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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

19. März 1955
Informationsdienst Nr. 2433 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben sich in der Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben keine wesentlichen Veränderungen ergeben. Es wird nur noch in geringem Maße über die gegenwärtige politische Lage, die sich aus den Pariser Verträgen1 ergeben hat, diskutiert. Dabei beinhalten die Gespräche oftmals die Frage der Verteidigungsmaßnahmen2 und es treten immer wieder bei einem Teil der Beschäftigten, besonders unter den Jugendlichen und bei denjenigen, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht haben, pazifistische Tendenzen auf.

Am häufigsten ist die Äußerung »nie wieder ein Gewehr in die Hand zu nehmen, ganz gleich für wen«. Diese pazifistischen Ansichten beruhen weniger auf einer feindlichen Einstellung gegenüber unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat, sondern ergeben sich vielmehr aus der Ablehnung eines Krieges sowie aus den noch immer bestehenden großen Unklarheiten in der Frage Nationaler Streitkräfte bzw. Streitkräfte der westeuropäischen Länder.

Bei den Gesprächen über die politische Lage kommt es aber auch in geringem Maße zu Stellungnahmen, die auf eine offensichtliche negative Einstellung schließen lassen. Es handelt sich dabei meist um reaktionäre Elemente, die vielfach unter dem Einfluss der Westpropaganda stehen und dies in ihren Diskussionen auch zum Ausdruck bringen.

Zum Beispiel sagten zwei parteilose Kollegen von der Baustelle Fangberg3 im Buna-Werk: »Trotz allen Geschreies von der DDR aus, haben sich Adenauer4 und der Bundestag nicht stören lassen und die Verträge angenommen, denn sie machen, was sie für richtig halten. Dem westdeutschen Arbeiter geht es gut und er kümmert sich nicht um Politik, denn sonst hätte er es sich nicht gefallen lassen und hätte gestreikt. Denn sie können dort noch streiken, wenn ihnen etwas nicht passt. Dass dann der Krieg vor der Tür steht, das ist die Propaganda von uns, denn die da drüben wollen den Krieg genau nicht, wie wir«.

Auf die Frage eines Kollegen im VEB Kabelwerk Oberspree Berlin, ob nun auch in der DDR Streitkräfte aufgestellt werden, antwortete ein anderer: »Denen ist alles zuzutrauen. Da wird die Wirtschaft ja hier bald zugrunde gehen, aber die im Westen werden die Aufrüstung gar nicht so merken. Im Gegenteil, der Lebensstandard wird dann sogar noch steigen, denn die Arbeitslosen fallen weg. Wir haben ja gesehen, wie wir bei Hitler leben konnten«.

Ein Zugführer des Bahnhofes Wriezen, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Es hat schon seine Richtigkeit, wenn der Bonner Bundestag die Pariser Verträge ratifiziert hat, denn schließlich haben wir ja mit der Aufstellung einer Wehrmacht begonnen.5 Aus diesem Grunde kann man es Westdeutschland nicht verdenken, wenn sie Maßnahmen treffen, um ihre Grenzen zu schützen«.

Die Unterhaltungen befassen sich jetzt größtenteils mit wirtschaftlichen Problemen, z. B. der Versorgungslage und betrieblichen Mängeln, die aber vielfach mit den politischen Fragen verknüpft werden. Oftmals wird die gegenwärtige Verknappung verschiedener Lebensmittel mit der Ratifizierung der Pariser Verträge im Zusammenhang gebracht und es wird von einem bevorstehenden Krieg gesprochen. Diese Ansichten führten größtenteils zu den Hamstereinkäufen.

In zunehmendem Maße verurteilten aber die Kollegen in den Betrieben diese Hamsterei und es kommt zu Äußerungen wie z. B. »denjenigen, die in Massen einkaufen, müsste alles verderben, damit sie für ihre Handlungsweise bestraft werden«.

Auch erklärten einige, dass bei den Hamstereinkäufen die Arbeiterkontrollen6 sowie die zuständigen Organe versagt haben, die sich doch hätten zur Aufgabe stellen müssen, die Hamsterei zu unterbinden. Viele Arbeiter verstehen nicht, warum von der Regierung und der Partei keine richtige Aufklärung über die gegenwärtige angespannte Versorgungslage erfolgt, und dass dadurch der Gegner ausreichend Gelegenheit zu seiner Hetze habe.

Charakteristisch für diese Einstellung ist eine Diskussion unter Parteifunktionären im Buna-Werk. Dort wurde zum Ausdruck gebracht, dass die Äußerungen über die Versorgung mit Brot, Zucker und einigen anderen Lebensmitteln, vom Gegner ausgenutzt werden, um Missstimmung unter die Belegschaft zu bringen. So gibt es in den Betrieben des Werkes folgende Argumente:

  • »Ihr kommt nur immer mit politischen Dingen, aber über das schlechte Brot7 diskutiert ihr mit uns nicht.«

  • »Warum gibt es nur noch Einheitsbrot, was viel schlechter ist als früher und trotzdem DM 0,78 kostet.«

  • »Warum gibt es keinen Zucker8 und warum soll das Bier9 im Alkoholgehalt um 6 % gesenkt werden?«

Von negativen Elementen wird immer wieder die Frage gestellt, »ob das jetzt der versprochene Lebensstandard für 195510 sei«. Vereinzelt werden auch Anspielungen auf einen neuen 17. Juni gemacht oder es wird an den faschistischen Putschversuch 1953 erinnert.11

Zum Beispiel sagte ein Schweißer aus dem Kirow-Werk in Leipzig:12 »Die Regierung erlebte am 17. Juni den Polterabend und wahrscheinlich wollen sie jetzt noch die Hochzeit erleben.«

Von dem im VEB Böhlen (Schwelerei) beschäftigten Arbeitern der Fa. Wagner13 aus Crimmitschau äußerten einige: »Na, es wird bald wieder einen neuen 17. Juni geben. Es wird ja auch immer schlechter. Nichts bekommt man mehr zu kaufen.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Thräna,14 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, sagte: »Es müsste bald wieder zu einem 17. Juni kommen, denn die fangen schon wieder an, die Arbeiter zu schikanieren. Auch gibt es keinen Zucker und keine Butter mehr zu kaufen.«

Ein parteiloser Hilfsarbeiter aus dem VEB Maxhütte: »Die Arbeiter werden das nicht mehr lange mit ansehen und die Regierung bald zum Teufel jagen. Man wird dann nicht genug Galgen aufstellen können.«

In verschiedenen Betrieben der Bezirke Suhl und Halle ist das Gerücht von einer bevorstehenden Währungsreform in Umlauf.

Von fortschrittlichen Kräften wird dies zurückgewiesen und sie erklären, dass sie nicht daran glauben. Zum anderen lässt man sich aber auch von diesem Gerücht beeinflussen und es kommt beispielweise zu Äußerungen wie, »da hat man nun ein paar Mark gespart und nun soll es wieder anderes Geld geben«.

Neben den Diskussionen über aktuelle politische Probleme sowie über die gegenwärtige Versorgungslage, wird in den Betrieben vielfach über die Betriebskollektivverträge15 1955 sowie über Prämien- und Lohnfragen gesprochen. In diesem Zusammenhang kommt es vereinzelt zu provokatorischen Forderungen.

Im VEB »Plasta« in Sonneberg,16 [Bezirk] Suhl, wurde der BKV für 1955 abgeschlossen. Hauptdiskussion bildete dabei die Prämienverteilung für das IV. Quartal 1954. Viele Kollegen sind der Meinung, dass die Pläne nur durch ihre geleisteten Sonderschichten erfüllt wurden und deshalb sei es nicht richtig, »dass die Werkleitung 60 % der Prämien einsteckt«. Trotz dieser Diskussionen gingen bei der Annahme des BKV in diesem Betrieb zahlreiche Produktionsverpflichtungen ein.

Im VEB Schiefergruben Lehesten, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Suhl, waren die Kollegen mit dem Punkt im BKV nicht einverstanden, wonach der Lohn im Monat nicht mehr wie bisher viermal, sondern nur noch dreimal ausgezahlt werden soll. (Dadurch sollten 5 000 DM eingespart werden.) Aufgrund mangelnder Aufklärung wurde dieser Punkt im BKV nicht aufgenommen.

Im VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, bringt der BKV 1955 eine 50%ige Kürzung der Erschwerniszulage für verschiedene Kollegen mit sich. Des Weiteren sollen die Kollegen, die in der Spätschicht arbeiten, die Überstunden – pro Woche vier Stunden – durch Freizeit abfeiern. Damit sind die Betroffenen nicht einverstanden und versuchen zu beweisen, dass in anderen Schichtbetrieben die Überstunden bezahlt würden.

Im VEB Deutzen,17 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, erhoben die E-Lokfahrer in den Diskussionen über den Abschluss des BKV die Forderung nach Erhöhung des Jahresurlaubes auf 18 Tage. Sie begründen dies damit, dass sie auch an Sonntagen arbeiten und zum Teil unter Tage fahren müssten. Diese Forderung wurde der BGL mit zahlreichen Unterschriften vorgelegt.

Im VEB Thräna, [Kreis] Borna, wurde die gleiche Forderung von den E-Lokfahrern erhoben.

Am 13.3.1955 wurden in einer AGL-Gruppenversammlung im Betrieb B 50 (C-Schicht) des Buna-Werkes von einem Schlosser provokatorische Forderungen gestellt, die vom Gruppenorganisator angenommen, formuliert und in alle drei Schichten zur Unterschrift gegeben wurden.

Die Forderungen enthielten: Für die Schichten die Nachtschichtprozente von 10 auf 15 % zu erhöhen; für Sonntagsschichten 50 % und 15 % Nachtschichtzulage zu geben; für Feiertage, bei acht Stunden Zeitlohn und bei zwölf Stunden mit 100 % Zuschlag zu geben.

Dieses Schreiben mit den Forderungen nahm ein Genosse an sich und leitete es der SED Kreisleitung im Buna-Werk zu.

Am 10.3.1955 stellten im VEB Schreibmaschinenwerk Dresden, Werk II, 18 Transportarbeiter an die Abteilungen Arbeit die Forderung, ihren Lohn von Lohngruppe V und Prämie, auf Lohngruppe IV und Prämie zu erhöhen. Bei Nichterfüllung ihrer Forderung wollten sie kündigen. Obgleich abgelehnt wurde, machten sie ihre Drohung nicht wahr.

Im VEB »Intarsien« Zeitz18 wurde eine Prämie im innerbetrieblichen Wettbewerb um die Wanderfahne des Bezirkes Halle in Höhe von 1 500 DM erworben. Die Betriebsleitung und die neue BGL nehmen eine gestaffelte Verteilung vor, sodass einige Kollegen keine Prämie erhielten. Daraufhin gingen der frühere BGL-Vorsitzende und ein anderer Kollege zum neugewählten BGL-Vorsitzenden, warfen ihm ihre Prämie vor die Füße und der Kollege äußerte noch dazu, dass der BGL-Vorsitzende ein »Arbeiterverräter« sei.

In der Abteilung Kumetbau des gleichen Betriebes, wo einigen Kollegen aufgrund ihrer schweren körperlichen Arbeit Erschwernisurlaub zusteht, verlangte die gesamte, aus 18 Kollegen bestehende Abteilung beim BGL-Vorsitzenden, dass alle Kollegen der Abteilung 18 Tage Urlaub erhalten.

In der Abteilung Drahtfabrik (Verseilerei) des VEB Kabelwerk Oberspree/Berlin, wurde eine Protestresolution wegen der Entlassung von Westberliner Kollegen19 verfasst und von allen 56 Beschäftigten der Seilerei, die Schichtdienst hatten, unterschrieben.

In der Resolution hieß es u. a.: »Da sich die Regierung für die Einheit Deutschlands einsetzt, können wir derartige Maßnahmen nicht verstehen, bzw. billigen.« Diese Resolution wurde von der BGL eingezogen.

Immer wieder wirken sich die Materialschwierigkeiten in den verschiedenen Produktionszweigen auf den planmäßigen Produktionsablauf aus.

Im LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, fehlen für die Fertigstellung von 19 Elektro-Lokomotiven 300 Seeger-Ringe. Diese werden in der DDR nicht hergestellt und müssen aus Westdeutschland bezogen werden. Seit Dezember 1954 bemüht sich dieser Betrieb um die Beschaffung dieses Materials. Von der DHZ20 wird behauptet, diese Ringe seien nicht zu beschaffen, da der Import bereits überzogen sei. (Bei den Elektro-Lokomotiven handelt es sich um einen Exportauftrag.) Das zuständige Ministerium ist davon unterrichtet, hat aber noch keine Abhilfe geschaffen.

Im VEB »WEFA« Treptow/Berlin21 sieht der Produktionsplan die Fertigung von 2 500 Außenmotoren vor. Es treten dabei insofern Schwierigkeiten auf, dass der Lieferbetrieb für Zünder, Fahrzeugelektrik in Karl-Marx-Stadt auf Veranlassung des Fachministeriums die Produktion einstellen muss. Das Werk kann deshalb nur noch 700 Zünder liefern.

Im Werk Polysius Dessau,22 [Bezirk] Halle, herrscht unter den Arbeitern in der Kesselschmiede eine schlechte Stimmung. Die Dreher und Schlosser müssen teilweise mit anderen Arbeiten beschäftigt werden, weil das Material fehlt. Viele lehnen dies ab und verbummeln die Arbeitszeit.

Ähnlich ist es auch in den Waggonfabriken Dessau und Ammendorf, [Bezirk] Halle, wo ganze Arbeitsgruppen wegen ungenügender Materialbelieferungen nicht ausgelastet sind.

Im VEB Oberlausitzer Textilveredelungswerk Eibau, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden, sind Produktionsschwierigkeiten durch Farb- und Filmdruckmangel entstanden. Seit Mitte Februar wird auf eine Farbenlieferung aus Westdeutschland gewartet. Der Betrieb war gezwungen, um die Produktion nicht einstellen zu müssen, Farben von privaten Unternehmern zu beziehen.

Im VEB Glaswerk Stützerbach, [Bezirk] Suhl, besteht ein großer Mangel an Verpackungsmaterial, besonders an Seidenpapier. Dieses wird zur Verpackung von Exportartikeln für die SU benötigt. Außerdem fehlt es an Bahnbehältern für die Verpackung, dadurch ist die Termineinhaltung dieses Exportauftrages nicht gewährleistet.

Planerfüllung

Im VEB Wärmegerätewerk Dresden, Werk II, Königsbrück, wurde der Monatsplan für Februar nur mit 66 % erfüllt. Ursache: In den Positionen, wo Oberflächenveredelung notwendig ist, wurde sehr viel Ausschuss wegen der schlechten Qualität der Bleche produziert. Lieferbetrieb: Eisenhüttenkombinat Stahl – Thale.

Die Ziegelei in Rüterberg,23 [Kreis] Ludwigslust, erfüllte im Februar ihren Plan nur mit 66 % und die Ziegelei in Malliß, [Kreis] Ludwigslust, mit 69 %. Ursache: Durch die Frostperiode war die Anlieferung von Rohprodukten mangelhaft.

Aufgrund eines hohen Krankenstandes ist in der Schuhfabrik Storkow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Planrückstand von 4 800 Paar Schuhen entstanden.

Im VEB Zeiss, Fertigungsstätte Saalfeld, ist ein Krankheitsstand von 22 % zu verzeichnen.

Im Industriewerk in Ludwigsfelde, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, erkrankten vor ein paar Tagen 100 Beschäftigte am Durchfall. (Vermutliche Ursache: Genuss von Topfwurst.)

Produktionsstörungen

Am 12.3.1955 musste im VEB Kraftwerk Böhlen, [Bezirk] Leipzig, für einige Stunden der Betrieb angehalten werden, weil ein Dampfschieber gerissen war. Produktionsausfall: 170 000 DM.

Am 14.3.1955 fiel der Bagger I des Tagebaues Böhlen wegen eines Eimerdefektes aus. Produktionsausfall: 300 t Rohkohle.

Im Kaliwerk Roßleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, fiel am 15.3.1955 durch Muffenriss die Seilbahn aus. Produktionsausfall mit Reparaturkosten ca. 30 000 DM.

In der Schokoladenfabrik Naumburg ist der Zuckerkochkessel vermutlich durch Überdruck auseinandergerissen. Schaden insgesamt 4 000 DM.

Am 14.3.1955, gegen 6.00 Uhr, trat im VEB Patentpapierfabrik Penig, [Kreis] Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine Störung an der Dampfturbine im Maschinenhaus ein. Ursache ist noch nicht ermittelt. Produktionsausfall: ca. 20 Tonnen Papier. Die Produktion wurde am gleichen Tag gegen 18.00 Uhr versuchsweise wieder aufgenommen.

Am 16.3.1955, gegen 8.30 Uhr, entstand in der Teerkammer III im Benzinwerk des VEB Otto »Grotewohl« Böhlen eine Explosion, die sich nach ca. zwei Minuten wiederholte, wobei die Kammer in Brand geriet. Sachschaden ca. 35 000 DM und fünf bis 14 Tage Produktionsausfall.

Am 15.3.1955 wurde festgestellt, dass in der Tankstelle Hegener, Kyritzer Straße in Wittstock, [Bezirk] Potsdam, der Dieselkraftstoff 30 % Wasser enthielt. Dadurch waren die Zugmaschine des VEB Kraftverkehr sowie die der DHZ Kohle Wittstock nicht einsatzfähig.

Am 15.3.[1955] wurde im VEB Reißverschlusswerk MEWA Schmölln, [Bezirk] Leipzig, eine Hetzlosung, die sich gegen die SU richtete in einer Männertoilette festgestellt.

Im Kunstseidenwerk Premnitz, [Bezirk] Potsdam, wurden in den letzten 14 Tagen auf Toiletten Hakenkreuze sowie Karikaturen von Hitler angeschmiert.

Im RAW Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurde auf einer Toilette die Hetzlosung: »Der 17. Juni kommt wieder« angeschmiert.

Im Sachsenwerk Radeberg, [Bezirk] Dresden, wurde das Gerücht verbreitet, dass in den Walter Ulbricht-Werken Leuna, [Bezirk] Halle, gestreikt würde und dass die Arbeiter die HO-Konsumläden24 ausräumten.

Versorgung der Bevölkerung

Im VEB Großberliner Vieh- und Schlachthöfe ist ein Überplanbestand an Rindertalg von 147 t vorhanden, der bei der jetzigen Rinderanlieferung täglich um vier bis fünf Tonnen anwächst. Trotz der ständigen Bemühungen des VEB Großberliner Vieh- und Schlachthöfe war es noch nicht möglich, diesen Talg abzusetzen. Bereits Ende Januar/Anfang Februar wurden das Ministerium für Lebensmittelindustrie, die Kommission für staatliche Kontrolle und die Bezirksleitung der Partei schriftlich von diesen Absatzschwierigkeiten informiert. – Ein Abschluss von Absatzverträgen mit dem VE-Kontor25 Import und Lagerung ist auch nicht möglich, da das Kontor ebenfalls über hohe Lagerbestände an Talg verfügt. Nach den dem VEB Großberliner Schlachthöfe zugegangenen Informationen hat das Kontor inzwischen Talg in die Margarine- und zum Teil in die Seifenfabriken geliefert.

Am 16.12.1955 wurde durch eine Mitarbeiterin der Abt. Absatz im Ministerium für Lebensmittelindustrie dem Betrieb mitgeteilt, dass die Schlachthöfe in der DDR ebenfalls über große Talgbestände verfügen und ein Absatz sich nicht »arrangieren« lässt. Als letzter Ausweg wurde angeraten, den Talg in die Margarine- und Seifenfabriken zu geben.

Die gemachten Analysen haben ergeben, dass der lagernde Talg in einwandfreiem Zustand ist und noch eine Lagerfähigkeit von ca. drei Monaten hat. Die Kollegen des VEB Großberliner Vieh- und Schlachthöfe sehen deshalb nicht ein, dass ein so hochwertiges Nahrungsprodukt wie Rindertalg den Seifenfabriken zugeführt werden soll, dies umso mehr, da es nach der jetzigen Beurteilung in den nächsten Monaten zu einer gewissen Schmalzknappheit kommen kann.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die politischen Diskussionen über die Tagesfragen sind in den letzten Tagen weiter zurückgegangen und treten nur noch vereinzelt auf. Die Arbeiter im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft diskutieren über die Ratifizierung der Pariser Verträge und die Erklärung der Volkskammer vorwiegend positiv.26 Welche Zustimmung die Volkskammerklärung unter den Arbeitern der MTS, Genossenschaftsbauern und zum Teil bei werktätigen Einzelbauern gefunden hat, beweisen zahlreiche Verpflichtungen, die vielfach mit der Begründung abgegeben wurden, unseren Arbeiter-und-Bauern-Staat weiter zu festigen.

Zum Beispiel verpflichteten sich die Mitglieder der LPG »Einheit und Frieden« in Mannschatz, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig, zusätzlich 1 500 kg Milch, 2 500 kg Schwein, 2 500 Eier dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen.

Ein werktätiger Bauer aus Gnemern, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, erklärte: »Ich bin mit der Regierungserklärung voll und ganz einverstanden und verpflichte mich, bis zum 10.4.1955 mein Soll in Schweinefleisch 100%ig zu erfüllen und darüber hinaus weitere 2½ Zentner Schweinefleisch dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen.«

Im verstärkten Maß treten jetzt durch die Saarfrage27 wieder Diskussionen über die Oder-Neiße-Friedensgrenze auf. Solche Diskussionen werden vor allem von ehemaligen Umsiedlern28 geführt.

So sagte z. B. ein Mittelbauer aus Düvier, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Ich bin kein Kommunist und werde es auch nie. Ich bin Deutscher! Wenn man drüben das Saargebiet verschachert hat, so bin ich der Meinung, dass darin kein Unterschied besteht, denn das Gebiet jenseits der Oder ist ja auch von Deutschland abgetrennt worden.«

Die Futtergrundlage ist in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben nicht mehr sichergestellt.

In der ÖLB Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, setzte wegen Mangel an Futter ein Massensterben der Schafe ein. Der Bestand von 130 Schafen verendete, bzw. wurde notgeschlachtet.

In der LPG »Vorwärts« Carlo, [Kreis] Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, ist für ca. 100 Stück Rindvieh und 19 Pferde kein Futter mehr vorhanden. Dort lagert eine Menge Stroh als Staatsreserve. Jetzt hat die LPG die Genehmigung erhalten, diese Staatsreserven anzugreifen, um die große Futterknappheit etwas zu beseitigen.

Ansonsten bemüht sich der Bezirk durch Sonderaktionen, den betroffenen Betrieben zu helfen.

In der LPG »Bernhard Quandt«29 Warnitz, [Kreis] Schwerin, fehlen bis zum Anschluss an die neue Ernte zehn Tonnen Futterstroh und ca. 1 000 Zentner Futterkartoffeln.

In der LPG Mockzig, Burgersdorf und Monstab, [Bezirk] Leipzig, sind keine Futtermittel mehr vorhanden. Ab 15.3.[1955] kann in der LPG das Vieh nur noch mit Stroh und Wasser versorgt werden.

In der LPG Monstab ist aufgrund der Futtermittelknappheit die Milchleistung der Kühe um 60 % gesunken.

In der LPG Pampin und der LPG, [Kreis] Parchim, sind insgesamt zehn Kühe und ein Kalb verendet und neun Kühe mussten wegen der schlechten Futtergrundlage geschlachtet werden. Bei 22 Kühen besteht ebenfalls die Gefahr, weil die Futtergrundlage nicht mehr gewährleistet ist.

In der LPG Buchholz, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, sind seit dem vergangenen Jahr neun große und 19 kleinere Schweine infolge Futtermangel verendet. Die restlichen Schweine sind nahe dem Verhungern. Ebenso ist es mit zwei Kühen und einer Färse.

Über die schlechte Futterversorgung treten häufig unter den Mitgliedern der betroffenen landwirtschaftlichen Betriebe heftige Diskussionen auf.

So sagte z. B. ein werktätiger Bauer aus der Gemeinde Prerow, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin: »Meine Kühe sind bereits bis zum Skelett abgemagert und wenn nicht sofort Hilfe gegeben wird, müssen die Tiere verenden.«

In der neugegründeten LPG Glasin – Ausbau, [Bezirk] Rostock, herrscht unter den Mitgliedern eine sehr schlechte Stimmung, weil dort die LPG nur von zwei Männern und einer Frau bewirtschaftet werden muss. Die Bodenfläche beträgt 77 ha.

Ein Genossenschaftsbauer erklärte dazu: »Wenn sich in der nächsten Woche nichts ereignet, schmeißen wir den Laden hin. Mit zwei Männern und einer Frau können wir gerade noch das Vieh besorgen. Wie es mit der Feldbestellung werden soll, weiß ich nicht.«

Am 15.3.1955 wurde in der LPG »Jonny Schehr«30 in Schwarz, [Kreis] Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, von den Genossenschaftsmitgliedern (15 Mann) außer der Vieh-Brigade (neun Mann) die Arbeit niedergelegt. Ursache: Auf Beschluss des Rates des Bezirkes soll den LPG-Mitgliedern, welche Landarbeiter waren, nur 70 % und den Genossenschaftsbauern, welche Einzelbauern waren, nur 50 % der Arbeitseinheiten31 ausgezahlt werden. Die Arbeit wurde um 8.00 Uhr niedergelegt und um 10.00 Uhr wieder aufgenommen.

Aus einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben wird immer wieder berichtet, dass durch Mangel an Baumaterial oder finanziellen Mitteln die geplanten Bauten nicht durchgeführt werden können. Dadurch verkümmert in manchen Betrieben durch den Mangel an Ställen oft das Vieh und damit ist die Erfüllung des Viehaufzuchtplans nicht gewährleistet.

In der LPG Klein-Mutz, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, sind durch die schlechten Stallverhältnisse die 20 Schweine in behelfsmäßigen Räumen (umgebauten Scheunen usw.) untergebracht. Das wirkt sich sehr ungünstig, besonders auf die Ferkel, aus. Zum Beispiel verendeten von einem Wurf von zehn Ferkeln neun Stück. Durch diese Verhältnisse ist die LPG nicht in der Lage, ihren Ablieferungen nicht restlos nachzukommen.

Schweinepest

In der LPG »Dorf der Jugend«32 Zweigbetrieb Großenhain, [Bezirk] Dresden, brach die Schweinepest aus. Bestand: 112 Schweine, erkrankt: drei Schweine, notgeschlachtet: fünf Schweine.

In vier Kreisen des Bezirkes Schwerin brach in der Zeit vom 11. bis 15.3.[1955] auf fünf Gehöften die Schweinepest aus. Gesamtbestand der Schweine: 176, verendet: fünf, und notgeschlachtet: 171 Schweine.

In der LPG Miltitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurden auf dem Schweinefutter einige Glasscherben gefunden. Es wird vermutet, dass diese in den Schuppen geworfen worden sind. Überprüfungen sind noch im Gange.

Durch die VP wurde bekannt, dass im VEG Klockow, [Kreis] Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, ca. 100 dz Eiweißkonzentrat lagern, die jedoch aufgrund eines Untersuchungsbefundes vom Bezirkshygieneinstitut Greifswald als verdorben betrachtet werden müssen. (das gesamte Konzentrat ist mit Paratyphus-Bazillen und Milben durchsetzt)

Die geführten Ermittlungen ergaben, dass das VEG durch ein Schreiben vom 3.6.1954 von der VEG Neubrandenburg verpflichtet wurde, das für das 2. Quartal 1954 vorgesehene Eiweißkonzentrat unbedingt abzunehmen. Die Haltbarkeitsdauer beträgt bei guter Lagerung sechs bis acht Monate. Die Lagerung erfolgte auf einem Kornboden des Betriebes. Der Verderb des Bestandes wurde schon am 20.12.1954 festgestellt. Ob der Verderb auf die Lagerung zurückzuführen ist, konnte noch nicht ermittelt werden.

Brand

Am 17.3.1955 entstand in der Gemeinde Lögow, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, ein Stallbrand. In den Stallungen war das gesamte Vieh von zwei Neubauern, sowie das Futter der Tiere untergebracht. Durch den Brand sind nach vorläufigen Feststellungen zwei Kühe und neun Schweine verbrannt. Die Brandursache konnte bisher noch nicht geklärt werden. (vermutlich durch Auftauen einer Wasserleitung)

In der MTS Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurden am 16.3.1955 an einer Toiletten-Tür zwei Hetzlosungen angeschmiert:

  • 1.)

    »Nieder mit Pieck,33 es lebe der Krieg«

  • 2.)

    »Die Bonzen werden wir alle erschlagen«

Von den durch unsere Justizorgane entlassenen Häftlingen werden viele republikflüchtig. Das kommt vor allem daher, dass sich die Häftlinge nach der Entlassung selbst überlassen sind und deshalb finden sie vor allem ohne besondere Unterstützung keine Arbeit, weil bei jeder Neubewerbung am letzten Arbeitsplatz – also bei dem zur Zeit der Festnahme – nachgefragt wird und von dort keine gute Auskunft erteilt werden kann. Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen wird der Entlassene dann republikflüchtig.

Dadurch besteht die Gefahr, dass er ein Handlanger der Agentenzentralen34 wird, da es nahe liegt, dass er Auskünfte über seine Erlebnisse in der Haftanstalt gibt.

Hierzu folgendes charakteristisches Beispiel:

Das Verfahren gegen [Name, Vorname], beim Generalstaatsanwalt Abt. I nach Kontrollratsdirektive Nr. 3835 ist die Einstellung anerkannt worden. Der Obengenannte konnte nach dreimonatigen Bemühungen keinen geeigneten Arbeitsplatz finden und wurde deshalb republikflüchtig.

Einschätzung der Situation

Die Stellungnahmen zu den politischen Tagesfragen haben zurzeit nur noch geringen Umfang, sind gegenüber den Vortagen inhaltlich unverändert und vorwiegend positiv. In den Industrie- und Verkehrsbetrieben zeigen sich bei politischen Diskussionen immer wieder pazifistische Tendenzen.

Im Vordergrund der sonst geführten Gespräche stehen wirtschaftliche Probleme.

Dabei werden in der Industrie vorwiegend betriebliche Fragen, aber auch die derzeitige Versorgungslage behandelt. In der Landwirtschaft steht der teilweise verstärkt auftretende Futtermangel im Mittelpunkt und vor allem Hausfrauen und Rentner diskutieren über Versorgungsschwierigkeiten.

Die Versorgungsschwierigkeiten vermindern sich in einzelnen Bezirken.

Die Flugblattverbreitung verstärkte sich. Sonst hat sich die Lage nicht wesentlich verändert.

Anlage 1 vom 18. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2433

Hamstereinkäufe (I)

In allen Bezirken haben die Hamstereinkäufe in den letzten zwei Tagen wieder etwas nachgelassen. Immer mehr Hausfrauen sehen jetzt schon die Unsinnigkeit des Hamsterns ein und beginnen wieder mit dem normalen Einkauf. Dieser Teil der Hausfrauen bringt zum Ausdruck, dass die Hamstereinkäufe verurteilt werden und Presse und Rundfunk noch mehr auf die Fragen eingehen müssen, um weitere Teile der Bevölkerung aufzuklären und dass wir in der DDR es nicht nötig haben, zu hamstern, da unsere Regierung dafür sorgen wird, dass keiner hungert.

Wie man dem Hamstern entgegentritt, zeigt ein Beispiel aus Rostock. Dort wurde auf einer Frauenversammlung in Wolgast/Usedom beschlossen, eine Frauenkommission zu bilden, die in den Konsumverkaufsstellen Kontrollen nach Hamsterern durchführt.

Von den Hausfrauen wird auch oft verlangt, dass man diejenigen, die sich an dem Hamstern beteiligen, öffentlich anprangert oder ihnen die gehamsterten Waren wieder abnimmt.

Über die gesamte Versorgungslage werden weiterhin vor allen von Rentnern und Hausfrauen negative oder feindliche Diskussionen geführt. Die wesentlichsten Diskussionen dabei sind, dass die Regierung ihr Versprechen im fünften Jahr des Fünfjahrplanes36 nicht eingehalten habe und sich der Lebensstandard gewaltig verschlechtert hatte.

So sagte z. B. ein Arbeiter vom Bahnhof Hagenow/Land, [Bezirk] Schwerin: »Walter Ulbricht37 hat bei Beginn des Fünfjahrplanes in einer Rede gesagt, dass man nach Ablauf des Fünfjahrplanes ein Leben in Glück und Wohlstand haben würde.38 Weiter war vorgesehen, dass die Lebensmittelkarten vor Abschluss des Fünfjahrplanes abgeschafft werden sollten.39 Heute ist es aber so weit, dass man kaum die Lebensmittel bekommt, die einem auf Marken zustehen. Für Butter gibt es Margarine und so was kommt noch zehn Jahre nach dem Krieg vor. Dieses ist mir und vielen anderen Kollegen in Hagenow/Land schleierhaft.«

Es tauchen jetzt besonders wieder Gerüchte auf, dass es bald in der DDR zu einer neuen Führungsreform käme und dass ab 1. April wieder Brotkarten eingeführt würden.40

So sagte z. B. ein Bürger aus Breitenborn, [Bezirk] Leipzig, er habe gehört im Bezirk Karl-Marx-Stadt wäre Falschgeld im Umlauf und deshalb würde eine Währungsreform durchgeführt. Er selbst wolle zusehen, sein Geld in Wertsachen anzulegen.

Besonders heftig werden jetzt die Diskussionen über die Qualität des Brotes. Die Bevölkerung diskutiert dahingehend, dass man auch eine Senkung der Preise für Brot verlangen könnte, wenn es schon schlechter geworden sei.

So sagte z. B. ein Bürger aus der Gemeinde Frankenfelde, [Kreis] Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, es sei eine unerhörte Schweinerei, die Brause und das Brot in schlechter Qualität herzustellen, ohne dabei die Preise zu senken.

Aus dem Bezirk Leipzig wird berichtet, dass sich auch Frauen von Genossen unserer Partei sowie VP-Angehörigen an den Hamstereinkäufen beteiligen.

So kaufte zum Beispiel die Frau des ABV41 Hohenprießnitz, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, in der Gemeinde drei Kartons Seifenpulver à 20 Pakete ein.

Anlage 2 vom 17. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2433

Hamstereinkäufe (II)

Die Hamstereinkäufe halten in allen Bezirken noch an. Es ist jedoch fast überall gegenüber den Vortagen ein Rückgang derselben zu verzeichnen. In einigen Bezirken wurde dieser Erfolg durch eine gute Aufklärungsarbeit durch die Partei und die Handelsorgane erzielt. Solche Aufklärungsarbeiten werden noch nicht in allen Bezirken geleistet, sodass dort der Gegner weiter größten Spielraum hat, durch Gerüchteausstreuungen usw. die Bevölkerung zum Hamstern aufzuwiegeln und damit die Versorgungslage ernstlich zu gefährden. Welche Auswirkungen die Hamstereinkäufe angenommen haben, wurde in den vorherigen Berichten schon aufgezeigt. Es ist auch jetzt noch keine Seltenheit, dass es Verkaufsstellen gibt, wo durch die Hamstereinkäufe die Waren zum Teil ausverkauft oder nur beschränkt zu erhalten sind.

Aus dem Bezirk Erfurt wird berichtet, dass die Bevölkerung aus Ohrdruf, [Kreis] Gotha, empört ist, weil eine Volkskammerabgeordnete Hamstereinkäufe tätigt. Sie kauft täglich in der dortigen Konsumverkaufsstelle vier bis fünf Pfund Mehl.

Ebenso ist es in der Gemeinde Neuroda, [Kreis] Arnstadt, [Bezirk] Erfurt. Dort kaufte die Frau eines Volkskammerabgeordneten bei einem Privathändler einen halben Zentner Mehl. Die Bevölkerung war besonders darüber empört, weil ausgerechnet diese Frau hamstert, zumal diese Leute noch Landwirtschaft besitzen.

Im Allgemeinen halten die negativen Diskussionen über die Versorgungslage noch weiter an und werden vor allem von Hausfrauen und Rentnern geführt. Der Inhalt der Diskussionen ist ebenfalls unverändert. Man bringt weiter zum Ausdruck, dass es bald einen Krieg geben würde, oder man sich versorgen müsse.

In den letzten Tagen nehmen die Stimmen, die den Einhalt der Hamstereinkäufe fordern, zu. Es wird gefordert, dass diejenigen, die diese Angsteinkäufe tätigen, zur Rechenschaft gezogen werden.

Anlage 3 vom 18. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2433

Westberlin

Am 1.3.1955 fand im Rathaus Steglitz eine Kreismitgliederversammlung der SPD statt. Anwesend waren 150 Mitglieder.

Referent: Kurt Mattick,42 Thema: »Deutschlands außenpolitischer Weg und die SPD«

Neben einer starken Hetze gegen die DDR äußerte er, dass das Manifest der Paulskirche43 so gehalten sei, dass es von jedem Kommunisten unterschrieben werden kann, aber kein Mensch von der westlichen Welt kann damit einverstanden sein. Weiter erklärte Mattick, dass die Sozialdemokratie nicht umhin kann, sich für eine Wiederbewaffnung Deutschlands einzusetzen. Er meinte, man müsste sich ein Beispiel an den anderen Ländern nehmen, wo die Sozialdemokratie mehr Verständnis für eine Wiederbewaffnung hat.

Bezeichnend für Mattick war, als er forderte, dass die Amerikaner mehr Truppen in Deutschland stationieren müssen. Er führte auch aus, die Wiederbewaffnung Deutschlands und die Pariser Verträge seien gar nicht so schlimm. Nach seinen Ausführungen habe die SPD einen großen Fehler gemacht, bzw. habe es der SPD unheimlich geschadet, dass sie mit der Gewerkschaft auf die Straße ging, um zu dokumentieren, dass sie gegen die Pariser Verträge ist.

In der Diskussion sprach ein junger Student, der die Argumente Matticks zerpflückte und zum Ausdruck brachte, dass man alles tun muss, damit die Einheit Deutschlands herbeigeführt wird.

Nach ihm diskutierten noch zwei Mitglieder der sozialistischen Arbeiterjugend, die gegen die Pariser Verträge und eine neue Wehrmacht auftraten.

Ein anderer Jugendlicher sagte zum Schluss, dass er nicht als Gefangener nach Moskau kommen möchte und darum lehne er jeden Wehrdienst ab und begrüße die Stellungnahme der sozialistischen Arbeiterjugend.

Am 17.2.1955 wurde in der Jugendgruppe HBV ein Heimabend durchgeführt, wo elf Kollegen anwesend waren. Thema: »Warum Einheitsgewerkschaft«.

Referent: [Name] IG-Sekretär des DGB.

Er erklärte eingangs, was eine Gewerkschaft ist und wie sie entstanden sind. Hier wollte er immer nur die sozialen Fragen beleuchten, wogegen ein Jugendfreund versuchte, auch die politische Seite der Gewerkschaftsebene aufzuzeigen. Der Referent verstand es aber geschickt, von diesen Fragen abzulenken und allgemein zu sprechen. Als jedoch der Referent zwangsläufig auf die Frage des Streiks zu sprechen kam, allerdings nur kurz, stellte ein Jugendfreund die Frage, »warum man die Streikbewegung in Westberlin vonseiten der DGB-Leitung nicht zum Durchbruch kommen lässt« und er antwortete, »dass dies eine politische Frage gegenüber dem Osten sei, der Osten würde daraus nur Propaganda schlagen«.44

Ein Jugendfreund ging auf die Frage der Volksbefragung45 ein und äußerte, dass sich die Volksbewegung gegen die Pariser Verträge, die in Westdeutschland jetzt großes Ausmaß angenommen hat, auch auf Westberlin ausdehnen müsste. Der Referent antwortete, dass sich der DGB vom Manifest der Paulskirche distanziere und an der Volksbefragung nicht beteiligen wird. Er betonte die Neutralität der Gewerkschaft.

Das Lager am Askanischen Platz46 in Westberlin wird von allen Durchgangsflüchtigen47 geräumt und als Stammlager eingerichtet.

Alle Flüchtlinge des Lagers haben mächtige Angst davor, in das Lager in der Volkmarstraße48 zu kommen, da dort chaotische Zustände herrschen. Viele versuchen deshalb möblierte Zimmer zu bekommen, was aber meist am Geldmangel scheitert. Die Stimmung bei den Durchgangsflüchtlingen ist deshalb sehr schlecht und viele tragen sich mit dem Gedanken, in die DDR zurückzukehren. So äußerte z. B. ein Durchgangsflüchtling: »Nur wer Geld hat, hat hier Chancen, niemals aber ein Arbeiter. Die Westflüchtlinge werden im Osten ganz anders aufgenommen. Hier kann man krepieren, ohne dass ein Hahn danach kräht.«

Drei Flüchtlinge stimmten an einem Nachmittag die Internationale an. Von einigen anderen Flüchtlingen deshalb verwundert gefragt, erklärten sie, dass es der Vorteil der »Demokratie« sei zu singen, was einem passt.

Anlage 4 vom 17. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2433

Bericht über die Abhebung der Spareinlagen

Im Allgemeinen kann festgestellt werden, dass in den meisten Sparkassen keine überdurchschnittlichen Abhebungen oder geringere Einzahlungen als sonst erfolgen. Im Wesentlichen decken sich die Einzahlungen mit den Abhebungen. Trotzdem machen sich in einigen Sparkassen solche Erscheinungen bemerkbar, die auf die gegenwärtige Situation (Angsteinkäufe, Gerüchte über einen Krieg oder Währungsreform) zurückzuführen sind.

Es gibt jedoch auch Sparkassen, wo die Einzahlungen im Verhältnis zu den vorhergehenden Monaten angestiegen sind.

In der Bank für Gewerbe und Handwerk Aschersleben, [Bezirk] Halle, ist folgendes Bild zu verzeichnen:

[]

Einnahmen

Ausgaben

Januar 1954

1 Million DM

200 000 DM

Januar 1955

700 000 DM

133 000 DM

Februar 1955

654 000 DM

127 000 DM

Stand: 15.3.55

400 000 DM

71 000 DM

Überdurchschnittliche Abhebungen oder geringe Einzahlungen sind in folgenden Sparkassen zu verzeichnen:

In Jena: Hier wurde ein Rückgang der Einzahlungen gegenüber Januar und Februar festgestellt.

Greiz, [Bezirk] Gera: Wurden starke Abhebungen und geringe Einzahlungen in den letzten zwei Monaten festgestellt. Die Abhebungen werden vor allem von Hausfrauen, Bauern und Handwerkern getätigt.

Groß-Berlin: In den letzten Tagen erfolgte eine stärke Abhebung der Spargelder. Die durchschnittlichen Summen der Abhebungen betragen 100 DM bis 200 DM, in stärkerem Maße als bisher jetzt auch Beträge über 1 000 DM.

Anlage 5 vom 18. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2433

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 15.3. bis 17.3.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt.

SPD-Ostbüro:49

  • Halle: Kreis Nebra 150;

  • Neubrandenburg 70;

  • Magdeburg: Kreis Tangerhütte 3 000;

  • Erfurt 3 000: Kreis Eisenach 3 000, Kreis Worbis 1 200, Kreis Mühlhausen 6 000;

  • Dresden: Kreis Niesky 500;

  • Rostock 8;

  • Suhl: Kreis Meiningen 1 000;

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 5 000;

  • Leipzig: Kreis Döbeln 25.

NTS:50

  • Halle: Kreis Weißenfels einige;

  • Magdeburg; Kreis Tangerhütte 1 000, Kreis Osterburg 150;

  • Erfurt: Kreis Arnstadt 45;

  • Suhl einige;

  • Potsdam: Kreis Jüterbog 350;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Flöha 10;

  • Dresden: Kreis Freital 10 000, Kreis Meißen 580, Kreis Riesa 6 000;

  • Potsdam: Kreis Belzig 14 200;

  • Halle: Kreis Hettstedt 3 000.

ZOPE:51

  • Magdeburg: Kreis Klötze 150, Kreis Geithain 20 000, Kreis Zerbst 10 000;

  • Erfurt einige;

  • Potsdam: Kreis Rathenow 36.

KgU:52

  • Halle: Kreis Hettstedt 10;

  • Dresden: Kreis Riesa 260;

  • Potsdam: Kreis Rathenow 620;

  • Neubrandenburg einige;

  • Magdeburg: Kreis Tangermünde 3 000, Kreis Schönebeck 3 000.

»Der Tag«:53

  • Magdeburg 3 000: Kreis Loburg 1 500.

Ungarische Sprache:

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Brand-Erbisdorf 90.

DGB-Ostbüro:54

  • Schwerin: Kreis Güstrow einige.

»Tarantel«:55

  • Dresden: Kreis Meißen 250.

In Tschechischer Sprache:

  • Frankfurt: Kreis Seelow 300.

Im Stadtbezirk von Zeulenroda, [Bezirk]Gera wurden einige Hetzschriften in Form einer DM 20,00 Note gefunden.

Die Hetzschriften beinhalten größtenteils Hetze gegen die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR, Hetze gegen den Genossen Walter Ulbricht, Hetze gegen die SU.

Antidemokratische Tätigkeit

In Görlitz, [Bezirk] Dresden, wurde von unbekannten Personen ein Plakat der Nationalen Front,56 welches sich gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge richtete, mit einer Hetzlosung gegen Genossen Walter Ulbricht und Genossen Grotewohl57 beschmiert.

Im Kirchenschaukasten in Dresden befanden sich ein Artikel über die »Kirchschändung in der DDR«, sowie ein Artikel über die Jugendweihe,58 in dem fortschrittliche Pfarrer angegriffen wurden.

In Meißen wurde ein Plakat der Jugendweihe durchgestrichen und unter das Wort – Jugendweihe – »Schwindel« geschrieben.

In Görlitz wurden sieben Hakenkreuze in den Schnee gezeichnet.

Gerüchte

In Kamenz, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass das Potsdamer Abkommen59 erst im Jahre 1955 in Kraft tritt und deshalb die Pariser Verträge angenommen werden konnten.

In Dresden wird folgendes Gerücht verbreitet:

»In Klotzsche sollen 800 Wohnungen geräumt werden. Die ›Russen‹ werden sich nach Möglichkeit zurückhalten und schicken polnische und tschechische Flieger, die die geräumten Wohnungen auf der früheren Flughafenstraße beziehen sollen.«

Eine Hausfrau aus Löhsten,60 [Kreis] Herzberg, [Bezirk] Cottbus, verbreitet das Gerücht, dass die Orte Züllsdorf, Arnesta61 und Löhsten nach Ostpreußen umgesiedelt werden, da das ganze Gelände für einen großen Truppenübungsplatz der Polizei gebraucht würde.

Terror

Am 13.3.1955 wurde ein Mitarbeiter des SfS von der Kreisdienststelle Wittstock, [Bezirk] Potsdam, bei einem Vergnügen der Kleingärtner, von zwei Personen tätlich angegriffen und mit folgenden Worten beschimpft: »Mach, dass du herauskommst, du Arbeiterverräter; was machst du hier, du willst wohl Spitzel werben?«

Von einem gewissen Generalvertreter [Vorname, Name] aus München wurde an eine Bürgerin der Stadt Leipzig ein Brief gesandt, in dem darauf hingewiesen wird, dass in der DDR in Kürze ein Umtausch der Banknoten durchgeführt wird. Sie wird aufgefordert, ihr Geld umzusetzen, da beim Umtausch nur 100 oder 150 DM umgewertet würden.

Im Kreisgebiet Nordhausen wurde festgestellt, dass eine verstärkte provokatorische Tätigkeit von westdeutscher Seite durchgeführt wird. Das kommt darin zum Ausdruck, dass Grenzpolizisten von Zivilpersonen beschimpft werden, dass Zivilisten mit Jagdgewehren jenseits der D-Linie62 über dieselbe hinwegschießen. Durch die Grenzkommandantur Nordhausen wurden alle Grenzpolizisten belehrt, nicht auf die Provokation hereinzufallen.

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    22. März 1955
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