Zur Beurteilung der Situation in der DDR
19. Januar 1955
Informationsdienst Nr. 2416 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie und Verkehr
In den Diskussionen über politische Probleme – die meiste von Arbeitern, weniger von Angestellten und nur vereinzelt von Intelligenzlern geführt werden – kommt immer wieder zum Ausdruck, dass in der Mehrzahl die Remilitarisierung Westdeutschlands sowie die Pariser Verträge1 abgelehnt werden. Es wird immer wieder betont, dass es nicht zu einem neuen Krieg kommen darf, da ein neues Völkermorden unsagbare Opfer fordern würde. Eine richtige Schlussfolgerung wird aber nur selten gezogen, nämlich, dass es nicht genügt, nur gegen einen III. Weltkrieg zu sein, sondern, dass man zur Erhaltung des Friedens etwas tun muss. Meist wird nur allgemein zur gegenwärtigen politischen Frage gesprochen, weniger wird zu dem aktuellen politischen Ereignissen wie z. B. zur Prager Konferenz2 und zu der in diesem Zusammenhang stehenden Volkskammertagung3 sowie zur Erklärung der SU4 Stellung genommen. Größtenteils stammten diese Äußerungen von fortschrittlichen Kräften und deshalb sind diese Stellungnahmen fast ausschließlich positiv.
Aus dem Inhalt geht hervor, dass die SU sowie die Regierung der DDR sich ständig bemühen, um die Erhaltung des Friedens und um die Herstellung der Einheit Deutschlands. In den Stellungnahmen zur Prager Konferenz wird herausgestellt, dass unsere Regierung eine stete Politik der Freundschaft und Verständigung führe.
Vielfach tritt in Erscheinung, dass im Zusammenhang mit den Pariser Verträgen über die Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte gesprochen wird.5 Dabei ist festzustellen, dass von einem beachtlichen Teil erklärt wird, dass sie die Notwendigkeit der Schaffung von Verteidigungskräften im Falle der Ratifizierung der Pariser Verträge einsehen. Verschiedentlich kommt es dabei zu Äußerungen, dass man sich persönlich für die Verteidigung unserer Errungenschaften bereit erklärt.
Neben diesen positiven Äußerungen gibt es noch immer eine ganze Reihe abgelehnter Äußerungen, die größtenteils auf einer pazifistischen Einstellung beruhen. Vorwiegend sind es Jugendliche, die von einer eventuellen Einberufung zuerst betroffen würden und Arbeiter, die den II. Weltkrieg mitgemacht haben. Aus ihren Äußerungen geht hervor, dass sie nichts von einem Krieg wissen und nie wieder ein Gewehr anfassen wollen. Die Jugendlichen erklären meist, dass sie die Gestellungsbefehle zerreißen würden. Solche Erscheinungen treten in den Betrieben zurzeit nur noch in kleinerem Umfang auf.
Äußerungen von feindlichen Elementen sind vereinzelt und sie drücken aus, dass bei uns in der DDR bereits Kriegsvorbereitungen getroffen würden und zum anderen hetzt man gegen unsere Partei und Regierung, indem geäußert wird: »Die SED treibt es wieder soweit, dass die Arbeiter wieder auf die Straßen gehen müssen, wie am 17. Juni.«6
Andererseits ist zu verzeichnen, dass jetzt in den Betrieben vielfach über die Frage der Umgruppierung von Arbeitskräften7 gesprochen. Zum Beispiel wird aus dem Bezirk Leipzig berichtet, dass diese Frage den Hauptgesprächsstoff in den Bezirken bildet. Die vorzunehmenden Umgruppierungen in einzelnen Betrieben stoßen größtenteils auf Unverständnis bei den Arbeitern. Jedoch gibt es Beispiele, wo diese Maßnahmen reibungslos durchgeführt werden können, was auf eine gute Überzeugungsarbeit seitens der Partei zurückzuführen ist.
Unter anderem haben sich im VEB Bodenbearbeitungsgerätewerk Leipzig 18 Kollegen bereiterklärt, die ihnen zugewiesenen anderen Arbeitsstellen anzunehmen.
Unter den Arbeitern in den Werften des Bezirkes Rostock wird ebenfalls über die Umgruppierung der Arbeitskräfte gesprochen. Es macht sich eine gewisse Beunruhigung bemerkbar, weil niemand weiß, inwieweit er von dieser Maßnahme betroffen wird. Aus diesem Grunde zeigt sich teilweise eine Arbeitsunlust. Einzelne Arbeiter haben ihre Kündigung eingereicht, um einer eventuellen Entlassung zuvorzukommen.
In der Mathias-Thesen-Werft in Wismar werden alle Möglichkeiten betreffs der Umgruppierung von Arbeitskräften ausgeschöpft, nur der Verwaltungsapparat wird nicht reduziert.
Die Diskussionen über Entlassungen in den Betrieben werden weniger durch Tatsachen ausgelöst, sondern mehr durch Gerüchte über angebliche Massenentlassungen in den VEB.
Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter aus dem VEB Bleichert8 Leipzig: »Ich habe erfahren, dass im Stahlwerk Riesa 1 000 Mann und auch bei der Bau-Union eine Menge Arbeiter entlassen werden sollen, die dann entweder zu den Bauern oder nach Aue gehen sollen.«
Aus dem Bezirk Gera wurde berichtet, dass die durchgeführten Strukturveränderungen bei der Eisenbahn und zwar die Reduzierung des Verwaltungsapparates von den operativen Kräften – im Gegensatz zu den administrativen – begrüßt wird.
Unter anderem wird zum Ausdruck gebracht, den aufgeblähten Verwaltungsapparat zu reduzieren.
Im Zuge der Vorbereitung der Gewerkschaftswahlen9 tritt vor allem in Erscheinung, dass oft wenig Interesse an den Wahlen gezeigt wird. Einmal erkennt man es daran, dass es Schwierigkeiten bei der Aufstellung von Kandidaten gibt und zum anderen, dass es in den Versammlungen oftmals keine Diskussionen zustande kommen. Außerdem gibt es auch Beispiele davon, dass faschistische Elemente versuchen, in die BGL zu kommen.
Zum Beispiel in der VEB Volltuchwerk Pößneck, [Bezirk] Gera, ging ein Weber von einem Kollegen zum anderen und fordert sie auf, einen Kandidaten ihre Stimme zu geben, welcher als offener Gegner bekannt ist. (Lehnte den Beitritt zur DSF ab, und arbeitet eng mit einer Person zusammen, die am 17. Juni10 versuchte, die Arbeit aufzuwiegeln.)
Im VEB Keramische Werke, [Bezirk] Gera, sprach von 80 Anwesenden während einer Versammlung zu den AGL-Wahlen kein einziger Kollege zur Diskussion.
Im VEB Qualitätsmöbelwerke in Triebes, [Kreis] Zeulenroda, [Bezirk] Gera, lehnen einzelne Kollegen ab, in der AGL mitzuarbeiten. Zum Beispiel äußerte ein Tischler, als er diesbezüglich angesprochen wurde: »Hier ist mein Arbeitsplatz und nicht in der AGL.«
Es kann festgestellt werden, dass in letzter Zeit die Diskussionen über Lohn- und Normfragen zunahmen. Der Grund dafür ist verschiedentlich, die Festlegung neuer Normen oder Änderungen in der Lohnberechnung.
Zum Beispiel wird im VEB Gummistrickwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera, mit der Arbeit an einem neuen Model begonnen, was eine neue Festlegung der Normen notwendig machte. Ein großer Teil der Arbeiterinnen ist damit nicht einverstanden, weil die dadurch weniger verdienen würden.
Zum Beispiel sagte eine Arbeiterin (parteilos): »Die fangen schon wieder an, wie vor dem 17. Juni 1953. Da begann es auch mit der Normfrage und dann kam es zu diesen Ereignissen.11 Wenn man jetzt wieder mit der Normenfrage beginnt, weiß keiner, was das für Folgen haben kann.«
Im VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm-Pieck« Rudolstadt löste eine neue Lohnberechnung, (Grundlage sind Qualität und Menge) Unzufriedenheit unter sehr vielen Arbeitern aus. Es wird die Meinung vertreten, dass diese Lohnberechnung ungerecht sei, da unabhängig von den Arbeitern eben kein gutes Rohmaterial oder zu wenig da sei, oder man sagt: »Wir verdienen jetzt rund 80,00 DM weniger als vorher und das sollen wir nun monatelang mitmachen. Es ist allerhand, was von uns verlangt wird. Wir können doch nicht darunter leiden, wenn der Westen nicht liefert.«
Solche Diskussionen werden vor allem in der Viskoseabteilung geführt. Es fehlt die Aufklärung seitens der Partei und BGL.
Im Zusammenhang mit diesen Fragen äußerte ein Arbeiter aus dem VEB Spinnfaserwerk Elsterberg, [Kreis] Gera, über die Stimmung der Werktätigen in den Betrieben: »Die Stimmung der Massen wird immer schlechter. An die Phrasen glaubt keiner mehr. Ein 17. Juni ist nicht mehr fern. Hoffentlich wird es nicht nur ein Polterabend, sondern gleich eine Hochzeit.«
Die Klagen aus den Betrieben der verschiedensten Zweige der Industrie über Produktionsschwierigkeiten aufgrund der ungenügenden oder unregelmäßigen Belieferung von Rohmaterialein halten weiterhin an.
Zum Beispiel wird in der Kohlenindustrie im Kreis Senftenberg weiterhin von einzelnen Brikettfabriken über die mangelhafte Zufuhr von Rohkohle geklagt. Hierzu äußern die Kollegen, dass die Schuld dafür die Betriebsleitung und Verwaltung habe. Sie sind verärgert, dass sich diese Mängel auf ihren Verdienst auswirken. Zu bemerken ist, dass diese Mängel jedes Jahr um diese Zeit in Erscheinung treten.
Im Press- und Schmiedewerk Wismar,12 [Bezirk] Rostock, besteht die Gefahr, dass die Gasgeneratorenanlage ausfällt, da von der DHZ Kohle Lauchhammer-Ost keine Generatorenbriketts mehr geliefert werden.
Seit dem 8. Januar [1955] erhält der Betrieb Briketts aus Großräschen, die jedoch nicht die erforderliche Qualität besitzen. (Geringere Druckfestigkeit). Durch höheren Kohlengrusanfall besteht die Gefahr, dass durch eine Kohlenstaubexplosion die Anlage ausfallen kann.
Im VEB Papierhülsenfabrik Eckartsberg, [Bezirk] Dresden, und im Treuhandbetrieb Papiermühle Hainewalde, [Kreis] Zittau, besteht ein Rohstoffmangel, da der VEB Altstoffhandel Bautzen mit seiner Lieferung im Monat Januar mit 18 Tonnen im Rückstand ist. Der Betriebsleiter von der Papierhülsenfabrik erklärte, dass 1955 5 000 Tonnen Altpapier mehr aufgebracht werden müssen als 1954. Da bereits im letzten Quartal 1954 in diesem Betrieb mehrmals Produktionsstockungen zu verzeichnen waren und jetzt eine derartige Mehrauflage geplant ist, ist es dem Betriebsleiter unerklärlich, wie der Produktionsplan seines Betriebes erfüllt werden kann.
Der Betrieb beliefert ca. 25 % der gesamten Textilindustrie mit Papiertüten. Es hängt deshalb die Produktion von großen Textilbetrieben entscheidend von der Erfüllung der Produktionspläne im Werk Eckartsberg ab.
In den Betrieben der Kunstblumenindustrie im Kreis Sebnitz, [Bezirk] Dresden, (besonders der Privaten) sind große Kartonageschwierigkeiten eingetreten. Wenn dieser Zustand nicht geändert wird, ist damit zu rechnen, dass ca. 2 500 Arbeiter in dieser Industrie nicht mehr beschäftigt werden können. Außerdem entstehen dadurch große Exportschwierigkeiten. Verantwortlich: Rat des Bezirkes, sowie die Industrie und Handelskammer.
Zu Produktionsstörungen kommt es des Öfteren in der Braunkohlenindustrie des Gebietes Senftenberg/Cottbus, wobei es mitunter zu beachtlichen Produktionsausfällen kommt.
Zum Beispiel kam am 15.1.1955 das Kühlhaus der Brikettfabrik »Sonne« in Freihufen, BKW Großräschen zum Stillstand, weil die Verriegelung aussetzte. Die Redler (Zufuhrketten für Briketts) sind nicht nachgekommen und deshalb trat eine Verzögerung ein. Durch diese Verzögerung ist eine Presse leergelaufen und dadurch bildete sich ein Feuernetz. Dieses Feuernetz hat den Kohlenstaub gefangen und somit kam es zu einer Verpuffung. Sämtliche Pressen im Kühlhaus mussten angehalten werden.
Der Produktionsausfall wird auf ca. 600 t Briketts geschätzt.
Am 14.1.1955 kam es im BKW »Franz Mehring«13 im Kühlhaus der Brikettfabrik ebenfalls zu einer Verpuffung. Ursache: »Die Rohre waren verstopft und dadurch entstand durch Selbstentzündung eine Explosion.« Produktionsausfall: ca. 900 Tonnen Briketts.
Am 14.1.1955 fiel im Tagebau Niemsch des BKW »Franz Mehring« durch unsachgemäße Bedienung ein Bagger aus. Produktionsausfall: ca. 1 200 t Rohkohle.
Während der Berichtszeit wurde auf dem Gebiet der Industrie nur im geringen Maße Feindtätigkeit bekannt.
Zum Beispiel wurden am 13.1.1955 der Betriebsleiter, der kaufmännische Direktor sowie der Hauptbuchhalter aus dem VEB »Einheit« Mühlhausen,14 [Bezirk] Erfurt, festgenommen. Die Genannten haben als leitende Wirtschaftsfunktionäre unserem Staat erheblichen Schaden zugeführt. Sie haben durch falsche Berichterstattung eine Planerfüllung vorgetäuscht, die keine reale Grundlage hatte, um dadurch in den Genuss von Prämiengeldern zu gelangen. Des Weiteren fehlen in diesem Betrieb 31 Strickmaschinen. Das Abhandenkommen ist noch ungeklärt.
Am 13.1.1955 wurde in der Abteilung Weberei des VEB Volltuch in Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, von unbekannten Tätern eine Wandzeitung abgerissen.
Versorgung der Bevölkerung
Im Handel machen sich Diskussionen über die Entlassungen15 bemerkbar.
In Steuden/Saalkreis [Bezirk] Halle, ist die Bevölkerung empört, weil dort aufgrund von Maßnahmen des Rates des Kreises der Abt. Handel und Versorgung und vom staatlichen Einzelhandel – HO16 Saalkreis eine Verkaufsstelle geschlossen werden soll. Das sind von diesen Abteilungen rein administrative Maßnahmen. Die Verkaufsstellenleiterin erfuhr erst 24 Stunden vorher von dieser Maßnahme. Der Bürgermeister war ebenfalls nicht verständigt. Die DHZ17 musste ihre Waren bei der Auslieferung wieder zurücknehmen. Die Bevölkerung erhielt damit nicht genügend Lebensmittel und ist mit Recht über diese Handlungsweise empört. (Kein Einzelbeispiel in diesem Kreis.)
In der HO Quedlinburg, [Bezirk] Halle, diskutierte man ebenfalls über die Änderung des Personalbestandes. Die Kollegen sehen die Notwendigkeit der Entlassungen nicht ein. Die Leitung trägt aber einen Teil der Schuld, da sie nicht mit den Kollegen über die Entlassungen spricht, sondern einfach diesen schriftlichen Entlassungen überreicht. Viele Kollegen nutzten diese Situation aus, um Stimmung gegen die DDR zu machen.
Durch die Verlegung der Hauptverwaltung der HO-Lebensmittel von Anklam nach Torgelow, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden 51 Kollegen entlassen. Der Kaderleiter diskutiert dahingehend, dass man zwar immer von den Entlassungen im Westen spricht, bei uns aber auch welche durchführt.
Es treten augenblicklich vor allem Versorgungsschwierigkeiten bei HO-Fleisch, Fleischwaren und Fetten auf.
Im Kreis Parchim, [Bezirk] Schwerin, gibt es in den HO-Lebensmittelgeschäften wenig Auswahl an Fleisch und Wurst. Die schlechte Belieferung macht sich vor allem auch auf dem Lande bemerkbar, wo es schon 14 Tage keine Wurstwaren mehr gibt.
Im Bezirk Cottbus ist ebenfalls eine Knappheit in der Fleischversorgung aufgetreten. Die Ursache ist darin zu suchen, dass die Erfassungs- und Aufkauforgane ihre Pläne nicht erfüllen.
Der Bezirk hat wenig Importware zur Verfügung, da er sich aus eigenem Auftrieb versorgen muss.
Ein großer Teil der Fleischer im Kreis Wolmirstedt geben auf die Margarineabschnitte Schlachtfette und Fleisch aus. Folge ist, dass im Großhandelskontor/18Lebensmittel die Margarine (Markenware) nicht umgesetzt werden kann. Eine Untersuchung ergab, dass ein Fleischermeister aus Rogätz, [Kreis] Wolmirstedt, [Bezirk] Magdeburg, 151 kg Margarinemarken abgerechnet hatte.
Durch ein verbreitetes Gerücht des Klassengegners, »in nächster Zeit werde das Salz knapp«, wurden in einigen Kreisen des Bezirkes Cottbus Hamstereinkäufe getätigt, sodass in verschiedenen Kreisen des Bezirkes kein Salz zu erhalten ist.
Landwirtschaft
Die Stimmung zu den aktuellen politischen Fragen, besonders zur Verhinderung der Kriegsverträge, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Stimmung der Werktätigen in der Stadt. Zurzeit wird dazu wenig diskutiert.
Ein feindliches Verhalten zeigt sich in einzelnen Fällen vorwiegend bei Groß- und Mittelbauern.19
In der Gemeinde Dessow, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, äußerten sich Groß- und Mittelbauern, sie wollen jetzt ihr Geld für Maschinen anlegen, damit sie mit den Großbauern, die nach einem neuen Krieg ihre Besitzungen wiedererhalten, auch konkurrieren könnten.
Verschiedentlich propagieren Groß- und Mittelbauern die »Freie Wirtschaft«.
Im Kreisgebiet Oschatz, [Bezirk] Leipzig, traten in einer Bauernversammlung einzelne Bauern offen für die »Freie Wirtschaft« ein.
In der Gemeinde Naundorf, [Bezirk] Leipzig, kam es bei einer Bauernversammlung während der Ausführungen des Referenten zu Zwischenrufen, als dieser über die Lage der Bauern in Westdeutschland sprach. Unter anderem: »Ihr sagt uns nicht die Wahrheit, wir wollen die freie Wirtschaft.«
In Rövershagen, [Kreis] Rostock, wurde von der Belegschaft des staatlichen Forstbetriebes auf einer FDGB-Versammlung eine Entschließung, die sich mit der Bitte an die Regierung wandte, die DDR gegen imperialistische Angriffe zu schützen mit 16 gegen sieben Stimmen abgelehnt.
Im VEG Blankenburg, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, wurde eine Protestresolution gegen das Wiedererstehen des westdeutschen Imperialismus von allen Anwesenden unterschrieben. An der Diskussion darüber beteiligten sich aber nur die Betriebsleitung, die BPO und die BGL im positiven Sinne.
Ein Siedler aus Brunn, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, äußerte sich, dass seine Heimat jetzt von den Polen besetzt sei. Er könne deshalb nicht mit Polen zusammen seine ehemalige Heimat verteidigen.
Im Allgemeinen verlaufen die Wahlen der VdgB-(BHG)20 zufriedenstellend. Es werden oft die alten Vorstände wiedergewählt. Bei einer Durchführung der Wahlen macht sich aber häufig auch die mangelhafte Vorbereitung und eine schlechte Beteiligung der Bauern bemerkbar.
Ebenso diskutiert man wenig über die gegenwärtigen politischen Probleme.
Zum Beispiel in den Kreisen des Bezirkes Magdeburg werden die Versammlungen nur sehr schlecht besucht. Es ergab sich in vier Ortschaften des Kreises Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, ein durchschnittlicher Besuch von 25 %. Ebenso ist eine mangelhafte Verbindung mit den Ortsorganen der Partei zu verzeichnen.
In der Gemeinde Freienstein, [Bezirk] Potsdam, erschienen von 92 Mitgliedern nur 31.
Die Diskussion erstreckte sich vor allem auf wirtschaftlichen Fragen im örtlichen Bericht. Von den Einzelbauern in der oben angegebenen Gemeinde wird oft die Frage der Benachteiligung aufgeworfen, wie z. B. »Warum unterschiedliche Bezahlung der Arbeiten der MTS bei Klein-, Mittel- und Großbauern«.
In diesem Ort macht sich auch bemerkbar, dass Großbauern versuchen, in die Vorstände zu kommen. In Diskussionen versuchen sie, dass Großbauern als Kandidaten vorgeschlagen werden. Diese Frage taucht im Zusammenhang mit der III. LPG-Konferenz21 auf. Großbauern werden aber zum größten Teil als Kandidaten in den Vorstand abgelehnt.22
Auch im Bezirk Cottbus macht sich diese Tendenz bemerkbar. Die von Großbauern oder deren Interessenvertretern aufgestellten Kandidaten waren nicht gewillt, ihre Kandidatur freiwillig zurückzuziehen.
Im Kreis Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, wird aus 18 Ortschaften bekannt, dass die Veränderungen in den Vorständen zugunsten der Parteilosen ausgefallen sind.
In Krakendorf, [Kreis] Weimar, [Bezirk] Erfurt, machte sich das Bestreben kleinbürgerlicher Parteien, ihre Kandidaten in den Vorstand zu bringen, bemerkbar. Der aufgestellte Genosse der SED erhielt keine Stimmenmehrheit, weil die SED-Mitglieder und die Genossenschaftsbauern der Versammlung ferngeblieben waren, während die LDP-Mitglieder 100%ig erschienen waren.
Über die Aufnahme von Großbauern in die LPG wird von den Mitgliedern der LPG wie folgt diskutiert:
Starke LPG stimmen dafür und werten in dieser Frage die III. LPG-Konferenz gut aus. Schwache LPG lehnen die Aufnahme von Großbauern ab, da sie sich erst selbst stärken wollen, weil sonst die Großbauern aufgrund ihrer guten landwirtschaftlichen Erfahrungen bald die Oberhand bekämen.
Die Mitglieder der LPG Großzössen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, lehnten die Aufnahme eines Großbauern mit der Begründung an, er hätte zu viel großbäuerliche Manieren, die LPG müsse sich erst festigen, um Großbauern aufnehmen zu können.
Es zeigt sich vor allem, dass solche Großbauern in die LPG wollen, die sich wirtschaftlich schlecht stehen und ihren Ablieferungsverpflichtungen nicht nachgekommen und teilweise sogar negativ eingestellt sind.
In der Gemeinde Audenhain, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, stellten mehrere Großbauern, die Sollrückstände haben und negativ zu unserer Entwicklung stehen, einen Antrag auf Aufnahme in die LPG. Die LPG-Mitglieder lehnten diesen Antrag ab.
In vereinzelten Fällen gelang es auch negativ eingestellten Großbauern, in die LPG aufgenommen zu werden.
In der Gemeinde Warnsdorf, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sagte ein Großbauer, der in die LPG eingetreten war:
»Im Frühjahr werden alle jungen Männer eingezogen, auch meine Knechte. Mir fehlen dann die Arbeitskräfte. In der LPG kann ich wenigstens den Hof halten und Stallungen anbauen. Wenn alles anders kommt, habe ich dann alles in Ordnung.«
Beim Jahresabschluss in den LPG tritt die Erscheinung auf, dass manche LPG den Mitgliedern die Arbeitseinheiten23 nicht voll auszahlen können. Unter den Mitgliedern tritt deshalb eine Missstimmung auf.
In der LPG Ziegenhain, [Kreis] Meißen, legte der beste Melker am 15.1.1955 deswegen die Arbeit nieder.
In der LPG Klitschmar, [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, nehmen sogar führende Funktionäre dieser LPG dazu eine negative Stellung ein.
Ein LPG-Mitglied forderte in der Hauptjahresversammlung die anderen Mitglieder auf, die Arbeit niederzulegen, wenn die Restzahlungen nicht erfolgen. Der Parteisekretär vertrat die gleiche Meinung. Er äußerte u. a.: »Wenn es die Restzahlungen nicht gibt, will er diese Zustände in der Westpresse veröffentlichen.«
In der LPG Klein Haßlow, [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam, fordern die Mitglieder die Auszahlung der 30 % ihres Leistungslohnes. Ansonsten wollen sie aus der LPG austreten. Ähnliche Diskussionen treten auch in anderen Orten des Kreises Wittstock auf, weil die Bauernbank die LPG-Mitglieder auffordert, auf die 30 % zu verzichten, damit mit diesem Geld die Schulden der LPG gedeckt werden können.
In der MTS Großzössen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, legten die Arbeiter der Werkstatt am 14.1.1955 in den Nachmittagsstunden wegen Ersatzteilmangel die Arbeit für zehn Minuten nieder. Wegen Ersatzteilmangel können die Maschinen und Geräte nur halbfertig repariert werden. Die bereitliegenden Ersatzteile für die MTS konnten aus Wurzen nicht abgeholt werden, da alle Fahrzeuge der MTS in Reparatur waren.
Im Bezirk Schwerin erhalten die ÖLB und LPG beim Bau von Ställen von den Räten der Kreise nicht genügend Unterstützung. So konnte in der LPG Cramonshagen, [Bezirk] Schwerin, der Schweinestall nicht fertiggestellt werden. Die Mästung von 300 Schweinen im Jahre 1954 war deshalb nicht möglich.
In dem ÖLB Dalberg, [Kreis] Schwerin, ist es ebenso. 40 % der Gebäude sind baufällig. Aus diesem Grunde verkümmerten hier von 300 Schweinen einige.
In dem ÖLB Langenfelde, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock, wurde am Dreschkasten ein Riemen von unbekannten Tätern angeschnitten.
In dem ÖLB Pölitz, [Bezirk] Stralsund brannte am 13.1.1955 der Dachstuhl des Kuhstalles aus. Es entstand ein Schaden von ca. 10 000 DM.
Davon 7 500 DM Gebäudeschaden und der Rest 460 Zentner Heu, 360 Zentner Stroh, 400 Zentner Getreide und zwei Fuder eingedroschener Flachs. Ursache: Vermutliche Brandstiftung.
Drei Tage vorher wurde ebenfalls durch erwiesene Brandstiftung ca. 180 Meter entfernt ein Strohschober abgebrannt.
Dieser ÖLB soll in eine LPG umgewandelt werden.
Am 13.1.1955 wurde in Falkensee, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, ein Fahnenmast der MTS umgebrochen.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Dresden und Rostock werden Sturmschäden in der Zeit vom 16. bis 18.1.1955 gemeldet.
Störungen größeren Ausmaßes wurden nicht bekannt. Jedoch sind Schäden für einzelne Betriebe in beträchtlicher Höhe entstanden.
Einschätzung der Situation
In der Stimmung zum Kampf gegen die Kriegsverträge ergeben sich noch keine bemerkenswerten Veränderungen. Allgemein nehmen alle Schichten gegen die Verträge Stellung, aber die notwendige Schlussfolgerung, dass auch jeder friedliebende Mensch der DDR mit dazu beitragen muss, diesen geplanten Krieg zu verhindern, wird noch zu wenig erkannt. Darin zeigt sich einerseits eine Unterschätzung der Kriegsgefahr und andererseits eine Unterschätzung der Stärke des Weltfriedenslagers.
Durch Umgruppierung der Arbeitskräfte wird die teilweise schlechte Stimmung noch größeren Umfang annehmen, da auch den feindlichen Gerüchten im Zusammenhang mit den Entlassungen oft Glauben geschenkt wird. Ähnliche Auswirkungen zeigen sich auch schon durch die Schließung einiger HO-Verkaufsstellen.
In der Durchführung der BGL-Wahlen zeigt sich häufig ein ungenügendes Interesse nicht nur wegen der teilweise schlechten Vorbereitungen sondern auch, weil sich viele Arbeiter und Angestellte noch nicht mit dem FDGB als ihrer Klassenorganisation verbunden fühlen und sich zum Teil von der Hetze gegen den FDGB beeinflussen lassen.
Wenn die Aufklärung nicht wesentlich verbessert wird, sind in einer Reihe Betriebe keine guten Ergebnisse zu erwarten.
Ähnliche Erscheinungen, aber im geringeren Umfange zeigen sich bei den VdgB-Wahlen.
In einigen Betrieben zeigt sich bei der Erarbeitung neuer Normen und Einführung neuer Lohnberechnungen Ablehnung durch Teile der Belegschaften. Dabei machen sich verschiedentlich feindliche Einflüsse bemerkbar.
Den reaktionären Kirchenkreisen gelingt es durch verstärkte Hetze und Drohungen, ihren Einfluss auf die christlichen Bevölkerungskreise zu erweitern und dadurch in zahlreichen Fällen, besonders auf dem Lande, die Menschen von der Beteiligung an der Jugendweihe24 abzuhalten. Ohne Gegenmaßnahmen und Aufklärung in größerem Umfang wird die Zurücknahme der Anmeldungen zur Jugendweihe beträchtlichen Umfang annehmen.
Anlage 1 vom 18. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Jugendweihe
Nachdem die Pfarrer in den vergangenen Wochen insbesondere in den Predigten gegen die Jugendweihe Stellung nahmen und versuchten, die Eltern und die zur Schulentlassung Kommenden zu beeinflussen, dass sie die Jugendweihe ablehnen, greifen sie jetzt zu aggressiveren Mitteln.
In zahlreichen Gemeinden werden Elternversammlungen einberufen, wo nochmals auf die Eltern eingewirkt wurde, damit sie ihre Kinder nicht zur Jugendweihe schicken. Die dabei vorgebrachten Argumente gleichen im Inhalt denen, die in den Predigten ausgeführt wurden und vor allem die Frage der Weltanschauung behandeln.
Diese Worte, die oftmals auch Hetze gegen unsere Regierung enthalten, schließen sie dann meist Drohungen der verschiedensten Art an.
(In den meisten Fällen wird den Eltern gedroht, dass ihre Kinder nicht konfirmiert werden, wenn sie zur Jugendweihe gehen. Dabei stützen sich mehrere Pfarrer auf Anweisung ihrer Kirchenleitung. Diese Drohungen wurden z. B. in Gemeinden der Bezirke Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Gera, Suhl, Neubrandenburg, Frankfurt und Potsdam ausgesprochen. In einzelnen Gemeinden wird die Drohung erweitert, dass die Kinder bei Teilnahme an der Jugendweihe aus der Kirche ausgeschlossen oder nicht konfirmiert, nicht getraut und nicht kirchlich bestattet werden.)
Die gegen die Jugendweihe gerichtete Hetze der Pfarrer und die Drohungen, die in dem Konfirmandenunterricht zum Ausdruck gebracht werden, bewirkten, dass sich vielfach Jugendliche wieder von der Jugendweihe abmelden oder trotz der Überzeugung, dass die Jugendweihe für sie besser wäre, aus Angst nicht dazu melden.
Dazu wurden u. a. folgende Beispiele bekannt:
In der Gemeinde Treuen, [Kreis] Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hatten sich 25 Kinder für die Jugendweihe angemeldet. Durch den Einfluss des Pfarrers, welcher die Kinder aufforderte, sich konfirmieren zu lassen, haben sich alle 25 wieder abgemeldet.
Die gleichen Erscheinungen sind auch in den Gemeinden Lengenfeld und Tannenbergsthal im gleichen Bezirk zu verzeichnen.
In Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hatte der Ausschuss für die Jugendweihe25 eine gute Arbeit geleistet und es war ihm gelungen, 80 % der Kinder zu gewinnen. Durch den Einfluss der Kirche haben sehr viele abgesagt, sodass jetzt nur noch 8 % teilnehmen.
Die Jugendlichen von Keula, [Bezirk] Sondershausen, die alle an der Jugendweihe teilnehmen wollten, zogen nach der Drohung des Pfarrers, dass sie nicht konfirmiert würden, die Einzeichnung zurück.
In der Stadt Stollberg, [Kreis] Sangerhausen, [Bezirk] Halle, waren ca. 40 Schüler bereit, statt der Konfirmation die Jugendweihe zu besuchen. Durch starken Einfluss der kirchlichen Kreise sind sie jedoch jetzt der Meinung, dass sie sich lieber konfirmieren lassen möchten.
Ein Pfarrer aus Kamenz bestellte sich die Jugendlichen, welche die Schule verlassen in seine Wohnung, sprach mit ihnen, dass sie die Jugendweihe ablehnen sollten, da dies eine faschistische Angelegenheit sei und ließ sie alle unterschreiben, dass sie sich konfirmieren lassen.
Nach der Erklärung eines Pfarrers von Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, die er den Eltern in einer Versammlung gab, dass ihre Kinder nicht konfirmiert würden, wenn sie an der Jugendweihe teilnehmen, zogen zwölf von 22 Schülern der Goetheschule in Auerbach ihre Anmeldung zur Jugendweihe wieder zurück.
Aufgrund der Beeinflussung durch die Kirche kommt es immer wieder vor, dass Bürger, die sich zur Arbeit in den Ausschüssen für die Jugendweihe bereit erklärten, diese Zusage zurückziehen.
Zum Beispiel wurde in Sehma, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine Hausfrau (Schwester von zwei Pfarrern) überzeugt, dass sie den Vorsitz des Ausschusses für die Jugendweihe übernahm. Daraufhin bestellte sie der Pfarrer zu sich, ließ sie sehr lange warten und führte dann mit ihr eine Aussprache durch, deren Ergebnis war, dass die Zusage zur Übernahme des Vorsitzes eine Woche später zurückgezogen wurde.
Im Zusammenhang mit der Jugendweihe entwickeln feindliche Elemente gleichzeitig eine Hetze gegen die DDR und versuchen z. B. durch die Verbreitung von Gerüchten, die Eltern schulentlassener Kinder gegen unsere Partei und Regierung zu beeinflussen.
Zum Beispiel sagte eine Hausfrau aus Saalfeld, [Bezirk] Gera: »Das ist genau dasselbe Theater mit der Jugendweihe wie bei den Nazis.26 Es wird ja auch schon davon gesprochen, dass diejenigen, die nicht zur Jugendweihe gehen, auch keine Lehrstellen bekämen. Diese Drohung von der Partei ist ja schlimmer als früher bei den Nazis.«
Ein Pfarrer aus Tannenberg, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte in einer Elternversammlung: »Kein Oberschüler wird wieder in der Oberschule studieren können, wenn er nicht an der Jugendweihe teilnimmt.«
In der Kreisvorstandsitzung der CDU in Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, am 10.1.1955 brachte eine Kreistagsabgeordnete zum Ausdruck, dass vielfach die Meinung vertreten wird, dass »die Schüler, die nicht an der Jugendweihe teilgenommen haben, auch nicht in der Oberschule aufgenommen werden.«
In den Gemeinden Loitsche und Eichenbarleben, [Kreis] Wolmirstedt, [Bezirk] Magdeburg, und in Annaberg-Buchholz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden Plakate zur Jugendweihe abgerissen.
Anlage 2 vom 18. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Die Erklärung der Sowjetregierung zur Deutschlandfrage
Zur Erklärung der Sowjetregierung zur Deutschlandfrage wird noch verhältnismäßig wenig diskutiert.27 Die vorliegenden Einzelbeispiele sind jedoch positiv, und es wird immer wieder betont, dass einzig und allein die Regierung der Sowjetunion konkrete Vorschläge zur Lösung des Deutschlandproblems mache.
Ein Kollege der Arbeiterannahme der Filmfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle, sagte z. B.: »Ich habe mit großem Interesse die Erklärung im Radio gehört und schöpfte daraus wieder neuen Mut. Ist doch diese Erklärung eine Bereitwilligkeit, mit allen Mitteln die Einheit Deutschlands wiederherzustellen und den Frieden in Europa zu sichern. Jetzt können die Westmächte nicht mehr mit der Bremse kommen, erst freie Wahlen unter internationaler Kontrolle, denn diese Punkte schlägt die SU auch vor. Hoffentlich gehen die Westmächte und die Bonner Regierung jetzt auf die Vorschläge ein und kommen nicht wieder mit einer anderen Forderung.«
Ein Ingenieur aus der Filmfabrik Wolfen: »Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es günstigere Angebote nicht geben kann. Ich bin der Meinung, dass es nun an der Zeit ist, dass die Westmächte sich ernsthaft Gedanken machen, wie sie mit der SU zu einer Wiedervereinigung kommen. Die Aufgabe der westdeutschen Politiker ist es jetzt, den Westmächten klar zu machen, dass sie diese Vorschläge im Interesse Deutschlands nicht unter den Tisch fallen lassen. Die Westmächte haben die Aufgabe, sich jetzt mit der SU über die einzelnen Punkte zu einigen bzw. ihre Vorschläge zu machen und festzulegen, aus welchen Staaten sich die Internationale Kommission zusammensetzen soll.«
Die Kollegen der Abt. Schleiferei im VEB Feinmess28 Suhl vertraten die Meinung, dass die Vorschläge der SU die einzige Verhandlungsbasis für ein geeintes Deutschland auf demokratischer Grundlage ist.
Ein Angestellter vom HO-Lebensmittel Wismar, [Bezirk] Rostock, erklärte, dass man wieder sehen könnte, dass die SU alles unternimmt, um den Frieden zu erhalten.
Anlage 3 vom 18. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Auswertung der Westsendungen
Der RIAS29 hetzt gegen den Wirtschaftsplan 195530 und verbreitet dabei Gerüchte über das »Anlaufen der Rüstungsproduktion, die Ausführung von Rüstungsbauten und das Abziehen von Arbeitskräften« für den Dienst in der VP.
Weiterhin hetzt RIAS gegen die FDGB-Wahlen und bezeichnet die neugewählten Funktionäre als »Linientreue Aufpasser und Antreiber«. Als Gegenmaßnahmen fordert der RIAS die FDGB-Mitglieder zur Bildung von illegalen Gruppen wie folgt auf:
»Jeder einzelne der sechs Millionen Kollegen weiß, dass es mindestens fünf Millionen Mitglieder gibt, die genau so denken wie er. Darüber, was gesagt und getan werden kann, darüber kann der Einzelne nur mit vier, fünf oder vielleicht 20 Kollegen sprechen. Aber er kann sicher sein, dass sich die Kollegen anderer Betriebe genauso zusammensetzen werden. Dies ist die einzige Waffe gegen das kommunistische Aktionsprogramm.«
Zur Beunruhigung der Frauen, die an Fließbändern arbeiten, wie z. B. im Textilbetrieb »Fortschritt« Berlin,31 Rundfunk- und Fernmeldewesen usw. verbreitet der RIAS, »dass ab 1. Januar 1955 die Normen so erhöht wurden, dass die Frauen kaum von ihrer Arbeit aufsehen können. Die Arbeiterinnen setzen dadurch ihre Nerven, Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel. Sollte das einzige Monate so gehen, wird ›Fortschritt‹ zum Irrenhaus.«
RIAS versucht weiterhin, im Zusammenhang mit den Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht32 mit der III. LPG-Konferenz, die werktätigen Einzelbauern gegen die LPG und MTS aufzuhetzen.
Er beruft sich auf die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht, dass die DDR gar nicht daran denke, die wirtschaftliche Entwicklung der selbstständigen Bauern zu behindern33 und sagt wörtlich: »… Nun, sie wissen es besser. Alle Maßnahmen der letzten Jahre – angefangen von der ungerechten Verteilung von Futtermitteln, künstlichen Dünger bis zu den unterschiedlichen MTS-Tarifen – beweisen das Gegenteil.«
Zu den Ausführungen über die Ermäßigung der MTS-Tarife34 sagt RIAS, dass noch niemand in der DDR wisse, um wie viel die Tarife gesenkt werden und wer in den Genuss der Ermäßigungen komme.
Des Weiteren hetzt RIAS gegen die Sozialversicherung in den LPG und gegen den Beschluss »Industriearbeiter aufs Land«.35 – Er bemüht sich zu beweisen, dass die Sozialleistungen in der LPG – besonders die Rentenleistungen schlechter als in der Industrie seien und deshalb die Industriearbeiter den LPG lieber fernbleiben oder die Versicherung als freiwillige Versicherung selbst übernehmen sollten.
In einer Sendung für die Jugend hetzt der RIAS gegen den »Bau der Jugend«36 in Trattendorf. Er behaupte, dass die Jugendlichen, die versprochene Auslösung und das Kindergeld nicht erhielten. Des Weiteren würden Facharbeiter als Hilfsarbeiter beschäftigt und auch dementsprechend entlohnt. Dadurch sei die Arbeitsmoral und das Verhalten der Jugendlichen schlecht und RIAS sagt wörtlich:
»Kameradendiebstähle, Betrügereien, Saufereien, Prügeleien und Überfälle auf Zivilpersonen in den umliegenden Dörfern sind so groß, dass man beinahe von einem Verbrecherparadies Trattendorf sprechen kann«. Anschließend zählt RIAS in seiner Hetze noch einige Bauplätze – wie z. B. den Jugend-Talsperrbau Sosa37 und den »Dienst für Deutschland«38 auf, die »ebenfalls an der Unzufriedenheit, den Ausschreitungen, Vergehen und der schlechten Bezahlung gescheitert« seien.
Der RIAS treibt weiterhin eine umfangreiche Hetze gegen die Jugendweihe, die er als »Verpflichtung zur materialistischen Weltanschauung« bezeichnet. Er benutzt dazu den Hirtenbrief39 Dr. Dibelius40 und die Ausführungen41 des sächsischen Bischofs Noth.42
Die Pfarrer, die für die Jugendweihe eintreten, beschimpft er als »Beauftragte der SED, die den Talar missbrauchen«. Dann vergleicht er sich auch mit den Pfarrern der Nazizeit und fordert alle Gläubiger auf, die Jugendweihe abzulehnen.
Anlage 4 vom 19. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Bericht über Umgruppierung der Arbeitskräfte in Industrie und Handel
In den letzten Tagen wird uns aus den Bezirken häufig über Entlassungen in unseren volkseigenen Betrieben berichtet.43 Begründet werden diese Maßnahmen vielfach mit Änderungen der Produktions- und Arbeitskräftepläne, oder mit Einsparungsmaßnahmen zur Erhöhung der Rentabilität der betreffenden Betriebe. Betroffen werden davon in der Mehrzahl Arbeiter, weniger Verwaltungspersonal.
Zum Beispiel sieht der Arbeitskräfteplan im Kabelwerk Berlin-Köpenick44 für 1955 vor, die Belegschaft um 110 Beschäftigte zu verringern. Es sollen 40 Angestellte und 70 Arbeiter entlassen werden.
Des Weiteren sieht man vor, die 23 beschäftigten Westberliner so nach und nach zu entlassen. Mit sechs Westberliner Intelligenzlern will die Betriebsleitung eine Aussprache führen, zwecks Übersiedlung in den demokratischen Sektor. Anderenfalls sollen sie auch entlassen werden.
Im VEB Kabelwerk Berlin-Oberschöneweide müssen aus den gleichen Gründen 200 Beschäftigte entlassen werden, darunter befinden sich ca. 40 bis 50 Westberliner. Und im VEB Werk für Fernmeldewesen Berlin-Oberschöneweide soll aufgrund der Kürzung des Produktionsplanes um 25 %, die Beschäftigungszahl von 8 000 auf 6 100 reduziert werden.
Die Entlassungen erfolgen oftmals ohne irgendeine Erklärung und dadurch, dass die Gründe vielfach nicht bekannt sind, wird eine schlechte Stimmung ausgelöst oder eine gewisse Beunruhigung unter den Beschäftigten geschaffen. Zum Beispiel wird in den Werften des Bezirkes Rostock viel über diese Frage gesprochen, vor allem darüber, wer wird von diesen Maßnahmen betroffen werden. Es herrscht deshalb eine gewisse Beunruhigung vor, die wiederum zu einer Arbeitsunlust führt. Einzelne Arbeiter reichten ihre Entlassung ein, um einer eventuellen Kündigung zuvorzukommen.
Die Diskussionen in den Betrieben werden besonders durch die Gerüchteverbreitung über angebliche Massenentlassungen in den VEB ausgelöst.
Zum Beispiel wurde in Westeregeln, [Kreis] Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, das Gerücht verbreitet, dass sämtliche Arbeiter in den VEB, die nicht dem FDGB angehören, entlassen werden.
Oder in Staßfurt ist das Gerücht im Umlauf, dass in den dortigen Blechpackungswerk III in nächste Zeit 400 Arbeiter entlassen würden. (Es sind aber in diesem Betrieb keine Entlassungen vorgesehen.)
Ein Arbeiter aus dem VEB Bleichert Leipzig45 äußerte, dass er erfahren habe, dass im Stahlwerk Riesa 1 000 Mann und auch bei der Bau-Union eine Menge Arbeiter entlassen würden und diese müssten entweder zu den Bauern oder nach Aue gehen.
Außerdem ist zu verzeichnen, dass die Umgruppierung von Arbeitskräften oft nicht planmäßig erfolgt und dadurch Schwierigkeiten bei der Unterbringung der Entlassenen in andere Arbeitsstellen entstehen. Das zeigt sich besonders bei Arbeitern, die in Berliner Betrieben entlassen wurden und in den Randgebieten von Berlin wohnhaft sind. Über dieses Problem diskutierten u. a. Kollegen vom Rat der Stadt Halle. Sie erklärten, dass sie nicht verstehen können, dass in der DDR Arbeitskräfte entlassen werden, die man nicht in anderen Arbeitsstellen unterbringen kann.
Im VEB Volksbau Berlin besteht unter den Bauarbeitern eine Erregung wegen der Entlassungen von Kollegen, die in der DDR wohnhaft sind und in ihren Wohnorten keine Arbeitsstellen erhalten können. Um die bestehende Unzufriedenheit unter den Kollegen einzudämmen, wurden die Entlassungen der in der DDR wohnhaften Bauarbeiter einstweilen abgestoppt.
Beim VEB Straßenbau Potsdam werden 250 Arbeiter entlassen. Davon allein aus der Gemeinde Altwarp 50.
Ein Arbeiter äußerte dazu: »Es hat sowieso keinen Zweck zur Abteilung Arbeit zu gehen, da man von dort doch nur in die Bergwerke geschickt wird.«
Im VEB (K) Bau Nordhausen wurden 256 Arbeiter entlassen. Es handelt sich zum größten Teil um Arbeiter, die im Kreis Worbis wohnhaft sind. Diese Maßnahmen lösten negative Diskussionen wie z. B.: »Kommt uns aber noch einmal mit einer Volkswahl,46 dann werden wir euch schon die richtige Antwort geben.«
Im VEB Plasta Sonneberg, [Bezirk] Suhl, ist vorgesehen 108 und im VEB Spiel- und Sportartikelwerk Sonneberg 140 Arbeiter zu entlassen. Unter den Kollegen wieder nur noch darüber diskutiert, wer davon betroffen werden wird.
Im RAW Halle wurden für 115 Kollegen die Entlassungsschreiben gefertigt, die nur von der Betriebsleitung unterschrieben wurden. Die Entlassungen sind aber nur dann rechtskräftig, wenn sie auch von der BGL unterschrieben sind. Die Entlassungen lösten im RAW und in anderen Betrieben der Reichsbahn negative Diskussionen aus. Unter anderem äußerte man: »Die Entlassungen werden nur durchgeführt, weil man Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie benötigt.«
Von den bisher durchgeführten Entlassungen im Handel wurden größtenteils Verkaufs- und Bedienungspersonal, weniger Verwaltungsangestellte betroffen. Dies löst allgemein eine Missbilligung aus.
Zum anderen wird ungenügend oder überhaupt nicht für die Unterbringung in andere Arbeitsstellen gesorgt.
Die Kündigungen des Verkaufspersonals zeigen, dass vielfach zur Hebung der Rentabilität der Betriebe falsche Maßnahmen durchgeführt werden.
Unter anderem wurden am 8.1.1955 in der HO47 Görlitz 71 Kündigungen ausgesprochen, was besonders unter dem Verkaufspersonal große Verärgerung hervorrief. Zum Beispiel äußerten einige dazu: »Man sollte lieber bei den Kollegen mit den großen Gehältern einsparen und nicht bei den Verkäuferinnen.«
Eine ähnliche Stimmung herrscht auch unter den HO-Verkäuferinnen des Kreises Bautzen. Zum Beispiel sagte eine parteilose Verkäuferin: »Die Einsparung des Verkaufspersonals ist vollkommen falsch. Man sollte lieber bei den Verwaltungskräften einsparen.«
Unter den Kollegen der HO Industriewaren Stralsund besteht ebenfalls eine schlechte Stimmung, da am 31.12.1954 ca. 50 Kollegen das Gehalt gekürzt und ca. 40 Kollegen gekündigt wurden.
In der HO des Kreises Quedlinburg, [Bezirk] Halle, wurden 20 Kollegen entlassen und niemand kümmert sich um ihre Unterbringung in anderen Arbeitsstellen, worüber sie sehr verärgert sind.
Ähnlich ist es auch im Kreise Weißenfels.
Die Kollegen der HO-Textil in Greifswald, [Bezirk] Rostock, sind darüber empört, dass auch eine alleinstehende Kollegin mit drei Kindern (200 DM Verdienst) entlassen wurde.
Durch die Einsparungsmaßnahmen bei der HO im Kreis Bernburg, [Bezirk] Halle, bestehen keine Möglichkeiten, 75 Arbeitskräfte, die dort entlassen wurden, unterzubringen. Hinzu kommt, dass Ende Januar die Zuckerfabrik Bernburg die Kampagne beendet und dadurch ca. 150 Saison-Arbeiter frei werden.
Außerdem besteht im Kreis Bernburg für zehn zugewanderte Westdeutsche bereits seit vier Wochen keine Möglichkeit Arbeitsstellen zu beschaffen. Es handelt sich meist um kaufmännische Angestellte.
In Greiz, [Bezirk] Gera, wurden ca. 40 Angestellte und Arbeitskräfte der HO entlassen, was heftige Diskussionen hervorrief.
Unter anderem sagte ein Kollege: »Die Parteigenossen werden natürlich auf ihren Posten gelassen, obwohl sie als Funktionäre unfähig und zu viel im Betrieb sind. Der Parteisekretär ist z. B. nicht produktiv tätig und bekommt 800 DM. Wir dagegen müssen bis in die Nacht hineinarbeiten.«
Die Auswirkungen der Entlassungen zeigen sich vor allem darin, dass entweder Verkaufsstellen geschlossen werden wie z. B. im Saalkreis [Bezirk] Halle, einige und in Görlitz zwei in Stadt und zwei im Landgebiet oder das HO-Gaststätten nur noch stundenweise geöffnet haben. Letzteres wurde u. a. aus dem Kreis Sebnitz, [Bezirk] Dresden, berichtet.
Und zwar haben die HO-Gaststätte auf der Bastei/Sächsische-Schweiz nur noch von 10.00 bis18.00 Uhr und die HO-Gaststätte »Goldener Löwe« in Stolpen, [Bezirk] Sebnitz von 17.00 bis 1.00 Uhr geöffnet. Von den Werktätigen in Stolpen wird dies besonders deshalb bemängelt, weil viele in dieser Gaststätte ihr Mittagessen eigenommen haben.
Anlage 5 vom 19. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Sonderinformation
Aus dem Bezirk Cottbus wurde uns heute berichtet, dass sich am 15.1.1955 zwischen Lauchhammer/M48 und Lauchhammer/Süd am Bahnübergang der Elektrokohlenbahn ein schwerer Verkehrsunfall mit Personen- und Sachschaden ereignete.
Ein vollbesetzter Arbeiterbus kam aus Lauchhammer/M und wollte nach Lauchhammer/Ost. Kurz vor der Unfallstelle stand ein Bauwagen, der dem Fahrer des Busses angeblich die Sicht nahm. Der Bahnübergang ist unbeschrankt. Der Kohlenzug, der im gleichen Moment die Stelle passierte, erfasste den Bus und schleifte diesen mit. Er drückte diesen an eine im Bau befindliche Stahlkonstruktion. Der Bus wurde dabei längsseitig aufgerissen. Es wurden drei Personen getötet und zehn Personen verletzt.
Die Ermittlung der Mord-Untersuchung der BDVP Cottbus ergab, dass der Lokführer an diesem Unfall schuldig war. Er wurde vorläufig festgenommen.
Unter den Arbeitern wird über diesen Unfall viel diskutiert. Sie bringen zum Ausdruck, »wenn der Fahrer des Busses oder der Lokführer inhaftiert werden, wollen die Arbeiter vom Kraftverkehr und von der Bau-Union in den Streik treten.« Sie erklären weiter, dass die Bevölkerung schon seit Langem auf die Gefahrenstelle hingewiesen habe und das BKW-»Friedenswacht«49 habe nichts getan, um diese Dinge abzuändern.
Anlage 6 vom 19. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Erklärung der Regierung der SU zur Deutschlandfrage
Die Stellungnahme zur Erklärung der SU zur Deutschlandfrage ist noch zahlenmäßig gering, jedoch beginnt jetzt in allen Schichten der Bevölkerung die Diskussion einen größeren Umfang einzunehmen.
Die vorliegenden Stimmen sind überwiegend positiv und es wird in diesen zum Ausdruck gebracht, dass die Sowjetunion unaufhörlich bemüht ist, die Deutschlandfrage baldigst zur Klärung zu bringen. Man hofft, dass die imperialistischen Staaten endlich einmal auf die Vorschläge der Sowjetunion eingehen und das Deutschlandproblem auf friedlichem Wege gelöst wird.
Zum Beispiel sagte ein parteiloser Buchhalter aus dem VEB Schuhfabrik Eppendorf, [Kreis] Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Diese neue Erklärung der Sowjetregierung musste nunmehr auch den Menschen in Westdeutschland den Alpdruck vom sogenannten Bolschewismus nehmen und deutlich die ehrliche und aufrichtige Politik dieser Großmacht vor Augen führen.«
Ein technischer Angestellter aus dem VEB Flachspinnerei Wiesenbad, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich weiß, dass die wichtigste und dringendste Aufgabe die Lösung des Deutschlandproblems ist. Deshalb begrüße ich die neue Erklärung der Sowjetunion und unterstütze den Vorschlag freier gesamtdeutscher Wahlen und Hinwegfegung der Pariser Schandverträge.«
Ein Kaderinstrukteur (SED) aus dem VEB Bekleidungsfabrik Eppendorf, [Kreis] Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Man muss sich wundern, dass die Regierung der SU so viel Geduld hat und auch auf die Ablehnung der imperialistischen Staaten immer wieder mit einem neuen und besseren Vorschlag für eine Verständigung und die Erhaltung des Friedens aufwartet.«
Ein Angehöriger der KVP Großenhain äußerte: »Die Sowjeterklärung beweist wiederum, dass die SU versucht, die Wiedervereinigung Deutschlands auf friedlicher Basis zu erreichen. Genau wie alle vorangegangenen Noten hat diese eine gesunde Grundlage, die es ermöglichen kann, durch demokratische gesamtdeutsche Wahlen die Hoffnung aller Deutschen zu verwirklichen.«
Ein parteiloser Landwirt aus Zimmern, [Kreis] Langensalza, [Bezirk] Erfurt: »Die Westmächte sollen doch endlich einmal die Vorschläge der SU annehmen und über das Deutschlandproblem Verhandlungen führen. Mir kommt es aber so vor, als ob die Amerikaner nach der Genfer Konferenz50 Angst haben, mit der SU zu verhandeln.«
Vereinzelt werden Zweifel gehegt, ob die neue Erklärung die Zustimmung der Westmächte findet und ob dadurch in der Lösung der deutschen Frage ein Fortschritt erzielt wird. Andererseits ist man der Meinung, dass die in der Erklärung enthaltenen Vorschläge der SU zu spät kommen.
In einer negativen Stimme wird gegen unsere Parteiführung gehetzt, die nicht vollkommen mit der Erklärung einverstanden sei.
Ein Maschinist aus dem Kraftwerk Dresden brachte zum Ausdruck, dass die Erklärung von den Westmächten nicht angenommen wird, da die USA unbedingt Kriegsvorbereitungen treffen wollen.
Bei einem Landagitationseinsatz in Lomnitz bei Dresden brachte ein Kleinbauer zum Ausdruck, dass der Vorschlag der SU vollkommen in Ordnung sei, nur hätte er bereits bei der Berliner Konferenz51 erfolgen sollen, da wir dadurch in der Frage der Einheit Deutschlands schon ein Stück weiter wären. Weiter sagte er, dass die SU wahrscheinlich gezwungen wäre, diesen Vorschlag zu machen, da man keinen anderen Ausweg mehr sehe, um zur Einheit Deutschlands zu kommen.
Ein selbstständiger Handwerker aus der gleichen Gemeinde sagte: »Wenn dieser Vorschlag zu freien Wahlen bereits zur Berliner Konferenz erfolgt wäre, hätten die Westmächte keine Zeit mehr gehabt, wieder eine neue Ausrede zu finden.«
Ein Friseurmeister aus Schwarzenberg-Neuwelt, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Die Russen ziehen alle Register, sie setzen alles auf eine Karte. Das Angebot, Wahlen unter internationaler Kontrolle durchzuführen, wird unseren Parteileuten nicht richtig passen. Dieses Jahr wird noch sehr interessant.«
Anlage 7 vom 19. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2416
Über die sowjetische Hilfe bei der Schaffung von Atomforschungszentren
Das Angebot der SU, der DDR, China und den Volksdemokratien die notwendigen Ausrüstungen, Produktionshilfe sowie wissenschaftliche und technische Hilfe zur Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu geben, wird vorwiegend als ein neuer Beweis der Friedensliebe der SU angesehen.52 Diskussionen in größerem Umfange darüber finden unter der Bevölkerung noch nicht statt.
Unter den Angestellten des VPKA Dresden wird vorwiegend festgestellt, dass das wieder einmal von der Großmut der SU zeugt. Wenn die SU die Technik der Atomenergie mit der DDR und den Volksdemokratien auswertet, können auch hier Atomkraftwerke aufgebaut werden.
Im Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, erklären Intelligenzler, dass sie erfreut über das Angebot der SU sind. Es ist für die Volksdemokraten und die DDR ein großer Vorteil und gleichzeitig wird auch das Friedenslager gestärkt.
In der Farbenfabrik Wolfen-Bitterfeld sagt man, dass die SU wieder bewiesen hat, die Atomenergie für friedliche Zwecke im Gegensatz zu dem Westen zu verwenden. Dadurch ergeben sich auch für unsere Wirtschaft große Perspektiven.
Kollegen aus dem ABUS Gotha, [Bezirk] Erfurt, diskutierten, dass dieser Vorschlag zu begrüßen wäre. Was nütze aber die Schaffung von Atommeilern wenn das Uran aus der DDR nach der SU geschafft wird und die DDR es wieder kaufen muss.53 Auf jeden Fall wäre der Vorschlag der UdSSR besser, als Atombomben herstellen zu lassen, die nur zur Vernichtung der Menschheit dienen.
Unter den Mitgliedern der NDPD Quedlinburg, [Bezirk] Halle, äußerte man sich zur Hilfeleistung der UdSSR der Schaffung von Atommeilern wie folgt:
»Wenn die SU den Volksdemokratien Kernstoffe für friedliche Zwecke zur Verfügung stellt, so muss sie über dementsprechende Mengen verfügen. Daraus kann man aber auch den Ernst der Lage und die Stärke der Sowjetmacht erkennen, denn die Kernstoffe, die in Atommeilern gespeichert werden, werden nicht nur allen friedlichen Zwecken dienen, sondern bringen auch den Charakter der inneren Sicherheit zum Ausdruck.«