Zur Beurteilung der Situation in der DDR
21. Januar 1955
Informationsdienst Nr. 2417 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie und Verkehr
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode ist zu verzeichnen, dass die Diskussionen über die allgemeine politische Lage, insbesondere über die Pariser Verträge,1 durch die zunehmenden Gespräche über die Erklärung der SU2 und über das sowjetische Angebot der Hilfe bei der Schaffung von Atommeilern,3 etwas in den Hintergrund getreten sind.
In der Mehrzahl sind diese Diskussionen positiv und werden meist von Arbeitern geführt. Im Inhalt spiegelt sich immer wieder die Sorgen um die Erhaltung des Friedens und der Wunsch der baldigen Herstellung der Einheit Deutschlands wider. Aus dem Grunde werden in den Stellungnahmen vor allem die ständigen Bemühungen der SU bei der Lösung dieser Fragen herausgestellt und begrüßt.
Eine Diskussionsbasis bildet weiterhin die Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte4 bei Ratifizierung der Pariser Verträge.
Dabei ist bemerkenswert, dass neben einer ganzen Reihe positiver Äußerungen noch immer bei einem beachtlichen Teil pazifistische Tendenzen vorherrschen, was zu ablehnenden Diskussionen führt.
Am stärksten verbreitet ist die Meinung, dass sie nichts von einem Krieg wissen wollen und demzufolge keine Waffe in die Hand nehmen wollen. Das zeigt sich u. a. in den Diskussionen unter den Kollegen im VEB Elektro-Kohle (Elektrodenfabrik I und II) Berlin.
Sie erklärten fast alle, kein Gewehr wieder anzufassen.
Aus den Bezirken Dresden und Halle wurde uns von Diskussionen der Arbeiter in den Betrieben über die Freilassung des ehemaligen Generalfeldmarschall Schörner5 berichtet.6 In allen Äußerungen drückt sich eine große Empörung darüber aus. Es wird übereinstimmend erklärt, dass sie nicht verstehen können, dass so ein Kriegsverbrecher, der sehr viele deutsche Soldaten auf dem Gewissen habe, indem er – was einige Arbeiter aus eigenem Erleben berichten – Exekutionen persönlich vorgenommen habe, entlassen wurde. Außerdem habe er in der ČSR, nachdem die Kapitulation schon ausgesprochen war, noch weiterkämpfen lassen, wodurch er viele Menschenleben auf dem Gewissen habe. Dazu komme noch, dass er fünf Minuten nach Zwölf den Befehl gegeben habe, die Stadt Altenberg, [Bezirk] Dresden, bei der Verteidigung in Schutt und Asche zu legen.
Aufgrund dieser Beispiele herrscht besonders unter denjenigen Arbeitern, die von diesen Handlungen Kenntnis haben, kein Verständnis für die Freilassung Schörners. Es wird deshalb u. a. gefordert, dass er für diese Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden soll.
In den Betrieben haben die Diskussionen zur Frage der Entlassungen7 etwas nachgelassen. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass jetzt die Umgruppierung8 der Arbeitskräfte planmäßig erfolgt oder zum Teil abgestoppt wird. Zum Beispiel berichtet der Bezirk Potsdam, dass jetzt die Entlassungen größtenteils so vorgenommen werden, dass gleichzeitig für andere Arbeitsstellen gesorgt wird oder, dass nur innerhalb der Betriebe Reorganisationen vorgenommen werden.
Vor dem war es vielfach so, wie uns z. B. der Bezirk Schwerin berichtet, dass die Entlassungen planlos vorgenommen und nicht für die Unterbringung in andere Arbeitsstellen gesorgt wurde. Zum Beispiel wurden vor Kurzem von der Warnow- und Neptunwerft Rostock eine größere Anzahl Arbeiter ohne vorherige Rücksprache mit dem Rat der Stadt Schwaan nach dort überwiesen. Die Arbeiter können aber dort nicht in gleichwertige Arbeitsstellen untergebracht werden. Von der Bevölkerung wurde darüber negativ diskutiert und zwar, »dass die Leute auf die Straße geworfen werden und nun praktisch arbeitslos sind«. Jetzt wurden die Entlassungen in der Neptunwerft abgestoppt.
Die Bau-Union Süd Dresden ist aufgrund der Planänderungen gezwungen, bis zum 15.2.1955 949 Produktionskräfte zu entlassen, allerdings müsste sie im März (erhöhte Planauflage) wieder 1 350 Kräfte einstellen. Eine Anfrage beim Rat des Bezirkes bezüglich der Unterbringung in andere Arbeitsstellen ergab, dass dafür keine Möglichkeiten bestehen, da bereits eine fünfstellige Zahl an Arbeitssuchenden vorliege.
Zum anderen kommt es vor, dass die Umgruppierung von Arbeitskräften innerhalb eines Betriebes eine Lohnminderung zur Folge hat, was bei den Betroffenen Unzufriedenheit auslöst.
Zum Beispiel wurde unter den Kollegen des Messegerätebaues im Karl-Marx-Werk Magdeburg9 eine Missstimmung hervorgerufen, da Fachkräfte, die bisher als Mechaniker arbeiten, in andere Abteilungen als Dreher oder Schlosser umbesetzt wurden. Sie sollen noch 14 Tage ihren alten Lohnsatz bezahlt bekommen und dann in andere Lohngruppen eingestuft werden. Sie kommen dabei um zwei bis drei Lohnstufen niedriger.
Im VEB-Werk für Fernmeldewesen Oberschöneweide Berlin sind zurzeit in der Kostenstelle 457 (Bildröhrenfertigung) ca. 40 Kollegen beschäftigt, die in drei Schichten arbeiten. In jeder Schicht ist nur für zwei Kollegen Arbeit vorhanden, sodass man sich um die anfallende Arbeit streitet, da dafür Leistungslohn gezahlt wird.
Die übrigen Kollegen schreiben Wartestunden und erhalten pro Stunde 90 Pfennig. Dieser Zustand dauert schon mehrere Wochen an. Diejenigen Kollegen, die in der DDR wohnhaft sind, rechnen mit ihrer Entlassung und damit, dass sie dann entweder arbeitslos sind oder für niedrigen Verdienst in der Landwirtschaft arbeiten müssen.
Die Diskussionen über Lohn und Normen und ähnliche Fragen, die mit dem Verdienst zusammenhängen, nehmen zwar noch keinen großen Umfang ein, weil sie meist nur in den Betrieben geführt werden, wo diesbezügliche Änderungen getroffen wurden, aber sie sind meist ablehnend und negativ.
Zum Beispiel herrscht in einzelnen Abteilungen des VEB Maxhütte Gera10 aufgrund einer neuen Festlegung der Erschwerniszulage unter den Arbeitern eine gewisse Missstimmung. Unter anderem ist dies in der Abteilung Rennanlage der Fall, wo z. B. die Ofenbrigade nicht mehr 25 %, sondern nur noch 20 % Zuschlag erhält. Es wurde versäumt, eine entsprechende Aufklärungsarbeit über die Notwendigkeit dieser Einstufung durchzuführen. So ist z. B. zu verzeichnen, dass von einer unbekannten Person eine Liste in Umlauf gebracht wurde, auf welcher von ca. 85 % der Arbeiter der Rennanlage unterschriftlich gegen diese Maßnahme protestiert wird. Diese Liste soll der BGL der Maxhütte zugestellt werden.
Zum anderen lösen feindliche Elemente unter den Arbeitern verschiedentlich Diskussionen über die Frage einer allgemeinen Normerhöhung aus und dabei werden immer wieder Anspielungen auf einen neuen 17. Juni11 gemacht.
Ein Angehöriger der Betriebswache des VEB Pappenfabrik Ziegenrück, [Kreis] Schleiz, sagte: »Jetzt werden die Normen noch mehr gesteigert, damit die Arbeit eine noch größere wird.12 Aber dann werden sie einen zweiten 17. Juni erleben.«
Es werden wenige Fälle bekannt, wo die Arbeiter schon genügend aufgeklärt sind, die Notwendigkeit der technisch begründeten Normen13 einsehen und ablehnenden Argumenten entgegentreten.
Zum Beispiel äußerte eine Arbeiterin (Neubürgerin)14 aus dem VEB Möbelwerk Triebes, [Bezirk] Gera:
»Das neue Jahr geht schon gut los. Jetzt werden wieder die Normen neu aufgestellt und dadurch wird der bisherige Lohn um ein erhebliches gekürzt.«
Zu bemerken ist, dass die anderen Kolleginnen ihr nicht beipflichteten, sondern im Gegenteil, ihr anhand von Bespielen aufzeigen, dass eine Überprüfung bestimmter Normen notwendig sei.
Aus dem VEB Gießerei- und Maschinenfabrik Berlin wurde bekannt, dass in der Kernmacherei die Normen unreal sind. So kommt es z. B. vor, dass es sich eine Kolonne leisten kann, am Tage drei Stunden gar nichts zu machen und ihr Verdienst für 100 Stunden etwa 500 DM beträgt.
Bei den Gewerkschaftswahlen15 zeigen sich überall dort gute Ergebnisse, wo die Vorbereitungen dementsprechend waren. Zum Beispiel ist im Wismut-Gebiet16 zu verzeichnen, dass in vielen Fällen die Wahlen nur formal durchgeführt werden. Daneben gibt es aber dort auch eine Reihe Beispiele von einer guten Durchführung und Vorbereitung der Gewerkschaftswahlen.
Zum Beispiel wurden im Schacht 6b Objekt Oberschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in allen drei Schichten Kurzversammlungen durchgeführt, in denen wurde neben der Bedeutung der BGL- und AGL-Wahlen auf die Notwendigkeit der Entfaltung des sozialistischen Wettbewerbes im Jahre 1955 hingewiesen. Daraufhin erklärten die Kumpels in den Diskussionen: »Zeigt uns den Weg und schafft uns die Voraussetzung für den sozialistischen Wettbewerb, wir sind damit einverstanden.«
In Bezug auf die Mängel und Schwächen im Zuge der Vorbereitung der Gewerkschaftswahlen tritt am häufigsten in Erscheinung, dass sich Schwierigkeiten bei der Aufstellung von Kandidaten ergeben – da die Kandidatur vielfach abgelehnt wird – oder dass eine gewisse Interessenlosigkeit vorherrscht, die sich vor allem im schlechten Besuch von Versammlungen und in den wenigen Diskussionen über politische Probleme während der Versammlungen zeigt.
Zum anderen gibt es Beispiele dafür, dass sehr wenig Genossen in die BGL oder AGL gewählt werden.
Zum Beispiel wurden in dem VEB Textilwerke Hartha, [Bezirk] Leipzig, bisher 30 Kollegen gewählt. Davon sind nur vier Mitglieder unserer Partei.
Im VEB Maschinenwerk Görlitz wurden zu einer AGL-Wahl in der mechanischen Werkstatt u. a. auch drei Genossen aufgestellt. Davon wurde nur einer gewählt, die anderen beiden erhielten die wenigsten stimmen. Der eine davon ist Parteisekretär.
Auch in dieser Berichtszeit wurde in den verschiedensten Industriezweigen über Produktionsschwierigkeiten aufgrund ungenügender oder gar nicht erfolgter Belieferung von Rohmaterialien oder wegen anderer Unzulänglichkeiten geklagt.
Zum Beispiel ist in der Volkswerft Stralsund die Fertigstellung der ersten fünf Logger (Exportauftrag für Januar 1955) ernstlich infrage gestellt. Der Grund dafür ist das Ausbleiben der 16 kw Generatoren (Neukonstruktion), die das »Galvanotechnische Labor« Leipzig an die Schiffselektronik Rostock zu liefern hat, welche das Dieselaggregat 28 PS zusammenstellt. Der Liefertermin (20.12.1954) der fünf Generatoren wurde nicht eingehalten und auch nicht, wie vereinbart, die Auslieferung des ersten Generators am 31.12.1954. Alle bisherigen Erprobungen (bis einschließlich 15.1.1955) bei der Auslieferungsfirma vom Galvanotechnischen Labor Leipzig wurden bisher ergebnislos abgebrochen und es besteht die Vermutung, dass die Berechnung der Generatoren nicht richtig erfolgte.
Durch Stromeinschränkungen im Januar 1955 ist ein starker Produktionsausfall in der LOWA Bautzen17 zu verzeichnen. Welchen Umfang der Arbeitsausfall noch annimmt, lässt sich vorläufig noch nicht übersehen. Unter den Arbeitern ist eine Verärgerung zu verzeichnen, da die ausgefallene Zeit nur mit 90 % bezahlt wird. Bis zum 14.1.1955 sind bereits 4 427 Stunden Ausfall zu verzeichnen. Das zuständige Ministerium wurde am 13.1.[1955] von der Werkleitung davon in Kenntnis gesetzt.
Im VEB Sägewerk Bützow und im Sägewerk Grevesmühlen, Zweigstelle Bützow, [Bezirk] Schwerin, besteht zurzeit eine unzureichende Anlieferung von Holz. Wenn keine Änderung eintritt, müssen beide Sägewerke stillgelegt werden (Ursache Fahrzeugschwierigkeiten des Holzwerkbetriebes Güstrow).18
Über betriebliche Missstände wurde uns aus dem Wismut-Gebiet Folgendes berichtet.
Im Objekt 101 Zeche C/7 Zwickau müssen die Arbeiter unter schlechten Bedingungen arbeiten, weil die Scheibenfilterhalle ohne richtige Entlüftung ist und dadurch der Raum laufend mit Dampf und Brodel angefüllt. Dadurch sind verstärkt Krankheitsfälle zu verzeichnen. Die Arbeiter haben mit Unterstützung der Partei sowie der sowjetischen Objektleitung alles Mögliche unternommen, um diesem Missstand abzuhelfen. Trotz vieler Besprechungen hat sich bis jetzt noch nichts geändert. Zurzeit befinden sich in der Zeche C/7 weitere sieben Scheibenfilter in der Montage und drei davon sollen noch Ende Januar in Betrieb genommen werden. Durch den Einbau neuer Filter wird den Arbeitern praktisch die letzte Frischluft genommen, sodass es unmöglich wird, in dieser Halle zu arbeiten. Durch Unterschriftensammlung haben sich die Arbeiter gegen den Einbau neuer Scheibenfilter ausgesprochen. Es wurde zum Ausdruck gebracht, wenn dies nichts nützt, wollen sie die Arbeit niederlegen.
Produktionsstörungen
Am 17.1.1955 musste im BKW Deuben, [Kreis] Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, die Brikettfabrik III infolge eines Bruches der Rumpfschnecke außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: 1 500 Tonnen.
Im Kaliwerk Roßleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, riss am 16.1.1955 das Tragseil der Seilbahn, welches den Schacht »Wangen« mit dem Kaliwerk verbindet. Das Seil ist schon 13 Jahre im Betrieb und infolge von Witterungseinflüssen ist der Seilkern von innen gerostet. Produktionsausfall ca. 4 000 Tonnen – Seilbahn noch nicht wieder in Betrieb genommen.
Am 18.1.[1955] erfolgte im VEB Bramsch Dresden19 im Maschinenhaus eine Explosion des Hochdruckkessels. Schaden: ca. 30 000 DM Reparaturkosten und ca. 10 000 DM Produktionsausfall. Ursache: Unsachgemäße Behandlung.
In letzter Zeit versucht der Klassenfeind in stärkerem Maße, durch die Verschickung von gefälschten Schreiben an die VEB unsere Produktion zu stören.
Zum Beispiel erhielt das »Vereinigte Elektrowerk Kjellberg«20 in Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, ein gefälschtes Schreiben von dem DIA Berlin mit der Aufforderung, die Exportaufträge nach der Türkei und Griechenland sofort zu stoppen.
Dem VEB Förderwagenbau in Vetschau, [Kreis] Cottbus, wurden mehrere gefälschte Angebotskarten zugesandt. Sie trugen den Absender mehrerer VE-Betriebe des Schwermaschinenbaues. Angeboten wurde Stabstahl in einer Gesamtmenge von 95 Tonnen.
Außerdem erhielt das VEB Halbzeugwerk Auerhammer, [Kreis] Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, am 17.1.[1955] ein gefälschtes Schreiben mit dem Briefkopf: »Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, Abteilung Finanzen.« Darin wird das Werk angewiesen, denjenigen Arbeitern, die mit berufsfremden Arbeitern beschäftigt waren, eine Differenz zwischen Grund- und Durchschnittslohn der letzten 13 Wochen aus dem Direktorenfonds21 zu zahlen.22
Zum anderen werden immer wieder zur Beunruhigung der Bevölkerung Gerüchte in Umlauf gebracht.
Zum Beispiel wurde in der Eisenbahn Zittau-Hirschfelde, [Bezirk] Dresden, das Gerücht verbreitet, dass der Schnellzug Görlitz – Dresden mit einem entgegenkommenden Zug bei Bautzen zusammengestoßen sei.
Im Großkraftwerk Hirschfelde kursiert das Gerücht, dass der Werkleiter aus moralischen Gründen von der Wirtschaftsschule zurückgerufen sei.
Versorgung der Bevölkerung
Es macht sich immer wieder eine schlechte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Industriewaren bemerkbar.
Vor allem treten durch Nichterfüllung der Auftriebspläne seitens der VEAB und der Konsumgenossenschaften und ungenügender Importlieferungen Schwierigkeiten in der Fleischversorgung auf.
So fehlt vor allem HO23 Fleisch im Bezirk Neubrandenburg im Kreis Thale/Harz, [Bezirk] Halle, im Bezirk Cottbus und im Kreis Wittenberge, [Bezirk] Schwerin.
Seit einiger Zeit tritt ein Mangel an Glühbirnen auf. Zum Beispiel im Kreis Altenburg, [Bezirk] Leipzig, fehlen seit sechs Wochen Glühbirnen, ebenso im VEB Deutzen,24 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig. Im Bezirk Cottbus macht sich der Mangel an Glühbirnen vor allem in den kleineren Gemeinden bemerkbar, weshalb keine Straßenbeleuchtung angeschaltet werden kann.
Die Belieferung der Bevölkerung mit Kohle für 1955 ist noch immer nicht überall sichergestellt. So kann z. B. die »DHZ-Kohle« Weimar die Bevölkerung nicht mit Briketts und Rohbraunkohle versorgen.
Ebenso verhält es sich im Gebiet Stendal, [Bezirk] Magdeburg.
Auch in öffentlichen Institutionen wie Kinderheimen, Bäckereien, LPG usw. fehlt jetzt Kohle. (Besonders im Kreis Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder). So mussten im Kreis Fürstenwalde zwei Schulen (in Woltersdorf und Erkner) geschlossen werden. Die Schüler wurden auf andere Schulen aufgeteilt, was sich nachteilig auf den Unterricht auswirkt, da dieser jetzt bis 18.00 Uhr ausgedehnt werden muss.
In den VEAB Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, gingen ein großer Teil geschulter Erfasser in die Konsumgenossenschaft über, weil dort die Bezahlung höher liegt als in den VEAB. Um der Fluktuation Einhalt zu gebieten, einigte man sich mit der KG, nur solche Kollegen der VEAB einzustellen, die eine Zustimmung vom VEAB haben.
In Magdeburg tritt Missstimmung unter den HO-Angestellten über die Entlassungen im Handel auf, da den Entlassenen keine neue Arbeitsstelle zugewiesen wird und die Entlassungen selbst ungeachtet der sozialen Verhältnisse durchgeführt werden.
Verschiedentlich sind Verkaufspersonal u. a. Angestellte der HO in Magdeburg unzufrieden, da sie bei der Kürzung des Arbeitskräfteplanes automatisch in eine niedere Gehaltsgruppe eingestuft wurden.
Es gibt auch Erscheinungen, wo die Kündigung zur Gehaltskürzung ausgenutzt wird.
Einem Kollegen der HO-Gaststätten Wolmirstedt, [Bezirk] Magdeburg, wurde von der Gaststättenleitung folgendes Kündigungsschreiben übersandt: »Aufgrund der Änderungen des Arbeitskräfteplanes sehen wir uns leider gezwungen, das mit ihnen eingegangene Beschäftigungsverhältnis als Klein-Betriebsstättenleiter mit einem monatlichen Bruttoverdienst von 450 DM zum 17.1.1955 zu kündigen. Ihr Einverständnis voraussetzend sind wir gern bereit, Sie danach weiterhin bei uns als Klein-Betriebsstättenleiter mit monatlich 400 DM brutto zu beschäftigen.«
Das Schreiben war von der BGL, Abt. Arbeit und dem Direktor unterzeichnet.
Im Kreis Perleberg, [Bezirk] Schwerin, und in einigen Kreisen des Bezirkes Halle ist ein Mangel in der Streichholzversorgung aufgetreten.
Der jetzt durchgeführte Winterschlussverkauf wird von der Bevölkerung mit großer Freude aufgenommen.
Landwirtschaft
Von fortschrittlichen Teilen der Landbevölkerung werden jetzt Diskussionen und Versammlungen über die neue Erklärung der SU zur Deutschlandfrage geführt. Die Stimmen sind vor allem positiv. Man stellt immer wieder heraus, dass die SU nun schon seit zehn Jahren unermüdlich versucht, auf dem Wege der Verhandlungen den Frieden zu erhalten.
Bei den Wahlen für die Vorstände der VdgB – BHG25 tritt verschiedentlich in Erscheinung, dass versucht wird, Großbauern26 in die Vorstände zu wählen. Sie finden dabei meist wenig Unterstützung und ihre Wahl wird verhindert.
So bestand z. B. unter Großbauern und einigen negativ eingestellten werktätigen Bauern der Gemeinde Altlandsberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, die Meinung, den Großbauern, der bisher Vorstandsmitglied war, wieder zu wählen. Die Mehrheit der Bauern aber lehnten diesen Vorschlag ab.
In der Gemeinde Doberow, [Kreis] Perleberg, wurde auf der Wahlversammlung darüber diskutiert, warum keine Großbauern in die Vorstände gewählt werden dürften. Es seien doch genau solche Menschen wie alle, auch wenn sie ihren Pflichtablieferungen nicht nachgekommen seien.
Anlässlich der VdgB-Wahlen im Kreis Stadtroda, [Bezirk] Gera, äußerten sich die Mitglieder vielfach, dass sie sowieso diejenigen wählen müssten, die vom Kreisvorstand vorgeschlagen werden.
Dies zeigt sich z. B. in der Gemeinde Ottendorf, [Bezirk] Gera, wo die gleiche Einstellung zu verzeichnen war. Man lehnte einen vorgeschlagenen Genossen der SED mit Mehrheit ab und ein werktätiger Bauer sagte dazu Folgendes:
»Ihr habt ja eure Leute schon ausgesucht. Das ist doch keine Wahl«. Als Gegenvorschlag benannte er dann eine Person, die eine schlechte Arbeit im Vorstand geleistet hatte und deshalb schon vor längerer Zeit abgelöst wurde.
Über den Jahresabschluss wird weiterhin bekannt, dass verschiedene LPG die Arbeitseinheiten27 nicht voll auszahlen können, da sie mit Verlust gearbeitet haben.
In der LPG Woltersdorf und Kriebitsch, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wurde mit Verlust gearbeitet, sodass die Arbeitseinheiten nur aus Zuschüssen gezahlt werden können.
Von 26 LPG wurden Jahresabrechnungen durchgeführt und die geleisteten Arbeitseinheiten zu niedrig bezahlt. So beläuft sich die Differenz bei der Höhe der Arbeitseinheiten von 0,13 DM bis 4,65 DM pro Arbeitseinheit.
In allen LPG des Kreises Meißen, [Bezirk] Dresden, herrschen Unstimmigkeiten über die Nichtauszahlung der Arbeitseinheiten. In der LPG Wuhnitz, [Kreis] Meißen, wurde vom LPG-Vorsitzenden von den Mitgliedern verlangt, auf die Endauszahlung zu verzichten. Er selbst äußerte aber vor einem Genossen des Rates des Kreises, dass er selbst darauf nicht verzichten kann. Die Mitglieder wollen aus der LPG austreten, wenn sie die Arbeitseinheiten nicht ausgezahlt bekommen.
In der LPG Groß Petershagen werden die Genossenschaftsbauern nicht voll ausgezahlt. Als Grund dafür wird angegeben, dass durch den Bau des Kuhstalles nicht mehr so viel Geld da sei, die Arbeitseinheiten voll auszuzahlen.
Bei der Bildung von LPG oder der Umwandlung der ÖLB28 in LPG werden immer wieder Beispiele bekannt, wie der Klassengegner versucht, seinen Einfluss geltend zu machen, um die Bildung von LPG zu verhindern.
So fanden sich wirtschaftlich gut dastehende Bauern der Gemeinde Zützen, [Kreis] Luckau, [Bezirk] Cottbus, zusammen, um eine LPG zu gründen. Ein Großbauer wollte ebenfalls als Mitglied in die LPG aufgenommen werden. Die Bauern lehnten diesen Antrag aber ab. Daraufhin verwickelte der Schwiegervater des Großbauern die Bauern in solche Auseinandersetzungen, sodass kein Zusammenschluss zustande kam.
Ebenso versuchten einige reaktionär eingestellten Bauern in der Gemeinde Lunow, [Kreis] Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, die Bildung einer LPG zu verhindern. Bei einer Versammlung zur Auswertung der III. LPG-Konferenz29 brachten fortschrittlich gesinnte Bauern den Vorschlag ein, eine LPG zu gründen. Ein reaktionär eingestellter Bauer versuchte jedoch, die übrigen von ihrem Vorhaben abzuhalten. Er »warnte« die Bauern offen, indem er sagte, in die LPG treten nur die, die nicht mehr in der Lage sind, sich auf ihrer eigenen Wirtschaft zu halten. Weiterhin brachte er zum Ausdruck, dass die Politik der Regierung dahingehe, die Bauern wirtschaftlich kaputt zu machen und sie dadurch zu zwingen, in die LPG einzutreten. Die Mehrzahl der Anwesenden ließ sich jedoch nicht beirren und es verpflichteten sich 14 Bauern, Mitglied der LPG zu werden. Die Gründungsversammlung fand bereits statt.
Bei der Umwandlung der ÖLB in LPG tritt in Erscheinung, dass von den Landarbeitern die Tendenz vertreten wird, die ÖLB bestehen zu lassen und lieber als Landarbeiter zu arbeiten.
So sagten z. B. die Arbeiterinnen der ÖLB Nehringen, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock: »Die Arbeit macht uns Spaß, aber die Umwandlung machen wir nicht mit, Hier auf der ÖLB bekommen wir im Monat dreimal Geld. Dort in der LPG wird sich unsere Lebenserhaltung verschlechtern.«
In der Gemeinde Thomsdorf, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, soll der ÖLB in eine LPG umgewandelt werden. Die Mehrheit der Beschäftigten äußert sich gegen die Bildung einer LPG. Zum Beispiel sagte ein Arbeiter des ÖLB: »Wenn es LPG wird, höre ich sofort auf, dann kann ich nichts mehr verdienen.«
Bei der Zusammenlegung der LPG »Pionier« in Kühren mit dem ÖLB Triebelsheim im Kreis Wurzen, [Bezirk] Leipzig, trat ein negatives Element auf und versuchte, die Landarbeiter gegen die LPG zu beeinflussen. Er äußerte u. a.: »Ihr macht solange, bis ein neuer 17.6. kommt.«
Bei den BGL-Wahlen treten die gleichen Erscheinungen wie in der Industrie zutage. So z. B. mangelhafte Beteiligung, Genossen lehnen die Kandidatur ab, oder dass Feinde versuchen, in die BGL zu kommen, bzw. fortschrittliche Kräfte aus der BGL zu vertreiben. Zu bemerken ist noch, dass die Gewerkschaftswahlen Land- und Forst im Bezirk Neubrandenburg wesentlich hinter den anderen BGL-Wahlen zurückhängen.
So in der MTS Vorwerk, [Kreis] Demmin, in der MTS Brüssow, Züsedom, Grambow,30 im VEG Burken, [Kreis] Pasewalk, und im VEG Walkendorf, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg.
Die Vertragsabschlüsse der MTS mit den werktätigen Bauern für 1955 scheitern oft wegen der schlechten Arbeit der MTS und der Nichteinhaltung der Verträge im Vorjahr, oder wegen Ersatzteilmangel.
Die MTS können dadurch nicht ihren Winterreparaturplan erfüllen und können mit den Bauern keine Verträge abschließen.
Zum Beispiel konnte die MTS Strach, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle, wegen schlechter Arbeit beim Drillen und Kartoffelroden im Vorjahr, für dieses Jahr mit den Bauern keine Verträge abschließen.
Ebenso ist es in der MTS Bannewitz, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden. Bis jetzt wurden hier nur 50 % der Verträge abgeschlossen. Die Ursache liegt darin, dass der Leiter die Organisierung der Arbeit nicht vorbereitet hat und das Winterreparaturprogramm nicht erfüllen werden kann.
Die Vertragsabschlüsse der MTS Kauern, [Bezirk] Gera, wurden erst zu 65 % getätigt, da die werktätigen Bauern aufgrund der Erfahrungen vom Vorjahr befürchten, dass diese Verträge nicht eingehalten werden.
Wegen Ersatzteilmangel können einige MTS ihren Winterreparaturplan nicht erfüllen.
So kann z. B. die Spezialwerkstatt Oberlichtenau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wegen Mangels an Ersatzteilen für den Traktor Typ »Brockenhexe«31 die dort stehenden Traktoren nicht reparieren. Die Ursachen sind, dass im vergangenen Herbst die Vorrichtungen und Zeichnungen für die Ersatzteilherstellung vom Traktorenwerk Brandenburg nach Schönebeck und von dort nach Nordhausen geschickt wurden. Das Traktorenwerk Nordhausen konnte deshalb erst Anfang Januar mit der Produktion beginnen, sodass erst Ende Februar mit Lieferungen gerechnet werden kann. Bis zum »Tag der Bereitschaft«32 können also nur die Traktoren »Typ Pionier«33 von der Spezialwerkstatt überholt werden.
In der MTS Burgwerben, [Kreis] Weißenfels, [Bezirk] Halle, fehlen Ersatzteile für Landmaschinen und Traktoren. Das Staatliche Bezirkskontor hat diese Ersatzteile nicht auf Lager. Unter den Schlossern herrscht Unzufriedenheit, weil dadurch der Wettbewerb gehemmt wird.
In der MTS Stremlow, [Kreis] Stralsund, [Bezirk] Rostock, wurden schon Anfang November 1954 Ersatzteile (Antrieb und Lager) für Kartoffellegemaschinen beim Bezirkskontor angefordert. Die Bestellung wurde nicht berücksichtigt und nun besteht die Gefahr, dass die Maschinen im April nicht eingesetzt werden können.
In der letzten Zeit wird bekannt, dass in verschiedenen LPG, ÖLB, VEG und Viehmästereien ein Strohmangel besteht. Das führt in einigen Fällen dazu, dass Vieh erkrankte, verkümmerte und verendete.
So verendeten z. B. in der Schweinemästerei Aga, [Bezirk] Gera, einige Schweine, da kein Stroh vorhanden war. Die Arbeiter bringen aus eigenen Beständen Stroh mit, um das junge Vieh am Leben zu halten. Verantwortlich für die Strohlieferung ist der VEAB Gera, die aber über kein Stroh verfügt.
In der Gemeinde Stepenitz, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, holen sich die Bauern Tannennadeln zum Streuen. Da aber dort eine Wildschweinplage herrscht, besteht die Gefahr der Verbreitung der Schweinepest.
Strohmangel ist auch im VEG Böhlendorf, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, zu verzeichnen, weil das Stroh zum Einmieten von 4 200 t Saatkartoffeln verbraucht wurde.
Im Ortsteil Kaschka der Gemeinde Jahna, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, besteht seit einem Vierteljahr Wassermangel. Die dort fließende Wasserader versiegte durch eine Sprengung im Tonschacht. Die LPG Jahna ist deshalb gezwungen, das Wasser für die Bevölkerung sowie das Vieh aus dem nebenliegenden Ortsteil zu holen. Der Rat des Kreises wurde verständigt, brachte aber keine Hilfe.
Einschätzung der Situation
Zum Kampf gegen die Kriegsverträge hat sich die Stimmung nicht wesentlich verändert. Beachtlich sind die immer wieder auftretenden pazifistischen Tendenzen.
Die Erklärung der Sowjetregierung zur Deutschlandfrage und die Hilfe der SU zur Errichtung von Atomzentren das Vertrauen der Bevölkerung zur Friedenspolitik der SU gestärkt.
Die schlechte Stimmung über die Umgruppierung der Arbeitskräfte vermindert sich, da viele Entlassungen abgestoppt und die Maßnahmen verbessert worden sind. Trotzdem werden die am Anfang gemachten Fehler und die bestehenden Schwierigkeiten in der Unterbringung der freigewordenen Arbeitskräfte noch einige Zeit die Stimmung beeinflussen, zumal der Feind dies ausnutzt.
Bei den BGL-Wahlen zeigen sich bei guter Vorbereitung auch gute Ergebnisse. In den Fällen, wo die Vorbereitung schlecht war, hat es der Gegner schon einige Male verstanden, die Situation auszunutzen und unsere Genossen aus der BGL zu verdrängen.
Viele Eltern, die der Kirche angehören, wollen oft aus Tradition ihre Kinder konfirmieren lassen, gleichzeitig möchten sie ihre Kinder aber auch zur Jugendweihe34 schicken. Der anhaltende Druck der Kirche wird diese christlichen Eltern veranlassen, von der Jugendweihe Abstand zu nehmen, da sie nicht auf die Konfirmation verzichten wollen.
Die ersten Berichte von einzelnen Universitäten zur neuen Stipendienverordnung35 lassen bereits erkennen, dass mit erheblichem Widerstand, Republikflucht und Abgängen von den Universitäten zu rechnen ist, da diese Verordnung bisher nur von klassenbewussten Genossen unterstützt wird, deren Einfluss nicht ausreichend ist.
Bei den VdgB-Wahlen zeigt sich, im Gegensatz zur vergangenen Wahl, dass der Einfluss großbäuerlicher Elemente viel stärker zurückgedrängt worden ist.
Der Gegner versucht jetzt, bei der Bildung von LPG, besonders bei der Umgestaltung der ÖLB in LPG, dies zu verhindern.
Hierbei kommt ihm die häufige ablehnende Haltung rückständiger Landarbeiter entgegen, die befürchten, in den LPG nicht so viel zu verdienen wie als Landarbeiter in ÖLB.
Anlage 1 vom 21. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2417
Erklärung der SU zur Deutschlandfrage
Die Diskussionen zur Erklärung der SU zur Deutschlandfrage haben einen größeren Umfang. Vor allem wird in der Industrie dazu Stellung genommen. In den Vordergrund treten dabei vor allem fortschrittliche Kollegen, die auch der Ausgangspunkt für die überwiegend positiven Diskussionen sind.
Immer wieder wird zum Ausdruck gebracht, dass die Erklärung erneut das Bestreben der Sowjetunion nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands beweise und dass sie auch zeige, wie ernst es der Sowjetunion mit ihrer Verhandlungsbereitschaft sei. Bei diesen positiven Stellungnahmen wird oftmals die Zuversicht betont, die man aus der Erklärung der SU schöpfe und es wird erklärt, dass man noch größere Teile der Bevölkerung mit der Erklärung vertraut machen will.
Über die Bereitschaft der SU, normale Beziehungen zur Bonner Bundesrepublik aufzunehmen, liegt bisher nur eine Stellungnahme vor.
Im VEB Kraftfutterwerk in Falkensee, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, fand besonders dieser Punkt bei den Arbeitern großen Anklang. Sie hoffen, dass bei Anerkennung der Erklärung ein Krieg verhindert wird.
Vereinzelt zeigen sich pessimistische Stimmen. Wie auch bei früheren Noten der SU, wird gesagt, dass der Notenwechsel oder andere Erklärungen keinen Zweck hätten, da die Westmächte doch keine Einigung wollten, oder es wird geäußert, dass immer wieder viel Konferenzen seien, aber es käme dabei nichts heraus. In einem Fall wurde die Hoffnungslosigkeit, dass bei Verhandlungen nichts herauskommt, mit der »Stärke der USA« begründet.
Negative Stellungnahmen werden nur in geringem Umfang bekannt. Sie zeigen oftmals eine gegen die SU selbst gerichtete Einstellung. Eine Konzentration negativer Stimmen auf bestimmte Schichten der Bevölkerung ist nicht zu verzeichnen. Sie treten vereinzelt, sowohl in den Reihen der Arbeiter, als auch der Angestellten der Industrie auf. Aus anderen Kreisen wurden keine negativen Stimmen bekannt.
Hauptsächlich wird diskutiert, dass die Vorschläge der SU nichts Neues brächten und zu spät kämen, da sie bereits von der USA gemacht worden seien, wobei man sich besonders auf die Frage der freien Wahlen bezieht. Zum anderen wird erklärt, dass die neuen Vorschläge der SU nur Propaganda seien.
Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem Messgerätewerk Quedlinburg, [Bezirk] Halle: »Die neuesten Vorschläge der SU sind eigentlich nichts Neues. Die Westberliner haben bereits seit mehreren Jahren vorgeschlagen, dass freie Wahlen in Deutschland durchgeführt werden sollen.«
Ein Angestellter aus dem VEB Granitwerk Demitz-Thumitz, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden: »Warum kommen die jetzt erst mit der Note, die die Westmächte schon lange bekannt gegeben haben. Da kann man deutlich sehen, dass sie nicht wissen, was sie wollen. Das erste Mal, als die Note von den Westmächten herausgegeben wurde, waren sie dagegen und jetzt kommen sie selber damit.«
Der Leiter der HO-Drogerie in Groitzsch, [Bezirk] Leipzig, brachte zum Ausdruck, dass die Erklärung der SU insbesondere zur internationalen Kontrolle der Wahlen nur Propaganda sei und von »drüben« sowieso nicht geglaubt würde. Des Weiteren sagte er, dass die SU schon viel früher der internationalen Kontrolle der Wahlen hätte zustimmen müssen, »dann hätten wir vielleicht schon ein einiges Deutschland«.
Anlage 2 vom 21. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2417
Über die sowjetische Hilfe bei der Schaffung von Atommeilern
Die Diskussionen über die Schaffung von Atommeilern in der DDR und in den Volksdemokraten haben gegenüber den Vortagen schon etwas zugenommen, sie sind jedoch zahlenmäßig noch gering. Vorwiegend wird über dieses Problem in der Industrie diskutiert, aber auch aus der Landwirtschaft werden zustimmende Äußerungen bekannt. Aus bürgerlichen Kreisen fehlen noch positive Stellungnahmen.
In den positiven Diskussionen wird wie an den Vortagen betont, dass das Angebot der SU ein erneuter Friedensbeweis sei und dass sie alles daran setzt, die Atomenergie friedlichen Zwecken nutzbar zu machen. Von mehreren Arbeitern und Angehörigen der Intelligenz wird hervorgehoben, dass sich durch die Schaffung von Atomzentren in der DDR ungeahnte Perspektiven ergeben und die Möglichkeiten für die Steigerung des Wohlstandes dadurch sehr groß würden. Von Wissenschaftlern wird betont, dass sich durch die Hilfe der SU auch neue Perspektiven für Forschung und Wissenschaft in der DDR ergeben.
Vereinzelt sprechen Bürger ihre Bedenken aus, dass durch die Schaffung von Atommeilern in der DDR eine Gefahr entstehe, falls hier etwas falsch gemacht wird.
Dazu entwickelte sich z. B. in der Maschinenfabrik Sangerhausen, [Bezirk] Halle, folgendes Gespräch:
Ein Arbeiter sagte: »Wenn uns die Sowjetunion jetzt hilft, einen Atommeiler zu schaffen, so kann doch die Möglichkeit bestehen, dass die Strahlen gefährliche Auswirkungen haben können.«
Dazu erklärte ein anderer Kollege: »Wenn uns die Sowjetunion mit ihren Erfahrungen hilft, einen Atommeiler aufzubauen und alle Beteiligten mit der Atomwissenschaft vertraut sind, werden schon Maßnahmen getroffen, um die Gefährlichkeit zu verhindern.«
Die negativen Stellungnahmen sind nur vereinzelt und treten in allen Bevölkerungsschichten auf. Verbunden mit einer Hetze gegen die SU wird hervorgehoben, dass die Atomenergie doch eine große Gefahr darstelle und dass schon Japan wegen der Atomversuche der SU viel zu leiden gehabt hätte.36 Andererseits beschäftigten sich einige Personen mit der Frage der »Bezahlung« und bringen damit das Wismut-Gebiet negativ in Zusammenhang.
Zum Beispiel sagte ein Glasermeister (CDU) aus Jarmen, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Jetzt werden wir wohl unsere Uhren alle auf Atomkraft umbauen lassen müssen. Die Sowjetunion will uns ja jetzt unterstützen, die Atomkraft in Anwendung zu bringen. Mit dieser Maßnahme wird die SU wohl die ganze Welt mit Atom verseuchen. Nicht genug, dass Japan den Atom schon einmal zu spüren bekam.37 Dieses soll jetzt auch noch nach Deutschland verschleppt werden.«
Ein Parteiloser aus der Bremsvorlegerei des VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden: »Es wird von einer Hilfe gesprochen. Ich möchte nicht wissen, wie die Patente bezahlt werden müssen. Umsonst gibt uns die SU die Erfahrungen auf dem Gebiet der Atomforschung nicht.«
Ein anderer Parteiloser aus dem gleichen Betrieb: »Die SU hat aus unserem Wismut-Gebiet das ganze Erz bisher umsonst geholt und wir mussten die Arbeitskräfte dazu stellen. Da kann man von keiner Hilfe sprechen.«
In Halle trat nach Bekanntwerden des Angebotes der SU betreffs der Atommeiler folgendes Gerücht auf:
Im Schalterraum des Hauptpostamtes wurde diskutiert: »Ich glaube nicht, dass man am Weinberg eine Universitätsstadt bauen wird.38 Es wird wohl das Atomzentrum werden. Im Jahre 1937 hat man auch gesagt, dass man was anderes an der Heide baut und in Wirklichkeit sind Kasernen daraus geworden.«39
Anlage 3 vom 21. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2417
Auswertung von Westsendungen
Eine umfangreiche Hetze treibt der RIAS40 mit angeblichen Massenentlassungen in der DDR und im Demokratischen Sektor von Berlin, wobei er Zahlen nennt, die auf keinen Fall den Tatsachen entsprechen.
Unter anderem spricht er von 20 000 Entlassungen im Maschinenbau für den Dienst in der VP. Die Ursachen zu den Entlassungen bezeichnet er als »Vorboten einer kommenden Aufrüstung bzw. als die ersten Anzeichen einer großen Werbeaktion für die VP-Armee über deren Ausmaß noch in den zuständigen Gremien verhandelt wird«.
Unter der Überschrift »Gefährliche Geschenke« hetzt der RIAS gegen die Magistratsverordnung vom Dezember 1954,41 besonders gegen die Verordnung über luftdichtverschlossene Waren und Medikamente ohne Rezept.42
In Bezug auf die Medikamente appelliert er an die Nächstenliebe, verurteilt die Warnung des Ministeriums für Gesundheitswesen vor westdeutschen Medikamenten und behauptet, »dass schon so manche Arznei aus dem Westen einen Bewohner der DDR am Leben erhalten hat, dem mit den Mitteln der volkseigenen Produktion nicht mehr zu helfen war«.
In einer anderen Sendung wird gleichzeitig gegen die Medikamente in der DDR gehetzt. RIAS bezeichnet sie teils als minderwertig und teils als schädlich und vor allem als nicht ausreichend, mit dem Hinweis, dass in Westdeutschland und Westberlin Medikamente in beliebiger Menge gegen Vorzeigen des Personalausweises und Rezept mit 10 % Rabatt verkauft werden. Bedürftige Personen erhielten die Medikamente von vielen Hilfsorganisationen kostenlos.
In der weiteren Hetze gegen die Magistratsverordnung wird behauptet, dass die VP in den Manteltaschen der Fahrgäste nach verborgenen Westzeitungen suche. Mit dem Hinweis, dass viele Westberliner es vorziehen, ihre Arbeitsstelle auf Umwegen zu erreichen, um der Kontrolle zu entgehen, fordert der RIAS indirekt die anderen Westberliner auf, gleiches zu tun.
RIAS verbreitet weiterhin Gerüchte über ein »Durcheinander« in den Schiffbaubetrieben der DDR und über Entlassungen in den Werften. Er behauptet, dass sich dort die »gleichen Anzeichen bemerkbar machen, wie im vorigen Jahr, wo 3,5 Mio. Arbeitsstunden ausgefallen sind«.
In der Hetze gibt er die meiste Schuld der SU und Volkschina, die ihre Vertragsabschlüsse noch nicht endgültig fertig hätten und wiederholt Konstruktionsänderungen für die Serie der 3 000 t Frachter und des 10 000 t Schiffes vornahmen.
In einer Sendung diffamiert der RIAS die Meldung im »Neuen Deutschland« über »Das Jahr 1954 – ein Jahr großer Bauvorhaben«.43 Er stellt fest, dass Bauvorhaben noch keine ausgeführten Bauten seien und stellt demgegenüber den Wohnungsbau der Bundesrepublik als Vergleich. Die Schuld an einem Zurückbleiben in der Bauindustrie in der DDR gibt er dem Fehlen der Baupläne und dem Materialmangel. Dann versucht er, den Sparverband im Bauwesen verächtlich zu machen und legt den Schwerpunkt seiner Hetze mit folgenden Worten auf das Ministerium für Aufbau:
»Womit in aller Welt – so fragt der normale Mensch – hat sich dieses Ministerium beschäftigt, wenn nicht einmal die Baupläne zur Stelle sind.«
Eine Hetze gegen unsere LPG und MTS verbindet der RIAS gleichzeitig mit einer Hetze gegen die Ausführungen unserer leitenden Funktionäre, die sie zu früheren Zeitpunkten zur Frage der Landwirtschaft gemacht haben. RIAS versucht, die marxistisch-leninistische Lehre von der Rentabilität der Großflächenwirtschaft mithilfe der modernen Technik zu widerlegen und die Rentabilität des bäuerlichen Familienbetriebes, besonders in der Produktion von Fleisch, Milch, Geflügel, Qualitätsobst und Gemüse zu beweisen. Er beruft sich dabei auf die angebliche Unrentabilität der LPG und MTS, wobei er einige schlechte Beispiele aufzählt und diese als Beweis dafür und auch als Ursache für einen Teil der »Versorgungsschwierigkeiten« angeführt.
Um Unruhe in der Landbevölkerung hervorzurufen, verbreitet RIAS, dass in der DDR besonders im Raum von Dresden seit Wochen eine verlustreiche Seuche unter den Rindern herrsche. Er beschreibt die Merkmale dieser Krankheit und spricht von einer vermutlichen Rinderpest, über die von den verantwortlichen Organen der DDR noch keine offizielle Stellungnahme erfolgt sei.
In zahlreichen Sendungen fordert RIAS auf, Interessengemeinschaften44 innerhalb der FDJ zu bilden, bzw. sich ihnen anzuschließen. Die Absicht dieser Forderung, die bei den Jungen Pionieren beginnen soll, geht aus folgendem Hinweis klar hervor: »… Wenn die Eltern ein Übriges tun und die Neigungen der Kinder zuhause unauffällig fördern, die in den Arbeitsgemeinschaften der Jungen Pioniere gepflegt werden, … stärken sie den Kindern den Rücken. Übrig bleibt dann auf alle Fälle eine individualistische Einstellung zur Arbeit und zur eigenen Absicht. Wenn sie in dieser Situation in die FDJ aufgenommen werden, sind die Interessengemeinschaften fast der einzige Anziehungspunkt, von Mitgliedern gegründet und benutzt, um sich dem politischen Zwang der Zentrale zu entziehen.«
In gleicher Weise wird bei den Ausführungen gegen die FDJ-Arbeit auf dem Lande gegen die Klubs junger Agronomen und junger Techniker gehetzt.
RIAS fordert, stattdessen Interessengemeinschaften zu bilden, die sich mit Fotografieren, Motorradfahren, Wandern und landwirtschaftlichen Fachbüchern beschäftigen. Dabei sollen auch Jugendfreunde aus der Stadt und aus Betrieben zu diesen Interessengemeinschaften hinzugezogen werden.
Auch hier preist der RIAS, wie schon in anderen Sendungen, wieder Fachbücher an, die die Jugendlichen bei ihm bestellen und beziehen können.
Mit folgenden Worten versucht der RIAS, Jugendliche von dem übergehen aus der Industrie in die Landwirtschaft abzuhalten:
»Durch die Lohnregelung in den Betrieben, durch Prämien, und dadurch, dass die Jugendlichen dort nicht für alles verantwortlich gemacht werden, lassen sie ihre ländliche Arbeitsstelle sehr schnell im Stich; und wen man heute aus der Stadt aufs Land bringt, der meist nicht aus überzeugenden Gründen in die Landwirtschaft will, so ist der gewöhnlich eine Belastung. Sie erschweren die Arbeit, versprechen sich ein gutes Leben und versuchen, nur in die eigene Tasche zu arbeiten.«
Anlage 4 vom 21. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2417
Diskussionen über die neue Stipendienverordnung
In den Universitäten beginnen jetzt Diskussionen über die Herabsetzung der Stipendien. Die ersten Anzeichen dafür sind in den Universitäten Jena, Greifswald und Rostock vorhanden.
In der Universität Jena wurden von den 40 Teilnehmern einer Aktivtagung am 18.1.[1955] heftige Diskussionen darüber geführt. Selbst die fortschrittlichen Studenten waren mit dieser Maßnahme nicht einverstanden und empfinden sie als Härte. Auf dieser Aktivtagung waren nur die Studenten vertreten, die die Masse der Studenten überzeugen sollen. Da aber schon ein großer Teil dieser nicht mit der neuen Verordnung einverstanden war, wird diese Maßnahme unter den übrigen Studenten heftige Diskussionen auslösen.
Zum Beispiel sagte ein Student (einer der besten Genossen): »Da kann ich als Arbeiterkind nicht mehr mitkommen.«
Im Flur des Wohnheimes der Universität Greifswald, [Bezirk] Rostock, erschien am 18.1.1955 ein Student der Universität mit einen gepackten Koffer und ein anderer Student löste die Alarmklingel aus, da der erstere angeblich nach dem Westen »abhauen« wollte. Daraufhin liefen alle Studenten zusammen, banden ein Handtuch an einen Besenstiel und demonstrierten mit Gegröle im Wohnheim umher. Auf die Frage eines Genossen wurde geantwortet, dass es ein Karnevalsscherz sei.
In den an der Universität Greifswald geführten Diskussionen brachten Studenten ihren Unwillen über die neue Verordnung zum Ausdruck und es wurde mehrfach betont, dass Studenten ihr Studium aufgeben oder nach den Westen gehen würden, wenn sie nicht durch irgendwelche Verordnungen gebunden wären.
Zum Beispiel erklärte am 19.1.1955 ein Student der ABF,45 dass am 1.3.[1955] eine neue Stipendien-Verordnung in Kraft tritt, um Geld zu sparen, und dass man dazu sagen müsse, dass das Geld niemals gezahlt werden müsse, denn die politische Beteiligung sei ausschlaggebend. Das allerschönste aber sei ein Passus, der, um zu verhindern, dass eine Panik unter den Studenten ausbricht oder dass sie nach dem Westen gehen, besagt, dass der Student, der die Universität unerlaubt verlässt, das Stipendium eines Jahres zurückzahlen müsse, wonach er sich mit ca. 3 000 DM loskaufen müsse.46 So etwas sei noch nicht dagewesen und die Rufe nach einem zweiten 17. Juni mehrten sich.
Ein Medizinstudent sagte, dass ihm alles bis zum Halse stehe, wenn er betrachte, wo das viele Geld bleibe. Alles würde für Rüstung ausgegeben. Unter den Studenten sei eine Stimmung, wie sie noch nicht dagewesen sei. Alle wollten aufhören und schwarz abhauen. Könnten dies aber nicht, da sie festgebunden wären.
Ein anderer Student äußerte: »Durch die neue Stipendienverordnung kommen wir uns vor, als wenn wir uns in einem Zuchthaus befinden, in dem man mit uns machen kann, was man will. Es fehlen nur noch die Gitter vor dem Fenster.«
An der Universität Rostock wird festgestellt, dass die Genossen unter den Studenten positiv über die neue Stipendien-Verordnung diskutieren, da sie meist negativ hierzu Stellung nehmen.
Die Meinung der Studenten kam auf der Jahreshauptversammlung der ABF »Ernst Thälmann« der Universität Rostock wie folgt zum Ausdruck:
In den positiven Stellungnahmen wurde betont, dass sich die Studenten überlegen sollten, wo das Geld für ihr Stipendium herkommt.
Zum Beispiel sagte ein Student (Mitglied der SED): »Wer solche unbilligen Forderungen stellt, muss gefragt werden, was er schon für den Aufbau des Sozialismus getan hat. Diese Studenten können zu den Arbeitern in den Betrieben gehen und ihnen ihre Meinung sagen, dann werden sie von den Arbeitern schon eine passende Antwort erhalten. Mit 100 DM im Monat kann man auskommen.«
Ein weiteres Mitglied der SPD äußerte: »Ich habe drei Kinder und meine Frau ist Tbc-krank. Es wird für mich jetzt schwieriger sein, mit weniger Geld auszukommen, aber trotzdem werde ich genau so fleißig weiter studieren, wie bisher und auch eine gesellschaftliche Arbeit nach wie vor gut durchführen. die ganze Angelegenheit ist lediglich eine Frage des Bewusstseins.«
Die negativ diskutierenden Studenten sagten, dass sie auf keinen Fall mit 100 DM auskommen könnten und dass sie sich als Menschen zweiter Klasse fühlten. Auch hier zeigt sich vereinzelt die Forderung nach Abbruch des Studiums.
Zum Beispiel sagte ein Student auf der Jahreshauptversammlung: »Viele Studenten sind der Meinung, dass sie jetzt auf das Studium verzichten müssten. Es ist zu wenig Geld, was sie jetzt bekommen und wir müssen auf Kino, Theater, Zeitungen usw. verzichten. Mit 100 DM im Monat können wir beim besten Willen nicht auskommen. Ich fordere ein Grundstipendium von 150 DM.«
Ein anderer diskutierte wie folgt: »Sind denn die Studenten Menschen zweiten Ranges, dass sie nicht an der Verbesserung des Lebensstandards teilnehmen sollen? Heute ist doch nicht mehr 1946.«
Ein dritter Student sagte: »Mit der neuen Stipendien-Verordnung bin ich nicht einverstanden. Bei uns ist die Sparsamkeit am falschen Platze. Man sollte bei den Leuten einsparen, die über 1 000 DM im Monat verdienen«.
Diskussionen zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte
Neben den jetzt beginnenden Diskussionen über die neue Stipendienverordnung zeigen sich Meinungsäußerungen, dass die Studenten und Oberschüler die Aufstellung Nationaler Streitkräfte ablehnen und oft eine pazifistische Haltung einnehmen. Dies wird sowohl von den Studenten der Universität Jena als auch von den Oberschülern aus dem Bezirk Neubrandenburg bekannt.
Bei den Studenten der philosophischen Fakultät in Jena zeigte sich diese Einstellung bei einer kleineren Zahl von Studenten.
Zum Beispiel sagte ein parteiloser Student: »Man kann keine Unterschiede zwischen gerechten und ungerechten Kriegen machen. Wenn es zum Krieg kommt, dann geht es nur um die nackte Existenz und nicht mehr um eine Idee oder um eine Sache. Man muss diese Dinge auch vom westdeutschen Standpunkt aus betrachten. Wenn wir ein Gewehr in die Hand nehmen, so fallen wir den westdeutschen Freunden in den Rücken, weil wir immer sagen, die Westdeutschen sollen kein Gewehr in die Hand nehmen«.
Ein anderer sagte: »Die deutsche Frage muss eben unbedingt auf friedlichem Wege gelöst werden. Auf dem zweiten Deutschlandtreffen47 habe ich mit westdeutschen Freunden den Schwur geleistet, niemals auf deutschen Menschen zu schließen.«
An der Oberschule in Neustrelitz ist in Bezug auf die Aufstellung Nationaler Streitkräfte der pazifistische Gedanke vorherrschend, was vor allem mit auf die schlechte Zusammensetzung des Lehrkörpers zurückgeführt wird, wo es sich zum Teil um ehemalige Studienräte und Offiziere handelt, von dem z. B. einer es seiner Klasse bei einem Besuch in der Stalinallee48 in Berlin ermöglichte, auch den Westsektor aufzusuchen.
Die pazifistische Einstellung zeigt sich darin, dass ca. 60 bis 70 % der Oberschüler wohl die Aufstellung Nationaler Streitkräfte bejahen, aber einen eigenen Beitritt mit den Worten »Ohne uns« ablehnen.
Zum Beispiel sagte der Sohn eines Arbeiters: »Ich bin Pazifist und lehne den Wehrdienst ab. Nur wenn ich gezwungen werde, würde ich gehen.«
Ähnliche Diskussionen wurden auch von Oberschülern bürgerlicher Herkunft an der Oberschule in Demmin bekannt.
Zum anderen zeigt sich bei den Oberschülern eine offene Begeisterung für den Westen, was besonders stark an der Oberschule in Neustrelitz in Erscheinung tritt.
Schüler fahren nach Westberlin zum Besuch von Kino- und anderen Veranstaltungen. Dort gekaufte Schundliteratur wird in der Klasse weitergereicht.
Anlage 5 vom 21. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2417
Einkaufsbescheinigung für Westberliner Bürger
Die Westberliner Kollegen, die aufgrund ihrer Tätigkeit im Demokratischen Sektor von Groß-Berlin eine Einkaufsbescheinigung erhalten, kritisieren jetzt vorwiegend die Einstellung der Läden, in denen sie kaufen müssen.49 Es wird vielfach geäußert, dass die Läden verkehrsmäßig nicht günstig gelegen seien; dass sie dort sehr oft lange warten müssten und dass sie auch mit dem dortigen Warenangebot nicht zufrieden sind.
Ein Künstler aus dem Metropol Theater brachte zum Ausdruck, dass er mit der Regelung der Ausgabe von Einkaufsbescheinigungen einverstanden sei. Es wird aber von ihm kritisiert, dass die zugestellten Läden zu weit abliegen und keine große Auswahl an Waren haben.
Für die Beschäftigten in den Gummiwerken,50 Boxhagener Straße, steht eine Fleischverkaufsstelle zur Verfügung. Diese liegt zehn Minuten vom Betrieb entfernt und wird von verschiedenen Großbetrieben des Stadtbezirkes benutzt. Der Laden ist sehr klein und aufgrund des Ansturmes in den Abendstunden überfüllt.
Die Kollegen bemängeln deshalb das anstrengende und umständliche Verfahren bei ihren Einkäufen.
Aufgrund des beschränkten Warensortimentes in der Betriebsverkaufsstelle der HO im Krankenhaus Prenzlauer Berg, besteht für die 21 dort beschäftigten Westberliner Ärzte nicht die Möglichkeit, alles ihren Bedürfnissen entsprechend einzukaufen.
Der Vorschlag, bei der Verkäuferin Bestellungen abzugeben, die sie dann anderweitig besorgen kann, wurde mit dem Bemerken abgelehnt, dass sie sehen möchten, was sie kaufen.
Zum anderen war eine Verärgerung bei den Ärzten vorhanden, weil die Einkaufsbescheinigung erst am 11.1.[1955] ausgegeben wurde. Der Chefarzt Dr. Schilling51 zog deshalb schon in Erwägung, seine Kündigung einzureichen.
Im VEB »7. Oktober«52 wurde die Anweisung, dass auch beim Einkauf in der Betriebsverkaufsstelle der Personalausweis zu zeigen ist, mit Empörung aufgenommen. Unter anderem wurde geäußert, dass »die DDR am Ende« sei.