Zur Beurteilung der Situation in der DDR
1. Februar 1955
Informationsdienst Nr. 2420 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Zur Lage in Industrie- und Verkehrsbetrieben ist zu sagen, dass zu den politischen Tagesfragen vorwiegend von fortschrittlichen Kräften Stellung genommen wird. Aus dem Grunde sind auch die Äußerungen in der Mehrzahl positiv.
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben die Diskussionen über den Erlass des Obersten Sowjets hinsichtlich der Aufhebung des Kriegszustandes mit Deutschland zugenommen und stehen vielfach im Mittelpunkt der Gespräche.1
Über den Streik in Westdeutschland2 wird nur noch vereinzelt gesprochen und dabei wird immer wieder herausgestellt, dass dieser Streik als ein Erfolg der Arbeiter im Kampf gegen die Pariser Verträge3 zu werten sei. Die Solidaritätsaktionen sind noch nicht abgeschlossen. Dabei tritt des Öfteren in Erscheinung, dass von negativen Elementen gegen den Streik argumentiert wird, sowie Spenden verweigert werden.
Zum Beispiel sagte eine Buchhalterin aus dem VEB Werkstoffmaschinenwerk Leipzig: »Die westdeutschen Arbeiter haben doch nur 24 Stunden gestreikt, dazu brauchen wir nichts zu spenden. Die am 17. Juni 19534 bei uns gestreikt haben, haben doch auch nichts bekommen.«
Über die Freilassung Schörners5 wird nur noch in geringem Maße gesprochen. Dabei tritt immer wieder in Erscheinung, dass seine Aburteilung aufgrund seiner begangenen Verbrechen gefordert wird. (Die Abreise nach Westdeutschland ist noch nicht allgemein bekannt.)
Eine weitere Diskussionsbasis bildet in den Betrieben die Umgruppierung von Arbeitskräften.6 Vielfach werden die Gespräche von der Sorge um die Erhaltung des Arbeitsplatzes getragen. Zum anderen benutzt der Klassenfeind diese Situation immer wieder zur Verbreitung von Gerüchten über angebliche Massenentlassungen,7 dass alle diejenigen entlassen würden, die nicht im FDGB organisiert sind oder dass die Entlassungen erfolgen, damit Kräfte für die KVP frei würden.
Im Zusammenhang mit der Umgruppierung von Arbeitskräften werden auch Diskussionen über den Beschluss »Kader aufs Land«8 geführt. Dabei zeigt sich, dass auch hier der Klassenfeind mit seinen Argumenten in Erscheinung tritt.
Zum Beispiel sagte ein Ingenieur (NDPD) aus der Schiffsbaureparaturwerft Stralsund, [Bezirk] Rostock: »Die Genossen der SED gehen nur als Funktionäre aufs Land, während die Parteilosen als Landarbeiter gehen sollen. Das Ziel ist jedoch nur, auf dem Lande die Vorherrschaft der SED zu sichern, nachdem die Städte verseucht sind, kommt das Land dran.«
In einer Unterhaltung mehrerer Arbeiter von der Volkswerft Stralsund wurde zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht damit einverstanden sind, wieder auf dem Lande zu arbeiten. Falls die Entlassungen einen größeren Umfang annehmen sollten, würde es zu einem zweiten 17. Juni kommen.
Die Ergebnisse dieses Beschlusses sind in der Hauptsache deshalb noch mangelhaft, weil sich entweder die Angesprochenen weigern aufs Land zu gehen oder weil die Kommissionen vielfach nicht gut arbeiten.
Zum Beispiel haben sich in der Mathias-Thesen-Werft Wismar, [Bezirk] Rostock, 20 Arbeiter freiwillig bereit erklärt, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die Kommission ist aber nicht in der Lage diesen Kollegen eine Arbeitsstelle in der Landwirtschaft nachzuweisen.
Ein Ingenieur (SED) aus Riesa hatte sich als MTS-Leiter einer MTS in Mecklenburg beworben. Er führte aus dem Grunde eine Aussprache mit der Kreisleitung in Riesa. Seitdem sind schon mehrere Wochen vergangen und er hat noch keinen Bescheid erhalten. Deshalb will er nur noch zwei Wochen warten und dann seine Bewerbung zurückziehen.
Eine Rolle spielt bei dieser Frage auch die Bezahlung, die nicht immer nach einheitlichen Richtlinien vorgenommen wird.
Zum Beispiel äußerte der Kaderinstrukteur des Stahlwerkes Riesa, dass er große Schwierigkeiten habe, gute Genossen aufs Land zu bringen. Der Grund dafür sei, dass sie nur vier Monate ihr volles Gehalt bezahlt bekämen und danach nur nach dem Tarif für Landarbeiter entlohnt würden.
Ein Traktorist (parteilos) von einer MTS im Kreis Eisenberg, [Bezirk] Gera: »Bei uns ist es so, wir werden noch bestraft, weil wir zu lange auf der MTS sind. Wir müssen erst einmal einige Monate in der Industrie arbeiten und dann wieder in der MTS, damit wir mehr verdienen.«
Diese Meinung vertreten noch mehr Traktoristen dieser MTS und des Weiteren ist zu verzeichnen, dass bereits drei Kollegen gekündigt haben.
Die Klagen über Kohlenmangel in den verschiedensten Industriezweigen halten weiterhin an. Dieser Zustand führt verschiedentlich dazu, dass Betriebe zeitweilig stillgelegt werden müssen.
Das ist z. B. bei der Papierfabrik in Hohenofen,9 [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, Filzfabrik Treptow/10Berlin, (120 Beschäftigte) und VEB Flachsspinnerei Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, der Fall. Die Gefahr der Stilllegung besteht wegen Mangel an Koks bei der Elisabethhütte im Kreis Brandenburg,11 [Bezirk] Potsdam. (Nur noch für drei Tage Koks vorrätig.)
Verschiedentlich wird eine Überbrückung dadurch geschaffen, indem Kohlen aus den örtlichen Reserven zur Verfügung gestellt werden.
Teilweise wirken sich außer dem Kohlenmangel – Absatzschwierigkeiten, Rohstoffmangel, Produktionsstörungen, sowie Mängel in den Planfragen hemmend auf den Produktionsablauf aus.
Zum Beispiel bestehen im VEB Ölwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, Absatzschwierigkeiten, da der Absatzplan jetzt nur noch 40 % der Produktion zur Lieferung vorsieht. Demgegenüber wurden 1954 90 % an die Margarinefabrik »Milka«12 geliefert.
Im VEB Friese in Kirchau, [Kreis] Bautzen, lagern ca. zwei Mio. Scheuertücher, (waren für den Export bestimmt – wurde von der HV Textil rückgängig gemacht.)
Im VEB Früchteverwertung Weicha,13 [Kreis] Bautzen, können die fertigen Produkte noch nicht abgesetzt werden, da vom Bezirk Dresden noch keine Kontrollziffern angegeben wurden. (Alle Räume liegen voll.)
Der VEB Wellpapierfabrik Lucka, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, klagt über Materialmangel. (30 Arbeiter vorübergehend ohne Beschäftigung.) Laut Angaben des Betriebsleiters haben die Papierfabriken Rochsburg, Wettersleben und Coswig die Lieferverträge nicht eingehalten.
Der VEB Kittwerk Pirna-Rotwernsdorf, [Bezirk] Dresden, muss wegen Mangel an Kreide am 1.2.1955 die Produktion einstellen. (DHZ hat nur 25 % der bestellten Kreide aus Saßnitz erhalten und liefert deshalb nicht.)
Über Planfragen
Im VEB Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sind 1 000 Wartestunden zu verzeichnen, da das Werk den Plan für 1955 noch nicht erhalten hat. Laut BPO verantwortlich: Ministerium für Schwermaschinenbau.
Auf einigen Baustellen des VEB Industriebau Berlin sind ca. 50 bis 60 Facharbeiter mit Nebenarbeiten beschäftigt.
Ursache: Die baureifen Unterlagen fehlen noch, deshalb sind die Investmittel noch nicht bewilligt und die Arbeitskräftepläne liegen noch nicht vor.
Im VEB Wolltuchfabrik in Neustadt, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera, wird besonders unter den Meistern darüber diskutiert, dass die Planauflagen unerfüllbar seien. Zum Beispiel äußerte der Reparaturmeister gegenüber einem Genossen: »Die Planauflagen sind nicht zu schaffen. Man hat eben aus dem 17. Juni 1953 keine Lehren gezogen und steuert heute wieder auf ähnliche Verhältnisse wie damals hin.« Der Farbmeister äußerte sich in ähnlicher Form, indem er sagte: »Wenn damals am 17. Juni die sowjetische Besatzungsmacht nicht gewesen wäre, so hätte man sämtliche SED-Funktionäre aufgehackt. Jetzt wird es wieder genauso auf die Spitze getrieben wie damals.«
In Bezug auf Planerfüllung wurde aus dem Kohlenrevier Borna, [Bezirk] Leipzig, bekannt, dass vor zwei Jahren der VEB Thräna14 an der Spitze stand und dass er heute einer der schlechtesten Betriebe dieses Reviers ist. Die Ursache liegt vor allem darin, dass die Strecke mangelhaft entwässert ist und dass in jeder Schicht Kohlenwagen entgleisen. (Spurweite ist unterschiedlich).
Außerdem ist zu verzeichnen, dass die ständigen Überholungen und Reparaturen des Baggers 161 nicht planmäßig durchgeführt werden. Dadurch kann es passieren, dass der Bagger (von großer Bedeutung für den gesamten Produktionsablauf) einer größeren Reparatur unterzogen werden muss und somit größere Produktionsstörungen eintreten.
Am 30.1.1955, 20.00 Uhr, musste im VEB Espenhain,15 [Kreis] Borna, die Förderbrücke angehalten werden. Der mit der Förderbrücke gekoppelte Bagger II hatte einen doppelseitigen Kettenbruch. Ursache des Kettenbruches ist Steinschlag. Die Förderbrücke sollte am nächsten Morgen wieder in Betrieb gesetzt werden, was aber nicht möglich war, weil Band I ein Längendurchschnitt aufweist, was vermutlich durch ein Stück Eisen verursacht wurde. Sachschaden: ca. 300 000 DM.
Im Braunkohlengebiet Senftenberg kam es am 18. und 19.1.1955 im BKW »Alfred-Scholz« Spremberg zu größeren Betriebsstörungen. Der Doppelzug des BKW »John-Schehr«16 beachtete nicht das Vor- und Hauptsignal, welches auf Rot gestellt war, sodass es zwischen dem genannten Zug und einem Leerzug zu einem Zusammenstoß kam. Ursache: »Lockführer [sic!] noch nicht genügend qualifiziert.« (war seine erste Fahrt) Sachschaden: ca. 20 000 DM Produktionsausfall 2 000 Tonnen Produktionsausfall.
Am 28.1.[1955], früh 6.00 Uhr erfolgte im Kraftwerk Zittau am Kessel I eine Explosion. Durch den Ausfall des Kessels kann das Kraftwerk nur 50 % produzieren.
Erkrankungen
Am 29.1.1955 sind im Betrieb Grabstein-Porzellan Wallhausen17 bei Sangerhausen, [Bezirk] Halle, nach dem Genuss des Betriebsküchenessens 150 Kollegen an Durchfall erkrankt.
Der Klassenfeind setzt seine Methode fort, mittels gefälschter Schreiben unsere Wirtschaft zu stören.
Zum Beispiel erhielt am 31.1.[1955]18 der Förderwagenbau Vetschau, [Bezirk] Cottbus, vom staatlichen Vermittlungskontor Berlin vier Auftragskarten mit dem Hinweis, auf diese Karten hinter dem Angebot von Blechen den Preis einzutragen. Es handelte sich um gefälschte Angebotskarten, was vom Vermittlungskontor nicht festgestellt wurde.
In der Bau-Union Schwerin-Görries wurde dem Parteisekretär ein Brief mit der Aufforderung zugestellt, die Republik zu verlassen, da er von den Staatsorganen verhaftet werden solle.
In der Nacht zum 26.1.1955 wurde im Kraftwerk Peenemünde, [Bezirk] Rostock, auf einer Toilette ein Galgen an die Wand geschmiert an dem die SED aufgehängt dargestellt wurde. Am 28.1.1955 wurde während der Mittagspause in dem frisch zementierten Mühlenfundament des Kessels 4 ein Hakenkreuz eingedruckt.
Im VEB Textil- und Gummiwerk Neugersdorf und im VEB Spinnerei und Weberei- Ebersbach, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden, wurde das Gerücht verbreitet, dass Schörner in München verhaftet worden sei.
Am 23.1.[1955] gegen 20.40 Uhr fuhr im BKW »Freundschaft« Tagebau Klettwitz, [Bezirk] Cottbus, der Unterwagen des Baggers 574 Band II gegen einen Schienenstoß. Es handelt sich dabei um eine Schädlingstätigkeit.
Schaden: noch nicht bekannt – der Ausfall dauert voraussichtlich zwei Tage.
Im VEB Salinewerk Bad-Sulza, [Kreis] Apolda, [Bezirk] Erfurt, brach am 29.1.[1955] im Lagerhaus ein Dachstuhlbrand aus. Vermutliche Brandstiftung – Schaden ca. 2 500 DM.
Versorgung der Bevölkerung
Die im letzten Bericht erwähnten auftretenden Angsteinkäufe19 halten vorläufig noch an. Einige Hausfrauen hören auf die vom Gegner verbreiteten Gerüchte und schaffen sich Vorräte in Mehl, Zucker, Hülsenfrüchte, Streichhölzern usw.
So werden z. B. im Kreis Kamenz, [Bezirk] Dresden, Hamstereinkäufe in Zucker getätigt.
Im Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, werden, Mehl, Grieß, Zucker und andere Nährmittel verstärkt eingekauft.
In den Kreisen Löbau und Sebnitz, [Bezirk] Dresden, kaufen die Hausfrauen bis zu 25 Pfund Zucker ein.
In dem Ort Königssee, [Kreis] Rudolstadt, [Bezirk] Gera, sind durch die Angsteinkäufe von Zucker, Öl, Margarine und Mehl diese zum Teil ausverkauft. Hier wird auch von unbekannten Personen das Gerücht verbreitet, das Fett und Zucker auf HO-Basis20 gesperrt würden.21
In Köthen, [Bezirk] Halle, ist die Bevölkerung in den Geschäften eigenartig aufgeregt und weicht Klarstellungen aus. Es werden hier bis zu 50 kg Mehl eingekauft.
Durch den augenblicklichen Fleischmangel, vor allem auf HO-Basis, ist die Bevölkerung allgemein über die ungenügende Versorgung unzufrieden.
So ist die Versorgungslage an HO-Fleisch in einigen Kreisen des Bezirkes Frankfurt/Oder, Halle, Suhl, Potsdam, Schwerin und Cottbus noch immer nicht im vollen Maße sichergestellt.
Im Kreis Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, ist z. B. in einigen Geschäften des Kreises kein Fleisch erhältlich gewesen. So u. a. 29.1.[1955] in Unterbreizbach und Bad Salzungen. Die Auswirkungen zeigen sich in den Diskussionen bei den Kumpels im Kalischacht, die zum Inhalt haben »Beendigung des Kriegszustandes und kein Fleisch«.
Die Versorgung der Bevölkerung mit Kohle für 1954 ist noch nicht in allen Fällen erfolgt. Die Ursachen liegen darin, dass eine allgemeine Kohlenverknappung eingetreten ist, sodass man gezwungen ist, die Kontingente für die Bevölkerung öffentlichen Institutionen oder Fabriken zur Verfügung zu stellen.
Im Kreis Güstrow, [Bezirk] Schwerin, wurde das Kontingent für die Bevölkerung zur Aufrechterhaltung der Produktion der VEB verbraucht, wie z. B. für das Milchzuckerwerk in Laage, [Bezirk] Schwerin.
Im Krankenhaus Kreis Bernau und im Krankenhaus Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, fehlt die Kohle für die Krankenhäuser und für die Schulen. Deshalb wurden in Eberswalde die Kohlenbestände dazu vom Kontingent für die Bevölkerung genommen. Auch in Seelow, [Kreis] Bernau, hat ein Teil der Bevölkerung ebenfalls ihre Kohlen für 1954 noch nicht bekommen.
Im Kreis Freital, [Bezirk] Dresden, besteht ebenfalls Mangel an Hausbrandkohle.
Im Kreis Zossen, [Bezirk] Potsdam, fehlen noch 2 000 Tonnen Kohle für 1954. Die Bevölkerung äußert darüber, dass die Versorgung mit Kohle 1952/53 besser gewesen sei.
In Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, musste die Ingenieurschule für Schwermaschinenbau wegen Kohlenmangel geschlossen werden. Die Bemühungen um Kohle seitens der Schulleitung blieben erfolglos. Die Studenten diskutieren dahingehend, dass sie dadurch im Sommer länger Unterricht hätten und aus diesem Grunde keine Stellen mehr bekommen würden.
Wie der Klassengegner versucht, auch innerhalb der Versorgung seine Schädlingstätigkeit auszuüben, zeigt sich in folgendem Beispiel:
Die volkseigene Brotfabrik in Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, lieferte in der letzten Zeit sehr schlechtes Brot an die KVP. Ein Teil der Lieferung musste nach einigen Tagen zur Schweinemästerei nach Torgelow gefahren werden. Durch die Vernachlässigung der Arbeit durch den Produktionsleiter wird das gute Mehl mit einem minderwertigen Mehl vermischt. Dadurch wird ein schlechtes Brot gebacken.
In der Gaststätte »Leitenhof« in Geising, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, ist eine Massenerkrankung durch den Genuss von Speisen aus dieser Gaststätte zu verzeichnen. Von 41 Essenteilnehmern sind 35 erkrankt. Ermittlungen werden noch geführt.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die politischen Diskussionen in der Landwirtschaft haben nach wie vor noch einen geringen Umfang. Sie treten dann auch nur vorwiegend im sozialistischen Sektor unserer Landwirtschaft auf. Da jetzt in der Landwirtschaft die Beschlüsse des 21. Plenums des ZK22 realisiert werden sollen, tritt diese Frage vor allen anderen politischen Fragen in den Vordergrund. Die guten Auswertungen des 21. Plenums des ZK auf dem VEG Groß Fredenwalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wo man durch Verpflichtungen eine große Einsparung bei Ersatzteilreparaturen machen will und im VEG Leppin, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, wo man aufgrund des 21. Plenums einen Kampfplan für den kommenden Zeitraum aufstellte, der eine Erhöhung der Rentabilität bei seiner Realisierung zum Ziel hat, beweisen, dass die Beschlüsse des 21. Plenums des ZK als Grundlage für die Steigerung der Rentabilität bei seiner Realisierung zum Ziel hat, beweisen, dass die Beschlüsse des 21. Plenums des ZK als Grundlage für die Steigerung der Rentabilität der Betriebe genommen werden.
Dabei muss man natürlich feststellen, dass das 21. Plenum des ZK noch nicht in allen LPG, VEG und MTS realisiert wird. Das ist besonders darauf zurückzuführen, dass gute politische Kader auf dem Lande noch fehlen und die Fragen der Landwirtschaft von den Funktionären der Kreisleitungen oft unterschätzt werden. Diese Unterschätzung drückt sich darin aus, dass Funktionäre, die zu Bauernversammlungen eingeladen werden, unentschuldigt oder mit fadenscheinigen Begründungen diesen Versammlungen fernbleiben. Die Bauern sind über diese Handlungsweise unserer Funktionäre sehr empört. Sie sehen in diesen Funktionären natürlich die Vertreter unserer Staatsmacht und urteilen oft über unseren Staat und unsere Entwicklung so, wie diese Funktionäre auftreten.
Zu der Vollversammlung der LPG Wahnitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, erschien der eingeladene Vertreter vom Rat des Kreises nicht, worüber die LPG-Mitglieder sehr empört waren.
Am 22.1.1955 war für die LPG »Goldene Zukunft« in Marienhof,23 [Kreis] Neubrandenburg, die Jahreshauptversammlung angesetzt. Zu dieser Versammlung sollte vom Rat des Kreises ein Referat gestellt werden. Die LPG Mitglieder waren alle pünktlich erschienen nur der Kollege vom Rat des Kreises traf nicht ein.
Die Mitglieder verurteilten das Nichterscheinen dieses Referenten, da dieser schon Ende September 1954 bei einer Versammlung zur Auswertung der III. LPG-Konferenz24 nicht erschienen war. Er begründete sein Fehlen kurz vor der Versammlung damit, dass er nicht kommen könnte, da angeblich der Scheinwerfer von seinem Auto entzwei sei.
Bei den MTS besteht noch immer Mangel an Ersatzteilen, die von den zuständigen Absatzkontoren,25 DHZ26 usw. nicht erhältlich sind, bzw. nicht rechtzeitig geliefert werden. Zu bemerken ist, dass einige MTS, die nach ergebnislosen Bemühungen beim VE-Handel keine Ersatzteile bekamen, dann bei Nachfragen im privaten Sektor diese Ersatzteile erhielten, wie z. B. die MTS Laage, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin, die auf eigene Initiative in anderen Kreisen im Privatsektor sich die notwendigen Ersatzteile beschaffte.
Ersatzteilmangel besteht z. B. in der MTS Döbernitz,27 [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, in der MTS Nöbdenitz, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, in der MTS Reichstädt, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, in der MTS Teistungen, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, und in der MTS des Bezirkes Cottbus, in den MTS des Bezirkes Rostock und in einigen MTS des Bezirkes Magdeburg.
Die Ursache des Ersatzteilmangels im Bezirk Magdeburg liegt daran, dass die MTS im Dezember wegen Geldmangel ihre Bestellungen trotz Mahnung des Rates des Bezirkes, Abt. Landwirtschaft nicht aufgaben. Jetzt drängen die Betriebe auf Zustellung von nichtbestellten Ersatzteilen. Dadurch ist natürlich zu erklären, dass diese MTS in kurzer Zeit nicht beliefert werden können.
Die Umwandlung der ÖLB in LPG28 geht nicht überall reibungslos vonstatten. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Arbeiter in den ÖLB falsche Meinungen von der LPG haben und sich weigern, in diese einzutreten. Es kommt aber auch vor, dass durch negative Einstellung der Leiter der ÖLB mit dieser Umwandlung nicht einverstanden sind und dagegen auftreten. Aber auch einige LPG, die wirtschaftlich schwach dastehen und wenig Arbeitskräfte zur Verfügung haben, lehnen zum Teil die Übernahme der ÖLB ab.
So z. B. wird aus dem MTS Bereich Karstädt,29 [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, berichtet, dass aus den elf vorhandenen ÖLB zurzeit erst ein ÖLB in eine LPG umgewandelt wurde. Bei den übrigen ÖLB scheiterte die Umwandlung bis jetzt an der negativen Einstellung der ÖLB-Leiter.
Der ÖLB Pamprin,30 [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, strebt an, sich der dortigen LPG anzuschließen. Die Mitglieder der LPG lehnten den Antrag ab, mit der Begründung, sich selbst erst wirtschaftlich zu festigen.
In der Gemeinde Altkahlen, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, stimmten in der Versammlung zur Umwandlung des ÖLB in eine LPG von 83 Anwesenden nur fünf für die Umwandlung. 30 stimmten dagegen und der Rest enthielt sich der Stimme.
Ein Brigadier äußerte dann: »Lieber gehe ich zu einem Großbauern31 arbeiten, als dass ich Mitglied der LPG werde.«
In der letzten Zeit wurde laufend darüber berichtet, dass viele LPG Schwierigkeiten bei der Auszahlung der Anteile an die Mitglieder haben und aufgrund von Verschuldungen die Arbeitseinheiten32 für 1950 herabgesetzt werden müssen. Das zeigt sich in den meisten LPG des Bezirkes Potsdam.
So ergab z. B. eine Analyse aus dem Kreis Kyritz, dass dort 17 LPG eine durchschnittliche Hektarbelastung von 306 DM haben. Es handelt sich hier größtenteils um Kredite aus dem Jahr 1954, die nicht beglichen werden konnten. Trotzdem beantragen diese LPG schon wieder für das Jahr 1955 neue Kredite bei der Bauernbank, um den Mitgliedern das ihnen zustehende Geld auszuzahlen. Die LPG, die nicht mit Verlust gearbeitet haben, haben aber größtenteils nur einen sehr niedrigen Gewinn erzielt, wie z. B. die LPG Ganzer 4%, die LPG Kolrep 2,5 % und die LPG Leddin 3 %. Im Kreis Kyritz gibt es nur vier LPG die wirklich rentabel gewirtschaftet haben. Die LPG Kunow erreichte 83 % Gewinn und die drei anderen LPG erzielten 100 bis 130 % Gewinn. Wie sich das auf die Stimmung der LPG-Mitglieder auswirkt, wurde in den vorherigen Berichten schon erläutert. Aufgrund dessen, dass man versucht, die Mitglieder zu überzeugen, auf die Auszahlung der restlichen Anteile zu verzichten um die Schulden begleichen zu können, ist in vielen LPG eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit zu verzeichnen. Dies zeigt sich in solchen Äußerungen wie: »Dann gehen wir lieber zu den Großbauern arbeiten.« usw.
Der Klassengegner nutzt die Unruhen in den LPG aus und versucht, die LPG von außen zu zersetzen. So riet z. B. ein evangelischer Pfarrer aus dem Kreis Kyritz einer Genossenschaftsbäuerin, wieder bei einem Großbauern zu arbeiten und meinte, dass die LPG nicht immer so viel auszahlen könne. Da es sowieso einmal anders komme, würde sie bei einem anderen Bauern keine Arbeit erhalten.
In dem VEG Temmen, [Bezirk] Neubrandenburg, und der LPG Schönhausen, [Kreis] Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, wird die Aufzucht von Tieren durch wirtschaftliche Missstände, durch schlechte Wirtschaftsführung oder schlechte Arbeitsmoral gefährdet.
In dem VEG Temmen verendeten z. B. im Dezember 1954 86 und im Januar 50 Schweine. Die Ursache dafür ist, dass durch die schlechten Schweineställe die Aufzucht von gesundem Vieh nicht garantiert ist. In diesem Schweinestall gibt es keine Jaucherinne, sodass die Jauche nicht abfließen kann und gefriert. Die Schweine liegen im hohen Mist. Die Luftschächte sind beim Bau 1954 vergessen worden. Der Tierarzt stellte bei den verendeten Schweinen nicht Schweinepest, sondern Erkältung fest.
In der LPG Schönhausen liegt das Vieh ebenfalls in der Jauche und es ist stark verschmutzt. Durch diese Zustände und die mangelnde Ernährung sinkt z. B. die Leistung der Milchkühe. So erzielte z. B. eine Kuh nur 80 kg Fett in der Milch,33 während diese Kuh, als sie in Pflege bei einem werktätigen Einzelbauern war, 180 bis 200 kg Fett pro Jahr erreichte. Durch die schlechte Arbeitsmoral in dieser LPG werden auch die Pferde nicht mehr geputzt, sodass fast alle Pferde die Räude haben.
In den Büroräumen wurde eine Kantine eröffnet, wo die Brigadiere während der Arbeitszeit Alkohol trinken.
Am Sonntag, den 30.1.1955, gegen 11.40 Uhr, brach in der Feldscheune der VdgB/BHG Ermsleben, [Kreis] Aschersleben,34 [Bezirk] Halle, ein Brand aus. Dort lagerte Stroh von ca. 20 werktätigen Bauern. Der Gesamtschaden beträgt ca. 2 000 DM. Es wird Brandstiftung vermutet, da der Brand in zwei gegenüberliegenden Ställen ausbrach.
Am 30.1.1955 brannte der Schweinestall vom VEG Waltersdorf, [Kreis] Luckenwalde, [Bezirk] Cottbus. Es handelt sich hier um den modernen Abferkelstall, der im Herbst vorigen Jahres fertiggestellt wurde. Nach bisherigen Meldungen sind zehn Zuchtsauen und 92 Ferkel verbrannt, bzw. durch Rauch umgekommen. Der Sachschaden beläuft sich auf 17 000 DM (wird untersucht von der Abt. K Luckau).
Bei einem Mittelbauern in Schmiedehausen [Bezirk] Erfurt, [Kreis] Apolda, brannte am 31.1.[1955] Stall und Scheune ab. Schaden ca. 35 000 DM Personen und Tierschaden war nicht zu verzeichnen. (Wird noch geklärt).
Am 26.1.1955 gegen 22.45 Uhr brannte die Strohmiete des ÖLB Gollmitz, [Kreis] Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, nieder, wodurch ca. 1 000 Zentner Roggenstroh vernichtet wurden. Als Täter wurden zwei Maurer ermittelt. Am 26.1.1955 waren beide in der Gaststätte Gollmitz, wo sie Alkohol zu sich nahmen. Auf dem Nachhauseweg steckten sie die Miete an. Der Schaden beträgt 2 000 DM. Die Beschuldigten wurden festgenommen.
Am 29.1.1955, gegen 9.15 Uhr, entstand aus bisher unbekannten Gründen ein Scheunenbrand bei dem Bürgermeister in Groß Särchen, [Kreis] Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus. Es handelt sich hier um ein massiv gebautes Wirtschaftsgebäude. In der Scheune waren vorwiegend Stroh und landwirtschaftliche Geräte untergebracht, welche vollkommen verbrannt sind. Der Gesamtschaden beträgt ca. 7 500 DM.
Aus Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, wird bekannt, dass in einem Waggon mit Nassschnitzel, die an werktätige Bauern verteilt wurden, Stahlgusssplitter waren. Die Nassschnitzel wurden von der Zuckerfabrik Hadmersleben an die BHG Mahlwinkel, [Kreis] Tangerhütte, gesandt. Die Schnitzel erhielten werktätige Bauern, die durch die Hochwasserkatastrophe35 geschädigt worden waren. Ermittlungen werden durch die Kreisdienststelle geführt.
Ein Genossenschaftsbauer aus Heiligengrabe, [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam, griff beim Besuch einer Kinoveranstaltung in Heiligengrabe einen, bei der Politabteilung der MTS beschäftigten Genossen tätlich an. Er bedrohte ihn mit einem Bierglas, beschimpfte ihn mit »Kommunistenschwein« und sagte u. a zu ihm, »wenn ich dir in die Fresse schlage, hast du für fünf Jahre genug.« Dieser Genossenschaftsbauer ist als Rowdy und Stänkerer bekannt. Seine Pöbeleien richten sich meistens gegen Volkspolizisten und fortschrittliche Bürger der DDR. Er wurde festgenommen.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
In einer Grundschule des Kreises Quedlinburg, [Bezirk] Halle, ist die Grippeepidemie ausgebrochen. Von 480 Kindern sind 120 an Grippe erkrankt. Schulschließung wurde nicht angeordnet, sondern die Krankheitsfälle wurden isoliert.
In Piesteritz, [Kreis] Wittenberg, [Bezirk] Halle, ist eine Person an Typhus erkrankt.
Im Bezirk Rostock treten ebenfalls in letzter Zeit fieberhafte Grippeerkrankungen auf. Aufgrund dessen mussten schon einige Schulen geschlossen werden. Die gleiche Erscheinung ist auch im Lehrkombinat der Volkswirtschaft Stralsund zu verzeichnen.
Die Grippe-Krankheit im Kreis Perleberg verbreitete sich auch auf die Ausbildungsstätten des VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge und des RAW Wittenberge, [Bezirk] Schwerin. Deswegen musste die Lehrlingswerkstatt des RAW Wittenberge geschlossen werden.
Einschätzung der Situation
Im Vordergrund der politischen Diskussionen steht der Erlass des Obersten Sowjets zur Beendigung des Kriegszustandes. Überwiegend wird der Friedenspolitik der SU zugestimmt und die Hilfe für das deutsche Volk anerkannt. Über die Auswirkungen und die Bedeutung des Erlasses bestehen aber noch sehr viel Unklarheiten in allen Schichten der Bevölkerung, die es dem Gegner erleichtern, mit feindlichen Argumenten die Menschen zu verwirren.
Zu den anderen aktuellen politischen Fragen sind keine wesentlichen Veränderungen in der Stimmung festgestellt worden.
Die Diskussionen um Schörner haben in den letzten Tagen nachgelassen. Wenn dessen Abreise nach München in größerem Umfang bekannt wird, ist damit zu rechnen, dass es wieder zu Protesten kommt. Die ersten Gerüchte über die angebliche Verhaftung Schörners sind bereits im Umlauf.
Der Gegner versucht weiterhin durch Gerüchte im Zusammenhang mit der Arbeitskräftegruppierung und Versorgungsschwierigkeiten die Bevölkerung zu beunruhigen. Die Hetze gegen die Jugendweihe36 hält gleichfalls an.
In letzter Zeit ist eine allmähliche Zunahme der Feindtätigkeit zu verzeichnen. Beachtlich sind auch die Brände in der Landwirtschaft.
Anlage 1 vom 1. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2420
Auswertung von Westsendungen
Mit einer gemeinsamen Erstellung der Verordnung über die Stipendien37 versucht der RIAS,38 die Studenten der DDR gegen diese Verordnung aufzuhetzen. Aus der Verordnung greift er besonders den Passus über die Pflicht zur Rückzahlung des erhaltenen Stipendiums für die Dauer von einem Jahr bei vorzeitigem Abbrechen des Studiums auf.39 Gleichzeitig hetzt er, dass die Verordnung eine strengere »Überwachung« der Studenten vorsehe, die vorläufig »bei der Studentenschaft in Biesdorf erprobt« und dann auf alle ABF40 ausgedehnt werden solle.
In einer anderen Sendung, in der erstmalig mit einem längeren Kommentar gegen die neue Verordnung gehetzt wird, argumentiert der RIAS wie folgt: »Die am 1. März vorgesehene Inkraftsetzung wird nahezu die gesamte Studentenschaft der DDR und Ostberlin in krasse materielle Not stürzen. Die DDR-Organe rechnen daher mit einem Massenabgang von Hochschulen und Universitäten …« Hier wird dann ebenfalls der Punkt über eventuelle Rückzahlung des Stipendiums verleumderisch dargelegt. Dann heißt es weiter: »… Ebenso wie die Stipendien sollen auch die Gehälter der Wissenschaftler gekürzt werden, um sie dem allgemeinen volksdemokratischen Niveau anzupassen«.
In einer weiteren Sendung hetzt RIAS, dass die vierteljährlichen Studiengebühren, die bisher den Studenten auf Antrag erlassen worden wären, wieder erhoben würden.
In der Fortsetzung der Hetze gegen die BGL-Wahlen beschäftigt sich der RIAS mit einer Sitzung der Parteisekretäre in Berlin. Nach der Behauptung, dass sich diese Sitzung vordringlich mit der Frage beschäftigt habe, dass mehr Genossen in die Leitungen sollen, wird die bereits bekannte Anweisung wiederholt: »Für FDGB-Mitglieder kann die Beteiligung an den FDGB-Wahlen nur den Sinn haben, zu verhindern, dass allzu linientreue Genossen in die unteren Leitungen einrücken.«
Um Unruhe unter den Eisenbahnern zu stiften, verbreitet der RIAS weitere Gerüchte über Massenentlassungen und Umgruppierungen bei der Reichsbahn. Er nennt dabei besonders Umgruppierungen im Ministerium für Verkehrswesen, die Ablösung des Amtsvorstandes in Dresden und Auflösung von Reichsbahnämtern.
Zur Normenfrage bei der Reichsbahn wird gehetzt, dass durch einen neuen Beschluss, der »radikale Personalabbau« vorsehe, die Rentabilität gesteigert werden soll. Zur Beunruhigung der Eisenbahner spricht er dabei von administrativen Normenerhöhungen bei den Güterwagenarbeiten im RAW Potsdam um 15 % und den Hochnehmerarbeiten im RAW Schöneweide um 10 % »ohne technische Hilfsmittel«. Gleichlautende Meldungen lägen auch aus einer Reihe anderer Betriebe vor.
RIAS hetzt gegen das Milliardenabkommen im Innerdeutschen Handel41 und bezeichnet es u. a. als »Abkommen auf dem Papier«, das erst durch die Praxis bewiesen werden müsste. Nach dem Versuch, die Waren der DDR in der Auswahl als beschränkt und in der Qualität als minderwertig hinzustellen, wendet er sich mit seiner Hetze wie folgt an Hörer in der DDR: »Sie wissen, was uns von derartigen Versprechungen zu halten ist. Auch die westdeutschen Herren haben berechtigte Zweifel. Insbesondere wird die Abwicklung des Abkommens dadurch erschwert, dass keine Gewerbe angeboten werden, die den Käufer im Westen ansprechen und sich mit Waren westlicher Herkunft messen können. Dagegen ist das Angebot an Braunkohlen nicht nur auf vier Millionen Tonnen erhöht, sondern es werden auch gewisse Westmarkverpflichtungen damit abgelöst, obwohl die Hausbrandversorgung in der DDR schlecht ist. Ebenso ist es mit dem Angebot an Zucker, der noch rationiert ist und zu hohen Preisen in der HO verkauft wird. Die westlichen Handelspartner haben sich nur ungern und nur um ihren Willen zum Gelingen des Vertragsabschlusses zu zeigen bereit erklärt, 80 000 t gar nicht benötigten Zucker abzunehmen«.
In einer anderen Sendung versucht der Wirtschaftskommentator des RIAS die von unserer Seite getroffenen Feststellungen, dass der innerdeutsche Handel an dem bürokratischen Verfahren der Organe der Bundesrepublik scheitere, zu widerlegen. Gleichzeitig will er die angebliche Lieferunfähigkeit der DDR beweisen. Dazu benutzt er als Beispiele einen einmal aufgetretenen Mangel bei der Versorgung der Fahrgäste der Interzonenzüge in den Mitropa Speisewagen und aufgetretene Schwierigkeiten beim Umtausch von Westmark in Mark der Deutschen Notenbank.
Im Zusammenhang mit einer angeblich katastrophalen Futtermittelknappheit in der DDR beschuldigt der RIAS unsere Staatsorgane, da sie jetzt dazu übergingen, die amerikanische Getreidespende für die Hochwassergeschädigten42 als Futtermittel zu verteilen. Am meisten entrüstet sich der RIAS darüber, dass diese amerikanische Spende im Gegensatz zu sowjetischen Lieferungen kaum erwähnt wurde. Die Art der Verteilung bezeichnet er als kleinlich und nimmt dazu wie folgt Stellung: »Das Getreide wurde in Säcken geliefert, die das Zeichen des Roten Kreuzes und in deutscher Sprache den Aufdruck »Erzeugnis der USA« tragen. Bei der Verteilung aber fehlen diese Säcke. Das Korn wird lose ausgegeben«.
Auf einer öffentlichen Kundgebung auf der »Grünen Woche«43 in Westberlin sprach u. a. der Minister Lübke,44 der sich besonders an die Bauern der DDR wandte.45 Er bezeichnete die Veranstaltung als »Kundgebung deutschen Bauerntums«. Unter anderem wies er darauf hin, dass Westdeutschland den Bauern in der DDR immer helfen wolle und dass dazu auch Flugblätter beitragen, die auf keinen Fall »nur aus irgendwelchen politischen Gründen gebracht« würden. Er sprach von »technischen Flugblättern«. Westdeutsche Bauern forderte er auf, sich einen »ostdeutschen Paten« zu suchen, zum anderen wäre aber seiner Meinung nach auch jede andere westdeutsche Organisation u. Ä. zur »Hilfe« bereit. Zur Frage der Wiedervereinigung stellte er die Forderung an die Bauern der DDR, unserer Agitation nicht zu glauben, dass die Bundesrepublik die Wiedervereinigung als zweitrangig betrachte. Das wäre nur ein Versuch, die Stimmung gegen Westdeutschland zu ändern.
Zur Jugendweihe nahm der RIAS neben der üblichen bereits bekannten Hetze in den letzten Tagen wie folgt Stellung: »An den verschiedensten Stellen in der DDR tauchen in diesen Wochen in wechselnder Form aber mit gleicher Tendenz Gerüchte auf, als habe die Evangelische Kirche ihre Meinung von der Unvereinbarkeit von Jugendweihe und Konfirmation geändert und habe nun nichts mehr dagegen einzuwenden, dass ihre Konfirmanden zur Jugendweihe angemeldet werden. Es kann aber nicht entschieden genug ausgesprochen werden, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass die Kirche entschieden an ihrem Standpunkt festhält.«
Anlage 2 vom 1. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2420
Die Stimmung zum Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR über die Beendigung des Kriegszustandes
In vielen VEBs wird rege über den Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR diskutiert, wogegen man unter der Landbevölkerung darüber nur wenig spricht und meist nur im sozialistischen Sektor.
Die Intelligenz beteiligt sich ebenfalls an den Diskussionen, allerdings nur vereinzelt, wogegen sie sich zu anderen politischen Fragen zurückhält.
Auch Hausfrauen, Verwaltungsangestellte und Rentner nehmen zu dem Erlass der UdSSR Stellung, obwohl in diesen Kreisen die Anteilnahme gering ist. Inhaltlich gibt es in den einzelnen Bevölkerungsschichten keine wesentlichen Unterschiede.
Die Diskussionen sind überwiegend positiv. Oft wird der Erlass als erneuter Beweis der Friedensliebe der SU und als Freundschaftsbeweis gegenüber dem deutschen Volk gewertet. Die Meinung, dass der Erlass ein weiterer Schritt zur Herstellung der Einheit Deutschlands ist, tritt ebenfalls häufig auf. Oft fordert man den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland.46 Gleichzeitig bringt man zum Ausdruck, dass der Erlass einen schweren Schlag für die Kriegstreiber bedeutet.
Einige Arbeiter von volkseigenen Betrieben haben aus Dank für den Erlass des Obersten Sowjet ihren Eintritt in die DSF erklärt. Vereinzelt wurden auch Produktionsverpflichtungen übernommen.
In der Maxhütte Unterwellenborn herrscht eine gute Stimmung zu dem Erlass der UdSSR. Die Kumpel der Maxhütte bringen vor allem immer wieder den Dank an die SU zum Ausdruck. So äußerte z. B. ein parteiloser Kesselwärter: »Die Erklärung der SU beweist die große Friedenspolitik, die diese betreibt; auch die Menschen in Westdeutschland werden dadurch mehr und mehr erkennen, wo ihre Freunde und wo ihre Feinde stehen.«
Ein Angestellter aus dem gleichen Betrieb äußerte: »Die SU hat mit ihrem neuen Erlass dem Bonner Bundestag und den Westmächten überhaupt einen schweren Schlag versetzt.«
Ein Pförtner vom VEB Kraftwerk »Dimitroff« Leipzig:47 »Die Erklärung der SU, dass der Kriegszustand zwischen ganz Deutschland und der SU beendet ist, beweist wieder, dass die SU Schritt für Schritt auf friedlichem Wege die Deutschlandfrage zu lösen sucht.«
Ein Kraftfahrer vom Wismut48 Objekt 100 Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Aufgrund der Erklärung der Sowjetunion müsste in kürzester Zeit der Friedensvertrag mit Deutschland abgeschlossen werden. Jetzt muss die gesamte Bevölkerung verstärkt ihre Stimme erheben für einen Friedensvertrag. Im Besonderen muss das westdeutsche Volk seine Stimme erheben und gleichzeitig alles dafür einsetzen, damit die Pariser Verträge49 nicht ratifiziert werden.«
In der Abteilung Dreherei und Gießerei der Wurzener Transportanlagenfabrik Leipzig brachten die Kollegen in Kurzversammlungen ihre Zustimmung zum Erlass des Obersten Sowjet zum Ausdruck. Die Kollegen der Gießerei verpflichteten sich, am sozialistischen Wettbewerb zur Senkung des Ausschusses teilzunehmen.
Anlässlich des Erlasses der UdSSR traten die Kollegen des technischen Archivs des VEB Pels Erfurt50 geschlossen der DSF bei.
Häufig tauchten eine Reihe Meinungen und Fragen auf, die zeigen, dass viele Menschen über die Bedeutung und die Auswirkung dieses Erlasses unklar sind. So wird z. B. oft die Verwunderung ausgesprochen, dass bisher noch der Kriegszustand bestand.
Die meisten Unklarheiten bestehen zu Punkt II des Erlasses über die Aufhebung der juristischen Beschränkungen gegenüber deutschen Staatsbürgern, die als Bürger eines feindlichen Staates betrachtet wurden.51
Es wird auch öfters die Frage aufgeworfen, ob jetzt die Sowjetarmee und die westlichen Besatzungsmächte abgezogen werden.
Einige Kumpels der Zinnerzgrube im Kreis Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, brachten zum Ausdruck, dass sie gar nicht gewusst hätten, dass noch der Kriegszustand besteht. Weiter können sie sich unter den daraus entstehenden Maßnahmen nichts vorstellen.
Ein Kollege vom Wismut-Schacht 78 in Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Jetzt höre ich zum ersten Mal, dass wir uns bisher noch im Kriegszustand mit der SU befunden haben. Wenn das nun jetzt nicht mehr der Fall ist, dann müssen doch auch die Besatzungstruppen abgezogen werden.«
Im Stickstoffwerk Piesteritz, [Kreis] Wittenberg, [Bezirk] Halle, trat die Frage auf, ob die SU ihre Besatzungskräfte von unserem Gebiet abziehen würde. (Diese Diskussionen traten besonders im Jugendchor auf.) Einige Jugendliche fragten, ob die westlichen Besatzungsmächte ebenfalls abgezogen würden. Die Jugendlichen wurden entsprechend aufgeklärt, dass im Moment unter den gegenwärtigen Umständen die Rote Armee nicht abgezogen werden kann.
Ein parteiloser Angestellter vom Rat des Kreises Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, äußerte: »Vielen Menschen bei uns war es gar nicht mehr bewusst, dass wir noch im Kriegszustand leben. Ich denke, dass mit diesem Erlass, wo es heißt, dass alle juristischen Beschränkungen aufgehoben sind, auch die noch in der SU weilenden und wegen eines besonderen Vergehens abgeurteilten Gefangenen nun zurückkehren werden.«
Feindliche Diskussionen treten nur wenig in Erscheinung, jedoch häufiger als zu anderen politischen Tagesfragen. In diesen Diskussionen werden westliche Argumente, wie Rückgabe der Ostgebiete (Überschlesien usw.) wiederholt und der Erlass als Propaganda hingestellt. Verschiedentlich wird erklärt, dass die Westmächte schon 1951 dem Kriegszustand beendet hätten.52 Weiter verlangt man, die SU solle alle Kriegsverbrecher freilassen. Vereinzelt äußert man, dass die »Russen« dadurch in der DDR die Voraussetzungen für den Aufbau einer Armee schaffen wollen.
In der Abteilung Technologie des VEB Stemag Berlin brachte eine Mitarbeiterin zum Ausdruck, dass der Erlass nichts bedeute und dass die Aufhebung des Kriegszustandes erst dann einen Wert habe, »wenn die alten Grenzen des ehemaligen Deutschen Reiches hergestellt sind. Ostpreußen und Oberschlesien haben immer zu Deutschland gehört«.
Ein Arbeiter vom VEB Werkzeugmaschinenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg: »Ich bin neugierig, ob jetzt die Kriegsgefangenen aus der SU endlich heimkehren werden und ob die Rote Armee abziehen wird.«
Im VEB Füllhalterfabrik Pößneck, [Bezirk] Gera, äußerte ein Arbeiter: »Was springt denn für die Arbeiter dabei heraus? Hoffentlich lässt man wenigstens endlich die Jugendlichen frei, die man praktisch unschuldig zu 25 Jahren verurteilt hat. Wie kann man junge Menschen, die 1948 in der Maxhütte im Schrott die Pistole gefunden haben, zu 25 Jahren verurteilen. Solche Rechtsprechung hat es noch nie gegeben, denn Kinder sind hierfür nicht verantwortlich zu machen.«
Ein ehemaliger Umsiedler53 aus demselben Betrieb äußerte: »Hast du gehört, der Krieg ist zu Ende. Jetzt nach zehn Jahren. Ich bin nur gespannt, ob auch die Gefangenen nach Hause kommen.«
Im RFT Kondensatorenwerk Gera diskutiert man vereinzelt in der Form, ob nun auch die Zivilinternierten54 und die Kriegsgefangenen freigelassen würden.
Zwei Arbeiter vom VEB Kombinat Borna, [Bezirk] Leipzig, äußerten: »Was kommt da schon als Endeffekt heraus? So wie es bisher war können wir keine Armee aufbauen. Nun nach dem Beschluss werden auch wir ein Heer aufstellen.«
Anlage 3 vom 29. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2420
Stimmung zur neuen Stipendien-Verordnung
Der bisherige Überblick lässt erkennen, dass sich ein größerer Teil der Studenten in der DDR zurzeit mit den Auswirkungen der neuen Stipendien-Richtlinien beschäftigt. Dadurch treten Diskussionen über politische Probleme in den Hintergrund, wie z. B. die Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte,55 worüber die Studenten bisher vorwiegend diskutierten. Die dazu noch bekannt gewordenen Stellungnahmen, wie z. B. von der Ingenieur-Schule in Ilmenau, [Bezirk] Suhl, sind überwiegend negativ.
Obgleich bisher – mit Ausnahme der Universität Jena und der ABF Rostock keine offiziellen Aussprachen an den Universitäten und Hochschulen über die neuen Stipendien-Richtlinien stattfanden, wird unter den Studenten bereits ausgiebig darüber diskutiert. Solche Diskussionen werden zum Beispiel an den Universitäten von Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Greifswald, Weimar und Jena geführt.
Da vonseiten der Partei und FDJ die Aufklärung über die neue Richtlinie nur sehr mangelhaft oder überhaupt noch nicht erfolgte, werden die verschiedensten Vermutungen angestellt und zahlreiche Gerüchte gelangen in Umlauf.
In den Diskussionen zeigt sich eine überwiegend ablehnenden Haltung gegenüber den neuen Richtlinien. Selbst Genossen unserer Partei verstehen die neue Verordnung nicht und diskutieren ebenfalls negativ.
Nur in geringem Umfang vertreten Genossen unserer Partei die neue Maßnahme und verteidigen sie gegenüber den anders diskutierenden Studenten.
Der Verwaltungsleiter und der Parteisekretär der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität äußerten, dass es in der Parteigruppe zur Frage der neuen Stipendien-Verordnung keinen großen Diskussionen gab. Nur vereinzelt trat die Meinung auf, dass Verheiratete mit Kindern knapp auskommen werden. Im Übrigen wird die Stipendienfrage von den Genossen gut aufgenommen.
Bei der Jahreshauptversammlung der ABF Rostock forderten die Mitglieder der SED die Studenten auf, sich zu überlegen, dass ihr Stipendiengeld von den Arbeitern erarbeitet werden muss und dass dadurch sehr sparsam damit umgegangen werden muss.
Charakteristisch für eine ablehnende Haltung selbst der SED-Mitglieder war die Diskussion der 40 Teilnehmer einer Aktiv-Tagung, in der Universität Jena 18.1.1955. Die dort versammelten Studenten hatten die Aufgabe, die Verordnung in Diskussionen mit den anderen Studenten zu begründen und zu vertreten, und die Diskussionen positiv zu beeinflussen. Sie waren aber zum großen Teil selbst mit den neuen Richtlinien nicht einverstanden und bezeichneten sie auf der Tagung als Härte.
Bei Aussprachen mit Funktionären der Parteiorganisation der Humboldt-Universität Berlin sprachen mehrere Funktionäre davon, dass die Studenten mit den neuen Stipendien-Sätzen nicht auskommen könnten und dass unter diesen Umständen keine Möglichkeit zum weiteren Studium besteht.
Der stellvertretende Parteisekretär der Fakultät Mathematik und Naturwissenschaften II äußerte: »Die neue Stipendium-Verordnung ist nicht richtig. Man soll lieber die Gehälter bei der Volkspolizei abbauen.«
Bei den Diskussionen der Studenten sind die Hauptargumente, dass sie mit dem Geld nicht auskommen und deshalb nicht mehr weiter studieren können und dass es deshalb weniger Stipendium gäbe, weil die finanziellen Mittel für den Aufbau Nationaler Streitkräfte gebraucht würden.
Ein Teil der bürgerlichen Studenten begrüßt die neue Stipendien-Verordnung, weil diese jetzt ebenfalls Stipendium erhalten.
Zum Beispiel sagte ein Student auf der Jahreshauptversammlung der ABF Rostock: »Viele Studenten sind der Meinung, dass jetzt sie auf das Studium verzichten müssten. Es ist zu wenig Geld was sie jetzt bekommen, und wir müssen auf Kino, Theater, Zeitung usw. verzichten. Mit Hundert DM im Monat können wir beim besten Willen nicht auskommen. Ich fordere eine Grund-Stipendium von 150 DM.«
Ein Student von der Technischen Hochschule Dresden, Fakultät Bauwesen sagte: »Der Staat hat für die Studenten nichts übrig, denn das Stipendium ist nach der neuen Verordnung so niedrig, dass ein Arbeiter nicht mehr studieren kann.«
An der Universität Halle will ein Student aufgrund der neuen Verordnung sein Studium am 31.1.1955 aufgeben und erklärte, dass noch viele Studenten das Studium aufgeben wollen.
Ein Student der ABF Greifswald sagte: »Nach Inkrafttreten der neuen Verordnung muss ich mein Studium aufgeben, denn von dem Stipendium kann ich nicht leben.«
Ein Medizin-Student der Universität Greifswald sagte, dass ihm alles bis zum Halse stehe, wenn er betrachte, wo das viele Geld bleibe. Alles würde für die Rüstung ausgegeben.
Im chemischen Institut der Humboldt-Universität Berlin vertritt man die Meinung, dass die neuen Stipendien-Verordnung deshalb durchgeführt wird, weil unsere Regierung im Falle der Ratifizierung der Pariser Verträge aus den eingesparten Mitteln den Aufbau von Nationalen Streitkräfte mitfinanzieren will.
In der veterinär-medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität taucht besonders das Gerücht auf, dass die Studenten durch die Kürzung des Stipendiums veranlasst werden, das Studium aufzugeben und in die KVP einzutreten.
Unter Ausnutzung dieser ablehnenden Diskussionen werden feindliche Parolen unter die Studenten getragen, bzw. es ergeben sich Äußerungen über eventuelle Gegenmaßnahmen der Studenten.
Zum Beispiel äußerten zwei Studenten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin: »Mit dem Geld kann man nicht existieren, da müssen wir eben streiken.«
Ein anderer Student sagte auf dem Wege zu dem Studenten-Heim Biesdorf/Berlin: »Wenn es sein muss, werden wir streiken«, worauf ihm von einer Studentin erwidert wurde: »Sei ruhig, das hier ist nicht der richtige Ort, darüber zu sprechen!«
Ein Student der ABF Rostock hörte auf der Toilette folgende Parolen: »Studenten vereinigt Euch, im Kampf gegen die neue Stipendien-Verordnung.«
Ein Student der Universität Halle äußerte, dass die Studenten mit der Verordnung nicht einverstanden sind und bestimmt einen Protestmarsch oder etwas Ähnliches durchführen werden.
In der medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität äußerte ein Student, dass mehrere Studenten davon gesprochen haben, an die Freie Universität »Westberlin« zu gehen, da es dort 100 DM (West) monatlich gibt.
In der Humboldt-Universität wurde vereinzelt geäußert, dass man im Falle des Inkrafttretens der neuen Richtlinien aus der Gewerkschaft und FDJ austreten werde.
So erklärte ein Student des chemischen Institutes der Humboldt-Universität Berlin, das man gegen diese Stipendien-Verordnung protestieren müsse und er im Falle des Inkrafttretens derselben aus der Gewerkschaft und der FDJ austreten wird.
In vereinzelten aktiven Handlungen zeigen Studenten ihre Einstellung gegen die neuen Richtlinien.
Am 18.1.1955 erschien ein Student der Universität Greifswald auf dem Flur des Wohnheimes der Universität mit einem gepackten Koffer und ein anderer löste die Alarm-Klingel aus, da der erstere angeblich nach dem Westen jetzt »Abhauen« wolle. Daraufhin liefen alle Studenten zusammen, banden ein Handtuch an einem Besenstiel und demonstrierten mit Gegröle im Wohnheim umher. Auf die Frage eines Genossen wurde geantwortet, dass es sich um einen Karnevalscherz handle.
Bei der Vorlesung des Dekans der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität haben alle Studenten der Fachrichtung Finanzen, (4. Studien-Jahr) durch Klopfen auf die Tischplatte mit dem Bleistift »ihre Missstimmung gegenüber der Stipendien-Verordnung« zum Ausdruck gebracht.
Bei einer Aussprache mit den Studenten der Ingenieur-Schule Ilmenau, [Bezirk] Suhl, über ihren Eintritt in die KVP wurde diese von dem überwiegenden Teil mit der Begründung abgelehnt, dass sie keine Offiziere werden wollten, sondern lieber als Ingenieure in die Betriebe gehen.
Von den jetzt ca. 100 Angesprochenen erklärten sich bisher sieben zum Eintritt in die KVP bereit.
Von vielen wird die Meinung vertreten: wir gehen erst, wenn ein Wehrgesetz besteht.