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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

2. April 1955
Informationsdienst Nr. 2437 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Seit der letzten Berichtsperiode haben die Gespräche über das gegenwärtige politische Geschehen nicht wesentlich zugenommen.

Der Umfang der Diskussionen über die Ratifizierung der Pariser Verträge1 sowie die sich für uns daraus ergebenden Verteidigungsmaßnahmen2 stehen in keinem Verhältnis zur Bedeutung dieser Fragen.

Es zeigt sich bei vielen Werktätigen eine gewisse Gleichgültigkeit sowie eine abwartende Haltung. Vielfach weichen die Kollegen einer klaren Stellungnahme aus.

Die Ursache für das wenige Interesse an den politischen Problemen ist nicht zuletzt auf die schwache Agitation der Parteiorganisationen in den Betrieben zurückzuführen. Mitunter überlässt man die Diskussionen dem Selbstlauf und es treten nicht wenige Stimmen auf, wie z. B. »Es ist alles zwecklos, in Kürze kommt es doch zu einem Krieg«, oder »was nützen alle Resolutionen und Stellungnahmen, an der Ratifizierung sieht man, dass die Westmächte doch machen, was sie wollen«.

Meist sind es die fortschrittlichen Arbeiter, Angestellten und vereinzelt auch Intelligenzler, die auf die erhöhte Kriegsgefahr hinweisen und die richtige Schlussfolgerung daraus ziehen, indem sie sagen, dass es noch nicht zu spät zur Verhinderung eines Krieges ist. Zum anderen zeigt sich bei der Frage der Verteidigungsmaßnahmen, dass der klassenbewusste Teil der Werktätigen in den Betrieben in den Diskussionen erklärt, dass sie bereit sind, zur Verteidigung unserer Errungenschaften, wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand. Zum anderen zeigt sich aber ein großer Teil, darunter nicht wenige Genossen unserer Partei, zu diesem Problem ablehnend. Dies resultiert nur in wenigen Fällen auf einer direkt feindlichen Einstellung gegen die DDR, sondern beruht vielmehr auf der Ablehnung jeglicher Kriegshandlungen. Die Argumente, »nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen«, oder »wir haben in der Gefangenschaft geschworen, nie wieder Soldat zu werden«, und »wir hängen an unserem Beruf, wir wollen nicht Soldat werden« sind am häufigsten. Teilweise wird auch die Ansicht vertreten, »wenn bei uns keiner ein Gewehr in die Hand nehmen würde, werden sie drüben auch nicht schießen«.

Die Argumente feindlicher Elemente sind größtenteils:

  • »in der DDR gibt es nichts zu verteidigen«

  • »lieber für den Ami als für den Russen kämpfen« oder

  • »es wird nur zum Schein so viel vom Frieden gesprochen. Der Osten ist auch für einen Krieg, genau wie der Westen« usw.

Die Diskussionen über die Verteidigungsmaßnahmen lassen erkennen, dass darüber noch viel Aufklärung notwendig ist, um die Bereitschaft, unsere Errungenschaften im Ernstfall zu verteidigen, zu erhöhen.

Zum Beispiel wird in der Kupferspinnerei des sächsischen Kunstseidenwerkes »Siegfried Rädel« Pirna von fast allen Kollegen die Meinung vertreten, dass »sie nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen werden«.

Unter anderem sagte ein Kollege: »Nach 1945 sprach man davon, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen und jetzt ist es bereits wieder soweit, dass man die Aufstellung einer Armee vorsieht.«

Im VEB Feinprüf Schmalkalden,3 [Bezirk] Suhl, steht der größte Teil der Jugendlichen der Regierungserklärung vom 25.3.[1955]4 ablehnend gegenüber. So sagte z. B. ein Genosse: »Ich habe einige Jugendliche angesprochen, um sie zum Eintritt in die KVP zu bewegen. Sie verhielten sich aber größtenteils ablehnend dazu und erklärten mir, dass sie an ihrer Arbeit hängen und keine Lust hätten, zur KVP zu gehen.«

Auch im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, wurde vonseiten der BPO mit den jungen Genossen gesprochen, um sie von der Notwendigkeit, in die Reihen der KVP einzutreten, zu überzeugen. Etwa 30 % der Angesprochenen erklärten sich dazu bereit, ca. 50 % hat sich Bedenkzeit ausgebeten und die restlichen lehnten ab.

Im VEB Hartpappe Lehnamühle, [Kreis] Greiz, verlangten fünf Arbeiter bei einer Diskussion über den BKV,5 dass der darin enthaltene Satz, den Schutz der Heimat zu organisieren und wenn nötig, unsere Arbeiter-und-Bauern-Macht mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, gestrichen werden sollte. Sie organisierten eine Unterschriftensammlung. Es kamen 20 Unterschriften zusammen, die aber nicht weitergeleitet wurden.

Bemerkenswert ist, dass von den Initiatoren drei ehemalige NSDAP-Mitglieder waren. Die anderen beiden sind am 17. Juni 19536 aus dem FDGB ausgetreten.

Diskussionen über die gegenwärtige Versorgungslage haben noch immer einen größeren Umfang und sind in der Mehrzahl negativ. Immer wieder wird erklärt, dass die Verknappung der HO-Lebensmittel7 sowie die veränderte Qualität des Brotes8 und des Bieres9 nicht auf eine schlechte Ernte, sondern auf die Schaffung von Reserven zurückzuführen sei. Die Äußerungen, »statt besser wird es immer schlechter«, »soll das der versprochene Lebensstandard sein«,10 oder »wir verstehen nicht, warum wir nicht über die wahren Gründe aufgeklärt werden«, sind am häufigsten.

Unter den 46 Kollegen der Kesselschmiede des RAW Jena, [Bezirk] Gera, bestand eine starke Verärgerung, weil in den letzten Tagen des Monates März noch keine Butter auf die April-Marken ausgegeben wurde. Am 30.3.[1955] entstanden Diskussionen, am nächsten Tag die Arbeit niederzulegen. Daraufhin setze eine entsprechende Aufklärung ein und es kam dadurch nicht soweit. Außerdem wurde veranlasst, dass schon am 31.3.[1955] auf die April-Marken Butter ausgegeben wurde.

Bei einem Teil der Werktätigen besteht die Ansicht, dass der 17. Juni 1953 durch die Unzufriedenheit ausgelöst wurde und sie sehen darin keinen faschistischen Putschversuch.11 Demzufolge kommt es jetzt immer wieder zu Äußerungen wie z. B., »wenn es so weitergeht mit der Versorgung, kommt es wieder zu einem 17. Juni«.

Zum anderen werden solche Diskussionen auch von feindlichen Elementen geführt, die einen neuen 17. Juni herbeiwünschen.

Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Zeiss/Jena sagte: »Es sieht schlecht aus mit der Lebensmittelversorgung. Man soll sich deshalb nicht wundern, wenn es wieder zu einem 17. Juni kommt. Die Menschen sind sehr verärgert und schimpfen«.

Ein Ingenieur aus Greiz äußerte: »Ich habe gehört, dass durch den westlichen Rundfunk Weisungen gegeben wurden, dass sich die Bevölkerung im Falle eines 17. Juni diszipliniert verhalten und nur die Funktionäre ergreifen soll, die etwas getan haben.«

Ein Kollege aus dem Kraftwerk Lauta, [Bezirk] Cottbus, erklärte: »Durch die schlechte Versorgungslage verbunden mit der gesamten politischen Lage, ist ein 17. Juni nicht mehr weit entfernt. Aber bricht es erst einmal los, wird es nicht so leicht abgehen, wie damals.«

In den Schiefergruben in Lehesten, [Bezirk] Gera, äußert sich in letzter Zeit ein negatives Element häufig über einen bevorstehenden 17. Juni. Als ein Wagen vom Kreisrat innerhalb des Werkgeländes parkte, sagte er: »Es dauert nicht mehr lange und die Insassen des Wagens werden durch den Strick gucken.«

Als er von seinen Kollegen darauf aufmerksam gemacht wurde, so etwas nicht zu sagen, erwiderte er, »dass es nicht schlimm sei, wenn er verhaftet würde, denn es käme sowieso bald anders«.

Einen großen Raum nehmen in den Gesprächen weiterhin die betrieblichen Belange ein, besonders Fragen, die mit dem Produktionsablauf im Zusammenhang stehen. Dabei zeigt sich häufig eine Verärgerung der Werktätigen über die immer wieder auftretenden Schwierigkeiten wie z. B. ungenügende Materialbereitstellung, Auftragsmangel, schlechte Arbeitsorganisation und die damit verbundenen Wartestunden.

In den Diskussionen kommt vielfach zum Ausdruck, dass sich die Arbeiter um die Planerfüllung und die Rentabilität der Betriebe bemühen und dass sie durch diese Mängel und Schwierigkeiten in ihrer Initiative gehemmt werden.

Im VEB Bergmann Borsig Berlin sind die Arbeiter über den schlecht organisierten Arbeitsablauf ungehalten und sie üben aus dem Grunde Kritik an der Betriebsleitung. Die Arbeiter erklären: »Man spricht immer so viel vom 21. Plenum12 und über die Rentabilität der Betriebe, aber man gibt uns keine Möglichkeit, dies zu verwirklichen. Es fehlt bei uns im Betrieb so oft an Material und es entstehen laufend Wartestunden, dies stimmt nicht überein mit dem 21. Plenum.« (Der Betrieb hat im Monat durchschnittlich 700 Wartestunden zu verzeichnen.)

Im VEB Schuhfabrik Seifhennersdorf, [Bezirk] Dresden, entstehen ebenfalls sehr viele Wartestunden, da es an Material fehlt, besonders an Porokrepp.13 Dieser wird in ungenügenden Mengen vom VEB Gummiwerk Schönebeck/Elbe geliefert.

Im VEB Zeiss-Eisfeld, [Bezirk] Suhl, gibt der bestehende Arbeitsmangel häufig Anlass zu heftigen Diskussionen. Zurzeit ist die Lage im Betrieb so, dass ca. 16 Dreher mit Fensterputzen und anderen Nebenarbeiten beschäftigt werden müssen, weil vom Hauptwerk Zeiss Jena keine Aufträge vorliegen. Die Kollegen bringen in ihren Diskussionen zum Ausdruck, dass sie nicht in einem VEB arbeiten, um die Zeit totzuschlagen, sondern sie wollen mithelfen, dass es bei uns weiter vorwärts geht.

Der VEB ZEMAG Zeitz,14 [Bezirk] Halle, verfügt über eine Produktionskapazität von 33 Mio. DM. Es liegen aber nur Aufträge in Höhe von 22 Mio. DM vor. Um den Plan im I. Quartal 1955 zu erfüllen, wurde ein Exportauftrag der SU aus dem III. Quartal ins I. Quartal genommen. Es entstanden dadurch Absatzschwierigkeiten, da das Werk keine Transportgenehmigung erhielt.

Unter einem Teil der Arbeiter im RAW in Meiningen, [Bezirk] Suhl, ist eine sehr schlechte Stimmung zu verzeichnen, da durch Materialmangel der Produktionsablauf gehemmt und der Leistungslohn beeinträchtigt wird. Sie äußern vielfach, dass in den Jahren 1947/48 mehr und besseres Material vorhanden war als jetzt. Es fehlt besonders an Blechen der verschiedensten Stärken und Größen.

Im Kabelwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, fehlt es besonders an PCU-Pulver15 und Palativöl.16 Die zuständigen Stellen sind darüber bereits längere Zeit informiert und wiederholte Anfragen blieben unbeantwortet. Es stehen zwei Maschinen still und die Kabelproduktion auf Kunststoffbasis musste ganz stillgelegt werden.

Demzufolge werden ca. 25 Arbeiter unproduktiv beschäftigt und der Finanzplan kann nicht erfüllt werden.

Dem VEB Drahtseilfabrik Boxberg, [Kreis] Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, wurden im I. Quartal 1955 anstatt 44 t Stahlkontingent nur 31 t geliefert. Die Abteilung Reifenseilerei, die für die Autoreifenproduktion die Drahtreifen fertigt, musste seit einigen Tagen die Produktion einstellen, weil der VEB Reifenwerk Berlin keinen Litzenstahldraht lieferte.

Im VEB Wärme-Gerätewerk Dresden/Werk II Königsbrück bestehen Schwierigkeiten in der Emaille-Produktion. Der Betrieb ist nicht in der Lage, weitere Oberflächenveredelungen durchzuführen, da von der Fa. Dr. Cüppers und Co.17 Radeberg, [Bezirk] Dresden, keine Fritte18 geliefert wird. Die Ursache ist, dass der Firma zur Herstellung von Fritte Borax fehlt. Wenn keine Änderung eintritt, muss die Emaille-Abteilung stillgelegt werden.

Der VEB Kittwerk Pirna-Rottwerndorf, [Bezirk] Dresden, musste infolge Rohstoffmangel am 28.3.[1955] die Produktion einstellen. Die Belegschaft wird vorläufig mit Nebenarbeiten beschäftigt und es wird sich notwendig machen, einen Teil zu entlassen. Der Zulieferbetrieb, VEB Kreidewerk Rügen kann vor Ende April keine Schlämmkreide liefern.

Im VEB Schott-Jena19 bestehen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Strohpackpapier, zur Herstellung von Wellpappe. Bisher blieben alle Bemühungen ohne Erfolg. Dadurch sieht sich der Betrieb gezwungen, wenn keine Änderung eintritt, die Produktion (es betrifft ca. 400 Glasarbeiter) vorübergehend einzustellen.

Im ALU-Werk des Elektrochemischen Kombinates Bitterfeld I und II werden heftige Diskussionen über die Erhöhung der Arbeitsproduktivität geführt. Die Kollegen arbeiten zurzeit an drei Schmelzöfen und sollen noch einen vierten übernehmen. Dies wird vom größten Teil mit der Begründung abgelehnt, dass dies zu viel sei und noch dazu, wo es dem Sommer entgegen gehe, wo dann in den Alu-Werken eine hohe Temperatur zu verzeichnen sei. Auch wurden Stimmen laut, dass sie auf ihre Kartengruppe »A«20 nicht alle Butter bekommen und man sollte ihnen nicht weniger zu essen geben und mehr Arbeit verlangen.

Die Kumpel des Kaliwerkes »Marx-Engels« in Unterbreitbach, [Bezirk] Suhl, diskutieren über die Wachsamkeit wie folgt: »Der neue Schacht II, ein Millionenobjekt, welches ca. 800 Meter von der D-Linie21 entfernt liegt, wird nur von sechs Mann Hilfsbetriebsschutz bewacht, sodass auf jede Schicht nur zwei HBS-Männer kommen. Für diese ist nur ein Gummiknüppel vorhanden. Wo bleibt da die Wachsamkeit, bei einem so wichtigen Bauvorhaben, unmittelbar an der D-Linie. Wir verlangen einen Schutz entweder von der VP oder dem Werk.«

Produktionsstörungen

Am 29.3.[1955], gegen 10.45 Uhr, hat sich am Hochofen IV des EKS Stalinstadt22 der erste Staubsack des Wirbelgerüstes gesenkt, wobei alle drei Wirbel mit heruntergerissen, bzw. heruntergezogen wurden. Schaden: ca. eine Mio. DM. Produktionsausfall: keiner.

Am 28.3.1955 brannte im BKW Regis, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, der neue 12,5 MW-Generator vollkommen aus. Ursache: Vermutlich Lösen von Schrauben am Rotor – Schaden noch nicht bekannt.

Im Zellstofflager der Zellstofffabrik der Filmfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle, geriet durch Unvorsichtigkeit beim Schweißen ein Baumwollwattefilterstapel in Brand. Schaden ca. 25 000 DM.

Am 31.3.[1955], gegen 14.00 Uhr, entstand im VEB Kunstblume Sebnitz, [Bezirk] Dresden, ein Brand. Sachschaden ca. 800 DM.

In der VEB Werkzeugmaschinenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, wurde das Gerücht verbreitet, dass in den Leuna-Werken gestreikt würde.

Im VEB Strumpfwarenfabrik Heuthen, [Kreis] Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, ist das Gerücht in Umlauf, dass der genannte Kreis zum Sperrbezirk erklärt wurde und die Grenzkommandanturen aufgelöst und die Kräfte auf die einzelnen Gemeinden verteilt würden. Außerdem würde auf dem Gelände zwischen Heuthen und Wachstedt ein Flugplatz für die Sowjetarmee gebaut.

In einer Toilette im RAW Meiningen wurde eine Hetzlosung, die sich gegen einen führenden Funktionär richtete, angeschmiert.

Im VEB Förderanlagenbau Leipzig wurde in einer Männertoilette die Hetzlosung: »Nieder mit der KPD« angeschmiert.

An der gleichen Stelle wurde am Tag vorher ebenfalls eine Hetzlosung festgestellt.

Im VEB Stahlwerk Riesa wurde in einer Männertoilette eine Hetzlosung gegen die SED angeschmiert.

In der Graugießerei Schmiedeberg, [Bezirk] Dresden, wurde ein angeklebter Zettel mit der Losung: »Streikt für höhere Löhne« festgestellt.

Im VEB Flachsspinnerei Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurden am 25.3.[1955] im Speiseraum Bilder von Funktionärinnen und Aktivistinnen,23 die anlässlich des 8. März24 angebracht wurden, entfernt.

Im Anmeldezimmer des gleichen Betriebes wurde im Holzrahmen des Schiebefensters mit einem Messer ein Hakenkreuz eingeritzt.

Versorgung der Bevölkerung

Durch das Nachlassen der Hamstereinkäufe in allen Bezirken hat sich die Versorgungslage wieder etwas normalisiert.25 Im Allgemeinen ist die Versorgung auf Markenbasis sichergestellt. Es fehlt lediglich noch an Mehl, HO-Zucker, HO-Butter und HO-Schmalz.

In diesen Waren treten auch immer wieder noch verstärkte Einkäufe auf. Da diese Waren, besonders Mehl, in den meisten Verkaufsstellen ausverkauft sind, kommt es häufig zu Schlangenbildungen, wenn diese oder jene Verkaufsstelle solche Waren erhält, und im Nu sind diese Waren dann wieder ausverkauft. Durch das bevorstehende Osterfest wird Mehl zum Backen usw. benötigt. Deshalb versuchen die Hausfrauen überall dort, wo es Mehl zu kaufen gibt, Mehl zu erhalten.

Die Diskussionen über die Versorgungslage stehen noch immer im Vordergrund. Es ist aber auch hier, eben durch die Normalisierung der Lage, ein Abflauen derselben zu bemerken. Es zeigt sich jetzt auch ganz deutlich, dass die negativen Diskussionen vor allem von denen geführt werden, dich sich von den RIAS-Parolen26 aufhetzen ließen. Der Inhalt der Diskussionen ist der gleiche geblieben.

Man bringt weiter zum Ausdruck, dass der Lebensstandard nicht besser, sondern schlechter geworden sei, die Regierung die Bevölkerung betrogen hätte, dass der Fünfjahrplan27 ein großer Reinfall gewesen sei und der Neue Kurs28 nun zu Ende wäre.

Verschiedentlich drohen feindliche Elemente mit einen neuen 17. Juni. Der Inhalt dieser Drohungen ist vor allem, dass mit der Durchführung eines neuen 17. Juni wieder alles zu erhalten wäre.

So äußerte z. B. eine Hausfrau aus Magdeburg: »Es gibt die wichtigsten Lebensmittel nicht mehr reichlich. Es muss wieder einmal ein 17. Juni kommen, dann wird es anders.«

Eine Hausfrau aus Karl-Marx-Stadt erklärte in einer KG-Verkaufsstelle: »Ulbricht29 hat von einem nie gekannten Wohlstand 1955 gesprochen. Das sieht man jetzt an dem Angebot der Lebensmittel Zucker, Butter, Fleisch, Mehl, alles ist knapp. Rindfleisch gibt es gar nicht. Na, wir danken für den Wohlstand. Es ist wie vor dem 17. Juni, aber dieser wird ja wiederkommen und dann wird anständig aufgeräumt.«

Ein großer Teil des Verkaufspersonals wirkt trotz Schulung und Aufklärung nicht immer auf die negativen Diskussionen der Bevölkerung ein. Es gibt immer wieder Fälle, wo die Bevölkerung durch das Verkaufspersonal zu Angsteinkäufen verleitet wird.

Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Verkaufskräfte, die sich ihrer großen Verantwortung bewusst sind und demzufolge auch auf die Bevölkerung einwirken.

So z. B. ein Abteilungsleiter beim Konsum30 in Greifswald, [Bezirk] Rostock, der durch gute Argumentation in seiner Verkaufsstelle die Hamstereinkäufe, die durch mehrere Personen getätigt werden sollten, verhinderte.

Sehr häufig treten jetzt Diskussionen über die neue Brotsorte31 auf.

Im Wesentlichen haben diese zum Inhalt, dass das Brot zu nass, klebrig und deshalb nicht genießbar sei. Verschiedentlich bringt man aber auch zum Ausdruck, dass man bei uns immer von einer Brotpreiserhöhung in Westdeutschland sprechen würde, bei uns aber das gleiche gemacht würde, nur auf eine feinere Tour.

So sagte z. B. eine Hausfrau aus Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »In der Zeitung schreibt man immer davon, dass in Westdeutschland die Brotpreise in der Vorbereitung eines neuen Krieges erhöht werden, aber bei uns ist es nicht viel anders. Hier werden diese Dinge auf eine feinere Art gemacht, indem man die Qualität herabsetzt und damit die Preise in keinem Verhältnis zur Qualität stehen.«

Hinsichtlich des Ostertreffens der Jugend32 in Meißen, [Bezirk] Dresden, äußern die Kreisleitung der SED und der Vorsitzende des Rates des Kreises Bedenken über die Versorgung der Jugendlichen, da alle Anforderungen beim Rat des Bezirkes und bei der SED-Bezirksleitung bisher erfolglos waren. Bis jetzt wurde lediglich das Ergebnis erzielt, dass einige Zubringerbetriebe angewiesen wurden, Waren im Voraus zu liefern. Das würde jedoch zur Folge haben, dass nach dem Ostertreffen für die Bevölkerung nicht genügend Waren vorhanden sind.

Darüber wird unter den Arbeitern im Turbowerk Meißen33 das Gerücht verbreitet, dass das Jugendtreffen in Meißen ausfallen soll, da es sowieso nichts zu essen gebe.

In der Porzellanmanufaktur ist man der Meinung, dass durch das Jugendtreffen die Versorgung der Bevölkerung besser wird. Es wird angenommen, dass auch hier, »genau wie in Leipzig zur Messe« mehr Mangelwaren verkauft würden.

Im Großhandelskontor34 Zeitz, [Bezirk] Halle, ist durch die Sperrung der Abgabe von Likör an die Einzelhändler ein Warenstau entstanden, sodass jetzt ein Bestand an Likör im Werte von 600 000 DM vorhanden ist, der nicht ausgeliefert werden kann. Der Betrieb kommt dadurch in große Zahlungsschwierigkeiten, da der Überplanbestand bis jetzt noch nicht kreditiert wurde. Eine Kreditgewährung soll von zentraler Stelle aus erfolgen. Hierbei ist zu bemerken, dass sich unter dem Likör erhebliche Mengen Eierlikör und Kakao mit Ei befinden, die praktisch dem Verderb ausgesetzt sind.

In der KG-Fleischerei Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, lagern zurzeit 18,9 t Fleisch und Wurstwaren, die nicht abgesetzt werden können, da das Akzise-Kontingent HO ausgeliefert ist und das Versorgungskontingent ebenfalls erfüllt ist. Die Konsumfleischerei Luckenwalde hat sämtliche Kühlräume mit Fleischwaren belegt und außerdem zwei zusätzliche Kühlräume des Schlachthofes Luckenwalde.

Am 26.3.1955 sollte diese Konsumfleischerei wiederum 20 Schweine abnehmen, was sie jedoch ablehnen musste, da sie keine Aufbewahrungsmöglichkeit für das Fleisch hat.

Von den Kollegen der Konsumfleischerei wird über die lagernden Mengen von Fleisch- und Wurstwaren sehr negativ diskutiert. Sie bringen zum Ausdruck, dass es nicht richtig ist, wenn das Fleisch wochenlang lagert und in der Stadt, in den HO-Geschäften, bzw. den Konsumverkaufsstellen keine freien Waren an die Bevölkerung verkauft werden.

In der Konsumverkaufsstelle 284 (Fleisch- und Wurstwaren) in Hennigsdorf sowie in der Privatschlächterei Pangel35 in Nieder Neuendorf, [Kreis] Oranienburg, sind größere Mengen von Schmalz vorhanden. Da dieses Schmalz nur auf Karten verkauft werden darf und solche großen Mengen auf Markenbasis nicht abgesetzt werden können und nun in den Geschäften lagern, ist die Bevölkerung, die hiervor Kenntnis hat, sehr ungehalten.

Aus Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, wird bekannt, dass Schwierigkeiten durch Überplanbestände an Konfektion und Textilien bestehen. Allein der Konsum hat für 600 000 DM Überplanbestände an Textilien, vor allem an Winter- und Strickwaren zu verzeichnen. Weiterhin ist ein Bestand von 200 000 DM bezugsscheinpflichtiger Arbeitskleidung vorhanden.

Zurückzuführen ist dies auf die Auflösung der Bau-Union, die einige Tausend Arbeiter beschäftigte. Die KG Karl-Marx-Stadt erklärte sich bereit, für einige Tausend DM Waren abzunehmen.

Der VEB Osthafenmühle Berlin musste eine Exportlieferung an Mehl für Ägypten im I. Quartal 1955 erfüllen. Da in der Mühle kein Getreide für diesen Exportauftrag vorhanden war, wurde durch das Ministerium für Lebensmittelindustrie angewiesen, dass zur Erfüllung des Auftrages Getreide aus den Beständen des II. Quartal entnommen werden soll. Es wurde zugesagt, diese Fehlmenge zuzuweisen. – Durch diese Regelung wurde der Exportauftrag für Ägypten erfüllt. Der Betrieb hat aber bisher noch nicht die versprochene Lieferung erhalten. Durch diesen Umstand ist die Mühle nur noch einige Tage in der Lage zu arbeiten.

Die Lage in der Landwirtschaft

Zu den politischen Problemen wird unter der Landbevölkerung weiterhin nur vereinzelt Stellung genommen.

Verschiedentlich beginnen jetzt aber die Diskussionen über die Aufstellung Nationaler Streitkräfte. Solche Diskussionen werden vor allem von Jugendlichen aus der Landwirtschaft und Arbeitern der MTS geführt und es wird von einem Teil zum Ausdruck gebracht, dass die Errungenschaften der DDR verteidigt werden müssen, wenn es sein muss, auch mit der Waffe in der Hand.

Zum Beispiel äußerte sich der größte Teil der Traktoristen und Arbeiter der MTS Ammelshain, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, positiv zur Regierungserklärung. Ein Werkstattschlosser erklärte: »Ich bin mir im Klaren darüber, dass bei uns Nationale Streitkräfte aufgebaut werden müssen. Aufgrund der verschärften Lage erkläre ich mich bereit, meinen Arbeitsplatz mit dem Dienst in der KVP zu vertauschen [sic!].«

Ein anderer Traktorist erklärte: »Ich erkläre mich bereit, meinen Traktor mit einem Panzer zu vertauschen [sic!].«

Mehrere Jugendliche aus der Gemeinde Altreetz, [Kreis] Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, erklärten sich bereit, in die Reihen der KVP und VP einzutreten, um die Errungenschaften der DDR zu schützen.

Daneben verhält sich ein großer Teil der Landbevölkerung auch in diesem Sektor der Landwirtschaft pazifistisch zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte. Sie bringen zum Ausdruck, dass sie nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen werden und noch genug vom letzten Krieg hätten.

So sagte z. B. ein Schlosser von der MTS Appelshof,36 [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock: »Nach der Ratifizierung der Pariser Verträge in Westdeutschland und in Frankreich werden wir nun wohl auch bald eine freistehende Armee bekommen. Ich werde aber nicht freiwillig zur Wehrmacht gehen. Ich habe noch vom letzten Krieg genug.«

Verschiedentlich treten besonders unter den Umsiedlern37 wieder öfter Diskussionen über die Oder-Neiße-Friedensgrenze im Zusammenhang mit der Saar-Frage38 auf. Im Wesentlichen wird zum Ausdruck gebracht, dass man mit der Oder-Neiße-Grenze nicht einverstanden ist.

So sagte z. B. ein Arbeiter auf der MTS Libnitz, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock: »Es ist richtig, wenn man in Westdeutschland eine Wehrmacht aufbaut, denn es ist notwendig, damit wir wieder einen einheitlichen Staat bekommen. Mit der Oder-Neiße-Grenze bin ich nicht einverstanden.«

Ein Schlosser aus der LPG Linum, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam: »Warum regt man sich bei uns wegen des Saargebietes so auf? Die Polen haben auch Oberschlesien, aber bei uns nennt man das ja Friedensgrenze.«

Wie in den Vortagen wird unter der Landbevölkerung weiterhin über den Ministerratsbeschluss zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion39 gesprochen. Von den Arbeitern des sozialistischen Sektors der Landwirtschaft wird darüber rege diskutiert. Zum größten Teil sind die Stimmen positiv, was sich in den zahlreichen Verpflichtungen der Arbeiter der MTS, Genossenschaftsbauern und werktätigen Einzelbauern ausdrückt. Diese Verpflichtungen haben im Wesentlichen die Steigerung der ha-Erträge und die Ablieferung freier Spitzen40 zum Inhalt. Vielfach wird aber auch bereits über die Anwendung von Neuerermethoden41 diskutiert, wobei sehr oft zum Ausdruck gebracht wird, dass es darauf ankommt, Neuerermethoden anzuwenden, wenn die ha-Erträge gesteigert werden sollen.

Dort, wo sich Truppenübungsplätzte der Sowjetarmee befinden, wird von der Bevölkerung sehr negativ über die Verwüstungen der Felder, Wege usw. diskutiert. Hauptsächlich wird gesagt, dass man sich nicht über den Westen aufregen solle, wo die Amipanzer die Äcker verwüsten, da bei uns das gleiche gemacht würde.42

So sagte z. B. ein Einwohner aus der Gemeinde Lawitz, [Kreis] Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Seit Sonnabend voriger Woche (Bericht vom 31.3.[1955])43 werden auf dem Bahnhof Neuzelle Truppen verladen. Die Friedenspanzer sind auch schon nach Lawitz gekommen. Dort haben sie alle Straßen und Wege aufgerissen. Das sollen sich mal die Funktionäre ansehen, was das für ein Skandal ist. Wir Bauern sollen das Feld bestellen, aber auf das Land kommen wir nicht. Hier schreiben sie immer in den Zeitungen, dass der Ami im Westen das Land verwüstet, aber was die SU macht, wird alles gutgeheißen, da darf niemand etwas sagen.«

Auch in Jessen, [Bezirk] Cottbus, wurde gefordert, bezüglich des Sperrgebietes Klarheit zu schaffen, wobei diese Frage besonders im Forstgebiet behandelt wird.

Aus dem Bezirk Schwerin wird berichtet, dass im Monat März eine verstärkte Republikflucht gegenüber dem Monat Februar zu verzeichnen ist. Der größte Teil dieser werktätigen Bauern wurde beeinflusst, bei einem anderen Teil ist die wirtschaftliche Notlage die Ursache. Zum Beispiel wurden im Monat Februar 23 werktätige Bauern, vier Genossenschaftsbauern, drei Mittelbauern, ein Großbauer44 und zehn Landarbeiter republikflüchtig. Demgegenüber flüchteten im Monat März 45 Kleinbauern, zwei Genossenschaftsbauern, ein Mittelbauer, drei Großbauern und 25 Landarbeiter.

Schweinepest

In verschiedenen Kreisen des Bezirkes Halle wurde die Schweinepest festgestellt. Im Betriebsgut der Filmfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, mussten 82 Schweine notgeschlachtet werden. Bei einem werktätigen Bauern in Ballenstedt, [Kreis] Quedlinburg, 27 Schweine, bei einem Großbauern in Kleinzerbst, [Kreis] Wittenberg, 81 Schweine und bei einem Kleinbauern in Wittenberg 21 Schweine.

Im VEAB-Mästerei Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde ebenfalls die Schweinepest festgestellt.

Bestand: 26 Schweine, verendet ein Schwein und notgeschlachtet 25 Schweine.

Bei dem Schlächtermeister in Schönefeld bei Berlin mussten vor ca. drei Wochen 18 Schweine notgeschlachtet werden, die vom VEG Diepensee angeliefert wurden, weil sie infolge der strengen Kälte, wahrscheinlich sind die Schweine in offenen Ställen untergebracht gewesen, angefroren waren. Die Tiere wurden vom hochliegenden Mist abgerissen, teilweise musste man sie mit heißem Wasser abtauen.

In Schönefeld, dem Nachbardorf, aus dem sich viele Bauern nach dem Westen begeben haben, stehen einige Ställe leer und sind dem Verfall preisgegeben, wogegen man die Tiere in Diepensee nicht warn unterbringen kann.

In der LPG Groß Breesen, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin, wollen zwölf Mitglieder aus der LPG austreten. Sie geben folgenden Grund an: Die LPG habe 98 000 DM Schulden, die Winterfurche ist erst zu 10 % gezogen, für die Pferde ist kein Hafer vorhanden und die Arbeitseinheit45 beträgt nur 4,19 DM. Die Mitglieder erklären, dass der Hauptschuldige der Vorsitzende ist, weswegen die zwölf Mitglieder austreten wollen.

Aus dem Kreis Borna, [Bezirk] Leipzig, wird bekannt, dass in den letzten Tagen eine beträchtliche Zahl Neubauern beim Rat des Kreises erschienen, speziell beim Vorsitzenden vorsprachen, um so schnell wie möglich, unbedingt bis Ende Juni, ihre Neubauernstellen aufgeben wollen. So erschienen in dieser Woche (Bericht vom 1.4.[1955])46 14 Neubauern aus dem Gebiet von Espenhain und gaben an, kein Interesse mehr an der Weiterführung der Wirtschaft zu haben.

Brände

Am 29.3.1955, gegen 1.00 Uhr brach bei einem Mittelbauern in Niedersdorf, [Kreis] Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Scheunenbrand aus.

Die Scheune brannte nieder, die darin befindlichen Futtermittel und Saatkartoffeln, Heu und Stroh wurden vernichtet. Gesamtschaden: ca. 20 000 DM.

Gegen 6.00 Uhr brach bei einem Kleinbauern in Lückersdorf, [Kreis] Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Scheunenbrand aus. Die Futtermittel, Saatkartoffeln, Heu sowie landwirtschaftliche Geräte der VdgB/BHG, welche dort abgestellt waren, wurden vernichtet. Der Kleinbauer ist MTS-Beirat und kommt seinen Verpflichtungen gegenüber unserem Staat nach. Gesamtschaden: ca. 20 000 DM.

In beiden Fällen liegt vorsätzliche Brandstiftung vor. Täter bisher noch nicht ermittelt.

Am 28.3.1955, gegen 17.45 Uhr entstand im VEG Roitz, [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, ein Großbrand. Die Ermittlungen ergaben, dass zwei Mädchen, im Alter von vier bis sechs Jahren einen mit Stroh beladenen Ackerwagen, der in der Scheune des VEG stand, mit Streichhölzern entzündeten. Die massive Scheune brannte vollkommen nieder. Es verbrannten u. a. 80 Schweine, davon 55 Jungsauen, elf Jungrinder, eine Dreschmaschine, eine Strohpresse, eine Beizmaschine, eine Häckselmaschine, vier Ackerwagen, 10 t Stroh, 4,5 t Futterüben und einige Baumaterialien. Bisheriger Schaden ca. 95 000 DM.

Am 28.3.1955 brannte die Scheune eines Kleinbauern in Nau-Garz, [Kreis] Lübz/Schwerin, ab. Gesamtschaden 15 000 DM Brandursache. Elektrisches Heizgerät im Hühnerstallt aufgestellt.

Am 29.3.1955 brannte in der Gemeinde Lantow, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin, das kombinierte Stall- und Scheunengebäude eines Großbauern nieder. Unter anderem verbrannte der Dreschsatz, ein Mähbinder, 80 Zentner Roggen, 80 Zentner Hafer, zehn Fuhren Heu, 20 Zentner Stroh und 150 Zentner Kunstdünger.

Am 26.3.[1955] brannte in Gransee, [Bezirk] Potsdam, die massive Scheune eines Großbauern nieder. In der Scheune befanden sich ein Dreschsatz, eine Strohpresse, ein Elektromotor acht PS, eine Häckselmaschine, ein Pferdebinder, eine Schrotmühle, eine Fuhre Heu, vier Fuhren Roggen, zwei Fuhren Gerste, zwei Fuhren Weizen und eine Fuhre Häckselstroh. Schaden: 15 000 DM. Vermutliche Brandstiftung.

Am 27.3.[1955], 21.00 Uhr, brannte das Gehöft eines Genossenschaftsbauern in Goßmar, [Kreis] Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, aus. Ursache: vermutliche Brandstiftung. Ungefähr 5 m vom Brandherd entfernt wurde eine Schachtel mit Streichhölzern gefunden. Schaden ca. 12 000 DM.

In der Nacht zum 26.3.1955 wurde in Gemeinde Buch, [Kreis] Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, an eine Scheune, die in der Mitte des Dorfes liegt, die Losung – »Freiheit für den deutschen Bauern, nieder mit der LPG« – angebracht.

Am 25.3.1955 wurde der Meisterbauer und LPG-Mitglied Reinhardt,47 wohnhaft in Dahmsdorf, [Kreis] Luckau, [Bezirk] Cottbus, von einem Einwohner aus Dahmsdorf niedergeschlagen. Täter unbekannt.48

Im Februar 1955 wurde von unbekannten Tätern eine ¾ Zoll starke Mutter unter die zum Schroten abgegebene Getreidemenge gemischt, was einen kleinen Sachschaden an der Schrotmaschine verursachte. Dies wurde Anfang März wiederholt durch einen 8 cm langen und 10 mm starken Bolzen.

Die wiederholten Fälle verursachten an der Schrotmaschine, die der LPG gehört, größeren Schaden, sodass die Mahlsteine zu 80 % unbrauchbar wurden.

Bei den Mitgliedern des ÖLB Jänickendorf, [Bezirk] Potsdam, wird darüber diskutiert, dass von den verantwortlichen Stellen, welche westdeutschen Bürgern Wohnung und Arbeit vermitteln, nicht eingehend diese Menschen überprüft werden, sodass in der ÖLB zu verzeichnen war, dass der aus Westdeutschland gekommene Schäfermeister seinen Aufgaben nicht gerecht wurde. In der Zeit seiner bisherigen Tätigkeit hat sich herausgestellt, dass er mehrere Tage hintereinander säuft und sein Vieh verkommen lässt. Bisher sind acht Schafe und 15 Lämmer durch seine Handlungsweise verendet.

In der LPG »Rosa Luxemburg« in Staudten, Saalkreis Halle, wurde der Obermelker festgenommen, da er der LPG einen Schaden von 25 000 DM zugefügt hat. Es wurden ca. 35 Färsen vorgefunden, die völlig unterernährt waren und nicht mehr zur Zucht verwendet werden können. Obwohl genügend Futter zur Verfügung steht, wurde dieses an die Milchkühe verfüttert und selbige direkt gemästet. Der Obermelker war bis 1952 bei einem Großbauern tätig.

Mit dem Absender »Staatliches Rundfunkkomitee – Fernsehzentrum Berlin –« werden an MTS, VEG und andere gefälschte Schreiben gesandt, die die Aufforderung enthalten, Vorbereitungen für eine Reportage über die Frühjahrsbestellung zu treffen.

Einschätzung der Situation

Gegenüber den Vortagen zeigt sich keine wesentliche Veränderung in der Lage. Bei den politischen Gesprächen beschäftigt man sich im Allgemeinen mit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte, wobei oftmals pazifistische Tendenzen zum Ausdruck gebracht werden.

In der Versorgung der Bevölkerung ist eine stetige Verbesserung zu verzeichnen. Diesbezügliche Diskussionen mit oft negativem Inhalt halten weiter an.

In den letzten Tagen ist weiterhin eine verstärkte Verbreitung von Hetzschriften zu verzeichnen.

Anlage 1 vom 2. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2437

Bericht über die Einführung des neuen Dienstplanes bei der Reichsbahn

Über die Einführung des neuen Dienstplanes ab 1.4.195549 treten in nachstehenden Bezirken unter den Beschäftigten der Reichsbahn Unzufriedenheiten auf.

Rostock:

Über die Einführung des neuen Dienstplanes treten beim RB-Werk Rostock negative Diskussionen auf, die von der BGL unterstützt werden. Man versucht zu beweisen, dass sich dadurch der Krankenstand erhöht, die Arbeitsmoral sinkt und die Unfälle zunehmen.

Zum Beispiel sagte ein Kollege vom Bahnhof Warnemünde: »Auf meiner Dienststelle wird der Plan nicht eingeführt, es muss unter allen Umständen etwas dagegen unternommen werden.«

Die BGL des Bahnhofes Rostock-Bramow hat unter dem Vorsitz eines Parteilosen den Dienstplan abgelehnt.

Erfurt:

Auch in diesem Bezirk, besonders in den Kreisen Nordhausen, Mühlhausen, Sondershausen sowie am Güter- und Hauptbahnhof Erfurt, werden negative Diskussionen darüber geführt. In Sondershausen und Straußfurt kam es in Versammlungen zu Zwischenrufen wie z. B.: »… dann werden wir uns eben die Papiere geben lassen.«

Ein Rangiermeister (SED) aus Leinefeld, [Kreis] Worbis, lehnte ebenfalls die Einführung der neuen Schichtarbeit ab und kündigte sogar eine Arbeitsniederlegung an.

Halle:

Die Einführung des einheitlichen Schichtsystems stößt bei den Eisenbahnern auf erbitterten Widerstand.

Die negativen Diskussionen richten sich hauptsächlich gegen die Gewerkschaft.

Zum Beispiel sagte ein Stellwerker vom Bahnhof Eisleben, dass bei dieser Maßnahme nichts von einem Arbeiter-und-Bauern-Staat zu spüren ist.

Auf dem Bahnhof Falkenberg wurden in der Nacht vom 30. zum 31.3.1955 die ausgehängten Schichtpläne zum neuen Schichtsystem abgerissen und verbrannt.

Am Bahnhof Rattis, [Kreis] Gräfenhainichen, wurde ein Waggon – mit Öfen beladen – vom Rangierer fahrlässig behandelt und nicht angekoppelt. Der Zug (nach Wittenberg) fuhr ab und der Waggon blieb stehen, sodass der folgende Zug auf den Waggon auffuhr. Es entstand ein Schaden von 18 000 DM.

Ein Aufsichtshabender vom Bahnhof Weißenfels sagte: »Wenn der neue Plan eingeführt wird, haben wir das Recht zu streiken. Dieser Plan ist die neueste Sabotage an unserer Gesundheit. Scheinbar will man den Krankenstand erhöhen, statt ihn niedrig zu halten.«

So ist anzunehmen, dass sich bei der Ablösung am Sonntag Schwierigkeiten ergeben werden, da von vielen Bahnhöfen Meldungen eingehen, dass die Belegschaftsmitglieder nach den alten Schichtplan ablösen wollen.

Gera:

Unter den Arbeitern und Angestellten der Reichsbahn wird über das neueingeführte Schichtsystem allgemein sehr negativ diskutiert.

Zum Beispiel diskutierten Rangierer vom Bahnhof Gera: »Erst haben wir dafür gekämpft, dass die vierte Nachtschicht wegfällt und jetzt sollen wir sechs Nachtdienste hintereinander machen. Im Winter ist das eine große Härte. Wo bleiben hier die Gesetze der Regierung und die Sorge um den Menschen?«

Schwerin:

In diesem Bezirk ist ebenfalls ein Teil der Eisenbahner mit dem neuen Schichtsystem nicht einverstanden, besonders sind sie gegen den Sonntagsdienst.

Zum Beispiel erklärte ein Zugführer vom Bahnhof Rostock, das man vom Streikrecht Gebrauch machen sollte.

Vom RB Neustrelitz wurde eine Arbeitsunterbrechung von ca. 15 min. gemeldet. Die Ursache war, dass der Dienstvorsteher fristlos entlassen wurde. Dieser hatte den Amtsvorsteher mitgeteilt, dass die Rangierer nicht zum neuen Schichtbeginn kommen werden. Außerdem hatte er den neuen Dienstplan abends am 31.3.1955 bekannt gegeben. Die Arbeit wurde wieder aufgenommen, da für 14.00 Uhr eine Belegschaftsversammlung angesetzt wurde.

Zu heftigen Diskussionen kam es auch im Bahnhof Grabow, [Kreis] Ludwigslust. Dort erklärten ca. 50 % der Kollegen, aus der Partei austreten zu wollen. Die BGL lehnte ebenfalls geschlossen diesen neuen Plan ab. Zu bemerken ist, dass auf dem Bahnhof am 1.4.1955 nach dem alten Plan abgelöst wurde.

Auch die BGL des Bahnhofes Pritzwalk ist gegen diesen neuen Plan. Im RBD-Bezirk Schwerin lehnt ein großer Teil der Angestellten die Einführung ab.

Leipzig:

Auch in diesem Bezirk lehnt der überwiegende Teil der Eisenbahner den neuen Plan ab.

Zum Beispiel erklärte eine Arbeiterin vom Bahnhof Meuselwitz, dass sie bei Einführung des neuen Schichtsystems kündigen wolle. Offene Feindtätigkeit trat in Engelsdorf auf, wo dem Amtsvorsteher mit ähnlichen Aktionen wie am 17. Juni gedroht wurde.

Frankfurt/Oder:

In diesem Bezirk werden Diskussionen geführt, wie z. B., dass dieser Plan die festgelegten Richtlinien der Wettbewerbe beeinflussen und auch die Brigaden auseinanderreißen würden. Anstatt mit den Kollegen diesen Plan eingehend durchzusprechen und ihre Vorschläge zu berücksichtigen, würde er diktatorisch von oben festgelegt.

Suhl:

In diesem Bezirk haben die administrativen Maßnahmen zur Durchführung der Anordnung der Reichsbahn über die Umstellung im Dienstablauf in den Städten Suhl, Zella-Mehlis, Oberhof sowie weiteren Orten zu starken Auseinandersetzungen geführt. Einige Arbeiter erklärten ihre Kündigung, aufgrund dieser Umstellung des Dienstabschlusses und wegen der schlechten Zugverbindung. Sie erklären, dass sie dadurch mitunter vier bis sechs Stunden auf den Bahnhöfen sitzen würden, bis sie in ihre Heimatorte fahren könnten.

In Zeulenroda auf dem oberen und unteren Bahnhof wird von den Kollegen der neue Plan grundsätzlich abgelehnt.

Der diensthabende Kollege dieses Bahnhofes erklärte, dass auf der Konferenz in Reichenbach, wo diese neue Anweisung an Bahnhofsleitern unterbreitet wurde, keine Diskussion zugelassen worden sei. Am 1.4.1955 wurde auf dem Güterbahnhof Saalfeld – Bezirk 2 – an zwei Stellen folgende Losung festgestellt: »Wir alle behalten den alten Dienstplan und [ein Wort nicht lesbar] den neuen.«

Cottbus:

Die Kollegen in der Stadt Cottbus sind mit der Einführung eines einheitlichen Dienstplanes einverstanden, lehnen den vorgeschlagenen neuen ab, da 30 der Beschäftigten in den Kreisgebieten um Cottbus wohnen und keine Möglichkeit haben, öffentliche Verkehrsmittel zum Schichtbeginn zu benutzen. Die Kollegen sind der Meinung, dass die Einführung neuer Dienstzeiten auch die Voraussetzungen [Worte nicht lesbar] Sie wollen auch weiterhin ihren Dienst wie immer antreten und wenn es der Dienststelle nicht gefalle, sollte man sie entlassen.

In Versammlungen und Produktionsberatungen bringen die Kollegen zum Ausdruck, dass viel weniger entscheidende Maßnahmen des Ministeriums diskutiert würden, während in diesem Fall diktatorisch vorgegangen würde.

Ein Mitglied der BGL in Guben sagte: »Wenn die Gewerkschaften diesem Dienstplan zustimmen, werfen alle Kollegen ihre Mitgliedsbücher hin und bezahlen keinen Beitrag mehr.«

Diesen Diskussionen stimmten mehrere Kollegen zu.

Weiterhin wird zum Ausdruck gebracht, dass die Anordnung mit dem Gesetz der Arbeit50 unvereinbar sei, und der neue Dienstplan nicht unterschrieben und damit nicht rechtskräftig sei.

Magdeburg:

In verschiedenen Reichsbahnobjekten wie Oebisfelde, [Kreis] Haldensleben, Wernigerode, Magdeburg und Halberstadt sowie Stendal und Schönebeck werden negative Diskussionen betreffs des einheitlichen Schichtbeginns geführt. Vor allem wird über die Schichtablösung an Sonntagen um 10.00 Uhr und 22.00 Uhr gesprochen. In den Diskussionen auf dem Bahnhof Halberstadt kommt zum Ausdruck, dass der Schichtbeginn gegen den Willen der Kollegen verändert wurde und dass sie am Sonntagvormittag (3.4.1955) die Arbeit niederlegen wollen. Dabei tritt besonders eine Rangierbrigade negativ in Erscheinung.

In einer anderen Brigade werden Gespräche geführt, dass sie um [Zahl nicht lesbar] 00 Uhr ablösen oder gar nicht kommen sowie ihre Papiere verlangen. Die ablehnenden Diskussionen zum neuen Schichtdienst verlaufen meistens so, dass es den Kollegen jetzt nicht mehr möglich sei, sofort nach Schichtende nach Hause zu fahren, da die Züge anders eingesetzt sind.

Der Dienstvorsteher des Bahnhofes Magdeburg-Buckau forderte in der Dienstanweisung zum neuen Schichtbeginn die Kollegen zu einer Stellungnahme auf. In zwei Fällen wurde darauf ablehnend geantwortet, unterzeichnet mit 22 Unterschriften.

Gleichzeitig wurde daraufhin auf diesem Bahnhof eine Resolution verfasst – unterschrieben von zwölf Kollegen – worin sich ebenfalls eine ablehnende Haltung ausdrückte.

Auch auf dem Bahnhof Schönebeck wurde eine Resolution verfasst, welche bis zum 1.4.[1955] – mittags – von 40 Personen unterschrieben war. Organisator war der BGL-Vorsitzende.

Es ist überhaupt zu verzeichnen, dass ein großer Teil der BGL den einheitlichen Schichtbeginn ablehnt.

Auf dem Bahnhof Roßlau wurde am 31.3.1955, 13.30 Uhr, eine Protestversammlung gegen den einheitlichen Schichtbeginn mit ca. 150 Eisenbahnern durchgeführt. Der Politleiter war nicht in der Lage, die Kollegen zu überzeugen. Als er von der Arbeiter-und-Bauern-Macht sprach, gab es lautes Gemurmel. Der Hauptredner gegen den einheitlichen Schichtdienst war ein Rangierleiter, der am 17.6.1953 als Rädelsführer in Erscheinung getreten ist.

Ein Eisenbahner des Bahnhofes Aschersleben äußerte: »Wir hatten schon einmal [eine] solche ähnliche Situation am 17. Juni 1953. Aber damals waren die Eisenbahner regierungstreu. Die jetzige Stimmung muss unbedingt beachtet werden.«

Dresden:

Die meisten Arbeiter und Angestellten – einschließlich der BGL – von der Güterabfertigung in Schandau und Krippen sind mit dem neuen Dienstplan nicht einverstanden.

Es wird bemängelt, dass die örtlichen Bedingungen nicht berücksichtigt würden, da z. B. die Kollegen, welche in Schandau arbeiten und außerhalb wohnen, sogar zweimal nach Bad Schandau müssten. Außerdem seien die nötigen Verkehrsverbindungen nicht vorhanden.

Es wird die unmögliche Handlungsweise der obersten Stellen beanstandet, da man erst acht Tage vor Einführung den neuen Dienstplan bekannt gab. Es ist notwendig, dass vorher über die Einführung gesprochen wird. Dies ist auch ein wesentlicher Grund, worüber die Kollegen diskutieren. Nach dem neuen Plan sind manche auswärts wohnende Kollegen dauernd unterwegs oder im Dienst, sodass ihnen kaum Freizeit bleibt. Die Kollegen der Güterabfertigung sagten z. B., dass für sie der neue Plan aus gesundheitlichen Gründen nicht infrage käme. Ein Kollege der Betriebsüberwachung von Bad Schandau sagte am 29.3.[1955]: »Wenn der neue Dienstplan in Kraft tritt, werden ca. zehn Rangierer kündigen. Fast alle Kollegen, die Schichtdienst auf dem Bahnhof durchführen, sind gegen den neuen Plan. Für die schlechte Bezahlung sei das kein Verhältnis, wenn man die Freizeit beschneidet.«

Im RBA Zittau werden ebenfalls negative Diskussionen über diesen neuen Plan geführt.

Karl-Marx-Stadt:

Wie aus mehreren Objekten der Reichsbahn innerhalb dieses Bezirkes bekannt wird, ist unter den beschäftigten Kollegen vielfach eine negative Stimmung über die Einführung des neuen Dienstplanes zu verzeichnen.

So erklärte man z. B., dass nur noch diktiert und die Arbeiter überhaupt nicht gefragt würden. In diesem Zusammenhang spricht man auch davon, dass der FDGB keine Arbeitervertretung sei.

Durch die Änderung der Ablösezeiten sind vor allem die auswärtigen Kollegen längere Zeit unterwegs, da sie die Anschlusszüge nicht mehr erreichen.

So haben sich z. B. die Kollegen von Plauen ausgerechnet, dass sie bei der Frühschicht 14 Stunden, bei der Mittagsschicht 16 Stunden, bei der Nachmittagsschicht 15 Stunden, sonnabends 18 Stunden und sonntags 20 Stunden unterwegs sind.

Sie erklären, dass dies nichts mehr mit der Sorge um den Menschen zu tun habe und dass man da lieber das Arbeitsverhältnis kündigen will, um noch etwas von der Familie zu haben. Vor allem werden die Ablösezeiten von Sonnabend und Sonntag nicht verstanden. Die Arbeitszeit liegt an diesen beiden Tagen wie folgt:

  • Sonnabends 22.00 Uhr bis Sonntag 10.00 Uhr

  • Sonntag 10.00 Uhr bis 23.00 Uhr

Die Kollegen sind der Meinung, dass die Ablösezeiten wie folgt sein müssten:

  • Sonnabends 22.00 Uhr bis 6.00 Uhr

  • Sonntag 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr

  • Sonntag 19.00 Uhr bis Montag 6.00 Uhr

Dies würde eine wesentliche Erleichterung bedeuten und die Zeiten würden günstiger liegen.

Unter anderem sagte ein Rangierarbeiter vom Bahnhof Hilbersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Ablösung um 6.00 Uhr ist großer Mist, und wenn ihr so weiter macht, dann kommt der 17. Juni bald wieder.«

Ein Weichenwärter vom Bahnhof Zwickau erklärte: »Wenn der neue Dienstplan so zur Durchführung gelangt, wie er vorgesehen ist, dann wollen bei mir 20 Mann die Arbeiten niederlegen.«

Ein Kollege von der Aufsicht auf der Hochanlage Zwickau äußerte: »Die Eisenbahner von Dresden und Karl-Marx-Stadt haben gedroht, nach Einführung des neuen Dienstplanes die Arbeit niederzulegen. Ich und meine Kollegen sind ebenfalls gegen den neuen Dienstplan.«

Anlage 2 vom 31. März 1955 zum Informationsdienst Nr. 2437

Auswertung der Westsendungen

Der überwiegende Teil der vielseitigen Hetze dieser Sender, besonders des RIAS, richtet sich gegenwärtig gegen die Beschlüsse zur Steigerung der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion. Mit dem bekannten Versuch, die Wirtschaft zu desorganisieren und Unzufriedenheit zu stiften, wird verbreitet, dass die Steigerung der Produktion auf Kosten der erhöhten Arbeitsleistung und Senkung der Löhne gehe. Gleichzeitig wird behauptet, dass damit eine raffinierte Normenerhöhung beabsichtigt sei.

In diesem Zusammenhang hetzt RIAS, dass das Ministerium für Verkehr die Reparaturpreise für Lokomotiven im Jahre 1955 erheblich herabgesetzt habe,51 um die Betriebsleitungen zur Erhöhung der Arbeitsproduktion zu zwingen. Dadurch hätten die RAW im Januar des Jahres 1955 bereits mit hohen Defiziten abgeschlossen, wie z. B. RAW Zwickau mit 80 000 DM und RAW »Wilhelm Pieck« Karl-Marx-Stadt mit 100 000 DM. Um die vorgeschriebenen Reparaturkosten einzuhalten, seien die Betriebsleitungen gezwungen, die Arbeitsleistungen zu erhöhen und die Löhne zu senken. Die neue Dienstordnung DV 11652 zur Einführung technisch begründeter Normen53 bedeute laut RIAS eine Normerhöhung um 7 %. Die Arbeitstagselbstaufnahmen werden als eine raffinierte Methode bezeichnet, wodurch die Arbeiter den Beweis für die Normenerhöhung selber schriftlich bringen sollen. Mit dem Hinweis, dass diese Arbeitstagselbstaufnahmen außerordentlich wichtig für die Höhe der Normen sind, fordert RIAS die Arbeiter auf, »bei der Abfassung dieser Formulare gründlich zu sein und keinen Anlass zu verschweigen, der zu Zeitverlusten führt«. Sie sollen »nicht nur die großen, sondern auch die kleinen und kleinsten Zeitverluste eintragen, die sich durch fehlendes oder mangelhaftes Werkzeug, durch ungenügende Beleuchtung und dergleichen mehr« ergäben.

Zur Beunruhigung der Bauern und mit der Absicht, diesen Beschluss zu sabotieren, hetzt RIAS gegen den Beschluss des Ministerrates zur Steigerung der tierischen und pflanzlichen Produktion. Er versucht diese Anordnung als undurchführbar und die Anwendung der Neuerermethoden als lächerlich hinzustellen, da angeblich die Voraussetzungen dazu fehlten. Gleichzeitig versucht RIAS die Bauern aufzuhetzen, dass dieser Beschluss ein glatter Vertrauensbruch sei, weil die Anbaupläne nach Anweisung der Regierung bereits fertiggestellt und genehmigt worden wären.

Des Weiteren hetzt er, dass der zusätzliche Anbau von 50 000 ha Sommergetreide auf Kosten des Futterhülsenanbaues54 ginge und die ohnehin schmale Futterbasis noch mehr verenge.

An anderer Stelle hetzt RIAS gegen die Sollablieferungen und gegen die LPG. Hierbei versucht er den Bauern aufzuzeigen, dass der Saatgut- und Futtermittelmangel auf die »Rücksichtslosigkeit« der Erfassungsorgane zurückzuführen sei, »die den Bauern das Saatgut und Futter eintreiben«. Auch müssten sie höhere Preise für schlechteres Saat- und Pflanzgut zahlen, als sie für das erhalten haben, was sie abliefern mussten. Den LPG dagegen würde das Saatgut belassen, obwohl ihr Ablieferungssoll bedeutend niedriger sei usw. Am Schluss fordert RIAS die Bauern auf, die Funktionäre in den Versammlungen nachdrücklich auf diese Mängel hinzuweisen, auch dann, »wenn sie es schon hundert Mal getan haben«.

Zur Desorganisation des Getreideanbaues versucht RIAS, die Bauern wie folgt zu beeinflussen: »… Selbst dann, wenn die Bestände durch Auswinterung etwas gelitten haben, so handelt man bei dem Saatgutmangel in der Zone besser, diese Flächen nicht umzubrechen, sondern stehen zu lassen, denn ein Ersatz für dieses hochwertige Grünfutter kann so schnell nicht herbeigeschafft werden.«

Ferner hetzt RIAS gegen die MTS, dass wegen Ersatzteilmangel ein Teil der Traktoren nicht repariert werden konnte. Deswegen könnten z. B. im Kreis Eisleben von 125 Traktoren nur 58 eingesetzt werden. Mit diesen könnten allenfalls nur die Verträge der LPG erfüllt werden, aber auch nur dann, wenn in drei Schichten gefahren würde. Die mit den Einzelbauern abgeschlossenen Verträge könnten nicht berücksichtigt werden.

Des Weiteren hetzt dieser Sender gegen die MTS-Tarife55 für Mittel- und Großbauern, dass sie immer noch viel zu hoch für sie seien. Er fordert die Bauern auf, in den Versammlungen für eine Korrektur dieser Tarife einzutreten.

Anlage 3 vom 1. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2437

Ergänzung zum Informationsbericht vom 25.3.1955, Seite 8

Ölbrand der 50 MW-Turbine im Großkraftwerk Hirschfelde am 23.3.1955 – 8.30 Uhr –56

Am 23.3.1955, 8.30 Uhr brach im oben genannten Kraftwerk bei Anfahren der neuen 50 MW-Turbine (die erste in der DDR) durch Lösen einer Verbindung in der Öldrucksteuerleistung für den Schnellschluss ein Ölbrand aus.

Sachschaden

Der Sachschaden der havarierten Turbine wird mit 200 000 DM geschätzt, vorausgesetzt, dass die Turbinenwelle keinen Schaden genommen hat. Ist dies der Fall, so erhöht sich der Schaden auf 500 000 bis 600 000 DM. Außerdem Ausbau der beschädigten Turbinen-Halle: ca. 160 000 DM.

Durch den Ausfall der drei Turbinen für 20 Stunden mit 60 MW 324 000 DM Schaden.

Instandsetzungsdauer dieser Maschine bei Nichtbeschädigung der Welle dauert ca. drei Monate.

Anlage 4 vom 1. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2437

Hinweise der Westsender auf einen neuen 17. Juni

RIAS treibt eine umfangreiche Propaganda, die mehrere Hinweise auf einen neuen 17. Juni enthält. Dabei geschieht dies nicht mit offenen Aufforderungen, sondern mit versteckten Hinweisen, wobei als Grundlage oftmals die gegenwärtige Versorgungslage und die Maßnahmen zur Durchführung der Beschlüsse des 21. Plenums genommen werden. Bei der Versorgung wird am meisten argumentiert, dass »es mit dem neuen Kurs zu Ende« sei.

In einer Sendung zitiert RIAS aus dem Buch »Der Aufstand«57 von Stefan Brandt58 (Steinrübenverlag Stuttgart), um den Arbeitern der DDR die Möglichkeit und Begründung für die Wiederholung eines 17. Juni aufzuzeigen, wie folgt: »Nicht, dass der Aufstand misslang, ist erstaunlich, sondern dass er überhaupt möglich war«. Nach weiterer Hetze und Beschreibung einiger Vorkommnisse am 17. Juni 1953 gibt der RIAS dann als Anleitung, wie es hätte besser gemacht werden können, folgenden Hinweis aus der Hetzbroschüre: »… Die Arbeiter bemächtigten sich nicht, wie Berufsrevolutionäre das getan hätten, der Kommunikationszentren. Sie besetzten nicht das Funkhaus und die Zeitungsredaktionen, sie stürmten nicht die Waffendepots. In dieser Tatsache ist schon von vornherein die Antwort, warum er (der Aufstand) scheitern musste.«

Im Zusammenhang mit der Versorgungslage hetzt der Sender »Freies Berlin«:59 »… Welche Gründe die angespannte Ernährungslage in Mitteldeutschland auch haben mag, jedenfalls ist die Krise da und es ist nicht abzusehen, wie lange sie sich hinziehen und welches Maß sie noch annehmen kann. Eine gewisse Milderung könnte das Regime durch Rückgriffe auf die sogenannte Staatsreserve selbst herbeiführen, wie es in den Tagen nach dem Juniaufstand von 1953 schon einmal gewesen ist …«

Der Londoner Rundfunk60 hetzt in deutscher Sprache mit Zitaten aus angeblichen Hörerbriefen61 von Kumpel aus der DDR: »… Sorgt, dass eurer Küchenfraß besser wird, den man auch wieder essen kann. Ihr habt wohl den 17. Juni vergessen.«

Über das Ziel seiner Hetze zur Landwirtschaft in der DDR sagt RIAS: »… Unser Ziel war und ist, soviel wie möglich unabhängige Bauern existenzfähig zu erhalten und damit zugleich eine ausreichende Ernährung für die Zonenbevölkerung zu erreichen. Die Kolchosen62 können das Volk nicht ernähren. Jeder Gedanke an Sabotage liegt uns fern. Denn wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben und wir werden sie nicht aufgeben, dass die 18 Millionen, zu denen wir sprechen, eines Tages wieder zu uns gehören werden.«

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    Informationsdienst Nr. 2438 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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