Versorgung
4. Oktober 1955
Versorgung [V 8/55]
In den Kreisen Gera, Schleiz, Jena und vereinzelt auch in anderen Kreisen des Bezirkes Gera mangelt es wieder an HO-Butter1 und HO-Margarine. Oft fehlt es auch an HO-Fleisch. Des Weiteren mangelt es bzw. sind überhaupt nicht zu haben: Eier, HO-Zucker, verschiedentlich auch wieder Zwiebeln. Darüber werden natürlich unzufriedene und negative Diskussionen geführt.
Im Kreis Belzig, [Bezirk] Potsdam, bestehen zurzeit große Schwierigkeiten in der Versorgung mit Zigaretten, Fleischwaren und Zucker auf Markenbasis. Um die Versorgung mit Zucker auf Marken zu gewährleisten, werden noch 3 t benötigt. Zurückzuführen ist dies darauf, dass beim Kreis-Konsum2 in Belzig 3 t Süßwaren auf Markenbasis lagern und dem Verderb ausgesetzt sind, da sie von der Bevölkerung nicht mehr abgenommen werden.
Bei Zigaretten ist es so, dass ab 3.10.1955 keine Zigaretten mehr in den Handel gelangen können, weil sämtliche Zigaretten, die noch in den Lagern der HO und des Konsums vorrätig waren, schon in dieser Woche verteilt wurden, weil 500 000 Importzigaretten, welche für den Kreis eingeplant waren, noch nicht eingetroffen sind.
Die Fleischversorgung auf Markenbasis ist ebenfalls nur bis zum 30.9.1955 gesichert. Von der VEAB Belzig, [Bezirk] Potsdam, ist kein Lebendvieh zu erwarten, da sämtliche Viehauftriebe für die Ausfuhr vorgesehen sind.
Nach wie vor besteht hauptsächlich in den Landgemeinden ein Mangel an Marmelade und Nährmitteln.
Der Mangel an billigen Zigaretten ist ebenfalls noch nicht behoben. Die Arbeiter aus den Landgemeinden des Bezirkes Potsdam diskutieren sinngemäß darüber, dass sie gegenüber den Arbeitern in der Stadt zurückgesetzt werden.
Da jetzt viele Erntehelfer in den Landgemeinden eingesetzt sind, macht sich das Fehlen von billigen Zigaretten besonders stark bemerkbar.
Im Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, bestehen Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit HO-Butter und Fleisch. Einige Frauen unterhielten sich darüber in einer Konsum-Verkaufsstelle in Neustadt. Dabei erklärte eine von den anwesenden Frauen, der Grund für die Knappheit an HO-Butter läge darin, dass aufgrund einer Verordnung alle Jugendlichen eingezogen würden. Damit diese nicht desertieren, wolle man ihnen bei der »Armee ein schönes Leben bereiten«.
Im Kreis Bautzen und Dresden, [Bezirk] Dresden, ist in der letzten Zeit eine sehr mangelhafte Belieferung mit Speck zu verzeichnen, sodass es nicht möglich ist, die Marken damit zu beliefern.
Von der VEAB in Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, wird gemeldet, dass diese von der VEAB Sondershausen 100 000 Frischeier erhalten soll. Nach Rücksprache erklärten die Kollegen aus Sondershausen, dass sie nicht in der Lage sind, diese Vertragsmenge anzuliefern. Obwohl im Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, einige 100 000 Eier auf Lager sind, gab das Staatssekretariat für Erfassung in Berlin keine Freigabe hierfür. Dadurch konnten seit ca. drei Wochen in den HO-Verkaufsstellen keine Eier an die Bevölkerung angeboten werden.
Im Schuhwerk »Banner des Friedens« in Weißenfels, [Bezirk] Halle, erhält die Betriebsverkaufsstelle für jede Schicht eine Kiste Eier zur Verteilung. Darüber kam es in jeder Schicht zu abfälligen Diskussionen, weil eine Kiste Eier für 1 000 Werktätige höchst unzureichend ist.
Görlitz, [Bezirk] Dresden, benötigt für die Einkellerung ca. 82 000 t Kartoffeln. Diese Kartoffeln müssen ausschließlich vom Kreis Görlitz aufgebracht werden. Laut Plan hat der Kreis Görlitz Land ein Ablieferungssoll von 85 000 t Kartoffeln. Dieses soll aber aufgrund der schlechten Witterung in diesem Jahr nicht erfüllt werden können. Das bedeutet, dass die Bevölkerung von Görlitz nicht voll mit Einkellerungskartoffeln beliefert werden kann.
In Görlitz, [Bezirk] Dresden, ist die Fleischversorgung nur noch für acht Tage gesichert. Die vorhandenen Waren bestehen aus ca. 20 % Frischfleisch und ca. 80 % Wurst. Das bedeutet, dass es in Görlitz in dieser Woche in einigen Geschäften kein Frischfleisch gibt.
Bei der ABF3 Görlitz sind 15 t mittelfrühe Kartoffeln verdorben. Diese sind für den menschlichen und tierischen Genuss nicht mehr brauchbar.
Ein weiterer Mangel in der Versorgung im Bezirk Cottbus bildet augenblicklich die Belieferung der Geschäfte mit Frischfleisch, was ihre Ursache darin findet, dass der Aufkauf von Vieh in den Landgemeinden sehr schleppend vor sich geht.
In der nicht ausreichend aufkommenden Mengen an Lebendvieh ist die Fleischversorgung im Bezirk Neubrandenburg wiederum als sehr angespannt zu bezeichnen.
An der täglich benötigten Menge im Bezirk Neubrandenburg fehlen ca. 30 bis 40 t Lebendvieh. Das sind etwa 30 % der Planmenge an Fleisch. Das Wurstsortiment ist völlig unbefriedigend. Berlin hat den Lieferstopp aufgehoben, sodass die Ausfuhr wieder in voller Höhe erfolgen muss.
In der letzten Zeit konnte der Fleischbedarf in Magdeburg nicht restlos gedeckt werden. Es stand in der Hauptsache nur chinesisches Gefrierfleisch zur Verfügung. Anfall an Frischfleisch war kaum zu verzeichnen. Aus diesem Grunde war der Anfall von Roh- und Dauerwurst sehr gering, der dem Bedarf nicht entsprach. Die Mitte voriger Woche aufgenommenen Verbindungen der HO mit der Halberstädter Fleisch- und Wurstwarenfabrik, dass sofort zehn t Wurstwaren zur Verfügung gestellt werden sollten, konnte von dort nicht eingehalten werden. Es wurden lediglich ca. 1,5 t geliefert, welches zur Deckung der Ansprüche nicht ausreichte.
Im Kreis Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, ist die Versorgung mit Zucker ebenfalls nicht gesichert. Im Monat September konnten die Ansprüche nicht abgedeckt werden. Für den Monat Oktober besteht ebenfalls keine Aussicht den Bedarf zu decken, da der Transportraum für 15 t, die von Magdeburg nach Halberstadt geliefert werden müssen, weder von der Reichsbahn noch vom VEB Kraftverkehr zur Verfügung gestellt werden können.
In der Eierversorgung bestehen ebenfalls Schwierigkeiten, da die Planmenge nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken.
Am 25.7.1955 ging in Görlitz, [Bezirk] Dresden, mit Wareneingangsschein Nr. 302340 vom VLK Berlin, Außenstelle Dresden, eine Lieferung von 16 966,250 kg Rohrzucker aus Brasilien bei der Konsum-Genossenschaft ein.
Eine Überprüfung dieses Rohrzuckers ergab, dass dieser für den menschlichen Genuss wenig geeignet ist, da er zum Teil einen Petroleum-Geruch aufweist und außerdem stark verunreinigt ist.
Dieser Zucker wurde daraufhin der Görlitzer Süßwarenfabrik zur Weiterverarbeitung übergeben. Inwieweit sich dieser Zustand nachteilig auf das Produkt auswirkt, ist noch nicht festgestellt worden.
Die Kollegen der Görlitzer Süßwarenfabrik brachten zum Ausdruck, dass sie für den Export nur die besten Qualitätswaren liefern müssten und man müsste erwarten können, dass die Außenhandelsstelle auch nur gute Qualitätsware abnehmen.
In der Konsum-Verkaufsstelle »Zentraluhr« in Zeitz, [Bezirk] Halle, kamen grüne Heringe zum Verkauf, welche schlecht waren. Diese rief heftige Diskussionen der Bevölkerung hervor, worauf der Verkauf eingestellt wurde.
In der Abteilung Aufbau beim Rat des Kreises Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, gibt es Schwierigkeiten in dem Abtransport von Bauholz für die LPG-Bauten, und zwar liegen 40 cbm Dachlatten und Kanthölzer im VEB-Sägewerk Bärenstein, Kreis Lauenstein, wofür die Bahndirektion Dresden keine Wagen zur Verfügung hat bzw. stellt.
Aus den Kreisen der Handwerker wird immer wieder Beschwerde geführt über die schlechte Versorgung mit Material.
So beklagten sich einige Handwerker aus Schulzendorf, Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, dass die Dachdecker keine Dachpappe für Dachreparaturen erhalten. Ebenfalls über den Mangel an Zement wurde geklagt.
Die Bevölkerung im Kreis Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, sowie Magdeburg führen Klage darüber, dass es keine zusätzlichen Haushaltsmittel in der HO zu kaufen gibt.
In der Kohlenversorgung ist die Nachfrage nach HO-Brikett sehr groß. Wegen der zu geringen Anlieferung von Braunkohlenbriketts konnten bisher noch keine Briketts zum HO-Verkauf freigegeben werden.
Am 27.9.1955 übergab der Rat der Stadt Rostock, Abteilung Handel und Versorgung der HO-Industriewaren Kohlengutscheine über 615 t Brikett. Diese wurden am 28.9.1955 in Verkauf gebracht und waren am Nachmittag völlig ausverkauft.
In der HO-Industriewaren (Wismut)4 Freital, [Bezirk] Dresden, sind für 300 000 DM Möbel am Lager. Der dafür verantwortliche Genosse kauft die Möbel ein, ohne irgendeine Rückfrage mit dem Lager zu nehmen.
Die HO-Schuhgeschäfte in Luckau, [Bezirk] Cottbus, erhielten eine Sendung Schuhe, bei welchen zu 40 % die Nägel ungefähr einen cm aus den Schuhen heraussteckten. Um die Sendung nicht wieder an die Fa. »Junge Garde«5 zurückzuschicken, weil kein Angebot von anderen Schuhen vorhanden war, ist die HO gezwungen jetzt zum Privatmann zu gehen, um diese Mängel von ihm beseitigen zu lassen.
Die von der Fa. Favorit6 angelieferten Schuhe sind von so schlechter Qualität, dass sich während des Transportes im Karton die Sohlen der Schuhe gelöst haben.