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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

6. April 1955
Informationsdienst Nr. 2438 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Weiterhin nehmen die Diskussionen über politische Tagesfragen einen verhältnismäßig geringen Raum ein. Vorwiegend wird über die politische Lage gesprochen, die sich durch die Ratifizierung der Pariser Verträge ergeben hat.1 Dabei spielen die Verteidigungsmaßnahmen, die sich für die DDR notwendig machen, eine vorrangige Rolle.2

Aus den Gesprächen, die vorwiegend von Arbeitern, weniger von Angestellten und nur vereinzelt von Intelligenzlern geführt werden, geht immer wieder die Verabscheuung eines neuen Krieges hervor.

Es fehlt aber bei einem großen Teil die Erkenntnis, dass die Haltung der Kriegstreiber uns zu Gegenmaßnahmen zwingt und dass diese Situation die Bereitschaft des Einzelnen zur Verteidigung unserer Errungenschaften erforderlich macht.

Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, wie klassenbewusste Arbeiter sich bereit erklären, wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand unsere Errungenschaften zu verteidigen.3 Die Meinung eines Arbeiters (parteilos) aus der Maxhütte4 ist:

»Wir wollen mal sehen, wie viele stehen, wenn es hart auf hart geht. Ich jedenfalls bin bereit, die Maxhütte zu verteidigen.«

Zwei parteilose Kollegen aus der Hochofenabteilung des gleichen Betriebes erklärten: »Wir sehen die Notwendigkeit ein, im Ernstfall das zu verteidigen, was wir geschaffen haben. Drüben in Westdeutschland übt man auf die Jugendlichen einen Zwang aus und bei uns geschieht dies auf freiwilliger Basis und das ist richtig.«

Beide Kollegen traten in die Kampfgruppe5 ein.

Ein Kollege (parteilos) aus dem Mansfeld Kombinat »Wilhelm-Pieck« in Eisleben sagte: »Es müsste jeder Arbeiter einsehen, dass wir jederzeit zur Verteidigung unserer Errungenschaften bereit sein müssen.«

Die anderen Kollegen der Abteilung stimmten ihm zu.

Im Motorenwerk Wurzen verpflichteten sich 19 Kollegen, mit der Waffe in der Hand ihren Arbeitsplatz zu schützen.

Neun Arbeiter der Zentralwerkstatt des VEB Tonwerke Brandis, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, brachten zum Ausdruck, dass sie sich durch die Durchführung der Pariser Verträge verpflichtet sehen, am Schießzirkel der GST teilzunehmen, um den Bonner Machthabern zu beweisen, dass unsere Arbeiter hinter der Regierung stehen.

Nicht zu unterschätzen sind aber die pazifistischen Tendenzen, auch unter einem Teil der Genossen sowie die ablehnende Haltung vieler gegenüber dem Eintritt in die KVP, die Kampfgruppen sowie die Mitarbeit in der GST.6

Wenn bei der KVP-Werbung die Jugendlichen angesprochen werden, so kommen viele mit dem Argument, dass sie nicht bereit sind, freiwillig zu gehen, aber wenn sie zum Wehrdienst eingezogen werden, werden sie sich nicht weigern. Auch Genossen kommen vielfach mit Ausflüchten und zeigen mitunter wenig Bereitschaft. Vorherrschend bei den pazifistischen Ansichten ist weiterhin das Argument, »nie wieder ein Gewehr in die Hand zu nehmen«. Es zeigt sich immer wieder, dass in der Frage Nationaler Streitkräfte große Unklarheiten bestehen und dass es oft heißt »Gewehr ist Gewehr« und »es gibt keinen Unterscheid, für wen man kämpft, tot ist tot«. Es muss betont werden, dass die ablehnende Haltung eines Teiles der Werktätigen nicht auf einer feindlichen Einstellung gegenüber unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat beruht,7 sondern es ist meist auf die Ablehnung eines Krieges im Allgemeinen und auf Ablehnen des Soldat-Seins zurückzuführen. Dies zeigt sich auch darin, dass direkt negative Äußerungen im Zusammenhang mit dieser Frage nur vereinzelt sind.8

In einer Jugendversammlung im Bau C 44 des Buna-Werkes erklärten die Jugendlichen, dass sie bereit sind, unsere Errungenschaften zu verteidigen, aber nicht freiwillig zur KVP zu gehen. Was anderes wäre es dann, wenn ein Gesetz beschlossen würde und verschiedene Jahrgänge dann eingezogen würden. Sie erklärten sich auch bereit, am Schießzirkel der GST teilzunehmen.

Diese Ansicht vertritt auch ein Teil der Jugendlichen im Eilenburger Celluloid-Werk, im VEB Kirow-Werk Leipzig,9 im VEB Glashütte Torgau, [Bezirk] Leipzig, im VEB Keramische-Werke in Hermsdorf, [Bezirk] Gera.

Acht Angehörige einer Jugendbrigade des Sodawerkes »Fred Oelßner« Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, gaben am 1.4.1955 bei der Zentralen FDJ-Leitung des Betriebes ihre Mitgliedsbücher ab, da sie nicht für die KVP geworben werden wollen.

Im VEB Steingut Colditz, [Bezirk] Leipzig, wurde mit 39 Jugendlichen eine Aussprache geführt, um sie für die vormilitärische Ausbildung bei der GST zu gewinnen. Es erklärten sich nur zehn dazu bereit.

Am 29.3.[1955] wurde im VEB Verpackungsmittelwerk Bernsbach, [Kreis] Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bei Annahme des BKV10 der darin enthaltene Satz »wir verpflichten uns, die Errungenschaften in der DDR zu schützen und den Aufbau der Nationalen Streitkräfte zu unterstützen« mit 26 gegen 13 Stimmen abgelehnt.

Im VEB-Feinmess in Suhl11 wurde aufgrund der Ratifizierung der Pariser Verträge eine Resolution ausgearbeitet, in der sofortige Gegenmaßnahmen von unserer Regierung gefordert wurden. Von einigen Kollegen wurde dazu die Unterschrift verweigert.

Im VEB Werkzeug-Union Steinbach-Hallenberg, [Bezirk] Suhl, steht ein großer Teil der Belegschaft den Verteidigungsmaßnahmen passiv, zum Teil sogar negativ gegenüber.

Vereinzelt lehnen es Genossen ab, der Kampfgruppe beizutreten.

Zum Beispiel sagte ein Genosse: »Wenn ich gezwungen werde, der Kampfgruppe beizutreten, lege ich das Parteibuch auf den Tisch.«

Im VEB Universalwerk Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wurden besonders von einem Teil der Genossen ablehnende Diskussionen bezüglich der Verstärkung der Kampfgruppen geführt. So äußerte z. B. ein Genosse: »Ich habe mit meinen 280 DM nichts zu verlieren. Anders ist es bei denjenigen, die 800 DM verdienen. Ich gehe nicht in die Kampfgruppe.«

In einer Versammlung des VEB Fortschrittwerkes in Stolpen,12 [Bezirk] Dresden, sagten vier Genossen, dass sie kein Gewehr wieder in die Hand nehmen wollen.

Auch im Stahlwerk Gröditz und im VEB Bau in Brandenburg wurde unter den Genossen ablehnend über den Beitritt in die Kampfgruppen gesprochen.

Die Diskussionen über die Versorgungslage haben nachgelassen, verlaufen aber weiterhin in der Mehrzahl negativ. Die Unzufriedenheit besteht besonders über die Verknappung verschiedener HO-Lebensmittel13 wie Zucker14 und andere Fettigkeiten sowie über veränderte Qualität des Brotes.15 Dabei kommt es immer wieder zu Äußerungen wie z. B. »das ist nun der versprochene Lebensstandard 1955«16 oder »es wurden Reserven geschaffen, weil bestimmt ein Krieg bevorsteht« und es müsse erst ein 17. Juni17 kommen, damit sich die Versorgungslagewieder bessere. Die feindlichen Elemente sprechen davon, dass ein 17. Juni unmittelbar bevorstände und dass es dann anders komme als am 17. Juni 1953.

Der BPO-Sekretär in der Zuckerraffinerie Eisleben, [Bezirk] Magdeburg, sagte: »Meine Kollegen wollen von der Partei nichts wissen und sie sagten, wenn es wieder zu einem 17. Juni kommt, kann die Regierung nicht sagen, sie habe einen Fehler gemacht, weil sie laufend welche begeht.«

Unter den Arbeitern des Ernst-Thälmann-Werkes18 in Lübtheen,19 [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, besteht eine schlechte Stimmung über die Versorgungslage.

Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter: »Diese Anzeichen waren vor dem 17. Juni 1953 auch da. Danach war dann mit einem Schlag wieder alles vorhanden. Jetzt müsste auch wieder einmal gestreikt werden, damit eine Besserung eintritt.«

Eine Arbeiterin aus dem VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt: »Bei uns in der Schreibmaschinenabteilung sind sich alle Kollegen darüber einig, dass sie in den Streik treten, wenn sich die Versorgungslage nicht bessert. Die Arbeiter sind nicht mehr so dumm und glauben alles. Der nächste Streik wird bestimmt besser organisiert. Wenn ein neuer 17. Juni kommt, wird viel Blut fließen.«

Ein Parteiloser vom Fischkombinat Saßnitz äußerte: »Die Versorgungslage hängt mit dem 17. Juni zusammen und wenn es wieder soweit ist, wird dies für die SED-Mitglieder schwere Folgen haben.«

Zum anderen befassen sich die Arbeiter in den Gesprächen immer wieder mit betrieblichen Problemen wie z. B. mit der Rentabilität, der Arbeitsorganisation, dem Materialmangel und anderen Unzulänglichkeiten. Sie sind darüber unzufrieden und bringen zum Ausdruck, dass solche Mängel nicht zu sein brauchten und in den meisten Fällen abzustellen gingen.

Zum Beispiel sagte ein Kumpel des VEB Kalikombinats »Ernst Thälmann« Suhl: »Ein Jahr haben wir keine Ventile für Schieber erhalten. Alles müssen wir uns mühsam aus Schrotthaufen suchen. Ist das Arbeitsproduktivität?«

In der Technologie der Halle II des VEB Waggonbau Gotha, [Bezirk] Erfurt, wurden Diskussionen geführt, dass der Betrieb nicht rentabel arbeiten könne, weil zu viel Arbeitskräfte unnötig im Betrieb beschäftigt werden.

Ein Teil der Kollegen des Karl-Liebknecht-Werkes Magdeburg20 sind ungehalten über die schlechte Arbeitsorganisation und zeitweilige Nicht-Auslastung der Arbeitskräfte. Es wird die Meinung vertreten: »Als wir noch SAG-Betrieb waren, hatten wir immer genug Arbeit, aber seitdem die Russen weg sind, klappt es nicht mehr.«21

Ein Schiffsbaubrigadier (parteilos) von der Peenewerft Wolgast sagte: »Was nützt es, wenn sich die Arbeiter viel Mühe geben mit ihrer Arbeit und sich schinden von früh bis spät und die leitenden Kader unfähig sind. Es kommt dadurch immer wieder vor, dass die Arbeitsorganisation nicht klappt und dadurch wird die Rentabilität nicht gesteigert.«

Im VEB Stahlgabelwerk in Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurde wegen Materialmangel seit dem 25.3.1955 insgesamt 39 Personen nach Hause geschickt. Die Zahl der Kollegen, die nicht beschäftigt werden können, steigt weiterhin an und es muss damit gerechnet werden, dass in den nächsten Tagen die Härterei, Walzerei und Schweißerei stillgelegt werden müssen.

Der Betriebsleitung ist es seit November 1954 bekannt, dass das benötigte Material für das I. Quartal 1955 erst am Ende des Quartals geliefert werden kann. Der Betriebsleiter erhob im Februar bei den zuständigen Ministerien dagegen Einspruch. Ihm wurde zugesichert, dass der Betrieb 30 t Rundstahl aus dem DDR Aufkommen geliefert bekommt. Davon wurden aber erst 12 t geliefert. Die restlichen 18 t können vorerst wegen fehlenden Rohmaterials vom Walzwerk Kirchmöser nicht bereitgestellt werden. Darüber werden unter den Beschäftigten Diskussionen geführt wie z. B.: »dass sie dies nicht verstehen können, wo doch das letzte Jahr das erfolgreichste des Fünfjahrplanes22 sein soll. So etwas dürfte in der DDR nicht mehr vorkommen.«

Im Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, treten Schwierigkeiten in der Montage auf, weil die Belieferung mit Getriebe- und Walzlager nicht termingemäß erfolgt.

In der Westthüringer Kammgarnspinnerei Mühlhausen, [Bezirk] Erfurt, mussten wegen Rohstoffmangel die Abteilungen Färberei und Plätterei stillgelegt werden. Die Beschäftigten der anderen Abteilungen diskutieren daraufhin, »werden wir morgen noch Arbeit haben«.

Im VEB Wärmegerätewerk Dresden, Werk II Königsbrück fehlen 62 t Bleche. Dadurch wurde der Plan im I. Quartal 1955 nur mit 85 % erfüllt und wenn keine Änderung eintritt, ist die Planerfüllung auch im II. Quartal gefährdet.

Der VEB Handschuhfabrik Gruna, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, konnte aufgrund ungenügender Materialbereitstellung den termingemäßen Lieferungen nicht nachkommen. Aus dem Grunde wurde der Auftrag von ca. 20 000 Paar Handschuhe annulliert.

Durch eine Produktionsumstellung (Herstellung von feinerem Gewebe) im VEB Buntweberei und Färberei Neugersdorf, [Bezirk] Dresden, kann in der eigenen Spinnerei das Schussmaterial nicht mehr hergestellt werden.

Dadurch, dass die Rauherei nicht mehr voll ausgelastet ist, sind die davon betroffenen Facharbeiter verärgert.

Der VEB »Perfecta« Bautzen,23 [Bezirk] Dresden, erhielt von der Deutschen-Warenvertriebs-Gesellschaft einen vertraglich gebundenen Auftrag über 90 Papiermaschinen für 1955. Am 30.3.1955 erhielt der Betrieb von dort die Anweisung, den Auftrag auf 30 Stück zu senken. Da bereits 40 Stück gefertigt sind, muss der Betrieb zehn Stück im Werte von ca. 35 000 DM auf Lager nehmen.

Der VEB Feinmechanik Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, ist in seiner Produktionskapazität nicht ausgelastet. Vor allem fehlen Exportaufträge, da die Inlandaufträge nur für ca. fünf Monate ausreichen.

Im VEB Bekleidungswerk Lößnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für ca. 975 000 DM Überplanbestände, darunter für ca. 325 000 DM Fertigwaren. Es handelt sich teils um Erzeugnisse, die auftragslos gefertigt wurden, da im Jahre 1954 eine ungenügende Auftragserteilung vorlag. An Grundstoffen sind Überplanbestände von ca. 650 000 DM auf Lager. Die Ursachen sind Auftragsänderungen und Zwischenaufträge an Uniformen für das MdI.

Im August-Bebel-Werk Zwickau24 ist durch die Kokserzeugung ein großer Anfall von schwefelhaltigem Gas zu verzeichnen. Die Gasanstalt Zwickau verfügt nicht über eine so große Reinigungsanlage, sodass monatlich 220 000 cbm Gas in die Luft abgelassen werden. Dadurch entsteht ein finanzieller Verlust von monatlich 15 000 DM.

Der VEB Gasversorgung Dresden erhielt am 15.11.1954 vom Hauptverwaltungsleiter die Entscheidung vom zuständigen Ministerium mitgeteilt, dass neben der Ferngasleitung Gröditz – Riesa auch die Ferngasleitung Lauchhammer – Schwarzheide bis zum 1.8.1955 gebaut werden muss. Am 1.12.1954 wurde der VEB angewiesen, einen Teil der Investmittel der Leitung Gröditz – Riesa für das andere Projekt zu verwenden. Trotzdem für Letzteres noch keine Unterlagen und Genehmigungen vorliegen, wurde bereits mit dem Bau begonnen, weil sonst der Fertigstellungstermin vom 1.8.1955 nicht eingehalten werden könnte. Es liegen bereits Rechnungen für Bauleistungen und Materialien insgesamt für 220 000 DM vor. Wenn die Finanzierung nicht gesichert ist, müssten die begonnenen Arbeiten wieder eingestellt werden. Dadurch wäre der Termin gefährdet und dies hätte zur Folge, dass die Großkokerei Mátyás Rákosi in Lauchhammer, Synthesewerk Schwarzheide sowie VEB Gasversorgung Dresden ihre Betriebspläne nicht erfüllen können.

Produktionsstörungen

Im VEB Böhlen, [Bezirk] Leipzig, musste in der Zeit vom 2. bis 3.4.1955 der Kessel 15 wegen einem undichten Überhitzer außer Betrieb genommen werden. Produktionsverlust: ca. 10 700 DM.

Am 2.4.1955 ereignete sich im VEB Tagebau Phönix-Mumsdorf, [Bezirk] Leipzig, ein Zugzusammenstoß. Sachschaden: ca. 10 000 DM.

Am 4.4.1955, um 15.15 Uhr, fiel im BKW »Friedenswacht« im Kraftwerk V Cottbus die Turbine aus. Ursache: Verpuffung im Generator. Materialschaden: ca. 80 000 bis 100 000 DM.

Im Betriebswerk I in Rüdersdorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde der Motor eines Greifers unbrauchbar gemacht. Und die Rohmühle II in Rüdersdorf wurde nach einer Reparatur ebenfalls unbrauchbar gemacht.

Am 31.3.1955 wurde ein zehn Tonnen schweres Gussstück im VEB Maschinen- und Apparatebau Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, bei der Umbesetzung in der Großdreherei an der Fräsmaschine zerschlagen. Es wurde von dem betreffenden Dreher kein vorschriftsmäßiges Transportmittel benutzt.

Die Fa. »Labor-Geyer«25 in Ilmenau, [Bezirk] Suhl, erhielt am 1.4.1955 ein gefälschtes Schreiben von dem DIA. Darin wurde mitgeteilt, dass die Exportaufträge für Ägypten einzustellen sind und nur Aufträge nach Polen durchgeführt werden sollen.

Am 1.4.1955 wurde in der Sophienhütte in Ilmenau in einer Toilette eine Hetzlosung gegen unsere Partei und Regierung angeschmiert.

Im VEB Maschinenfabrik Heidenau, [Bezirk] Dresden, stand in einer Toilette die Losung: »Zur KVP ohne uns!«

Im VEB Abusförderanlagenbau Leipzig wurde am 2.4.[1955] in der Männer-Toilette der Stahlbauhalle die Schmiererei »Nie wieder Barras26 (KVP)« festgestellt.

In der Nacht vom 27. zum 28.3.[1955] wurde in der Damentoilette des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg »Heil Hitler« mit Bohnerwachs auf die Fliesen geschmiert. Außerdem wurde in dem gleichen Gebäude ein Bild und eine Losung von der Wandzeitung abgerissen.

Im VEB Porzellanwerk Kahla, [Bezirk] Gera, wurde das Gerücht verbreitet, dass alle Ausweise der männlichen Jugendlichen eingezogen wurden für die Registrierung zur VP.

Von einem Angestellten des Hauptbahnhofes Leipzig wurde verbreitet, dass im Radio die Meldung gekommen sei, dass in den letzten Tagen 8 000 Jugendliche nach Westdeutschland geflüchtet wären, da sie lieber drüben zur Wehrmacht gehen wollten, als bei uns.

Versorgung der Bevölkerung

In den Bezirken ist zum größten Teil wieder ein normaler Einkauf zu verzeichnen. Durch den erhöhten Umsatz, besonders in Mehl, in einzelnen Verkaufsstellen zeigt sich aber, dass hier und dort noch erhöhte Einkäufe in Erscheinung treten.

Da sich die Versorgungslage wieder etwas gebessert hat, treten die negativen Diskussionen nicht mehr in dem umfangreichen Maße auf, wie das in der letzten Zeit der Fall war. Es werden jetzt Stimmen laut, die sagen, dass dem Osterfest nun wieder mit Ruhe entgegengesehen werden kann und dass wir die schlechte Versorgungslage nur denjenigen zu verdanken haben, die sich durch die RIAS-Hetze27 gegen Lebensmittelvorräte hamsterten.

Letztere Meinung taucht jetzt öfters auf, da vor allem an den Randgebieten Berlins die gehamsterten Waren in den Schaufenstern aufgestellt und die Hamsterer, die man bei Kontrollen und anschließenden Hausdurchsuchungen ermittelte, namentlich genannt werden.

Es wird auch verschiedentlich zum Ausdruck gebracht, dass die Regierung immer geholfen hätte und uns in der schwierigen Situation nicht im Stich lassen wird.

Der Inhalt der negativen Diskussionen ist, dass das sogenannte »goldene Jahr 1955« angebrochen sei, dass uns aber nicht den von der Regierung versprochenen Wohlstand, sondern das Jahr 1945 wiedergebracht hätte oder dass unsere Regierung und Wirtschaft am Ende seien.

Feindliche Elemente drohen mit einem neuen 17. Juni, »der mit einem Schlage wieder eine Verbesserung der Lebenslage herbeiführen würde«.

So sagte z. B. ein Fleischermeister aus Lehnin, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam: »Die Lebensmittelkarten reichen nur für 14 Tage und in der HO gibt es nichts. Aber der Brotkorb wird noch höher gehängt, besonders im Sommer, denn es ist ja nichts mehr vorhanden. Im Sommer geht das System der DDR durch einen zweiten 17. Juni zu Grunde.«

Größeren Raum nehmen die Diskussionen über die neue Brotsorte ein.

Zum großen Teil wird sehr negativ darüber diskutiert, weil das Brot angeblich schlecht und ungenießbar sei. Damit im Zusammenhang wird oft geäußert, dass gerade diese Maßnahme beweisen würde, welchen Tiefstand wir in der DDR erreicht hätten, wenn jetzt schon wieder solches Brot gebacken würde.

Durch den jetzt in den landwirtschaftlichen Betrieben aufgetretenen Futtermangel zeigt sich in vielen Gemeinden ein überhöhter Einkauf an Brot durch Bauern, die es eines Teils an das Vieh verfüttern oder selbst essen und dem Vieh das Brotgetreide verfüttert.

Zum Beispiel verfütterte ein Mittelbauer in Großwalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, seit Herbst bis Ende vorigen Jahres fast täglich 15 Brote an seine Schweine. Das Brot wurde von ihm von seiner an die KG verpachtete Bäckerei bezogen. Seit Anfang des Jahres 1955 verfüttert er wöchentlich ca. 20 Brote. Durch ihn wurden ca. 1 000 Brote der Volksernährung entzogen.

Durch das Gerücht über eine Geldentwertung in der DDR ist jetzt vereinzelt ein verstärkter Einkauf an Textilien zu verzeichnen. Es wurde dabei festgestellt, dass vor allem Stoffe und andere Textilien in höheren Preislagen gekauft wurden.

Aus dem Bezirk Magdeburg wird Folgendes berichtet:

Unter den Kollegen der HO-Bezirksverwaltung Magdeburg herrscht eine schlechte Stimmung, weil das Argument aufgebracht wurde, dass bis zum 30.6.1955 die HO-Bezirksverwaltung aufgelöst werde. Auf einer stattgefundenen Parteiversammlung verlangten die Genossen Rechenschaft darüber, was an diesem Gerücht wahr ist.

Auf Anfragen beim Ministerium für Handel und Versorgung konnte bisher noch keine Auskunft erteilt werden.

Die Lage in der Landwirtschaft

Zu den politischen Tagesfragen wird von der Landbevölkerung sehr wenig Stellung genommen, weil jetzt das ganze Augenmerk auf die Frühjahrsaussaat gelegt werden muss.

Die einzelnen bekannt gewordenen Diskussionen befassen sich mit der Ratifizierung der Pariser Verträge und der Regierungserklärung der DDR zur Deutschlandfrage.

Im Allgemeinen wird zum Ausdruck gebracht, dass trotz der Ratifizierung der Pariser Verträge der Kampf gegen diese noch nicht zu Ende ist.

Größeren Raum nehmen die Diskussionen über den Ministerratsbeschluss vom 10. März 195528 ein. Diese Diskussionen sind in der überwiegenden Zahl positiv und sehr oft werden Verpflichtungen zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion aufgrund des Beschlusses eingegangen.

Das zeigt, dass unsere Werktätigen in der Landwirtschaft gewillt sind, die Arbeit zu verbessern. Der Inhalt der Verpflichtungen ist im Wesentlichen, das Soll vorfristig zu erfüllen, die ha-Erträge durch Neuerermethoden29 zu steigern und dem freien Aufkauf Fleisch, Milch und Eier zur Verfügung zu stellen.

Negative Elemente, besonders aus großbäuerlichen Kreisen, diskutieren über den Ministerratsbeschluss negativ. Sie bringen zum Ausdruck, dass sie mit der Einführung von Neuerermethoden nicht einverstanden sind, die Bauern keine Lust mehr hätten, da das einer Ausbeutung gleichkäme, die Bauern alle Lasten tragen müssten und dass zu der Durchführung des Beschlusses die Voraussetzungen wie Futter usw. nicht vorhanden wären.

Zum Beispiel sagte der Bürgermeister aus Grieben, [Kreis] Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, (SED): »Die Verordnung vom 10.3.1955 ist eine Rückentwicklung in der Landwirtschaft. Die Bauern haben jetzt überhaupt keine Lust mehr, zu arbeiten. Sie haben ja auch überhaupt keine Futtergrundlage mehr dazu.«

Verschiedene Großbauern30 der Gemeinde Haßlau, [Kreis] Döbeln, brachten in einer Bauernversammlung über den Ministerratsbeschluss zum Ausdruck, dass dieser neue Beschluss eine automatische Sollerhöhung bedeute.

Auf der MTS in Heusdorf, [Kreis] Apolda, [Bezirk] Erfurt, reichten kurz vor der Frühjahrsbestellung zehn Kollegen ihre Kündigung ein. Sämtliche Kündigungsschreiben sind in ein- und demselben Stil gehalten, was darauf schließen lässt, dass diese Kündigungen organisiert wurden. Unter den Kollegen befinden sich mehrere Traktoristen, die keinen guten Leumund haben.

Von der Brigade, die am 31.3.1955, früh 3.00 Uhr ihren Einsatz zur Frühjahrsbestellung starten sollte, waren nur der Mechaniker und der Nachtwächter zum Einsatz gekommen.

Am 31.3.1955 legten in dem ÖLB Neuendorf, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, die Arbeiter, nachdem sie das Vieh gefüttert hatten, die Arbeit nieder. Der Grund hierfür ist die Nichtauszahlung des Geldes am 30.3.1955.

Schuld daran hat der Buchhalter, der nachlässig arbeitete und das Geld erst am 1.4.[1955] auszahlen wollte. Nach Auszahlung des Geldes nahmen die Arbeiter gegen 14.00 Uhr die Arbeit wieder auf.

Im VEG Treuen, [Kreis] Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind in kurzer Zeit (Bericht 1.4.[1955])31 40 Ferkel verendet. Das Volksgut hat eine Planauflage von 450 Ferkeln, deren Erfüllung infrage gestellt ist, wenn das Ferkelsterben anhält. Als Ursache wurde vom Kreistierarzt und vom Vertragsarzt eine ruhrartige Erkrankung festgestellt.

Im VEG Reuden, [Kreis] Calau, [Bezirk] Cottbus, sind vom 1.2. bis 15.3.[1955] 16 Läufer verendet und 114 wurden notgeschlachtet. In der letzten Hälfte des Monates März verendeten wiederum 20 Schweine und es wurden wieder 756 notgeschlachtet. Am 12.3.1955 wurden die Schweine gegen Rotlauf32 geimpft. Vom VEB wird angenommen, dass die Schweine durch diese Impfungen verendeten.

Am 29.3.1955 wurde unter dem Schweinebestand der LPG »Ellingen«, [Kreis] Prenzlau, bei dem Bestand von 63 Schweinen und die Schweinepest festgestellt. Verendet: vier, notgeschlachtet: 59 Schweine.

Im Bezirk Neubrandenburg ergibt sich folgender Überblick über die Auswirkungen der Schweinepest im März 1955:

  • verendet: 389 Schweine

  • notgeschlachtet: 564 Schweine

  • insgesamt: 953 Schweine

davon verendet in

  • VEG 141 Schweine,

  • ÖLB sieben Schweine,

  • LPG 102 Schweine,

  • VEAB-Mästerei Anklam ein Schwein,

  • MTS ein Schwein,

  • bei Mittelbauern 65 Schweine,

  • bei werktätigen Einzelbauern 72 Schweine,

  • insgesamt 389 Schweine.

notgeschlachtet wurden in

  • VEG,

  • ÖLB 22 Schweine,

  • LPG 285 Schweine,

  • MTS fünf Schweine,

  • VEAB-Mästerei Anklam 25 Schweine,

  • bei Mittelbauern 103 Schweine,

  • werktätigen Einzelbauern 124 Schweine,

  • insgesamt 564 Schweine.

Als Schwerpunkt trat der Kreis Pasewalk im März auf.

Dort verendeten insgesamt 105 Schweine und 198 wurden notgeschlachtet.

Im VEB Könderitz, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, befindet sich eine Melkmaschine Typ 11a, welche drei Monate in Betrieb ist. Diese Maschine ist seit kurzer Zeit ausgefallen, weil die Spitzengummis brechen und beim Saugen nicht mehr funktionieren. Es besteht keine Möglichkeit, neue Gummis zu bekommen. Die Herstellerfirma in Elsterwerda kann keinen Ersatz liefern.

Der Kreistierarzt in Graz, [Kreis] Putbus, [Bezirk] Rostock, erhielt ein gefälschtes Schreiben vom »Zentralen Kontroll-Institut für Veterinär-Impfstoffe«.

Aus dem Schreiben geht hervor, dass bei persönlichem Vorsprechen sofort Medikamente, wie z. B. Seren und Impfstoffe in Empfang genommen werden können.

MTS im Kreis Bernau, [Bezirk] Frankfurt/Oder, erhielten gefälschte Schreiben, in welchen dazu aufgefordert wird, trotz vorhandener Schwierigkeiten die noch nicht reparierten Traktoren einzusetzen und Verträge abzuschließen, die man aufgrund der Schwierigkeiten doch nicht einhalten kann.

Die LPG Altenhof, [Kreis] Röbel, [Bezirk] Neubrandenburg, erhielt einen Hetzbrief gegen die Mitglieder der LPG, der gleichzeitig die Mitglieder des ÖLB auffordert, nicht der LPG beizutreten. Der Brief wurde am gleichen Tage abgegeben, als die Gründungsversammlung stattfand. Sechs Frauen waren mit der Übernahme des ÖLB nicht einverstanden.33

Der geflüchtete34 Leiter des ÖLB der Gemeinde Lentschow, [Bezirk] Neubrandenburg, mischte im Januar 1955 acht Zentner gebeiztes Getreide unter 300 Zentner Futtergetreide. Das Getreide wurde geschrotet und verfüttert und bisher verendeten 40 Ferkel nach der Fütterung. Vom Pflanzenschutzamt wurde die weitere Fütterung mit diesem Getreide durch das Pflanzenschutzamt [sic!] untersagt.

Am 1.4.1955 erhielt die LPG »Erster Mai« in Gahry, [Kreis] Forst, [Bezirk] Cottbus, ein Paket mit weißem Pulver von dem angeblichen Absender »Deutsche Saatgutzentrale – Niederlassung Rangsdorf, Kreis Zossen« zugestellt.

Da der Verwendungszweck des Pulvers nicht angegeben und auch nicht bekannt war, wurden keine weiteren Bestellungen an die Handelszentrale35 gegeben.

Am 2.4.1955 wurden in der Futterkrippe des Viehes einer LPG-Bäuerin der LPG »Glück auf« im Kreis Lübben, [Bezirk] Cottbus, sechs Rasierklingen vorgefunden. – Krankheitserscheinungen traten beim Vieh bisher noch nicht auf.

Am 2.4.1955 entstand im Dachstuhl des Wohnhauses des ÖLB in Mulda, [Kreis] Brand-Erbisdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, vermutlich durch vorsätzliche Brandstiftung ein Brand. Der ÖLB soll in kurzer Zeit in eine LPG umgewandelt werden. Der Leiter des ÖLB lehnte dies ab und ist seit dem 1.4.1955 ortsabwesend. Sachschaden: ca. 3 000 DM.

Einschätzung der Situation

In den politischen Gesprächen treten die mit der Verteidigungsbereitschaft zusammenhängenden Fragen besonders in den Betrieben immer mehr in den Vordergrund. Dabei machen sich die pazifistischen Tendenzen verhältnismäßig stark bemerkbar. Zurzeit ist der größte Teil der Jugendlichen noch nicht bereit, sich freiwillig zum Militärdienst zu verpflichten. Sie gehen nur, wenn sie durch die Militärdienstpflicht dazu gezwungen sind.

Im westlichen Rundfunk steht die Hetze gegen die Sicherungsmaßnahmen besonders im Vordergrund.

Die bei der Reichsbahn Ende voriger Woche festgestellte teilweise Ablehnung der neuen Dienstpläne36 ist im Wesentlichen überwunden worden.

Durch die Verbesserung in der Versorgung ist in den letzten Tagen die Missstimmung zurückgegangen. Hamstereinkäufe werden nur noch wenig festgestellt, obwohl der Gegner weiterhin die Versorgungslage zur Hetze ausnutzt.

Der Ministerratsbeschluss zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion findet auf dem Lande in den MTS, LPG und unter den werktätigen Einzelbauern Verständnis, trotz der Gegenargumente der Feinde.

Große Schwierigkeiten bereitet zurzeit die Überbrückung des Futtermangels bis zur Ernte. Ein beträchtlicher Planverlust an Fleisch, Milch und Butter wird dabei nicht zu vermeiden sein.

Die Abwürfe feindlicher Flugblätter haben weiterhin zugenommen.

Anlage 1 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Auswertung der Westsendungen

Die Hetze der Westsender gegen die Versorgung in der DDR hält in den verschiedensten Formen weiter an.

Um eine neue Quelle von Geldern für die Schädlingsarbeit zu erschließen, verlangt der Sender »Freies Berlin«37 im Zusammenhang mit einer Hetze gegen unsere Versorgung, die Verwendung eines Teiles der Einnahmen des Wechselkurses38 wie folgt:

»Die gegenwärtige Ernährungskrise der Zone widerspiegelt sich in den Wechselkursen der Ostmark, bei Bewohnern, die zusätzlich Lebensmittel in Westberlin einkaufen. Über den Wechselkurs wird ihnen der Brotkorb so hoch gehängt, dass sie ihn kaum noch erreichen können. Es ist deshalb auch im Namen der Zonenbevölkerung zu fordern, die Wechselstuben der Kontrolle des Senats und des Abgeordneten-Hauses zu unterstellen.39 Die Gewinne müssen zweckgebunden sein und dürfen nur zur Unterstützung der Zonenbevölkerung verwendet werden. Das kann in Form von Paketen, Verbilligungsscheinen, Geldbeihilfen, Lebensmittelausgaben, Kulturbeihilfen – wie billige Bücher, billige Theaterbesuche – usw. geschehen.«

Wiederholt hetzen die Westsender in Verbindung mit der Hetze gegen die Versorgung in der DDR auch gegen die Einschränkung des Paketverkehrs40 und versuchen, die Bevölkerung Westdeutschlands zur verstärkten Übersendung von Paketen in die DDR zu gewinnen. Mit Appellen an alle Bevölkerungskreise, an die Hohen Kommissare,41 an die Caritas,42 verschiedene Hilfsorgane und andere appellieren sie, der »notleidenden Zonenbevölkerung« zu helfen und Mittel und Wege zu finden, um die Beschränkung zu durchbrechen. Es werden diejenigen aufgefordert, die sich bisher noch nicht an der Übersendung von Paketen beteiligten; ebenso die, die keine Angehörigen in der DDR haben. Ihnen werden Adressen von Bewohnern der DDR zugestellt. Ein großer Wert wird auf die Beschickung von »politisch Gefangenen« gelegt, dass größere Familien mehr empfangen dürfen und auch, dass man sich nicht unbedingt darauf beschränken soll, monatlich nur ein Paket zu schicken, falls die Jahresmenge nicht zwölf Pakete überschreite.

Der Sender »Freies Berlin« fordert die Bevölkerung der DDR dazu noch auf, sich »in Leserbriefen an die Redaktionen der SED-Zeitungen zu wenden und gegen die Paketbeschränkungen zu protestieren«.

RIAS beschuldigt unsere Zeitungen, dass sie an der Verbreitung der Gerüchte über eine »Währungsreform« die Schuld haben. Nicht er – der RIAS – sei schuldig, sondern die Zeitungen der DDR hätten dies gemacht, »um die Bevölkerung durch erhöhten Einkauf das in der Versorgungskrise angesammelte Geld aus der Tasche zu locken und dadurch von den Versorgungsschwierigkeiten abzulenken«.

In einer Hetze gegen die FDJ argumentiert RIAS, dass die Delegiertenkonferenz der FDJ darum in das 5. Parlament43 umgewandelt worden sei, um unauffällig und ungehindert mit ausgesuchten Funktionären die Umbildung in eine Staatsjugend zu vollziehen. Dadurch würde die Einführung der Jugenddienstpflicht, die Erfassung aller Jugendlichen und in der Hauptsache die »Umgehung des Wehrdienstpflichtgesetzes« ermöglicht. Die FDJ-Mitglieder könnten sich dann des Verbandsauftrages nicht mehr entziehen und »der Zentralrat könnte aus der Zwangsorganisation sein Soll an KVP-Rekruten erfüllen«.

Mit dem Versuch, unsere Intelligenz nach dem Westen zu locken, beabsichtigt der Sender »Freies Berlin«, besonders die Wissenschaftler und Künstler der DDR über ihr Schicksal zu beunruhigen. Er argumentiert, dass es eine große Anzahl arbeitsloser und hungernder Wissenschaftler und Künstler bei uns gäbe, »die nicht als aktive Mitglieder der kommunistischen Gesellschaft gelten«. Sie wären nicht zufällig, sondern bewusst aus dem Arbeitsprozess ausgeschaltet. »Sie gelten ebenso wie Rentner und Arbeitsunfähige als lästige Bewohner der DDR. Sie erhalten dann die niedrigste Lebensmittelkarte, ihre Ersparnisse schwinden dahin und sie begeben sich in die Westberliner Flüchtlingslager. Darauf warten die Kommunisten, um ihr Vermögen einzuziehen …«.

Anlässlich des Kongresses der Domowina44 versucht der RIAS, die Förderung der sorbischen nationalen Minderheit lächerlich zu machen und als eine Maßnahme hinzustellen, »die Sorben auf die Parteilinie der SED zu bringen«, womit diese Vereinigung aufhörte, Sorben zu sein.45

Alle Bemühungen der SED würden aber fehlschlagen, da die Sorben ihre Ruhe und ihre bürgerlichen Freiheiten haben wollten.

Gegen die Jugendweihe46 hetzt RIAS, dass in der DDR ein »Gewissenterror mit Massenverhaftungen und Deportationen« bestehe und ruft wie folgt zu Widerstand auf: »… Schon verbreitet die Parteipresse der Sowjetzone; Wer sich gegen die Jugendweihe stelle, sei reaktionär, sei Staatsfeind. Das ist keine religiöse,47 sondern politische Angelegenheit. Im konzentrierten Angriff versucht der gottlose Kommunismus, jetzt die geistige Unterjochung der Jugend. Wehrlos steht der Einzelne mit seinem guten Willen, bei Christus zu bleiben, vor der massiven Macht der Massenorganisationen. Und doch gibt es keinen Kompromiss und kein Ausweichen«.

Um die Eltern westdeutscher Kinder zu beeinflussen, dass sie die Ferienaktion für westdeutsche Kinder in der DDR ablehnen,48 hetzt RIAS gegen dieselben »da diese Aktion diesmal verstärkt durchgeführt und die leichtbeeinflussbaren Kinder systematisch im kommunistischen Sinne bearbeitet würden«. Demgegenüber stellt er die Forderung eines Bundesministers, für jedes in die DDR geschickte Kind zwei Kinder aus der DDR nach Westdeutschland einzuladen.49

Anlage 2 vom 6. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Stellungnahmen zu den Sicherheitsmaßnahmen der DDR

Auch unter der übrigen Bevölkerung zeigt sich eine vorwiegend pazifistische Einstellung zu den Sicherheitsmaßnahmen der DDR. Neben geringen zustimmenden Äußerungen werden vor allem Stellungnahmen bekannt, wonach eine aktive Verteidigung der DDR mit den verschiedensten, oftmals pazifistischen Argumenten abgelehnt wird.

In den positiven Stellungnahmen wird erklärt, dass wir unsere Errungenschaften verteidigen müssen und dass es keinem Gegner gelingen darf, die DDR anzutasten.

Zum Beispiel sagte der Hauptbuchhalter der DHZ50 Langenwiesen, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl: (Kandidat der SED): »Ich erkenne die Beschlüsse unserer Partei und Regierung in Bezug auf die Sicherungsmaßnahmen an und verpflichte mich, in die KVP einzutreten.«

Sämtliche hauptamtlichen Funktionäre der GST des Kreises Bergen, [Bezirk] Rostock, (sechs Mitglieder) gaben außer dem 50-jährigen Genossen die schriftliche Erklärung ab, dass sie jederzeit, wenn sie gebraucht werden, in die Reihen der VP eintreten, um unseren Staat mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

Die ablehnenden Stimmen kommen vorwiegend aus den Reihen der Jugendlichen, die in den letzten Tagen betreffs Eintritt in die KVP angesprochen wurden oder glauben, dass sie bald »eingezogen« würden. Ihre Argumente sind, besonders solche, dass sie erst ihre Fachausbildung abschließen bzw. die Früchte ihrer Fachausbildung genießen wollen, dass sie es ablehnen, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und ähnliches.

Daneben äußern sich auch Hausfrauen ablehnend mit der Begründung, dass sie ihre Kinder nicht verlieren wollen.51

Zum Beispiel äußerten zwei Jugendliche der DHZ Langenwiesen, [Kreis] Ilmenau: (parteilos): »Wir sehen die Notwendigkeit der Sicherungsmaßnahmen wohl ein, aber wir gehen nicht freiwillig zur VP, weil wir uns erst fachlich weiter qualifizieren wollen.«

Ein Malermeister aus dem Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Im Falle eines Krieges werde ich mich unter keinen Umständen unter die Waffen bringen lassen. Auch nicht, wenn die DDR vonseiten der aggressiven Kriegstreiber angegriffen wird.«

Eine Einwohnerin von Bardewitz, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam: »Ich habe einen achtzehnjährigen Sohn und befürchte, dass er in allernächster Zeit Soldat werden muss.«

Ein großer Teil der Angesprochenen erklärt, dass sie nicht freiwillig zur VP gingen, aber einem Zwang könnten sie sich ja nicht widersetzen.

Zum Beispiel sagte ein Jugendlicher aus Petershagen, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Die Stellungsbefehle sind schon fertig, und es werden bald alle eingezogen werden. Wir brauchen nicht erst zur Volkspolizei zu gehen, denn wir müssen ja sowieso bald.«

Jugendliche brachten in Berlingerode, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, in einer Sportversammlung zum Ausdruck, dass sie einer Einberufung zur KVP folgen würden, jedoch nicht freiwillig gingen.

Es ist zu verzeichnen, dass ein großer Teil der angesprochenen Mitglieder und Kandidaten unserer Partei den notwendigen Sicherungsmaßnahmen ablehnend gegenüberstehen und in ihren diesbezüglichen Äußerungen oft eine schlechte Haltung gegenüber der Partei an den Tag legen.

So äußerte z. B. ein Pfleger des Kreiskrankenhauses Stadtroda, [Bezirk] Gera: »Und wenn ich zehnmal in der Partei bin, mich bekommen sie nicht zur Volkspolizei.«

Ein Angestellter beim Rat des Kreises Stadtroda, [Bezirk] Gera, (Kandidat): »Ich lasse doch nicht fünf oder sechs Mann über mich bestimmen, die im Büro der Kreisleitung sitzen. Und wenn schon, dann will ich den Auftrag schriftlich haben, denn dann brauche ich mich ja nicht bei der KVP zu bewerben, dann ist es ja Zwang.«

Bei einer Aussprache mit 35 Genossen des Kreises Ilmenau, [Bezirk] Suhl, in der Kreisleitung der SED zwecks Eintritt in die VP erklärten sich nur elf bereit, in die Reihen der VP zu gehen. Drei Genossen kommen wegen Krankheit nicht infrage und die andern 21 lehnten einen Eintritt in die VP ab. Von ihnen wurde überwiegend erklärt, dass sie mit dem Beschluss des ZK nicht einverstanden sind und für sie einen Eintritt in die Reihen der VP nicht infrage kommt.

Feindliche Elemente benutzen die Maßnahmen unserer Regierung zu einer Hetze gegen Partei und Regierung und sprechen vor allem davon, dass unsere KVP Ausdruck des Militarismus sei und nicht erst aufgrund der Pariser Verträge aufgestellt wurde.

Zum Beispiel äußerte eine Gastwirtin aus Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg: »Der Zeitungsartikel im ND lässt tief blicken. Das stimmt überhaupt nicht mit der Nationalhymne überein. Die Strophe mit dem Text, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint!52 wird sicher jetzt nicht mehr gesungen.«

Ein Student der mathematisch naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Greifswald: »Ich bin nicht gewillt, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Die Remilitarisierung in Westdeutschland ist berechtigt, denn wir haben ja schon lange eine starke bewaffnete VP

Eine Hausfrau aus Frankfurt: »Wir schützen nicht die DDR, sondern wir sollen für die Großmächte, falls es zu einem Krieg kommt, ins Feuer gehen, damit diese ihre Menschen schonen.«

Die ablehnende Haltung zu einer verstärkten Ausbildung zum Schutze unserer DDR in der GST zeigt sich auch an mehreren Austritten aus der GST und an dementsprechenden Äußerungen.

In der Oberschule Barby, [Kreis] Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, traten von 100 Mitgliedern 55 aus, da sie mit der Ausbildung nicht einverstanden sind.

In der Schiffswerft Rechlin, [Kreis] Neustrelitz, ist seit ca. 14 Tagen ein verstärkter Austritt aus der GST zu verzeichnen.

Die GST Kreis Köpenick/Berlin führte am 2. und 3.4.1955 einen Lehrgang der Funktionäre – Ausbildung im Kampfsport – durch. Gegenüber den am 2.4.[1955] erschienen 60 Funktionären kamen am 3.4.[1955] nur 30. (Es handelt sich bei den Lehrgangsteilnehmern größtenteils um Genossen.)

In der Fachschule für Chemie in Köthen, [Bezirk] Halle, äußerten einige Schüler, dass sie nicht zum Sportschießen gingen, da sie sonst zur Infanterie müssten.

Anlage 3 vom 6. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Auswertung der Westsendungen

In Fortsetzung ihrer Hetze richten die Westsender ihre Angriffe gegenwärtig hauptsächlich gegen die vorgesehenen Sicherungsmaßnahmen, die Reichsbahn, die Versorgung und die Landwirtschaft.

Die Ankündigung der Sicherungsmaßnahmen der DDR im »ND« bezeichnet RIAS als einen »Trugschluss« und versucht, das Zustandekommen der Pariser Verträge der DDR wie folgt zu unterstellen: »Diesen Trugschluss, dem auch Teile der westlichen Öffentlichkeit allzu oft erliegen, gilt es zu beseitigen. Nicht die Sowjetzone beantwortet die Ratifizierung der Verträge mit Sicherungsmaßnahmen, sondern der Westen beantworte die jahrelangen erfolgreich abgeschlossenen Bemühungen eines kräftig militarisierten Ostblocks mit dem Pariser Vertragswerk.«

Ähnlich hetzt der deutschsprachige Sender London,53 wobei er einen Widerspruch zwischen der Bekämpfung der Pariser Verträge und den angekündigten Sicherheitsmaßnahmen aufzuzeigen versucht. Desgleichen bemüht er sich, die KVP mit der westdeutschen Söldnerarmee gleichzustellen, sowie den Nachweis zu erbringen, dass für die Schulung und Erziehung des »Wehrgeistes« nahezu unbegrenzte Mittel von der SED, dem FDGB, der FDJ und DSF zur Verfügung gestellt würden. Demzufolge würden auch die Statuten der FDJ geändert, wonach eine Wehrdienstverpflichtung für alle Mitglieder bestehe.

Die GST bezeichnet er als »Reserve der sowjetdeutschen Streitkräfte«, die in allen Sparten den Schieß- und Geländesport zur Pflicht mache. »Zu dieser militärischen Erziehung«, argumentiert der Londoner Rundfunkt weiter, »gehören wesentliche Freiheitsbeschränkungen und Isolierung von Außeneinflüssen. Urlaub und Ausgang sind auf ein Mindestmaß beschränkt …«

Eine allgemeine Abneigung gegen die VP versucht er mit den Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht54 über die Aufgaben der Jugend im Jahre 195555 mit einem Versagen der Werbekampagne und mit dem Desertieren aus der VP aufzuzeigen.

Auf der gleichen Linie hetzt der Sender »Freies Berlin« und befasst sich ebenfalls mit der GST. Dabei behauptet er, dass »die Herausstellung ihrer militärischen Aufgaben nicht überrasche, weil sie mit der Zweckbestimmung gegründet worden sei, Vorarbeiten für die KVP zu leisten und nie andere Aufgaben gehabt hätte«. »Die verstärkte Militarisierung der GST« sei keine Reaktion auf die Ratifizierung der Pariser Verträge. Das sei schon im Januar 1955 klar geworden, als Genosse Staimer56 die Leitung der GST übernahm und seine ersten Befehle an die GST erteilte, die unmissverständlich darauf hindeuten, wie sie nunmehr offiziell bekannt gegeben wurden.

Auch dieser Sender versucht eine Abneigung gegen die KVP aufzuzeigen. Seine Begründung dafür gibt es mit den Zahlen derjenigen, die im Laufe 1955 aus der KVP ausscheiden, weil ihre Dienstzeit abgelaufen ist und die sich auf keinen Fall weiterverpflichten wollen.

In Wiederholung der Hetze gegen Fred Oelßner57 verfälscht der Sender »Freies Berlin« die Ausführungen über die Rentabilität58 wie folgt in das Gegenteil: »Die VEB sollen nicht nur rentabel und ohne Zuschüsse arbeiten, sondern auch Gewinne abliefern. Schon diese Tatsache verhindert, dem Irrglauben zu verfallen, es gehe darum, dem Verbraucher künftig billigere Waren anzubieten. Wer Oelßners Theorie genau verfolgt, stellt sehr bald fest, dass hier ein ganz anderes Ziel verfolgt wird.«

Zur Aufwiegelung der Eisenbahner verbreitet RIAS, dass »in der DDR die Reichsbahn aufgehört habe, zu existieren. Die letzten Reste der DR wurden liquidiert und dem Dienstbereich der sowjetischen und volksdemokratischen Eisenbahnen angeglichen«. Die Gleichschaltung erfolgte durch den neuen Struktur- und Schichtplan. Die begann mit der Ablösung bewährter Fachleute, mit der Einführung sowjetischer Arbeitsmethoden und wurde fortgesetzt mit Disziplinarverfahren. Zur Herstellung der einheitlichen Kommandogewalt wurden von 38 Reichsbahnämtern elf vollständig aufgelöst, die verbliebenen 27 mussten die Hälfte des Personalbestandes auflösen. Die Entlassenen, in erster Linie die nicht der SED angehören, wurden zum Teil in untergeordnete Stellen des Zugdienstes versetzt. Durch die Einführung der neuen Regelung müssen die Eisenbahner drei bis vier Stunden warten, bis sie in die Heimatorte zurückfahren können. Zu diesem neuen Dienstplan werden zusätzlich Lohnsenkungen durch Normenerhöhungen und Lohnrückstufungen vorbereitet oder bereits durchgeführt.

Weiter argumentiert RIAS mit Entlassungen, Verhaftungen und mit befohlenem Bereitschaftsdienst für alle Amtsvorstände und Dienstvorsteher auf allen Dienststellen der Reichsbahn. Des Weiteren hetzt er, dass in Stendal, Treuenbrietzen, Seddin, Berlin, Güstrow, Greifswald und Erfurt nicht nur Parteilose, sondern auch Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre gegen die neue Schichtzeit Stellung nähmen, und dass zur Verhinderung von Streiks VP- und SfS-Angehörige alarmiert wurden, sowie dass Einheiten der VP Bahnhöfe und Bahnknotenpunkte besetzt hätten. »Einsatzgruppen wurden von der SED gebildet, die beim Ausbruch von Streiks den Dienstbetrieb weiterführen sollen«. Mit einem Hinweis auf den 17. Juni wird die Hetze wie folgt abgeschlossen:

»Bewaffnete Volkspolizei und SSD stehen gegen unbewaffnete Eisenbahner. Als im Sommer 1953 die Einführung des neuen Schichtsystems versucht wurde, kam der 17. Juni dazwischen. Der Versuch wurde aufgegeben. Jetzt steht die Volkspolizei bereit, um die Durchführung zu erzwingen. Die sogenannten Interessenvertreter der Werktätigen, die Funktionäre des FDGB, schweigen. Sie erklären sich nur solidarisch mit Arbeitern, die in der Bundesrepublik streiken. Im eigenen Machtbereich stehen sie auf der Seite der Staatsgewalt, der bewaffneten Volkspolizei, und gegen die Arbeiter.«

Zur weiteren Beeinflussung der Eisenbahner wurden Beispiele von »starken Protesten, Entlassungen, Kündigungen und Streikdrohungen«, wie z. B. in Güstrow, gebracht.

Zu anderen Problemen bei der Eisenbahn verbreitet RIAS Meldungen über eine wachsende Unzufriedenheit unter den Angehörigen des RAW Magdeburg und anderen Dienststellen gegen die Kürzung der Verlustzeiten von 14 % auf 7 %, die er als eine »Normenerhöhung« bezeichnet und wobei er wie folgt auf eine Wiederholung des 17. Juni hinweist: »Der Genosse Werkdirektor in Magdeburg glaubte an einen neuen 17. Juni, als die Arbeiter kategorisch forderten, die Normenerhöhung zurückzunehmen.«

Des Weiteren versucht RIAS, die Eisenbahner gegen die neue Struktur mit folgenden Argumenten aufzuhetzen: »Mit dem Inkrafttreten der neuen Struktur wird die Kaderpolitik intensiviert. Jede Eisenbahnhauptverwaltung erhält eigene Kaderabteilungen, die sollen die politische Ausrichtung und Erziehung der Eisenbahner nach den Befehlen des ZK der SED durchführen …«

Um gleichzeitig die Autorität und das Ansehen der leitenden Eisenbahner zu untergraben, verbreitet RIAS, dass in den Leitungen der Kaderabteilungen nicht die fachliche, sondern die politische Eignung ohne Rücksicht auf die schlechte Moral dieser Genossen entscheide.

Über die Aufgaben der Kaderabteilung berichtet RIAS, dass die Zirkelleiter und Assistenten in den Schulungen Wert auf Unklarheiten, Feind- und Gegenargumente zu legen hätten.

In Bezug auf die Versorgung hetzt RIAS, dass die »National-Zeitung«59 die Unwahrheit geschrieben habe.60 Die Wahrheit hätte Minister Wach61 vor Funktionären seines Ministeriums und der DHZ Lebensmittel wie folgt gesagt: »… Brotgetreide und Nährmittel reichen nicht bis zum Anschluss an die Ernte, sondern bei äußerster Sparsamkeit bis Mitte Juni. Demzufolge seien alle Speicher, Lager, Mühlen usw. noch einmal gründlich zu überprüfen. Verhandlungen mit den Ostblockstaaten über Importe hätten keinen Erfolg und es müssten Hofbegehungen vorgenommen werden, um die letzten Körner zu erfassen …«

In der Landwirtschaft konzentriert RIAS seine Angriffe zurzeit gegen die Frühjahrsbestellung und gegen die Steigerung der tierischen und pflanzlichen Produktion. Hierzu benutzt er u. a. in unserer Presse geübte Kritik über einige Mängel. Um die Bauern zu beunruhigen, versucht er, diese Mängel maßlos zu übertreiben und auf die gesamte DDR zu verallgemeinern. So argumentiert er z. B., dass neben dem Fehlen des Saatgutes im Allgemeinen, sich besonders das Fehlen der Futtermittelsaat bemerkbar mache. Für diese Aussaat fehlten alle Sorten und [es] sei gar keine oder nur eine geringe Aussicht auf eine Belieferung. Hinzu käme die geringe Keimfähigkeit des Getreides.

In diesem Zusammenhang hetzt RIAS gegen die Erfassungsorgane, dass sie den Bauern rücksichtslos die Saat und das Futter für den Eigenbedarf im Herbst abgenommen hätten und jetzt mit Hofbegehungen den Rest einzutreiben versuchen. Um die Bauern zum Verstecken des Getreides zu veranlassen, gibt er den Hinweis: »Aber sie werden bei den Bauern kaum etwas vorfinden.«, oder: »Wenn sich einige Bauern trotzdem über Wasser halten konnten, dann dadurch, dass sie den unsinnigen Anordnungen ein Schnippchen geschlagen haben.«.

Gleichzeitig hetzt RIAS gegen die Deutsche Saatgutzentrale, dass sie 1945 alle Einrichtungen und Bestände den Privatbesitzern abgenommen hätte, heute mit fast uneingeschränkten Mitteln und unendlich viel Personal arbeite, aber nicht in der Lage sei, die Bauern ausreichend und mit gutem Saatgut zu versorgen, weil sie ein staatliches Unternehmen der DDR ist. Zur Beeinflussung der Bauern für die Privatunternehmer, für den Einkauf ihrer Saat im Westen bzw. zur Anerkennung des Westens, verherrlicht RIAS die westlichen Saatgutzüchter und bedauert die Bauern in der DDR, dass sei keine Möglichkeit haben, sich dieses hochwertige Saatgut zu beschaffen, mit dem diese die westdeutschen Bauern versorgten und es auch exportieren.

Um die Bauern zum Verlassen ihrer Höfe zu beeinflussen, hetzt RIAS gegen den Ministerratsbeschluss vom 10.3.1955, dass in diesem Punkte enthalten seien, die zwar im Gesetzblatt aber nicht in den Zeitungen veröffentlicht würden.

Um die Ablehnung der Neuerermethoden durch die Bauern zu erreichen, unterbreitet RIAS angebliche Unstimmigkeiten zwischen den Experten Dr. Liese62 und Dr. Irlenbusch63 bei der Anwendung dieser Methoden. Der eine empfehle angeblich die Ost-West-Richtung beim Drillen und der andere die entgegengesetzte. Was solle daher der Bauer davon halten, solange die Wissenschaftler sich darüber nicht einig sind und die Richtigkeit nicht bewiesen sei. Man soll den Bauern damit in Ruhe lassen, denn kein Erfassungskontrolleur würde, wenn es Fehlschläge gibt, die Entschuldigung gelten lassen, er habe seinen Acker dieses Jahr nach Neuerermethoden bestellt.

Zur Aufrechterhaltung seiner Hetze gegen den Einsatz schwerer Maschinen in der Landwirtschaft und zur Beunruhigung der Wissenschaftler nimmt RIAS die vom »ND« kritisierten Wissenschaftler in Schutz.64 Dabei beschuldigt er das »ND«, dass es statt froh zu sein, noch solche Wissenschaftler zu besitzen, die unserer Landwirtschaft helfen wollen, diese Wissenschaftler entweder aus Unkenntnis oder aus Böswilligkeit anpöbele. Dies sei ein weiterer Beweis dafür, dass die Wissenschaftler in der DDR nicht ungehindert ihre Meinung äußern, sondern nur im Sinne der SED denken dürften.

Anlage 4 vom 6. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Auswertung von Hetzschriften

Die Anzahl neuer Arten von Hetzschriften ist gering. Kleinere Flugzettel werden weiterhin mittels Ballon mit den bereits bekannten Argumenten gegen KVP, Entwicklung in der Landwirtschaft und andere verbreitet. Dabei ist die Zahl der verbreiteten Hetzschriften in den letzten Tagen im Ansteigen begriffen. So wurden z. B. am 30. und 31.3.1955 allein im Bezirk Potsdam insgesamt 65 000 Hetzschriften gefunden.

Die fortlaufend erscheinenden Hetzschriften wie z. B. »Informationsbrief« und »Neue Deutsche Presse« und andere vom UfJ,65 der »Telegraf-Wochenspiegel«66 und »Der Tag«67 sowie »Die neue Generation« (»Aktionsgemeinschaft Freier Jugend Mitteldeutschlands«) werden vorwiegend auf dem Postweg verbreitet.

Die Artikel der letzten Ausgaben richten sich vor allem gegen die Durchführung der Beschlüsse des 21. Plenums,68 sowie gegen die KVP, GST und ähnliche.

Bei der Hetzte zur Frage der Volkswirtschaft der DDR nimmt man besonders Bezug auf die Ausführungen des Genossen Fred Oelßner auf der Theoretischen Konferenz.69 Die Hauptlinie der Hetze besteht in der Darstellung, dass unsere Partei gleiche Maßnahmen »wie vor dem 17. Juni 1953« beabsichtige. So schreibt z. B. der »Telegraf-Wochenspiegel«:

»Die SED ist im Begriff, die Fäden ihrer Politik dort wieder anzuknüpfen, wo sie vor dem 17. Juni 1953 durch den Zwang äußerer Ereignisse gerissen waren.«

Und in der Hetzschrift »Der Tag« heißt es:

»Der 17. Juni 1955 wird die Menschen der Zone vor eine Situation gestellt sehen, die sie sich nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 gewiss nicht hätten träumen lassen.«70

Zur Beunruhigung der Arbeiter werden verschiedene Forderungen zur Steigerung der Rentabilität unserer volkseigenen Betriebe verfälscht wiedergegeben, um die Meinung zu erwecken, dass sämtliche Maßnahmen unserer Partei auf Kosten der Kraft, Gesundheit und des Lohnes der Arbeiter gingen. Dieses Ziel zeigt sich schon in den Überschriften wie:

  • »SED senkt Löhne und erhöht Normen« (»Telegraf-Wochenspiegel«)

  • »Höhere Normen und niedrigere Löhne«71 (»Der Tag«).

Die Hetze wird fortgesetzt gegen die Maßnahmen, die nach der Theoretischen Konferenz in den einzelnen Bezirken ergriffen wurden. Dabei wird geschlussfolgert, dass die »Ankündigung der SED-Bezirksleitung Frankfurt über Erhöhung der Arbeitsnormen« bald auch in anderen Bezirken Nachfolger finde. Auch hier wird wieder Bezug auf den 17. Juni 1953 genommen, indem man hetzt, dass sich unsere Partei nicht getraue, im mitteldeutschen Industriegebiet, wie Halle-Merseburg, mit derartigen Maßnahmen zu beginnen, »weil sie hier nach den Erfahrungen des 17. Juni 1953 auf den stärksten Widerstand der Arbeiter zu stoßen befürchten muss …«72 (»Telegraf-Wochenspiegel«).

Um Unzufriedenheit unter der Bevölkerung der DDR zu schaffen, wird in diesem Zusammenhang mit gehetzt, dass trotz langer Ausführungen auf ökonomischen Konferenzen keinerlei Erörterungen über die Versorgung vorgenommen wurden, obgleich dies doch Fragen seien, die jeden interessieren.

Die Verleumdung gegenüber der KVP bewegen sich auf der gleichen, schon seit langer Zeit bezogenen Linie, dass die KVP eine »Wehrmacht« und »Ausdruck des Militarismus in der DDR« sei. Dabei wird die Hetze gleichzeitig gegen die Friedenspolitik unserer Regierung und unseren Kampf um die Wiedervereinigung betrieben, wie folgende Ausführungen aus der Hetzschrift »Die neue Generation« zeigen: »Wir jedenfalls sehen in der Existenz der KVP-Armee und in der eben angedeuteten Militarisierung der Sowjetzone ein Hemmnis der Wiedervereinigung, wie es schlimmer gar nicht sein kann.«

Über Verhältnisse innerhalb der Einheiten der KVP, um Jugendliche vom Eintritt in dieselbe abzuhalten, wird nicht gesprochen.

Vielmehr beschäftigt man sich mit den Maßnahmen unserer Regierung, um die Reihen der KVP zu verstärken. (Bemerkung: Dabei wird noch nicht auf die vorgesehenen freiwilligen Meldungen der Jugendlichen von 18 bis 22 Jahren Bezug genommen,73 da die Hetzschriften vor den entsprechenden Veröffentlichungen in unserer Presse herausgekommen sind.)

Es wird gehetzt gegen die Verpflichtung der Studenten zur Teilnahme am Schießunterricht der GST; gegen die KVP-Werbung in den Reihen der Oberschüler; gegen den Lehrabschluss der Lehrlinge, dass auch bei geringen Leistungen die Prüfung als bestanden gilt, wenn sich der Lehrling zur KVP meldet usw.

Mit der Arbeit der GST befasst sich die Hetzschrift »Der Tag«. Es wird von einer »ausgesprochenen Truppenausbildung « geredet und dazu werden »zur Beweisführung« Maßnahmen genannt, die »Einstellung des Reitsports, Einschränkung des Motorradfahrens, Ausschaltung älterer Lehrgänge beim Segelfliegen, um sie für die ›Aero-Clubs‹74 zu gewinnen« usw. Die Folge all dieser Maßnahmen seien ständiger Rückgang der Mitgliederzahlen und zur Beeinflussung der Mitglieder, aus der GST auszutreten, heißt es weiter: »Damit ist die GST in ihr eigentlich Entwicklungsstadium getreten und jeder, der ihr Mitgliedsbuch besitzt, kann sich als von der Armee gemustert betrachten.«75

Der UfJ nimmt noch zu folgenden anderen Problemen in seinen Hetzschriften Stellung:

Unter der Überschrift »Was ist beim Eintritt in die LPG zu beachten?« versucht der UfJ, werktätige Bauern vom Eintritt in dieselbe abzuhalten. Unter anderem heißt es, dass »die Selbstständigkeit und Freiheit mit der LPG-Mitgliedschaft aufhöre«; Arbeitsnormen der Einheiten würden ständig erhöht; alle Vergünstigungen für LPG in der Sollablieferung fielen ab 1956 weg usw. Zum Schluss wird aufgefordert, erst Rücksprache beim UfJ zuhalten, wenn sich ein Eintritt in die LPG, »um Scholle und Heimat nicht verlassen zu müssen«, nicht vermeiden lasse.

Unter der Überschrift »Kommunistische Ätherpolizei in Aktion« wurden vom UfJ längere Ausführungen über »Störsender«76 gemacht. Dabei macht man konkrete Angaben über Zahl, Standort, Reichweite, Besetzung usw. der Sender, um den Eindruck der Glaubwürdigkeit zu erwecken. Neben der beabsichtigten Beeinflussung der Bevölkerung, dass unsere Regierung ständig gegen die Verfassung verstoße, wie die »Störsender« beweisen, bedroht man gleichzeitig die Angestellten des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen, die in der »Belastungskartei des UfJ«77 erfasst seien, da sie gegen die »Charta der Menschenrechte« verstießen.

Gefälschte Schreiben

Im verstärkten Maße versucht der Klassengegner, durch die Versendung gefälschter Schreiben, unser öffentliches Leben zu desorganisieren. In den letzten Tagen wurden neben den in der Presse bereits veröffentlichten Fälschungen noch folgende bekannt:

Bezugnehmend auf den Ministerratsbeschluss vom 10.3.1955 zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion werden Genossen der SED mit dem Absender ZK (gez. Mückenberger)78 Parteiaufträge für den Landeinsatz erteilt.79 Die angeschriebenen Genossen sollen in der Zeit vom 15.4. bis 1.11.1955 in angegebenen MTS bzw. LPG arbeiten, dafür Trennungsgeld und den Differenzbetrag zu ihrem jetzigen Verdienst erhalten.

An Bürger der DDR werden Schreiben bzw. MdI – HVDVP – betreffs »Instrukteur-Ausbildung für die VP und KVP« gesandt. In den mit dem Dienstsiegel 12 der HVDVP gestempelten Schreiben wird gefordert, sich innerhalb von fünf Tagen zwecks Rücksprache bei der HVDVP zu melden.

Mit dem Absender des »FDGB-Bundesvorstand« werden an VEB gefälschte Schreiben übersandt, wonach Helden der Arbeit in den betreffenden Betrieben über das Thema »Möglichkeiten der Überbrückung augenblicklicher Schwierigkeiten und Erfüllung des Fünfjahrplanes durch Brigadenabrechnung« sprechen sollen. Es wird u. a. »gute Vorbereitung der Kundgebung, auch durch Vorbereitung von Resolutionen an das ZK der SED« gesprochen. Vor der »Kundgebung« soll eine BGL-Sitzung unter Teilnahme von BPO und Funktionären der Betriebsleitung stattfinden. Das gefälschte Schreiben ist im Faksimile mit »H. Warnke«80 unterzeichnet.

Anlage 5 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Bericht über den Futtermangel

Eine Analyse aus den einzelnen Bezirken ergab, dass in vielen landwirtschaftlichen Betrieben, besonders LPG, ÖLB und VEG ein großer Futtermangel besteht. Nicht in solchem Umfange wie bei diesen tritt der Futtermangel bei werktätigen Einzelbauern und Großbauern81 in Erscheinung. Größeren Raum nimmt aber noch neben den erwähnten landwirtschaftlichen Betrieben der Futtermangel in den Schweinemastanstalten und Viehaufzuchtsbetrieben ein. In den Schweinemastanstalten kann zum größten Teil nicht mehr von Mästen gesprochen werden, da kaum Futter für die Erhaltung der Tiere vorhanden ist.

Die Ursachen dieses Futtermangels sind verschiedener Art. Neben den schlechten Witterungsverhältnissen, den Hochwasserkatastrophen82 usw. im vergangenen Jahr, die zweifellos die ganze Ernte stark beeinträchtigt haben, tragen die größte Schuld die einzelnen Betriebe selbst. Da ist einmal die ungenügende Arbeitsorganisation, vor allem in den LPG. Viele Vorsitzende verstehen noch nicht im genügenden Maße, die Arbeit richtig zu organisieren und die Mitglieder entsprechend anzuleiten, was sich vor allem in einer schlechten Arbeitsmoral der Mitglieder ausdrückt. Solche Mitglieder sind nicht an der Entwicklung ihrer LPG interessiert und kümmerten sich nicht sehr um die Einbringung der Ernte. Dadurch kamen viel Heu, Stroh, Hackfrüchte usw. auf den Feldern um, die bei richtiger Arbeitsorganisation trotz des schlechten Wetters hätten geborgen werden können. Diese, auf den Feldern umgekommenen Früchte, nehmen einen beachtlichen Raum ein.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch die mangelhafte Anwendung von Neuerermethoden (das grüne Fließband,83 Zwischenfruchtanbau). Abgesehen von objektiven Schwierigkeiten, vor allem Saatgutmangel, hätten diese Maßnahmen entscheidend zur Verbesserung der ganzen Futterversorgung beigetragen.

Verschiedene Betriebe verstanden auch nicht, sich Reserven anzuschaffen und nach einem Futterplan zu arbeiten. Es kam vor, dass in den VEG, LPG oder ÖLB im Herbst das Vieh überfüttert wurde, um einen hohen Milchleistungsstand bei den Kühen zu erzielen oder möglichst viel Vieh auf freie Spitzen84 zu verkaufen.

Durch die Umwandlung der ÖLB und die Aufnahme von Einzelbauern in die LPG mussten von verschiedenen LPG viel Vieh übernommen werden, ohne dass dabei die Futtergrundlage sichergestellt war. Dazu kommt noch der große Arbeitsmangel, der in den LPG, ÖLB und VEG besteht. Diese Tatsache trug ebenfalls dazu bei, dass die Felder vor Beginn des Winters (1954) nicht rechtzeitig abgeerntet wurden.

Diese angeführten Gründe verursachten den augenblicklich bestehenden Futtermangel.

Die Auswirkungen des Futtermangels sind in den einzelnen Betrieben unterschiedlich. Allgemein besteht die Tatsache, dass zu einem Teil das Vieh nur noch Futter zur Selbsterhaltung bekommt, die Milchleistung der Kühe stark zurückgegangen ist, teilweise Seuchen auftreten, das Vieh verendet bzw. notgeschlachtet werden muss, oder zur Abdeckerei gelangt.

Die Betriebe sind bestrebt, möglichst viel Vieh zu erhalten, damit nicht eine Gefährdung der Versorgungsanlage in späterer Zeit eintritt. Deshalb wird, da durch den anhaltenden Winter das Vieh kaum auf die Weide getrieben werden kann, das dürre Gras, was im vergangenen Jahr auf den Wiesen nicht abgemäht wurde, abgeerntet.

Der Futtermangel führt aber in den LPG, ÖLB und VEG dazu, dass die Pläne, sei es in der Milchablieferung oder in der Fleischsollablieferung, nicht erfüllt werden können, sodass, falls keine Änderung erzielt wird, tatsächlich eine ernste Gefährdung der Versorgung der Bevölkerung eintreten kann.

In allen Bezirken geht man jetzt dazu über, das Futter in allen landwirtschaftlichen Betrieben zu erfassen, um zunächst einen Überblick über die noch vorhandenen Futtermittel zu bekommen, damit entsprechend umdisponiert und den Betrieben, die den größten Futtermangel zu verzeichnen haben, geholfen werden kann.

Folgende Beispiele sollen die angeführten Ursachen und Ausführungen des Futtermangels untermauern.

Die Schwerpunkte der ungenügenden Futterversorgung sind im Bezirk Schwerin die Kreise Sternberg, Gadebusch, Ludwigslust und Perleberg. Die beiden letzten Kreise sind vorwiegend durch das Hochwasser der Elbe geschädigt worden. Betroffen wurden insbesondere im Kreis Perleberg die Gemeinde Schadebeuster und Hinzdorf.

Durch die ungenügende Arbeitsorganisation wurden z. B. im MTS-Bereich Roggendorf, [Kreis] Gadebusch, 125 dz Rüben nicht geerntet. In dem ÖLB Neuendorf, [Kreis] Bützow, wurden 20 ha Futterflächen nicht gemäht. Die Arbeitskräfte wurden zum Drusch eingesetzt. Die Mahd konnte deshalb nicht durchgeführt werden.

Die LPG Wüstmark hatte keinen Futterplan erarbeitet. Auch hier wurde die Mahd nicht durchgeführt und das Heu auf den Feldern liegen gelassen. Der Vorsitzende der LPG lehnte die Hilfe der Patenschaftsbetriebe ab. Zum anderen wurde weiteres Vieh, trotz der Verschlechterung der Futtergrundlage, angeschafft. Auf der LPG Lissow hat der Vorsitzende das zur Verfügung stehende Futter ebenfalls nicht planmäßig verteilt. Beide LPG liegen im Kreis Schwerin/Land.

Der ÖLB Groß Welzin,85 [Kreis] Gadebusch, hat es ebenso wie das VEG Groß Welzin unterlassen, die Wiesen zu mähen und dadurch Heu-Vorräte zu schaffen. Die Kontrolle auf dem VEB ergab, dass Rüben und Klee noch auf den Feldern stehen.

Die LPG Ganzow,86 [Kreis] Gadebusch, erntete die Rüben nicht ab und schichtete das Stroh nicht ordnungsgemäß, sodass es schwarz wurde und nicht mehr zu verwenden ist.

In der LPG »Einigkeit« in Rambeel,87 [Kreis] Gadebusch, sind durch die Witterungsverhältnisse 30 Fuhren Stroh verdorben.

Ein großer Mangel besteht im Bezirk besonders an Raufutter. Der Mangel an Futter wirkt sich besonders auf die Arbeitsmoral der LPG-Mitglieder aus, die das Vieh nicht ordnungsgemäß versorgen. So z. B. in der LPG Weisin88 und Kuppentin, [Kreis] Lübz.

Kritisch ist die Lage in den Gemeinden Schadebeuster und Hinzdorf,89 [Kreis] Perleberg. Die Gemeinde Schadebeuster hat 168 Rinder, die Gemeinde Legde 504 Rinder und die Gemeinde Rühstädt 920 Rinder, zusätzlich 1 100 Schweine zu versorgen.

Im Kreis Gadebusch wurden drei Rinder und acht Lämmer der Abdeckerei zugeführt.

Durch die unverantwortliche Handlungsweise des Vorsitzenden der LPG Lissow, [Bezirk] Schwerin, sind sieben tragende Kühe verendet.

In dem ÖLB Buchholz, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, mussten schon im Herbst von den aufgekauften 50 Stück Rindvieh, 13 Jungrinder wegen Abmagerung notgeschlachtet werden. Auch jetzt wurden wieder zehn Rinder wegen Abmagerung zur Notschlachtung gebracht. Die Ursachen dieses Zustandes im ÖLB liegen in der schlechten Wirtschaftsführung des Betriebes. So wurden dort z. B. im Herbst Umpflügungen von Vermehrungs- und Futtersaaten vorgenommen.

Sehr ernst ist die Futterlage im VE Schweinemastkombinat Dresden. Das Kombinat hat ein Jahresplansoll von 4 578 t. Die anfängliche Kraftfutterzuteilung von 2,4 kg Gerstenschrot pro Tag und pro Schwein, wurde im Dezember 1954 auf 1,8 kg und ab Januar 1955 auf 1,3 kg vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft Berlin herabgesetzt. Jetzt wird eine tägliche Futtermenge von 1,3 kg Roggenschrot und 2 kg Sättigungsfutter verabreicht, was für eine Vollmast in fünf Monaten unzureichend ist. Die Auswirkungen zeigen sich in der Gewichtszunahme von nur 163 Gramm täglich. Das Kombinat konnte im I. Quartal 1955 die Ablieferungsverträge nicht realisieren, weswegen es vom Vertragsgericht wegen nicht Einhaltung zu einer Strafe von 3 500 DM verurteilt wurde.

Im Kreis Köthen, [Bezirk] Halle, sind die Futtermangelursachen auf die großen Auswinterungsschäden der Winterkulturen zurückzuführen. Eine weitere Ursache ist, dass im Kreis überalterte Luzernenschläge und zu wenig Wiesen vorhanden sind. Außerdem besteht Saatgutmangel an Luzernensamen. Vor allem in den LPG Weißandt-Gölzau,90 Schortewitz und Kleinpaschleben.91

In dem LPG Kachstedt und Heygendorf, [Kreis] Artern, trat bei den Tieren die Knochenweiche ein. Die Ursache liegt an dem Mangel an stärkehaltigem Futter. Es fehlt an Stroh, Heu und Trockenschnitzel.

In der LPG Beesenstedt/Saalkreis geht infolge des Futtermangels die Milchleistung der Kühe zurück.

Anlage 6 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Stimmen der Reichsbahnangestellten in Greifswald zu den Vorkommnissen an der Universität Greifswald

Bei den Diskussionen zu den Vorkommnissen an der Universität Greifswald92 nehmen die Arbeiter und Angestellten des RAW Greifswald eine positive Haltung ein und verurteilen das reaktionäre Treiben einiger Studenten.

Ein Angestellter vom RAW sagte: »Den Studenten müsste man die Knochen kaputtschlagen. Erst bekommen sie von den Arbeitern das Geld, damit sie studieren können und dann wollen sie den Arbeitern in den Rücken fallen.«

Ein anderer Kollege (Angestellter) vom RAW Greifswald brachte zum Ausdruck: »Diese Studenten müsste man aufhängen. Unsere Regierung ist viel zu lasch, die muss mehr durchgreifen.«

Auf Kurzversammlungen im RAW Greifswald brachten die Arbeiter und Angestellten ihre Empörung über das provokatorische Verhalten der Studenten zum Ausdruck und zehn parteilose Eisenbahner meldeten sich daraufhin freiwillig zur Aufnahme in die Kampfgruppe des RAW.

Andererseits diskutieren aber die Angestellten der Reichsbahndirektion Greifswald sehr negativ.

Ein Reichsbahnangestellter von der RB-Direktion Greifswald – Lohnabrechnung – sagte: »Ich habe gehört, dass die Ärzte in Greifswald nicht mitmachen. 22 Ärzte, außer Professor Katsch,93 haben gekündigt.«

Eine Angestellte von der RBD Greifswald: »Die Studenten haben gestern gestreikt, sie sind heute Nacht schon von der Polizei umstellt worden.«

Ein Angestellter der Abt. Arbeit von der RBD Greifswald: »Sie sind sich nicht mehr sicher, denn die Polizei ist schon überall in der Stadt postiert. Wir werden ja auch schon von zwei Mann überwacht.«

Ein weiterer Angestellter sagte: »Es liegt was in der Luft. Mir ist es komisch. Es muss einen Knall geben, damit die Spannung beseitigt wird. Überall stehen zwei Personen zusammen und sprechen über die Lage. Wenn ein dritter hinzukommt, werden sie still.«

Ein Reichsbahnangestellter vom RBD in Greifswald sagte: »Was die Studenten machen, ist richtig. Wenn die Arbeiter auch so zusammenhalten würden, dann könnten wir streiken.«

Ein Angestellter der Abt. Arbeit, RBD Greifswald, begrüßt ebenfalls die Maßnahmen der Studenten und sagte: »Die Studenten haben Recht. Man soll ihnen erst das Examen zu Ende machen lassen.«

Ein Angestellter aus dem Schreibbüro des RBD: »So muss es erst kommen, denn zu essen haben wir auch nichts. So müssen alle Studenten auftreten, dann gibt es bald wieder alles in den Geschäften zu kaufen.«

Anlage 7 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Stimmen aus den Reihen der GST-Mitglieder

In einzelnen Gruppen der Gesellschaft für Sport und Technik zeigt sich eine ablehnende Haltung zu den Schießübungen.94 Die Begründungen dafür lassen die gleichen pazifistischen Tendenzen erkennen, die auch unter einem Teil der Bevölkerung stärker hervortreten. Mehrfach wird betont, dass man überhaupt kein Gewehr wieder in die Hand nehmen will.

Zum Beispiel besteht bei einem Teil der GST-Mitglieder im Kreis Grimma, [Bezirk] Leipzig, (besonders im Schamottwerk) die Absicht, aus der GST auszutreten, da sie keine militärische Ausbildung erhalten wollen.

Im Bezirk Karl-Marx-Stadt zogen sich viele Jugendliche mit der Begründung von den Schießübungen zurück, dass sie aus gesundheitlichen oder ähnlichen Gründen nicht mehr in der Lage wären, daran teilzunehmen. Die Diskussionen unter den Freunden wurden jedoch wie folgt geführt: »Wenn wir uns weiterhin aktiv am Schießzirkel beteiligen, sind wir die Ersten, die sie zu den Nationalen Streitkräften einberufen. Da ziehen wir uns lieber zurück.«

Zwei weibliche Mitglieder der Funkgruppe im VEB Werk für Fernmeldewesen Berlin erklärten: »Wenn wir schießen gehen sollen, treten wir aus der GST aus. Wir haben schon einmal am Segelflug teilgenommen und sind wegen des Schießens nicht mehr dort hingegangen. Meine Eltern sind damit nicht einverstanden.«

Ein anderes Mitglied dieser Grundeinheit vertrat die Meinung, dass es aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls ablehnen muss, zum Schießen zu gehen. »Im Betrieb wird nur noch für die Verteidigung geworben und niemand ist mehr da, der arbeitet. Wenn ich Kampfsport machen soll, dann bin ich lieber kein Amateur.«

Ein Genosse vom VEB Nord95 Neubrandenburg erklärte zum verstärkten Schießsport: »Ich lehne die Ausbildung an Waffen ab. Ich werde niemals eine Waffe in die Hand nehmen, denn ich habe nichts weiter zu verteidigen als mein Haus und meinen Taubenschlag. Eher lasse ich mich erschießen.«

In der Gemeinde Kisserow, [Kreis] Röbel, [Bezirk] Neubrandenburg, erklärte der Leiter des Zirkels für Reitsport: »Ich werde in Zukunft überhaupt kein Gewehr mehr anfassen: Mich wird keiner angreifen und daher brauche ich auch nicht schießen zu lernen.«

Im RAW Berlin erklärte ein Mitglied der GST: »Ich habe keine Lust mehr zum Schießen. Schließlich sind wir eine Sportgemeinschaft.«

Auf einer Bezirkstagung der GST Groß-Berlin überbrachte ein Genosse der KVP die Grüße der Genossen Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Diese Begrüßungsworte nahm der hauptamtliche Stützpunktleiter Motorsport der Hochschule für Planökonomie Karlshorst96 zum Anlass, nach Beendigung der Tagung97 Folgendes zu erklären: »Warum spricht man heute schon wieder von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren, wo wir noch gar keine Volksarmee haben und macht schon wieder Unterschiede bei den Menschen, indem man sie in Mannschaftsdienstgrade und Offiziersdienstgrade einteilt. Ich selbst befürchte jeden Tag beim nachhause kommen, einen Gestellungsbefehl vorzufinden, da ich mich im wehrpflichtigen Alter befinde.«

Im Bezirk Neubrandenburg wird die Arbeit der GST als schlecht bezeichnet, da die hauptamtlichen Funktionäre es nicht verstehen, die Kreise und Grundeinheiten richtig anzuleiten. In einzelnen Kreisen des Bezirkes wird die Arbeit durch den ständigen Wechsel der Funktionäre der Kreisleistung beeinträchtigt.

Zum Beispiel ist in Malchin durch den ständigen Wechsel der Leitung zu verzeichnen, dass die Grundeinheiten seit März 1954 keine direkte Verbindung mehr zur Kreisleitung haben. Der zurzeit eingesetzte Genosse bemüht sich, eine gute Arbeit zu organisieren. Da er aber voraussichtlich als Instrukteur für die Gewerkschaft Land und Forst eingesetzt wird, besteht dann wieder keine Leitung.

Im gesamten Bezirk sind die Leitungen nur zur Hälfte laut Plan besetzt und nur 50 % der Mitglieder leisten eine aktive Arbeit. Eine weitere Schwäche der Arbeit ist die mangelhafte Qualifizierung neuer Kader, um die Ausbildung zu gewährleisten. Manche Grundeinheiten möchten gern arbeiten, aber es fehlt ihnen an Ausbildern.

Anlage 8 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Ostertreffen der Jugend

Aus dem Bezirk Dresden wird über mangelnde Aktivität der Jugendlichen einiger Kreise bei den Vorbereitungen zu dem Jugendtreffen in Meißen98 berichtet.

Zum Beispiel haben sich im Kreis Großenhain von 400 vorgesehenen Delegierten nur ca. 120 Jugendfreunde zur Teilnahme bereit erklärt. Ursache der Ablehnung ist zum Teil Unlust und bei den Oberschülern werden finanzielle Schwierigkeiten als Grund genannt. Die Unterstützung durch die Partei und FDJ-Organisationen ist sehr ungenügend.

Im Kreis Dippoldiswalde fährt von einzelnen Betrieben, z. B. VEAB Dippoldiswalde, Forstwirtschaftsbetrieb, Post, VEB Fahrzeuge und Maschinenbau kein einziger Jugendlicher. Die Unkenntnis der politischen Bedeutung dieses Treffens beweist folgende Äußerung eines Jugendlichen aus Reichstädt: »Man soll doch endlich aufhören mit dem politischen Mist. In Westdeutschland gibt es so etwas überhaupt nicht. Auch Arbeitslose sind dort keine. Die, die keine Arbeit haben, wollen einfach nichts tun.«

Die Stimmung unter der Bevölkerung in Meißen wird von Fragen der Versorgung der Teilnehmer bestimmt. Es wird befürchtet, dass die Verpflegung der Teilnehmer einen Mangel an Lebensmittel für die Bevölkerung nach sich ziehe.

So wird z. B. unter den Hausfrauen diskutiert, dass die Teilnehmer 100g Butter erhalten würden und dass damit für die Bevölkerung nichts übrigbleiben würde.

In den Abteilungen Schlosserei und Tischlerei des VEB Kabelwerkes Meißen wurden beim Verkauf von Plaketten für das Treffen Stimmen laut wie: »Wir brauchen kein Jugendtreffen, da bei uns zurzeit eine Knappheit in der Warenbelieferung vorhanden ist.

Das Treffen würde uns unheimlich viel Lebensmittel und anderes kosten, was uns alles verloren ginge. Deshalb werden wir keine Quartiere geben und keine Plaketten kaufen.«

Bei den Vorbereitungen zum Ostertreffen bestehen die Hauptschwierigkeiten in der Quartierbeschaffung. Von den geplanten 3 000 Privatquartieren konnten bisher nur 530 geschaffen werden. Die Frage der Massenquartiere ist zum größten Teil geklärt. Die Verpflegung ist durch die Freigabe des Ministeriums für Handel und Versorgung gesichert. Es steht zurzeit nur noch nicht fest, welche Betriebe die Verpflegung übernehmen.

Anlage 9 vom 5. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Bericht über die Normenfrage in der Zeit vom 22.3 bis 4.4.1955

Seit dem letzten Bericht haben die Diskussionen über die Einführung der TAN99 ab 1.4.1955 im Wismut-Gebiet100 nachgelassen.101 Es ist zu verzeichnen, dass die übergroße Mehrheit der Kumpel mit der Einführung der technisch begründeten Arbeitsnorm einverstanden ist. Es kommt zu Äußerungen wie z. B., »es wurde höchste Zeit, dass bei der Wismut nach technisch begründeten Normen gearbeitet wird« oder »da kommt es wenigstens nicht mehr vor, dass manche Kumpel 500 DM bis 700 DM und andere 1 200 DM bis 1 500 DM für ein und dieselbe Arbeit bekommen«.

Nach dem Stand vom 27.3.[1955] erklärten sich 98 % aller Kumpel des Wismut-Gebietes mit der Einführung der TAN102 einverstanden.

So haben z. B. die Brigaden des Schachtes 6 – Oberschlema – am 1.4.1955 das erste Mal nach neuen, technisch begründeten Normen gearbeitet. Unter anderem haben im Schachtfeld 11 alle Brigaden die neue Norm erfüllt. Dazu äußerte ein Brigadier: »Die neue Norm ist auf jeden Fall zu erfüllen. Wenn es mit dem Material 100%ig klappt, wird es keine Schwierigkeiten geben.«

Eine Brigade des genannten Schachtes verfuhr aus Anlass des ersten Tages der Einführung der TAN sowie der Parteiwahlen eine Stoßschicht und erreichte 160 %.

Im Schacht Schmierchau, [Bezirk] Gera, verfuhr eine Brigade aus dem gleichen Anlass ebenfalls eine Stoßschicht. Das Ergebnis im ersten Drittel war, dass die, aus drei Mann bestehende, Brigade 13,2 qm [sic!] Erz schaffte = 250 % nach der neuen Norm.

Negative bzw. feindliche Äußerungen sind weiterhin vereinzelt und enthalten keine wesentlichen neuen Argumente. Nachstehende Beispiele zeigen, wie der Klassenfeind versucht, gegen die Einführung der TAN unter den Kumpel Stimmung zu machen.

Ein Kollege vom Objekt I – Johanngeorgenstadt –: »Jetzt haben wir den Mist. Jetzt setzen sie die Normen höher, so etwas nennt sich nun unsere Errungenschaften. Über den Westen wird geredet. Wir wollen uns erst mal um uns kümmern. Der 17. Juni wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Denkt ihr vielleicht, dass der Arbeiter sich alles gefallen lässt? Schuften sollen wir wie die Blöden und immer weniger Geld verdienen. Wir werden es aber erleben, dass dann viele bei der Wismut aufhören, dann können sie ihre Leute mit der Laterne suchen. Im Westen haben sie das Streikrecht und bei uns müssen sie die Schnauze halten, das ist ja auch ein Arbeiterstaat. Genauso mit der Esserei, alles wird weniger. Aber ich kann nur das eine sagen, eines Tages wird es kommen, aber das wird schlimmer als das erste Mal und warum macht man die Normenerhöhungen, damit die Herren noch mehr Prämien bekommen.«

Am 28.3.1955 wurde ein Wismut-Kumpel aus Aue festgenommen, weil er eine wüste Hetze gegen die Deutsche Demokratische Republik und die Sowjetunion betrieb. Diese Hetze brachte er in Zusammenhang mit der neuen Norm, indem er versuchte, die Kumpel gegen die Einführung der TAN zu gewinnen. Er stellte die TAN als höchste Ausbeutung der Arbeiterklasse hin und versuchte weiterhin die Kumpel für einen neuen 17. Juni zu gewinnen.

Am 29.3.1955 fand im Nachtsanatorium103 – Niederschlema, [Kreis] Aue, – eine Belegschaftsversammlung statt, die sich mit der Entlarvung eines Provokateurs beschäftigte. An dieser Versammlung nahmen ca. 200 Kumpel und Angehörige des ITP teil. Dieser Provokateur betrieb ebenfalls im Nachtsanatorium eine wüste Hetze gegen die DDR und die SU. Im Verlauf der Versammlung nahmen ca. zehn Personen zum Verhalten des Genannten Stellung und verurteilten die provokatorische Tätigkeit auf das Schärfste. Außer zwei Diskussionsrednern forderten alle, dass er sofort aus dem Nachtsanatorium und aus der Wismut SDAG verwiesen wird und von den Staatsorganen der DDR übernommen und bestraft wird. Hierüber wurde ein Beschluss gefasst, welcher mit vier Gegenstimmen angenommen wurde. Die Stimmung der Versammlungsteilnehmer war positiv. (Genannter wurde festgenommen.)

In den Industrie- und Verkehrsbetrieben kommt es verschiedentlich vor, dass die Beschäftigten von sich aus eine Überprüfung der bestehenden Normen fordern, weil sie einsehen, dass sie nicht real sind und im Widerspruch zu Erhöhung der Beteiligten des Betriebes stehen.

Zum Beispiel stellte eine Jugendbrigade in der Maschinenfabrik Halle den Antrag, die Normen zur Herstellung von Elektrolysezellen zu überprüfen. Die Brigade ist der Meinung, dass durch technisch begründete Arbeitsnormen die Elektrolysezellen anstatt in 3 300 min. in 2 500 min. hergestellt werden können.

Im VEB Porzellan-Werk Kloster-Veilsdorf, [Bezirk] Suhl, forderte ein Teil der Kollegen ebenfalls eine Normenüberprüfung. Zum Beispiel waren zwei parteilose Kolleginnen der Meinung, dass durch die unreale Norm der Staat geschädigt würde. Durch die Überprüfung und Änderung der Normen können jährlich 12 000 DM eingespart werden.

Demgegenüber ist zu verzeichnen, dass sich ein großer Teil der Beschäftigten der Normüberprüfung oder Neufestsetzung ablehnend verhält. Dies ist aber auch zum größten Teil auf ungenügende vorherige Aufklärung zurückzuführen. Vereinzelt versuchen feindliche Elemente, diese Situation zur Hetze gegen unsere Partei und Regierung auszunützen.

In der E-Schweißerei der Warnowwerft wurde von einem Technologen (Gruppenleiter des Stahlschiffbaus) ohne Rücksprache mit der Werkleitung die Norm erhöht. Damit sind die Arbeiter nicht einverstanden – sie verdienen dadurch ca. 50,00 DM weniger – sie fordern deshalb eine Überprüfung der Norm. Dies benutzte ein feindliches Element der E-Schweißer zur Hetzte gegen unsre Partei und Regierung, indem er sagte: »Es ist eine Sauerei, dass jetzt wieder die Errungenschaften, die sich die Arbeiter am 17.6.1953 erkämpft haben, flöten gehen.«

Im MIW Demmin,104 [Bezirk] Neubrandenburg, liegt die durchschnittliche Ausnutzung des Maschinenparkes bei 65 %. Täglich werden 16 bis 17 Motore instandgesetzt. Da die Lohnsumme im Verhältnis zur Produktion zu hoch liegt und der Betrieb unrentabel arbeitet, wurde eine Überprüfung der Normen vorgenommen. Dabei zeigte sich, dass in den ersten Tagen der Überprüfung nur täglich acht Motore instandgesetzt wurden. Nach dem Stand vom 29.3.1955 ist im I. Quartal 1955 ein Planrückstand von 340 zu reparierenden Motoren zu verzeichnen.

Im VEB Gummiwerk »Elastik« Gotha, [Bezirk] Erfurt, löste die Normenüberprüfung Diskussionen aus wie z. B.: »Die haben ja schon einmal den Fehler gemacht und dann hat sich herausgestellt, dass sie die Normen nicht überprüfen dürfen. Wir verlangen schriftlich, ob sie dazu berechtigt sind.«

Anlage 10 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Über Lohnfragen

In den Industrie- und Verkehrsbetrieben geben neben anderen betrieblichen Unzulänglichkeiten verschiedentlich Lohnfragen Anlass zu Unzufriedenheit, was nachstehende Beispiel beweisen.

Im VEB Zeiss Jena konnte am 30.3.[1955] nur an ⅘ der Belegschaft der Lohn gezahlt werden, da der Betrieb nicht über genügend Geld verfügte. Dies löste unter den Betroffenen eine Missstimmung aus. Der fehlende Betrag von ca. 850 000 DM konnte nicht aufgebracht werden, da noch höhere Rechnungen ausstanden und auf dem Konto bei der Notenbank keine Deckung vorhanden war. Das zuständige Ministerium wurde sofort verständigt und von dort wurde der fehlende Betrag überwiesen, sodass am nächsten Tag der restliche Lohn ausgezahlt werden konnte.

Im VEB Werkzeugmaschinenfabrik Werk I in Zeulenroda, [Bezirk] Gera, besteht wegen des Verdienstes unter den Arbeitern eine Unzufriedenheit. Bei der vor vier Monaten vorgenommenen Produktionsumstellung ergaben sich Anlaufschwierigkeiten, sodass der Plan im I. Quartal 1955 nur mit 26 % erfüllt wurde. Dies wirkt sich auf den Verdienst aus. Die Arbeiter sind verärgert und erklären, dass die Angestellten ihr Geld weiter bekommen und die Arbeiter wären wieder die Dummen dabei.

Im VEB Armaturenwerk Falkenstein, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, herrscht unter den Drehern (ca. 30 Mann) wegen der Lohnzahlung eine schlechte Stimmung. Vor ca. drei Wochen wurde die Produktion von Regulierventilen aufgenommen. Der Durchschnittslohn belief sich bei den Drehern bis zu diesem Zeitpunkt auf 1,85 DM pro Stunde. Jetzt verdienen sie bei größerer Arbeitsintensität im Durchschnitt DM 1,15.

In den Deutschen Solvay-Werken in Osternienburg,105 [Bezirk] Halle, machte sich in den ersten drei Monaten des Jahres 1955 eine starke Abwanderung von Arbeitskräften bemerkbar. Allein im Monat März kündigten sieben Kollegen. Die angegebenen Gründe sind, dass der Betrieb wenig Lohn zahlt, die Arbeit gesundheitsschädlich ist und hinsichtlich sozialer Betreuung wenig getan wird.

Anlage 11 vom 4. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2438

Bericht über die Einführung des einheitlichen Dienstplanes im operativen Dienst der Deutschen Reichsbahn

Die Ursachen der ablehnenden Diskussionen eines Teiles der Eisenbahner zur Einführung des neuen Dienstplanes106 lag vor allem in der mangelhaften und zu spät erfolgten Aufklärung über den Zweck und Ziel dieses einheitlichen Dienstplanes.

Die Stimmung der Eisenbahner wurde noch negativ beeinflusst durch das schlechte Auftreten zahlreicher Gewerkschaftsfunktionäre. Durch das Fehlen entsprechender Anleitungen der übergeordneten Gewerkschaftsorgane, wurden mit Umständen die Betriebsgewerkschaftsleitungen selbst zu Trägern negativer Stimmung. Auch einzelne Dienstvorsteher und Sekretäre der BPO nahmen eine schwankende oder ablehnende Haltung zum Befehl des Ministers für Verkehrswesen107 ein und setzten sich nicht konsequent für die Durchführung ein.

Zur offenen Feindtätigkeit kam es nur vereinzelt und eine ernsthafte Streikstimmung war in keinem Objekt der Deutschen Reichsbahn zu verzeichnen.

Durch der Situation entsprechend eingeleitete Maßnahmen hat sich die Stimmung allgemein beruhigt und bis jetzt wickelt sich der Betrieb ohne Störung nach dem neuen Plan ab. Auf einzelnen Bahnhöfen, wie z. B. in Frankfurt/Oder, Wuhlheide, Pasewalk und Prenzlau kam es sogar zu Hochleistungsschichten.

Die Maßnahmen erstrecken sich im Einzelnen auf die Durchführung einer intensiven Aufklärung, auf die Anwendung der Disziplinarordnung der Reichsbahn bei Verstößen gegen den neuen Dienstplan sowie in der Sicherung der Schwerpunktbahnhöfe, durch den Einsatz der Transportpolizei.

Dadurch ist feindlichen Elementen die Möglichkeit zu provokatorischen Handlungen bei der Durchführung des neuen Dienstplanes genommen.

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    7. April 1955
    Informationsdienst Nr. 2439 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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