Zur Beurteilung der Situation in der DDR
16. März 1955
Informationsdienst Nr. 2432 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
In den Industrie- und Verkehrsbetreiben haben die Diskussionen zu den gegenwärtigen politischen Problemen, die im Zusammenhang mit der Ratifizierung der Pariser Verträge1 stehen, weiterhin stark nachgelassen. Ein Teil der Werktätigen beschäftigt sich mit dem Vorschlag der Volkskammer, in ganz Deutschland eine Volksbefragung durchzuführen.2 Dabei zeigt sich, dass diesem Vorschlag in der Mehrzahl zugestimmt und zum Ausdruck gebracht wird, dass unsere Regierung stets bemüht sei, einen gangbaren Weg zu finden und dass es gelingen müsse, den Willen des Volkes gegen die Kriegsverträge durchzusetzen. In diesem Zusammenhang werden aber verschiedentlich auch Zweifel an dem Erfolg einer solchen Volksbefragung gehegt und es kommt dabei zu Äußerungen: »Die in Bonn hören nicht auf das Volk und machen doch was sie wollen, der Beweis dafür ist die Ratifizierung der Pariser Verträge.«
Zum anderen spielt in den Unterhaltungen die Frage der Verteidigungsmaßnahmen eine Rolle.3 Dabei zeigen sich immer wieder pazifistische Tendenzen, die in den Worten: »nie ein Gewehr, ganz gleich für wen, anzufassen« ihren Ausdruck finden. Zum Beispiel brachten einige Kollegen der Schlosserwerkstatt des Kraftwerkes Plessa, [Bezirk] Cottbus, in einer Unterhaltung zum Ausdruck: »Die Regierung kann beschließen was sie will, wir nehmen kein Gewehr in die Hand. Ob wir eine Arbeitermütze oder einen Stahlhelm auf dem Kopf tragen, ob wir für Führer, Volk und Vaterland, oder für den Sozialismus fallen, ist gleich. Wenn wir tot sind, sind wir tot. Sollten wir wirklich einmal Gewehre in die Hand nehmen müssen, dann wissen wir, was wir zu tun haben, wir sind stark genug.«
Des Weiteren kommt es auch immer wieder zu negativen Äußerungen gegen die Oder-Neiße-Friedensgrenze – meist von Umsiedlern4 und reaktionären Elementen – und in diesem Zusammenhang hetzen feindliche Elemente gegen die SU und die DDR.
Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter der Abt. Werkverkehr am Hafen des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg: »Die Russen sind schuld an unserem niedrigen Lebensstandard, weil sie uns alles wegholen. Die Ostgebiete wurden uns auch geklaut, aber wenn Adenauer5 die Saar verschachert,6 wird geschimpft. Wenn es zum Krieg kommt, werden wir mit Westdeutschland gemeinsam gegen die Russen kämpfen.«
Wie bereits im letzten Bericht erwähnt, treten jetzt im zunehmenden Maße anstelle der Diskussionen über aktuelle politische Fragen, Gespräche über die Versorgungslage sowie über betriebliche Unzulänglichkeiten in Erscheinung.
Über die Versorgungslage wird vorwiegend negativ diskutiert. Dabei wird immer wieder geäußert, »wo bleibt der uns versprochene Lebensstandard«? Oder es wird erklärt, dass die Verknappung verschiedener Lebensmittel die ersten Anzeichen einer Kriegsvorbereitung seien. Diese Stimmung wird besonders durch Gerüchteverbreitung »von einer allgemeinen Verschlechterung der Lebenslage in der DDR« geschürt. Somit kommt es auch in den Betriebsverkaufsstellen immer wieder zu Hamstereinkäufen.
Zum Beispiel werden in allen Abteilungen des VEB Zeiss Jena Diskussionen geführt, dass die bestehenden Versorgungsschwierigkeiten bereits Anzeichen für einen kommenden Krieg seien. Auch werden in der Betriebsverkaufsstelle Angsteinkäufe, besonders in Mehl getätigt.
Im VEB »Maxhütte«7 erklärten einige Arbeiter, dass unsere jetzige Versorgungslage kein Fortschritt sei, sondern eine Abwärtsentwicklung darstelle. Es wurden Bemerkungen gemacht wie z. B. »je weniger Stahl die Maxhütte erzeugt, desto weniger kann die VP an der Ostsee verschießen«, oder »wer viel vom Frieden spricht, bereitet unter diesem Deckmantel den Krieg vor.«
In der Fabrik 95 – Freital – äußerte ein Wismut-Kumpel8 (SED) gegenüber einem anderen: »Was sagst Du zu dieser Kriegsschreierei? Unsere ganze Wirtschaft ist ruiniert. Es gibt so viele Ware nicht mehr zu kaufen und daran hat nur die Regierung mit ihrer Propaganda Schuld. Es ist doch ganz verständlich, dass die Leute wie die verrückten kaufen, wenn sie den ganzen Tag nur im Radio hören, dass es Krieg gibt.«
Im VEB Philopharm Quedlinburg,9 [Bezirk] Halle, brachten zahlreiche Arbeiter und auch einige Intelligenzler zum Ausdruck, dass die Regierung zu der Verknappung von verschiedenen Lebensmitteln offen Stellung nehmen sollte. Des Weiteren wird geäußert, dass bei uns in der Presse und im Funk bis zum letzten ausgewertet würde, wenn in Westdeutschland etwas teurer wird und jetzt würde über die augenblicklich schlechte Versorgungslage stillschweigend hinweggegangen. Verschiedene Kollegen sagten dazu: »Es muss anscheinend erst wieder zu einem 17. Juni10 kommen.«
In der Privatfirma »Frank« in Kahla,11 [Kreis] Jena, sagten zwei Arbeiter: »Man sieht, dass der RIAS12 mit seinen Parolen recht hat. Warum ist es denn nicht möglich, dass vonseiten der Regierung die Bevölkerung über die angespannte Versorgungslage aufgeklärt wird, bevor der RIAS darüber etwas berichtet. Wir haben doch Verständnis für eine schlechte Ernte, aber man soll ehrlich sein und dies rechtzeitig sagen. Dadurch wird es dem RIAS nicht möglich sein, die Unzufriedenheit der Bevölkerung auszunutzen.«
In den Magdeburger Betrieben sind Arbeiter, die außerhalb Magdeburgs wohnen, über den schlechten Berufsverkehr unzufrieden. Zum Beispiel fallen die Arbeiteromnibusse Magdeburg – Barleben häufig aus. Am Sonnabend, den 12.3.[1955] standen ca. 200 Berufstätige an der Haltestelle in Barleben und da der Omnibus ausfiel, konnten sie nicht zu ihren Arbeitsstellen. Dies löste u. a. Diskussionen aus wie z. B.: »Wo bleibt die Sorge um den Menschen. Wir machen uns Gedanken, wie wir unsere Arbeit verbessern können und hier geht die Arbeitszeit verloren.«
Im Walzwerk »Willy Becker« in Kirchmöser, [Bezirk] Potsdam, sind die Kollegen, die der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft angehören, sehr ungehalten und missgestimmt, da sie keinerlei Unterstützung bei ihren Bauvorhaben erhielten, sodass diese wiedereingestellt werden mussten. Die Genossenschaft umfasst 45 Mitglieder, die aus eigenen Mitteln 19 000 DM aufgebracht haben, damit die ersten Ausschachtungsarbeiten für 26 Häuser durchgeführt werden konnten.
Da jetzt die Bauten wiedereingestellt wurden, befürchten sie, ihr Geld eingebüßt zu haben. Zum anderen erklären sie, dass sie eine bessere Unterstützung von der Regierung erwartet haben.
Im VEB Tagebau Neukirchen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, herrscht unter den Kumpels Missstimmung, weil der steuerfreie Branntwein für Januar nur dann ausgegeben wird, wenn der Plan erfüllt wird. Sie sind der Meinung, dass es nicht ihre Schuld sei, wenn sie ihr Plansoll nicht erreichen und finden deshalb die Regelung ungerecht. Es kommt dabei zu Äußerungen wie z. B. »wenn wir keine Schnapszuteilung bekommen, wird gestreikt«. Dies wurde auch auf einen Aushang im Betrieb geschrieben.
Am 5.3.1955 kam es in der Transportbrigade 3 des Kühlhauses Neustrelitz zu einer kurzen Arbeitsniederlegung. Die Ursache war, dass die Arbeiter aufgrund wenig vorhandener Arbeit nicht nach Leistung bezahlt wurden. Nach eingehender Diskussion nahmen sie die Arbeit – bis auf einen Kollegen – wieder auf. Dieser kündigte und schied aus dem Betrieb aus.
Im VEB Grobgarnwerk Kirschau, Zweigstelle Kleinwelka, [Bezirk] Dresden, fehlt es in der Abteilung Kapserei schon wochenlang an Verpackungsmaterial (Säcke), was sich besonders in den letzten Tagen stark auswirkte. Aus dem Grunde weigerten sich am 11.3.[1955] alle Kollegen der Abteilung, die alle im Leistungslohn stehen, die Arbeit aufzunehmen. Sie verlangten, dass Vertreter der SED-Kreisleitung in den Betrieb kommen, um sich die Zustände anzusehen. Nachdem dies zugebilligt wurde, nahmen sie die Arbeit wieder auf.
Weiterhin wird über Kohlenmangel geklagt, der seine Auswirkung immer wieder darin hat, dass Betriebe vorübergehend die Produktion einstellen müssen.
Zum Beispiel wurden seit zehn Tagen für den Kreis Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, keine Briketts mehr angeliefert. Dies wirkt sich so aus, dass seit dem 3.11.[1955] der Schlachthof, die Fleischwarenfabrik, der VEB Feintuch- und Kleiderstoffwerk, Werk IV, sowie der VEB Textilveredlungswerk I und II in Reichenbach nicht mehr arbeiten können.
Wenn keine Lieferungen erfolgen, müssen im genannten Kreis sämtliche Schulen geschlossen werden.
Wegen Mangel an Schwelkoks wurde am 11.3.1955 im Kraftwerk »Ernst Thälmann« in Leipzig die Stromerzeugung um fünf MW gesenkt. (Täglicher Verbrauch: 550 t – gelieferte Mengen täglich 250 t)
Der VEB Lipsia Mügeln,13 [Bezirk] Leipzig, musste aufgrund des Brennstoffmangels am 10.3.[1955] die Produktion vorübergehend einstellen.
Im Kadaververarbeitungswerk Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig, besteht die Gefahr, dass Seuchen ausbrechen, wenn die Produktion zum Erliegen kommt, da zurzeit ein starker Anfall von Kadaver zu verzeichnen ist.
Materialschwierigkeiten in den verschiedensten Industriezweigen, besonders aber auf den Werften, u. a. in der Warnowwerft Warnemünde, Mathias-Thesen-Werft Wismar, Volkswerft Stralsund, Peenewerft Wolgast halten weiterhin an.
Im dem VEB Schwerweberei in Vetschau, [Kreis] Calau, [Bezirk] Cottbus, fehlt es an Flachsgarnen. Lieferbetriebe: Flachsspinnereien Hirschfelde, Freiberg und Wiesenbad/Sa. Diese geben an, aufgrund des Fehlens von Rohstoffen, die angeforderten Mengen Flachsgarn nicht liefern zu können.
Im Eichsfelder Obertrikotagenwerk Dingelstädt, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, bestehen Produktionsschwierigkeiten, weil vom Zulieferbetrieb – Kammgarnspinnerei Gera, die Garne (khaki) nicht termingemäß geliefert werden. (Sie werden für einen Regierungsauftrag benötigt.) Außerdem weisen die Garne zum Teil eine schlechte Qualität auf, sodass die gefertigten Stücke fehlerhaft sind und von der Abnehmerkommission vielfach nicht abgenommen werden.
Im VEB Naben- und Kupplungsbau Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fehlt es an Kupplungsfedern. Dadurch können an die EM-Werke in Eisenach14 und an den Traktorenbau in Eisenach keine Kupplungen geliefert werden. Lieferbetrieb für die Kupplungsfedern ist die DEWA15 Hellerau.
Im VEB Phosphatwerk Rüdersdorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, mangelt es an dem Rohstoff »Kola«. Wenn keine Lieferung erfolgt, muss die Produktion eingestellt werden. Das Werk teilt mit, dass vom Ministerium für Schwermaschinenbau eine Anweisung herausgegeben wurde, wonach erst die Betriebe beliefert werden, die rentabler arbeiten, weil ein Mangel an »Kola« herrscht.
Im VEB Turbo-Werk Meißen, [Bezirk] Dresden, kann ein Exportauftrag für Volkspolen – Fertigung von acht Laufrädern, der bereits am 31.12.1954 fällig war, nicht ausgeliefert werden, weil erst drei Laufräder fertiggestellt sind. Die übrigen befinden sich noch im »Klara-Zetkin-Werk« in Erfurt16 zum Ausbuchten und Schleudern. Von diesem Werk wurde mitgeteilt, dass die Räder erst Ende März ausprobiert werden können, da die betreffende Maschine zurzeit defekt ist. Außerdem wurden die Räder zu spät nach Erfurt geschickt.
Das Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, hätte auf der Leipziger Messe17 größere Abschlüsse nach dem kapitalistischen Ausland tätigen können, wenn die entsprechende Produktionskapazität vorhanden wäre (es handelt sich hierbei vor allem um die Fittingproduktion).18 Das Werk machte vor zwei Jahren dem zuständigen Ministerium den Vorschlag, diese Produktion um 200 % zu erweitern, was aber keine Beachtung fand.
Am 8.3.1955 ist im Sendehaus I (Maschine) im Funkamt Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, der dritte Generator durchgebrannt. Ursache: Isolierfehler am Anker.
Das Funkamt ist der einzige Betrieb in der DDR; der noch mit Generatoren die Sender speist. Wenn noch ein Generator ausfällt, kann nicht mehr gesendet werden. Unter anderem müsste dadurch auch der Deutschlandsender19 ausfallen, deshalb benötigt das Funkamt dringend neue Generatoren. Der einzige Lieferbetrieb ist Bergmann Borsig Berlin.20 Von dort wird jedoch eine Lieferung mit der Begründung, dass sie nur für den Export arbeiten, abgelehnt.
Am 11.3.1955 wurde in der Zeit von 15.55 bis 19.30 Uhr im BKW Knappenrode »Glückauf«, [Bezirk] Cottbus, die gesamte Produktion unterbrochen. Beide Turbinen waren ausgefallen. Produktionsausfall: 350 t Briketts und 300 cbm Abraum.
Am 10.3.[1955], gegen 20.00 Uhr, explodierten im Teerverarbeitungswerk Rositz, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, zwei Tankbehälter. (Wahrscheinlich durch Selbstentzündung.) Tankschaden: ca. 6 000 bis 10 000 DM. Verlust an verbranntem Öl: ca. 4 600 DM.
Im BKW Hirschfelde, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, erkrankten von über 1 000 Essenteilnehmern 460 Personen, hauptsächlich an Durchfall. Das bakteriologische Untersuchungsergebnis ist noch nicht bekannt. Ein Arbeitsausfall ist nicht zu verzeichnen.
In der Neptunwerft in Rostock, bringt der BKV21 1955 in den Fragen des Zusatzurlaubes zu Punkt 1 für die E-Schweißer einen Zusatzurlaub von neun Tagen. Außerdem sollen sie nach dem 23. Punkt 10 % Aufschlag erhalten. Da nicht alle E-Schweißer diese Vergünstigungen erhalten können, wurde von dem Gewerkschaftsgruppenorganisator [Name], sowie von zwei Arbeitern ein Schreiben verfasst, in dem gefordert wurde, den Zusatzurlaub von neun auf zwölf Tage zu erhöhen und den 10%igen Zuschlag auf alle Schwerstarbeiter zu übertragen. Dieses Schreiben wurde von 118 Kollegen unterschrieben. Es bestand die Absicht, mit diesen Forderungen geschlossen zur Werkleitung zu marschieren. Von diesem Schreiben hatten weder die Grundorganisation der Partei, die Betriebsleitung sowie die BGL Kenntnis.
In Weinböhla, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass im EWS Sörnewitz und im VEB Kunstlederwerk Coswig wegen Materialmangel 300 bis 400 Personen entlassen würden.
Im VEB Papierverarbeitung Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wird unter den Kollegen das Gerücht verbreitet, dass Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren keine PM 1222 mehr erhalten.
Im VEB Koffer- und Lederwaren Taucha, [Bezirk] Leipzig, wurden am 11.3.1955 bei Arbeitsbeginn in den Arbeitskästen der Kollegen selbstgefertigte Hetzzettel mit Hakenkreuzen vorgefunden.
Im VEB Regis-Zentralwerkstatt Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde eine Hetzlosung gegen die DDR an eine Toilettentür geschmiert.
Am 11.3.1955 brach im VEB Gummiwerk »Elastik« Gotha, [Bezirk] Erfurt, in einem Lagerschuppen ein Brand aus. Ursache: Fahrlässige Brandstiftung – Täter festgenommen. Schaden: ca. 7 000 DM.
Am 12.3.[1955] brannte im VEB Lederwaren Bautzen eine 10 × 25 m große Holzbaracke aus, die als Werkstatt diente. Sachschaden: 20 000 DM. Ursache noch nicht ermittelt.
Am 11.3.[1955] entstand in der Hammermühle des Kühlhauses der Brikettfabrik »Sonne« in Freienhufen, [Kreis] Senftenberg, ein Brand.
Seit dem 7.1.1955 waren in der Hammermühle bereits zwei Verpuffungen und zwei Brände zu verzeichnen.
Am 9.3.[1955] lief im VEB Papierfabrik Riebstein, [Kreis] Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bei einem Hilfsspannungsaggregat ein Lager heiß und brannte aus. Bei der Demontage wurden zwei Bleistückchen bis zu 15 mm aufgefunden. Täter unbekannt. Produktionsausfall entstand nicht. Schaden ca. 200 DM.
Im Objekt 101 Zeche B II – Zwickau – waren die Exzenter einiger Grobsetzmaschinen heiß gelaufen. Eine Untersuchung ergab, dass in den Fettbüchsen Sand und Steine waren.
Am 14.3.[1955], früh 6.00 Uhr, wurde bei der Schichtübernahme im Objekt 101, Zeche A – Zwickau – festgestellt, dass in der Neuanlage I ein Band nicht lief. Ursache: Eine elektrische Spule im Schaltkasten mutwillig zerstört. Kein Materialschaden zu verzeichnen und ebenfalls kein Produktionsausfall.
Bei den »Trawlern« (Schiffe) 4 und 5, die sich auf der Neptunwerft in Rostock befinden und im Dezember 1954 vom Stapel liefen, wurden von unbekannten Tätern die Echolotschwingerkabel abgeschnitten.
Versorgung der Bevölkerung
Zur Anordnung der Änderung der Geschäftszeiten23 in den HO- und KG-Verkaufsstellen,24 bringt ein großer Teil des Verkaufsstellenpersonals seine Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese Anordnung eine Maßnahme ist, die weder mit dem Verkaufspersonal noch mit der Bevölkerung abgesprochen wurde. Durch objektive Schwierigkeiten, die zweifellos vorhanden sind, können diese neuen Verkaufszeiten nicht immer den gewünschten Erfolg erzielen. Es gibt viele Verkaufsstellen, wo nur ein Verkäufer beschäftigt ist. Für den würde es bedeuten, dass er jetzt eine Arbeitszeit von zwölf Stunden hat. Das heißt, also dort, wo nicht nach Schichtsystem gearbeitet wird, sind die neuen Verkaufszeiten nicht einführbar.
Neben den objektiven Schwierigkeiten stößt das neue System aber auch auf die Bequemlichkeit eines großen Teiles des Verkaufsstellenpersonals. Es äußert deshalb oft, dass solche Verkaufszeiten nicht nötig seien, da sich die Bevölkerung an den 18.00 Uhr Ladenschluss gewöhnt hätte und für Berufstätige die Spätverkaufsstellen ausreichen würden.
Aus dem Kreis Pirna wurden z. B. folgende Schwierigkeiten bei der Veränderung der Geschäftszeiten gemeldet. Dort wohnen z. B. 40 % der Verkaufskräfte auswärts. Außerdem bestehen 40 Einmann-Verkaufsstellen, 80 Zweimann-Verkaufsstellen und nur 20 Verkaufsstellen mit drei bis vier Kräften. Es taucht auch das Problem der Verantwortung der Verkaufsstellenleitung auf.
Aus dem Bezirk Potsdam wurde Folgendes berichtet:
Der VEB Fleischwarenfabrik Elsholz hat durch die Kürzung der HO-Zuteilung an Fleisch- und Wurstwaren einen 15- bis 16%igen Produktionsüberschuss, der, da keine neuen Bedarfsträger zu finden sind, nicht abgesetzt werden kann. Deshalb lagern dort jetzt ca. zehn Tonnen Dauerwurst und ca. sechs bis sieben Tonnen Koch- und Brühwurst, bei der durch ihre kurze Lagerdauer die Gefahr des Verderbes besteht. Die Lagerung verursachte für den Betrieb einen finanziellen Verlust, was dem Betrieb zur Begleichung seiner Verpflichtungen fehlt. Durch den großen Anfall von Schweinen ist es dem Betrieb nicht möglich, seine Produktion nur auf Dauerwurst umzustellen. Der Betrieb erstattete von diesem Zustand dem Rat des Kreises sowie Bezirkes, der Kreisleitung der SED Potsdam-Land und dem Ministerium für Lebensmittelindustrie Meldung und bat gleichzeitig neue Bedarfsträger anzuweisen. Das war jedoch ohne Erfolg.
In einem der letzten Berichte über die Hamstereinkäufe zeigten wir, wie sich die Hamstereinkäufe im Bezirk Erfurt auf die Abhebung der Spargelder von den einzelnen Banken auswirkt.25 Eine Nachfrage in den einzelnen Bezirken ergab jedoch, dass in anderen Bezirken derartige Erscheinungen nur vereinzelt aufgetreten sind und in einzelnen Bezirken sogar ein Zunehmen der Spareinlagen zu verzeichnen ist. Man kann also sagen, dass sich im Allgemeinen die Einzahlungen und Abhebungen die Waage halten.
Derartige Erscheinungen traten in folgenden Bezirken auf: Im Kreis Pirna, [Bezirk] Dresden, wo größere Auszahlungen erfolgten und auf die Hamstereinkäufe zurückzuführen ist. Ansonsten sind im Bezirk keine größeren Abhebungen der Spareinlagen erfolgt, nur, dass in jedem Monat sehr viele Abhebungen im Vertragssparen getätigt wurden.
In einigen Gemeinden des Kreises Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wurden in den letzten Tagen die Spareinlagen um 15 % abgehoben. Zu bemerken ist, dass gerade in diesen Orten größere Einkäufe in Artikeln, wie Teppiche, Radios, Möbel usw. getätigt wurden. Vom Bezirk Erfurt wurde bereits berichtet.
In Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wurde in einer VST das Gerücht verbreitet, dass demnächst in der DDR eine neue Geldwährung eingeführt werden soll.
Unter der Bevölkerung im Bezirk Karl-Marx-Stadt kursiert das Gerücht, dass demnächst in der DDR eine Währungsreform erfolgen würde.
In verschiedenen Verkaufsstellen des Stadtbezirkes Zwickau werden z. B. derartige Gespräche geführt und dabei erklärt, dass in der DDR der Rubel eingeführt würde, und alles andere Geld verfällt. Aus diesem Grunde müsste man das vorhandene Geld noch schnell umsetzen.
Zwei Verkaufsstellen des Konsums in Karolinenhof im Stadtbezirk Köpenick erhielten am 12.26 eine gefälschte telefonische Anweisung, das in der Verkaufsstelle vorrätige Fett aus dem Verkauf zu ziehen und dass Mehl sowie Teigwaren nicht mehr bestellt werden brauchen, da sie nicht mehr am Lager seien.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die Diskussionen über die politischen Tagesfragen gehen weiter zurück und werden nur noch vereinzelt, vorwiegend von Werktätigen aus dem sozialistischen Sektor der Landwirtschaft, geführt. Die über die Ratifizierung der Pariser Verträge und die Erklärung der Volkskammer geführten Diskussionen sind weiterhin vor allem positiv. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass es darauf ankommt, den Frieden zu erhalten, gegen die Pariser Verträge zu kämpfen und die Errungenschaften in der DDR zu verteidigen.
So sagte z. B. ein Schlosser aus der Spezialwerkstatt der MTS Grimmen, [Bezirk] Rostock: »Während wir unsere Maschinen für die Frühjahrsbestellung fertigmachen, werden in dem Westen Kanonen gebaut. Ich denke, dass unsere Menschen drüben doch auch genug vom Krieg haben müssten. Die Arbeiter sollen die Regierung zum Teufel jagen.«
Durch die Vorbereitungen zur Frühjahrsbestellung und durch die augenblickliche Versorgungslage drehen sich die Diskussionen sehr stark um diese Fragen. Wie aus den vorhergehenden Berichten über die Hamstereinkäufe zu ersehen war, gab es viele Landgemeinden, wo sich vor allem die Bauern an den Hamstereinkäufen beteiligten. Daraus ergibt sich, dass auch hier unter einem Teil der Landbevölkerung durch Angst vor einem neuen Krieg Vorräte angesammelt wurden.
Besonders beteiligten sich die werktätigen Mittel- und auch Großbauern27 an diesen Hamstereinkäufen. Es ist keine Seltenheit, dass sie bis zu einem Zentner Mehl verlangen.
Ein Mittelbauer aus Crock, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, kaufte z. B. im Konsum einen Zentner Mehl auf.
Bei den Vorbereitungen zur Frühjahrsbestellung fehlt es immer wieder in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben an genügendem Saatgut. Trotz Maßnahmen, die diesbezüglich eingeleitet wurden, konnte in vielen Betrieben bisher noch keine Abhilfe geschaffen werden.
Die darüber geführten Diskussionen haben vor allem zum Inhalt, dass mit dem vorhandenen Saatgut nicht die ha-Erträge erzielt werden können, die vom Staat verlangt würden.
So sagten z. B. Bauern aus der Gemeinde Luga, [Bezirk] Cottbus: »Zur Frühjahrsbestellung ist sehr schlechtes Saatgut vorhanden. Damit werden keine ha-Erträge erzielt. Hochwertiges Saatgut gibt es in der DDR doch nicht. Mit den Kartoffeln sieht es sehr schlecht aus, die meisten Bauern haben keine.«
Saatgutmangel besteht:
Im Kreisgebiet Delitzsch, [Bezirk] Leipzig. Dort fehlen zurzeit noch 300 dz Saathafer.
Im Kreis Schmölln, [Bezirk] Leipzig, besteht noch eine Fehlmenge von 162 dz Saathafer. Vom Kreisvorstand des VdgB/BHG wird versucht, durch den Austausch mit anderem Saatgut diese Fehlmenge zu decken.
Im Kreis Ueckermünde, [Bezirk] fehlt es vor allem an Futterrübensamen. Bei einer Nachfrage bei dem Rat des Kreises, Abteilung Landwirtschaft, wurde mitgeteilt, dass die deutsche Saatgutgesellschaft nicht über die nötigen Mengen verfügt.
An Saatkartoffeln fehlt es in den Gemeinden:
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Weinböhla, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, 273 dz,
- –
Taubenheim, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, 350 dz,
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Sora, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, 55 dz.
Die Gemeinden sind nicht in der Lage, diese Fehlmengen zu decken, da in anderen Gemeinden die gleichen Zustände herrschen. Der Mangel an Saatkartoffeln besteht darin, dass die Kartoffeln durch die schlechten Witterungsverhältnisse im vergangenen Jahr die Braunfäule haben.
Die BHG Templin, [Kreis] Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, benötigt noch ca. 40 dz Gerste, 50 dz Hafer, sowie 30 dz Erbsen.
In der BHG des Kreises Artern, [Bezirk] Halle, bestehen ebenfalls Schwierigkeiten in der Bereitstellung von Saatkartoffeln. Bei einer Überprüfung des Saatgutes bei mehreren LPG, VEG und Einzelbauern ergab sich, dass dieses Saatgut bis zu 50 % mit Rotfäule befallen ist. Der Kreis ist dadurch nicht in der Lage, aus vorhandenen Reserven dieses Saatgut 100%ig bereitzustellen.
Im Kreis Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, fehlen ca. 350 dz Saatgetreide. Das ist darauf zurückzuführen, dass in diesem Jahr die Keimfähigkeit des Getreides nicht den normalen Bedingungen entspricht und teilweise nur eine Keimfähigkeit von 60 bis 70 % aufweist.
Im Kreis Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, konnten bisher die noch notwendigen 380 dz Saatgetreide noch nicht beschafft werden.
In Altenburg, [Bezirk] Leipzig, fehlen noch ca. 6 000 dz Saatkartoffeln.
Es wird jetzt durch die Sperrung des Verkaufs von freiem Zucker28 in verschiedenen Orten von den Bauern sehr stark über die Nichtbelieferung der Zuckerscheine (Prämienzucker) für die abgelieferten Zuckerrüben diskutiert. Die Bauern, die davon betroffen wurden, diskutieren sehr negativ. Die Nichtbelieferung wird zum Teil mit einer Kriegsvorbereitung in Zusammenhang gebracht, indem gesagt wird, der Zucker wird zur Herstellung von Pulver gebraucht.
Ein Teil der Bauern droht, dass sie mit der Zuckerfabrik keine Verträge mehr abschließen wollen, wenn sie den Zucker nicht erhalten, oder dass sie keine Zuckerrüben mehr anbauen werden.
Diese Diskussionen treten vor allem im Kreis Wurzen, [Bezirk] Leipzig, auf.
In der LPG Schützberg, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, herrscht unter den Mitgliedern eine schlechte Stimmung wegen der Nichtauszahlung der 20 % und wegen der schlechten Arbeitsorganisation. Unter den Mitgliedern wird darüber gesprochen, dass sie die Arbeit niederlegen würden, da sie bei einem Großbauern noch mehr verdienen als in der LPG.
Schweinepest
Schweinepest wurde in folgenden landwirtschaftlichen Betrieben festgestellt:
Im ÖLB Seedorf, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, (verendeten drei Schweine, sieben wurden notgeschlachtet).
In der LPG Baumgarten, [Kreis] Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, (von 62 Schweinen verendeten 13, fünf wurden notgeschlachtet)
Im Bezirk Potsdam waren im Monat Februar 1955 43 Fälle von Schweinepest zu verzeichnen.
Es wurden 674 notgeschlachtet, und 36 sind verendet.
Brände
Am 7.3.1955 brach in der LPG Gorkow, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, ein Scheunenbrand aus. Brandursache: Fahrlässige Brandstiftung durch ein 5-jähriges Kind. Sachschaden: ca. 7 000 bis 8 000 DM.
Am 9.3.1955, 13.10 Uhr, brannte in Alt-Lobzow, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, ein Strohdachhaus mit Scheune. Es verbrannten ca. 15 Zentner Hafer und ca. 25 Zentner Roggen. Brandschaden: ca. 2 500 DM. Brandursache: zurzeit noch nicht geklärt.
Am 10.3.1955, gegen 2.00 Uhr, brannte das Wohnhaus mit Bäckerei und Lager des Bäckermeisters aus Goldberg, [Kreis] Lübz, ([Bezirk] Schwerin). Gesamtschaden 60 000 DM. Brandursache: noch nicht geklärt.
Am 13.3.1955, gegen 2.40 Uhr, brach bei einem Mittelbauern in Graustein, [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, ein Brand aus. Der Brand erfasste die Scheune und das Stallgebäude. Brandschaden: ca. 15 000 DM. Brandursache: noch nicht geklärt.
In Giesendorf, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wird unter einigen werktätigen Bauern das Gerücht verbreitet, dass in dieser Gemeinde eine Liste vorhanden sein soll, auf der acht Einwohner aus Giesendorf aufgeführt sind, welche wegen negativen Diskussionen verhaftet werden sollen.
Einschätzung der Situation
Die Stimmung zu den wichtigsten politischen Fragen ist weiterhin überwiegend positiv und inhaltlich unverändert. Die Stellungnahmen haben zurzeit nur noch geringen Umfang.
Im Vordergrund stehen wirtschaftliche Schwierigkeiten, dabei ganz besonders die Versorgungslage. Darüber hält die Unzufriedenheit weiter an. Da die Aufklärung der Bevölkerung nur ungenügend und teilweise überhaupt nicht erfolgt, gelingt es dem Feind weiterhin, durch Gerüchte und Hetze die Bevölkerung zu beeinflussen. Deshalb gehen auch die Hamstereinkäufe nur im unbefriedigenden Maße zurück.
Sonst hat sich die Lage nicht wesentlich verändert.
Anlage 1 vom 15. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Hamstereinkäufe
In Bezug auf die Angsteinkäufe ist keine weitere Verschärfung eingetreten.29 Es ist sogar in einigen Kreisen ein Rückgang zu verzeichnen. Das ist in den Bezirken Erfurt, Gera, Dresden, Halle, Neubrandenburg und Schwerin der Fall. In den übrigen Bezirken ist die Lage gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert. Aus diesen Bezirken wird lediglich berichtet, dass in einem Kreis die Hamstereinkäufe etwas nachlassen und in anderen Kreisen wieder etwas ansteigen. Besonders krasse Entscheidungen traten in keinem Bezirk auf.
Die Diskussionen, vor allem unter den Hausfrauen, Rentnern, Geschäftsleuten und Verkaufsstellenpersonal drehen sich augenblicklich nur um die Versorgungslage. Dabei tritt immer wieder in Erscheinung, dass durch die ungenügende Aufklärung hinsichtlich der Versorgungslage viele negative Diskussionen, Gerüchte, feindliche Äußerungen usw. verstärkt auftreten, was bei einer genügenden Aufklärung vermieden werden könnte. Fortschrittliche Bürger fordern immer energischer solche Aufklärungen, da sie der Ansicht sind, dass diese Angsteinkäufe nur zum Schaden derjenigen durchgeführt werden, die die Waren wirklich benötigen, und dass auch darüber hinaus unserer Wirtschaft ein großer Schaden zugefügt wird. Diese Forderungen treten nicht vereinzelt auf, sondern verstärkten sich in den letzten Tagen, und beinhalten vor allem, dass den Hamstereinkäufen durch Presse und Rundfunk Einhalt geboten wird.
So sagte z. B. ein Instrukteur der SED-Kreisleitung Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich kann nicht verstehen, dass man vonseiten der Regierung und Partei keine Maßnahmen ergreift, um diese Hamstereinkäufe schnellstens zu unterbinden.«
Ein Arbeiter aus der Wismut AG: »Es ist ein Skandal, wie die Leute hamstern. Vonseiten der Regierung müssten Maßnahmen ergriffen werden, um diesen Angsteinkäufen Einhalt zu gebieten. Es wäre doch gut, wenn in der Presse und im Rundfunk eingehend darüber Stellung genommen würde.«
Wie wichtig diese Aufklärung ist, beweisen die vielen Gerüchte, die durch die verdrehte Wiedergabe von getroffenen Maßnahmen entstanden und unter der Bevölkerung verarbeitet werden. Das ist mit eine nicht unwesentliche Ursache der Hamstereinkäufe.
Ein Beispiel soll das untermauern:
Ein Angestellter des Großhandelskontors30 Stavenhagen, [Kreis] Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, brachte z. B. von der Leipziger Messe31 gerüchteweise mit, dass in Zukunft keine Liköre, keine Vollmilchschokolade sowie Keks mit Schokoladenguss mehr hergestellt werden.
Ebenso sieht es mit vielen anderen Gerüchten aus. So z. B. mit dem Gerücht über das schwarze Brot32 und Brötchen. Überall taucht jetzt auf, dass es in Kürze nur noch eine Brotsorte und auch nur noch schwarze Brötchen geben wird. Das wird vor allem von den Bäckern verbreitet. Die Bevölkerung diskutiert dahingehend, dass sie aus diesem Grunde eine Änderung der Preise verlangen könnte.
Die wesentliche Ursache bei den Angsteinkäufen ist vielfach die Angst vor einem neuen Krieg. Das wird von den meisten Hausfrauen, die solche Angsteinkäufe tätigen, zum Ausdruck gebracht. Sie glauben, sich deshalb versorgen zu müssen, um in einem Ernstfall genügend Vorräte zu haben.
Eine Hausfrau aus dem Kreis Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte z. B.: »Man muss sich schon etwas Mehl nach Hause holen, damit man zu Weihnachten etwas backen kann, denn bis dahin ist bestimmt schon Krieg und dann gibt es nichts mehr.«
Die feindlichen Elemente nutzen diese Situation weiterhin aus, um die Bevölkerung mit Gerüchten zu beunruhigen und gegen Partei und Regierung zu hetzen.
Anlage 2 vom 10. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Hamstereinkäufe
Die Hamstereinkäufe halten in den Bezirken noch an. Neben Mehl – das am stärksten gefragt ist –, Reis, Grieß, Streichhölzer, Waschpulver usw., kauft man jetzt auch in größeren Mengen Kunsthonig, Bienenhonig und Marmelade.
Bemerkenswert ist, dass sich in den ländlichen Gemeinden die Groß- und Mittelbauern stark an den Hamstereinkäufen beteiligen, das Mehl säckeweise und andere Waren wie Likör, Kunsthonig und Waschpulver in größeren Mengen kaufen.
Insgesamt gesehen ist die Versorgungslage auf Markenbasis in allen Bezirken noch sichergestellt. Durch die sehr starke Nachfrage nach weißem Mehl (Type 405) ist dieses aber in vielen Verkaufsstellen ausverkauft oder nur beschränkt erhältlich.
Die Gerüchteverbreitung hält weiter an und hat keine wesentlichen neuen Momente zum Inhalt. Es ist jedoch zu verzeichnen, dass gegenüber der letzten Berichtsperiode ein leichtes Ansteigen zu verzeichnen ist.
Ebenso ist ein Rückgang in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Frankfurt, Erfurt und Halle zu verzeichnen.
Im Bezirk Potsdam sind die Angsteinkäufe weiter stark angestiegen. Hier ist auch besonders die Landbevölkerung stark an den Hamstereinkäufen beteiligt.
Besonders in den Kreisen Kyritz, Neuruppin, Rathenow, Brandenburg und Königs Wusterhausen steigen sie stark an.
Anlage 3 vom 14. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Stimmung aus Westdeutschland
In Westdeutschland ist zu verzeichnen, dass immer mehr Menschen Adenauers33 Kriegspolitik den Rücken kehren. Dies bezieht sich nicht nur auf die Jugendlichen, die besonders stark ablehnen wieder Soldat zu werden, sondern auch Intelligenzler und kleinbürgerliche Kreise sind gegen die Kriegspolitik Adenauers.
Ein Hamburger erklärte, dass sich nicht nur Arbeiter und Angestellte, sondern auch selbstständige Gewerbetreibende und Unternehmer gegen Adenauer aussprechen und die Pariser Verträge ablehnen. Arbeiter und Angestellte hätten zum Ausdruck gebracht, dass mit einer 100%igen Beteiligung zu rechnen sei, falls der DGB zum Generalstreik aufrufen sollte.
Auch Kreise der Hamburger Polizei, insbesondere ältere Polizeiangehörige seien gegen Adenauer und die Pariser Verträge eingestellt.
Ein aus Westdeutschland in die DDR übersiedelter Bürger erklärte: »Drüben will man von den Pariser Verträgen nichts hören, aber der Widerstand ist noch zu gering. Aus meinem Ort, Kleve/Niederrhein werden demnächst noch mehrere Jugendliche in die DDR kommen, um sich der Zwangsrekrutierung zu entziehen.«
Auf einer Versammlung der »Ludendorffbewegung«34 in Celle wurde von einem ehemaligen Offizier eine neue Wehrmacht abgelehnt, solange kein einheitliches Deutschland besteht.
Aus einer Information geht hervor, dass die Rede Otto Grotewohls vor der Volkskammer,35 die von 15 westdeutschen Bürgern in Gemeinschaftsempfang abgehört wurde, begeisterten Widerhall fand.
Im Zusammenhang damit äußert man auch, dass die Ratifizierung der Pariser Verträge im Bonner Bundestag nicht der Meinung der Abgeordneten entspricht, da bei weitem mehr Abgeordnete gegen die Verträge seien, als das Abstimmungsergebnis zeigte.
[Name] vom Stahlwerk Südwestfalen,36 der in die »Vulkan-Affäre«37 verwickelt war, vertritt den Standpunkt, dass die Abstimmung im Bundestag nicht der wirklichen Meinung der Abgeordneten entspricht. Es seien weit mehr Abgeordnete gegen die Verträge, als das Abstimmungsergebnis gezeigt habe.
Ein großer Teil der Abgeordneten könne jedoch nicht offen seine Meinung sagen, da sie zu sehr an ihre Auftraggeber gebunden seien. Zu den Auftraggebern zählte er die Parteien, die Kirche, die Großbanken und die Amerikaner. [Name] brachte ferner zum Ausdruck, dass der innerdeutsche Handel durch die Ratifizierung nicht zum Erliegen komme, da auch die Wirtschaft etwas zu sagen hätte, und die würde sich das nicht gefallen lassen.
Teilweise äußerte man, dass nach der Ratifizierung der Pariser Verträge die Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr möglich sei. So sagte z. B. ein Intelligenzler von den Farbenfabriken Hoechst: »Bonn begeht eine große Dummheit, indem man an den Pariser Verträgen festhält. Alle Beteuerungen, dass nach der Ratifizierung Schritte zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands eingeleitet werden, sind Phrasen. Mit der Ratifizierung der Verträge wird die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands nicht mehr möglich sein.«
Von Hausfrauen und Arbeitern wird geäußert, dass jetzt nach der Ratifizierung der Pariser Verträge die Preise steigen und die Wiederaufrüstung nur auf Kosten der Arbeiterklasse vor sich geht.
Im Zusammenhang mit der Ratifizierung der Pariser Verträge brachten zwei Bürger aus Westdeutschland ihre Befürchtung darüber zum Ausdruck, dass die Wiederaufrüstung Westdeutschlands abermals auf Kosten der Bevölkerung gehen wird. Die letzten Brotpreiserhöhungen sind die ersten Anzeichen für weitere Preissteigerungen.38 Die SED sei in der Bundestagsdebatte mit viel Redeschwall aufgetreten, aber keiner der Abgeordneten habe vom Standpunkt der Arbeiterklasse gesprochen.
Eine Hausfrau aus Ulm äußerte: »Das Leben ist hier verdammt teuer. Die Preise für Milch, Margarine und Brot sind schon wieder gestiegen. Für eine Flasche Milch, ein Brot, ein Viertel Butter und etwas Wurst musste ich neulich 3,16 DM zahlen. Es reichte gerade für ein Abendbrot. Die Preissteigerungen sind auf die Wiederaufrüstungen zurückzuführen. Kein Wunder, dass gerade die Frauen gegen die Remilitarisierung sind.«
Ein westdeutscher Bürger, der in Groß Glienicke, [Kreis] Potsdam, zu Besuch weilte, sagte: »Bei uns in Augsburg gibt es 60 000 Erwerbslose, von diesen hätte keiner die CDU gewählt. Uns ist klar, dass die Wahlen ein großer Betrug gewesen sind. Diese alten Lumpen (gemeint sind die Bundestagsabgeordneten) können wir nicht mehr sehen. Es ist Zeit, dass sie abhauen. Bei uns ist die Stimmung allgemein gegen die Pariser Verträge, denn wir merken jetzt schon, was sie für uns bedeuten. Die Mark wird bei uns jeden Tag weniger, während man bei euch immer mehr dafür kaufen kann.«
Meist werden die Pariser Verträge von Arbeitern abgelehnt und verschiedentlich fordern sie vom DGB außerparlamentarische Aktionen.
Ein parteiloser Chemiearbeiter aus Langenselbold sprach sich gegen den Kuhhandel der Gewerkschaftsführer mit den Unternehmern aus. Er erwartet, von der Gewerkschaftsführung Aktionen, insbesondere gegen die Rekrutierung. »Die Ablehnung der Rekrutierung ist hier groß, aber die Anwendung des Streiks als Kampfmittel fehlt.«
Aus einer Information geht hervor, dass in Marktredwitz,39 [Kreis] Hof, Bamberg, Naila und Müncheberg starke Bestrebungen gegen die Pariser Verträge zu verzeichnen sind. In Versammlungen fordern die DGB-Mitglieder die Ersetzung der schlappen und zu jedem Kompromiss bereiten Gewerkschaftsführer, durch eine Führung, die einen geraden Kurs steuert. Die Missstimmung gegen den Bundesvorstand des DGB und den Hauptvorstand der IG-Textil und Bekleidung kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Gewerkschaftsführung von den Mitgliedern allgemein als Totengräber der Bewegung bezeichnet wird. Es fehle in diesen Orten jedoch die Führung, um diese günstige Stimmung auszunützen.
Von fortschrittlichen Arbeitern wird zum Ausdruck gebracht, dass sich die schlechte Arbeit des DGB so auswirkt, dass man in manchen Großbetrieben noch nicht in der Lage ist, Streiks durchzuführen.
Ein Hilfsarbeiter bei den Badischen Anilin- und Sodafabriken, Mitglied des Betriebsrates, brachte zum Ausdruck, dass die Arbeiter der chemischen Industrie in Westdeutschland weniger durch die schlechte Arbeit ihrer Industriegewerkschaft, sondern vielmehr durch die schlechte Arbeit der Gewerkschaft überhaupt und die schwierige Lage in den Großbetrieben noch nicht in der Lage wären, Aktionen in Form von Streiks durchzuführen.
Verschiedentlich zweifelt man an der Bereitschaft, einheitliche Aktionen durchzuführen und glaubt nicht an die Möglichkeit, die Adenauergegner zu erfolgreichen gemeinsamen Handlungen zu bringen.
Eine Frau aus Großauheim (Mitglied der KPD) sagte: »Jetzt nach der Annahme der Pariser Verträge brauchen wir einheitliche Aktionen, aber die Arbeiter sind nicht bereit dazu. Viele wissen nicht, was sie wollen und sind sich nicht über den Ernst der Verträge im Klaren.«
Ein parteiloser Arbeiter aus Köln-Mehrheim, der als Handelsvertreter der IG Farben40 mit vielen Personen zusammenkommt, äußerte, dass sich 90 % der Bevölkerung gegen die Adenauer-Pläne aussprechen. Er selbst sieht aber nirgends die Kraft, die Aktionen auslösen könnte. Die einzige Lösung sieht er in den Vorschlägen der SU.
Ein Heizer aus dem Naphtol- und Chemiewerk in Offenbach erklärte: »Wir können gegen die Remilitarisierung nichts tun, das Parlament haben wir gewählt. Jetzt müssen wir machen, was beschlossen wird. Auch ein Streik hat keinen Zweck, denn die Amerikaner würden Panzer einsetzen und die sind stärker als die Arbeiter. Außerdem kommt ein Streik auch deshalb nicht infrage, weil man gegenwärtig für die Arbeiter viel tut, bezüglich Wohnungsbaus, Arbeitserleichterungen, durch Rationalisierung usw.«
Vereinzelt werden auch Diskussionen bekannt, wo man sieht, dass einige Arbeiter die Rolle der SPD erkannt haben.
Ein parteiloser Arbeiter aus den Conti-Werken aus Hannover äußerte sich begeistert über den Aufbau in der DDR: »Dieser Kampf lohnt sich. Wenn ich zurückkomme, werde ich meinen Kollegen sagen, was los ist. Ihr wisst, was ihr wollt. Aber drüben bei uns führt die SPD-Führung nur Wortfechtereien, tut aber nichts, um zum Generalstreik aufzurufen. Solche Aktionen sind jetzt notwendig, wenn es nicht zum Krieg kommen soll.«
Es zeigt sich immer mehr, dass besonders die Arbeiter der Hetze gegen die DDR keinen Glauben mehr schenken. So berichtete z. B. ein Chemiearbeiter aus Hamburg, dass früher auf Versammlungen und Kundgebungen die Redner Beifall erhielten, wenn sie gegen die DDR hetzten. Heute sei das wesentlich anders. Auf einer stattgefundenen Kundgebung, auf der ein führender Funktionär des DGB gesprochen hat, wurde die Hetze gegen die DDR von den Arbeitern mit eisigem Schweigen aufgenommen. Die alten Genossen der KPD verstehen es jedoch aufgrund ihrer sektiererischen Tendenzen nicht, die Bewegung nicht proletarischer Kreise und Schichten gegen die Pariser Verträge, wie z. B. den Kampf der Schleswig-Holsteinischen Pfarrer41 zu unterstützen.
Teilweise macht sich auch Verzweiflung über die politische Lage in Westdeutschland bemerkbar.
Ein Bürger aus Heyerode,42 [Kreis] Rothenburg a. d. Fulda, sagte, dass die Bevölkerung seines Ortes (hauptsächlich Menschen, die der CDU und FDP angehören) vollkommen niedergeschlagen über die politische Lage sind. »Sie haben durchweg einen Hass auf den Krieg und auf diejenigen, die einen dritten Weltkrieg heraufbeschwören. Sie glauben auch nicht an die Ehrlichkeit der Erklärungen der SU, sondern sind der Meinung, dass es eines Tages doch zu einer blutigen Auseinandersetzung kommen wird.«
In kleinbürgerlichen Kreisen vertritt man teilweise die Meinung, dass die Pariser Verträge gar nicht so schlimm seien, da es noch Jahre dauern würde, ehe sie wirksam werden. In der Zwischenzeit würde die SU trotz gegenseitiger Erklärungen zu Verhandlungen bereit seien.
Ein Weinhändler aus Kobern/Mosel ist der Meinung, dass es mit den Pariser Verträgen nicht so schlimm sei, da ja noch Jahre vergingen, ehe sie wirksam werden. In der Zwischenzeit würde die SU trotz gegenteiliger Erklärungen zu Verhandlungen bereit sein. Dies sei auch die Meinung vieler anderer Menschen.
Ähnlicher Meinung ist auch der Vertreter der Fa. Rudolf & Seidel.43 Er fügte hinzu: »Adenauer könne zwar ratifizieren, aber die Durchführung sei eine andere Sache. Die Arbeiter seines Betriebes und seine Geschäftsfreunde seien der Meinung, dass das Volk nicht in die Kasernen gehen werde.«
Eine starke Unterstützung der Kriegspolitik Adenauers zeigt sich besonders in reaktionären Kreisen der Unternehmer und der katholischen Kirche.
In Aschaffenburg treten reaktionäre katholische Elemente für die Fortführung der Politik Adenauers ein. Es wird dort von Terror der SPD gegen christliche DGB-Mitglieder gesprochen und mit der Spaltung gedroht. Katholische Kreise erheben die Forderung, dass sich der DGB aus parteipolitischen Streitigkeiten herauszuhalten habe. Die Unterschriftenaktion des bayrischen DGB für das Frankfurter Manifest44 sei nicht mehr zu dulden.
Ein Spielzeugwarenfabrikant aus Einbeck, [Kreis] Hannover, ehemaliger Hauptmann, erhielt von Großindustriellen den Rat, Vorbereitung für die Umstellung seiner Produktion zu treffen, denn in etwa sechs Monaten könne er statt Werkzeugstiele Handgranatenstiele herstellen. Für Aufträge sei gesorgt. Der Fabrikant bedauerte, dass er infolge seiner Beinamputation nicht mehr Hauptmann werden kann. Er sagte, dass nach Informationen aus Soldatenkreisen Blank45 große Sorgen um Offiziere der Stufen Leutnant bis zum Hauptmann habe. Diejenigen, die dafür infrage kommen, seien entweder in guten Posten oder Kriegsgegner. Die Ausbildung bis zum Leutnant dauere zwei Jahre und das sei zu lange.
Anlage 4 vom 16. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Auswertung von Hetzschriften
Die in den letzten Tagen bekannt gewordenen Hetzschriften der feindlichen Zentralen46 befassen sich mit den verschiedensten Problemen der demokratischen Entwicklung der DDR. An erster Stelle stehen dabei eher die Kommentare und Hetzartikel über die KVP und andere Sicherungsmaßnahmen der DDR. In der Industrie beschäftigt man sich weiterhin vor allem mit der Frage der Normerhöhung, während man in der Landwirtschaft in der bereits bekannten Art gegen die Schaffung von LPG Stellung nimmt. Weitere Hetzschriften enthalten Verleumdungen über das SfS und Drohungen gegenüber Bürgern wegen Unterstützung der Arbeit des SfS.
In den verschiedensten Ausführungen wird gegen unsere KVP gehetzt, wobei man sich besonders an die Jugendlichen in der DDR wendet. Dabei werden diese Hetzschriften entweder auf dem Postwege versandt, wie z. B. »Colloquium«47 (Zeitschrift für Studenten), Hetzschrift »Die neue Generation«48 von der »Aktionsgemeinschaft Freier Jugend Mitteldeutschlands«49 und Hetzschriften der UfJ50 mit entsprechenden Artikeln, oder durch Ballons verbreitet, wie kleine Flugblätter der KgU51 und das »Zentralkomitees antibolschewistischer Soldaten in der KVP.«52
Die in sämtlichen Schriften zum Ausdruck gebrachte Hetze unterscheidet sich nicht wesentlich von der seit ca. Anfang 1955 verbreiteten Hetze zu dieser Frage durch die Westsender. Einmal werden Zahlen über die Stärken und die Zusammensetzung der KVP genannten und zum anderen verleumdet man die »Werbemethoden der KVP«. Unter Bezugnahme auf die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht in der »Jungen Welt«53 im Januar 195554 heißt es dazu z. B.
»Mit anderen Worten: Aufrüstung und Militarismus streben in der Zone einen neuen Höhepunkt entgegen«. (aus »Die neue Generation« Heft 1/55)55
An anderer Stelle beklagt man die vorgesehene Veränderung der Verfassung der FDJ56 Hetze, dass
- 1.)
»die vormilitärische Ausbildung zur offiziellen Pflicht erhoben werden« und
- 2.)
eine »Jugenddienstpflicht mithilfe des FDJ-Statuts verkündet werden soll« (aus der gleichen Hetzschrift).
Die Aufforderungen zum Widerstand gegen die Verteidigungsmaßnahmen enthalten folgende Hinweise:
Im Flugblatt der KgU wird gefordert: »Diesmal freiwillig zur KVP« zu gehen und die Hetzschrift »Colloquium« fordert die FDJ-Funktionäre auf, bei den bevorstehenden Delegierten-Konferenzen der Hochschulgruppen den »Widerspruch in der Agitation« zur Diskussion zu stellen. Gemeint ist damit einmal die Forderung nach der Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft der DDR und das Asylangebot an westdeutsche Jugendliche.57
An »Kameraden der VP« wendet sich ein Flugblatt des »Zentralkomitees antibolschewistischer Soldaten in der KVP«, indem es zur Lähmung unserer Schlagkraft u. a. heißt:
»… Euch haben die bolschewistischen Zwingherren dazu ausersehen, vielleicht gar mit Waffengewalt, die Einheit Deutschlands zu verhindern. Wehrt euch gegen dieses verbrecherische Vorhaben. … Werdet nicht zu Dieben für die bolschewistischen Funktionäre und Blutsauger.«
Zur Beeinflussung der Genossen in den Kampfgruppen58 der SED werden diese in einem Artikel der Hetzschrift »Der Aufbruch«59 vom UfJ als »Bürgerkriegsmiliz« bezeichnet. Die weiteren Angaben dieses Artikels über Struktur, Stärke, Aufgaben einer Kampfgruppe sollen die Verleumdung beweisen. Zur Aufhetzung der Bevölkerung gegen die Kampfgruppen heißt es u. a. über die Aufgaben, dass »eine besondere Gruppe ausgebildet werden soll, die nur die Aufgabe hat, die Stimmung der Bevölkerung zu ermitteln.«
Hetze gegen die Lage in der Industrie der DDR enthalten einmal kleiner Flugzettel verschiedener Feindgruppen wie »Arbeiter-Jugend in der SBZ« und »Betriebsgruppen Ernst Thälmann Waggonbau Chemnitz«, in denen die Abschaffung der Normen gefordert wird und zum anderen vor allem die Hetzschrift »Tribüne«60 des SPD-Ostbüros61 und eine Schrift des SPD-Ostbüros mit dem Titel »Transmissionsriemen«.
Unter Bezugnahme auf den § 3 des Gesetzes der Arbeit »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«62 wird in der »Tribüne« aufgefordert, dass die Arbeiter immer wieder auf dessen Einhaltung hinweisen. Mit der Begründung, dass »die Höhe der Löhne in keinem normalen Verhältnis zu den außerordentlich hohen Preisen geht« heißt es u. a.:
»Deshalb kommt es darauf an, dass der einzelne oder aber eine kleine Gruppe von Arbeitern oder Angestellten individuell Lohnerhöhungen verlangt. Dass dies in vielen volkseigenen Betrieben bereits erfolgreich war, wird das Regime zwar nicht offen zugeben wollen, muss es doch aber in einer Vielzahl von arbeitsrechtlichen Bestimmungen anerkennen.«
Die gesamten Darlegungen dieses Artikels stehen unter der Überschrift »Widerstand – diesmal legal«.
Die Hetzschrift des FDP-Ostbüros63 fordert nach einer Hetzte gegen den FDGB als »Staatsgewerkschaft«:
»… Kollegen: Euer passiver Widerstand wird dazu beitragen, dass die Staatskapitalisten der Sowjetzone mit ihrer erneut geplanten Normenschinderei nicht zum Zuge kommen.«
Zur weiteren Beeinflussung der Arbeiter gegen die Normen heißt es dazu noch u. a., dass die durch die Normen aufkommenden Geldmittel »zur Ausrüstung der sowjetzonalen Nationalarmee« gebraucht werden.
In einer Hetzschrift der KgU werden Ingenieure der DDR nach der Hetze, dass ihre künftige Existenz durch den »kommunistisch ausgerichteten Nachwuchs« gefährdet sei, aufgefordert, »gelegentlich« nach Westberlin zur KgU zu kommen.
In Hetzschriften der KgU zur Lage in der Landwirtschaft wird zur »anonymen Mitarbeit an der Zerschlagung des sowjetischen Machtgefüges« aufgefordert, da – so heißt es u. a. – »die endgültige Sozialisierung der Landwirtschaft das Elend für die Bevölkerung der Sowjetzone noch vergrößert«.
Ein Flugblatt des SPD-Ostbüros zum gleichen Problem verherrlicht die »sozialistische Landwirtschaftspolitik« wie sie im »Aktionsprogramm der SPD«64 festgelegt ist. (Anerkennung des Privateigentums und Schaffung von Familienbetrieben.)
Zur Verleumdung des SfS wird in Hetzschriften immer wieder auf »strafbare Handlungen« von Mitarbeitern des SfS hingewiesen. So wird z. B. der Generalstaatsanwalt Dr. Melsheimer65 in einem offenen Brief der KgU66 aufgefordert, strafrechtlich gegen diesen Angehörigen des SfS aus Wittstock vorzugehen, der angeblich einen »feigen Mord an seinem Arbeiter« begangen habe, weil dieser von Unterschlagungen und Betrügereien des SfS-Angehörigen wusste.67 Die Hetze sichtet sich gleichzeitig gegen die Justizorgane der DDR, die »derartige Straftaten« billigten, was die Nichtverfolgung beweise.
Mordhetze wird gegen den neu eingesetzten Bürgermeister von Seddin (Bezirk Potsdam) durch die »Widerstandgruppe Rominten« getrieben. Er wird als Denunziant bezeichnet und soll »wie ein Aussätziger« gemieden werden.
Unter der Überschrift »Verwirrung im Parteiapparat der SED« verbreitet die Hetzschrift »Der Tag«68 Nr. 9, dass sich in unserer Partei »Merkmale fortschreitender Zersetzung« zeigten. Nach der Verleumdung, dass sich viele Genossen von der Partei zurückziehen, keine Abzeichen mehr tragen und sich in »sektiererischen Grüppchen von der Masse der Mitglieder absondern, um sich ein Alibi für spätere Zeiten zu besorgen«, heißt es weiter, dass die Einsicht um sich greife, »dass die SED anscheinend endgültig die Jugend verloren hat«. Alles in allem soll der Artikel bei den Mitgliedern Zweifel an der Kraft und Stärke der Partei erwecken.69
Ärzte der DDR werden in persönlichen Schreiben der KgU zu folgender Widerstandsarbeit aufgefordert: Sie sollen sich gegen die Einrichtung von Nachtsanatorien70 stellen, da diese »ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit« seien.
Sie sollen den Einsatz der Arzthelfer ablehnen, da diese »nachweisbar unglaubliche Kurpfuschereien« betreiben würden und sie sollen »insbesondere den leidenden Angehörigen der politischen Häftlinge helfen«.
Das Schreiben schließt wie folgt:
»So haben Sie auf der Grundlage Ihrer sachlichen Arbeit eine gute Plattform, um sich von den moralischen und geistigen Vergiftungen durch die Bolschewisten freizuhalten. Lassen Sie diese Gelegenheit im Sinne Ihres Berufes und im Namen aller deutschen Menschen nicht ungenützt vorübergehen.«
Anlage 5 vom 14. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Auswertung der Westsendungen
Mit den gleichen Argumenten der Lüge, Verleumdung und Diffamierung setzen die Westsender ihre Hetze gegen unsere demokratischen Einrichtungen und Organe fort, um die Bevölkerung zu beunruhigen und sie zum Widerstand bzw. zur Schädlingsarbeit aufzuhetzen.
So wird z. B. vom RIAS die Hetze gegen die ökonomischen Konferenzen71 fortgesetzt, um die Arbeiter dagegen aufzuwiegeln. Neuerdings benutzt man hierzu die Ausführungen des Moskauer Professors Punzkin72 und des Prof. Fritz Behrens,73 die in das Gegenteil verkehrt werden. Was von diesen über die Ausbeutung und ihre Ursachen im Kapitalismus aufgezeigt wurde, versucht man auf unsere Planwirtschaft zu übertragen und die Arbeiter zu folgenden Handlungen aufzuhetzen: »Der Widerstand zwischen Arbeiter und Planwirtschaftler wird sich verstärken, die Störungen im Arbeitsablauf erhöhen, die Ausschussproduktion steigern. Der Klassenkampf im System der sozialistischen Planwirtschaft wird dadurch eröffnet.« Zur Verweigerung technisch begründeter Normen74 wird wie folgt aufgefordert: »Prof. Behrens ist der Meinung, dass die Normenerhöhung nur nach der Steigerung der Arbeitsproduktivität stattfinden kann und nicht vorher.75 Also muss erst die Arbeitsproduktivität gesteigert werden, dann kann man die Normen erhöhen.«
Um die Eisenbahner gegen das Reichsbahnausbesserungswerk Oberschöneweide aufzuhetzen, verbreitet RIAS, dass dieser Betrieb mit den geringsten Verlusten arbeite, weil der Werksdirektor »ein linientreuer Anhänger des Regimes« sei. In diesem Zusammenhang versucht er auch, die »Gefährlichkeit« dieses Betriebes aufzuzeigen bzw. warnt, dass sich die Arbeiter dort vorsehen müssten, indem er Folgendes ausführt: »Die Hilde Benjamin76 besuchte höchstpersönlich das Werk.77 Es handelte sich hier um den Kollegen [Name]. [Name] hatte angeblich zu Beginn der Viererkonferenz78 drei Minuten lang nicht gearbeitet. Die Benjamin behauptete, das sei eine Provokation und ließ ihn zu 4½ Jahren Zuchthaus verurteilen.«
Im Zusammenhang mit Sendungen über die Leipziger Messe versucht RIAS, unseren Export zu diffamieren, wobei er Beispiele anführt, dass Schweden, Norwegen, Holland und die Türkei mit der Qualität der gelieferten Waren nicht zufrieden seien, dass oftmals wichtige Teile fehlten (u. a. werden Kotflügel an IFA-Wagen genannt) und dass man den Mangel an Ersatzteilen kritisiert. Dazu hetzt der RIAS u. a.: »Eines der wichtigsten Probleme des Exportes ist es, sich zufriedene Kunden zu erhalten. Die kommunistische Planung nimmt darauf überhaupt keine Rücksicht, für sie gibt es nur die schnelle Erfüllung des Planes.«
Mit großer Entrüstung stellt RIAS fest, dass sich die SED um die Frühjahrsbestellung kümmert und dafür Beschlüsse fasst, was er mit folgender Äußerung zum Ausdruck bringt: »… Soweit hat sich der östliche Teil Deutschlands vom westlichen entfernt.« Damit bezweckt RIAS die Beeinflussung der Bauern gegen die Partei, ihre Agrarpolitik und alle Neuerermethoden79 in der Landwirtschaft. Er hetzt, dass es keinen Parteibeschluss bedarf, weil die Bauern seit über tausend Jahren eine geordnete Landwirtschaft führten und immer selbst gewusst hätten, was sie tun müssen. »Die SED helfe ihnen nicht und hindere sie nur daran, es so auszuführen, wie sie es für richtig halten und seit Generationen mit Erfolg getan hätten.«
In einer anderen Sendung verbreitet RIAS die Meldung, dass Keimproben in verschiedenen Gegenden der DDR eine geringe Keimfähigkeit beim Saatgut (50 %) ergeben hätten. Deshalb empfiehlt er den Bauern, die Saatmengen zu vergrößern und für die Futtermittelsaat schon jetzt zu überlegen, auf welche Futterpflanze sie ausweichen, falls sie kein Saatgut für den Futterpflanzenanbau erhalten. – Bekanntlich kann man Getreide, besonders Roggen, als Futtermittel auch in grünem Zustand verwenden. Darin liegt vermutlich die Absicht des RIAS.
Zum Leitartikel des »ND« über die neuen Aufgaben der MTS80 hetzt RIAS, »dass nichts Konkretes, nur die alten zum Überdruss bekannten Mängel und eine Aufzählung der alten Schlagworte und Parolen« gebracht worden seien. Die vielen Aufgaben der MTS, die RIAS als grotesk bezeichnet, seien infolge des Ersatzteilmangels, der Fluktuation und Zustände auf den MTS undurchführbar. »Der eigene Traktor auf dem Hofe« argumentiert RIAS weiter, um gleichzeitig die MTS-Arbeiter und Bauern aufzuhetzen, »ist zumindest zwei Traktoren der MTS gleichwertig, wenn nicht überlegen«.
An anderer Stelle versucht RIAS, die Vorteile des eigenen Traktors sogar durch Ausführungen des Genossen Chruschtschow81 und sowjetischer Fachzeitschriften zu beweisen.82 Hierzu behauptet er, dass diese sich höchst anerkennend über die amerikanische Landwirtschaft geäußert hätten. Dabei sollen sie den Ausdruck gebraucht haben: »Was macht denn die Landwirtschaft des Westens so produktiv?« RIAS antwortet darauf, »dass es der eigene Traktor auf dem Hofe des Einzelbauern sei«.
Der Sender »Freies Berlin«83 hetzt gegen das Asylangebot der DDR an die westdeutsche Jugend und behauptet, »dass man trotz aller Versprechungen Wege finden wird, sie langsam in das allgemeine Jugendprogramm einzubeziehen. In Kurzlehrgängen soll in Zukunft die vormilitärische Ausbildung der Jugendlichen erfolgen. Die Zeltstädte werden dann die Jugendlichen aus Westdeutschland kennenlernen. Man wird mit Lob und Medaillen nicht sparen und am Schluss dem geeigneten Augenblick finden, ausgesuchte Jugendliche die freiwillige Verpflichtung zur KVP unterschreiben zu lassen.«
In einer Hetzsendung des RIAS gegen die Freundschaft mit der ČSR und Volkspolen werden die dortigen Jugendfreunde als misstrauisch uns gegenüber bezeichnet, und der Versuch unternommen, die KVP mit der SS zu vergleichen. Inhalt der Hetze: »Bei einem Freundschaftstreffen mit Angehörigen des tschechoslowakischen und polnischen Jugendverbandes« heißt es in einem angeblichen Hörerbrief,84 »wurden wir auch nach der KVP gefragt. Als wir ihre Schlagkraft und hohe Moral befehlsgemäß lobten, natürlich in den Worten, die dafür von der Partei vorgeschrieben sind, waren unsere polnischen und tschechischen Freunde betroffen. Einer fragte sogar: ›So schlagkräftig wie die SS?‹ Wir spürten, dass die Zwangsfreundschaft sie noch misstrauischer macht und keineswegs dazu beiträgt, ein friedliches, freundschaftliches Verhältnis zu schaffen.«
Um die Bevölkerung gegen die Werbung für die KVP und gegen den Vorschlag des Genossen Otto Grotewohl für eine gesamtdeutsche Volksabstimmung aufzuhetzen, versucht RIAS, diese beiden Probleme als einen Widerspruch hinzustellen. Hierbei beruft er sich auf die Arbeitsrichtlinien der neuen BGL, mindestens 20 Kollegen für die KVP zu gewinnen und sagte dazu Folgendes: »Wenn wir diese Arbeitsanweisung der BGL und Partei im Berliner Transformatorenwerk auf westdeutsche und Westberliner Verhältnisse übertragen würden, dann müssten heute oder morgen in westdeutschen Betrieben die Betriebsräte eine Resolution unterschreiben, in der es heißen würde: ›Die besten Kollegen unseres Betriebes sind von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass zum Schutz unserer Bundesrepublik die Aufstellung bewaffneter Divisionen notwendig ist‹.« Anschließend fordert RIAS eine Probeabstimmung über die Pariser Verträge und über die Arbeitsrichtlinien der BGL im Berliner Transformatorenwerk in Berlin.
In der gleichen Form wie gegen die Wahlen in FDGB, FDJ und Konsum,85 hetzen die Westsender gegen die Schöffenwahlen,86 dass dafür nur »linientreu« parteiergebene Genossen ausgesucht seien. Zu diesem Zweck beständen die Wahlausschüsse fast ausschließlich aus SED-Funktionären. Die Bevölkerung wird aufgefordert, sich die Schöffen, vor allem diejenigen, welche gemäß § 51 des GVG87 zu politischen Anklagen herangezogen werden, genau anzugehen. Den neugewählten Schöffen wird die Warnung erteilt, bei Gewissensentscheidungen »nicht gleich die Heimat aufzugeben, sondern rechtschaffen zu bleiben«. Allen Schöffen, hauptsächlich denen in den ersten Instanzen der Bezirksgerichte, wird gedroht, dass sie die Verantwortung im vollen Umfang für die Unterschriften unter die Urteile tragen, in denen sie mitgewirkt haben.
Anlage 6 vom 14. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Bericht über Normenfragen in der Zeit vom 8. bis 14. März 1955
Zum Stand der ersten Etappe bei der Einführung neuer technisch begründeter Arbeitsnormen88 im Wismut-Gebiet ist zu sagen, dass sie im Wesentlichen abgeschlossen wurde.89 Die erste Etappe hatte zum Ziel, die Kumpels davon zu überzeugen, dass nach technisch begründeten Normen gearbeitet werden muss.
Die zweite Etappe umfasst das Ziel, den Kumpels die neuen Normen bekannt zu geben und von ihnen das Einverständnis einzuholen, dass sie bereit sind, nach neuen technisch begründeten Normen zu arbeiten. Es zeigt sich weiterhin, durch gute Aufklärungsarbeit, dass sich für die Einführung neuer technisch begründeter Arbeitsnormen immer mehr Kumpels bereiterklären. Die Meinung eines Hauers vom Schacht 6b – Oberschlema – gilt für viele Kumpel. Er sagt: »Wir können Vertrauen zu unserer Regierung haben, denn sie hat bis jetzt alles zu Gunsten der Arbeiterschaft geregelt. Ich bin deshalb der Meinung, dass wir auch in dieser Frage keine Bedenken zu haben brauchen und ruhig unsere Zustimmung zu den neuen Normen geben können.«
Ein anderer Hauer des gleichen Schachtes wies daraufhin, dass noch viel Reserven zur Ausnutzung der Arbeitszeit vorhanden sind. Es müsse nur von den Wirtschaftsfunktionären des ITP die Organisation betreffs des Materials aufs Beste geregelt werden, dann gäbe es keinen Kumpel, der nicht mit der Einführung technisch begründeter Arbeitsnormen einverstanden wäre.
In der Fabrik 96 – Freital – war es durch gute Agitation möglich, dass ca. 80 % der Belegschaft ihre Zustimmung zu den technisch begründeten Normen gaben.
Im Arbeitsgebiet – Gera – erklärten sich u. a. nachstehende Arbeitsbereiche bereit, da den neuen Normen zu arbeiten:
- –
Karriere »IV. Parteitag« = 17,7 %
- –
Karriere »Gauern« = 100 % (ca. 300 Mann Belegschaft)
- –
Schacht »Schmierchau«90 = 55 %
- –
Garage »Zwirtzschen«91 = 80 %
Im Objekt 02 – Oberschlema – (ist eines der größten Objekte) hatten bis zum 8. März [1955] 757 Brigaden unter Tage und 50 Brigaden über Tage = 75 % freiwillig die Verpflichtung angenommen, ihre Norm technisch überprüfen zu lassen und nach neuen Normen zu arbeiten.
Wenn auch das Ergebnis der ersten Etappe im Allgemeinen gut ist, so gibt es doch einige Beispiele davon, wo es noch nicht gelungen ist, einzelne Kumpel oder Brigaden von der Notwendigkeit der Überprüfung der Normen zu überzeugen. Bei der Aufklärungskampagne geht man jetzt dazu über, denen, die sich bis jetzt gegenüber der Überprüfung der Normen ablehnend zeigten, die neuen Normen bekanntzugeben und man versucht, sie durch gute Aufklärung von der Notwendigkeit nach technisch begründeten Normen zu arbeiten und zu überzeugen.
Ein schlechter Stand ist u. a. zu verzeichnen im Schacht 277, wo sich erst von 220 Brigaden 74 Brigaden, und im Werk 512 – Aue – nach dem Stand vom 8.3.[1955] erst sechs Brigaden zur Überprüfung bereiterklärten.
Besonders drei Brigadiere versuchen an den alten Normen festzuhalten. Einer davon äußerte gegenüber Funktionären unserer Partei: »Warum sagt Ihr nicht die Wahrheit, dass der Fünfjahrplan92 am Ende ist und auch Ihr am Ende seid und nicht mehr weiterkönnt?« Bezeichnend dafür ist, dass es in diesen drei Brigaden einen großen Teil alter Genossen gibt, die vor 1933 Mitglied der SPD waren.
Im Werk 556 – Aue – kommt es in der mechanischen Abteilung immer wieder vor, dass von einzelnen Arbeitern die Frage gestellt wird: »Habt Ihr denn den 17. Juni schon wieder vergessen?«.
Im Schachtkombinat Zobes – Auerbach – wird von einem Teil der Kumpel die Einführung neuer technisch begründeter Arbeitsnormen nur mit »Normerhöhung« bezeichnet und es werden Diskussionen geführt, dass durch die Geschehnisse des 17. Juni die Normerhöhung nicht zur Durchführung gekommen sein.
In der Jugendbrigade Meyer im Schacht Zobes wird geäußert, dass ein großer Teil der Kumpel nach dem Westen gehen wollte, wenn die Norm »erhöht« würde. Des Weiteren werden in dieser Brigade Diskussionen geführt, dass an ihren Arbeitsplätzen bzw. an den Maschinen keinerlei Verbesserungen vorgenommen wurden und demzufolge müsste die Norm bleiben wie sie ist.
In den Schächten 21 und 78 – Annaberg – forderten die Kumpel, dass erst die Voraussetzungen geschaffen werden müssten, bevor eine Überprüfung der Norm vorgenommen werden könnte.
In der Bohrabteilung I – Gera – weigerten sich einige Kumpel zu unterschreiben und brachten zum Ausdruck, dass es sowieso nicht auf ihre Unterschrift ankäme, denn die neue Norm würde auch ohne die Zustimmung der Kumpel eingeführt.
Als im Schacht 362 – Auerbach – zwei Brigadiere wegen der Überprüfung der Norm angesprochen wurden, zerknüllten beide die Schreiben, auf denen sie ihre Unterschrift betreffs ihres Einverständnisses abgeben sollten. Außerdem beschimpften sie den Genossen mit den Worten: »Normenbrecher«.
Im Allgemeinen haben aber die feindlichen Äußerungen einen geringen Umfang und üben keinen Einfluss auf die sonst fortschrittliche Einstellung der Mehrheit der Wismutkumpel aus.
Bei der Hetze gegen die Einführung der technisch begründeten Arbeitsnorm wird vor allem immer wieder der 17. Juni 1953 erwähnt. So sagte z. B. ein Schlosser vom Kesselbau der Fabrik 96 – Freital –: »Wenn man mit der Normbewegung so weiter macht, werden wir bald wieder einen 17. Juni haben.«
Ein Kumpel von der Fabrik I/98 – Johanngeorgenstadt –: »Die verlangen immer mehr von uns und ziehen noch Leute ab, damit wir gezwungen werden, nicht mehr über unseren Schichtlohn hinauszukommen. Die sollen nur vorsichtig sein, damit wir nicht wieder einen zweiten 17. Juni bekommen. Wenn das damals hier in Johanngeorgenstadt geklappt bzw. von Gera übergegriffen hätte, wäre es um die Regierung geschehen gewesen.93 Damals war ich noch beim Objekt 177 in der Elektroabteilung. Wenn es bei uns losgegangen wäre, hätten nur allen Schächten den Strom wegzunehmen brauchen und es hätte geklappt.«
Ein Brigadier von Objekt 101 Zwickau: »Wenn es im Westen passieren würde, würde man streiken und was ist bei uns?« Er forderte den Gruppenorganisator der Partei auf, eine Entschließung zu schreiben, die sich gegen die neue Norm richtet.
In den Industrie- und Verkehrsbetrieben lösen oftmals Neufestsetzungen sowie irgendwelche Änderungen in der Normfrage eine schlechte Stimmung unter den Betroffenen aus. Dies wird noch durch die Hetze einzelner negativer Elemente geschürt.
Zum Beispiel im Stanz- und Emaillewerk Prettin,94Kreis Jessen werden u. a. über technisch begründete Arbeitsnormen Diskussionen geführt, dass man um die Betriebe rentabel zu gestalten, bei den Arbeitern anfangen würde und nicht im Büro bei den Angestellten. Die Normen würden aufgebaut zulasten der Produktion und die Arbeiter würden dadurch zu Maschinen.
Ein negatives Element des Betriebes versucht einige Kollegen zu beeinflussen, indem er sagte: »Wenn der TAN-Bearbeiter mit der Stoppuhr kommt, müsst ihr nur recht langsam arbeiten.« Damit fand er Zustimmung.
In der VEB Möbelfabrik Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, wurde in der Abteilung Stühle eine neue Normfestsetzung notwendig. Darüber äußerte sich ein Arbeiter: »Das ist eine Ausbeutung was hier gemacht wird und eine Schinderei. Unter solchen Umständen arbeite ich nicht mehr.«
(Er reichte auch tatsächlich seine Kündigung ein – und Genannter war Sekretär der BPO.)
Im VEB Hochbau Friedrichshain Berlin wurde eine genaue Kontrolle der Abrechnungszettel eingeführt, was eine Missstimmung hervorrief. Ein Brigadier äußerte z. B., dass jetzt bei ihnen die Stimmung schlechter als vor dem 17. Juni 1953 sei.
Die Kollegen einer Brigade brachten zum Ausdruck, dass die Verbindung der BGL und BPO zu ihnen völlig ungenügend sei.
Anlage 7 vom 14. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Bericht über Umgruppierung von Arbeitskräften in der Zeit vom 8. bis 14.3.1955
Zu dem oben genannten Problem95 ist zu sagen, dass Umbesetzungen von Arbeitskräften, entweder innerhalb eines Betriebes oder von einem Industriezweig in einen anderen, nur in Einzelfällen nicht nach den Direktiven von Partei und Regierung erfolgen. Meist wird dadurch unter den Betroffenen eine schlechte Stimmung ausgelöst.
Zum Beispiel wurden im VEB »Heinrich Rau« in Wildau,96 [Bezirk] Potsdam, einige jugendliche Facharbeiter als Hilfsarbeiter umbesetzt. Darüber sind die Betroffenen verärgert und auch unter den Lehrlingen wird darüber negativ diskutiert. So sagten u. a. zwei Lehrlinge: »Es hat ja gar keinen Sinn etwas zu lernen, wir bekommen ja doch nach der Lehrzeit keine Arbeit als Facharbeiter.«
Ein jugendlicher Facharbeiter, welcher vor kurzer Zeit aus Westdeutschland in die DDR kam, äußerte dazu: »Ich kann nicht verstehen, dass man die Jugendlichen aus Westdeutschland auffordert, in die DDR zu kommen und ihnen versichert, dass sie in ihrem Fach Arbeit bekommen. Ich z. B. bin Werkzeugschlosser und arbeite als Transportarbeiter, weil keine andere Arbeit vorhanden ist.«
Anlage 8 vom 15. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2432
Meinungen zur Jugendweihe in Dresden und Freital
In Dresden wurde die Jugendweihe97 auf den 20.3.[1955] und in Freital auf den 27.3.1955 festgesetzt, obwohl der Unterricht für die Jugendweihe (zehn Doppelstunden) noch nicht abgeschlossen ist und an diesen beiden Tagen (20.3. und 27.3.1955) überall die Konfirmandenprüfungen stattfinden.
Es gibt jedoch Eltern, die ihre Kinder trotz Konfirmation zur Jugendweihe gemeldet haben. Denen ist es unverständlich, dass für Dresden und Freital seitens des Bezirksjugendweiheausschusses98 für Sonntag, den 20.3. und 27.3.[1955] die Feier festgelegt wurde. Dadurch ergeben sich Überschneidungen der Konfirmandenprüfungen mit der Jugendweihe.
Eine Frau, deren Tochter an Jugendweihe und Konfirmation teilnehmen will, äußerte: »Durch diese falsche Festlegung des Termines werden Kinder und Eltern in einen Zwiespalt gebracht, der doch nach allem Gesagten gar nicht sein soll. Warum macht man uns Eltern, die bekanntlich durch das unverständliche Verhalten der Kirchen schon genug Schwierigkeiten haben, nun noch seitens der Leitung der Jugendweiheausschüsse diese Schwierigkeiten? … Wenn die Eltern so kurz vorher vor die Entscheidung gestellt werden …. Konfirmation oder Jugendweihe …, da die Termine sich überschneiden, werden sie sich für die Konfirmation entscheiden und der guten Sache ist wenig gedient.«