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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

4. Januar 1955
Informationsdienst Nr. 2407 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Der Kampf gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge1 steht weiterhin im Mittelpunkt der Diskussionen über politische Tagesfragen.

Zur Ratifizierung der Pariser Verträge in der französischen Nationalversammlung wurden erst wenige Diskussionen bekannt.2 Bei diesen wenigen Diskussionen bringt man zum Ausdruck, dass sich dadurch die Kriegsgefahr erhöht hat und ein Teil der Arbeiter sich bereit erkläre, die Errungenschaften der DDR zu verteidigen. Verschiedentlich wird in den Gesprächen auf den Druck vonseiten Amerikas auf Frankreich hingewiesen.

Ein Hauer vom [Wismut] Schacht 663 in Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, erklärte: »Ich bin der Meinung, dass durch die Annahme der Pariser Verträge durch die Nationalversammlung in Frankreich die Kriegsgefahr für unser Land sehr gestiegen ist und dass es daher gilt, alle Kräfte anzuspannen, um einen Bruderkrieg zwischen der DDR und Westdeutschland zu vermeiden.«

Ein Kollege vom Wismut Schacht 6 Oberschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Das Abstimmungsergebnis hat gezeigt, wie die Lage in Frankreich ist. Wenn der Ami nicht alle möglichen Druckmittel angewendet hätte, wäre eine ganz schöne Niederlage herausgekommen. Jetzt gilt es aber, das französische Volk tatkräftig zu unterstützen, damit die Durchführung der Verträge verhindert wird, denn dazu brauchen sie ja das Volk.«

Eine Arbeiterin aus Oschatz, [Bezirk] Leipzig: »Die Annahme der Pariser Verträge durch das französische Parlament bedeuten die Vorbereitung für einen neuen Krieg. Die Volksmassen im Westen sind aber mit der Aufrüstung Westdeutschlands4 nicht einverstanden, dass beweisen die Demonstrationen in Frankreich und Italien.«5

Während kurz nach Beendigung der Moskauer Konferenz6 häufig Diskussionen geführt wurden gegen die Aufstellung Nationaler Streitkräfte,7 so erkennt ein Teil der Arbeiter jetzt, dass die Schaffung Nationaler Streitkräfte richtig ist.

Ein Jugendlicher aus dem Buna-Werk,8 [Bezirk] Halle: »Wenn die Pariser Verträge angenommen werden, dann muss es für jeden FDJler eine Selbstverständlichkeit sein, sich bereitzuerklären, die Errungenschaften unserer Republik zu verteidigen.«

Einige Kollegen vom VEB EHW Thale, [Bezirk] Halle, brachten zum Ausdruck: »Das Friedenslager hat eine solche Macht hinter sich, dass durch die Aufstellung der Europaarmee9 nichts zu befürchten ist. Wenn unsere Errungenschaften von den Imperialisten angegriffen werden, dann nehmen wir Alten die Flinte noch auf den Buckel und marschieren mit.«

In der Tischlerei des LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, wurde folgende Meinung vertreten: »In der letzten Konsequenz sind wir bereit mit der Waffe in der Hand das zu verteidigen, was wir bisher erarbeitet haben.«

Verschiedentlich werden auch negative Diskussionen zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte geführt.

So äußerte z. B. ein Jugendlicher vom VEB Kefama10 in Katzhütte, [Bezirk] Suhl: »Ich werde keine Uniform anziehen und auch keine Waffe in die Hand nehmen, ganz gleich, für welche Interessen.«

Ein parteiloser Lagerverwalter vom IFA-Fahrzeugwerk Waltershausen, [Bezirk] Erfurt: »Im Falle eines Krieges soll uns die SU nur die Gewehre in die Hand geben, dann werden sie die Freundschaft zu spüren bekommen, dann geht es ihnen wie 1813 den Franzosen bei Leipzig.«11

Ein parteiloser Arbeiter vom VEB Tüllfabrik Plauen,12 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wir brauchen keine Nationalen Streitkräfte. Die Russen sollen hier abhauen und der Ami, der tut uns sowieso nichts.«

Im VEB Hartmetall13 in Immelborn, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, herrscht eine Unzufriedenheit unter einem großen Teil älterer parteilos Kollegen und Genossen über die Auflösung des Werkschutzes.14

Ein Arbeiter äußerte: »Ich kann es nicht verstehen, dass in der gegenwärtigen Situation, wo sich der Klassenkampf ständig verstärkt, von unserem Werk, welches monatlich Millionen Werte schafft, die VP abgezogen wird. Bis jetzt musste die Wasserstoffanlage den ganzen Tag bewacht werden und jetzt sollen wir für den ganzen Betrieb nur noch einen Pförtnerdienst haben.«

Kohlenmangel

Der VEB IKA Schicht- und Pressstoffwerk Dresden musste wegen Mangel an Braunkohlenbrikett am 3.1.1955 stillgelegt werden. Die zuständigen Organe und das Ministerium in Berlin wurden bereits informiert. Der Betrieb hat eine Belegschaftsstärke von 250 Kollegen.

Produktionsstörungen

Am 31.12.1954 fuhr der Schleppkahn 103 b, welcher eine Ladung von 800 t Schuttsteine hatte, gegen den Brückenpfeiler der Eisenbahnbrücke bei Dömitz, [Bezirk] Schwerin, und wurde dadurch am Steven15 beschädigt. Nach ca. 1½ Stunden brach das erste Drittel des Kahnes auseinander. Nach einer weiteren Stunde wurde das zweite Drittel abgebrochen und versank. Der Schaden außer dem Ladungswert beträgt DM 84 000.

Am 29.12.1954 ereignete sich im BKW Großkayna, [Bezirk] Halle, ein Zusammenstoß zwischen einem Vollzug und einem Leerzug. An beiden Zügen entstand ein Sachschaden von insgesamt 1 000 DM.

Am 30.12.1954 brach in der Trockenanlage der Motorenmühle im VEB Grabow, [Bezirk] Schwerin, ein Brand aus. Der Schaden beträgt ca. 100 000 DM.

Am 30.12.1954 erfolgte im Kraftwerk Hirschfelde, [Bezirk] Dresden, ein Stromstoß. Dadurch waren die Betriebe Phänomen Zittau,16 VEB Kunstseide, VEB Textilwerk, VEB Textilveredlung und VEB Federnwerk LOWA Zittau einige Stunden ohne Strom. Die Ursache dieses Stromstoßes war ein durchgebranntes Kabel der 40 KV-Leitung.

Am 29.12.1954 brach in der Umkleidebaracke des VEB Baubetriebes Bitterfeld, [Bezirk] Halle, ein Brand aus. Die Baracke diente als Umkleide- und Speiseraum für die Bauarbeiter. Diese Baracke brannte restlos ab. Der Schaden beträgt ca. 10 000 DM.

Handel und Versorgung

Wie die Lebensmittelhygieneinspektion Halle mitteilt, wurden vor Weihnachten fünf Waggon Nüsse aus der Türkei geliefert, die nicht verkauft werden konnten, da der größte Teil verschimmelt oder eingetrocknet war. Diese Sendung kam in Bad Schandau an, wurde jedoch erst in Halle überprüft.

Landwirtschaft

Zu den aktuellen politischen Problemen wird unter der Landbevölkerung nur sehr wenig diskutiert. Meist wird bei den Diskussionen allgemein zum Ausdruck gebracht, dass man keinen neuen Krieg wünscht. In diesem Zusammenhang werden mehrfach pazifistische Meinungen zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte laut und man argumentiert: Ich fasse kein Gewehr mehr an.

Vereinzelt wurden, besonders von Großbauern17 feindliche Stimmen zur Annahme der Pariser Verträge in der französischen Nationalversammlung bekannt.

So erklärte z. B. ein Großbauer aus Boddin, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam: »Jetzt hat ja der Russe bald verspielt, denn drüben ist das Wehrgesetz18 durchgekommen. Mich kriegen sie hier nicht an eine Knarre, aber für drüben möchte ich sofort eine in die Hand nehmen.«

Eine Missstimmung besteht unter den Mitgliedern der LPG im Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, die mit Überschuss gewirtschaftet haben. Sie hatten auf eine erhöhte Bezahlung ihrer Leistungen gehofft, was jedoch nicht eintrat.

In der LPG Wahlendorf, [Bezirk] Neuruppin, kursiert ein Gerücht, wonach der Wert der Arbeitseinheiten19 von 8,40 auf 6,40 DM gesenkt werden soll. Unter den Mitgliedern wird deshalb diskutiert, dass sie, wenn die Arbeitseinheiten gesenkt werden, lieber beim Großbauern für 5,00 DM pro Tag und Verpflegung arbeiten wollen.

Wegen mangelhafter Arbeitsorganisation sind in der LPG Prislich, [Bezirk] Schwerin, große Mengen Kartoffeln verfault. Sie waren nass eingelagert worden. Weiterhin sind ca. 100 t Hackfrüchte angefroren.

In der LPG Jargow, [Kreis] Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, machen sich Auflösungserscheinungen bemerkbar. Der Grund hierfür ist eine schlechte Zusammenarbeit unter den LPG-Mitgliedern und eine mangelhafte Unterstützung der LPG vonseiten des Rates des Kreises.

Unter den Mitgliedern der LPG Kaakstedt, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, besteht eine große Unzufriedenheit. Eine Ursache hierfür ist, dass ein erheblicher Teil der Futterhackfrüchte erfroren ist, wodurch die Mitglieder für das Vieh in individueller Nutzung kein Futter besitzen.

Ein großer Ersatzteilmangel besteht in der MTS Steinpleis, [Kreis] Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wo zurzeit nur ein Fahrzeug einsatzbereit ist. Es fehlen besonders Getriebewellen, Kurbelwellen und Teile für die Beleuchtung.20

Auf den Feldern der LPG Zitz, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, lagern noch ca. 2 000 Zentner Zuckerrüben, die wegen Waggonmangel nicht abtransportiert werden können.

Die Schweinepest ist in Beckendorf, [Kreis] Lübz, und Rohlsdorf, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, ausgebrochen, wo 115 Schweine befallen sind. Bei dem ÖLB Rohlsdorf sind es allein 105 Tiere.

In Großröhrsdorf, [Bezirk] Dresden, sind acht Ferkel an der Schweinepest verendet.

Übrige Bevölkerung

Weiterhin bildet der Kampf gegen die Pariser Verträge den Mittelpunkt der politischen Gespräche. In diesem Zusammenhang nimmt man zur Ratifizierungsdebatte in der französischen Nationalversammlung Stellung. Von fortschrittlichen Kräften wird zum Ausdruck gebracht, dass das Ergebnis noch nicht endgültig sei und dass das französische Volk den Kampf gegen diese Verträge weiterführt.

Zum Beispiel sagte ein Schulleiter aus Stadtroda: »Das französische Volk leistet wirklich einen großen Kampf und es ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen zur Remilitarisierung Westdeutschlands. Um aber das französische Volk in seinem Kampf zu stärken, müssen wir Deutschen noch viel aktiver kämpfen, damit sie spüren, dass sie nicht allein stehen in ihrem Kampf. Sie wollen kein aufgerüstetes Deutschland, da sie wissen wohin dies führt.«

Ein Einwohner aus Bitterfeld: »Wegen der Ratifizierung der Pariser Verträge durch die französische Nationalversammlung brauch man nicht gleich schwarz zu sehen. Die Arbeiterschaft in Frankreich wird sich eines Tages erheben gegen diese Schandverträge. Dies wird weitere Aktionen nach sich ziehen, noch ist es Zeit, diese Kriegsverträge zu Fall zu bringen.«

Die in diesem Rahmen geführten Diskussionen über die Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte beinhalten u. a., dass es wohl unumgänglich sei in der DDR zu Sicherungsmaßnahmen zu greifen, dass aber der Aufbau Nationaler Streitkräfte eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage nach sich ziehen würde.

So erklärte z. B. ein Schuhmachermeister aus Steinbach, [Bezirk] Suhl: »Wenn im Westen der Militarismus durch die Pariser Verträge zur Macht kommt, muss auch unsere Regierung zu Gegenmaßnahmen greifen. Es ist nur schade, dass dadurch der Aufbau verzögert wird, denn ich kann mir denken, dass der Aufbau Nationaler Streitkräfte viel Geld kostet.«

In mehreren Einwohnerversammlungen des Bezirkes Cottbus wurde in Diskussionen zum Ausdruck gebracht, dass man die Notwendigkeit der Schaffung Nationaler Streitkräfte bei Ratifizierung der Pariser Verträge einsieht, aber gleichzeitig zu bedenken gab, dass dies eine Verschlechterung des Lebensstandards bedeuten würde.

Von feindlichen Elementen wird in diesem Zusammenhang gegen die DDR und SU gehetzt und zur Beunruhigung der Bevölkerung werden Gerüchte verbreitet.

In einer öffentlichen Gemeindevertretung in Potzehne,21 [Bezirk] Magdeburg, sagte ein Sägewerksbesitzer in der Diskussion: »Wenn es zu einem Krieg kommt, bin ich der Erste, welcher der Jugend zurufen wird, die Gestellungsbefehle zu zerreißen. Wir können einen Krieg nur verhindern, wenn wir die KVP auflösen. Wenn der Amerikaner kommt, werfen diese ihre Waffen sowieso weg und schießen nicht. Wenn es nach mir ginge, würden alle mit dem Abzeichen22 und vom Landrat aufwärts in den Krieg ziehen müssen.«

Ein Jugendlicher sagte gegenüber einem anderen aus Demitz-Thumitz, [Bezirk] Dresden: »Willst du nicht bald zu deinem Onkel nach Westdeutschland fahren? Ich gehe nach drüben und werde dort Soldat. Hier gehe ich nicht dazu, mit den Russen will ich nichts zu tun haben.«

Eine Hausfrau aus Neustadt-Glewe, [Bezirk] Schwerin, erklärte, dass die Ratifizierung einen Krieg nach sich ziehen würde und die Bevölkerung des Kreises Ludwigslust nach dem Osten evakuiert werden soll.

Im Volkspolizeirevier 69 (demokratischer Sektor)23 ist das Gerücht im Umlauf, dass aufgrund der Ratifizierung der Pariser Verträge mit der Schließung der Sektorengrenze zu rechnen sei.

Weiterhin wird vonseiten der Kirche gegen die geplante Jugendweihe24 Stellung genommen. Immer wieder werden in den Predigten Schreiben verlesen, in denen man die Kirchengänger auffordert, diese Jugendweihen nicht zu unterstützen.25

Zum Beispiel sagte ein Pfarrer in seiner Predigt in Aken, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle: »Die Jugendweihe wird bestimmt wieder auf der alten Tradition aufgebaut werden. Da der Marxismus-Leninismus im krassen Gegensatz zur christlichen Lehre steht, müssen wir uns bewusst sein, dass die Jugendweihe keine Konfirmation ist. Bitte sagt dies weiter.«

In Samow, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte ein Pastor aus Schwerin in seiner Predigt: »Die heidnische moderne Zeit hat auch in diesem Jahr nichts gegen das Weihnachtsfest machen können. Der Sozialismus und die Kirche stehen sich immer mehr gegenüber wie Feuer und Wasser und die Gemeinde müsste dies erkennen. Die Christen sollten deshalb ein offenes Nein zu der Jugendweihe sagen.«

Ein Pfarrer aus Frauensee, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, erklärte, dass er die Kinder, die bei der Schulentlassung an der Jugendweihe teilnehmen, nicht konfirmieren würde.

Organsierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:26

  • Halle ca. 37 800;

  • Potsdam 3 000;

  • Leipzig: Kreis Torgau 5 000;

  • Suhl ca. 5 000;

  • Erfurt ca. 3 000;

  • Karl-Marx-Stadt 450;

  • Gera 240;

  • Cottbus 63;

  • Dresden 80;

  • Rostock einige.

Inhalt: »Hetze gegen die Aufstellung Nationaler Streitkräfte und gegen die Wahlen vom 17.10.1954«27

NTS:28

  • Leipzig: Kreis Wurzen ca. 3 000;

  • Karl-Marx-Stadt 1 360;

  • Neubrandenburg 220;

  • Rostock einige.

Unbekannter Herkunft:

  • Karl-Marx-Stadt: 800 »Der Tag«

Am 1.1.1955 vermutlich in der Zeit von 5.00 Uhr bis 6.30 Uhr wurden an vier verschiedenen Stellen in der evangelischen Kirche in Böblingen am See, [Kreis] Eisleben, [Bezirk] Halle, Brände angelegt. Täter unbekannt. Schaden ca. 1 500 DM.

Vermutliche Feindtätigkeit

Im VEB Thewa Schraubenfabrik Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, wurden in den letzten Tagen des vergangenen Jahres einige Betriebsstörungen bekannt, welche den Verdacht von Sabotagehandlungen tragen. Zum Beispiel wurde in der Nacht zum 24.12.1954 im Ölraum von der Schwimmanlage, welche den Ölstand anzeigt, ein Gegengewicht abgezogen und in einen Ölbehälter geworfen. In der Nacht vom 29. zum 30.12.1954 wurde der Ölhochbehälter in der Mutterpresserei zur Entladung gebracht, wobei ca. 500 Liter Heizöl ausliefen, von denen ca. 300 Liter wieder zurückgewonnen werden können.

Am 1.1.1955 brach das Stromnetz des Kunstseidenwerk Premnitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, zusammen, wodurch die Spinnereien I und II stillstanden. Der Schaden beträgt ca. 40 Tonnen Kunstseide im Wert von ca. 250 000 DM. Ursache: Der Schaltwirt bediente unberechtigter Weise den Schalthebel der Station 22 und schaltete dabei falsch. Der zuständige Ingenieur erhielt davon keine Kenntnis. Dem Schaltwart war es ausdrücklich verboten, Schaltungen vorzunehmen.

In der Zeit vom 28.12., 17.00 Uhr, bis zum 29.12.1954, 7.30 Uhr, wurden von zwei Anhängern des VEB Schwichtenberg, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, neun Meter Lichtkabel entwendet und ein Rücklicht zerstört. Die Anhänger wurden zum Zuckerrübenfahren benutzt und blieben des nachts auf dem Verladeplatz.

Am 28.12.1954 verendeten im ÖLB von Hantsdorf,29 [Kreis] Bad Doberan, [Bezirk] Rostock, drei Stück Rindvieh (Ursache unbekannt). Des Weiteren wurden im Schweinetrog Glasscherben und andere Gegenstände gefunden.

Am 29.12.1954, gegen 22.45 Uhr, brannte die Scheune eines Kleinbauern in Spechtsbrunn, [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, restlos nieder. Schaden: ca. 20 000 DM.

Anlage 1 vom 4. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2407

Auswertung von Hetzschriften

UfJ30

In einem Artikel mit der Überschrift »Für ein echtes Ost-West-Gespräch«31 der Hetzschrift »Der Aufbruch«32 (Nr. 6) wendet sich der UfJ an Personen, die beabsichtigen, mit einer Delegation nach Westdeutschland zu reisen. Es wird versucht, sie zu beeinflussen bei ihrem Aufenthalt in Westdeutschland nicht über die tatsächlichen Verhältnisse zu berichten, sondern sie sollen Lügen über die DDR verbreiten. Solche Gespräche seien »äußerst wertvoll und dienen dazu, den letzten Schleier von der kommunistischen Propaganda zu nehmen«. Der Artikel schließt mit dem Hinweis, den UfJ mitreisende Funktionäre namentlich und unter Angabe ihres genauen Reisezieles zu melden.

Ein Artikel mit der Überschrift »Facharbeitermangel in Westdeutschland«33 der Hetzschrift »Nachrichten aus der freien Welt«34 dient dazu, Arbeitskräfte aus der DDR abzuziehen. Unter anderem heißt es: »… Der größte Engpass auf dem Arbeitsmarkt dürfte im Augenblick im Baufach liegen.« Als weitere Wirtschaftszweige in denen ein angeblicher Arbeitskräftemangel herrschen soll, werden Gießereien, Maschinen-, Apparate- und Armaturenbau genannt.

KgU

Mit einem Hetzblatt wendet sich die KgU an alle Angehörigen des SfS mit der Absicht, in ihre Reihen Zweifel hinsichtlich ihrer Aufgaben zu tragen. Sie sprechen davon, dass der »Tag der Abrechnung« kommen würde und dass es deshalb ratsam sei, Folgendes zu beachten. »… Menschlich bei Vernehmungen zu sein und anständig zu Häftlingen, nicht gegen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit zu verstoßen, alle Verbrechen, die in den Dienststellen begangen werden, der KgU zu melden.« Am Schluss heißt es: »… Beherzigt unsere Meinungen, dann braucht es euch vor der Zukunft nicht bange zu sein.«35

Ähnlicher Art ist ein weiteres Hetzblatt der KgU, dass an alle VP- und KVP-Angehörigen gerichtet ist. Es enthält unter anderem drei Punkte, die eine Betrachtung des Jahres 1954 darstellen. Es heißt: »… Der politische Druck hat sich verstärkt, besonders gegen die noch Selbstständigdenkenden, die militärische Ausbildung ist in den Vordergrund getreten, die persönliche Bewegungsfreiheit im Beruf und im Privatleben sind geringer denn je zuvor.«

An anderer Stelle droht man ihnen, dass sie eines Tages zur Verantwortung gezogen würden und ratet [sic!] ihnen zugleich, wenn es nicht in jedem Falle gehe, die Befehle zu verweigern, so bestehe aber die Möglichkeit, »das denkbar Beste daraus zu machen«!

Die »Evangelische Akademie Berlin«36 wendet sich mit einem Schreiben an Bäuerinnen in der DDR und ladet [sic!] sie zu der sogenannten »Bäuerinnen Freizeit vom 18. bis 28. Januar 1955« in ein Heim am »Kleinen Wannsee« ein. Die Anmeldung soll bis spätestens 5. Januar erfolgen und die Kosten würden nicht mehr als 15,00 DM betragen.

Ein gefälschtes Schreiben mit dem Vermerk: »An alle volkseigenen Betriebe, Genossenschaften, Handwerker und privaten Betriebe!« ladet zu einer sogenannten »Materialverkaufsaktion« im großen Saale des Rates des Bezirkes Halle ein. Dieses Schreiben enthält Hinweise auf ein »Kontingentfreies Angebot aus Überplanbeständen und inneren Reserven« und auf eine »Vermittlung von Produktionsfällen.« Es erfolgt weiter eine Aufzählung von VE-Betrieben, die dort angeblich an ca. 20 Sonderständen verkaufen würden.

Das Schreiben trägt die Unterschriften: Rat des Bezirkes Halle und Staatliches Vermittlungskontor, Zweigkonto Berlin.

Anlage 2 vom 4. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2407

Auswertung von Westsendungen

In einigen Sendungen hetzt der RIAS37 gegen die Magistratsverordnung38 von Groß-Berlin, wobei er an den »Gerechtigkeitssinn« appelliert mit dem Ziel, die Bevölkerung gegen diese Verordnung aufzuwiegeln.

Weiterhin versucht man mit dieser Sendung Unzufriedenheit über die Lebensverhältnisse der DDR, unter die Massen zu tragen. Dabei hetzt RIAS besonders gegen die bestehenden HO-Preise. Wörtlich heißt es dort: »In Ostberlin ist nichts billig, was der Westberliner dort erwerben oder genießen kann. Da ist vielmehr alles teuer, in Ostmark berechnet nämlich. Für ein Schnitzel zahlt niemand in irgendeinem Westberliner Luxusrestaurant DM 8,85, wie das in der Frankfurter Allee gefordert wird.« Weiter heißt es, dass »… die Ostberliner Hausfrau nach Westberlin gehen muss, um dort Reißverschluss und Druckknöpfe zu kaufen, damit sie sich ein Kleid schneidern kann«.

In einer anderen Sendung wendet sich der RIAS gegen die Geschenkpaketaktionen39 bzw. gegen die Paketkontrolle ebenfalls mit dem Ziel, die Bevölkerung, besonders die Bauernschaft, zu verärgern, indem man sagt, dass ein Bauer aus der »Sowjetzone«, der seinen Bruder aus Westdeutschland eine Weihnachtsfreude machen wollte als Schieber oder dunkles Element bezeichnet wird.40

Am Schluss versucht man den Menschen in der DDR glaubhaft zu machen, dass die »Versorgungslage der DDR sehr angespannt sei« und dies der alleinige Grund für die Magistratsverordnung ist.

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