Zur Beurteilung der Situation in der DDR
22. März 1955
Informationsdienst Nr. 2434 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Zur Stimmung in den Industrie- und Verkehrsbetrieben kann gesagt werden, dass vorwiegend über die Versorgungslage, vielfach in Verbindung mit den politischen Fragen diskutiert wird. Aufgrund der Tatsache, dass über die gegenwärtig angespannte Versorgungslage keine ausreichende Aufklärung erfolgt, obwohl dies von den Werktätigen immer wieder gefordert wird, wird vielfach der Feindpropaganda Glauben geschenkt. Dies führt dazu, dass in einer ganzen Reihe von Betrieben eine schlechte Stimmung besteht.
Des Weiteren kommt es immer wieder zu Argumenten wie z. B. »die DDR ist am Ende« oder »es werden sicher Reserven für einen bevorstehenden Krieg geschaffen«, »der Zucker wird in die Munitionsfabriken gebracht«1 usw. In höhnischer Weise wird in den Diskussionen immer wieder die Frage gestellt, »ob dies der versprochene Lebensstandard für 1955 sei«.2
Zum Beispiel ist die Stimmung in der »Bärenhütte« in Weißwasser,3 [Bezirk] Cottbus, nicht gut. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Versorgungslage und es wird vielfach zum Ausdruck gebracht, »dies hängt mit den Gegenmaßnahmen unserer Regierung zusammen, die wegen den Pariser Verträgen4 getroffen wurden«.5
Im VEB Kranbau in Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, vertritt die Mehrheit der Arbeiter die Meinung, dass sich die Versorgungslage zurzeit sehr verschlechtert habe. Es kommt zu Äußerungen wie z. B. »sie sollen nicht so viel in den Zeitungen über die Politik schreiben, sondern lieber dafür sorgen, dass die Versorgungsschwierigkeiten schnellstens behoben werden. Von Politik allein werden wir nicht satt«.
Im VEB Bastfaser in Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, herrscht unter der Belegschaft ebenfalls wegen der Versorgungslage eine schlechte Stimmung. Es kommt zu Äußerungen wie z. B. »Es ist wieder wie 1948,6 wo wir mit Marmeladeschnitten zur Arbeit gehen mussten und dass in einer Zeit, wo geregelte Verhältnisse sein müssten«.
Im VEB Synthesewerk Schwarzheide, [Bezirk] Cottbus, herrscht eine schlechte Stimmung. Es wird sehr viel über die Verknappung verschiedener Lebensmittel gesprochen. Die Kollegen erklären, man solle sie nicht für dumm halten, denn sie wüssten, dass die Ernte gut war. Die Lebensmittel würden bestimmt für den Kriegsfall gestapelt. »Die Regierung wird es noch so weit bringen, wie am 17. Juni 1953.7 Dann werden sie aber gezwungen, die gehorteten Lebensmittel freizugeben.«
In den Chemischen Werken Buna wird nach wie vor über die Versorgungslage diskutiert, sodass die Diskussionen über die politischen Tagesfragen mehr in den Hintergrund treten. Durch die jetzige Versorgungslage herrscht unter der Belegschaft eine gewisse Missstimmung. Die Diskussionen werden nicht nur am Arbeitsplatz im Werk, sondern auch in Verkehrsmitteln, Geschäften usw. geführt. In den Diskussionen kommt zum Ausdruck, »Walter Ulbricht8 hat gesagt, dass wir einen Lebensstandard erreichen, wie wir ihn noch nicht gekannt haben, aber statt besser wird es immer schlechter«.
Von verschiedenen Kollegen wird zum Ausdruck gebracht, dass wir doch mit der SU Freundschaft halten und warum sie uns dann nicht hilft, die Schwierigkeiten zu überbrücken. Des Weiteren wird die Frage gestellt, weshalb die Bevölkerung über solche Maßnahmen nicht durch Presse und Rundfunk unterrichtet wird.
Ähnlich ist es auch in den Leuna-Werken.
Die Beunruhigung verstärkt sich noch dadurch, weil von verschiedenen Funktionären die Maßnahmen jeweils anders begründet werden. Zum Beispiel wurden von einem Kollegen im Buna-Werk behauptet, die Verknappung einzelner Lebensmittel wäre darauf zurückzuführen, dass der Staat aufgrund der Remilitarisierung in Westdeutschland eine Reserve schaffen müsse.
Eine Diskussion in der Gießerei des Walzwerkes Hettstedt ergab, dass die Kollegen empört waren, da sie auf die Karte A9 jetzt nur noch ein Drittel Butter bekommen, den Rest Margarine, während es bei den anderen Bergarbeitern auf die ganze Karte A Butter gäbe. Einige Kollegen meinten, dass es immer schlechter statt besser würde, denn seit 1948 bekämen sie voll Butter und jetzt auf einmal Margarine. Es hieß mehr arbeiten und besser Leben und nun auf einmal gäbe es nichts mehr. Sie führten das schwarze Brot10 und die Zuckerknappheit noch an. Alle Kollegen der Abteilung diskutierten in der Form und brachten ihr Misstrauen gegenüber der Regierung zum Ausdruck: »Die Regierung weiß schon, dass es uns so geht, bloß es wird nichts unternommen.«
Ein parteiloser Arbeiter aus der Maxhütte11 sagte: »Von den 36 Arbeitern meiner Schicht sind immer die Hälfte krank. Sie werden immer mehr angetrieben und müssen ihre Leistung von 120 auf 136 Karren steigern. Durch das Fehlen von HO-Butter12 und Zucker magern die Arbeiter immer mehr ab. Wenn es jetzt noch einmal zu einem 17. Juni kommt, dann können sie mit ihren Panzern ruhig auffahren, dann sieht es aber anders aus als am 17. Juni 1953.«
In den Großbetrieben wie z. B. Abus-Kranbau Eberswalde, EKS und VEB Reifenwerk Fürstenwalde im Bezirk Frankfurt/Oder herrscht eine sehr schlechte Stimmung unter den Beschäftigten wegen der Versorgungslage. Es kommt zu Äußerungen wie z. B.: »Es muss erst wieder zu einem 17. Juni kommen, damit die Versorgung besser wird.«
Nach Aussagen des Parteisekretärs vom Abus-Kranbau, herrsche in diesem Betrieb unter einem Teil der Arbeiter eine Stimmung wie kurz vor dem 17. Juni 1953.
Neben den Diskussionen über politische Tagesfragen sowie über die Versorgungslage wird vielfach über betriebliche Probleme gesprochen.
Im VEB Glaswerk Ilmenau, [Bezirk] Suhl, wurden heftige Diskussionen über die Urlaubsregelung geführt. In diesem Industriezweig wird für gleiche Berufe eine unterschiedliche Urlaubszeit gewährt. Wegen dieser Frage wird bereits seit August 1954 mit dem ZV der IG Chemie verhandelt, es wurde aber noch keine Klärung geschaffen. In einer Aussprache zwischen dem BGL-Vorsitzenden des Betriebes und der Genossin vom ZV, die diese Angelegenheit bearbeiten, machte sie der BGL-Vorsitzende darauf aufmerksam, dass wegen dieser Urlaubsregelung 60 Kollegen aus dem FDGB austreten wollen. Darauf erwiderte die Genossin: »Dann sind es eben 60 Mitglieder weniger, dadurch geht der FDGB auch nicht ein.«
Im VEB Stahlbau Magdeburg wird zurzeit viel über die geplante Schichtarbeit gesprochen. Es soll die Nachtschicht eingeführt werden, um das Stromnetz tagsüber zu entlasten. Dieser Vorschlag wurde von der BGL in einer Belegschaftsversammlung gemacht und auf Befragen erklärten sich die Kollegen einverstanden. Zu einem späteren Zeitpunkt, als bereits die Genehmigung vom Ministerium erwirkt war, erklärten die Arbeiter plötzlich, dass sie dies nicht mitmachen würden. Aufgrund dessen musste die Werkleitung von der Einführung der Nachtschicht absehen.
Unter den Kollegen der Gesenkschmiede in Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, werden heftige Diskussionen über die im Betrieb bestehenden Material-, Gas- und Energieschwierigkeiten geführt. So sagt z. B. ein Parteiloser: »Bei uns muss irgendetwas nicht in Ordnung sein. Ist einmal genügend Material da, fehlt es an Gas oder an Energie. Ich verstehe nicht, dass bei uns laufend solche Schwierigkeiten sind, während in anderen Gesenkschmieden solche Dinge nicht zu verzeichnen sind.«
Zur Lage in den Werften ist zu sagen, dass weiterhin Materialschwierigkeiten, schlechte Arbeitsorganisation und Fragen der Unrentabilität eine Rolle spielen. Über diese Dinge wird auf den Werften viel diskutiert. Die Arbeiter bringen zum Ausdruck, dass sie nicht verstehen können, weshalb diese Schwierigkeiten nicht beseitigt werden und warum die Rentabilität nicht durch die Reduzierung des Verwaltungsapparates hergestellt wird.
Zum Beispiel herrscht unter den Arbeitern der Abt. Helling-Montage der Warnowwerft in Warnemünde eine schlechte Stimmung, weil auf Anordnung des Werkleiters alle von der Lohngruppe VII in Lohngruppe VI umgestuft wurden. Unter anderem äußerte ein Meister: »Man sollte lieber 20 % der Angestellten entlassen und nicht bei den Arbeitern anfangen, den Betrieb rentabel zu gestalten.«
Im zentralen Konstruktionsbüro der Peenewerft in Wolgast herrscht unter den Konstrukteuren eine Missstimmung, weil sie bei der HV Schiffsbau in Berlin eine Gehaltserhöhung beantragten, die abgelehnt wurde. Es handelt sich dabei um Kräfte, die jahrelange Erfahrung im Schiffsbau besitzen.
Der Oberkoch vom Objekt »Sowjetskij Sojus«13 sagte Folgendes: »Seit dem 5. März [1955] sind nun schon die Kollegen von außerhalb auf dem Objekt und bekommen pro Tag DM 8,50 Auslösung, doch das Schiff wird nicht fertig, damit es zur Probefahrt auslaufen kann. An Bord befinden sich 45 000 Eier, Fleisch, Kaffee, Äpfel usw.«
Im VEB »Seehafen« in Wismar ist zu verzeichnen, dass die Abfertigung der Schiffe zu lange dauert. Zum Beispiel ging bei einem schwedischen Schiff die Kontrolle um 14.00 Uhr an Bord und war erst gegen 17.45 Uhr fertig. Dann erst konnten die Arbeiter, die auf die Freigabe warteten, mit der Arbeit beginnen. Dadurch entstanden unnötig hohe Unkosten, da die Arbeiter für diese Zeit Wartestunden schrieben. Zum anderen führt es zur Verärgerung der Kapitäne und es besteht die Gefahr, dass sie sich weigern werden, künftig unsere Häfen anzulaufen.
Die Lage in vielen Betrieben wird durch bestehende Materialschwierigkeiten, Kohlemangel, Materiallieferungen schlechter Qualität sowie durch andere Unzulänglichkeiten bestimmt. Dies führt dazu, dass verschiedentlich Wartestunden entstehen, sich Exportaufträge verzögern, sowie die Monatspläne nicht erfüllt werden können und darüber hinaus der planmäßige Produktionsablauf nicht gewährleistet ist.
Zum Beispiel bestehen im VEB Stahlgabelwerk in Meiningen, [Bezirk] Suhl, große Produktionsschwierigkeiten, da die eingeplanten 80 t Rundstahl aus Westdeutschland und die 30 t Flachstahl aus der SU noch nicht eingetroffen sind. Dadurch wurde der Produktionsplan im Februar nur mit 95 % erfüllt.
Der Betrieb »Holstein und Kappert« in Zerbst,14 [Bezirk] Magdeburg, benötigt dringend Platten für einen Exportauftrag der SU. Der Zulieferbetrieb Tewa-Werk Raguhn,15 [Kreis] Dessau, verpflichtete sich, bis zum 15. März [1955] 1 500 Platten zu liefern, wovon bis jetzt nur 400 Stück eingetroffen sind.
Im »Eichsfelder Obertrikotagenwerk« Dingelstedt, [Bezirk] Erfurt, fehlt es an Maschinenstricknadeln. Es erfolgte kürzlich eine Teillieferung, die nicht ausreicht, um die Maschinen vollzusetzen. Der größte Teil der Maschinen läuft nur auf halber Breite, was 50 % Lohnausfälle bedeutet.
Im VEB Flachs- und Leinenzwirnerei Hirschfelde, [Bezirk] Dresden, ist nur noch für zehn Tage Flachs vorrätig. Wenn keine Lieferung erfolgt, muss die Produktion eingestellt werden. Der Betrieb hat mit der DHZ16 Karl-Marx-Stadt Verträge abgeschlossen, die nicht eingehalten wurden. Das zuständige Ministerium ist über die Lage des Betriebes informiert.
Im VEB Kraftverkehr Zittau, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Treibgas. Wenn keine Lieferungen erfolgen, muss der Personen- und Kraftverkehr eingestellt werden. Die Belieferung erfolgt durch das Sauerstoffwerk Weinhübel.
Der VEB Spinnfaser Elsterberg, [Bezirk] Gera, wird von der Bauwollspinnerei Karl-Marx-Stadt mit sehr schlechtem Material beliefert. Dadurch ist es dem Betrieb nicht möglich, die Qualität der Waren zu verbessern.
In den Mechanischen-Werkstätten Land Hagenow, [Bezirk] Schwerin, ist die Produktion gefährdet, wenn nicht Kreuzgelenke, Lenkarme und Kugellager geliefert werden. Die in letzter Zeit von der DHZ Güstrow gelieferten Spezialteile sind von schlechter Qualität.
In den Halleschen-Kleiderwerken wurde die Annahme einer Teillieferung von 400 Stück Uniformen durch eine Kontrolle des zuständigen Ministeriums wegen schlechter Arbeit nicht abgenommen. Außerdem ist zu verzeichnen, dass im I. Quartal 1955 39 000 Meter Stoff wegen Webfehlern verworfen wurden. Die Stoffe werden hauptsächlich vom VEB »Tufa« Cottbus17 geliefert. Durch diesen Zustand ist wahrscheinlich am 25.3.[1955] die Lohnzahlung gefährdet.
Produktionsstörungen
Im VEB Braunkohlenwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, stand am 17.3.[1955] die Brikettfabrik Theißen für Stunden still. Ursache: Noch nicht bekannt. Produktionsausfall 230 t Briketts.
Im Braunkohlenwerk Nachterstedt, [Bezirk] Halle, kam es zu einem Zugzusammenstoß. Sachschaden: 10 000 DM Produktionsausfall 600 cbm Abraum.
Am 19.3.[1955], gegen 17.30 Uhr, fiel im VEB Papierfabrik Lunzenau, [Kreis] Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, die Lenixrolle (Spannrolle) aus. Schaden ca. 9 000 DM. Produktionsausfall ca. 20 t Papier.
Am 19.3.1955, gegen 8.45 Uhr, kam es im VEB Baumwollweberei Werk II in Wolkenburg, [Kreis] Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, zu einer Wasserdruckexplosion. Sachschaden konnte noch nicht festgestellt werden.
Am 17.3.[1955], gegen 12.00 Uhr, explodierte der Gaskernofen der Kernmauerei des EKM Gera. Schaden noch nicht festgestellt.
Am 20.3.[1955] brach in einer VEB Möbeltischlerei Finow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Brand aus. Der Betrieb ist zu 85 % ausgebrannt. Schaden: Circa 171 000 DM. Ursache: Noch nicht bekannt.
In der Wismutzeche18 2b – Zwickau – wurden in einer Grobsetzmaschine in einer Fettbuchse Steinchen vorgefunden.
Unter den Kumpel im VEB Zinnerz Eisenberg, [Bezirk] Dresden, ist das Gerücht im Umlauf, dass der ehemalige Generalfeldmarschall Paulus19 nach Westdeutschland gegangen sei.
Im VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, wurden in der Mechanischen-Werkstatt Hetzlosungen angebracht, die sich gegen Wirtschaftsfunktionäre des Betriebes richteten.
Am 18.3.[1955] wurde im VEB Bleichert Leipzig20 in einer Toilette eine Hetzlosung, die sich gegen die DDR richtete, festgestellt.
An der Mauer des VEB Schlachthof Görlitz, [Bezirk] Dresden, wurde folgender hetzerischer Text festgestellt: »Achtung Rentner und Sozialunterstützte! Bis auf weiteres findet kein Fleischverkauf an Euch statt. Infolge mangelhafter Anlieferung von Schlachtvieh aus landwirtschaftlichem Soll werden die anfallenden Freibankfleischmengen21 zur vordringlichen Herstellung der HO-Bockwürste benötigt. Besitzer von Freibankausweisen erhalten täglich von 9.00 bis 11.00 Uhr im HO Kaufhaus Görlitz Bockwürste zum Preis von 0,20 Pfennig, solange der Vorrat reicht.«
Versorgung der Bevölkerung
Die augenblickliche Versorgungslage wird von allen Schichten der Bevölkerung heftig diskutiert. Durch die Hamstereinkäufe wurden die Vorräte an den wichtigsten Lebensmitteln aufgekauft, sodass es jetzt in verschiedenen Verkaufsstellen kein Mehl, HO-Margarine und Schmalz mehr gibt. Die Diskussionen sind vor allem negativ und die Bevölkerung sehr unzufrieden. Diese Unzufriedenheit wird vom Gegner ausgenutzt und durch Gerüchteverbreitung noch weiter geschürt. Die Diskussionen, Gerüchte usw. sind verschiedener Art. Sie laufen aber alle auf den gleichen Nenner hinaus, nämlich die Wirtschaft der DDR mies zu machen und in den Augen der Bevölkerung zu diffamieren. Oft wird auch der Westen verherrlicht und so hingestellt, als gäbe es dort nur Wohlstand und Glück, während es bei uns wie nach einem Krieg aussieht.
So sagte z. B. eine Geschäftsfrau aus Waldheim, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig: »Bei uns sieht es wieder einmal schlecht aus mit der Versorgung. Kein Mehl, keine Butter, kein Öl gibt es zu kaufen. Im Westen dagegen ist alles in Hülle und Fülle. Die führen ein ganz anderes Leben.«
Verschiedentlich tauchen auch wieder solche Stimmen auf, die besagen, dass unsere Lebenslage wie vor dem neuen Kurs22 sei und es deshalb notwendig wäre, wieder mal einen 17. Juni durchzuführen, damit es dann wieder alles zu kaufen gäbe.
So sagten z. B. Hausfrauen aus dem Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Es kann nicht mehr so weiter gehen. Es muss erst wieder einmal gestreikt werden, damit der Regierung die Augen aufgehen.«
Oft wird aber auch davon gesprochen, dass es bald zu einem neuen Krieg kommen würde und aus diesem Grunde die Versorgungslage so angespannt sei.
Hausfrauen aus dem Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sagten z. B.: »Man merkt es deutlich, dass man sich in der DDR für einen neuen Krieg vorbereitet. Es geht jetzt genau so los, wie kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Lebensmittel auch knapp.«
Sehr häufig werden auch Diskussionen über die neuen Brotsorten geführt. Viele äußern sich dazu, dass es eine Schande sei, nach zehn Jahren Kriegsende noch schwarzes Brot essen zu müssen und dazu solches Brot, was kaum zu essen geht, da es zu nass und zu sauer sei. Auch sei der Brotpreis 0,75 DM für dieses Mischbrot zu hoch.
In diesem Zusammenhang tauchen auch Gerüchte auf, dass es bald wieder Brotmarken gibt.23
In verschiedenen Bezirken taucht jetzt das Gerücht von einer in Kürze stattfindenden Währungsreform in der DDR auf.
So sagten z. B. Hausfrauen aus Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Das Geld soll in nächster Zeit verfallen, man muss so schnell als möglich, alles Geld umsetzen und nur das Notwendigste aufheben.«
Der Kreisleitung der SED Cottbus wurde anonym eine Karte zugestellt mit folgendem Wortlaut: wenn ihr nicht bald dafür sorgt, dass Butter in ausreichenden Mengen in den Handel kommt, passiert euch bald wieder etwas. Unterschrift: Die Bevölkerung.
Über die Anordnung der Neuregelung der Verkaufszeiten24 des Einzelhandels werden unter dem Verkaufspersonal heftige Diskussionen geführt. Im Allgemeinen lehnen sie es ab, bis 19.00 Uhr hinter dem Ladentisch zu stehen. Es werden die verschiedensten Ausreden gebracht, die neuen Verkaufszeiten zu verhindern. – Vielfach ist das Verkaufsstellenpersonal der Meinung, dass es nicht notwendig sei, bis 19.00 Uhr den Laden offen zu haben, da nach 18.00 Uhr sowieso keiner mehr einkaufen würde und dem Verkaufspersonal kostbare Zeit verloren ginge. Einige Verkäuferinnen, besonders solche, deren Männer arbeiten, tragen sich sogar mit dem Gedanken, aus diesem Grunde vom Handel wegzugehen.
In Stadtroda z. B. vertritt der größte Teil des Verkaufspersonals den Standpunkt, wenn diese neuen Ladenschlusszeiten eingeführt werden, die Kündigung einzureichen, da sie sich dann abends überhaupt nichts mehr leisten können.
Bei einer Mitgliederversammlung, die am 17.3.1955 von Gewerkschaft Handel in Cottbus durchgeführt wurde, wurde dem Verkaufspersonal die Bedeutung der neuen Ladenöffnungszeiten aufgezeigt. Die ablehnende Haltung der Versammlungsteilnehmer kam in den Zwischenrufen während des Referates zum Ausdruck, die vor allem beinhalten: »Wie lange arbeitet ihr; verlängerte Geschäftszeit ist nur für die Säumigen da; die Sorge um den Menschen liegt wohl bei dem, die in der Produktion arbeiten, wir Verkäufer waren schon immer Menschen zweiter Sorte; vor kurzen haben wir erst für diese Arbeitszeit gekämpft, wie wir sie jetzt haben; wenn das Gesetz durchgeführt wird, gehen wir in die Produktion arbeiten.«
In dieser Versammlung konnte keine Einigung erzielt werden, da alle Versammelten um 20.00 Uhr den Raum verließen, obwohl noch ein Punkt auf der Tagesordnung stand.
Auf einer Verkaufsstellenleiter-Tagung des Konsums25 in Güstrow, [Bezirk] Schwerin, wurde ein Antrag eingebracht, darüber abzustimmen, ob die neue Verordnung der Verkaufszeiten angenommen wird, oder nicht.
Das führte zur Annahme einer Protestresolution mit dem Inhalt, die neuen Verkaufszeiten in der Form abzulehnen.
Ein Verkaufsstellenleiter der KG Halle brachte seinen Unwillen über die neuen Verkaufszeiten zum Ausdruck und verfasste dazu eine Protestresolution, mit der er fünf Verkaufsstellen aufsuchte und die Kollegen veranlasste, durch ihre Unterschrift ihren Unwillen zum Ausdruck zu bringen. 50 Verkaufskräfte unterschrieben diese Protestresolution.
Am 18.3.1955 sind aus Ungarn in der VEAB Riesa, [Bezirk] Dresden, 17 Tonnen Bohnen eingetroffen. Diese Sendung wurde im Großhandelskontor26 und Konsum Riesa gelagert. Auf beiden Stellen weisen die Bohnen einen Petroleum-Geruch auf, sodass sie ungenießbar sind. Es wurde festgestellt, dass der Transport in Bad Schandau ordnungsgemäß übernommen wurde und dort dieser Geruch noch nicht festzustellen war.
Die Lage in der Landwirtschaft
Unter der Landbevölkerung werden nur noch vereinzelte Stimmen zu den letzten politischen Ereignissen bekannt. Diese sind besonders von den Werktätigen aus dem sozialistischen Sektor der Landwirtschaft und vorwiegend positiv. Der Inhalt der Diskussionen ist der Gleiche, wie schon des Öfteren berichtet. Es wird im Wesentlichen die Bereitschaft der Unterstützung des Kampfes um die Wiedervereinigung Deutschlands zum Ausdruck gebracht und die Zustimmung zur Erklärung der Volkskammer gegeben.27 Das findet in den vielen Verpflichtungen von Arbeitern der MTS, Genossenschaftsbauern und werktätigen Einzelbauern seinen Ausdruck, die jetzt oft mit der Begründung abgegeben werden, durch Steigerung ihrer ha-Erträge oder Ablieferung von Vieh usw. unsere Wirtschaft zu stärken, und damit zu zeigen, dass sie fest hinter der Regierung stehen und mit unserer Politik einverstanden sind. In der Hauptsache beinhalten die Verpflichtungen die Erfüllung des Solls, mehr Produkte dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen, Anwendung von Neuerer-Methoden28 in der Landwirtschaft und die ha-Erträge zu steigern.
Zum Beispiel verpflichteten sich die Einzelbauern in einer Generalversammlung der BHG Martinroda, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, insgesamt 20 600 Liter Milch, 15 000 Stück Eier, 84 Schweine und ein Rind dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen.
Auf einer Besprechung des Vorsitzenden der LPG im Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, wurde ein Wettbewerb von LPG zu LPG vorgeschlagen, der das Ziel hat, die ha-Erträge zu steigern und den Kampfplan zu realisieren.
Solche Verpflichtungsbewegungen sind in der Landwirtschaft keine Einzelerscheinungen mehr, sondern treten jetzt überall im größeren Umfange auf.
Aus dem Bezirk Gera werden einzelne Diskussionen bekannt, die dem Ministerratsbeschluss zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion ablehnend gegenüberstehen.
So sagte z. B. ein werktätiger Einzelbauer, Mitglied der SED aus Schöndorf, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera: »Wer das jetzt durchführen und durchdrücken will, dann erleben wir den zweiten 17. Juni. Es werden dann wieder verschiedene Bauern nach dem Westen abrücken.«
Aus verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben wird weiter über Futtermangel berichtet. Das führt in einigen Betrieben so weit, dass die Bauern nicht wissen, wie sie ihr Vieh erhalten können. Eine Einhaltung des Viehaufzuchtsplanes oder die Ablieferung von Vieh kann damit nicht gewährleistet sein. Die Schuld des Futtermangels liegt zum großen Teil an den Betrieben selbst, die im vergangenen Jahr dieser Frage nicht die genügende Aufmerksamkeit schenkten, keine Vorräte schafften oder durch schlechte Einmietung usw. das Futter erfrieren ließen. Dazu kommt noch, dass durch die schlechten Witterungsverhältnisse im vergangenen Jahr viel Futter (Stroh, Heu usw.) schon auf den Feldern und Wiesen umkam.
Der Schäfer aus der LPG »Helmut Just« Geyer, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Max-Stadt erklärte z. B., dass die Futtermittelzuteilung unzureichend sei und er mit dem Vorrat höchstens noch eine Woche reicht. Er lehnte aus diesem Grunde die Verantwortung über die 233 Alttiere (Schafe) und die 70 Lämmer, die sich in der Schäferei befinden, ab.
In der LPG Jahna, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, reichen die Futterrüben und Stroh noch ca. drei Wochen. Es fehlen der LPG ca. 225 dz Kraftfutter. Durch die schlechte Fütterung der Kühe hat die LPG einen Milchrückstand in den ersten beiden Monaten (1955) von 8 000 Litern.
Im Kreis Parchim, [Bezirk] Schwerin, fehlen 950 dz Heu, 1 900 dz Kraftfutter und 680 dz Stroh.
Zur Frühjahrsbestellung ist in einigen landwirtschaftlichen Betrieben nicht genügend Saatgut vorhanden. Es werden aber überall Maßnahmen ergriffen, den Mangel schnellstens zu beheben.
In der LPG Crivitz, [Bezirk] Schwerin, fehlen 12 dz Saatkartoffeln.
In der LPG Bülow, [Bezirk] Schwerin, fehlen 200 dz Saatkartoffeln.
In der LPG Dammerow, [Bezirk] Schwerin, fehlen 830 dz Saatkartoffeln.
In der LPG Neuhof, [Bezirk] Suhl, fehlt es an Saatkartoffeln. Die LPG hat wegen Futtermittelknappheit schon einen Teil der Saatkartoffeln verfüttert.
Im Kreis Guben, [Bezirk] Cottbus, fehlen 117 dz Hafer und 1 600 dz Saatkartoffeln.
Im Kreis Forst, [Bezirk] Cottbus, werden noch 20 dz Sommergetreide und 10 dz Roggen benötigt.
Im Kreis Herzberg, [Bezirk] Cottbus, werden noch 523 dz Erbsen und 5 473 dz Saatkartoffeln gebraucht.
Schweinepest
Am 16.3.1955 brach in der LPG Gerswalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, die Schweinepest aus. Bestand: 167 Schweine, davon sind bisher 66 Stück verendet.
In den letzten drei Wochen sind bei vier Großbauern29 und Mittelbauern aus der Gemeinde Hainewalde, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, insgesamt 53 Schweine erkrankt, zum Teil verendet oder notgeschlachtet.
Die Krankheit der Schweine konnte noch nicht ermittelt werden. Es besteht aber der Verdacht, dass bei der Fütterung Futterkalk beigemischt wurde, dass hier eine vorsätzliche Vergiftung vorliegen kann. Der Futterkalk wird von einem Apotheker in Bad Salza/Thüringen hergestellt, er gelangte durch Reisende in den Verkauf.
Im Kreis Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, ist zu verzeichnen, dass einige Genossenschaftsbauern aus der LPG austreten wollen. Der Grund ist der Beschluss des Rates des Bezirkes, dass Landarbeiter der LPG 70 % der Arbeitseinheiten30 bekommen und LPG-Mitglieder, die werktätige Bauern waren, nur 50 %. Diese Situation ist in der LPG »Rotes Banner« in Schönhausen, in Böhne und Nitzow in Erscheinung getreten. In der LPG Nitzow gehen LPG-Mitglieder, ehemalige werktätige Bauern dazu über, ihr eigenes Vieh zu verkaufen.
Seit Juli 1954 beschweren sich die Einwohner der Gemeinde Neuhof, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, dass ihre Gemarkungen im Bereich des Schießplatzes der Sowjetarmee liegen und sie deshalb ihren Arbeiten nicht nachgehen können, wie sie wollen, da Lebensgefahr besteht. Diese Gemeinde hat sich wiederholt mit der Kreisdienststelle Parchim in Verbindung gesetzt und gebeten, Abhilfe zu schaffen. Es wurde versucht, im Bezirk diese Frage zu klären, ohne zu einer endgültigen Lösung zu kommen. In diesen Tagen wurde besonders bei der Vorbereitung der Frühjahrsbestellung diese Frage akut. Die Kinder der Gemeinde demonstrieren in der Schule, wie sie sich über den Bahnkörper schleichen müssen. Gleichzeitig wurden Stimmen in der Gemeinde laut, zum Rat des Kreises zu demonstrieren und Abhilfe zu fordern.
In der LPG »Thomas Müntzer«31 in Mauken, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, wurde durch den neueingesetzten Schäfer [Name] festgestellt, dass im Schafstall der LPG 15 verendete Schafe lagen. Die Ermittlungen ergaben, dass die 15 Schafe versteckt unter Haferstroh in der Futterkammer gefunden wurden und bereits schon in Verwesung übergegangen waren. Noch 18 verendete Schafe unter Haferstroh versteckt, wurden in der Scheune gefunden. Der bisherige Schaden wird auf ca. 5 500 DM geschätzt.
Das Haferstroh, mit welche die Tierkadaver abgedeckt waren, kann nicht zum Füttern verwendet werden. Vom Oktober 1954 bis 20.3.1955 verendeten in der LPG 52 Schafe. Die Todesursache konnte noch nicht festgestellt werden. Der vorher eingesetzte Schäfer wurde festgenommen.
In der letzten Zeit wurde bekannt, dass sich in der Gemeinde Eldena, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, acht Fernsehgeräte in der dortigen Grenzgemeinde befinden. An dem täglichen Empfang nehmen 15 bis 20 Personen bei den einzelnen Besitzern teil. Die Sendungen wurden vom NWDR32 übernommen. Die Diskussion in der dortigen Gemeinde beschäftigt sich nur noch mit den westdeutschen Fernseh-Programmen.
Die LPG »Roter Oktober« Prisannewitz, [Bezirk] Rostock, erhielt ein gefälschtes Schreiben mit dem Kopf der Warnowwerft Rostock. Das Schreiben fordert die Genossenschaftsbauern zu einer Aussprache zwecks Übernahme einer Patenschaft durch die Arbeiter der Warnowwerft in Rostock auf, nach Rostock zu kommen. Das Schreiben ist mit »Sekretär der BPO Hoffmann«33 unterzeichnet. Der Warnowwerft ist von einem derartigen Schreiben nichts bekannt.
Am 17.3.1955, gegen 17.00 Uhr, wurde ein Traktorist der MTS Körner-Obermehler, [Kreis] Mühlhausen, hinterlistig überfallen und niedergeschlagen. Er ist zurzeit noch nicht vernehmungsfähig. Die Täter konnten ermittelt werden und sind von der Kreisdienststelle Mühlhausen festgenommen worden. Weitere Vernehmungen werden zur Klärung der Tat noch geführt.
Einschätzung der Situation
Die Versorgungslage steht im Mittelpunkt. Dadurch werden die Gespräche über die wichtigsten politischen Fragen immer mehr in den Hintergrund gedrängt.
Durch Aufklärung, Verkaufsbeschränkungen und Warenmangel haben die Hamstereinkäufe beträchtlich nachgelassen. Die Unzufriedenheit hält aber weiter an und macht sich auch immer mehr in den Betrieben bemerkbar.
Der Gegner nutzt diese Lage im zunehmenden Maße aus, um durch Hetze und Gerüchte gegen die Regierung und die Wirtschaft in der DDR die Bevölkerung zu beunruhigen und sie gegen die Regierung aufzubringen.
Anlage 1 vom 21. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2434
Bericht über Normfragen in der Zeit vom 15. bis 21. März 1955
Im Wismut-Gebiet ist unter den Kumpeln die Einführung der technisch begründeten Arbeitsnormen34 weiterhin Hauptdiskussionsstoffe.35 Die Funktionäre der Partei und des FDGB legen das Schwergewicht jetzt auf die Brigaden, die in der ersten Etappe noch nicht erfasst wurden.36 Diese Brigaden, sowie diejenigen, die ihre Unterschrift zur Überprüfung der Normen gaben, werden jetzt durch intensive Aufklärung befragt, ob sie sich bereit erklären, nach technisch begründeten Normen zu arbeiten.
Die zweite Etappe weißt verschiedentlich schon gute Ergebnisse auf. Zum Beispiel ist im Gebiet Oberschlema in den Schachtfeldern I, II und IV des Schachtes 6b die zweite Etappe bereits abgeschlossen.
In Schacht 54 – Johanngeorgenstadt – haben sich von den Vortriebsrevieren ca. 75 % bereit erklärt, nach neuen Normen zu arbeiten. Im Objektmaßstab dieses Gebietes wurden bis zum 15.3.[1955] von 523 Brigaden mit 8 570 Unterschriften, die Überprüfung der alten Normen sowie die Einführung technisch begründeter Arbeitsnormen gefordert.
Im Objekt 101 – Zwickau – haben von 85 technologischen Brigaden der Grundzechen bereits 75 % ihre neue Norm anerkannt und sich verpflichtet ab 1. April 1955 danach zu arbeiten.
Bei der Aufklärung über die Notwendigkeit der Einführung der technisch begründeten Arbeitsnormen zur Hebung der Arbeitsproduktivität zeigt sich ein großer Teil der Kumpel aufgeschlossen und bereit, zur Hebung der Rentabilität beizutragen. Dies konnte auch festgestellt werden, als am 18.3.[1955] im gesamten Wismut-Gebiet Versammlungen durchgeführt wurden, mit dem Thema: »Die internationale und nationale Lage entsprechend der politischen Ökonomie zur Steigerung der Arbeitsproduktivität.«
Die von Mitgliedern des ZK sowie von Funktionären der GPL/Wismut gehaltenen Referate fanden bei den Kumpeln großen Anklang.37 In den Diskussionen ergab sich eine allgemeine Zustimmung zur Einführung der TAN.
Trotzdem die Mehrheit der Kumpel mit den TAN einverstanden ist, sind doch negative Argumente, sowie feindliche Diskussionen, nicht zu übersehen. Stark vertreten ist die Meinung, dass sich durch die Einführung der TAN der Verdienst vermindert und es heißt deshalb immer wieder »die Rentabilität geht auf Kosten der Arbeiter«. Solche Diskussionen entstehen meist dort, wo die Aufklärung schlecht ist.
Nachdem in der vergangenen Woche im Schacht 13 – Aue – von der BGL die neuen Arbeitsnormen bekannt gegeben wurden, entstanden unter den Kumpeln Diskussionen, dass sie nichts von einer Überprüfung gespürt hätten und dass vorher nicht mit ihnen gesprochen worden sei.
Eine schlechte Stimmung ist im Schacht 6 (Jugendschacht), Revier IV – Oberschlema – zu verzeichnen. Dies trat besonders bei einer Aussprache mit den Kumpeln zu Tage. Sie vertraten die Meinung, dass von der Schachtleitung und den Aufklärern nicht die Wahrheit gesagt wurde, über die jetzige Lage der Normen. Es kommt zu Äußerungen wie z. B. »Die sind zu feige, die Wahrheit zu sagen, weil sie wissen, dass dann die Arbeiter nicht mitmachen«.
Als bei dieser Aussprache ein Funktionär zu der Frage Stellung nahm, wurde keine Notiz davon genommen und man bezeichnete ihn als »Arbeiterverräter«.
Ein Kumpel vom Objekt II – Oberschlema – sagte: »Es ist zwar so, dass die Kumpel unterschreiben, aber in den Schichtbussen und Zügen wird darüber geschimpft, sodass die Stimmung einem 17. Juni gleichkommt.«
Es gibt auch Genossen unserer Partei, die zur Normfrage negativ Stellung nehmen. Dies hat seine Auswirkung darin, dass unter den Kumpeln diskutiert wird, wie z. B., »wenn nicht einmal die Genossen so viel Bewusstsein aufbringen, so kann man es von den politisch unaufgeklärten Kumpeln gleich gar nicht verlangen«.
Zum Beispiel lehnte ein Brigadier/SED von der Zeche A des Objektes 101 – Zwickau – hartnäckig die neue Norm mit der Begründung ab, dass sie zu hoch sei.
Ein Genosse von der Fabrik 95 Freital erklärte: »Es war eben schon immer so und wird auch so bleiben, dass nur auf den Knochen der Arbeiter eingespart wird.«
Ein Brigadier (SED) aus der Pumpenstation der gleichen Fabrik sagte: »Wenn ich jetzt nur noch ca. 600 DM verdienen soll, können sie mich gerne haben. Für das Geld arbeite ich hier nicht. Die bekommen überhaupt bald mein Parteidokument, denn ich kenne nur Pflichten, aber zu meinem Recht komme ich nicht.«
Weiterhin wird vereinzelt von feindlichen Elementen der 17. Juni 1953 erwähnt, oder Andeutungen auf einen neuen 17. Juni gemacht.
Zum Beispiel sagte ein Kumpel vom Revier II, Schacht 207, Aue: »Der 17. Juni 1953 wurde nur ausgelöst, weil der Arbeiter zu sehr ausgebeutet wurde. Heute ist es genau wieder so. Es ist eine glatte Normerhöhung, nur das Kind hat einen anderen Namen bekommen. Sie sollten lieber weniger Geld an die KVP ausgeben.«
Ein Hauer vom Schacht 13 – Aue – äußerte: »Die sollen bloß aufpassen, dass es nicht wieder zu einem 17. Juni kommt.«
Ein Kumpel vom Schacht 250, Gesenk 24 – Aue – erklärte in einer Diskussion mit anderen Kumpeln Folgendes: »Die sollen nur sehen, wenn noch ein zweiter 17. Juni kommt, ob sich dann die Wismut-Kumpel nicht anders verhalten als das letzte Mal.«38
Auf die Frage eines Jugendfreundes, weshalb er von der VP weg ist, antwortete ein Kumpel: »Wir sind am 17.6. dem Befehl – auf die Arbeiter zu schießen – nicht nachgekommen, wir haben die Jacke ausgezogen und mitgestreikt. Da hat man uns erst eingesperrt und dann wieder entlassen. Die sollen sich nicht so mausig machen, wir haben den 17. Juni noch nicht vergessen.«
Ein Kumpel vom Objekt 34 – Zwickau – sagte: »Die mögen nur so weiter machen, dann dauert es keine 14 Tage und sie haben einen zweiten 17. Juni. Dieser spielt sich aber anders ab, als der erste, da werden wir aber aufräumen.«
In den Industrie- und Verkehrsbetrieben zeigt sich oftmals bei Normveränderungen, dass dies unter den Beschäftigten zu einer negativen Stimmung führt.
Zum Beispiel sollen in der Knopfgriffabteilung sowie im Jugendbetrieb des VEB Klingenthaler Harmonikawerkes Normen eingeführt werden, die sich in anderen gleichartigen Werken bewährt haben. Dies löste Diskussionen aus wie z. B.: »Da werden wir eben die DDR verlassen und in Westdeutschland bei der Fa. Hohner39 arbeiten.« Verschiedene Kollegen haben bereits gekündigt. Von einem großen Teil der Jugendlichen im Jugendbetrieb wurde erklärt, dass ausgerechnet bei den Menschen an der Werkbank angefangen würde, durch billigeres Arbeiten den Lebensstandard zu verbessern, jedoch habe man noch nicht daran gedacht, den aufgeblähten Verwaltungsapparat zu reduzieren.
Der BGL-Vorsitzende des Betriebes wurde von zwei Arbeitern an seinem Arbeitsplatz aufgesucht und in zynischer Weise an den 17. Juni 1953 erinnert.
Im VEB Kofferwerk Neukirch, [Bezirk] Dresden, wurde in einer Abteilung die Normung durchgeführt. Dabei zeigten sich zwei Arbeiterinnen besonders feindlich, indem sie sagten: »Den TAN-Bearbeiter sollte man gleich die Schnauze40 voll hauen. So etwas nennt sich nun Arbeiter-und-Bauern-Staat.«
Im VEB Waggonbau Görlitz herrscht in der Abt. Sattler eine Missstimmung und Verärgerung über die Norm. Die Abteilung fertigt in der Massenbedarfsgüterproduktion Sessel. Die Arbeiter schaffen wohl die Norm, weil es verlangt wird, aber dafür sind die Sessel sehr schlecht gearbeitet. die Arbeiter erklären, dass sie sich selbst solch einen Sessel niemals kaufen würden.
Im VEB Gummi-Textilwerk Bad Blankenburg, [Bezirk] Gera, kam es zu Unstimmigkeiten wegen einer neuen Normfestlegung, die sich in der Abteilung Spiralschlauch notwendig machte. Aufgrund von Produktionsverbesserungen wurden in der Abteilung die Normen regelmäßig mit 200 % erfüllt. Als vom TAN-Sachbearbeiter die einzelnen Arbeitsgänge abgestoppt wurden, erfüllten die Arbeiter die Normen nur um die Hälfte der sonstigen Prozente.
Es entspann sich daraufhin eine Diskussion, die sich auf ca. eine Stunde erstreckte. Die Arbeiter brachten zum Ausdruck, dass sie mit der beabsichtigten Normveränderung nicht einverstanden seien. Durch diese Diskussionen entstand ein Produktionsausfall von 24 Spiralschläuchen im Werte von 2 000 DM.
Erst durch das Eingreifen des BPO-Sekretärs begannen die Arbeiter wieder ordnungsgemäß zu arbeiten.
Im RAW Meiningen, [Bezirk] Suhl, wird unter einem großen Teil, der Beschäftigten über die Einführung der technisch begründeten Arbeitsnormen gesprochen. Es wird dabei zum Ausdruck gebracht, dass man die hohen Gehälter der Angestellten kürzen soll, ehe man bei den Arbeitern die TAN einführt. Besonders in der Kesselschmiede dieses Betriebes werden negative Diskussionen von den gleichen Personen, die am 17. Juni 1953 negativ in Erscheinung traten, geführt.
Im VEB Kaliwerk »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl, wurden unter den Kumpel des Schachtes I negative Diskussionen über die neuen Normen geführt. In diesem Zusammenhang wurden auch Hetzlosungen geschmiert. Am 16.3.[1955] konnte festgestellt werden, dass die Diskussionen nachließen und die Planerfüllung, welche in den ersten Tagen nach der Normeinführung unter 100 % lag, wieder mit 120 % erfüllt wurde. In dem gleichen Zeitraum wurde erneut auf einem Förderwagen eine Hetzlosung geschmiert.
Anlage 2 vom 22. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2434
Hamstereinkäufe
Aus allen Bezirken, mit Ausnahme von Berlin, wird allgemein ein starker Rückgang der Hamstereinkäufe gemeldet. Nur noch von einzelnen Personen getätigt, treten diese in den Städten und Gemeinden auf. Es muss betont werden, dass überall noch ein überhöhter Einkauf, im Verhältnis zu den Vormonaten gesehen, zu verzeichnen ist, und eine starke Nachfrage nach den wichtigsten Lebensmitteln wie Mehl, Butter, Fleisch usw. besteht.
Die Ursachen des Rückganges sind darin zu suchen, dass einmal durch die Hamstereinkäufe keine bzw. wenig Waren in den Verkaufsstellen vorhanden sind, dass unsere Handelsorgane zum Teil verstanden haben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen und dass auch unter der Bevölkerung eine Aufklärungsarbeit von der Partei und den Handelsorganen erfolgte.
Es bleibt trotz des Rückganges der Hamstereinkäufe die Versorgungslage weiter angespannt, da die Hamstereinkäufe große Ausmaße angenommen hatten und unserer Versorgung gefährdeten.
Aus dem Bezirk Erfurt wird gemeldet, dass in den Grenzorten Untersuhl, Berka, Gerstingen und Kreis Eisenach die Hamstereinkäufe wieder verstärkt auftraten.
Anlage 3 vom 21. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2434
Bericht über die Umgruppierung von Arbeitskräften in der Zeit vom 15. bis 21. März 1955
Im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, herrscht unter der Belegschaft wegen der Umbesetzung von Arbeitskräften41 eine große Unzufriedenheit. Der überwiegende Teil der Arbeiter, mit denen zwecks einer eventuellen Umbesetzung gesprochen wurde, lehnt dies grundsätzlich ab, vor allem will niemand in die Landwirtschaft gehen. Zwei Jugendliche erklärten in einer Aussprache, dass sie jetzt klarsehen, was unser Arbeiter-und-Bauern-Staat für die Jugend übrighabe. Sie seien bereits im vorigen Jahr in Mecklenburg eingesetzt gewesen und ihnen könnte nichts vorgemacht werden. Sie wüssten, was da oben los sei.
In der Starheimer Likörfabrik in Kyritz,42 [Bezirk] Potsdam, wird im II. Quartal 1955 die Produktion zur Herstellung von Likör und Schnaps gekürzt. Aus dem Grunde soll 40 Arbeitern gekündigt werden, für die bisher noch keine andere Arbeitsmöglichkeit besteht.
In Johanngeorgenstadt wird das Gerücht verbreitet, dass im Objekt I 6 000 Personen entlassen werden sollen. Dies löst besonders unter den Hausfrauen Besorgnis aus, weil sie nicht wissen, ob ihre Männer, die bei der Wismut beschäftigt sind, darunter fallen.
Anlage 4 vom 21. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2434
Jugendweihe
Die reaktionären Pfarrer versuchen immer wieder durch ihre Hetze, die Jugendlichen und deren Eltern zu beeinflussen, damit sie die Teilnahme an der Jugendweihe43 ablehnen.
Sie argumentieren in der Form, indem sie sagen, dass zwischen Marxisten-Leninisten und der Kirche eine unüberbrückbare Kluft besteht, deshalb sei es nicht zulässig, dass Jugendliche an der Konfirmation und gleichzeitig auch an der Jugendweihe teilnehmen.
So z. B. predigte der Pfarrer aus Söllichau, [Kreis] Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, offen gegen die Lehren des Marxismus-Leninismus, sowie gegen den Aufbau des Sozialismus in der DDR. Er sagte u. a.: »Es kann nur Gott und der Glaube an das Evangelium den Frieden und das Licht bringen. 1955 wird eine glaubenslose Jugendweihe eingeführt. Ich weise ganz Deutschland darauf hin, dass die Kinder, welche an der Weihe teilnehmen, nicht konfirmiert und von der Kirche ausgeschlossen werden.«
Aufgrund dieser Hetze und Beeinflussung der Bevölkerung durch die Pfarrer ist zu verzeichnen, dass die Teilnahme an der Jugendweihe sehr gering ist. So z. B. beteiligen sich im Bezirk Rostock nur 14 %, im Bezirk Erfurt 17 %, im Bezirk Frankfurt 10 % und im Bezirk Halle 27 % der Schulabgänger an der Jugendweihe.
Anlage 5 vom 22. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2434
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 17. bis 21. März 1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:44
- –
Dresden 10: Kreis Großenhain 25;
- –
Leipzig: Kreis Torgau 300, Kreis Döbeln 30;
- –
Halle: Kreis Bitterfeld 4 500, Kreis Dessau 2 000, Kreis Köthen 20;
- –
Erfurt: Kreis Worbis 3 000, Kreis Sömmerda 10;
- –
Schwerin: Kreis Lübz 100;
- –
Neubrandenburg: Kreis Templin 18.
NTS:45
- –
Stalinstadt, [Bezirk] Frankfurt 4;
- –
Dresden: Kreis Meißen 116, Kreis Riesa 280;
- –
Magdeburg 500: Kreis Stendal 1 000;
- –
Potsdam: Kreis Belzig 10 000, Kreis Nauen 90, Kreis Rathenow 20;
- –
Halle: Kreis Köthen 3 000, Kreis Artern 20;
- –
Erfurt: Kreis Arnstadt 150;
- –
Neubrandenburg 15;
- –
Karl-Marx-Stadt 10.
ZOPE:46
- –
Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 43 000: Kreis Zossen 8 000, Kreis Bützow 100, Kreis Rathenow 50.
In Tschechischer Sprache:
- –
Dresden: Kreis Bautzen 7, Kreis Riesa 30.
»Der Tag«:47
- –
Magdeburg 150; Kreis Elbingerode48 300.
»Tarantel«:49
- –
Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 240.
KgU:50
- –
Potsdam: Kreis Brandenburg 25.
Die Hetzschriften beinhalten meist Hetze gegen Genossen Walter Ulbricht, gegen die LPG sowie gegen den wirtschaftlichen Aufbau in der DDR.
Bemerkung:
Die oben genannten 1 000 Flugblätter der NTS, welche im Kreis Stendal sichergestellt wurden, wurden durch ein Flugzeug abgeworfen.
Im gesamten Bezirk Schwerin wurde festgestellt, dass verstärkt gefälschte Aufforderungen beim zuständigen VPKA zu erscheinen, versandt werden.
Ein Einwohner aus Liebertwolkwitz, [Bezirk] Leipzig, erhielt einen anonymen Brief mit folgendem Inhalt: »Werter Freund! In der DDR bereitet man einen neuen Krieg vor. Jeder Krieg endet mit einer Katastrophe. Denke an 1945 bis 1948.51 Soll es wieder soweit kommen? Nein! Um dies zu verhindern, müssen wir die Einheitsfront bilden. Rufe deshalb Deine Kollegen auf, einen neuen Tag X52 vorzubereiten. Nur durch den Sturz der Regierung Pankows53 werden wir frei sein. Du wirst gebeten, diesen Brief an einige Bekannte zu schicken. Fort mit der DDR!«
An einen Angehörigen der VP in Magdeburg wurde ein Brief gesandt, in dem er aufgefordert wird, an einer Zusammenkunft von ehemaligen Angehörigen der deutschen Wehrmacht Ostern in Leipzig teilzunehmen. Er soll weitre ehemalige Angehörige der Wehrmacht aus der »Ostzone« einladen. (ohne Absender.)
Die Landwirtschaftsschule Kamenz, [Bezirk] Dresden, erhielt am 19.3.1955 einen fingierten Anruf. Inhalt: Einige Schüler sollten sofort zur Kreisleitung der GST kommen, da diese in Not wäre.
Antidemokratische Tätigkeit
In den Gemeinden Neuhaus, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, und Königsbrück, [Bezirk] Dresden, wurden Hetzlosungen bzw. Hakenkreuze angeschmiert.
Gerücht
In Oschatz, [Bezirk] Leipzig, Ortsteil Kleinforst wird das Gerücht verbreitet, dass sich die Tochter des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl54 im Westen einen Pkw im Werte von 70 000 DM gekauft haben soll.
Ein anderes Gerücht lautet, dass sich der Genosse Grotewohl während der Leipziger Frühjahrsmesse55 einen englischen Wagen gekauft haben soll.