Versorgung
6. Oktober 1955
Versorgung [V 9/55]
Unter den Werktätigen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt kommt es ebenfalls zu Erscheinungen von Unzufriedenheiten, weil besonders Butter und auch teilweise verschiedene andere Waren schwer erhältlich sind.
Die Kartoffelversorgung ist im vollen Gange und kann einigermaßen als geregelt betrachtet werden.
Des Weiteren kommt es im gleichen Bezirk wieder zu Schlangenbildungen vor den Geschäften. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Einkäufe von HO-Butter1 und sonstigen Fettwaren.
Am 5.10.1955 standen in der HO Wismut-Verkaufsstelle2 in Zschopau, Ludwig-Würkert-Straße, ca. 450 Personen in Vierer-Reihen an. Dieses ist bis jetzt die höchste Zahl der Käufer, welche nach Butter standen.
Im VEB Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist zu verzeichnen, dass ca. 100 Arbeitsstunden ausfallen, weil die Werktätigen, wenn es in der Betriebsverkaufsstelle der HO Butter gibt, Schlange stehen.
In Aschersleben, [Bezirk] Halle, gibt es besonders Schwierigkeiten in der Versorgung mit Margarine auf HO-Basis. Die Bestellungen der HO-Lebensmittelverkaufsstellen laufen auf ca. zehn t. Das Kontingent beträgt aber nur ca. 4,8 t. Margarine auf Markenbasis ist vorhanden.
Im Kreis Bautzen ist zurzeit ein großer Mangel an Butter, Öl, Margarine, Speck und Zwiebeln zu verzeichnen.
Der Abteilungsleiter der Abt. Handel und Versorgung vom Rat des Kreises sagte, dass eine unverantwortliche schlechte Warenstreuung vorgenommen wird. Während die Ware in Bautzen fehlt, will der verantwortliche Kollege aus Cottbus ihm 2,5 t Öl zur Verfügung stellen, da dieses dort nicht benötigt wird.
Die Fleischversorgung ist für das Wochenende im Bezirk Schwerin nicht gesichert, obgleich 35 t Fleischkonserven für die Großverbraucher zur Verfügung gestellt werden.
Dem Bezirk wurden seit 14 Tagen 300 t Importfleisch zugesichert, die bis zum heutigen Tage noch nicht eingetroffen sind.
Im Kreis Niesky, [Bezirk] Dresden, ist die Versorgung mit HO-Fleisch und Wurstwaren nur für etwa acht Tage im Voraus gesichert.
In fast allen Kreisen des Bezirkes Magdeburg ist die Versorgung der Bevölkerung mit Frischfleisch auf Markenbasis sowie HO nicht gesichert. Laut Anweisung des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Magdeburg darf die kreiseigene Versorgung mit Fleisch nicht höher liegen als die Ausfuhr.
Im Kreis Klötze trat am 29. und 30.9.1955 in mehreren Gemeinden in Erscheinung, dass in den Fleischereien nur geringe Mengen zur Verfügung standen, da der Kreis die Ausfuhrverpflichtungen gegenüber dem Bezirk Karl-Marx-Stadt und Leipzig nicht erfüllt hatte. Da dies zu Unzufriedenheiten unter der Bevölkerung führte, wurde vom Vorsitzenden des Rates des Bezirkes noch Fleisch zur kreiseigenen Versorgung freigegeben.
In Bitterfeld, [Bezirk] Halle, gibt es Schwierigkeiten in der Versorgung mit Fleischwaren, Eiern und HO-Milch.
In Fürstenberg/Oder, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ist zu verzeichnen, dass die Hausfrauen weiterhin Klage darüber führen, dass es wenig Gemüse und Obst zu kaufen gibt. Vor allem werden noch immer keine Zwiebeln zum Verkauf angeboten.
Im Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, weist die Warenbereitstellung durch die Handelsorgane immer noch große Lücken auf.
So ist im MTS-Bereich Kienitz, Kreis Seelow, das Angebot von Obst, Gemüse, Gurken, Eiern und besonders Kartoffeln völlig ungenügend.
Über die Knappheit an Zwiebeln wird weiterhin rege diskutiert und einzelne Frauen aus dem Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, brachten zum Ausdruck, dass es deshalb keine Zwiebeln gibt, weil man daraus »Tränengas herstellt«.3
Der Stand der Kartoffeleinkellerung im Bereich Neubrandenburg4 per 2.10.1955 liegt bei dem Handelskontingent wie auch bei dem Großverbraucherkontingent bei zehn Prozent. Die Anlieferung von Kartoffeln seitens der VEAB ist in den letzten Tagen sehr zurückgegangen, sodass dem Handel nicht die Mengen zur Verfügung stehen, die er unbedingt zu seiner zügigen Einkellerungsaktion benötigt.
Bei der Bereitstellung seitens der Landwirtschaft ist vor allem auch der Schwerpunkt in der Transportfrage zu sehen, da dem VEAB nicht die Lkw zur Verfügung gestellt werden, die unbedingt notwendig sind, um eine reibungslose Anlieferung zu sichern.
In Roßlau, [Bezirk] Halle, kritisieren die Käufer die Schuhe mit Kreppsohlen, da diese schon nach kurzer Zeit sich wieder lösen. Die Verkaufsstellenleiter sagen, dass es an dem richtigen Klebstoff mangelt.
Im Kreis Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, wird vor allem das Fehlen von Fahrradersatzteilen, Glühbirnen und Waschpulver kritisiert. Besonders die Hausfrauen in der Gemeinde Zschornewitz kritisieren, dass es in den Geschäften kein Waschpulver zu kaufen gibt.
Im Kreis Sangerhausen, [Bezirk] Halle, äußerte sich der Abteilungsleiter Verkehr beim Rat des Kreises, dass er nicht mehr wüsste, wie er den Brennstoff verteilen soll, weil man ihm einige Hundert Liter Kraftstoff diesen Monat gestrichen habe.
Im Bezirk Rostock mangelt es weiterhin an Winter- und Herbsttextilien.
Am 1.10.1955 wurde der Einkaufsleiter der KG5 Görlitz, [Bezirk] Dresden, sowie drei weitere Personen der Abteilung republikflüchtig. Am 3.10.1955 wurde der Vorstand Handel der KG Görlitz republikflüchtig.
Die meisten erhielten sofort Anstellung in Hamburg.
Der Grund liegt zum Teil daran, dass die KG gezwungen wurde, Überplanbestände im Werte von 300 000 DM zu übernehmen. Dadurch wurden die leitenden Angestellten verärgert und sie zogen es vor, die Republik zu verlassen.
In der Versorgung mit Stärkeerzeugnissen, Haferflocken, Graupen und Gries bestehen Schwierigkeiten im Kreis Wittenberg, [Bezirk] Halle.
Infolge des Fehlens von Flaschen kann die Versorgung der Bevölkerung im Bezirk Rostock mit Speiseöl in Flaschen nicht reibungslos erfolgen. Obwohl genügend Speiseöl zur Verfügung steht, hat der Handel es nicht verstanden, den Ausgleich mit loser Ware zu schaffen.
In der Konsum-Verkaufsstelle in Kasdorf, Kreis Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, mangelt es seit längerer Zeit schon an folgenden Waren: HO-Butter, Margarine, Süßigkeiten, Kunsthonig, Marmelade, Nährmittel und Waschpulver.
Dieser Mangel an Waren tritt ebenfalls in der Konsum-Verkaufsstelle in Rosenow auf.
Es ist weiterhin zu verzeichnen, dass es vor allen Dingen in den ländlichen Verkaufsstellen immer noch an Tabakwaren mangelt.
In der Gemeinde Grabow, Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurde eine Blocksitzung6 durchgeführt, in der Argumentationen beraten wurden, wie man der Bevölkerung in Diskussionen über die Versorgungslage entgegentreten kann. Der Instrukteur der Kreisleitung erklärte, dass es oftmals an schlechter Warenstreuung liegt und vereinzelt sitzen Agenten in den Verwaltungsstellen. Mit dieser Auskunft waren die Blockmitglieder nicht einverstanden. Der LPG-Vorsitzende [Name] erregte sich besonders und erklärte: »Die sollen doch sagen, dass sie nichts mehr haben. Es fehlt doch an allen Ecken und Kanten. Nicht mal ein Glas Marmelade bekommt man. Ihr von oben könnt nur immer schön reden und fordern.«
In der HO in Quedlinburg, [Bezirk] Halle, äußerte sich der Mitarbeiter [Name] wie folgt: »Trotz der Kritik des Genossen Ulbricht7 hat sich die Qualität der Schuhe nicht verbessert,8 und deshalb von den Konsumenten nur nach Importschuhen gefragt wird, wovon man in Quedlinburg 20 000 Paar umsetzten könnte, während die Schuhe unserer Industrie nicht an den Mann zu bringen sind.«
Aus den Stimmungen der Bevölkerung ist zu entnehmen, dass sie mit den Durchführungen der Leistungs- und Verkaufsmessen nicht einverstanden sind, da diese Warensortimente im Verkauf in der HO und KG nicht zu erhalten sind.
Zum Beispiel wird in Güstrow eine Verkaufsmesse durchgeführt, bei der Textilen aller Arten sowie Konserven aller Sortimente (Spargel, Erdbeeren) angeboten wurden.
Weitere Diskussionen vom Personal der Konsum-Verkaufsstellen werden aus Parchim, [Bezirk] Schwerin, bekannt.
Sie vertreten die Auffassung, dass sie es nicht verstehen, dass sie die Zuckerzuteilung für den Verkauf aus dem Bezirk Halle beziehen, wo doch im Kreis Lübs, ca. 12 km entfernt, eine Zuckerfabrik vorhanden ist.
Ein Zündholzmangel macht sich im Bezirk Schwerin bemerkbar, wobei in den ländlichen Kreisen Lübs, Gadebusch und Sternberg zurzeit fast keine erhältlich sind.
Die Ursache der Zündholzknappheit liegt in der ungenügenden Anlieferung, dass die Kontrollziffer, die für den Bedarf vorgesehen ist, im III. Quartal 1955 mit 65 % erreicht wurde.
Am 23.9.1955 erhielt die KG Görlitz, [Bezirk] Dresden, vom VE Import und Lagerung Dresden 400 Dosen Rindfleisch. Bei Überprüfung wurde festgestellt, dass 281 Dosen für den menschlichen Genuss nicht mehr verwendbar sind. Schaden ca. 1 050 DM.
Darüber hinaus befanden sich am Lager I Posten von 170 Büchsen derselben Erzeugnisse, wovon ebenfalls 114 Dosen verdorben sind. Schaden ca. 1 070 DM.
Im Bezirk Cottbus wurden in den Monaten August und September 1955 größere Mengen bereits verdorbener Lebensmittel den Abdeckereien übergeben. Das Versorgungskontor9 Fischwirtschaft Cottbus übergab der Abdeckerei 720 kg Seelachsschnitzel, 87 kg Delikatheringe. Das VE Kontor Import und Lagerung Cottbus 45 Dosen Fleischkonserven.
Konsum-Genossenschaft Cottbus 220 kg Bücklinge, das zentrale Absatzkontor für Fischwirtschaft Cottbus 114 kg diverse Fischwaren, der Konsum-Genossenschaftsverband Kreis Cottbus 70 kg Fisch, die Konsum-Fleischerei Freienhufen Kreis Senftenberg 100 kg Speck, der Kreis-Konsum-Genossenschaftsverband Kreis Calau 900 kg Landbutter.10
Im Großhandelskontor für Textilwaren Riesa, [Bezirk] Dresden, ist ein Überplanbestand von ca. 4 000 DM vorhanden.
Eine weitere Stauung liegt bei weißen Bohnen sowie Flaschenweinen. Trotzdem diese Waren schlecht abgesetzt werden, wurde der Kreis weiter mit diesen beliefert.
In der HO-Industriewaren Freital lagern seit 1953 für ca. 25 000 DM Radioröhren, die nicht mehr abgesetzt werden können.