf,27 [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Wenn alle keine Waffe mehr in die Hand nehmen würden, dann braucht man nicht so viel vom Krieg reden, denn ich werde keine Waffe mehr in die Hand nehmen. Wenn sie auch werben kommen, aber ohne mich.«

Ein LPG-Mitglied aus Telchow, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam: »Wenn ich noch einmal Soldat sein soll, breche ich mir lieber die Hand kaputt oder ich mache sonst etwas.«

Ein Traktorist vom MTS-Stützpunkt Gussow, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam: »Ich habe schon einmal einen Krieg mitgemacht und will keine Waffe mehr anfassen. Sollten sie mich zur KVP einziehen, so gehe ich einfach nicht hin. Sie können mit mir machen was sie wollen, ich mache jedenfalls nicht mit.«

Immer wieder wird von den Bauern, hauptsächlich von Großbauern,28 gegen die schnelle Ablieferung Stellung genommen bzw. man weigert sich, abzuliefern. Dabei wird von Großbauern argumentiert, sie hätten keine Arbeitskräfte, zum anderen wäre die beste Zeit zum Dreschen im Winter.

Vereinzelt werden auch Vergleiche mit Westdeutschland gezogen, wo man sich in der Form äußert »im Westen haben es die Bauern viel besser, da gibt es keine Ablieferungspflicht« oder »wenn es so weiter geht, werden noch mehr Bauern ihre Gehöfte verlassen«.

So z. B. haben von 177 Großbauern im Kreisgebiet Rostock 26 noch keinen Zentner Getreide abgeliefert. Die Großbauern begründen ihr Versäumnis in der Ablieferungspflicht mit dem Argument, dass sie keine Arbeitskräfte haben bzw. im Winter Zeit genug zum Dreschen sei.

Ein Großbauer äußerte: »Bringt mir doch Arbeitskräfte, die hier dreschen können. Aber nicht solche, die 2,50 DM für eine Stunde verlangen. Ich habe im Winter sehr viel Zeit zum Dreschen.«

Ein Großbauer aus Falkenhain, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Mit der Ablieferungspflicht werden wir Bauern hier langsam kaputtgemacht. Im Westen haben die Bauern es viel besser, da gibt es keine Ablieferungspflicht.«

Eine Großbäuerin aus Zwochau, [Bezirk] Leipzig, äußerte im Zusammenhang mit der Ablieferung zum Bürgermeister und Instrukteur: »Was wollt ihr Strolche denn schon wieder. Na wartet nur ab, es wird bald anders werden. Im Winter hauen wir ab.«

Ein Großbauer aus Machern, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Mit der Ablieferung habe ich Zeit bis zum Jahresende. Die Rückstände aus dem vergangenen Jahr kann sich der Staat an die Esse schreiben.« Man müsste verschiedentlichen Funktionären den Schädel spalten, denn hier kann man sich nur mit Terror und Mord durchsetzen.

Am 27.9.1955 fuhren zwei Instrukteure des Rates des Kreises Rostock mit dem Bürgermeister von Mallentin in den Ortsteil Roxin/Grevesmühlen und forderten die Bauern auf, das Getreide bis auf die Wintersaat abzuliefern. Futtergetreide und Sommeraussaat dürften sie auch nicht behalten. In dieser Gemeinde wird jetzt darüber diskutiert, dass eine Bauernflucht einsetzen wird, wenn diese Maßnahmen durchgeführt werden.

Zurzeit steht bei den Erntearbeiten die Kartoffelrodung im Vordergrund. Dabei treten verschiedentlich Mängel auf, wie z. B., dass die Maschinen der MTS nicht einsatzfähig sind, da es an Ersatzteilen fehlt, oder dass die MTS ihre Verträge nicht einhalten. Vereinzelt wird auch die Meinung vertreten, die Kartoffelrodung habe noch Zeit und man erledigt vorerst andere Arbeiten.

So geht z. B. die Kartoffelrodung im MTS-Bereich Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, nur schleppend voran. Die Ursache liegt zum großen Teil an der schlechten Arbeit der MTS. Circa 50 % der Kartoffelroder der MTS sind nicht einsatzfähig, weil es an Zapfwellenabschlüssen, die beim Traktor befestigt werden müssen, fehlt.

In Trebbichau [und] Aken, Kreis Köthen, [Bezirk] Halle, hat die MTS Osternienburg trotz bestehender Arbeitsverträge noch keine Kartoffeln gerodet. Von den werktätigen Bauern wird zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht mehr gewillt sind, neue Arbeitsverträge mit der MTS abzuschließen, da die Traktoristen ja doch nur da arbeiten gehen, wo sie etwas bekommen.

Aus dem Kreis Lobenstein, [Bezirk] Gera, wird bekannt, dass verschiedentlich unter den werktätigen Einzelbauern die Tendenz vorhanden ist, dass sie meinen, es hätte mit der Kartoffelrodung noch viel Zeit und man sollte sie nicht so drängen, da sie noch in jedem Jahr rechtzeitig alles eingebracht hätten.

Bei der Verladung von gerodeten Kartoffeln traten auf den Bahnhöfen Reinsdorf, Laucha und Bad Bibra, [Bezirk] Halle, Schwierigkeiten in der Waggongestellung seitens der Reichsbahn auf. Oft sind gar keine Waggons da, oder kommen erst spät am Abend. Die angefahrenen Kartoffeln müssen von den Bauern wieder nach Hause gefahren werden. Verantwortlich: Reichsbahndirektion Erfurt.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

Bei einem Bauern aus Grumbach, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden – 51 notgeschlachtet.

In der LPG Stößen, [Kreis] Hohenmölsen, [Bezirk] Halle – gesamter Bestand von 500 Schweinen notgeschlachtet.

Feindtätigkeit

Am 29.9.1955 wurde in Ummewitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, an einem Dreschsatz 1,5 Meter elektrisches Kabel zerstört.

In der Nacht zum 3.10.1955 wurde durch unbekannte Täter in der LPG Merkwitz, [Bezirk] Leipzig, ein Traktor in Brand gesteckt. Dadurch war ein in der Nähe liegender Maschinenschuppen der LPG gefährdet.

Ferner wurde in Zwintschöna, Saalkreis, [Bezirk] Halle, ein Strohdiemen mit ca. 700 bis 800 Zentnern Weizen-, Roggen- und Rapsstroh durch vorsätzliche Brandstiftung niedergebrannt.

In Gerbitz, [Kreis] Bernburg, brannte ein Strohdiemen mit ca. 1 350 Zentner Haferstroh ab. Vermutliche Brandstiftung.

Am 3.10.1955 brannte die Scheune eines werktätigen Bauern in Halle mit ungedroschenem Roggen, Hafer und Sommergerste bis auf die Grundmauern nieder. Gebäudeschaden ca. 3 000 DM, während an Maschinen und Erntevorräten ein Schaden von ca. 6 000 bis 8 000 DM entstand.

Am 3.10.1955 brannten die VEAB Raguhn, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle, ein Strohdiemen mit ca. 30 t Stroh sowie 23 t Heu nieder.

Am 1.10.1955, gegen 9.45 Uhr, brannte bei einem ehemaligen LPG-Mitglied in Niesky die Scheune und der größte Teil des Stallgebäudes ab. Sieben Fuhren Stroh und eine Fuhre Hafer verbrannten. Schaden ca. 3 800 DM.

Einschätzung der Situation

Die Stimmung zum Staatsvertrag hat sich nicht wesentlich verändert. Hauptsächlich von fortschrittlichen Kräften wird dazu überwiegend positiv Stellung genommen. Teilweise aufgrund fehlender Aufklärung werden weiterhin eine Reihe Unklarheiten und falsche Auffassungen bekannt. Feindliche Elemente treten wenig in Erscheinung.

Dagegen wird zum Gesetz über die Ergänzung der Verfassung im starken Maße eine ablehnende Haltung festgestellt. Die Jugend zeigt sich dabei zu einem großen Teil noch nicht bereit, zur Verteidigung der Heimat beizutragen.

Die ablehnende Haltung ist auf Unklarheit und feindliche Einflüsse zurückzuführen.

Die Unzufriedenheit breiter Kreise der Bevölkerung über die wirtschaftliche Lage hält weiter an.

Anlage vom 4. Oktober 1955 zum Informationsdienst Nr. 2489

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 30.9. bis 3.10.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:29

  • Dresden 488: Kreis Görlitz 18, Kreis Löbau 25;

  • Karl-Marx-Stadt 769: Kreis Auerbach 28;

  • Suhl: Kreis Hildburghausen 1 000;

  • Potsdam 670;

  • Leipzig 2 500: Kreis Eilenburg 5 000;

  • Halle 5 500: Kreis Naumburg 500, Kreis Hohenmölsen 700, Kreis Wittenberg 400, Kreis Dessau 400, Kreis Bernburg 25;

  • Rostock 532;

  • Schwerin 159: Kreis Gadebusch 1 000;

  • Gera 60.

NTS:30

  • Erfurt 1 013;

  • Halle: Kreis Quedlinburg 13, Kreis Bernburg 17 000, Saalkreis 34;

  • Dresden 36;

  • Potsdam 3 230: Kreis Königs Wusterhausen 720;

  • Gera 500: Kreis Jena 3 000;

  • Leipzig 5 600: Kreis Delitzsch 3 000, Kreis Grimma30;

  • Berlin 69.

ZOPE:31

  • Gera: Kreise Schleiz und Stadtroda 3 000;

  • Dresden 196;

  • Potsdam 5 000.

KgU:32

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Plauen 600;

  • Potsdam einige;

  • Halle 4 000.

Tschechische Sprache:

  • Karl-Marx-Stadt 1 400;

  • Dresden 25.

Unbekannter Herkunft:

  • Cottbus 1 530;

  • Halle: Kreis Quedlinburg 10;

  • Frankfurt/Oder: Kreis Fürstenwalde, 40 050 Kreis Seelow 200;

  • Potsdam 1 250: Kreis Potsdam-Land 2 000, Kreis Nauen 1 000;

  • Berlin 49 014.

CDU-Ostbüro:33

  • Frankfurt/Oder: Kreis Stalinstadt34 65.

Freie Junge Welt:35

  • Dresden: Kreis Pirna einige;

  • Halle 235;

  • Erfurt 500;

  • Rostock 350.

Tarantel:36

  • Berlin 1 678.

ZK der antibolschewistischen Soldaten in der KVP:

  • Berlin 80 000.

Antidemokratische Tätigkeit

Am 1.10.1955, gegen 22.15 Uhr, wurde der Kreissekretär der SED-Kreisleitung Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, von drei Jugendlichen tätlich angegriffen. Es handelt sich hier um Jugendliche, die als Herumtreiber und Arbeitsbummelanten bekannt sind. Täter wurden festgenommen.

In Dresden wurden zwölf selbstgefertigte Hetzschriften mit der Aufschrift: »Eltern schützt eure Kinder vor der Regierung« und drei Hetzzettel: »Wir fordern freie Wahlen« gefunden.

In der Gemeinde Lomnitz, [Bezirk] Dresden, wurde in der Nacht zum 2.10.1955 eine Hetzschrift mit der Überschrift »Weißt du schon?« an die Bekanntmachungstafel angebracht. Inhalt: Hetze gegen einige führende Funktionäre der Gemeinde.

In der Nacht zum 27.9.1955 wurde auf die Straße am Ortseingang von Großdubrau, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, mit grüner Farbe folgende Losung geschmiert: »Freie Wahlen, nieder mit der SED

In der Nacht zum 26.9.1955 wurde eine schwarz-rot-goldene Fahne vom Kindergarten in Tremmen, Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, heruntergerissen, beschmutzt und in eine Ecke geworfen. Täter unbekannt.

In Großenhain, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass in nächster Zeit die Jahrgänge 1930 bis 1933 eigezogen werden, ganz gleich ob Junge oder Mädel.

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    4. Oktober 1955
    Landwirtschaft [Nr. 8/55]

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    1. Oktober 1955
    Versorgung [V 7/55]