Zur Beurteilung der Situation in der DDR
6. Oktober 1955
Informationsdienst Nr. 2490 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben sich in der Einschätzung der politischen Diskussionen keine wesentlichen Veränderungen ergeben. Weiterhin wird zum Staatsvertrag1 überwiegend positiv gesprochen. Zum Gesetz zur Ergänzung der Verfassung2 zum Schutze unserer Republik gibt es mehr ablehnende Stimmen. Besonders unter den Jugendlichen, die vielfach nicht die erforderliche Verteidigungsbereitschaft zeigen. In vielen Fällen ist aber die ablehnende Haltung nicht auf eine feindliche Einstellung gegenüber unserer Republik zurückzuführen, sondern vielmehr auf eine ungenügende Aufklärung bzw. Erziehung zu einer richtigen Einstellung zu unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat. Direkt negative bzw. feindliche Einstellungen drücken sich meist in dem Argument aus, »in der DDR werde ich nicht Soldat, lieber haue ich nach dem Westen ab«. Auch gibt es jetzt schon vereinzelt Anzeichen dafür, dass Jugendliche aufgrund der Annahme, dass bei uns bald die Wehrpflicht eingeführt würde, republikflüchtig werden.
Zum Beispiel setzten sich im Fernmeldewerk Leipzig am 30.9.1955 vier Jugendliche nach dem Westen ab. Einer von diesen Geflüchteten hat mit einem im Betrieb verbliebenen Kollegen vor seiner Flucht folgende Diskussion geführt: »Jetzt kommt bestimmt das Wehrgesetz. Ich habe deshalb vor, nach Westdeutschland zu gehen, denn in die KVP trete ich nie ein. In Westdeutschland aber mache ich mit.«
Im VEB Gaswerk »Max Reimann« Leipzig setzten sich aus den gleichen Gründen zwei Jugendliche nach dem Westen ab.
Weiterhin zeigt sich unter den Werktätigen der Betriebe eine nicht zu unterschätzende Unzufriedenheit bzw. Verärgerung über die Lebenslage in der DDR.
Dies ist in erster Linie auf die laufend bestehenden Mängel in der Versorgung sowie auf die vermeintlich zu niedrige Entlohnung in verschiedenen Industriezweigen zurückzuführen, die nach Meinung vieler Beschäftigten nicht den Lebenshaltungskosten entsprechen würde. Deshalb kommt es immer wieder zu Diskussionen, die ein Unverständnis darüber ausdrücken, dass nach zehn Jahren Kriegsende noch immer Versorgungsschwierigkeiten auftreten. Oder es wird sehr häufig gefragt, »wo bleibt der versprochene Lebensstandard für 1955«.3 Durch diese Unzufriedenheit kommt es vielfach zu der Feststellung, dass in Westdeutschland der Lebensstandard besser als bei uns sei. Als »Beweis« werden dabei meist das reichhaltige Warenangebot sowie die angeblich besseren Verdienstmöglichkeiten in der Bundesrepublik angeführt.
Eine nicht unbedeutende Rolle bei den unzufriedenen Stimmungen eines Teiles der Werktätigen spielen auch die betrieblichen Dinge, dabei besonders auch die Auszahlung der Quartalsprämien.4 Vielfach wird hierbei die Meinung von den Arbeitern vertreten, dass es nicht richtig sei, dass den Wirtschaftsfunktionären so hohe Prämien gezahlt werden, wo doch sie, die Arbeiter, den stärksten Anteil an der Erfüllung der Pläne haben.
Die Auswirkung der Unzufriedenheit besteht in negativen Diskussionen und in einer gewissen Interessenlosigkeit gegenüber dem politischen Geschehen, was sich ganz besonders an der Nichtbeteiligung an Diskussionen in Versammlungen zeigt.
Auch gibt es wiederholt Anzeichen dafür, wo die Partei- sowie Gewerkschaftsfunktionäre nicht ihren Aufgaben nachkommen und die Beschäftigten nicht entsprechend aufklären, sondern selbst resignieren und eine schlechte Arbeit leisten.
Zum Beispiel werden im VEB »Ernst-Thälmann-Werk« in Suhl5 wenig Diskussionen über den Staatsvertrag geführt. In den Kurzversammlungen der Abteilung Rechenmaschinen und des Konstruktionsbüros traten darüber überhaupt keine Diskussionen auf. Die Partei tritt in diesem Betrieb ungenügend als Motor in Erscheinung. Auch gibt es einzelne Genossen, die eine Einstellung vertreten, wie z. B. »Ich kann im Rahmen der Nationalen Front6 nicht mitarbeiten, weil ich von der Politik unserer Partei nicht überzeugt bin.«
Aus den gleichen Gründen lehnte ein anderer Genosse die Mitarbeit in den Haus- und Hofgemeinschaften7 ab.
Bei der Eröffnung des Parteilehrjahres in diesem Betrieb war eine sehr schlechte Beteiligung in den einzelnen Zirkeln zu verzeichnen. So waren sogar in manchen Zirkeln nur der Propagandist und sein Assistent erschienen.
Im Schiffswerk Oderberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wird ebenfalls eine ungenügende Parteiarbeit geleistet, und es zeigt sich bei den Genossen sowie Parteilosen eine Interessenlosigkeit gegenüber dem politischen Geschehen. So erschienen zu einer öffentlichen Parteiversammlung, zu der alle Werksangehörige eingeladen waren, nur 17 Kollegen. In der Diskussion wurde vorwiegend über wirtschaftliche und persönliche Belange gesprochen.
Ein Kollege (Held der Arbeit)8 aus dem Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle, äußerte: »Es wird bei uns in der Abteilung wenig über den Staatsvertrag gesprochen. Auch Genossen sind äußerst zurückhaltend. Ich habe den Eindruck, dass ein großer Teil der Walzwerker die Westsender hört.«
Ein Genosse aus der Stanzerei des gleichen Werkes sagte: »Bei den politischen Gesprächen mit meinen Kollegen in den Mittagspausen muss ich feststellen, dass ca. 70 % gegen mich polemisieren.«
Auch im VEB Waggonbau Görlitz werden wenig Gespräche über die politischen Ereignisse geführt. Im Vordergrund der Diskussionen steht die Versorgungslage.
Ein Arbeiter äußerte gegenüber einem Funktionär: »Schafft erst einmal einen besseren Lebensstandard. Er wurde uns für 1955 versprochen. Bis jetzt ist nichts davon zu merken.«
Im VEB Volltuch Görlitz werden ähnliche Diskussionen geführt.
Ein Kollege aus dem Bau 957 des Leuna-Werkes sagte: »Der Arbeiter sieht in erster Linie darauf, dass er für sein Geld etwas kaufen kann. Solange die Lebensmittelpreise in Westdeutschland niedriger als bei uns sind, kann der Arbeiter nicht für unsere Sache gewonnen werden. Wenn Walter Ulbricht9 wieder einmal nach Leuna kommt, möchte ich gern einmal mit ihm sprechen. Viele Arbeiter bei uns sind der Meinung, dass es nicht richtig ist, dass bei einem Staatsbesuch nur immer Funktionäre und Meister vertreten sind und der Kumpel darf nie dabei sein.«
In den Betrieben VEB Zeiss, Schott und Jenapharm [in] Jena werden ebenfalls viel unzufriedene Diskussionen über die wirtschaftliche Lage geführt.
Dazu äußerte z. B. eine Angestellte, parteilos, aus dem VEB Schott Jena: »Bei uns im Betrieb sind die Kollegen über die schlechte Versorgung, insbesondere mit HO-Butter10 verärgert. Man braucht sich daher nicht zu wundern, dass viele von ihrem Urlaub aus Westdeutschland nicht zurückkehren.«
Wie bereits erwähnt, geben die Lohn- und Prämienfragen vielfach Anlass zur Verärgerung, was seinen Ausdruck in negativen Diskussionen sowie Fluktuationen findet.
Zum Beispiel sagte ein Angestellter, parteilos, aus der kaufmännischen Abteilung des VEB Kompressorwerk in Gera: »Wenn die Gehälter herabgesetzt werden, muss ein 17. Juni11 wiederkommen, damit wir unser Recht haben.«
Ein anderer Angestellter der gleichen Abteilung: »Wenn die Gehälter gekürzt werden, überlege ich mir, ob ich nach dem Westen gehe. Ein Angebot habe ich schon.«
In der Ziegelei in Hötensleben, [Bezirk] Magdeburg, reichten 16 Arbeiter ihre Kündigung ein. Die Gründe dafür sind die schlechten Tarifverhältnisse für die Ziegelarbeiter, die bereits seit Jahren von der Gewerkschaft geregelt werden sollen.
Der Durchschnittsverdienst im Sommer ist 450 DM und im Winter 250 DM. Der Abgang der 16 Mann, es handelt sich um die Ofenbrigade, würde den Stillstand des Betriebes bedeuten. Es werden deshalb Verhandlungen mit dem FDGB geführt.
Bei der Auszahlung der Quartalsprämie im VEB Schiefergruben in Steinach, [Bezirk] Suhl, erhielt der Betriebsleiter 1 500 DM.
Darüber herrscht Empörung unter den Arbeitern und es kommt zu Diskussionen, wie z. B. »Wenn es wieder zu einem 17. Juni kommt, marschieren wir alle mit«.
Auch im RAW »Einheit« Engelsdorf, [Bezirk] Leipzig, kam es aus dem gleichen Anlass zu negativen Diskussionen. So sagte z. B. ein Arbeiter: »Auf der einen Seite presst man aus uns alles heraus und es werden die Erschwerniszulagen einfach abgezogen. Oder wenn man an einer Maschine ein neues Teil braucht, ist kein Geld dafür da, und man muss das alte Zeug wieder zusammenflicken. Für uns, die wir die Arbeit machen, ist für eine Prämie noch keine Mark dagewesen.«
Ein anderer sagte: »Es ist eine Schande, wie mit uns verfahren wird. Wir stehen herum, haben keine Arbeit und verdienen nichts. Die Herren aber verdienen schon ein Stange Geld und hier schmeißt man ihnen noch Tausende Mark an den Hals. Das rächt sich alles einmal, und diese Meinung wird überall vertreten.«
Wie sich mitunter die Arbeiter aufgrund der Unzufriedenheit von klassenfeindlichen Elementen beeinflussen lassen, zeigt nachstehendes Beispiel:
Am 3.10.1955 kam ein Arbeiter, SED und zweifacher Aktivist,12 aus dem VEB Rathenower Optische Werke Potsdam – Abteilung Ausschleifung – gegen 19.00 Uhr (seine Schicht begann um 16.00 Uhr) im angetrunkenen Zustand zur Arbeit. Er versuchte, die Kollegen von der Arbeit abzuhalten, indem er Anweisung gab, die Maschinen abzuschalten. Dies wurde auch befolgt, sodass es zu einer Arbeitsunterbrechung in der Zeit von 20.30 bis 21.30 Uhr kam. Auch beschimpfte er die Funktionäre sowie die DDR auf das Gröblichste. Er trat bereits seit längerer Zeit negativ in Erscheinung. (Maßnahmen wurden eingeleitet.)
Industrieausstellung13 in Westberlin
Dazu wurde bekannt, dass diese laufend von Bürgern der DDR und des demokratischen Sektors14 von Berlin besucht wird, und dass am 5.10.1955 ein besonders starker Andrang von ca. 2 000 Personen an der »Ostkasse« zu verzeichnen war.
Auch werden von den Kassen Hetzschriften, wie z. B. die »Junge Welt«,15 »Telegraf«16 und »Tarantel«17 verteilt.
Unter den Arbeitern der Abteilung Emulsionsgießerei im Betrieb Kodak Berlin besteht ein starkes Interesse am Besuch dieser Ausstellung. Einen besonderen Anreiz bieten der Eintrittspreis von einer Mark der Deutschen Notenbank18 und dass man für eine Mark der Bank Deutscher Länder19 Waren kaufen kann. Verschiedentlich wurde deshalb von den Arbeitern geäußert, dass sie mehrmals die Ausstellung besuchen wollen.
Im Industriewerk Ludwigsfelde, [Bezirk] Potsdam, wurde das Gerücht verbreitet, dass die Arbeiter am 7. Oktober20 geschlossen die Industrieausstellung besuchen sollten.
Feindtätigkeit
In der Nacht vom 1.10. zum 2.10.1955 wurde die zum VEB Volltuch Kamenz, [Bezirk] Dresden, gehörende Schleuse zur Schwarzen Elster von unbekannten Personen geöffnet. Im Werk entstand dadurch Wassermangel.
In letzter Zeit häufen sich die Fälle, dass in Görlitz, [Bezirk] Dresden, Personen angeschrieben werden, sie sollen nach Westdeutschland zu einer Aussprache kommen.
Binnen kurzer Zeit wurden drei Personen des VEB Kühlhaus Görlitz und ein Angestellter der DHZ21 Maschinenbau angeschrieben. Die Briefe hatten alle den gleichen Text. Bei Ankunft in Westberlin sollen sie die Tel.-Nr. 840883 anrufen. Das Fahrgeld würde ihnen vergütet.
In der Klosettanlage der Abteilung Schreibmaschinen des VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, wurden Hetzlosungen angenagelt, welche sich gegen unsere Regierung richteten. Unter anderem wurde ein Hakenkreuz gemalt und weiterhin die Karte von Deutschland, welche die Form hatte, als wenn ein Mensch dasteht und den rechten Arm zum faschistischen Gruß erhebt. Darunter stand geschrieben, »so sehen die Grenzen Deutschlands aus«.
Im Bahnhof Dresden-Friedrichstadt wurden an den Türen von vier Postenhäuschen folgende Losungen mit Kreide geschmiert: »Schafft den Zwölfstunden-Tag ab, unfallfreies Arbeiten nur bei Achtstunden-Dienst möglich.«
Am 3.10.1955 wurde im Speiseraum der Transportabteilung des Karl-Marx-Werkes in Potsdam-Babelsberg22 ein Ernst-Thälmann-Bild23 von bisher unbekannten Tätern beschädigt.
Im VEB Holzbauwerke Leipzig N 21 wurde auf der Abortanlage an einer Tür der 1. Vers vom »Deutschland-Lied« geschmiert.
Versorgung der Bevölkerung
Die Butter- und Fettversorgung (pflanzliche- und tierische Fette auf HO-Basis ist in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Rostock, Dresden und Neubrandenburg nicht sichergestellt. Aus diesem Grunde kam es dabei im Bezirk Karl-Marx-Stadt wieder zu Schlangenbildungen vor den Geschäften.
Am 5.10.1955 standen z. B. in der HO-Wismut24 Verkaufsstelle in Zschopau, Ludwig-Würkert-Straße, ca. 450 Personen in Viererreihen an, was bisher die höchste Zahl von Käufern ist.
Im VEB Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fallen an einem Tage ca. 100 Arbeitsstunden aus, weil die Arbeiter, wenn es in der Betriebsverkaufsstelle HO-Butter gibt, danach Schlange stehen.
In Aschersleben, [Bezirk] Halle, gibt es besonders Schwierigkeiten in der Versorgung mit Margarine auf HO-Basis. Die Bestellungen der HO-Lebensmittelverkaufsstellen laufen auf ca. zehn t. Das Kontingent beträgt aber nur ca. 4,8 t.
In der Gemeinde Rensow, Kreis Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, bekommt die Verkaufsstelle bei jeder Lieferung nur 15 kg Margarine, die bei Weitem für die vorhandenen Haushalte nicht ausreicht.
Obgleich in einigen Bezirken die Schwierigkeiten in der Fleischversorgung durch die bessere Erfassung durch die VEAB, die bedingt ist dadurch, dass den Bauern für ihr Vieh wieder Höchstpreise gezahlt werden, zum großen Teil behoben sind, gibt es in den Bezirken Schwerin, Halle, Magdeburg und Dresden noch weiterhin Unzulänglichkeiten.
So ist z. B. im Bezirk Schwerin die Fleischversorgung für das Wochenende nicht gesichert, obgleich den Großbetrieben 35 t Fleischkonserven für die Großverbraucher zur Verfügung gestellt werden.
Dem Bezirk wurden seit 14 Tagen 100 t Importfleisch zugesichert, die aber bis zum heutigen Tage nicht eingetroffen sind.
Ebenso ist in fast allen Kreisen des Bezirkes Magdeburg die Frischfleischversorgung auf HO- sowie Markenbasis nicht gesichert.
Mangel an verschiedenen Lebensmitteln
Außer dem Mangel an Fleisch und Butter hält der Mangel an Nährmitteln, der besonders stark in ländlichen Gemeinden zu verzeichnen ist, und zum Teil an Obst und Gemüse (dabei vor allem Zwiebeln) Tee, Zucker, Süßwaren und anderes noch weiterhin unvermindert an.
Warenverderb
Am 23.9.1955 erhielt die KG25 Görlitz vom VE-Import und Lagerung Dresden 400 Dosen Rindfleisch, wovon 281 Dosen für den menschlichen Genuss nicht mehr verwendbar sind.
Am Lager befanden sich ein Posten von 170 Büchsen derselben Erzeugnisse, wovon ebenfalls 114 Dosen verdorben sind.
Im Bezirk Cottbus wurden in den Monaten August und September 1955 größere Mengen bereits verdorbener Lebensmittel den Abdeckereien übergeben.
Das Versorgungskontor26 Fischwirtschaft Cottbus übergab der Abdeckerei 720 kg Seelachsschnitzel, 87 kg Delikatheringe; das VE-Kontor Import und Lagerung Cottbus 45 Dosen Fleischkonserven; die Konsum-Genossenschaft Cottbus 220 kg Bücklinge; das Zentrale Absatzkontor für Fischwirtschaft Cottbus 114 kg diverse Fischwaren; der Konsumgenossenschaftsverband Kreis Cottbus 70 kg Fisch; die Konsum-Fleischerei Freienhufen, Kreis Senftenberg 100 kg Speck; der Kreis-Konsum-Genossenschaftsverband Kreis Calau 900 kg Landbutter.27
Stimmung zur Versorgungslage
Aus den Diskussionen der Bevölkerung über die Versorgungslage ist weiterhin die große Unzufriedenheit darüber zu entnehmen. Die Bevölkerung kann nicht verstehen, wieso die Versorgung mit den wichtigsten Lebensmitteln immer schlechter wird, wo doch nach zehn Jahren Kriegsende die Lage ganz anders aussehen müsste. Die Hausfrauen sind besonders darüber verärgert, dass die Ware abwechselnd nicht zu kaufen sind. Ist die eine Ware endlich vorhanden, fehlt es wieder an der anderen und sie müssen sich nach dieser dann stundenlang anstellen.
Dazu äußerte z. B. eine Hausfrau aus Silberhausen, [Bezirk] Erfurt: »In diesem Staat ist ja nie alles richtig beisammen. Jetzt haben wir wieder Rindfleisch, da fehlt es wieder an Marmelade. Wenn es diese schon nicht mehr gibt, dann sieht es ja traurig aus. Da haben wir doch in den schlechten Jahren 1945 mehr von diesen Sachen gehabt als heute.«
Verärgerung unter den Hausfrauen gibt es auch darüber, dass sie ewig nach den Waren anstehen müssen, und diese dann zu guter Letzt nicht mehr bekommen. Vereinzelt werden auch Stimmen laut, die erkennen lassen, dass sich die Bevölkerung schon gar nicht mehr über die schlechte Belieferung mit Waren wundere und auch gar nicht mehr darüber schimpft, weil man eingesehen hätte, dass dies alles keinen Zweck hat und sowieso nichts ändern würde.
Zum Beispiel sagte ein Lackierer vom VEB »EFR« Ruhla,28 [Bezirk] Erfurt: »Solange die Leute noch über alles geschimpft haben, was ihnen nicht passte, hatten sie noch die Hoffnung, dass es einmal besser wird. Heute schimpft schon keiner mehr, weil keiner mehr glaubt, dass es noch einmal besser werden kann. Die Versorgung bei uns in der DDR ist doch ein einziges Fiasko.«
Zur Lage in der Landwirtschaft
Wie in der Industrie, so stehen auch unter der Landbevölkerung die Frage des Staatsvertrages und vor allem das Gesetz über die Verfassungsänderung im Vordergrund der politischen Gespräche. Trotzdem, dass diese Gespräche nicht zahlreich sind, zeigt sich doch, dass es auch hier eine ganze Reihe unklarer Fragen gibt, die besonders auf ungenügende Aufklärungsarbeit, was in der Landwirtschaft besonders typisch ist, zurückzuführen sind.
Durch die viel verbreitete pazifistische Einstellung, besonders auch unter den Jugendlichen, macht sich bei einem Teil eine gewisse Angst bemerkbar, die sich darin ausdrückt, dass sie lieber nach dem Westen gehen wollten, ehe sie ein Gewehr in die Hand nehmen bzw. dass sie erklären, den Gestellungsbefehl zu zerreißen.
Durch ungenügende Aufklärung seitens der Politabteilungen und der BPO in der MTS Doberlug-Kirchhain, [Kreis] Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, kursieren in der MTS und in den Brigadestützpunkten negative Diskussionen.
So äußerte sich z. B. ein Brigademechaniker, dass jetzt viele nach dem Westen abhauen würden, die eventuell für eine Einberufung infrage kämen.
Eine Jugendliche aus Glesien, [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig: »Der Grund zu den erhöhten Republikfluchten unter den Jugendlichen ist das Wehrgesetz, was bei uns in Kürze eingeführt wird. Die Ergänzung zur Verfassung ist schon der erste Schritt dazu.«
Ein Agronom der MTS Burow, [Kreis] Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg: »Jetzt wird ja die Wehrpflicht eingeführt, aber mich kriegen sie dann nicht, lieber setze ich mich nach dem Westen ab.«
Bezüglich der Wehrpflicht wird vereinzelt auch geäußert, dass man ja nicht über den Westen reden solle, wenn da die Wehrpflicht eingeführt wird. Bei uns tue man das Gleiche, nur immer unter dem »Deckmantel Frieden«. Außerdem wird gesagt, dass die Regierung mit dem Staatsvertrag endlich das erreicht hat, was sie wollte, denn sie hätte schon immer danach getrachtet, die Wehrpflicht einzuführen.
Vereinzelt tritt damit im Zusammenhang die Frage auf, wie es in der Landwirtschaft werden soll, wenn durch die Wehrpflicht die Jugend abgezogen würde. Es bestünde schon jetzt ein großer Arbeitskräftemangel.
Ein Melker der LPG »Friedrich Knaust« von Baalberge, [Kreis] Bernburg, [Bezirk] Halle, sagte z. B.: »Die Änderung der Verfassung kann doch nicht bedeuten, dass man bei uns die Wehrpflicht einführt, denn dann würden bei uns die Arbeitskräfte noch knapper werden, sodass die Arbeit kaum noch zu schaffen wäre. Gerade in der Landwirtschaft spüren wir doch das am stärksten.«
Nach wie vor bildet die Kartoffelrodung den Schwerpunkt bei den Erntearbeiten.
Dabei macht sich häufig bemerkbar, dass auch hier die gleichen Schwierigkeiten wie bei der Getreideernte auftauchen.
Als besonders schlecht wird die Einsatzfähigkeit der Maschinen bezeichnet, die zum Teil nicht eingesetzt werden können, weil Ersatzteile dazu fehlen.
So ergeben sich z. B. in der MTS Ziesar, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, Schwierigkeiten bei der Kartoffelrodung, weil entweder die Maschinen ausfallen oder Ersatzteile fehlen.
Unzufriedene Diskussionen werden auch über die »Schatzgräber«29 geführt, weil diese nach kurzem Einsatz auf dem Acker für längere Zeit ausfallen und dafür Ersatzteile nur schwer oder gar nicht zu bekommen sind.
Aus einigen Kreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt wird gemeldet, dass bei den Rodemaschinen die Welle des Wurf- und Schleuderrades zu Bruch geht.
In der MTS Schönfeld, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, treten ebenfalls Schwierigkeiten beim Einsatz des Schatzgräbers auf. Aufgrund der nassen Witterung sind besonders Rahmen- und Federbrüche sowie Brüche an den Sieben zu verzeichnen.
Außerdem treten verschiedentlich Schwierigkeiten im Abtransport der gerodeten Kartoffeln auf.
So ist z. B. teilweise die Waggonbereitstellung zur Verladung der Kartoffeln seitens der Reichsbahn nicht gut organisiert. Im Kreis Pritzwalk ist es schon des Öfteren vorgekommen, dass Kartoffeln von den Erzeugern auf die Verladerampen geschüttet würden, weil keine Waggons da waren.
Durch längere Lagerung konnte später ein großer Teil der Kartoffeln für den menschlichen Genuss nicht mehr gebraucht werden.
Im Kreis Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, wollten die Bauern ihre Kartoffeln an die VEAB abliefern. Die Kartoffeln wurden aber weder von der VEAB noch vom Großhandelskontor30 Nordhausen abgenommen. Diese gaben an, keine Lagerungsmöglichkeit zu haben.
Die BHG Mochau, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, erhielt am 4. und 5.10.1955 zwei Lieferungen von insgesamt 15,7 t Saatkartoffeln. Es wurde festgestellt, dass die erste Lieferung von 5 t zu 26 % unbrauchbar ist, da sie von Braunfäule befallen war. Bei der zweiten Lieferung waren 15 % minderwertige Kartoffeln dabei.
Verantwortlich für die Abnahme und Begutachtung des Saatgutes ist die BSG Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt.
In Bitterfeld, [Bezirk] Halle, wurden 187 t Saatkartoffeln, Sorte »Sieglinde«31 vom Bezirk zugewiesen. Die Bauern nehmen diese Kartoffeln nicht ab, weil sie diese Sorte nicht bestellt haben, da sich diese für den Boden im Kreis nicht eignet.
Verderb
Im ÖLB32 Neuholland, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, sind ca. 500 dz Kartoffeln dem menschlichen Genuss unbrauchbar geworden, weil diese zu lange auf dem Felde gelegen haben.
Feindtätigkeit
Am 3.10.1955 wurde bei einem Mittelbauern in Neichen, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, ein Zwangsdrusch mit einem Druschsatz der MTS Grimma durchgeführt. Nach Einlegen der Garben musste die Maschine jedoch angehalten werden, da im Getriebe des Dreschsatzes eine Bauklammer festgeklemmt war. Der Mittelbauer war beim Drusch selbst nicht anwesend, war jedoch am Tag zuvor von der Durchführung des Drusches verständigt worden. Er kam seinen Ablieferungsverpflichtungen in diesem Jahr nicht nach und hat außerdem noch aus den Jahren 1953 und 1954 Sollrückstände abzudecken.
In der LPG Wiesenau, Kreis Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, kam es an zwei Abenden zu Zwischenfällen. Dabei wurde die Schoberwache von unbekannten Tätern mit Steinen beworfen.
In der MTS Alt Zechdorf, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, bedrohen unbekannte Täter das Leben einzelner Belegschaftsmitglieder. So wurde z. B. vor ca. acht Tagen der Wächter der MTS gegen 23.00 Uhr zweimal mit Steinen beworfen.
In der Nacht zum 4.10.1955, gegen 0.30 bis 1.00 Uhr, wurde bei dem Kraftfahrer der MTS ein halber Ziegelstein durch das Fenster geworfen.
Bei einem Traktoristen der MTS wurde in der Nacht zum 1.10.1955 versucht, die Wohnungstür einzuschlagen.
In der Nacht zum 4.10.1955, gegen 0.30 bis 1.00 Uhr, wurde bei einem Mitarbeiter des Rates des Bezirkes Frankfurt[/Oder], Abteilung MTS, ein halber Ziegelstein durch das Fenster geworfen.
Am 1.10.1955 wurde eine Person aus Hohenbruch, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, festgenommen, weil sie in der letzten Zeit einen LPG-Vorsitzenden und zwei Werktätige Bauern aus Hohenbruch zur Republikflucht veranlasst hat, indem er sie »warnte«, sie würden bald verhaftet werden.
Im Silo der VEAB Salzmünde, Saalkreis, [Bezirk] Halle, besteht die Gefahr, dass ca. 2 000 t Rapssaaten verderben. Die Ölsaaten kamen mit viel Feuchtigkeit in das Silo. Sie konnten jedoch durch den Ausfall einer Querförderbrücke nicht genügend in Umlauf gebracht werden.
Am 4.10.1955 erreichten die Bunker 15 und 16 eine Temperatur von 85 Grad. Der Ausfall der Querförderbrücke geschah vor ca. vier Wochen. Die Verantwortlichen haben es verstanden, durch Krankheit des Betriebsleiters die Reparatur hinauszuschieben und setzten sich in der vergangenen Woche nach Westdeutschland ab.
Die Ölsaaten wurden in Lastkähnen des deutschen Schifffahrt-Unternehmens umgeladen und die Querförderbrücke wird mithilfe der MTS-Spezialwerkstatt instandgesetzt.
Am Sonntag, den 2.10.1955, wurden auf dem Bahnhof Groß Behnitz, Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, 20 t Kartoffeln zum Transport nach Falkensee, Kreis Nauen, aufgeladen. Beim Entladen des Waggons auf dem Bahnhof Falkensee entdeckte ein Arbeiter eine 50-Liter Ballonflasche, die auf den Kartoffeln lag. Die Flasche war mit Bevolin-Säure33 zur Wassersteinlösung gefüllt. Sie befand sich in einem Drahtgitterkorb und war mit Stroh umwickelt. Die Flasche war entzwei und ein Teil der Säure ist auf die Kartoffeln gelaufen, sodass ein Teil schon gelb war.
Brände
Am 2.10.1955 brach in der Gemeinde Karstädt, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, ein Scheunenbrand bei einem Mittelbauern aus. Schaden ca. 19 000 DM. Brandursache noch nicht ermittelt.
In Cämmerswalde, [Kreis] Brand-Erbisdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, brannte bei einem Mittelbauern die Scheune völlig nieder. Ursache: vermutliche Brandstiftung. Schaden: 8 500 DM.
In Schafstedt, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, brannte bei einem Großbauern34 der Strohdiemen nieder. Verlust ca. 270 Zentner Weizenstroh.
Bei einem werktätigen Bauern aus der Gemeinde Meisberg, [Kreis] Hettstedt, [Bezirk] Halle, brannte in der Nacht zum 2.10.1955 ein Strohdiemen nieder. Sachschaden ca. 900 DM.
Im VEG Kannewurf, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, brannte der gesamte Strohschober nieder. Es verbrannten 100 dz Weizenstroh und 100 Zentner Spreu. Schaden 5 000 DM. Ursache: Brandstiftung.
Ereignisse an besonderer Bedeutung
In Zittau, [Bezirk] Dresden, sind 80 Personen an Ruhr erkrankt.
Im Kreis Meißen, [Bezirk] Dresden, hat sich die Kinderlähmung auf 13 Fälle erhöht.
Am 6.10.1955 sind in Frankfurt/Oder acht ehemalige Kriegsverbrecher aus der SU gekommen.35 Alle acht haben ihre letzten Wohnadressen in der DDR angegeben.
Nach ihrer Ankunft wollen alle nach Westdeutschland entlassen werden. Bei den schon vorhergehenden Transporten wurden dieselben Feststellungen getroffen.
Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass mit dem am 7.10.1955 zu erwartenden Transport von 600 Personen 90 % bis 95 % ebenfalls nach Westdeutschland entlassen werden wollen.
Vorbereitungen für einen Transport nach Westdeutschland sind nicht getroffen.
Anlage 1 vom 6. Oktober 1955 zum Informationsdienst Nr. 2490
Bericht über die Vorbereitung des 6. Jahrestages der Republik36
Die Vorbereitung zu diesem Feiertag unserer Republik ist in den Städten und Gemeinden im vollen Gange. Allerdings werden bis jetzt noch verhältnismäßig wenig Diskussionen unter der Bevölkerung über die Bedeutung dieses Tages geführt. So sind solche Äußerungen wie die eines Vieheinkäufers aus der Gemeinde Fretzdorf, Kreis Wittstock, nur ganz vereinzelt bekannt geworden. Er sagte: »Ich denke, den diesjährigen Geburtstag unserer Republik kann man noch mehr wie in den vergangenen Jahren feiern. Durch die Beteiligung an den Demonstrationen werden wir beweisen, dass wir mit den Machenschaften Adenauers37 nichts zu tun haben wollen. Besonders begrüße ich, dass vor dem Geburtstag unserer Republik der Staatsvertrag abgeschlossen wurde, der uns die volle Souveränität bringt.«
In mehreren Betrieben des Bezirkes Leipzig sollte bzw. wurde die Arbeitszeit vom 8.10.1955 herausgearbeitet, da am 7. Oktober auch nicht gearbeitet wird.
Am 5.10.[1955] wurde aber den Kreisleitungen von der Bezirksleitung mitgeteilt, dass dies nicht zulässig sei. Nun treten dort Schwierigkeiten und vor allem negative Diskussionen auf, wo bereits diese Zeit vorgearbeitet wurde.
So steht diese Angelegenheit z. B. im VEB Nähmaschinenwerke Altenburg im Mittelpunkt der Diskussionen. Ein Genosse meinte hierzu, dass sich dies wahrscheinlich auch auf die Beteiligung an der Demonstration auswirken wird.
Im VEB Stahl- und Walzwerk Riesa, [Bezirk] Dresden, sind die Kumpels sehr empört, dass sie am »Tag der Republik« arbeiten müssen. Sie sagen, dass sie schon jeden Sonntag arbeiten müssten und jetzt sollen sie auch noch an ihrem größten Feiertag arbeiten.
In einer vorbereitenden Versammlung im VEB Pilzverwertung in Rudolstadt-Schaala, [Bezirk] Gera, kam es vor allem zu Diskussionen über die Kranzniederlegung an dem sowjetischen Ehrenmal. Dabei wurde vielfach zum Ausdruck gebracht, dass lieber Kränze für die deutschen Gefallenen niedergelegt werden sollten. (Der größte Teil der Belegschaft besteht aus Frauen.)
Vereinzelt gibt es bereits jetzt schon Anzeichen dafür, dass teilweise wenig Interesse zur Beteiligung an den Demonstrationen besteht.
Zum Beispiel ist unter den Beschäftigten der Abt. 103 des VEB Kabelwerk Köpenick/Berlin eine Ablehnung zur Beteiligung an der Kundgebung am 7. Oktober zu verzeichnen.
So brachte der überwiegende Teil zum Ausdruck, dass »sie etwas Besseres zu tun haben, als in den Straßen herumzulatschen«.
In den Betrieben des Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, brachten einzelne Kolleginnen zum Ausdruck, dass sie an diesem Feiertag ihre Hausarbeiten machen wollen und keine Zeit zum Demonstrieren haben.
Unter den Kumpels des VEB Eisenmanganerzbergbau in Trusetal, [Bezirk] Suhl, besteht wenig Bereitschaft, in der Kampfgruppenkleidung zu demonstrieren. Daraufhin wurde in einer Betriebsleiterbesprechung beschlossen, dass alle Genossen der BPO, ob sie Mitglied der Kampfgruppe38 sind oder nicht, diese Anzüge ausgehändigt bekommen, um in diesen zu demonstrieren.
In der Volkswerft Stralsund wurde von der Werftdirektion eine Liste herumgereicht, in der sich die Werker zur Teilnahme an der Demonstration verpflichten sollten. Dazu äußerten verschiedene Werker: »Diese Maßnahme erinnert an faschistische Methoden. Wenn wir zur Demonstration gehen, gehen wir freiwillig und nicht durch Zwang.«
In der Oskar-Linke-Schule in Magdeburg äußerte ein Lehrer, dass er an der am 7.10.[1955] stattfindenden Schulfeier nicht teilnehmen würde. Als ihm daraufhin von einigen Kollegen vorgeworfen wurde, dass seine Haltung im Gegensatz zu seinem Unterricht stehe und er als »Doppelzüngler« angesehen werden müsse, erklärte er: »Das bin ich auch. Ich habe es nur noch nicht so weg wie die Herren unserer Regierung. Diese sind mir doch bei Weitem überlegen.«
Unter der Landbevölkerung gibt es genau wie vergangenes Jahr vereinzelt die Tendenz, »nicht an den Demonstrationen teilzunehmen, da für sie die Durchführung der Erntearbeiten im Vordergrund steht«.
So gibt es unter den Bauern des Kreises Nebra, [Bezirk] Halle, Diskussionen wie z. B.: »Wir können nicht zwei Herren dienen, und zwar einerseits die Einbringung der Ernte zu beenden und andererseits an den Veranstaltungen des 6. Jahrestages der Republik teilzunehmen.«
Ein Neubauer aus Ulrichshof, [Bezirk] Neubrandenburg: »Ich habe in erster Linie die Ernte einzubringen und muss die Verpflichtung gegenüber dem Staat erfüllen, sodass ich keine Zeit habe, an den Feierlichkeiten teilzunehmen.«
Vereinzelt vertreten Bauern und Landarbeiter im Bezirk Karl-Marx-Stadt den Standpunkt, dass sie auch an anderen Sonntagen arbeiten müssen und werden dies auch am 7. Oktober tun. Sollte man sie zwingen an den Kundgebungen teilzunehmen, so werden sie auch an den anderen Sonntagen keine Feldarbeiten mehr durchführen.
Anlage 2 vom 6. Oktober 1955 zum Informationsdienst Nr. 2490
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 4. bis 5.10.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:39
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Cottbus 5 020;
- –
Magdeburg: Kreis Tangerhütte 400, Kreis Zerbst 5 090;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Schwarzenberg und Rochlitz 19;
- –
Dresden: Kreis Bautzen 79;
- –
Halle: Kreis Artern 2 000, Kreis Bernburg 60;
- –
Gera 500;
- –
Leipzig 35;
- –
Potsdam 1 000.
ZOPE40:
- –
Magdeburg: Kreis Staßfurt 33 000;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Zschopau, Stollberg und Rochlitz 20;
- –
Dresden: Kreis Bischofswerda 189;
- –
Halle: Kreis Bernburg 5 025, Saalkreis 2 000;
- –
Leipzig 250;
- –
Potsdam 40.
NTS:41
- –
Magdeburg: Kreis Burg 22 000;
- –
Dresden: Kreis Bautzen 25;
- –
Halle 50: Zeitz 67, Saalkreis 2 000, Kreis Bernburg 134;
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Frankfurt: 45, Kreis Seelow größere Mengen;
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Leipzig 470;
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Potsdam 300.
NTS:
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Erfurt 350;
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Suhl eine größere Menge.
Unbekannter Herkunft:
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Potsdam: Kreis Rathenow 800;
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Frankfurt: im Kreis Bernau und Seelow 14 000;
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Berlin 100 000.
Tschechische Sprache:
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Karl-Marx-Stadt einige;
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Dresden einige.
Verschiedener Art:
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Cottbus 1 291.
Tarantel:
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Berlin 200.
Komitee Deutscher Frauen im DFD und freie Arbeiter- und Bauernbewegung in der Sowjetzone:
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Berlin 16 000.
Antidemokratische Tätigkeit
Am Bahnhof und Umgebung in Güstrow, [Bezirk] Schwerin, wurden am 3.10.1955, gegen 6.00 Uhr, selbstgefertigte Hetzschriften mit Hetze gegen den Verbleib der Sowjet-Armee in der DDR angeklebt vorgefunden. Es handelt sich um Hetzschriften, die schon in Art und Aussehen vor kurzer Zeit festgestellt wurden. Täter wurden bisher noch nicht ermittelt.
In Dresden wurden erneut 27 Hetzzettel mit Druckstempel gefertigt vorgefunden.
An der Mauer der Krankenkasse Rothenburg, [Kreis] Niesky, [Bezirk] Dresden, wurde mit Kreide die Losung »Freie Wahlen und – Land den Bauern« angeschmiert.
An Handwerker im Kreis Bautzen, [Bezirk] Dresden, werden durch die Post gedruckte Hetzschriften gesandt. Überschrift – Facharbeiter auf gen Westen. –
Vermutliche Feindtätigkeit
Am 3.10.1955 wurde auf der Straße nach Polleben,42 Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, ein Arbeiter von drei unbekannten Personen mittels Schlagring niedergeschlagen. Die unbekannten Personen forderten Geld oder Leben.
In der Gemeinde Hergisdorf,43 Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, wurde gegen 2.00 Uhr in der Nähe der Gaststätte »Erholung« ein Jugendlicher von unbekannten Personen niedergeschlagen.
In der Gemeinde Helfta,44 Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, wurde am 2.10.1955, gegen 19.00 Uhr, in der Nähe eines Kinos eine männliche Person von unbekannten Tätern niedergeschlagen.
Am 1.10.1955 wurde ein VP-Angehöriger in Hennigsdorf, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, gegen 23.00 Uhr von ca. sieben Jugendlichen überfallen und niedergeschlagen. Die Täter sind noch unbekannt.
RIAS45 fordert in der Sendung »Jugend spricht zur Jugend«:46 »Bis zum 9. Oktober ist die deutsche Industrieausstellung Berlin 1955 zu besichtigen. Vielleicht ist der 7. Oktober ein günstiger Tag zum Besuch der Ausstellung.«