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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

30. März 1955
Informationsdienst Nr. 2436 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Aufgrund der Tatsache, dass die Pariser Verträge1 sowohl im Bonner Bundestag2 als auch im Rat der Französischen Republik3 ratifiziert wurden, gewinnt die Frage der erhöhten Kriegsgefahr, sowie die sich für uns daraus ergebenden Verteidigungsmaßnahmen, an Bedeutung und es wird in den Betrieben wieder etwas mehr über diese Probleme gesprochen. Trotzdem entspricht der Umfang der Diskussionen keineswegs der Wichtigkeit des gegenwärtigen Kampfes um die Erhaltung des Friedens. Größtenteils sind es fortschrittliche Kräfte, die sich mit den politischen Tagesfragen befassen und aus der gegenwärtigen Lage die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Und zwar sagen sie, dass es noch nicht zu spät sei, die Kriegsgefahr zu bannen und zum anderen nehmen sie zur Regierungserklärung vom 25.3.[1955] Stellung und sind mit der Schaffung Nationaler Streitkräfte einverstanden.4 Dabei darf nicht übersehen werden, dass bei der Frage der Verteidigungsmaßnahmen ein großer Teil nicht zur Verteidigung unserer Republik bereit ist, was größtenteils nicht auf einer feindlichen Einstellung, sondern vielmehr auf pazifistischen Ansichten sowie auf einer allgemeinen Ablehnung des Krieges beruht.

Zum Beispiel sagten einige Arbeiter aus dem sächsischen Kunstseidenwerk »Siegfried Rädel« in Pirna, [Bezirk] Dresden: »Für uns kommt es nicht infrage, dass wir die DDR verteidigen. Wir nehmen überhaupt kein Gewehr in die Hand.«

Ein Kollege (SED) aus dem Stahlwerk Riesa, [Bezirk] Dresden: »Ich nehme kein Gewehr mehr in die Hand. Das haben wir in der sowjetischen Gefangenschaft geschworen.«

Im VEB Arzneimittelwerk Dresden, Werk 2, ergab eine Rundfrage, durch die BPO, dass eine sehr schlechte Verteidigungsbereitschaft unter den Genossen sowie unter den Parteilosen zu verzeichnen ist. Nur zwei Genossen erklärten sich bereit, mit der Waffe in der Hand unsere Errungenschaften zu verteidigen. In der einen Parteigruppe vertraten die Genossen die Ansicht, dass sie nicht auf westdeutsche Arbeiter schießen könnten.

Auch in den Gesprächen über die Versorgungslage, die noch immer einen beachtlichen Umfang haben, spielt die Frage eines bevorstehenden Krieges sowie die Aufstellung Nationaler Streitkräfte eine Rolle. Verschiedentlich wird angenommen, die angespannte Versorgungslage sei auf die Schaffung von Reserven zurückzuführen. Zum anderen verlaufen diese Gespräche weiterhin in überwiegend negativer Form. Einmal deshalb, weil die Aufklärung fehlt und zum anderen deshalb, weil durch die Hetze feindlicher Elemente das Ganze noch geschürt wird.

So wie die nachstehenden Äußerungen verlaufen viele Diskussionen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben.

Unter einem Teil der Eisenbahner in Fürstenwalde und Frankfurt (Oder) besteht ebenfalls eine schlechte Stimmung wegen der Versorgungslage, die in folgendem seinen Ausdruck findet.

Zum Beispiel sagte ein Kollege aus Fürstenwalde: »Man spricht hier viel vom Sozialismus. Aber in den Geschäften gibt es nichts zu kaufen. Man sollte lieber weniger vom Sozialismus reden und zuerst einmal daran gehen, die Bedürfnisse der Werktätigen zu befriedigen.« Ein anderer – ebenfalls aus Fürstenwalde5 – äußerte: »In Kürze wird der nächste Krieg beginnen. Aus diesem Grunde sind plötzlich die Lebensmittel knapp. Auch bei uns gilt die Parole: ›Kanonen statt Butter‹.«6

Eine Kollegin vom Bahnhof Frankfurt/Oder sagte: »Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird es wieder Brotkarten geben.7 Gebäck usw. werden wir in Kürze überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen, denn der nächste Krieg steht vor der Tür.«

Eine Zugschaffnerin von der Strecke Frankfurt/Oder-Berlin erklärte: »Das ist nun das viel gepriesene Jahr 1955, wo man uns mit dem nie gekannten Lebensstandard überraschen wollte.8 Aber das Gegenteil ist erreicht worden. Zehn Jahre nach Kriegsende gibt es keine Margarine zu kaufen.«

In den Gesprächen über die gegenwärtige wirtschaftliche Lage kommt es immer wieder zur Erwähnung des 17. Juni.9 Und zwar nicht immer nur von Feinden, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass ein großer Teil nicht klar über den wirklichen Charakter des 17. Juni ist,10 kommt es zu Äußerungen wie z. B. »Wenn es so weiter geht, kommt es wieder zu einem 17. Juni« oder »Die Regierung beschwört wieder einen 17. Juni herauf«.

So sagte z. B. ein Arbeiter vom Bahnhof Güstrow, [Bezirk] Schwerin: »Wenn es so weiter geht, dann haben wir bald wieder den 17. Juni. Das Vertrauen der Regierung schrumpft immer mehr zusammen.«

In der Kyffhäuser-Hütte Artern, [Bezirk] Halle, sagten einige Arbeiter der Transportkolonne, dass die Regierung durch die ungenügende Bereitstellung von HO-Lebensmitteln11 einen 17. Juni vorbereiten würde. In allen Bevölkerungsschichten herrsche eine schlechte Stimmung.

Ein Kollege aus dem Braunkohlenwerk Nachterstedt, [Bezirk] Halle, äußerte: »Wir stehen wieder vor einem neuen 17. Juni. Die Stimmung unter der Bevölkerung in den Großstädten ist genau wieder so, wie vor dem 17. Juni 1953.«

Der Abteilungsleiter vom Labor des VEB Munsdorf,12 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, erklärte: »Alle Maßnahmen, die jetzt eingeleitet werden, sind ähnlich wie die vor dem 17. Juni 1953. Es hat den Anschein, als ob man einen neuen 17. Juni heraufbeschwören wolle.«

Feindliche Elemente erwarten und fordern einen »neuen 17. Juni«.

Ein Maurerbrigadier von der Bau-Union Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Der neue 17. Juni wird in Kürze von den Bauarbeitern erwartet. Aber diesmal sind sie vorbereitet, erbarmungslos wird dann alles niedergemacht, was sich in den Weg stellt.«

Im VEB Förderanlagen, Leipzig N24, wurde im Männerklosett der Schmiede folgende Hetzlosung angebracht: »17. Juni 1955 – Tag der Befreiung«

Neben den Diskussionen über aktuelle politische Fragen, sowie über die Versorgungslage, werden viele Gespräche über betriebliche Probleme geführt. Dabei spielen die Materialschwierigkeiten, schlecht organisierter Arbeitsablauf, die Nichterfüllung des Planes sowie andere Unzulänglichkeiten, darunter auch verschiedentlich Lohnfragen, eine Rolle. In den Diskussionen, die sich mit der Lage des jeweiligen Betriebes befassen, und in denen auch zur Rentabilität Stellung genommen wird, kommt vielfach zum Ausdruck, dass es nicht an den Arbeitern liege, wenn die Pläne nicht erfüllt werden. Es liege vielmehr an den Zuständen, die mitunter in den Betrieben vorherrschten, die nicht objektiver Natur, sondern in den meisten Fällen zu beheben sind. Gemeint sind vor allem der aufgeblähte Verwaltungsapparat, die Materialschwierigkeiten sowie der schlecht organisierte Arbeitsablauf.

Im VEB Stoßdämpferwerk Hartha, [Bezirk] Leipzig, besteht unter den Arbeitern wegen der Nichterfüllung des Planes Verärgerung. Sie diskutieren wie z. B.: »An uns liegt es nicht. Wir geben uns alle Mühe. Es ist auf die schlechte Arbeitsorganisation zurückzuführen. Die Betriebsleitung hat es bis jetzt noch nicht verstanden, eine Änderung herbeizuführen.«

Unter einem großen Teil der Kollegen der Schiffswerft Rothensee in Magdeburg ist eine schlechte Stimmung, weil aufgrund des Materialmangels die Arbeit an den Schiffen des Öfteren unterbrochen werden muss. Unter anderem fehlen Schalttafeln für die Maschinen, die erst im September geliefert werden können. Darüber diskutieren die Kollegen: »Wo bleiben hier die Verantwortlichen? Man hat doch 1954 gewusst, was dieses Jahr gebaut werden soll.«

Außerdem sind in diesem Betrieb die Kollegen ungehalten, weil es keine Warmwasseranlage gibt und sie sich deshalb nicht richtig waschen können.

Im Betrieb 13 des »Ernst-Thälmann-Werkes« in Magdeburg13 fehlt es laufend an Widia-Stählen.14 Obwohl dieses Problem schon des Öfteren in Versammlungen zur Diskussion stand, hat sich bisher nichts geändert. Die Kollegen sind darüber verärgert und erklären, dass durch Beheben dieses Zustandes viel Zeit eingespart werden könnte.

Im LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, herrscht ein großer Mangel an DIN-Teilen. Aus diesem Grunde verschaffte sich der Betrieb inoffiziell Normmaterial (30 t) von den DHZ15 Magdeburg und Karl-Marx-Stadt, um die DIN-Teile selbst zu fertigen. Der Bedarf an diesen Teilen liegt jährlich bei 200 bis 250 t. Die Mengen Vormaterial, die in diesen beiden DHZ lagern, würden ausreichen, um fünf bis sechs Großbetriebe damit zu beliefern.

Außerdem wird der Betrieb mit Rotguss-Buchsen für Achslagergehäuse schlechter Qualität aus Fürstenwalde beliefert. Dadurch wird die termingemäße Auslieferung von Lokomotiven gefährdet.

Im VEB Simsonwerk Suhl wird zur Jagdgewehrproduktion Naturschmiergel benötigt, der von der Abteilung Einkauf nicht beschafft werden kann.

Dazu äußerte der Meister der Fräserei: »Die Jagdgewehrproduktion wäre schon längst zum Erliegen gekommen, wenn nicht ich und ein anderer Kollege immer Schmiergel aus dem Westen besorgt hätten. Die Abteilung Einkauf ist unfähig, diesen zu beschaffen.«

Die Abteilung Spinnerei des VEB Spinnerei- und Weberei Ebersbach, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden, hat einen Planrückstand von 51,9 t Garnen. Die Ursachen dafür sind der hohe Krankheitsstand von 11,5 % (eingeplant 5 %) und der Arbeitskräftemangel. Aus diesem Grunde wurden 16 Weber in die Abteilung Spinnerei abgegeben. Das hat zur Folge, dass in der Abteilung Weberei bis Ende April ca. 50 000 m Ware weniger hergestellt werden.

In der Kammgarnspinnerei in Brandenburg treten große Schwierigkeiten beim Vorspinnen auf, weil die zur Verfügung stehende Wolle (Chinesisch-sowjetisch-mongolischer Export) mit Stichelhaar durchsetzt ist. Die Abnehmerbetriebe verweigern die Annahme. So schickte z. B. der VEB Feintuch- und Kleiderstoffwerke Reichenbach 61 Kisten wieder zurück, da sie die grobe Qualität nicht verarbeiten können. Trotzdem dieser Betrieb darauf aufmerksam gemacht wurde, dass dieses Garn in der Güteklassifizierung unter die Ausnahmegenehmigung fällt, weigert er sich, diese Wolle zu verarbeiten.

Im Werk Abus Dessau,16 [Bezirk] Halle, ist zurzeit nicht genügend Arbeit vorhanden, sodass Wartestunden geschrieben werden müssen, die den Finanzplan erheblich belasten. Ferner gibt es Schwierigkeiten bei dem Zusammenbau eines Schiffsgetriebes für Rostock, da nicht alle Teile zur Verfügung stehen. Dadurch kann der Liefertermin nicht eingehalten werden und das Werk muss täglich 600 DM Konventionalstrafe zahlen.17

Im VEB (K) Eisleben,18 [Bezirk] Halle, wurde die Produktionsauflage um vier Millionen gekürzt. Dadurch müssen 250 Produktionsarbeiter und Angestellte in andere Betriebe umbesetzt werden.

Dies löste heftige Diskussionen aus. So sagte z. B. ein Zimmermann: »Wer lügt nun, Ihr oder Grotewohl?19 Die Regierung ruft alle Westdeutschen die nicht zur Wehrmacht wollen auf, in die DDR zu kommen.20 Sie erhalten hier Beschäftigung und für uns hat man keine Arbeit.«

Unter den Kumpel des VEB Edelstahlwerk »8. Mai 1945« Dresden-Freital besteht eine starke Unzufriedenheit, wegen der niedrigen Lohngruppen. Ein Obermeister (parteilos) sagte dazu: »Ich befürchte, wenn sich diese Zustände nicht ändern, dass ein zweiter 17. Juni entsteht.«

Die Angehörigen der Betriebswache im Gaswerk Schmalkalden verfassten eine Resolution an den Minister des Innern, den Genossen Stoph,21 weil ihnen vom Betriebsleiter der Gasversorgung Suhl gekündigt wurde. Sie diskutieren, »die Kündigung nehmen wir nicht an. Wir lassen den Betrieb nicht so ohne Weiteres in die Hände der Agenten gelangen«.

In der SVK Magdeburg wurde festgestellt, dass in den Magdeburger Betrieben, besonders im Baugewerbe und in den Verkehrsbetrieben, ein sehr hoher Krankenstand zu verzeichnen ist. Die Angestellten sind der Meinung, dass man sich in den Betrieben zu wenig um die Krankmeldungen kümmert und dass die Werktätigen viel zu wenig über ihre Handlungsweise aufgeklärt werden, wenn sie »krank machen« und ungerechtfertigt die Mittel der Sozialversicherung verbrauchen.

Produktionsstörungen

Am 27.3.[1955] entstand im Kraftwerk »Sonne«, [Kreis] Senftenberg, ein Rohrreißer in der Reduzierstation. Die Fabrik musste angehalten werden. Produktionsausfall ca. 500 t Rohkohle.

Am 23.3.1955 wurde im Kraftwerk Vockerode, [Kreis] Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, an einer Maschine eine Reparatur notwendig. Dadurch entstand ein Produktionsausfall von ca. 2 500 DM.

Am 24.3.1955 fiel im Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle, im Stanzwerk infolge Bruches der Pleuelstange an der 85 KW-Presspumpe die Presse 11 aus. Ursache: Unsachgemäße Bedienung der Presse. Sachschaden: ca. 8 000 DM.

Am 24.3.1955, früh 4.00 Uhr, kam es im Wismut-Schacht22 186 Aue zu einem Förderausfall von einer Stunde. Ursache: Bei einem Motor war das Kugellager defekt.

Am 25.3.1955, 6.00 Uhr, fiel auf dem gleichen Schacht der Ersatzmotor aus. Ursache: Der Motor lief in Übertouren. Dadurch wurden die Ventilatorenflügel nach außen gedrückt und zerschlugen die Ständerwicklung. Förderausfall = vier Stunden.

Am 25.3.1955, 3.35 Uhr, wurde im Wismut-Schacht 44 Annaberg im Kompressorenhaus eine Stichflamme festgestellt. Gebäudeschaden in Höhe von ca. 5 000 bis 8 000 DM.

Am 27.3.1955 erfolgte im VEB Felsenkeller Dresden23 im Kältekompressorenraum eine Explosion. Ursache: Ein Materialfehler am Kolben. Sachschaden gering.

Am 23.3.1955 wurde im Betrieb 13 des »Ernst-Thälmann-Werkes«24 ein Brand festgestellt. Ursache noch nicht bekannt. Die Karusselldrehbank fällt für acht bis zehn Wochen aus.

Am 25.3.[1955] brach im VEB Textilwerke Zittau ein Brand aus, bei welchem die drei Schlichtmaschinen teilweise vernichtet, bzw. schwer beschädigt wurden. Von dieser Produktion hängen ca. 2 000 Webstühle der volkseigenen und privaten Betriebe ab. Brandschaden ca. 50 000 DM. Zurzeit des Brandes wurde in der Abt. Schlichterei Baumwolle verarbeitet, Schlichtkettenproduktion ist in der DDR ein Engpass. Es entsteht ein Produktionsausfall von ca. 22 t = 22 000 DM.

Am 22.3.1955 wurde festgestellt, dass im Braunkohlenwerk Deuben, [Bezirk] Leipzig, Tagebau Pirkau aus einem verschlossenen Raum ein Pfund Thermit25 und ca. 100 Thermit-Zünder gestohlen wurden.

Im VEB Waggonbau Gotha, [Bezirk] Erfurt, wurden von drei in der Produktion befindlichen Straßenbahnwagen für die DDR die Bremskabel für die Schienenbremsen zerschnitten und Teile des Kabels entwendet.

In einem gefälschten Schreiben wurde der VEB Industriedruck aufgefordert, eine Lusatia-Tiegeldruck-Presse26 an den VEB Plamag in Plauen27 zu übersenden. Bei der Rückantwort an VEB Plamag wurde die Fälschung festgestellt.

Im Dampfhammerwerk Großenhain, [Bezirk] Dresden, wurde folgende Hetzlosung angeschmiert: »Genossen haut ab, Verräter am Volke«

Im VEB »Fema« Thonberg,28 [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden zwei Hetzlosungen angeschmiert, in denen zum »langsam arbeiten« aufgefordert wird.

Am 23.3.1955 wurde ein Angehöriger des Betriebsschutzes des Kunstseidenwerkes Premnitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, überfallen und niedergeschlagen. Er erlitt zahlreiche Verletzungen. Die Täter wurden festgenommen.

In der Kammgarnspinnerei in Brandenburg und den Rathenower Optischen Werken [Bezirk] Potsdam, ist unter der Belegschaft das Gerücht verbreitet, dass in der DDR in Kürze eine Währungsreform durchgeführt wird.

Im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, besteht das Gerücht, dass eine Kommission im Betrieb eingesetzt wurde, die Werbungen von Ingenieuren und Facharbeitern für Korea vornimmt.

Versorgung der Bevölkerung

Die Unzufriedenheit hält durch die Versorgungsschwierigkeiten noch weiter unvermindert an. Im Wesentlichen bringt man zum Ausdruck, dass man sich den nie gekannten Lebensstandard anders vorgestellt hätte und die Regierung ihr Versprechen nicht gehalten habe.29

So sagte z. B. eine Hausfrau aus Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Das Jahr der großen Initiative30 bringt uns für die Lebenslage Schlangen. Uns hat man also seit 1950 ständig verkohlt, indem man sagte, die Lebenslage verbessere sich. Wir haben uns das immer wieder anhören müssen und jetzt wissen wir erst, dass wir an der Nase herumgeführt wurden. Unsere Regierung will wahrscheinlich doch nicht das Beste für uns.«

Verschiedentlich nützen negative Elemente die Lage aus und beginnen, mit einem neuen 17. Juni zu drohen und gegen die SU und unsere Regierung zu hetzen.

Als vor einigen Tagen in einem HO-Geschäft in Zossen eine starke Nachfrage nach Zucker auftrat, sagte eine Frau: »Na, dann macht mal so weiter, dann wird wohl bald der 17. Juni wieder da sein.«

Ein selbstständiger Schuhmacher aus Brandenburg sagte in einer Diskussion über die Versorgungslage: »Es ist bald wieder so weit, dass ein neuer 17. Juni kommen muss, denn es gibt nichts zu kaufen. Wenn der 17. Juni da ist, gibt es wieder alles.«

Im Magazin der Freunde31 in Burg, [Bezirk] Magdeburg, äußerte eine Hausfrau, als sie keine Butter bekam, zum Verkaufspersonal: »Ihr habt wohl den 17. Juni schon wieder vergessen?«

Ein Briefträger aus Dranske, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock: »Gerade jetzt merken wir sehr gut, wie uns die SU mit Lebensmitteln versorgt. Richtig genommen hat der Russe uns die ganzen Lebensmittel weggenommen, weil die nämlich auch im vergangenen Jahr eine schlechte Ernte hatten. Wenn es so weiter geht, wird bald ein neuer 17. Juni eintreten.«

Eine Büroangestellte aus Dranske, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock: »Die augenblickliche Versorgungslage wird uns noch einmal einen 17. Juni bringen. Wir sind jetzt soweit angelangt, dass wir Geld haben und uns nichts zu essen kaufen können. Aber die Hauptsache ist ja auch, dass die hohen Herren was zu essen haben.«

Sehr oft tauchen auch jetzt Diskussionen über die neue Brotsorte auf.32 Dabei wird oft geäußert, dass sich gerade an dem schwarzen Bort unser Wohlstand zeigen würde und man nie gedacht hätte, im letzten Jahr des Fünfjahrplanes solches Brot essen zu müssen. Damit im Zusammenhang wird auch das Gerücht verbreitet, dass ab 1. April wieder Brotkarten eingeführt würden.

In einzelnen Diskussionen taucht immer wieder die Frage auf, warum unsere Regierung so wenig Vertrauen zur Bevölkerung hat und ihr nicht offen Aufklärung über das Bestehen der Versorgungsschwierigkeiten gibt.

So sagten z. B. einige Personen aus Brandenburg, [Bezirk] Potsdam: »Wir sind nicht damit einverstanden, dass die Regierung durch Rundfunk und Presse davon spricht, dass die Bevölkerung vom RIAS33 zum Hamstereinkäufen veranlasst wurde. Das stimmt nicht, denn das zeigt doch die Wahl am 17.10.1954,34 wo die Bevölkerung der Regierung das Vertrauen gab. Aber die Regierung hat zur Bevölkerung kein Vertrauen. Das zeigt sich darin, dass sie der Bevölkerung keine Aufklärung über die zurzeit bestehenden Mängel in der Versorgung gibt.«

Welche Auswirkungen die Hamstereinkäufe überall verursacht haben, zeigt sich jetzt darin, dass es in vielen Geschäften wenig Waren zu kaufen gibt. Das hat zur Folge, dass es überall dort, wo Waren in eine Verkaufsstelle angeliefert werden, die Menschen in Schlangen anstehen. Es kommt dabei in einigen Fällen zu Ausschreitungen, sodass die Polizei eingreifen muss, um wieder Ruhe und Ordnung herzustellen. Schon Stunden vor Beginn der Verkaufszeit stehen die Menschen an und warten, bis es etwas zu kaufen gibt.

In der Gemeinde Altwarp, [Kreis] Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, erhielten die Verkaufsstellen eine neue Warenanlieferung. Diese Waren sollten Nachmittag verkauft werden. Schon am Vormittag standen die Menschen vor dem Laden und wollten Mehl kaufen. Dort musste die Volkspolizei einschreiten, um die Ordnung aufrecht zu erhalten.

In Mirow, [Kreis] Neustrelitz, stehen die Menschen schon stundenlang vor Verkaufsbeginn vor den Geschäften. Dabei kam es in einer HO-Verkaufsstelle in der Töpferstraße zu einem Tumult, da nur wenig Butter verkauft werden konnte und einige Personen mehr verlangten. Es kam zu Ausrufen wie: »Wenn wir nicht mehr Butter kriegen, hauen wir die Bude in Klumpen!«

In der HO-Verkaufsstelle Karl-Marx-Straße35 wurde die frische Butter angeliefert. Bereits nach kurzer Zeit war das Geschäft voller Menschen, die den sofortigen Verkauf der Butter forderten. Die Volkspolizei musste auch hier Ruhe und Ordnung schaffen.

In Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, standen die Einwohner bereits um 7.00 Uhr (28.3.1955) vor der Konsum-Schlächterei, um Schmalz auf die Lebensmittelkarte einzukaufen.

Ebenso war die Lage vor einem Geschäft in Eisleben, [Bezirk] Halle. Als der Laden geöffnet wurde, entstand ein großes Gedränge. Die Verkäuferin wollte jedem Kunden gerecht werden und nur den Frauen Mehl geben, die noch nichts erhalten hatten. Es entstanden Streitigkeiten, sodass die Verkäuferin gezwungen war, den Bürgermeister zur Unterstützung herbeizurufen.

Bei den verstärkten Einkäufen spielt das Gerücht über die Währungsreform, die angeblich in der DDR durchgeführt werden soll, eine wesentliche Rolle. Die Bevölkerung lässt sich dadurch teilweise verwirren und glaubt jetzt, ihr Geld in Gebrauchsgegenständen anlegen zu müssen.

So kam es z. B. im Bezirk Magdeburg, [Kreis] Havelberg, aufgrund dieses Gerüchtes wieder zu verstärkten Einkäufen.

Ein Einwohner aus Kuhlhausen, [Kreis] Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, begab sich am 25.3.[1955] nach Westberlin und von dort mit dem Interzonenzug nach Westdeutschland, um sich dort ein Konto anzulegen. Er hatte sich sein Geld in die Bekleidung eingenäht.

In Oranienburg wurde von einer unbekannten Person, die mehrere Pakete Streichhölzer und andere Artikel einkaufte, gesagt: »Denken Sie, wir wollen unser Geld wieder verlieren, wenn die Regierung eine Geldwährung [sic!] durchführt?«

Im Bezirk Gera legten verschiedene Hausfrauen die Regierungserklärung vom 25.3.1955 so aus, dass jetzt mit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte begonnen und damit die Bekleidung knapp würde.

So sagte z. B. eine Hausfrau in einer HO-Verkaufsstelle in Zeulenroda, [Bezirk] Gera: »Jetzt beginnt man mit der Aufstellung einer neuen Wehrmacht. Da muss man sich vorher schnell noch mit einigen guten Wollstoffen eindecken, denn dann gibt es nichts mehr.« Eine andere Hausfrau sagte daraufhin: »In den letzten Tagen habe ich für mich und meine drei Familienangehörigen Lederschuhe gekauft. Damit muss man sich eindecken, denn das ist ja das Erste, was es in nächster Zeit nicht mehr zu kaufen gibt.«

Im Allgemeinen haben die Hamstereinkäufe in den letzten Tagen nachgelassen und teilweise ganz aufgehört, mit Ausnahme von Magdeburg und Neubrandenburg, wo teilweise wieder (in einzelnen Orten) eine Zunahme zu verzeichnen ist.

Bei Handel und Versorgung im Kreis Dessau befinden sich nach ungefähren Feststellungen Überplanbestände an Schuhen und Textilien im Werte von 17 Mio. DM.

In der Großschlächterei Helbra, [Kreis] Eisleben, [Bezirk] Halle, lagern ca. 80 t Schweinefleisch. Der Betriebsleiter äußerte sich, dass er diese Lagerung bald nicht mehr verantworten kann, weil das Fleisch dem Verderb ausgesetzt ist. Obwohl schon des Öfteren mit dem Rat des Kreises verhandelt wurde, wird dieses Fleisch zum Verkauf nicht frei gegeben.

Die Lage in der Landwirtschaft

Im gegenwärtigen Moment wird in der Landwirtschaft das Augenmerk auf die schnellste Frühjahrsaussaat gelegt. Aus diesem Grunde sind die politischen Diskussionen nicht umfangreich.

Die einzelnen Diskussionen befassen sich mit der Ratifizierung der Pariser Verträge und vor allem mit dem Ministerratsbeschluss zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion.36 In den zahlreichen Verpflichtungen von Arbeitern der MTS, Genossenschaftsbauern und werktätigen Einzelbauern drückt sich die Zustimmung zu dem Beschluss aus. Es beginnen jetzt bereits Diskussionen über die Anwendung von Neuerermethoden37 in der Landwirtschaft, wie Quadratnestpflanzverfahren38 usw., da viele Bauern bereits erkannt haben, dass der Beschluss nur durch die allumfassende Anwendung von Neuerermethoden verwirklicht werden kann.

So sagte z. B. ein Genossenschaftsbauer aus Roskow,39 [Kreis] Brandenburg/Havel, [Bezirk] Potsdam: »Es gibt noch so viele Möglichkeiten, die ha-Erträge zu steigern, besonders auch den Viehbestand zu erhöhen. Wir haben noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgenutzt. Das Quadratnestpflanzverfahren ist z. B. ein Mittel, um ha-Erträge mit 400 dz zu erreichen. Wir müssen jetzt aufhören mit dem Probeanbau. Bei uns werden jetzt alle Flächen im Quadratnestpflanzverfahren angebaut.«

Es gibt aber auch solche Stimmen, vorwiegend von Einzelbauern, die dem Ministerratsbeschluss und den Neuerermethoden skeptisch gegenüberstehen.

Ähnliche Diskussionen traten verschiedentlich auf.

Der Vorsitzende der VdgB/BHG Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt, sagte z. B. zu dem Ministerratsbeschluss Folgendes: »Ich habe den Ministerratsbeschluss genau studiert und habe festgestellt, dass in dem Beschluss ein gewisser Widerspruch besteht. Einmal sollen die tierischen Erzeugnisse gesteigert werden und andererseits nimmt man die Futtergrundlage. Gleichzeitig sollen wir die pflanzlichen Erzeugnisse steigern und der Bauer bekommt nicht genügend Düngemittel, um diese Ernteerträge herbeizuführen.«

Es wird auch zum Ausdruck gebracht, dass der Ministerratsbeschluss zwar schön und gut sei, es aber besser wäre, nach den althergebrachten Methoden weiter zu arbeiten. So sagte z. B. ein werktätiger Einzelbauer aus Bücknitz, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam:

»Wir bauen unsere Wirtschaft nach unserer Meinung und die Russen sollen ebenfalls in ihrem Lande ihre Errungenschaften anwenden und uns damit in Ruhe lassen.«

In der Landwirtschaft ist jetzt die Sicherstellung der Futtergrundlage mit eines der ernstesten Probleme. In vielen LPG, ÖLB und auch in privaten Betrieben ist kaum noch Futter vorhanden, sodass die Bauern gezwungen sind, dass Futter zu strecken, um das Vieh überhaupt noch am Leben zu erhalten.

Zum Beispiel in den Gemeinden Klein Lüben, Hinzdorf, Schadebeuster40 und Garsedow, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, reicht das Futter für die Rinder nur bis zum 31.3.1955. Stroh und Heu ist in diesen Gemeinden überhaupt nicht mehr vorhanden. Die Kühe liegen auf dem blanken Erdboden. Es ist damit zu rechnen, dass dort der Hungertyphus auftritt, wenn keine Abhilfe geschaffen wird.

Im Kreis Altenburg, [Bezirk] Leipzig, haben ca. 50 % der LPG nur noch so viel Futter, um das Vieh für kurze Zeit am Leben zu erhalten.

In der LPG Bocka, [Bezirk] Leipzig, reichen die Rüben nur noch bis zum 31.3.[1955] Heu ist nicht mehr vorhanden. Es besteht die Gefahr, dass das Vieh abgeschlachtet werden muss, wenn keine Hilfe kommt. Bisher sind drei Jungtiere wegen Unterernährung verendet. Die Milchleistung der Kühe beträgt im Stalldurchschnitt nur noch 4,5 Liter.

Zur Frühjahrsbestellung gibt es in einigen landwirtschaftlichen Betrieben noch Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Saatgut und Düngemitteln. Bei Saatgut fehlt es vor allem an Saatkartoffeln, Futterrübensamen und Samen für den Zwischenfruchtanbau. Bei Düngemitteln fehlt es vor allem an Kali.

Im Kreis Freital, [Bezirk] Dresden, fehlen noch ca. 2 000 dz Saatkartoffeln. Davon entfallen auf die Privatbetriebe 1 200 dz und auf die LPG 800 dz.

In der BHG Großenhain, [Bezirk] Dresden, fehlen 750 kg Luzerne und 13 dz Rotklee, Weißklee, Schwedenklee, Saathafer und Gelbklee.

In der LPG Kaluberhof, [Kreis] Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, fehlen ca. 100 dz Saatkartoffeln.

Im Kreis Großenhain fehlen für das I. Quartal noch 705 t Kali, 180 t Kainit und 240 Phosphor.

Einige Bauern haben bis jetzt nur eine kleine Menge Zucker aufgrund der Rübenablieferung erhalten. Dadurch herrscht unter diesen Bauern eine schlechte Stimmung, da sie oft mit 700 Gramm Zucker monatlich, der ihnen auf die Zusatzkarte zusteht, auskommen müssen. Dabei kommt es oft zu solchen Diskussionen, die darauf hinauslaufen, keine Zuckerrüben mehr anzubauen, wenn sie für ihre Rüben keinen Zucker erhalten.

Zum Beispiel bekamen die Bauern in Hohenziatz, [Kreis] Lohburg, [Bezirk] Magdeburg, ihren Gutschein für Zucker erst am 18.3.1955. Als sie ihren Zucker holen wollten, bekamen sie darauf keinen mehr. Daraufhin äußerte ein Mittelbauer zum Anbauplan für Zuckerrüben: »Den Plan unterschreibe ich nicht. Erst muss mal die Zuckerfabrik ihren Verpflichtungen nachkommen, damit wir unseren Zucker bekommen, dann kann ich auch wieder Rüben anbauen.«

Dem VEG Klessin, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurden 350 Zentner Weizenmehl, angeblich Type 3300 zum Verfüttern geliefert. Als das Mehl bereits im Kuhstall eingelagert wurde, wurde festgestellt, dass es sich hierbei um Weizenmehl Type 1500 handelt und für den menschlichen Genuss verwendbar war. Da das Mehl aber schon im Kuhstall lagerte, kann es dazu nun nicht mehr verwendet werden. Die Bevölkerung ist darüber sehr empört und bringt in ihren Diskussionen zum Ausdruck, dass es sich hierbei um Sabotage handelt.

Bei einer Kontrolle in der LPG Metzelthin, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde festgestellt, dass auf dem Getreidespeicher ca. 60 dz Roggen lagern die nur noch für Futterzwecke verwendbar sind. Das Getreide ist zu 60 % verstockt und vermodert, da es feucht gedroschen und unsachgemäß gelagert wurde.

Schweinepest

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

Im VEG »Thomas Müntzer« Grimma – Nimbschen, [Bezirk] Leipzig, im Nebengut »Rotes Vorwerk«.

Gesamtbestand: 647 Schweine, verendet elf Schweine, notgeschlachtet 74 Schweine.

Bei einem Großbauern41 in der Gemeinde Wiergisdorf, [Kreis] Luckau, [Bezirk] Cottbus.

Bestand: 32 Schweine, verendet, ein Schwein, notgeschlachtet: 31

Im VEG für Mast- und Schlachtvieh in Halle.

Notgeschlachtet 79 Schweine, verendet: acht Schweine.

In der LPG Reupzig, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, (in der Schweinemastanstalt Zehmigkau, [Bezirk] Halle).

Verendet: 14 Schweine, notgeschlachtet 127

In der Gemeinde Rom, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, bei einem werktätigen Bauern.

Bestand: 31 Schweine, notgeschlachtet: 29 Schweine verendet: zwei Schweine.

In der LPG Papendorf, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg.

Bestand: 314 Schweine, verendet: drei Schweine, notgeschlachtet 37 Schweine.

In den Kreisen Lübz, Gadebusch, Sternberg, Güstrow und Schwerin-Land, [Bezirk] Schwerin, sind vom 24. bis 26.3.1955, 162 Schweine an Schweinepest erkrankt, 109 wurden notgeschlachtet und 33 sind verendet.

In den Gemeinden an der D-Linie42 im Kreis Hildburghausen wird das Gerücht verbreitet, dass der Minister für Land- und Forstwirtschaft nach Westdeutschland geflüchtet sei und vonseiten der DDR Haftbefehl erlassen wurde.

Einschätzung der Situation

Die Versorgungslage steht immer noch im Mittelpunkt.

Die Hamstereinkäufe haben nachgelassen aber die Unzufriedenheit besteht weiterhin. Der Gegner nutzt diese Lage aus, um durch Hetze und Gerüchte die Bevölkerung zu beunruhigen und sie gegen die Partei und Regierung zu beeinflussen. Dieses Vorhaben wird dem Gegner noch erleichtert, durch die teils fehlende und die teils ungenügende Aufklärung.

Der Abwurf feindlicher Flugblätter hat in den letzten Tagen ganz beträchtlich zugenommen.

Anlage 1 vom 29. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2436

Universität Greifswald

In der medizinischen Fakultät in Greifswald wurde aufgrund des Ministerratsbeschlusses über die Umwandlung der Struktur der Studentenschaft43 eine Besprechung mit den Professoren durchgeführt. Diese Besprechung wurde von den Genossen des Lehrkörpers vorbereitet. Ziel der Besprechung war die Bekanntmachung, dass ab 1.9.1955 nur noch Angehörige der VP an der Universität studieren werden.44 An der Besprechung nahmen der Genosse Staatssekretär Harig,45 sowie der Genosse General Walther46 teil, welche aufschlussreiche Ausführungen über die neue Struktur der Uni gaben.

Nach der Bekanntgabe entwickelte sich unter den einzelnen Professoren eine umfangreiche Aussprache. Die Wirkung war stark, aber es gab auf dieser Besprechung nur eine positive Äußerung.

  • Der Rektor Prof. Katsch,47 sagte: »Für einen unserem Staat treu ergebenen Wissenschaftler kann es nichts darüber zu reden geben, ob ein schlechter Beschluss verwirklicht wird, sondern wie er verwirklicht wird.«

  • Prof. Bommer48 sagte: »Warum nur VP, wir wollen auch Zivilstudenten haben.«

  • Prof. Volkmann:49 »Dann wird wohl keiner mehr zu uns kommen, besonders keiner aus Westdeutschland.«

  • Prof. Wels:50 »Wir haben dann keinen wissenschaftlichen Nachwuchs mehr.«

  • Prof. Zinser:51 »Daraus wird man die Konsequenzen ziehen müssen.«

  • Prof. Zinser und Prof. Günter:52 »Wir können es nicht mit unserem Gefühl vereinbaren, nur Polizeiärzte auszubilden:«

  • Prof. Höpker:53 »Sie werden wohl Polizisten werden, was aus mir wird, werden sie sehen.«

Es zeigte sich eine vollkommene Ignorierung zu den Fragen der Sicherung unserer Errungenschaften.

Alle aufgetretenen Fragen wurden von dem Genossen Staatssekretär Harig sachlich widerlegt. Daraufhin meinte der Prof. Bommer: »Also gut, dann ist die ganze Sache hier ein Befehlsempfang.«

Bereits in den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages nutzten die Wissenschaftler ihre Informationen aus und veröffentlichten sie den Studenten.

Unter den Studenten werden zurzeit folgende Fragen diskutiert:

  • a.)

    Ist es wirklich notwendig und warum gerade Greifswald?

  • b.)

    Müssen wir Uniformen anziehen?

  • c.)

    Was wird aus uns, wenn wir uns nicht zur VP melden?

  • d.)

    Das hätten wir nicht gedacht, es wird tatsächlich ernst.

  • e.)

    Wir sind für den Frieden und jetzt scheint es doch, als wenn wir schießen sollen.

  • f.)

    Bisher erzog man uns in dem Gedanken: »nie wieder Krieg«, und jetzt sollen wir Uniformen anziehen?

Die Bereitschaft der Studenten für den Eintritt in die VP ist in den ersten beiden Studienjahren wesentlich stärker als in den klinischen Semestern. (3. bis 5. Studienjahr.)

Anlage 2 vom 28. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2436

Bericht über die Normfragen in der Zeit vom 22. bis 28.3.1955

Innerhalb des Wismut-Gebietes ist der Hauptgesprächsstoff immer noch die Einführung der technisch begründeten Arbeitsnormen.54

Durch gute Aufklärung wurde erreicht, dass der überwiegende Teil der Kumpel bereit ist, nach technisch begründeten Normen zu arbeiten. Bis zum 23.3.[1955] gaben 93 % ihr Einverständnis. Mit den einzelnen Brigaden und Kumpel, die sich noch ablehnend zeigen, befassen sich die Aufklärungsgruppen besonders. Es gibt auch schon Beispiele dafür, wo es durch individuelle Aussprache gelang, besonders hartnäckige Kumpel oder Brigaden von der Richtigkeit der Einführung der TAN55 zu überzeugen.

Zum Beispiel im Schacht 15b – Oberschlema – war es eine Brigade, die als einzige gegen die Einführung der TAN war. Durch mehrmalige Rücksprache und intensive Aufklärung gab sie dann doch ihr Einverständnis, sodass der Schacht mit 100 % abschließen konnte.

Von einigen Kumpel wird noch immer die Meinung vertreten, dass durch das Fehlen von Material wie z. B. Rohstahl, Bohrhämmer, Spülköpfe, Holz und vor allem Hunte,56 die Voraussetzung für die Einführung der TAN nicht gegeben seien.

In einzelnen Schächten des Objektes 02 – Oberschlema – wurden aufgrund des ständigen Huntemangels unter den Kumpel negative Diskussionen geführt. Dies ist besonders unter den Vortriebsbrigaden der Fall, die trotz ihrer Zustimmung zur TAN noch nicht vollkommen damit einverstanden sind.

In einigen Fällen zeigen sich besonders Jugendliche ablehnend. Zum Beispiel erklärte ein Jugendlicher vom Schacht 6b – Oberschlema –: »Wenn einer zu mir kommt und will eine Unterschrift von mir gegen die TAN haben, bekommt er sie sofort, aber für die Einführung der TAN auf keinen Fall.«

Auch die Jugendlichen der Brigade Weber – Oberschlema – lehnten ebenfalls ab, ihre Unterschrift zu geben. Sie äußerten dazu: »Seit Bestehen der Wismut sind die Normen um 850 % gestiegen, aber die Preise sind noch nicht in der gleichen Prozentzahl gefallen.« Die Jugendlichen ließen sich nicht überzeugen und beharrten weiter auf ihren Standpunkt.

Des Weiteren weigerte sich eine Brigade vom Schachtkombinat 362 – Auerbach –, im Bezug auf die Einführung der TAN eine Verpflichtung zu unterschreiben. Es handelt sich um eine Spitzenbrigade, die im Monat 2 000 bis 2 500 DM verdient.

Auch ein Hauer vom Schachtkombinat Schneckenstein – Auerbach – lehnt hartnäckig die Einführung der TAN ab, obgleich schon mehrere individuelle Aussprachen mit ihm geführt wurden.

Ein Elektriker vom Schacht 206 – Aue – sagte zum Parteisekretär: »Du hast wohl vergessen, dass du auch einmal Arbeiter warst, denn sonst könntest du nicht für eine Normenerhöhung, die gleichzeitig eine Lohnminderung ist, eintreten.«

Solche Äußerungen, so wie direkt offen feindliche, sind gering und beinhalten größtenteils, dass alles auf Kosten der Arbeiter gehen würde und dass es zu einem neuen 17. Juni kommen würde. Vereinzelt kommt es zu Äußerungen, dass es mit der DDR zu Ende gehe.

Zum Beispiel wurden in der Erzfabrik 1/98 – Johanngeorgenstadt – von zwei Kumpel folgende Diskussionen geführt: »Wer weiß, wie es nächstes Jahr wieder aussieht. Man braucht sich bloß in den Zug zu setzen, da kann man allerhand hören. Die Stimmung ist sehr schlecht. Alles ist auf einen Zusammenbruch und eine Wiederholung des 17. Juni eingestellt.«

Ein Kumpel von der Kugelmühle 1/87 sagte: »Mir riecht alles so nach Ende.«

Vom Schacht 1 – Johanngeorgenstadt – äußerte ein Kumpel: »Die Nazis haben zwölf Jahre regiert und die SED macht es nicht ganz 12 Jahre, dann kommt wieder was anderes.«

Ein Kumpel vom Objekt 1 – Johanngeorgenstadt – erklärte: »Jetzt haben wir den Mist. Jetzt setzen sie die Normen höher und das ist unsere Errungenschaft. Über den Westen wird geredet. Sie sollen sich um uns kümmern. Der 17. Juni wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn der Arbeiter wird sich nicht alles gefallen lassen. Wir sollen immer mehr schuften und weniger Geld verdienen. Wir werden es erleben, dass viele bei der Wismut aufhören werden. Im Westen haben sie das Streikrecht und hier müssen wir die Schnauze halten, das ist ja auch ein Arbeiterstaat. Eines Tages wird es kommen, aber schlimmer als das letzte Mal. Wozu werden denn die Normen erhöht, doch nur, damit die Herren noch höhere Prämien erhalten.«

Zum anderen versucht der Klassenfeind, durch Gerüchteverbreitung, eine schlechte Stimmung unter den Kumpel zu erzeugen.

Zum Beispiel wurde im Schichtzug nach Zwickau darüber gesprochen, dass eine Währungsreform bevorstehe.

Im Schacht 250 – Aue – wurde erzählt, dass es in Zukunft keine Plankarten mehr geben solle. (Plankarten erhalten die Kumpel, die ihren Plan erfüllt haben und zusätzliche Lebensmittelkarten bekommen.)

Es gibt immer wieder Beispiele dafür, dass in den Betrieben der Industrie die Normüberprüfung ohne vorherige Aufklärung durchgeführt wird. Darüber sind die Beschäftigten verärgert und aufgrund der bestehenden Unklarheiten in der Normenfrage entstehen negative Diskussionen. Es wird größtenteils angenommen, dass die Normenneufestsetzung eine Lohnminderung bedeute. Daher kommt es immer wieder zu Äußerungen wie z. B.: »Warum wird immer wieder nur auf Kosten der Arbeiter eingespart?«

Im VEB Blechbearbeitung Prenzlauer Berg/Berlin wurden zur Feststellung realer Normen Zeitaufnahmen durchgeführt. Von den Kollegen wird diese Methode heftig kritisiert und es werden Vergleiche zu dem REFA-System57 der Nazi-Zeit gezogen. Ein Teil der Kollegen erklärt, dass es richtig sei, die Normen auf einen realen Stand zu bringen, aber sie könnten sich nicht mit der Art und Weise einverstanden erklären, wie dies erreicht werden soll. Sie haben erwartet, dass sich die verantwortlichen Stellen des Betriebes vorher mit den Beschäftigten über die Frage unterhalten. Ihrer Meinung nach würde mehr erreicht, wenn die Betriebsleitung und die Arbeiter gemeinsam zur Klärung dieser Frage beitragen würden.

Im Walzwerk Burg, [Bezirk] Magdeburg, wird ebenfalls über die Normenfrage diskutiert. Die Meinung eines Parteilosen gilt für viele. Er sagte: »Wenn neu genormt wird, so habe ich einen Durchschnittsverdienst von höchstens 300 DM. Das sind 120 DM weniger als jetzt. Ich habe meine Norm deshalb übererfüllt, damit meine Familie besser leben kann. Jetzt ist es mir unmöglich, eine fünfköpfige Familie zu ernähren. Von der Werkleitung gehen nur gefärbte Berichte nach oben und dann denkt man oben, dass unten alles in Ordnung ist.«

Im Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle, sind viele Arbeiter der Meinung, bevor die Normen geändert werden, sollten erst alle anderen Möglichkeiten der Rentabilität ausgeschöpft werden. Zum Beispiel sagte ein Kollege: »Wenn bei uns der Arbeitsablauf besser organisiert wird, könnten Hunderttausende DM eingespart werden. Man soll nicht auf Kosten der Arbeiter sparen, das gibt bloß wieder einen 17. Juni.«

In der Adjustage des Walzwerkes Burg, [Bezirk] Magdeburg, gibt es unzufriedene Stimmen wegen der Normfrage. Einige Kollegen sind der Meinung, dass bei der Einführung der TAN im April ihre Verdienstmöglichkeiten geringer werden. Es sei deshalb nicht ausgeschlossen, dass es zu einem zweiten 17. Juni kommt.

In der Bahnmeisterei Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, wird auch über die Einführung der TAN gesprochen. Jetzt bestehen nur vorläufige Arbeitsnormen. Ein Stellmacher äußerte: »Die technisch begründeten Normen sind nicht gut. Man müsste streiken, aber das Recht zum Streiken haben wir nicht.«

Unter den Arbeitern der Gleiskolonnen im Tagebau des VEB Böhlen, [Bezirk] Leipzig, wird sehr negativ über die Neuregelung der Normen diskutiert. Es ist vorgesehen, die Normen der Gleiskolonnen an die Baggernormen anzuschließen, da es nicht möglich ist, die geleistete Arbeit bzw. die Erfüllung der Norm bei den Gleiskolonnen genau zu kontrollieren. Die Normen wurden bisher von diesen immer übererfüllt.

Anlage 3 vom 28. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2436

Auswertung der Westsendungen

Die Westsender, besonders der RIAS, treiben weiterhin eine umfangreiche Hetze gegen unsere Versorgung. Außerdem kündigt RIAS an, dass die Hetzmeldungen über die Versorgungslage der DDR in den nächsten Tagen fortgesetzt werden. Mit dem Versuch, die Versorgung als äußerst gespannt hinzustellen, wird die Hetze auch auf das Gebiet der Massenbedarfsgüter-Versorgung ausgedehnt. Gleichzeitig bemüht man sich, den Eindruck zu erwecken, dass eher eine Aussicht auf »Verschlechterung als auf eine Besserung der Versorgung bestehe« und dass unsere Staatsorgane diese Lage bagatellisieren bzw. die Ursachen hierzu verschweigen und in Abrede stellen.

Um möglichst viele Bevölkerungskreise zu beunruhigen, und die Unzufriedenheit zu steigern, verbinden die Sender ihre Hetzte mit der Arbeitsumgruppierung,58 mit Schwierigkeiten in der Landwirtschaft, beim Import usw. In diesem Zusammenhang richtet sich die Hetze gleichzeitig gegen das Asyl-Angebot an die Jugendlichen Westdeutschlands und Westberlins. Man versucht hierbei aufzuzeigen, dass die DDR kaum Brot und Arbeit für ihre eigenen Einwohner hätte. Das wird besonders mit folgendem Beispiel versucht:

»Bei den Werften sind 2 000 Beschäftigte gekündigt. Für 2 500 Beschäftigte bei den RAW werden Kündigungen vorbereitet. Nach einer Verfügung in Ostberlin sollen vor allem Westberliner entlassen werden. Im Februar meldeten sich rund 1 500 Westberliner, als Arbeitslose aus dem Ostsektor bei den Westberliner Arbeitsämtern. Bis April soll erreicht werden, dass ohne Rücksicht auf längere Beschäftigungsdauer und Facherfahrung so gut wie kein Westberliner mehr in Ostberliner Betriebe arbeitet. In den Ostberliner Randgebieten wurden Ende Januar/Anfang Februar bis zu 1 000 Arbeitslose je Kreis registriert.«

Weiter heißt es, dass in vielen Großbetrieben der DDR 100 bis 200 Arbeitende entlassen wurden, die nur die Möglichkeit einer Beschäftigung in der Landwirtschaft, oder die jüngeren bei der KVP hätten.

Zur Beweisführung seiner Hetze gegen unsere Versorgung führt RIAS eine Scheibe Brot an, die angeblich als »Visitenkarte der Versorgung der DDR« bei ihm abgegeben wurde. Er vergleicht dieses Brot mit dem Nachkriegsbrot und will sich wie folgt zum Sprecher der Arbeiter und Bauern machen: »Das Schlimme dabei ist, dass im fünften Jahr des Fünfjahrplanes und zehn Jahre nach dem Kriege 18 Mio. Deutsche dieses Brot essen müssen. Es wurde ihnen versprochen, wenn sie die Pläne erfüllen, falle die Rationierung fort. Sie haben ihre Pläne erfüllt und übererfüllt. Jetzt fragen die Arbeiter und Bauern, wo ist das alles geblieben, wo ist der Zucker geblieben? Es kann keiner freiwillige Wettbewerbe ohne Wiederherstellung der normalen Versorgung verlangen. Ebenso die Beteiligung an Bildungsabenden und Produktionsberatungen. Es geht dabei einfach um das tägliche Brot. Die Versorgung muss gewährleistet werden, nicht erst morgen, oder nach Erhöhung der Arbeitsleistung, sondern heute und vor der generellen Normerhöhung.«

Im weiteren Verlauf der Hetze wird verbreitet, »dass bei den Verkaufsstellenleitern in Konsum und HO eine Fluktuation bestehe und sie ihre Posten aufgäben. Das hinge mit den Kosten – Umsatz – Gewinnplänen, den reduzierten Personal und der Verantwortung auf diesem empfindlichen Posten zusammen. Empfindlich wegen der Versorgungslage und der bekannt gewordenen Bestrafungen einiger Verkaufsstellen-Leiter«.

In diesem Zusammenhang hetzt RIAS, dass bald solche Bilder, wie sie das ND gebracht hat, auch in den Provinzzeitungen über Hamstern und Hortungen erscheinen werden.59

In der Bedarfsgüterproduktion versucht RIAS, Rückgänge bis zu 50 % im II. Halbjahr 1954 bei der Herstellung von Möbeln, Textilien, Lederwaren und bei Motorrädern mit 75 % aufzuzeigen. Am schlimmsten seien davon die Privatbetriebe betroffen. Außerdem hätte man die Textilbetriebe gezwungen, 50 % minderwertige Stoffe und die Schuhindustrie, 50 % Schweinsleder zu verarbeiten. Die angeordnete Verminderung der Produktion bei Schuhen betrage sechs Millionen Paar, wovon 500 000 Paar der Bevölkerung zwecks Sicherstellung für die VP entzogen wurden.

Als Grund für diese Mängel wird Rohstoffknappheit angegeben, die in dem Ausbleiben der Importe zu suchen sei. Die Perspektiven für das II. Halbjahr 1955 seien nicht besser.

Trotz wiederholter Dementis, der RIAS habe nicht zum Hamstern aufgefordert, versucht es dieser Hetzsender wie folgt in verblümter Form immer wieder:

»Nun fragen wir eine Hausfrau, wenn sie im RIAS von einer Versorgungskrise hört und findet stattdessen volle Läden vor. Sie geht nachhause und stellt den RIAS ab. Ja, es ist eben doch schwer, angesichts leerer Läden, Überfluss glaubhaft zu machen. Eine Versorgungskrise ohne Mangel, dass ist die Epoche machende Erfindung der Planwirtschaft.«

In diesem Zusammenhang wird auch gegen unsere Landwirtschaft gehetzt. Neben dem Aufzählen des Arbeitskräftemangels, Saatguts, der Dünge- und Futtermittel, verbreitet RIAS, dass im Bezirks Potsdam zahlreiche »Kolchosen«60 die Strohscheunendächer abgedeckt hätten, um etwas Raufutter für das Vieh zu bekommen. Für die Ferkelaufzucht mangle es an Kleie, wegen zu scharfem Ausmahlen des Mehls für das schlechte Brot. Aufgrund dessen seien die Versprechungen für eine Steigerung der landwirtschaftlichen und tierischen Erzeugnisse ein Phantasiegebilde.

Wiederholt werden Meldungen gebracht, dass besonders in Mecklenburg Neubauernstellen61 aus den verschiedensten Gründen aufgegeben werden. Mit dem Anführen einzelner Gründer wie z. B. Alter, Krankheit usw. verfolgen die Westsender das Ziel, dass noch mehr Einzelbauern ihre Gehöfte zur Verfügung stellen.

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    2. April 1955
    Informationsdienst Nr. 2437 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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    26. März 1955
    Informationsdienst Nr. 2435 zur Beurteilung der Situation in der DDR