Zur Beurteilung der Situation in der DDR
7. April 1955
Informationsdienst Nr. 2439 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Die Frage der Verteidigungsmaßnahmen, wie z. B. die Stärkung der Kampfgruppen,1 die vormilitärische Ausbildung in der GST, sowie die Werbung junger Genossen und FDJ-Mitglieder zur KVP,2 gewinnt in den Diskussionen der Werktätigen in den Betrieben immer mehr an Bedeutung.3
Dabei zeigt sich neben einer ganzen Reihe positiver Beispiele der Bereitschaft, unsere Errungenschaften zu verteidigen, dass sich ein großer Teil der Beschäftigten, besonders Jugendliche, passiv und ablehnend zu diesem Problem verhält.4 Es sind nicht wenig junge Genossen und FDJler, die nicht bereit sind, freiwillig in die Reihen der KVP einzutreten oder den Kampfgruppen sowie der GST beizutreten.
Zum Beispiel besteht im VEB »Elastik« Gotha5 unter dem größten Teil der jungen Genossen eine Abneigung, zur KVP zu gehen.
Unter den Lehrlingen der Lehrwerkstatt in der Peenewerft besteht wenig Bereitschaft, in der GST mitzuarbeiten. Zum Beispiel sagte ein Lehrling (FDJ): »Ich habe bisher am Motorsport der GST teilgenommen. Das letzte Mal waren nur fünf Mann dort. Wenn das mit den Schießübungen so weitergeht, gehe ich auch nicht mehr hin. Auch die anderen Freunde wollen mit dem Schießen und der militärischen Ausbildung nichts zu tun haben.«
In der Abteilung Kranführung des Stahlwerkes Riesa traten sechs Mann wegen der vormilitärischen Ausbildung aus der GST aus.
Im VEB Schuhfabrik Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde durch den Betriebsfunk bekannt gegeben, dass sich ein Jugendlicher freiwillig zur KVP gemeldet habe. Dies löste Diskussionen aus, wie z. B., »der muss verrückt sein«, »wir haben kein Interesse daran« oder »ohne uns«.
Von den im Magdeburger Kreis angesprochenen Jugendlichen lehnten ca. 45 bis 50 Prozent ab, zur KVP zu gehen.
Am häufigsten ist das Argument, vor allem bei den Jugendlichen, dass sie nicht freiwillig zur KVP gehen. Was anderes wäre es dann, wenn die Wehrpflicht beschlossen würde. Dann würden sie sich nicht weigern. Die Ablehnung wird mit den verschiedensten Ausflüchten begründet, wie z. B., sie möchten ihren Beruf sowie ihre persönliche Freiheit nicht aufgeben, darüber könnten sie nicht allein entscheiden und anderes mehr. Unter anderem lehnten im Wismut-Schacht6 15 b – Oberschlema – alle angesprochenen 39 Jugendfreunde mit der Begründung ab, dass sie nicht freiwillig zur KVP gehen wollen.
Wenn es um den Beitritt zu den Kampfgruppen geht, kommen viele mit dem Argument, die Lage wäre noch nicht so ernst, dass sie ihre Bereitschaft zur Verteidigung erfordere und wenn es soweit ist, wären sie auch zur Verteidigung unserer Errungenschaften bereit. Zum anderen spielen die pazifistischen Tendenzen eine vorrangige Rolle unter den Parteilosen sowie auch unter einem Teil der Genossen.7 Neben der vielfach üblichen Meinung, kein Gewehr wieder in die Hand zu nehmen, kommt es auch verschiedentlich zu der Ansicht, »wenn bei uns nicht geschossen wird, wird auch von drüben keiner schießen«.
Es bedarf noch einer großen Aufklärung, um die pazifistischen Tendenzen sowie die passive Haltung eines großen Teiles der Werktätigen in den Betrieben zu überwinden und die Bereitschaft zur Verteidigung unserer Errungenschaften zu erhöhen.
Nicht zu unterschätzen ist weiterhin die unzufriedene Stimmung über die Versorgungslage. Wenn auch der Umfang der Diskussionen zurückgegangen ist, so sind doch die Äußerungen in der Mehrzahl negativ. Besondere Verärgerung besteht über die jetzige Qualität des Brotes.8 Es kommt vielfach zu Äußerungen wie z. B., dass es nicht vorkommen dürfe, dass nach zehn Jahren Kriegsende solch schlechtes Brot gebacken wird. Oder, »das ist nun der versprochene Lebensstandard für 1955.«9 Zum anderen wird viel über die Verknappung von HO-Lebensmitteln, besonders über Fettigkeiten gesprochen. Dabei wird nach wie vor erwähnt, dass es erst wieder zu einem 17. Juni10 kommen muss, damit dann alles wieder zu haben ist.11
Feindliche Elemente benutzen diese Situation zur Hetze gegen unsere Partei und Regierung und drohen entweder mit einem neuen 17. Juni oder verbreiten Gerüchte.
Unter anderem wurde in verschiedenen Abteilungen des Elektrochemischen Kombinates Bitterfeld der Vers in Umlauf gebracht: »Schwarzes Brot, dünnes Bier,12 Grotewohl13 wir danken dir.«
Dies ist noch in mehreren Betrieben des Bezirkes Halle der Fall.
Im Waschmittelbetrieb des Leuna-Werkes wird durch RIAS-Hörer14 eine schlechte Stimmung unter die Kollegen gebracht. Unter anderem sagte ein Genosse: »Ich schäme mich, Mitglied der Partei zu sein, weil die Partei zurzeit nichts gegen die jetzt herrschenden Verhältnisse unternimmt. Wir stehen mit unserer Entwicklung wieder wie vor dem 17. Juni 1953.«
Ein Diplomingenieur aus der Hydrierung des gleichen Werkes sagte gegenüber dem Parteisekretär: »Sie mit ihren Versammlungen. Sorgen sie lieber dafür, dass es genügend zu kaufen gibt. Drüben würde bei einer solchen Situation gestreikt. Hier aber dürfen es die Arbeiter nicht.«
Neben dieser Unzufriedenheit über die Versorgungslage, erzeugen vielfach betriebliche Unzulänglichkeiten eine schlechte Stimmung unter den Beschäftigten. Zum Beispiel ist dies auf einzelnen Baustellen der Bau-Union Kohle Cottbus zu verzeichnen. Dies ist zum Teil auf folgende Einsparungsmaßnahmen zurückzuführen.
Die Kollegen von auswärts erhielten alle acht Wochen eine Heimreise bezahlt. Jetzt ist es so geregelt, dass diejenigen, die fünf Stunden Fahrzeit haben, nicht mehr darunterfallen. Davon sind ca. 80 bis 85 % der Belegschaft betroffen. Des Weiteren erhielten diejenigen, die über das Wochenende nicht nach Hause fuhren, auf ihren Baustellen Mittagessen. Jetzt bekommen es nur die, welche sonntags arbeiten.
Zum anderen ist die Ursache der schlechten Stimmung auf die unzureichende Arbeitsorganisation auf den einzelnen Baustellen, vor allem im Wohnungsbau Lauchhammer, zurückzuführen. Dort ist es z. B. vorgekommen, dass am 4.4.1955, aufgrund von Materialschwierigkeiten, eine Brigade erst ab 12.00 Uhr arbeiten konnte.
Der zuständige Oberbauleiter sagte den Kollegen, dass er keine Arbeit für sie hätte und dass sie deshalb Urlaub nehmen sollten. Daraufhin hat die Brigade (neun Kollegen) gekündigt. Eine Aussprache mit den Kollegen ergab, dass sich drei Bedenkzeit ausbaten, die übrigen aber bei ihrer Absicht blieben.
Auf der Baustelle Neu-Welzow herrscht Unzufriedenheit darüber, dass neueingestellte Kollegen keine Unterkunft haben. Zum Beispiel schlafen in Zimmern für vier Personen acht Mann.
Drei Komplexbrigaden von der Baustelle Brand bei Lübbenau forderten für die Hilfsarbeiter die Bezahlung nach Lohnstufe V. Nach dieser Lohnstufe werden aber nur Facharbeiter bezahlt. Anderenfalls wollen sie die Arbeit niederlegen.
Auf dieser Baustelle würde nach Meinung eines Instrukteurs der Gewerkschaft, besonders unter den Jugendlichen die Drohung ausgesprochen, »bald gibt es wieder einen 17. Juni, darauf warten wir schon«. Der Grund dafür sei, dass sie laufend in andere Lohngruppen eingestuft würden.
Diese schlechte Stimmung in der Bau-Union Kohle wäre nicht zu verzeichnen, wenn die BPO und die BGL die zum Teil zu Recht bestehenden Maßnahmen zur Einsparung von finanziellen Mitteln vorher mit den Brigaden besprochen hätten. Da man diese Anweisung den Kollegen nur in Form von Aushängen klar gemacht hat, bzw. die Kollegen am Lohntag feststellen, dass sie weniger Lohn erhielten, war es möglich, dass sich eine solche Stimmung entwickelte. Auf den einzelnen Baustellen kommt es vor, dass die BGL einer Aufklärung ausweicht und den Kollegen sagt, dass sie als Funktionäre nichts dafür können, da es Anweisungen von oben seien.
Beim VEB (K) Bau Parchim, [Bezirk] Schwerin, kündigten drei Brigaden (22 Kollegen) mit der Begründung, dass sie bei der Bau-Union Schwerin besser bezahlt würden. Zum Teil trifft die Betriebsleitung die Schuld, da sie nicht versteht, die Arbeit auf den Baustellen richtig zu organisieren. Obwohl genügend Baumaterial vorhanden ist, entsteht ein erheblicher Teil Wartestunden, die sich auf den Verdienst der Kollegen auswirken.
Bei den schon des Öfteren benannten Schwierigkeiten wie z. B. schlecht organisierter Arbeitsablauf, schlechte Qualitätslieferungen, Planänderungen, Nichtauslastung der Produktionskapazität u. a. mehr, spielen die Materialschwierigkeiten eine vorrangige Rolle. Die Ursache ist meist, dass die Zubringerbetriebe nicht termingemäß liefern, oder das Material aus dem DDR-Aufkommen nicht ausreicht und Importlieferungen nicht rechtzeitig eintreffen usw. Dadurch wird der planmäßige Produktionsablauf gehemmt und eine Unzufriedenheit unter den Beschäftigten erzeugt. Wie sich die Behebung dieser Schwierigkeiten positiv auf die Stimmung der Werktätigen auswirkt, zeigt folgendes Beispiel.
Ein Arbeiter (SED) von der Kabelkrananlage der Mathias-Thesen-Werft in Wismar sagte: »Die noch vor Kurzem bei uns herrschende Arbeitskrise, besonders im Schiffneubau, ist zurzeit behoben. Jetzt führen alle Kollegen mit Freude ihre Arbeit durch und geben ihrer Hoffnung Ausdruck, dass nicht wieder durch Materialschwierigkeiten eine Arbeitsflaute eintritt.«
Im VEB Baubetrieb (Kanalisierung) Rathenow, [Bezirk] Potsdam, äußerten mehrere Kollegen, dass es mit der Materialversorgung noch nie so schlecht war wie jetzt, trotzdem die Vertragsstrafen bestehen. Ihrer Meinung nach war in wirtschaftlicher Hinsicht 1951 das beste Jahr.
Wenn im VEB IFA-Lenkgetriebewerk Triptis, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera, der zurzeit bestehende Engpass in der Materialversorgung nicht behoben wird, muss der Betrieb stillgelegt werden. Die Ursache ist, dass die DHZ-15Metallurgie Poldi-Hütte16 in Leipzig, die DHZ Maschinen- und Fahrzeugbau Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Zwickau und Erfurt verschiedene Materialkontingente abgesagt haben. Der Betrieb ist der einzigste [sic!], der in der DDR für die gesamte Kfz-Industrie Lenkungen herstellt.
Im VEB Walzwerk »Willy Becker« in Kirchmöser, [Bezirk] Potsdam, fehlt es an Vormaterial. Das Stahl- und Walzwerk Gröditz hat noch ca. 3 000 t Vormaterial zu liefern. Dadurch ist eine schwierige Situation entstanden und es wird in Erwägung gezogen, das Werk während der Urlaubszeit zu schließen, um die Materialdecke zu strecken.
Im VEB Glühlampenwerk Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fehlen Sockel für die Herstellung von Glühlampen. Der Zubringerbetrieb in Klüsow17 hält die Lieferungen nicht ein. Der Quartalsplan wurde dadurch nur mit 90 % erfüllt.
Im VEB Zigarettenfabrik Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, mangelt es an Verpackungsmaterial, da der Zulieferbetrieb Kartonagenwerk Annaberg nicht termingemäß liefert. Dadurch kann der VEB zum Teil termingebundene Lieferverträge für das II. Quartal nicht einhalten.
Im VEB Grubenlampenwerk Zwickau lagern zurzeit ca. 10 000 Stück DK-Lampen. Diese wurden in großen Mengen produziert und jetzt ist kein Absatz dafür vorhanden. Außerdem lagern noch viele Ersatzteile im Betrieb und die Belegschaft stellt die Frage, ob dies mit dem 21. Plenum18 in Einklang zu bringen sei.
Dem VEB Ruma Mittweida,19 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde von einer volkseigenen Gießerei in Zwickau Guss geliefert, der größtenteils Ausschuss ist. Dieser Guss wird aber trotzdem für Maschinen, die für den Export bestimmt sind, verwendet. Die Arbeiter äußern darüber, dass dies nichts mehr mit Qualitätsarbeit zu tun habe.
Der VEB »Plauener Damenkonfektion« erhielt laut Vertragslieferung von den Textilwerken in Neumark 10 000 qm Druckstoffe und weitere 10 000 qm sollen in den nächsten Tagen noch geliefert werden. Bei den vom Druckwerk Frohburg gedruckten Stoffen ist der Druck ganz schief, sodass sie nicht zu Kleidern zu verarbeiten sind.
Die durch das Ministerium für Maschinenbau von der HV Elektromaschinenbau dem VEB TRO Karl Liebknecht Berlin übertragene Planauflage konnte nur mit 69 % vertraglich gebunden werden.
Es müssen deshalb, wenn keine Änderung eintritt, ca. 1 000 Mann entlassen werden. Ähnlich ist es auch im VEB Bergmann Borsig Berlin. Dort ist ein Drittel der Planauflage auftragsmäßig nicht gedeckt.
Im VEB Schamotte- und Klinkerwerke Meißen, [Bezirk] Dresden, bestehen Schwierigkeiten in der Kohlenversorgung. Täglich werden 180 t benötigt und es ist immer nur für einen Tag eine Reserve da. Es besteht die Gefahr, dass die Öfen ausgehen und ein großer Schaden entsteht.
Im Jugendkraftwerk Trattendorf20 entstanden am 4.4.1955, gegen 18.05 Uhr, infolge Sprengung des alten Wasserturmes, der von neuen Bauobjekten umgeben ist, Schäden am neuen Kesselhaus und in den Rohstutzen der Kesselanlagen. Ursache: Zu starke Sprengladungen. Schaden ca. 15 000 DM.
Am 4.4.1955 wurden im VEB Waggonbau Niesky zwölf Radsätze vermutlich mittels Schweißhammer an den Achsschenkeln beschädigt.
Am 5.4.1955, gegen 5.30 Uhr, wurde in dem VEB Jutespinnerei Meißen, [Bezirk] Dresden, der Wasserablasshahn an der Dampfmaschine von unbekannten Tätern abgedreht. Durch rechtzeitiges Eingreifen des Maschinisten wurde größerer Schaden verhindert.
Im VEB Lederwaren Apolda, [Bezirk] Erfurt, wurden in der Klosettanlage der Zuschneiderei zwei Hakenkreuze mit einem Stift an die Wand gemalt.
Am 27.3.1955 erhielt die FDJ-Grundeinheit des Schachtes 18 – Johanngeorgenstadt – der Wismut ein gefälschtes Schreiben vom Stahl- und Walz-Werk Riesa, wonach ihnen die Besichtigung des Werkes durch die FDJ-Grundeinheit gestattet wäre.
In der Abteilung Montageschlosserei des VEB Waggonbau Görlitz berichteten Arbeiter von einem in der Stadt Görlitz kursierenden Gerücht, dass in der LOWA wegen Butter gestreikt würde.
In der Nossener Papierfabrik,21 [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass im VEB Jutespinnerei Meißen 70 Personen festgenommen wären, weil sie gesagt hätten: mehr und bessere Arbeit leisten und zu essen gibt es immer weniger.
Ein Lokomotivführer aus Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, verbreitete das Gerücht: »Sämtliche Fahrkarten nach Berlin sind von der Reichsbahn gesperrt. Das gleiche trifft auch für Interzonenreisende zu, da die Grenzen geschlossen seien.«
In der Abteilung Werkzeugbau des VEB MKB Döbeln,22 [Bezirk] Leipzig, wird das Gerücht verbreitet, dass alle Personen im Alter von 18 bis 40 Jahren keine Erlaubnis mehr zu einem Besuch in Westdeutschland erhielten.
Versorgung der Bevölkerung
Die Versorgung ist für die Osterfeiertage sichergestellt, sodass augenblicklich keine ernsten Schwierigkeiten aufgetreten sind. Der Mangel an HO-Butter, HO-Schmalz und Mehl hält in einem Teil der Verkaufsstellen jedoch noch weiter an.
Verschiedentlich kommt in den Diskussionen über die Versorgungslage zum Ausdruck, dass die Versorgungsschwierigkeiten nicht auf eine Lebensmittelknappheit in der DDR zurückzuführen seien, sondern die Schuld daran einige Wirtschaftsfunktionäre tragen würden, die diese Lage durch schlechte Arbeit verursacht hätten.
Die negativen Diskussionen der Bevölkerung zur Versorgung werden besonders von Hausfrauen, die über die nicht erhaltenen Waren verärgert sind, geführt. Sie richten sich häufig gegen die Politik unserer Regierung und unsere Wirtschaft. Es ist bei den negativen Diskussionen jedoch festzustellen, dass sie im Moment erheblich zurückgegangen sind. Vereinzelt wird noch mit einem neuen 17. Juni gedroht.
Zum Beispiel äußerte sich eine Hausfrau aus Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, wie folgt zur Versorgungslage: »So eine Schweinerei, wie sie jetzt ist, habe ich in den schlechten Zeiten nicht erlebt. Vor ein paar Jahren war es schon miserabel, aber jetzt zehn Jahre nach Kriegsschluss gibt es fast gar nichts mehr. Mein Mann hat es schon satt. Na, es wird nicht mehr lange dauern, dann platzt der Laden.«
Es gibt aber auch Stimmen, die das Verhalten derjenigen, die sich durch RIAS-Parolen aufhetzen ließen und negativ über die DDR sprechen, verachten und dementsprechend mit diesen Personen diskutieren:
So sagte z. B. eine Frau aus Potsdam: »Es kann niemand bei uns sagen, er müsste hungern. Zurzeit gibt es wieder Leute, die meckern, da augenblicklich das Brot so dunkel ist und es keine HO-Butter gibt. Es ist klar, dass es durch die schlechte Ernte 1954 einige Versorgungsschwierigkeiten geben muss. Aber ich bin der Meinung, das wichtigste ist, den Frieden zu erhalten. Gerade die heute meckern haben nach 1945 gesagt: lieber zehn Jahre trocken Brot essen, als wieder einen neuen Krieg erleben. In Westdeutschland geht es nur denen gut, die ihre feste Arbeit haben. Die Mehrzahl der Erwerbslosen, die von ihrer Unterstützung leben müssen, kämpfen um ihr Dasein.«
Die Diskussionen über die neue Brotsorte halten weiter an. Es sind im Wesentlichen die gleichen Argumente wie an den Vortagen, wie z. B. das Brot ist klebrig, ungenießbar usw. und die Regierung hätte der Bevölkerung den versprochenen Wohlstand nicht gebracht.
In der Otto-Guericke-Schule23 in Magdeburg (Klasse 10a) traten einige Schüler mit feindlichen Losungen auf und schrieben an die Wandtafel: »10 Jahre zurück – dunkles Brot 0,75 DM – HO hat keine Butter und keinen Zucker.« Es handelt sich um drei Schülerinnen, die aus bürgerlichen Kreisen stammen.
Unter einigen Mühlenbesitzern wird Klage geführt, dass sie nicht genug Weizen zum Mahlen hätten, um die Verkaufsstelle beliefern zu können.
So haben z. B. die Mühlen des Kreises Neubrandenburg keinen Weizen mehr, um Mehl auszumahlen. Das bedeutet, dass ab sofort die Bäcker kein Mehl mehr erhalten und sie aufgrund dessen kein Brot mehr backen können. Es wurden zunächst allen Mühlen 30 t Weizen bewilligt, die jedoch nur bis Ostern reichen, sodass nach Ostern wieder der gleiche Zustand besteht.
Aus dem Bezirk Dresden wird bekannt, dass durch ungenügende Importlieferungen an Eiern die Versorgung über die Osterfeiertage nicht gewährleistet ist.
Von Geschäftsleuten sowie Objektleitern der HO und des Konsum wird über die schlechte Qualität der Uhren der »Klement-Gottwald-Werke« in Ruhla24 Klage geführt.
So wurden z. B. in einer Verkaufsstelle des Kreisbetriebes der HO-Industriewaren Weißensee in einer Woche 15 bis 20 Uhren wegen vorhandener Mängel aussortiert. Die gleiche Zahl Uhren wird von den Kunden innerhalb der Garantiezeit reklamiert. So wurden von dieser Verkaufsstelle im Monat Januar 40 Uhren an das Werk zurückgesandt.
Die Lage in der Landwirtschaft
Im Vordergrund steht jetzt in der Landwirtschaft die schnellste Durchführung der Frühjahrsbestellung, um die Verzögerung der Aussaat durch das anhaltende Winterwetter in kürzester Zeit wieder aufzuholen. Aus diesem Grunde sind die politischen Gespräche noch mehr als sonst in den Hintergrund getreten.
Vereinzelt wird jetzt von Arbeitern der MTS, Genossenschaftsbauern und vor allen Dingen auch von Jugendlichen auf dem Lande über die Maßnahmen zur Verteidigung der DDR gesprochen.
Zu einem großen Teil werden pazifistische Meinungen laut, die besagen, »nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen nicht mehr Soldat spielen zu wollen, nicht gegen die Brüder und Schwestern in Westdeutschland schießen zu wollen usw.«
So sagte z. B. ein Traktorist aus der MTS Passow, [Bezirk] Schwerin: »Ich bin für den Frieden und will nicht mehr Soldat spielen.«
Ein anderer Traktorist von der MTS Putlitz, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam: »Volkspolizist will ich nicht werden, denn ich war schon einmal Soldat und außerdem will ich nicht gegen meine Geschwister kämpfen.«
Es kommt vor, dass teilweise Genossen unserer Partei pazifistische Tendenzen haben und die gleichen Argumente wie Parteilose bei der Werbung zur Volkspolizei oder Werbung in die Kampfgruppen vorbringen.
So brachte z. B. auf einer am 28.2.1955 in der MTS Lübstorf, [Bezirk] Schwerin, stattgefundenen Versammlung ein Kandidat unserer Partei zum Ausdruck, dass durch den Beschluss unserer Partei, die Genossen im Alter von 18 bis 22 Jahren in die Reihen der KVP eintreten sollen.25 Dazu sagte er: »Ich bin der Meinung, dass dieser Beschluss für mich nicht bindend ist. Ich ziehe keine Uniform an. Ohne mich. Dann sollen sie die Wehrpflicht einführen, dass wir gehen müssen, weil wir ja sonst eingesperrt werden. Freiwillig gehe ich nicht.«
Ein anderer Kandidat unserer Partei, beschäftigt in der MTS Züsedom als Schlosser (Neubrandenburg) äußerte: »Ich will drei Jahre auf die Fachschule gehen, um somit unserer Partei in der Landwirtschaft zu helfen. Zur KVP soll man solche Personen nehmen, die eventuell keinen Beruf haben oder nicht solche Entwicklungsmöglichkeiten wie ich.«
Es gibt aber auch solche, die durchaus die augenblickliche Situation und die Gefahr eines neuen Krieges, den die Westmächte vom Zaune brechen wollen, erkannt haben. Sie sind aus diesem Grunde bereit, entweder in die Kampfgruppen einzutreten, oder wollen sich freiwillig zur KVP melden, damit sie sich vorbereiten können, die Errungenschaften der DDR mit der Waffe in der Hand verteidigen zu können.
So verpflichtete sich z. B. aus der MTS Passow, [Bezirk] Schwerin, eine Brigade als einzige geschlossen der Kampfgruppe beizutreten. Ältere Genossen von der MTS Kospota, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera, erklärten, dass sie, wenn bei Sport und Technik eine militärische Ausbildung beginne, sie diese sofort mitmachen wollten.
Die Frühjahrsbestellung ist jetzt im vollen Gange.
Traktoristen von der MTS, Genossenschaftsbauern, usw. versuchen, durch Verpflichtungen und Schichtarbeiten die Aussaat in kürzester Zeit zu vollenden.
So verpflichteten sich z. B. die Traktoristen der MTS Nonnendorf, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, im Schichtsystem zu arbeiten, um die Frühjahrsaussaat schnellstens zu beenden. Dazu sagte ein Brigadier: »In meiner Brigade habe ich keine Angst, dass wir unser Ziel nicht schaffen, denn sämtliche Maschinen sind mit Schichtfahrern besetzt. Jedoch können aufgrund der Bodenverhältnisse die Arbeiten nicht in allen Brigaden zur gleichen Zeit aufgenommen werden, deshalb soll eine Brigade der anderen helfen.«
Der Vorsitzende der LPG Waltersdorf, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, sagte: »Ich habe keine Befürchtungen zur Frühjahrsbestellung, unser Saatgut steht schon alles bereit und wenn es losgeht, können wir in drei Tagen fertig sein.«
Vereinzelt wird diskutiert, dass es noch zu nass wäre auf den Feldern und aus diesem Grunde die Aussaat noch nicht durchgeführt werden könnte.
In Niedertrebra, [Kreis] Apolda, [Bezirk] Erfurt, lässt z. B. aus diesem Grunde kein einziger Bauer die MTS auf seinem Feld arbeiten.
Im Zusammenhang mit der Vorbereitung zur Frühjahrsbestellung werden immer wieder Beispiele bekannt, wie die Bauern über den Mangel an Saatgut Klage führen. Sie sind durch ungenügendes Saatgut nicht in der Lage, die Frühjahrsbestellung ordnungsgemäß durchzuführen. Es fehlt vor allem an Rüben und Kleesamen. Des Weiteren besteht Mangel an Zwischenfruchtsamen. Bei Saatkartoffeln macht sich des Öfteren bemerkbar, dass sie nicht zur Saat verwendet werden können, weil sie entweder von Braun- oder Trockenfäule befallen sind.
In der LPG Neu Dessow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, sind durch die Schuld des ehemaligen Vorsitzenden ca. 300 Zentner Kartoffeln erfroren, sodass sie weder für den menschlichen Genuss, noch zum Füttern der Tiere Verwendung finden können. Diese Kartoffeln waren als Pflanzkartoffeln eingeplant.
Futtermangel besteht weiter in den landwirtschaftlichen Betrieben, besonders ÖLB, LPG und VEG. Es ist so, dass die Bauern zum Teil dazu übergehen, Brot als Kraftfutter an das Vieh zu verfüttern. Das bedeutet, dass dadurch eine ernsthafte Gefährdung der Versorgung der Bevölkerung mit Brot auftreten kann.
Dazu erklärte z. B. ein Großbauer26 aus der Gemeinde Müggendorf, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin: »Es hilft mir niemand, meine Schweine vor dem Verhungern zu schützen, deshalb muss ich eben so verfahren.« In dieser Gemeinde gehen die Bauern allgemein dazu über, Brot als Kraftfutter zu verwenden.
In der LPG Testorf, [Kreis] Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, gibt es seit 15.1.1955 kein Futter mehr. Aus diesem Grunde sind dort 37 Stück Vieh verendet, bzw. wurden notgeschlachtet.
Schweinepest
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
In der LPG Oettelin, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin. Bestand: 265 Schweine verendet: 13 Schweine, notgeschlachtet: 182 Schweine.
Auf dem VEG Steglitz, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, (am 2.4.1955). Bestand: 112 Schweine, verendet: sechs Schweine, notgeschlachtet: zwölf Schweine
In der LPG Buchholz, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sind innerhalb einiger Wochen 46 Ferkel verendet. Die Schuld trägt der ehemalige (jetzt inhaftierte) Schweizer, der der Milch für die Ferkel irgendwelche Zusätze beifügte, an welchen die Ferkel verendeten.
Vom VEG Pommritz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, werden der Kadaververwertung laufend verendete Ferkel zugeführt. Bis März 1955 war die Anlieferung normal. Am 5.4.1955, gegen 8.00 Uhr, wurden 130 Ferkel, die angeblich tot geboren wurden, angeliefert.
Am 4.4.1955 wurde das Gut bereits einmal aufgesucht und dabei festgestellt, dass innerhalb von 14 Tagen bereits 90 Ferkel verendet waren.
Seit Februar haben im Kreis Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, 75 Bauern den Antrag auf Abgabe ihrer Wirtschaft gestellt. In allen Fällen wird dabei angegeben, dass sie wegen Krankheit oder hohem Alter nicht mehr in der Lage sind, die Wirtschaften weiter zu bearbeiten.
Des Öfteren führten die Bauern aus der Gemeinde Neuhof, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, Beschwerden darüber, dass sie nicht in Ruhe ihre Felder bestellen können, weil diese in der Schusslinie des Übungsplatzes der sowjetischen Freunde liegen. Seit dem 1.4.1955 wird wieder von der Sowjetarmee in Parchim geschossen. Die in der Nähe liegenden Felder können nicht bestellt werden. Die Bauern fordern daher entweder die Absetzung der betreffenden Flächen vom Soll, oder aber genaue Einhaltung der Schusszeiten. Bei einer Bauernversammlung erklärte ihnen der Vorsitzende der DBD Goldenbaum,27 dass sich eine Delegation der Bauern an den Kommandanten von Parchim wenden soll, um diese Angelegenheit zu klären.
In einigen Gemeinden im Kreis Meiningen geht das Gerücht um, dass in Kürze wieder Kleiderkarten eingeführt werden.
Von einem Traktoristen des MTS-Stützpunktes Grabow, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurde an einen Traktor mit Rohöl ein Hakenkreuz angeschmiert. Ein anderer Traktorist fuhr mit diesem Traktor mehrere Male durch das Dorf, da er verlangte, dass der erstere es wieder entfernen müsse.
Am 1.4.1955 wurde von unbekannten Tätern an der Tür des Gemeindebüros Zauchwitz, [Kreis] Potsdam-Land, ein Zettel mit folgendem Inhalt angebracht:
»Rösch28 (Bürgermeister) sieh zu, dass Du bald Deine Stellung aufgibst, ehe man Dir die Fratze nach hinten dreht. Denke nicht was Du bist. Du bist ein Schlot, denn Deine Schandtaten sind nicht vergessen, Du Schlot. Also rück ab, bei Zeiten.«29
Zu bemerken ist, dass der Bürgermeister das einzigste [sic!] Mitglied der SED innerhalb dieser Gemeinde ist.
Vor dem Postamt in Michendorf, [Kreis] Potsdam-Land, wurde an einem Baum ein handgeschriebener Zettel mit hetzerischem Inhalt angebracht: »Achtung! Ost – West-Händler!« (Überschrift.)
In dem Inhalt wird ein Genosse, welcher Mitglied der Revisionskommission Potsdam-Land, sowie Oberkontrolleur beim AZKW ist, provokatorisch angegriffen. In dem Zettel kommt zum Ausdruck, dass er mit der VP in Verbindung stehe und dadurch unbehindert Schieberware nach Westberlin verbringen kann.
Einschätzung der Situation
Der Abwurf feindlicher Hetzschriften hat etwas nachgelassen. Sonst ist die Lage30 unverändert.
Anlage 1 vom 7. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2439
Analyse über eine Viehzählung am 3.3.1955
Eine Analyse über die Viehzählung vom 3.3.1955 im Bezirk Neubrandenburg ergab folgendes Bild:
Eine Auswertung nach Gemeinden hat gezeigt, dass in verschiedenen Kreisen nur ca. 10 bis 15 % der Gemeinden die Viehhaltepläne31 erfüllt haben.32
So erfüllten z. B. im Kreis Neustrelitz von 70 Gemeinden nur sechs den Viehhalteplan und 30 liegen weit unter dem Bezirksdurchschnitt. Den niedrigsten Erfüllungsstand haben die ÖLB33 zu verzeichnen, doch zeigen auch die LPG noch erhebliche Fehlbestände auf.34 Die Ursachen liegen überwiegend darin, dass die erforderlichen Stallungen für die Unterbringung der Tiere nicht vorhanden sind.
Als Beispiel sei hier der ÖLB Krumbeck genannt, der mit seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche von rund 200 ha keinen Viehbestand hat.35 Hier sind auch keine Unterbringungsmöglichkeiten gegeben, da sämtliche Stallungen der LPG übergeben wurden. Hinzu kommt noch, dass es sehr vielen LPG und ÖLB, aber auch Einzelbauern an Futtervorräten mangelt, bzw. diese fast aufgebraucht sind und die Tiere zum Teil nur noch Erhaltungsfutter bekommen. Deshalb konnten, obwohl die erforderlichen Kredite zur Aufstockung des Viehbestandes in den ÖLB zur Verfügung standen, diese keine Jungrinder aufnehmen. Auch wurden in den letzten drei Monaten 1 186 Stück Kälber mehr geschlachtet, wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Das durchschnittliche Lebensalter der Kühe beträgt nur sechs bis sieben Jahre. Desgleichen ist das Abkalbergebnis nur ca. 65 %. Die Ursachen hierfür sind, dass ca. 30 bis 40 % des Bestandes an Tbc und Sterilitätserscheinungen erkrankt sind, welches sehr durch die unsachgemäße Fütterung, die Unterbringung in nassen und dumpfen Ställen begünstigt wird.
Hierzu ein Beispiel:
Die Jungrinder in der Gemeinde Rechlin, [Kreis] Neustrelitz, sind in der Gemeinde Retzow, [Kreis] Neustrelitz, untergebracht. Sie können aber nur sehr mangelhaft gefüttert werden, sodass fast alle Jungrinder an Räude bzw. Tbc erkrankt sind. Sie stehen in einer ehemaligen Scheunendurchfahrt, wo Türen und Fenster entzwei sind, wodurch sie der Zugluft ausgesetzt waren.
Anlage 2 vom 7. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2439
Betriebskollektivverträge 1955
Vielfach kommt es vor, dass in den Versammlungen, in denen über den BKV36 gesprochen wird, Forderungen hinsichtlich der Lohnfrage, Erschwerniszulage, Urlaubsregelung und anderes mehr erhoben werden. Vereinzelt tragen die Forderungen provokatorischen Charakter. Zum anderen kritisieren die Beschäftigten in den Industrie- und Verkehrsbetrieben, dass ihnen mitunter die Entwürfe des BKV nicht rechtzeitig unterbreitet werden, sondern erst kurz vor den Versammlungen. Auch kommt es vor, dass sich Kollegen darüber beklagen, dass ihre Vorschläge zu wenig berücksichtigt werden.
Zum Beispiel wurde in den Versammlungen der Hauptverwaltung BVG – Berlin allgemein betont, dass noch in vielen Dingen gespart werden könne. Die Kollegen waren z. B. der Meinung, dass die Finanzierung des Kulturensembles in keinem Verhältnis zum Nutzen der Kollegen stehe. Oder, dass es unnötig sei, wenn für jedes der vier Konzerte im Monat neue Plakate gedruckt würden. Es genüge, wenn dies einmal geschieht und auf alle vier Konzerte ein Hinweis gegeben wird. Zum anderen müsste es nach der Meinung der Kollegen so sein, dass die Betriebe, die den Sportplatz der BVG mitbenutzen, auch zu dessen Finanzierung beitragen müssten. Von einigen wurde erklärt, dass es zwecklos sei, solche Vorschläge zu machen, da sie sowieso nicht berücksichtigt würden.
Im Textilwerk Köthen, [Bezirk] Halle, weigert sich die Belegschaft, den BKV abzuschließen, bevor nicht die Frage der Materialbereitstellung – die ungenügend ist – geklärt sei. Von den zuständigen Stellen wurde daraufhin veranlasst, dass dem Betrieb Material bereitgestellt wurde.
Im VEB Bremsbelag Coswig, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, war der BKV der Belegschaft vor der Delegiertenkonferenz fast nicht bekannt, da er nur drei Tage vorher im Speiseraum zur Einsichtnahme vorgelegen hatte. Insgesamt gingen 20 Vorschläge ein, die aber zum größten Teil nicht berücksichtigt wurden, da es meist unberechtigte Lohnforderungen waren.
Unter anderem forderten die Kollegen der Presserei und Weberei die 46-Stunden-Woche für die in drei Schichten arbeitenden Kollegen.
Im VEB Schuhfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, sah der BKV die dekadenweise Lohnzahlung vor. Damit waren die Kollegen nicht einverstanden und dieser Punkt musste auf wöchentliche Auszahlung umgestellt werden.
Im Braunkohlenwerk Plosen, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, forderten die Kollegen der Hauptwerkstatt und die E-Lokfahrer des Abraumes, den Urlaub auf 18 Tage zu erhöhen.
Eine Meistergruppe des Baues 1026 im Leuna-Werk Halle forderte, dass die Werkleitung und Gewerkschaft sich dafür einsetzen, dass die Versorgung der Chemiearbeiter denen der Bergarbeiter angeglichen wird, da ihre Arbeit ebenso gesundheitsschädlich sei.
Im VEB Reparaturwerk »Dieblas«37 im Kreis Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, trat die Forderung auf, den Urlaub bis zu sechs Tagen und die Erschwerniszulage von 10 % auf 20 % zu erhöhen. Letzteres vor allem in den Lohngruppen 1 bis 4.
In der DHZ38 Schrott in Torgelow, [Bezirk] Neubrandenburg, forderte der Hauptkassierer der BGL, dass der Betrieb, genau wie allen anderen VEB in Torgelow, die Löhne nach der Ortsklasse39 bezahlt. Bei nicht Befolgen dieser Forderung drohte er mit dem Streik. Dieser Meinung schlossen sich noch zwei Arbeiter an. Durch das Einschalten der BGL gelang es, dass sich die übrigen Kollegen nicht beeinflussen ließen. Zu bemerken ist, dass die drei Arbeiter am 17. Juni 1953 negativ in Erscheinung traten.