Zur Beurteilung der Situation in der DDR
1. März 1955
Informationsdienst Nr. 2428 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie und Verkehr
Seit Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses der zweiten und dritten Lesung der Pariser Verträge1 im Bonner Bundestag, ist dies der Hauptgesprächsstoff in den Industrie- und Verkehrsbetrieben.2 Vorwiegend diskutieren Arbeiter, darunter viele Parteilose, Angestellte und Angehörige der technischen Intelligenz beteiligen sich nicht in dem Maße wie die Arbeiter an den Diskussionen, aber bemerkenswert ist, dass die Intelligenzler etwas mehr als sonst in Erscheinung treten. Die in großem Umfang geführten Diskussionen lassen erkennen, dass von der Mehrheit die Gefährlichkeit der Pariser Verträge erkannt wird und deshalb die zweite und dritte Lesung im Bonner Bundestag mit Spannung verfolgt wurde. Mit großer Empörung wurde das Ergebnis aufgenommen und es kommt immer wieder zu Erklärungen, wie z. B., dass es den Kriegstreibern in Bonn nicht gelingen darf, das deutsche Volk in eine Katastrophe zu stürzen. Von vielen Kolleginnen wird geäußert, dass sie nicht noch einmal um ihre Angehörigen bangen möchten und dass es der Adenauer3-Clique niemals gelingen darf, ihre verbrecherischen Pläne in die Tat umzusetzen.
Größtenteils wird zur Haltung der SPD-Führung Stellung genommen und dies als erneuter Verrat an der deutschen Arbeiterklasse bezeichnet. »Statt des Redens hätten sie zum Handeln, zum Generalstreik aufrufen müssen, da wäre dem ganzen Spuk in Bonn ein Ende gesetzt worden.« Einige sagten, »dass der Generalstreik an der Saar4 beispielgebend war und dieser hätte sich auf Westdeutschland ausdehnen müssen.« Verschiedentlich wird zum Ausdruck gebracht, dass es jetzt noch nicht zu spät zum Handeln sei und dass sowieso die Völker über Krieg und Frieden entscheiden werden. In zahlreichen Stellungnahmen kommt zum Ausdruck, dass Gegenmaßnahmen seitens unserer Regierung erwartet werden und viele Beispiele zeugen davon, dass man fest auf dem Boden unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht steht.
Unter anderem kommt es zu Verpflichtungen zur KVP zu gehen, Kandidat unserer Partei zu werden, bei Aufstellung Nationaler Streitkräfte5 diesen beizutreten und andere wieder erklären, dass sie dann die dadurch freiwerdenden Arbeitsplätze ihrer Kollegen mit ausfüllen, was zur Stärkung der DDR beitragen soll.
Ein Angestellter aus dem Kombinat Gölzau, [Bezirk] Halle, sagte: »Ich werde in unserem Betrieb der erste sein, der, wenn die Militaristen versuchen sollten uns anzugreifen, mit der Waffe in der Hand unsere Errungenschaften verteidigen wird. Für unseren Arbeiter-und-Bauern-Staat bin ich bereit mein Leben zu lassen.«
Die Schlosserlehrlinge der Lehrwerkstatt des gleichen Kombinats forderten alle Jugendlichen des Betriebes auf, einen Wettbewerb von Mann zu Mann mit dem Ziel durchzuführen, dass jeder in der GST am Schießunterricht teilnimmt. Damit soll erreicht werden, dass sie in der Lage sind, unsere Errungenschaften zu verteidigen.
Im Schacht 207 Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fuhren mehrere Brigaden Hochleistungsschichten und forderten, nach technisch begründeten Arbeitsnormen6 zu arbeiten.
Es kann gesagt werden, dass in den meisten Stellungnahmen eine Kampfstimmung zum Ausdruck kommt. Es wird immer wieder erklärt, dass es nicht zum Krieg kommen darf und dass die westdeutsche Bevölkerung in ihrem Kampf unterstützt werden muss.
Dem gegenüber wird von einem Teil die Lage so eingeschätzt, als ob ein Krieg durch das Ergebnis der Ratifizierungsdebatte unvermeidlich sei.
Zum Beispiel sagte ein parteiloser Arbeiter vom VEB Halbzeugwerke Auerhammer, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Kriegsverbrecher von gestern, wie z. B. Manteuffel,7 brachten bei der Bundestagsdebatte ganz offen zum Ausdruck, dass sie die Befreiung der sogenannten Ostgebiete erzwingen wollten.8 Ich bin der Ansicht, dass es wohl oder übel zu einer Auseinandersetzung kommen wird.«
Einige Kumpels aus dem EHW Thale, [Bezirk] Halle, sind ebenfalls der Ansicht, dass eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Ost und West unvermeidlich sei.
Die Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte gewinnt in den Diskussionen wieder an Bedeutung und in der Mehrzahl wird jetzt positiv dazu Stellung genommen. Direkt negative sowie pazifistische Äußerungen sind zurzeit nur vereinzelt und enthalten kaum neue Argumente.
Überhaupt treten negative und feindliche Stimmen meist von Arbeitern (sowie einigen Umsiedlern)9, da sie am stärksten an den Diskussionen beteiligt sind, nur in geringem Maße in Erscheinung und lassen in den meisten Fällen eine Beeinflussung durch die Westpropaganda erkennen. Die Argumente sind verschiedenartig. Einmal wird behauptet, dass die »Russen« an der Ratifizierung der Pariser Verträge schuld seien, da sie vorher alle Vorschläge der Westmächte abgelehnt hätten, oder bei einer Auseinandersetzung würde der »Russe« den Kürzeren ziehen. Die Ansichten der Umsiedler sind, dass ihre Rettung die Pariser Verträge seien, da sie dadurch wieder mehr Hoffnung auf ihre Heimat haben könnten. Oder es wird behauptet, dass es bei uns in der Volkskammer nicht anders wäre, als drüben im Bundestag und zwar bestimme hier der »Russe« und drüben der Ami. Auch gibt es vereinzelt Beispiele von einer Konzentration negativer Elemente. Und zwar äußerte ein Jugendlicher, der in der Privatfirma Winter10 in Zittau/Karosseriepark beschäftigt ist, dass sich die Jugendlichen nicht getrauten, an einer Demonstration gegen die Pariser Verträge teilzunehmen. Als Grund gab er an, dass alle Kollegen des Betriebes gegen solche Demonstrationen sind und dass ein Teil die Ratifizierung der Pariser Verträge begrüßt.
Nachstehendes Beispiel zeugt davon, dass feindliche Elemente sich nicht scheuen, offen und brutal mit ihren wahren Absichten hervorzutreten.
Am 24.2.1955 fand im VEB Steingut-Werk in Annaburg, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, eine Betriebsfeier statt. Während des Verlaufs kam es zwischen einem SED-Kreisleitungsmitglied, dem 1. Sekretär der BPO und mehreren Parteilosen zu einer Diskussion über die Ursachen des Zweiten Weltkrieges. Dabei zeigten zwei Arbeiter offen ihre feindliche Einstellung, indem sie auf die beiden Genossen einschlugen. (Die beiden wurden festgenommen.)
Der Produktionsablauf wird immer wieder durch Kohlenverknappung, Materialmangel, schlechte Qualitätslieferungen, Absatzschwierigkeiten, sowie durch Produktionsstörungen gehemmt. Die Auswirkungen zeigen sich darin, dass termingemäße Aufträge nicht eingehalten, Monatspläne nicht erfüllt, Wartestunden geschrieben, sowie Diskussionen ausgelöst werden, in denen die Arbeiter zum Ausdruck bringen, dass durch diese wiederholt auftretenden Mängel die Rentabilität der Betriebe nicht erreicht wird.
Zum Beispiel musste wegen Kohlenmangel am 26.2.[1955] der VEB Gummiwarenfabrik Brieselang, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, vorübergehend stillgelegt werden. Da der Betrieb Zubringer für andere Betriebe ist, wie z. B. für IFA Schkopau, Horch-Zwickau,11 Traktorenwerk Brandenburg u. a. m., sind in diesen Betrieben Exportaufträge infrage gestellt. Die Arbeiter des genannten Betriebes bringen in Diskussionen zum Ausdruck, dass sie nicht verstehen können, dass so ein wichtiger Betrieb die Produktion einstellen muss. (Der zuständigen HV-Materialversorgung Berlin gelang es nicht, die erforderlichen Mengen an Kohle anzuweisen.)
Im VEB Sanar12 und VEB Gießerei in Schmiedeberg, [Bezirk] Dresden, mangelt es ebenfalls an Kohle.
Die Eichsfelder Obertrikotagenwerke Dingelstedt, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, haben einen Regierungsauftrag, zur Herstellung von Strickbekleidung für die KVP. Da der Zulieferbetrieb VEB Wollspinnerei Gera anstatt 7 500 kg im ersten Quartal nur 3 500 kg Wolle geliefert hat, kann der Termin des Regierungsauftrages nicht eingehalten werden.
Der bereits bekannte Materialmangel auf den Werften besteht weiterhin.
Die Halleschen Kleiderwerke erhielten vom VEB Tufa Cottbus13 12 000 Meter Stoff geliefert, der von der Gütekontrolle wegen der schlechten Qualität (Webfehler) verworfen und zurückgesandt wurde. Aufgrund des Fehlens des benötigten Stoffes mussten die Produktionsbänder umgestellt werden, was eine Zeit von acht bis zehn Tagen erfordert. Außerdem liegen im Betrieb 20 000 bis 30 000 Hemden für die KVP, die wegen Fehlen von Knopflochmaschinen nicht fertiggestellt werden können. Dadurch ist ein planmäßiger Produktionsablauf nicht gewährleistet und dem Betrieb entstanden bereits für 150 000 DM Planschulden.
Der VEB »Planeta« Radebeul,14 [Bezirk] Dresden, hat einen Ersatzteilauftrag für die SU, der 36 Zylinderlager vorsieht. Für diese 36 Stück wurden ca. 100 hergestellt, alles andere war Ausschuss. Zulieferbetrieb ist VEB Druckmaschinen »Viktoria« Heidenau, [Bezirk] Dresden. Ähnlich war es auch bei der Fertigung von Zahnrädern – Lieferbetrieb VEB Emailleguss Radebeul, [Bezirk] Dresden.
Im VEB Braunkohlenwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, sind bereits seit Jahresbeginn 11 000 Tonnen Briketts Planrückstand zu verzeichnen. Ursache: Anlieferung nasser Kohle vom Tagebau Sachsenfeld. In dem VEB Schraubenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, wurde der Betriebsplan für Januar 1955, warenproduktionsmäßig nur mit 87,9 % erfüllt. Ursache: Mangelnde Materialbelieferung und hoher Krankheitsstand. (13 %)
Im VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle, besteht für die Zeit von Ende April bis Juni ein Auftragsmangel. Bis dahin sind die jetzigen Aufträge fertiggestellt und erst im Juni soll mit der Produktion der China-Kühlzüge begonnen werden.
Einige Betriebe klagen über eine mangelnde Bereitstellung von Waggons. Wie z. B. VEB Kalkwerk Hermsdorf, [Bezirk] Dresden, benötigt täglich sechs und bekommt aber nur zwei Waggons bereitgestellt. Verantwortlich: RB Karl-Marx-Stadt.
Im VEB Eisenwerk Calbe-West, [Bezirk] Magdeburg, mussten am 26.2.1955 sieben Öfen wegen Mangel an Erzzufuhr stillgelegt werden. Diese Situation ist durch die ungenügende Waggongestellung entstanden.
Die Zahl der Schienenbrüche im Bereich der Reichsbahndirektion Halle betrug im Monat Januar 1955 ca. 500. Das sind nahezu so viel wie im ganzen Jahr 1954. Während Schienenmaterial und Schwellen für die Reparatur vorhanden sind, fehlt es an Kleineisen, wie Federnägel und Platten. Dazu äußerte ein Eisenbahner: »Die deutschen Eisenbahnschienen sind zu hart und bei der kalten Witterung springen sie leicht. Dagegen die sowjetischen Eisenbahnschienen sind weicher und demzufolge haltbarer.«
Produktionsstörungen
Am 27.2.[1955], gegen 15.45, ereignete sich im Kühlhaus der Brikettfabrik »Sonne«, [Kreis] Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, eine Verpuffung, die die Stilllegung der Brikettfabrik zur Folge hatte. Produktionsausfall: ca. 2 000 Tonnen Braunkohle.
Vom 25.2.[1955], 23.00 Uhr bis 27.2.[1955], 22 Uhr fiel im BKW Hirschfelde die Brikettfabrik aus. Ursache: Es fehlte an Kohlezufuhr von der Grube Turów,15 da dort ein Bagger ausgefallen war. Produktionsausfall ca. 180 Tonnen. (Der gesamte Planverlust im BKW Hirschfelde, [Kreis] Zittau, beträgt von Januar bis jetzt 1 096 t.)
Am 24.2.[1955] wurde im VEB Dampfhammerwerk Großenhain, [Bezirk] Dresden, die 300-Tonnen-Presse außer Betrieb genommen. Ursache: Gestränge gerissen und die Kolbenstange verbogen.
Am 25.2.[1955] musste der mechanische Ofen II im Betrieb Schwefelsäure des VEB Fahlberg-List, [Bezirk]Magdeburg16 stillgelegt werden, weil sich zwischen der III. und IV. Etage des Ofens die Schrauben abgenutzt hatten. Produktionsausfall ca. 80 t Schwefelsäure. – 9 600 DM.
Im VEB Papierfabrik Heidenau, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, entstand am 24.2.[1955] ein Produktionsausfall durch das Reißen einer Gewindebuchse aus Bronze. Schaden insgesamt: 35 000 DM.
Am 26.2.[1955], um 23.55 Uhr, entstand in der Papierfabrik Coswig, [Bezirk] Halle, ein Brand, wodurch dem Werk ein Schaden von 1,5 Millionen entstand.
Im Schacht 21 Annaberg (Wismut)17 wurde bei Schichtwechsel am 25.2.1955 auf der Sole II Revier III auf der Strecke 112 und 114 Nord, welche tot liegt, von unbekannten Personen das Lufthauptventil abgedreht.
Dadurch entstand auf dem Querschlag 17a Ost, bis 3.00 Uhr nachts Produktionsausfall.
Im Schacht 31 Johanngeorgenstadt wurde bekannt, dass am 22.2.1955 in der zweiten Schicht von einer Brigade ein Unterzug auf der A II aufgestellt wurde. Beim Schichtbeginn am nächsten Tag wurde festgestellt, dass der vier Meter lange Unterzug (künstliche Bergfeste) bis auf zwei bis drei Zentimeter durchgesägt war.
Am 21.2.[1955] blieb im BKW »John-Schehr«18 plötzlich der Staubsammelregler der Fabrik II b stehen. Eine Untersuchung ergab, dass sich im Zellenrad ein Stück Rohr in der Länge von 26 cm und 3 cm Durchmesser befand.
Der Bagger 501 der BF Großzössen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde generalüberholt und bei der Probefahrt fiel er bereits wieder aus. Es wurde festgestellt, dass sich im Getriebe eine Maschinenschraube befand.
Auf der Warnowwerft in Warnemünde wurde eine Hetzlosung gegen führende Genossen, im Altenburger Nähmaschinenwerk wurden am 24.2.[1955] an mehreren Stellen 20 cm große Hakenkreuze und in der Lokstelle Oschersleben ebenfalls Hakenkreuze angeschmiert.
Im VEB Universalwerk in Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wurde eine Hetzschrift »Sozialdemokrat«19 auf dem Weg in Richtung Werksausgang, sowie eine in der Produktionsabteilung II in einem Kabelschacht vorgefunden.
Im Bezirk Schwerin wurden an VEB Fälschungen des Mecklenburgischen Staatstheaters mit der Aufforderung versandt, anlässlich des Schiller-Gedenkjahres20 die Räuber-Aufführung am 26.2.1955 zu besuchen. Freikarten stünden beim Kulturbund zur Verfügung.
Im Fischkombinat Rostock wurde folgendes Gerücht verbreitet: »Die Kommunistische Partei Frankreichs hat verboten, dass Schiffe von der DDR die dortigen Häfen anlaufen, weil sich unsere Schiffsbesatzungen im November 1954 im Hafen von Boulogne undiszipliniert verhalten haben.«
Versorgung der Bevölkerung
Die Unzufriedenheit über den Mangel an den wichtigsten HO-Lebensmitteln21 hält weiterhin an.
Der Inhalt der Diskussionen hat sich nicht wesentlich verändert. Man bringt wieder zum Ausdruck, dass wahrscheinlich die Leipziger Messe22 daran schuld sei, oder dass das mit den Kriegsvorbereitungen zusammenhängt, da man für einen eventuellen Kriegsfall Reserven schaffen muss. Die Äußerungen, dass »alles zur Messe gebracht wird« sind keine Einzelstimmen, sondern treten sehr häufig in den meisten Bezirken auf. Dagegen sind die feindlichen Äußerungen, »dass bald wieder einmal ein 17. Juni23 notwendig wird«, nur vereinzelt.
So sagten Hausfrauen aus dem Bezirk Frankfurt/O: »Der Neue Kurs24 hat ja nicht lange gedauert, wir sind ziemlich schnell wieder beim alten Kurs angelangt.«
Auch unter einigen Hausfrauen im Bezirk Dresden diskutiert man; dass man wieder einen neuen 17. Juni durchführen müsse, damit es dann alles wieder gibt.
Der Klassengegner versucht nicht nur durch Gerüchte die Versorgungslage bei den wichtigsten »Lebensmitteln zu erschweren, sondern verbreitet jetzt auch noch Gerüchte, dass die Zigaretten und die Waschmittel knapp werden«.
So sagte ein Arbeiter aus Suckow, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, dass es in den nächsten Tagen keine Zigaretten zu kaufen gibt, denn es soll so eingerichtet werden, dass nur noch eine Sorte hergestellt wird und in Zukunft soll jeder Mann in der Woche nur noch eine Packung (20 Stück) erhalte.
Unter einigen Kollegen in Kirchmöser, [Bezirk] Potsdam, kursiert das Gerücht, dass sich alle Kollegen mit Waschmitteln eindecken sollen, da sie in allernächster Zeit nicht mehr erhältlich sein werden.
Durch die schlechte Fleischversorgung treten vor allem auch hier negative Diskussionen und Gerüchte auf.
So sagten einige Einwohner aus Rheinsberg, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, die sich durch den Mangel an HO-Fleisch nach Freibankfleisch25 anstellen mussten: »Es ist kein Wunder, wenn es wieder mal eine anständige Revolte gibt.«
In Frankfurt sind einige Gerüchte im Umlauf, die Folgendes beinhalten: »In der HO gibt es kein Fleisch zu kaufen, aber in den Schlacht- und Kühlhäusern lagern ungeheure Mengen.«
In Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, sind seit dem 23.2.1955 ein großer Teil der Fleischverkaufsstellen geschlossen, weil kein Fleisch vorhanden ist.
Vereinzelt treten jetzt auch solche feindlichen Äußerungen auf, wie »bei Hitler hat es auch so angefangen, erst Kanonen, dann Butter«!
So diskutierte ein Teil der Bevölkerung in Perleberg, [Bezirk] Schwerin: »Es muss wahrscheinlich wieder einmal zu einem neuen 17. Juni kommen, bevor in den Geschäften wieder alles zu haben ist. Zurzeit arbeitet man aber nach der Göringschen26 Theorie, Kanonen statt Butter.«27
In Dessau, [Bezirk] Halle, wird wie folgt diskutiert: »Es fängt genau wie 1933 an. Keine Butter und kein Zucker. Genau wie bei Hitler trifft dasselbe auch bei uns zu, erst Kanonen und dann Butter.«
In den Diskussionen über die HO-Zuckerbelieferung28 traten ebenfalls keine wesentlich neuen Momente auf. Es wird weiter so diskutiert, dass der Zucker zur Messe geht oder für Kriegsvorbereitungen verwendet wird.
In Zeitz, [Bezirk] Halle, traten z. B. im Zusammenhang mit der Zuckersperre Angsteinkäufe ein. Dabei wurde die Marmelade, Honig usw. aufgekauft.
Die Hausfrauen rechtfertigten ihre Angsteinkäufe damit, dass wahrscheinlich in nächster Zeit auch mit einer Sperrung dieser Waren zu rechnen ist und dass es bald zu einem neuen Krieg kommen würde.
Die Lage in der Landwirtschaft
Auch unter der Landbevölkerung sind die Diskussionen über die Ratifizierung der Pariser Verträge im vollen Gange. Besonders werden die Diskussionen im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft geführt. Wie dort die Meinung über die Annahme der Pariser Verträge ist, beweisen die Protestkundgebungen und Resolutionen, die gleich nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses des Bonner Bundestages29 in vielen MTS, VEG und LPG durchgeführt wurden. Viele Werktätige des sozialistischen Sektors der Landwirtschaft sind empört über den schändlichen Verrat Adenauers der trotz der Forderung des deutschen Volkes nach Absetzung der Pariser Verträge, diese mit schändlichen Mitteln durchpeitschte.
So sagte ein Traktorist aus der MTS Mangelsdorf, [Kreis] Havelberg, [Bezirk] Magdeburg: »Die Stellungnahmen des Bonner Bundestages sind einfach unglaublich. Die Arbeiter müssten in den Generalstreik treten und den Bundestag auseinanderjagen.«
Ein LPG-Mitglied aus Radefeld, [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig: »Jetzt muss in Westdeutschland der Generalstreik durchgeführt werden und diese Hunde, wie Adenauer und Konsorten müssten verrecken!«
Ein Agronom aus der MTS Mockrehna, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig: »Die Ratifizierung der Pariser Verträge hat zur Folge, dass die in Westdeutschland mit aller Macht aufrüsten werden. Ich bin der Meinung, dass wir alles unternehmen müssen um unsere Errungenschaften vor allen Aggressionen zu schützen.«
Vor allem wird aber auch die schändliche Haltung der SPD-Führung verachtet, die durch ihre adenauerfreundliche Haltung entscheidend dazu beitrug, dass die Verträge ratifiziert werden.
So sagte ein Mitglied der DBD aus dem VEG Ludwigshof, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera: »Einen großen Teil Schuld, dass die Pariser Verträge durchgebracht wurden, trägt die Führung der SPD, denn sie hätten schon längst dagegen kämpfen müssen und nicht erst, wenn es zu spät ist. Wenn sie als führende Partei in West-Deutschland die Aktionen der Arbeiter unterstützt hätten, wäre es nicht so weit gekommen. Der größte Teil der SPD-Mitglieder denkt doch so wie ihre Führer erst in letzter Minute gesprochen haben, dass nun jede Verhandlung unmöglich ist.«
Ein Meisterbauer aus Brädikow, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam: »Meiner Ansicht nach sind die Äußerungen des SPD-Vorsitzenden Ollenhauer30 gegen die Pariser Verträge, sowie die Aktionen der SPD nur dazu bestimmt, die Mitglieder der SPD zu täuschen und zu beruhigen.31 In Wirklichkeit sind sich Ollenhauer und Adenauer völlig einig.«
Trotz der Annahme der Pariser Verträge lässt ein Teil der Landbevölkerung den Mut nicht sinken. Es wird herausgestellt, dass auch nach der Ratifizierung der Kampf gegen die Durchführung der Verträge weitergehen wird, weil der größte Teil der Bevölkerung Westdeutschlands noch genug vom letzten Kriege hat und dass einfache Volk nicht gewillt ist, für andere Krieg zu machen.
Ein werktätiger Bauer aus Kandelin, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock: »Die Pariser Verträge beinhalten, dass in Westdeutschland eine neue Armee aufgestellt werden soll. Ich glaube aber, dass auch in Westdeutschland niemand Lust hat, sich noch einmal die Knochen kaputt schießen zu lassen. Wenn der Bundestag auch jetzt die Pariser Verträge angenommen hat, bedeutet das nicht, dass die einfachen Menschen mitmachen werden, denn die Menschen haben noch genug vom letzten Krieg.«
Ein Angestellter der MTS Küstrow, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Jetzt, wo die Pariser Verträge im Bonner Bundestag angenommen sind, werden bei uns in der DDR auch die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet werden, um einen neuen Weltkrieg zu verhindern.«
Es gibt aber auch noch solche, die sich der Tragweite der Kriegsgefahr nicht bewusst sind und davon sprechen, dass die Politik sie nichts angeht, da das die Sache der Regierung sei.
Ein Traktorist von der MTS Appelshof, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock: »Die sollen uns doch bloß mit der Politik fernbleiben. Man hört nur immer Kampf um den Frieden. Es wird noch so lange um den Frieden gekämpft werden, bis es wieder Krieg gibt. Um Politik mögen sich die in den Regierungen kümmern. Ich will nur mein Auskommen und weiter nichts.«
Es werden auch solche Stimmen laut, dass alle Mühen von unserer Seite umsonst gewesen seien, dass unsere Forderungen, Protestresolutionen usw. nichts genützt hätten, denn der Bonner Bundestag hat trotzdem seine Verträge ratifiziert.
Ein Mittelbauer aus Steinbach, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig: »Ich habe es doch schon vorher gewusst, dass diese Herren ratifizieren, wenn es ihnen passt. Da wurden nun Protestschreiben losgelassen und Märsche unternommen und alles war für die Katze.«
Ein Teil der Mittel- und Großbauern32 steht dieser Frage in den Diskussionen noch teilnahmslos gegenüber.
So sagte ein Einzelbauer aus Jeserig, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam: »Ob in Bonn verhandelt wird oder nicht, spielt für uns keine Rolle. Bei uns ist es jedenfalls so, dass im Augenblick ständig auf das Soll gedrückt wird und auf der anderen Seite in den HO-Läden nichts zu finden ist.«
Der im letzten Bericht33 erwähnte Mangel an Saatgut, Dünger und Futter, in einigen LPG und VEG tritt noch weiter in anderen landwirtschaftlichen Betrieben auf.
Vor allem fehlt es an Dünger in einigen Kreisen der Bezirke Leipzig, Potsdam und Erfurt.
Futtermangel besteht z. B. in den ÖLB der Gemeinde Radensdorf, [Kreis] Lübben, [Bezirk] Cottbus, in der LPG Großzerlang, [Kreis] Neuruppin, und im VEG Gnewikow, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, in der LPG Birkholz, [Bezirk] Schwerin, und in der LPG Goldewitz, [Kreis] Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle.
Saatgutmangel besteht z. B. in der LPG der Gemeinde Gorkow, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, im Kreis Stendal, [Bezirk] Magdeburg, in einigen landwirtschaftlichen Betrieben des Kreises Bitterfeld, [Bezirk] Halle, in der Gemeinde Lausnitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, und in der LPG Krögis, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden.
Arbeitsniederlegung
Die LPG-Mitglieder der LPG Krippehna, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, sowie der Vorsitzende legten am 26.2.[1955] die Arbeit nieder. Die Ursache liegt darin, dass der ehemalige Vorsitzende der LPG, der wegen schlechter Arbeit ausgeschlossen wurde, wieder als Vorsitzender eingesetzt werden soll. Das wurde von der Ortsparteiorganisation beschlossen, die den Einspruch als berechtigt anerkannte. Die Mitglieder sind damit nicht einverstanden. der Vorsitzende versucht weiterhin, den jetzigen Vorsitzenden durch Intrigen auszuspielen. Es sollte eine Vollversammlung stattfinden, in der diese Angelegenheit geklärt wird. Kreisleitung der Partei, sowie ein Vertreter der Bezirksleitung der Partei nehmen daran teil.
In der LPG Wolkau, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, besteht ein Arbeitskräftemangel der durch fünf Austrittserklärungen und zwei Ausschlüsse hervorgerufen wurde.
In der Gemeinde Bachfeld, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, beschweren sich die Bauern über die große Wildschweinplage. Obwohl sie dies schon gemeldet haben, hat sich bis jetzt noch nichts geändert. Die Bauern sind der Meinung, dass einmal das Jagdkommando34 einige Tage im Ort verleiben sollte. Schon im Jahre 1954 haben sie größere Verluste auf den Feldern gehabt und dafür keine Entschädigung erhalten.
In der LPG Glebitzsch, [Bezirk] Halle, wurde in der letzten Zeit festgestellt, dass ca. 80 Stück Rindvieh mit Arbortus-Bang35 verseucht sind.
Im Volksgut Pommritz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurde im Teilbetrieb Königswartha die Schweinepest in einem Stall festgestellt. Es mussten 56 Schweine notgeschlachtet werden.
Auf der MT-Station in Ahrensdorf, [Kreis] Fürstenwalde, Bezirk Frankfurt/Oder wurden bei einem Traktor alle vier Zündkabel herausgerissen. Der Traktor sollte am nächsten Tag für den Straßendienst (Sandstreuen) eingesetzt werden.
In den Abendstunden des 22.2.1955 brach in dem VEG Heinersdorf, [Kreis] Fürstenwalde, in einem Abstellraum des Internatsgebäudes ein Brand aus. Bisherige Ermittlungen: Vorsätzliche Brandstiftung.
Bei einer Mittelbäuerin in Reichenau, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, brannte die Scheune mit Inneneinrichtung nieder. Schaden ca. 5 000 DM Ursache: noch nicht ermittelt.
Einschätzung der Situation
Die Bevölkerung der DDR ist empört, ganz besonders die Arbeiter in der Industrie, die Werktätigen im sozialistischen Sektor auf dem Lande und die Angestellten in den Verwaltungen, reagieren auf das schändliche Ergebnis der Ratifizierungsdebatte im Bonner Bundestag und auf den Verrat der rechten SPD und DGB-Führung durchaus fortschrittlich. Sie verfallen nicht in Pessimismus, sondern erkennen, dass der Kampf noch verstärkt weitergeführt werden muss, um die Kriegsvorbereitungen in Westdeutschland zu verhindern. Es zeigt sich jetzt auch ein zunehmendes Verständnis für die Sicherungsmaßnahmen, die in der DDR notwendig sind. Dies beweist nicht nur, dass die drohende Gefahr erkannt wird, sondern dass das Bewusstsein der Menschen gewachsen ist. In Zukunft werden unsere geplanten Verteidigungsmaßnahmen bei den Werktätigen mehr Unterstützung finden als bisher und die feindliche Propaganda, besonders vom SPD-Ostbüro,36 wird bei den Arbeitern weniger Glauben finden als bis jetzt.
Die Menschen sind besorgt um die Zukunft, aber sie haben auch Vertrauen zur Stärke des Weltfriedenslagers gewonnen, denn die Stimmungen, welche zum Ausdruck bringen, dass ein neuer Krieg unvermeidlich sei, und dass alle Aktionen zwecklos sind, bestehen zwar weiter, haben aber gegenüber der vorhergehenden Zeit im Verhältnis zur Gesamtstimmung nicht wesentlich zugenommen.
Es zeigt sich auch im kleinen Umfang Teilnahmslosigkeit, z. B. bei einem Teil Groß- und Mittelbauern, aber das findet man zu einem geringen Teil mehr oder weniger in allen Schichten der Bevölkerung schon immer.
Feindliche Stimmen, meist RIAS37-Argumente werden zurzeit nur im geringen Maße bekannt.
Dagegen ist bei der offenen Feindtätigkeit z. B. antidemokratische Handlungen, Gerüchte und Schädigung der Wirtschaft ein Ansteigen der Fälle festzustellen.
Sonst hat sich die Lage nicht verändert.
Anlage 1 vom 1. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2428
Stimmung zur Leipziger Frühjahrsmesse
Unter den westdeutschen und ausländischen Messebesuchern wurden in der Hauptsache Gespräche über die Geschäftsabschlüsse und das Messeangebot der einzelnen Länder geführt. Besondere Anerkennung finden dabei in erster Linie die ausgestellten Messegüter der SU, der ČSR, China und der DDR. Vereinzelt wurden von den westdeutschen Ausstellern, die durch die Adenauer-Regierung verursachten Beschränkungen und Schwierigkeiten im innerdeutschen Handel verurteilt.38
Hierzu äußerte sich die Vertreterin der Solinger Firma C. F. Becker39 wie folgt: »Wir würden sehr gern Stahlwaren nach der DDR liefern. Jeder einzelne Vertrag und jede Lieferung muss aber doch praktisch von Frankfurt/Main40 genehmigt werden. Solche Genehmigungen werden jedoch für Honolulu schneller erteilt, als für Waren nach der DDR.«
Bei politischen Gesprächen steht unter den westdeutschen und ausländischen Messebesuchern die Ratifizierung der Pariser Verträge und die Deutschlandfrage im Mittelpunkt. Die Mehrzahl dieser Äußerungen ist positiv und wendet sich gegen den Kriegskurs Adenauers, da durch seine Politik die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands erheblich gestört wurden und noch werden.
In einigen Fällen wird auch die Meinung vertreten, dass die Kriegsgefahr nicht so groß sei, da die SU ebenfalls über die Atom-Waffen verfügt.
Ein Hamburger Journalist äußerte zur Politik der DDR Folgendes: »Die Planwirtschaft in der DDR gefällt mir nicht, meiner Meinung nach muss jeder Betrieb in seinen Handlungen völlig frei sein. Eine staatliche Lenkung darf es nicht geben. Die Bemühungen der DDR um die Einheit Deutschlands erkenne ich an. Von östlicher Seite hat man sich tatsächlich um die Erreichung dieses Zieles bemüht, während in Westdeutschland in Wirklichkeit keiner der maßgeblichen Politiker ernste Maßnahmen unternimmt, sondern an der Fortdauer der Spaltung interessiert ist.«
Aus Diskussionen verschiedener westdeutscher Delegationsteilnehmer geht hervor, dass diese größtenteils nicht richtig über das Leben in unserer Republik informiert wurden (Hetze des RIAS gegen DDR).
Drei Delegations-Mitglieder aus Westdeutschland, die den VEB Bleichert41 besichtigten, waren sehr erstaunt über das Leben in der DDR und äußerten, dass man in Westdeutschland der Meinung sei, wenn jemand nach der DDR fährt, fährt er nach Sibirien.
Anlage 2 vom 1. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2428
Stimmung zur Ratifizierung der Pariser Verträge im Bonner Bundestag unter der übrigen Bevölkerung
Auch unter den Verwaltungsangestellten, Hausfrauen und Rentnern löste die Ratifizierung der Pariser Verträge im Bonner Bundestag Empörung aus. Vielfach nimmt man in den Diskussionen zur verräterischen Politik der SPD-Führung Stellung und erklärt, dass die SPD im Bonner Bundestag nur große Reden gehalten hat, aber keinerlei Maßnahmen zu außerparlamentarischen Aktionen unternommen hat. Man erkennt auch, dass die Aktionseinheit42 der Arbeiterklasse und die Durchführung von Massenstreiks die Mittel sind, um diese Verträge auch jetzt noch zu Fall zu bringen. Hausfrauen äußern oft, dass man aus den vergangenen Kriegen nichts gelernt hat, wenn man heute schon wieder die Menschen in den Tod jagen will. Oft bringt man auch zum Ausdruck, dass die Abgeordneten, die im Bonner Bundestag für die Ratifizierung der Pariser Verträge gestimmt haben, dies nicht verantworten können.
Einige Angestellte äußern, dass durch die Ratifizierung die Einheit Deutschlands in weite Ferne gerückt sei.
Ein Fleischbeschauer aus Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Das habe ich vorausgesehen, dass die Sozialdemokraten im Bundestag zwar große Reden geschwungen haben, aber diesen Reden keine Taten folgen ließen. Anstatt zum Generalstreik aufzurufen und die Massen zu mobilisieren, haben sie wieder einmal nur große Reden gehalten.«
Eine Hausfrau aus Torgelow, [Kreis] Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, brachte Folgendes zum Ausdruck: »Ich protestiere energisch gegen die Pariser Verträge. Wir haben schon einmal unsere Söhne verloren. Sollen jetzt unsere Enkel daran glauben? Ich sage ›nein‹.«
Eine Angestellte aus dem Konsum43 Wurzen, [Bezirk] Leipzig, brachte zum Ausdruck: »Mir ist es unverständlich, warum die SPD zusammen mit dem DGB nicht die Massen zum Generalstreik aufgerufen hat. Die Erfahrungen von 1920 aus dem Kapp-Putsch44 bewiesen doch, dass dies die einzige Sprache ist, die Adenauer und seine Clique verstehen wird.«
Eine Angestellte vom Rat des Kreises Geithain, [Bezirk] Leipzig, sagte: »Solange nicht die Aktionseinheit der Arbeiter in Westdeutschland geschaffen ist, wird die SPD die Arbeiterklasse noch mehrmals verkaufen. Die Führung der SPD sind gekaufte Subjekte, hier hilft nur ein Generalstreik von drei bis vier Tagen.«
Die Angestellten des Rates des Kreises Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, diskutierten über die Vorkommnisse der letzten Tage und die männlichen Angestellten der Abteilung Arbeit und Berufsausbildung verpflichteten sich, ihren Arbeitsplatz – wenn es notwendig ist, zu verlassen und die DDR mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Die weiblichen Angestellten derselben Abteilung verpflichteten sich, die somit freigewordenen Arbeitsplätze mit einzunehmen, ohne dass neue Arbeitskräfte eingesetzt werden.
Es werden auch solche Diskussionen geführt, in denen man von der Volkskammertagung am 2.3.[1955] die entsprechenden Gegenmaßnahmen erwartet, bzw. erhofft.
So äußerte z. B. ein Mitglied der LDPD aus Neuhaus, [Bezirk] Suhl: »Es ist ein großer Wahnsinn, dass diese Verträge im Bonner Bundestag angenommen wurden. Ich bin der Meinung, dass wir in der DDR die entsprechenden Gegenmaßnahmen einleiten müssen, dies erwarten wir vor allen Dingen von der Volkskammer am 2.3.1955.«
Ein Angestellter vom Rat des Kreises Nauen, [Bezirk] Potsdam, äußerte: »Nun wird in allernächster Zeit Gegenmaßnahmen unserer Regierung kommen, nun müssen wir auch aufrüsten, ich bin zwar gesundheitlich nicht ganz in Ordnung, aber ich überlege mir, ob ich mich nicht doch noch dafür melde. Ich bin ja noch immer behaftet, weil ich 16 Jahre Militärzeit hinter mir habe. 1945 hat man mich deswegen beschimpft, 1950 wollte man mich einsperren, weil ich gesagt habe, wir brauchen eine Truppe, ganz egal wie sie sich nennt, ob VP oder Streitkräfte und nun ist es doch soweit und wir brauchen eine Verteidigungsarmee.«
Von Verwaltungsangestellten, Hausfrauen und Rentnern wird überwiegend positiv zur Ratifizierung der Pariser Verträge diskutiert. Nur ganz vereinzelt werden negative Diskussionen bekannt.
So äußerte z. B. ein Arzt aus Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg: »Ich höre die Debatten im Bundestag nur über die Westsender. Als ein Abgeordneter der CDU sprach, dass die USA sehr viel für Deutschland getan haben, dann ist das sehr richtig. Wenn die USA die Verträge nicht ratifiziert, dann ist sie dem Bolschewismus ausgeliefert.«
In der Kreissparkasse Bernburg, [Bezirk] Halle, wurden am 26.2.1955 bis Mittag ca. 70 Auszahlungen von Sparguthaben in Höhe von 9 000 DM getätigt, wogegen in den Vortagen höchstens 30 Auszahlungen täglich vorgenommen wurden. Dies will man auf eine angebliche Sendung im demokratischen Rundfunk – Sender Halle – zurückführen, der am 24.2.1955 die westdeutsche Bevölkerung aufgefordert haben soll, aufgrund der Ratifizierungs-Debatte im Bonner Bundestag, ihre Sparguthaben sofort abzuheben, damit sie nicht für Kriegszwecke verwandt [sic!] werden können.
Im Kreis Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, ist in den Orten Gebra, Großlohra, Kleinfurra und Wipperdorf das Argument aufgetreten, dass das Deutsche Rote Kreuz45 zur Vorbereitung eines neuen Krieges gebildet worden ist. In Gebra schieden aus diesem Grunde 23 Mitglieder aus den Grundausbildungslehrgängen plötzlich aus.
Ein ähnliches Argument ist in Steinach, [Kreis] Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, aufgetreten, wo man verbreitet, dass im Falle eines Krieges die Roten-Kreuz-Helfer die ersten sind, die fort müssen.
Anlage 3 vom 28. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2428
Bericht über Umgruppierung von Arbeitskräften in der Zeit vom 22. bis 28.2.1955
Weiterhin ist zu verzeichnen, dass sich zu diesem Problem46 keine wesentlichen Änderungen ergeben haben. Zur Nichteinhaltung des Ministerratsbeschlusses47 kommt es nur in wenigen Fällen. Zum Beispiel wurde in der Neptunwerft in Rostock im Bereich des Maschinenbaus folgendermaßen verfahren. Ein Angestellter von der Kaderabteilung übergab dem Betriebsleiter die Entlassungsschreiben für die infrage kommenden Arbeiter. Daraufhin ließ sich der Betriebsleiter die Kollegen in sein Büro kommen und übergab ihnen, ohne irgendeine Erklärung, die Entlassungsschreiben.
In den Diskussionen, die vorwiegend in den Betrieben geführt werden, in denen sich Umgruppierungen notwendig machen, wird verschiedentlich zum Ausdruck gebracht, dass es die Aufgabe des FDGB sein müsste, sich um die freigestellten Arbeitskräfte zu kümmern, aber er sei scheinbar nur für Ferienreisen zuständig. Andere wieder, besonders Westberliner, die im demokratischen Sektor beschäftigt waren, äußern, dass sie ihre ganze Arbeitskraft viele Jahre eingesetzt haben und jetzt müssten sie gehen. Im VEB Güterumschlag Berlin drohten einige Westberliner Kollegen, die ihre Kündigung erhielten, den Westberliner Genossen: »Wenn ihr nicht entlassen werdet, werden wir dafür sorgen, dass auch der Umtausch in Westberlin gesperrt wird.«48
In der BEWAG Berlin diskutierten die Kollegen über die Entlassungen der Westberliner und brachten zum Ausdruck, dass es sich um formale Maßnahmen handelt, wenn Westberliner Kollegen entlassen werden, die bis zu 40 Jahre im Betrieb gearbeitet haben.
Im Bereich der HV Schwerchemie sind von der vorgesehenen Zahl von ca. 4 000 Arbeiter bisher im ersten Monat des Jahres 321 freigestellt worden.
Im Bereich der HV Flüssige Brennstoffe wurden von dem beauflagten Soll von 1 478 Arbeitskräften im ersten Monat des Jahres 322 freigestellt. Die Freistellung erfolgte in Verbindung mit dem Bezirk und war vorwiegend für die Landwirtschaft (MTS und Baubetriebe).
Die HV Allgemeine Chemie hat insgesamt den Arbeitskräfteplan um 436 Arbeitskräfte zu reduzieren. Im Januar wurden bereits 170 Arbeitskräfte freigestellt.
Von den 1 110 zu reduzierenden Arbeitskräften im Bereich der HV Kunststoffe, wurden im Januar 323 freigestellt. Örtliche Schwierigkeiten bestehen zurzeit in Eilenburg und Fürstenwalde, da der Kreis bzw. Bezirk nicht aufnahmefähig sind.
Die HV Kali und Nichterzbergbau hat entgegen dem Überhang von 216 Arbeitskräften einen Bedarf von 444 Arbeitskräften. Anforderungen der Umsetzungen sind diesbezüglich an das Mansfelder Gebiet49 gerichtet worden.
Anlage 4 vom 28. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2428
Bericht über Normenfragen in der Zeit vom 22 bis 28.2.1955
Bei der Überprüfung der Normen50 im Wismut-Gebiet zeigt sich, dass bei guter Aufklärung ein großer Teil Kumpels sich damit einverstanden erklärt.51 Die Forderungen nach Überprüfung der Normen kommt verschiedentlich von den Kumpels selbst. Zum Beispiel erließ die Jugendbrigade Kolm52 vom Schacht 206 Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, einen Aufruf an alle Kumpels und Jugendbrigaden, für die Schaffung einer neuen technisch begründeten Arbeitsnorm in allen Betrieben der Wismut einzuführen. Bisher haben sich ca. 16 % aller Brigaden des Wismut-Gebietes bereit erklärt und eine Überprüfung gefordert. Allgemein ist zu verzeichnen, dass die Jugendbrigaden der Normenfrage aufgeschlossen gegenüberstehen. Es kann auch festgestellt werden, dass Brigaden, die ihre Normen bisher durchschnittlich mit 110 % bis 120 % erfüllen, sich einverstanden erklären, dagegen Brigaden, die mit 170 % bis 180 % erfüllen, diese verteidigen. Der größte Teil der Kumpels bringt in den Diskussionen zum Ausdruck, dass sie mit der Überprüfung der Normen einverstanden sind, aber gleichzeitig müsste auch für eine bessere Arbeitsorganisation gesorgt werden.
Zum Beispiel sagte ein Hauer: »Wir tun unser Möglichstes, unsere Regierung zu unterstützen. Wenn wir uns aber täglich bis 8.30 Uhr über Tage aufhalten müssen, nur um das notwendige Material zu besorgen, die Schicht aber um 7.00 Uhr beginnt, so kann man seinen Plan nicht schaffen. Ich bin der Meinung, dass erst die nötigen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, dann sind wir selbstverständlich mit der Einführung technischer Normen einverstanden.«
Ein Hauer vom Schacht 54/Johanngeorgenstadt erklärte: »Die Normen sollen erhöht werden. Die sollen uns doch erst einmal die Voraussetzungen geben, dass wir anständig arbeiten können.
So wie jetzt geht es nicht. Das ist doch kein Zustand, dass man tagelang nicht schießen kann, weil kein Holz zum Ausbauen da ist. Warum wird denn kein Holz geliefert. So schlimm wie jetzt, war es noch nie. Sobald alle Voraussetzungen gegeben sind, werden wir uns auch mit den technisch begründeten Arbeitsnormen einverstanden erklären. ich glaube, dass sich dann auch alle Kumpels bereit erklären werden.«
Zum anderen zeigt die Aufklärungsarbeit verschiedentlich Mängel auf und es gibt Beispiele dafür, wo auch Genossen unserer Partei nicht richtig handeln oder in der richtigen Form mit den Kumpels diskutieren.
Zum Beispiel wurde im Schacht 31 in Johanngeorgenstadt am 10.2.1955 eine Kurzversammlung durchgeführt. Zwei Genossen erklärten u. a., dass von einer Normerhöhung nicht gesprochen werden könne und wer dies behauptet, wird schwer bestraft. Daraufhin erklärte ein Lokführer: »Ich habe dieses Theater satt. Es ist und bleibt eine Normenerhöhung und wenn ihr wollt, könnt ihr mich einsperren lassen. Bei der anschließenden Abstimmung für eine Änderung der Arbeitsnormen stimmten von 22 Anwesenden, außer den beiden Genossen, alle anderen dagegen.«
Im Schacht 18/55 erklärte ein Genosse den Kumpels, dass die Norm sowieso 10 % bis 15 % erhöht werden wird. Die Auswirkung zeigt sich darin, dass sich in diesem Schacht bisher nur zwei Reviere bereit erklärten, ihre Norm überprüfen zu lassen.
Ein Steiger vom Objekt »IV. Parteitag der SED« versuchte einen Lokführer zu bewegen, ein Schreiben zu unterzeichnen, indem die Lokführer die Forderung auf Überprüfung ihrer Normen stellen. Als der Lokführer sich weigerte das zu tun, sagte der Steiger: »Es ist egal, ob du unterschreibst oder nicht, die Normerhöhung kommt sowieso.«
Ein Genosse vom Objekt 96 Freital, [Bezirk] Dresden, äußerte, dass er zur Aktivtagung nicht über die neuen technischen Arbeitsnormen sprechen wollte, »da er sich nicht als Lohndrücker gegenüber der Belegschaft geben will.«
Eine schlechte Überzeugungsarbeit wird u. a. in der Zeche A des Objektes 101 Zwickau geleistet. Die Auswirkung zeigt sich in den Diskussionen der Kumpels. Zum Beispiel sagte ein Kumpel: »Wir brauchen keine technisch begründeten Arbeitsnormen. Sie sollen woanders überprüfen, aber nicht bei uns. Wenn ich nicht mehr verdienen soll, brauche ich auch nicht zu arbeiten.«
Über eine mangelnde Aufklärungsarbeit wird auch aus Freital berichtet. Zum Beispiel sagte ein Kumpel von der Fabrik 95: »Als ich gestern zur Schicht kam, sagte mir der Brigadier, dass ich bis 14.00 Uhr eine Zustimmungserklärung zur Normfrage im Parteizimmer abgeben soll. Es hat hier aber noch niemand mit uns über die Normfrage gesprochen.«
Teilweise verhält sich auch das ingenieurtechnische Personal zur Frage der neuen Norm passiv.
Zum Beispiel war der Hauptinhalt der Diskussionen einer ITP-Besprechung53 im Objekt Gera, dass erst die Arbeitsorganisation verbessert werden müsste und dann könnten neue technisch begründete Arbeitsnormen eingeführt werden. Ein Obersteiger sprach nur über Schwierigkeiten. Im Allgemeinen wurde auf der Tagung nicht darauf eingegangen, was vom ITP getan werden soll, um den Kumpels bei der Erfüllung der einzuführenden neuen Arbeitsnormen zu helfen.
Ähnlich war es auch bei einer Besprechung am 18.2.[1955] im Schacht 15 in Oberschlema.
In negativen und ablehnenden Äußerungen bringt eine Minderheit der Kumpels zum Ausdruck, dass unabhängig von dem Willen der Kumpels, eine Normüberprüfung durchgeführt, dass dies eine Verdienstminderung bedeuten würde und es sollte nicht bei den Arbeitern eingespart werden, sondern es sollten erst einmal die hauptamtlichen Funktionäre abgeschafft werden, dann würde genug gespart. Zum anderen werden in einzelnen Fällen von feindlichen Elementen Anspielungen auf einen neuen 17. Juni gemacht oder mit einem neuen 17. Juni gedroht.
Zum Beispiel sagte ein Kumpel vom Schacht 54 Johanngeorgenstadt: »Mir scheint, als wenn die SED auf einen zweiten 17. Juni hinarbeitet. Früher unter der Naziherrschaft haben wir auch gearbeitet und besser gelebt als heute. Jetzt ist die Ausbeutung des Menschen durch den Staat größer, als früher die Ausbeutung durch den Kapitalisten.«
Ein Kumpel vom Zentralschacht Lichtenberg-Gera: »Die sollen mal lieber aufpassen, dass nicht noch einmal ein 17. Juni stattfindet.«
Ein Kumpel vom Schacht 13 in Aue: »Ein 17. Juni müsste kommen, nur etwas heftiger und die Banausen oben zum Teufel jagen.«
Ein Hauer vom Schacht II in Oberschlema: »Was ihr wollt die Normen erhöhen? Ihr wollt wohl wieder einen 17. Juni haben? Wenn ihr ihn wollt, könnt ihr ihn haben.«
In den Industrie- und Verkehrsbetrieben zeigen sich Arbeiter bei Überprüfung oder Neufestsetzung der Normen mitunter sehr ablehnend. Dies ist einmal auf eine ungenügende Aufklärung zurückzuführen und zum anderen aber auch auf die ständige Hetze des Klassenfeindes.
Zum Beispiel wird aus dem Bezirk Gera berichtet, dass zurzeit bei der Reichsbahn, besonders unter den Rangierern über die Normfrage diskutiert wird, da sich Neufestsetzungen notwendig machen und zum Teil bereits durchgeführt wurden. Das ist u. a. im Bahnhof Gera-Süd der Fall. Dort musste eine neue Norm festgelegt werden, da sich der Personalbestand an den Rangiermaschinen erhöht hat und dadurch auch die Rangierprämie stark angestiegen ist. Die Kollegen bringen dafür kein Verständnis auf. (Dem Amt Gera ist dadurch ein Defizit von mehreren 10 000 DM entstanden. Diese Stimmung wurde noch dadurch verstärkt, weil am 15.2.[1955] die Rangierprämie nicht ausgezahlt wurde, da diese nach der alten Norm nicht mehr ausgezahlt werden darf und die neue Norm noch nicht festliegt.
Im Motoren-Instandsetzungswerk Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, werden die Normen im Durchschnitt mit 160 % erfüllt. Die Kolleginnen, die zur Reinigung der Maschinen eingesetzt sind, erfüllen ihre Norm mit 180 % und an manchen Tagen bereits bis Mittag schon mit 120 %.
Am 26.1.1955 wurde eine Normenüberprüfung durchgeführt. Als der TAN-Sachbearbeiter damit in der Taktstraße I begann, wurde er von den Kollegen mit den Worten: »TAN-raus!« empfangen. An diesem Tag wurden nur drei Motoren anstatt 15 bis 16 fertiggestellt.
Im VEB EKM Maschinenbau Görlitz wurden ablehnende Diskussionen wegen der Normenüberprüfung geführt. Zum Beispiel sagte ein Arbeiter: »Wenn wir nicht mindestens 20 % Aufschlag erhalten, lassen wir nicht mit uns reden.« Ein anderer: »Mich interessieren die Normen nicht, ich komme hierher um Geld zu verdienen. Im Übrigen müssen wir Arbeiter die VP und die Angestellten mit ernähren.« (Dieser Arbeiter verdient monatlich 500 DM und produzierte im Jahre 1954 für 1 050 DM Ausschuss.) Ein Dreher äußerte gegenüber dem TAN-Sachbearbeiter: »Sprich mir nicht von den Arbeitsnormen, sonst vergesse ich mich noch.«
Ähnliche Diskussionen entstanden im Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, unter den Arbeitern der Formgießerei und in der Stahlgießerei des VEB Edelstahlwerkes »8. Mai 1945« in Dresden unter den Hilfsarbeitern. Im VEB Hartpapierwerk Groitzsch, [Kreis] Borna, und in den Zweigwerken Pegau54 und Hawas,55 [Bezirk] Leipzig, lehnen die Arbeiter allgemein die Einführung neuer Normen ab. Sie erklären, dass sie dadurch »ans Hungertuch gebracht werden«.
Im VEB Herrenbekleidung Lichtenberg/Berlin führte die Neufestsetzung der Zeiten für die Knopflochmaschine dazu, dass von den drei Beschäftigten zwei der Arbeit fernblieben. Die zuständige Hilfsmeisterin erklärte dazu, »dass diese beiden Kollegen unzufrieden sind und dass die dritte Kollegin auch aufhören wird«.
Durch das Fernbleiben der beiden Kolleginnen trat eine Stockung in der Belieferung der Zentralbügelei ein und es mussten viele Wartestunden geschrieben werden.