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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

13. April 1955
Informationsdienst Nr. 2440 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Vordergrund der politischen Gespräche, die weiterhin verhältnismäßig geringen Umfang haben, stehen die Verteidigungsmaßnahmen, u. a. die Stärkung der Kampfgruppen,1 Werbung junger Genossen und FDJler zur KVP2 sowie die vormilitärische Ausbildung in der GST.3

Ein Teil der Werktätigen, darunter viele Parteilose, bringt in den Diskussionen die Bereitschaft zur Verteidigung unserer Errungenschaften zum Ausdruck. Übereinstimmend erklären Sie, dass sich auf unserer Seite durch die Ratifizierung der Pariser Verträge4 Verteidigungsmaßnahmen notwendig machen. So erklären sie sich entweder bereit, zur KVP zu gehen, oder den Kampfgruppen sowie der GST beizutreten. Die Meinung eines Parteilosen aus dem Stahlwerk Riesa gilt für viele. Er sagte: »Die Verstärkung der Kampfgruppen hat seine volle Berechtigung. Ich sehe die Notwendigkeit ein, dass wir mit dem Schutz unserer Betriebe beginnen müssen. Deshalb trete ich der Kampfgruppe bei.« (Bis zum 6.4.1955 traten in einer Abteilung dieses VEB 40 Mann der Kampfgruppe bei).

Ein Parteiloser aus dem Stahlwerk Frankleben, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, äußerte: »Wir müssen schnellstens bei uns im Betrieb einen Schießstand bauen und nicht für Kleinkaliber, sondern auch für Karabiner. Es ist notwendig, dass wir alle schießen lernen, damit wir Arbeiter mit der Waffe genauso umgehen können, wie mit unserem Werkzeug. Wir müssen in der Lage sein, unsere Betriebe gegen die Aggressoren zu verteidigen.«

In der Schiffswerft Roßlau, [Bezirk] Halle, wird lebhaft über die Stärkung der Kampfgruppen gesprochen. Der größte Teil der Beschäftigten steht diesem Problem positiv gegenüber.

Das gleiche ist u. a. in der Maxhütte Unterwellenborn, im Braunkohlenwerk Nachterstedt, im VEB Süd-Thüringer Möbelwerke in Ilmenau, [Bezirk] Suhl, der Fall.

Im VEB Mähdrescherwerk Weimar erklärte sich ein großer Teil der Jugendlichen zur Verteidigung unserer Errungenschaften bereit. Im Wismut-Gebiet5 des Kreises Auerbach meldeten sich bisher 43 Jugendliche freiwillig zur KVP. Auch in anderen Kreisen des Wismut-Gebietes sowie in den Industrie- und Verkehrsbetrieben gibt es eine Reihe von Beispielen, wo u. a. Jugendliche erklären: »Ich sehe ein, dass die Reihen der KVP gestärkt werden müssen und deshalb melde ich mich freiwillig.« Oder: »Ich bin sofort bereit, zur KVP zu gehen, denn ich weiß, worum es geht.« Und: »Ich bin jederzeit bereit, den Bohrhammer mit dem Gewehr zu vertauschen [sic!].«

Größer ist aber der Teil der Beschäftigten, die entweder bei der KVP-Werbung oder zum Beitritt in die Kampfgruppen und GST eine ablehnende Haltung einnehmen. Bestimmt wird diese Haltung vorwiegend bei dem Argument – hauptsächlich von Jugendlichen – nicht freiwillig zur KVP zu gehen. Was anderes wäre es dann, wenn die Wehrpflicht eingeführt würde und sie gehen müssten.

Zum anderen sind weiterhin die pazifistischen Tendenzen stark ausgeprägt und finden ihren Ausdruck vor allem darin: »Nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen«, »wenn bei uns nicht geschossen würde, würde uns von drüben auch niemand beschießen« oder »in Gefangenschaft haben wir unterschreiben müssen, dass wir nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen.«

Außerdem werden häufig die persönlichen Interessen in den Vordergrund gestellt und deshalb die Verpflichtung zur KVP mit den verschiedensten Ausflüchten u. a., dass sie ihre persönliche Freiheit nicht aufgeben wollten, an ihrem Beruf hängen, mit ihrer Familie in Konflikt geraten u. a. mehr abgelehnt.

Zum Beispiel wurden im Wismut-Gebiet des Kreises Zwickau ca. 60 FDJler wegen des Beitrittes zur KVP angesprochen. Davon erklärten sich nur drei Freunde bereit. Außerdem wurden 23 junge Genossen angesprochen, davon waren ebenfalls nur drei einverstanden.

Allgemein ist im Wismut-Gebiet zu verzeichnen, dass ein großer Teil, trotz intensiver Aussprache, eine ablehnende Haltung einnimmt.

Im VEB Werkin in Königsee,6 [Bezirk] Gera, verhält sich der überwiegende Teil der Belegschaft ablehnend zu den Verteidigungsmaßnahmen. Es kommt zu Diskussionen wie z. B.: »Da sieht man es. Vor Wochen wurde auch davon gesprochen, dass bei uns keine Wehrpflicht kommt und jetzt werden die jungen Genossen geholt.« Oder: »Ich habe die Nase voll vom Komiss.7 Hoffentlich lässt man mich in Ruhe, denn ich will keine Waffe mehr in die Hand nehmen.«

Im VEB Schamottewerk in Eisenach, [Bezirk] Gera, ist es sogar vorgekommen, dass Meister die Werber von den Arbeitsplätzen verwiesen und geäußert haben: »Haltet die Leute nicht von der Arbeit ab.«

Des Weiteren wird in diesem VEB häufig die Meinung vertreten, dass in einem kommenden Krieg die Atomwaffe eingesetzt würde und es deshalb zwecklos sei, eigene Truppen zu schaffen.

Im VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« in Rudolstadt, [Bezirk] Gera, wird in den einzelnen Grundorganisationen in der Mehrzahl gegenüber der Stärkung der Kampfgruppen eine ablehnende Haltung eingenommen. Einige Genossen diskutierten: »Im Potsdamer Abkommen8 ist doch festgelegt, dass kein Deutscher mehr eine Waffe in die Hand nehmen darf.«

Dies hatte zur Folge, dass alle anwesenden Genossen es ablehnten, der Kampfgruppe beizutreten.

Im Tagebau »Königsee« Halle erklärten sich von 300 Genossen nur 26 zum Beitritt in die Kampfgruppe bereit.

Eine mangelnde Bereitschaft gegenüber den Verteidigungsmaßnahmen – besonders unter den Jugendlichen – im VEB Installationskabelapparate IKA Sebnitz, im Stahlwerk »Georg Schwarz« in Olbersdorf, [Bezirk] Dresden, im VEB Keramische Werke in Hermsdorf, [Bezirk] Gera, im VEB Eisenmangan-Erzbergbau in Schmalkalden, im VEB »Klement Gottwald«9 und VEB Lederwaren in Apolda zu verzeichnen.

Die negativen Diskussionen über die Versorgungslage spielen teilweise in den Betrieben noch immer eine Rolle. Die Diskussionen weisen keine wesentlich neuen Momente auf.

Wie feindliche Elemente die jetzige Situation zur Hetze gegen unsere Partei und Regierung sowie zur Unruhestiftung ausnützen, zeigt sich in Folgendem.

Ein Wachmann aus den Schiefergruben in Lehesten, [Bezirk] Gera, sagte: »Hoffentlich kommt es bald wieder zu einem Schlag, denn die haben nichts mehr.«

Ein Schweißer aus dem BKW »John Schehr«10 Cottbus äußerte: »Es wird in Kürze für die Bonzen der SED einige Unannehmlichkeiten geben. Es sind Streikbewegungen bei der Bahn im Gange. Nach Möglichkeit wird dieser Streik auch auf andere Betriebe übergreifen.«

Im Draht- und Seilwerk Rothenburg, [Bezirk] Halle, wurde auf einer Toilette »10 Jahre Frieden – schwarzes Brot11 und dünnes Bier,12 Grotewohl,13 dass verdanken wir dir« angeschmiert.

Am 6.4.1955 wurde im Walzwerk Hettstedt, [Bezirk] Halle, an einen Schornstein folgender Text geschrieben.: »Wie wir heute leben – schwarzes Brot – so werden wir morgen arbeiten – Frida Hockauf.14 – Das Brot ist schwarz, das Bier ist dünn, wo ist denn dein Wohlstand hin.«

Im Stahlbau des Karl-Liebknecht-Werkes in Magdeburg unterhielten sich ca. zehn Kollegen über die Neureglung der Autobahnsteuer.15 Übereinstimmend brachten sie zum Ausdruck, dass dadurch nicht mehr Stahllieferungen aus Westdeutschland zu rechnen sei. Wenn sie dann keine Arbeit mehr hätten, wollten sie demonstrieren. Unter anderem sagte ein Kollege: »Wenn wir nicht genau wüssten, dass die Sowjets bei einem Streik eingreifen würden, wäre es schon längst soweit, denn in unserem Betrieb kocht es schon wieder ganz gewaltig.«

Verschiedentlich erzeugen Lohnfragen eine gewisse Missstimmung unter den Beschäftigten. Dies wurde während der Berichtszeit vor allem aus dem Baugewerbe bekannt.

In der Zeit vom 1.1. bis 6.4.1955 haben auf der Baustelle Cottbus der Bau-Union Cottbus 141 Kollegen gekündigt. Der Grund liegt darin, dass auf den Schwerpunktbaustellen wie z. B. Lauchhammer, Trattendorf und Brand bei Lübben nach Ortsklasse A entlohnt wird und die Bau-Union Cottbus nur nach Ortsklasse B entlohnen darf.16 Durch diese Kündigungen ist die Planerfüllung gefährdet.

Unter einigen Brigaden der Bau-Union Neubrandenburg, Raum Torgelow herrscht Unzufriedenheit. Der Grund dafür ist, dass die Bau-Union Süd sowie der Straßenbau Potsdam, der Bau-Union Neubrandenburg Arbeitskräfte übergeben hat, die nach einer anderen Lohngruppe, als sie jetzt erhalten, gearbeitet haben. Zum Beispiel wurde eine Brigade, die sich aus den Lohngruppen I bis IV zusammensetzt, mit Erdarbeiten beschäftigt, wofür sie jetzt nach Lohngruppe II bezahlt werden sollen. Damit sind die Kollegen nicht einverstanden und erklären, wenn dies durchgeführt wird, wollen sie die Arbeit nicht aufnehmen.

Da der Bau-Union aber durch die Zahlung einer höheren Lohngruppe für diese Arbeiten ein Verlust in Finanzplan entsteht, wird es nicht möglich sein, auf die Dauer diese Lohngruppe zu zahlen.

Auf der Baustelle Schwermaschinenbau der Bau-Union Magdeburg wurde am 7.4.1955 von 40 Bauarbeitern nach 12.00 Uhr die Arbeit nicht wieder aufgenommen. Die Ursache lag darin, dass die Löhne von der Buchhaltung nicht errechnet waren. Nach Richtigstellung nahmen sie die Arbeit wieder auf und verpflichteten sich, die eine Stunde Arbeitszeit nachzuholen.

Im Kraftwerk Gispersleben, [Bezirk] Erfurt, wurden nach einem neuen Strukturplan die ersten Schaltwärter auf Lohngruppe VII und die zweiten auf Lohngruppe VI gestuft. Dadurch stehen sich diese Kollegen schlechter als die ersten Maschinisten und Heizer, die Lohngruppe VII erhalten. Einige Kollegen haben deshalb schon gekündigt und einer ist von seinem Urlaub aus Westdeutschland nicht zurückgekehrt.

Bei den betrieblichen Schwierigkeiten spielen immer wieder der Materialmangel, Überplanbestände sowie Lieferungen schlechter Qualität eine Rolle.

Im RAW Cottbus mangelt es an Messingschweißdraht, der im Oktober 1954 bei der DHZ17 Metallurgie Berlin-Niederschöneweide bestellt wurde. Der für Mitte Januar 1955 bestimmte Liefertermin wurde nicht eingehalten. Dadurch ist das RAW in Schwierigkeiten geraten und es kann dort, wo dieses Material gebraucht wird, zum Produktionsstillstand kommen.

Im VEB Mähdrescherwerk Weimar, [Bezirk] Erfurt, fehlt es hauptsächlich an Wickeleisen. Dadurch musste die Produktion von Spreuwagen eingestellt werden. Es wurden daraufhin Diskussionen ausgelöst, dass die Materialknappheit mit der Rüstung zusammenhänge.

Im Glaswerk Friedrichshain, [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, ist zurzeit kein Verpackungsmaterial vorhanden. Dadurch lagern 91 000 Konservengläser und 54 000 Bonbongläser (größtenteils für den Export).

Der Betrieb benötigt monatlich 30 Tonnen und das Kontingent sieht nur 25 Tonnen im Quartal vor.

Im VEB Schuhfabrik Großhartau, [Bezirk] Dresden, ist ein Produktionsrückstand von 19 000 Paar Schuhen zu verzeichnen. Die Ursache ist, dass das Celluloid-Werk Eilenburg Poroplast18 in fünf Farben angeboten hatte und jetzt aber nur zwei Farben lieferte. Bestellt wurden 7 800 qm Poroplast. Dies ist die benötigte Menge für 125 000 Paar Schuhe, welche im I. und II. Quartal angefertigt werden sollen. Es wurden aber nur 50 % der angeforderten Menge geliefert. Für die 125 000 Paar Schuhe wurde bereits das Oberleder angeschafft und die DHZ nimmt aber die Schuhe ohne Poroplastsohle nicht ab. Außerdem lagern noch ca. 20 000 Paar Sommerschuhe seit Juli 1954. Dadurch sind 100 000 DM blockiert.

Im VEB Vereinigte Wäschefabriken Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, müssen viele Artikel als II. Wahl gezeichnet werden. Der Grund liegt darin, dass die von der Volksrepublik Ungarn gelieferten Stoffe unterschiedliche Farbtöne aufweisen.

Der VEB Wurstfabrik Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, hat pro Quartal 500 t Wurstwaren zu produzieren. Davon sind aber nur 280 t vertraglich gebunden.

Betriebsstörungen

Am 9.4.1955 fiel um 15.45 Uhr im Steinkohlenwerk Freital der Dampfkompressor vollständig aus. Sachschaden: Nach vorläufiger Schätzung 25 000 DM. Die Produktion ist vorläufig ab 12.4.[1955] zu 50 % infrage gestellt.

Am 8.4.[1955] fiel die Förderbrücke des Kombinats »Otto Grotewohl« Böhlen aus. Ursache: Die Baggerbesetzung war betrunken. Sachschaden ca. 40 000 DM. Produktionsausfall: 500 000 cbm Abraum = 240 000 DM.

Am 7.4.1955 explodierte der Motor in der Hammermühle des Kaliwerkes »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl. Rohsalzausfall: 150 000 = 9 750 DM.

Im VEB Spiel und Sport in Sonneberg, [Bezirk] Suhl, ist man in der Abteilung Poliererei zu der Methode »Arbeite Langsam« übergegangen, um die Betriebsleitung zu zwingen, die Norm zu senken.

Die Genossen dieser Abteilung beteiligen sich ebenfalls daran.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgungslage hat sich in den Bezirken weiterhin gebessert.

Angsteinkäufe treten auch nur noch vereinzelt auf.19

Der Engpass an HO-Butter,20 HO-Margarine und gutem Mehl besteht noch weiter.

Die negativen Diskussionen haben ebenfalls nicht mehr solchen Umfang wie an den Vortagen.

Besonders treten jetzt negative Diskussionen über die schlechte HO-Butter- und Margarinebelieferung sowie über die neue Brotsorte in den Vordergrund.

In den Diskussionen über HO-Butter- und Margarinebelieferung wird zum Ausdruck gebracht, dass es eine Schande sei, nicht mal Margarine zu bekommen, dass trotz der wirtschaftlichen Erfolge die Butterversorgung schlechter als im Vorjahr sei und dass diejenigen, die arbeiten, auch verdient haben, Butter zu beanspruchen.

So sagten z. B. einige Arbeiter aus Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wir sind diejenigen, die die Werte schaffen und müssen Margarine essen, weil es keine Butter in der HO gibt. Die Wenige, die zum Verkauf gelangt, ist schon in ein paar Minuten wieder alle und wenn man von Arbeit kommt, gibt es nichts mehr.«

Ein Viehtransportbegleiter aus Feldberg, [Kreis] Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte: »Es ist eine Schande, dass man 15 Jahre hungern musste und man heute nicht einmal die lumpige Margarine bekommt. Was will man nun noch von den Kindern verlangen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind.«

Bei der Anlieferung dieser Waren in den Verkaufsstellen kommt es häufig zu Schlangenbildungen.

In Heidenau, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, kam es z. B. am 6.4.1955 nachmittags vor der HO bei dem Verkauf von Butter zu einem Gedränge, weil zu wenig Butter vorhanden war. Dabei wurde ein älterer Mann so verletzt, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Eine Frau erlitt leichtere Verletzungen.

Vielfach herrscht jetzt unter der Bevölkerung eine schlechte Stimmung wegen der Qualität des Brotes und der minderwertigen Mehlsorten, die in den Handel gebracht werden.

Der Inhalt der Diskussionen ist nicht wesentlich anders als in den Vortagen. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass anhand des schlechten Brotes der Lebensstandard in der DDR deutlich sichtbar sei und dass man durch das schlechte Brot Magenbeschwerden bekäme.

Dazu sagte z. B. ein Arbeiter aus der Grube Halsbrücke Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wir reden nur, besitzen jedoch nicht viel. Das sieht man jetzt wieder deutlich bei dem schwarzen Brot. Weil man nicht genug Brotgetreide mehr hat, muss man es eben doppelt ausmalen. So sieht es bei uns aus mit dem nie gekannten Wohlstand.«

Vereinzelt wird in Verbindung mit der Versorgungslage über einen neuen 17. Juni21 gesprochen.

Der Leiter einer HO-Gaststätte in Werben/Elbe, [Kreis] Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, sagte z. B.: »Im Geschäft muss ich schon meinen Privatzucker verbrauchen und so etwas kurz nach der Zuckerkampagne.

Aber Westdeutschland kriegt uns schon noch klein. Die Wiederholung des 17. Juni ist bestimmt näher als wir denken.«

Die DHZ Textil in Wittstock, [Bezirk] Potsdam, wurde im September vorigen Jahres in ein Großhandelskontor22 umgewandelt. Das Großhandelskontor hat zurzeit für ca. 1 Mio. DM Überplanbestände. Außerdem sind von der ehemaligen DHZ noch Waren im Werte von 2 598 500 DM Textilien vom Jahre 1952 in schlechter Qualität, unmodern und deshalb nicht absetzbar vorhanden. Aufgrund der Umstellung von DHZ auf GHK hat das GHK an das Ministerium für Leichtindustrie noch eine Forderung von 965 514 DM. Außerdem haben sie an die Privatindustrie für gelieferte Waren 613 051 DM Schulden. Das GHK ist zeitweise nicht mehr in der Lage, die einfachsten Verwaltungsausgaben zu zahlen. Die Steuern werden ab 1. März 1955 von der Abteilung Abgaben beim Rat des Kreises nur noch durch Vollstreckungsauftrag und Verzugszuschlag eingezogen. Von der Bank wird von den Überplanbeständen nur für 975 700 DM kreditiert.

Die Lage in der Landwirtschaft

Wegen der Frühjahrsbestellung treten die Diskussionen über politische Fragen nur im geringen Umfang auf. Im Wesentlichen befassen sich vor allem die Arbeiter der MTS, der VEG und die Genossenschaftsbauern in den politischen Gesprächen mit der Stärkung der Verteidigungsbereitschaft in der DDR und dem Ministerratsbeschluss vom 10. März [1955].23

Zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft wird gesagt, dass die Pariser Verträge den Frieden gefährden und es deshalb notwendig ist, wenn die Errungenschaften in der DDR geschützt werden sollen, bei uns Verteidigungsmaßnahmen einzuleiten.

Zum Beispiel erklärte sich die gesamte Gruppe der Freiwilligen Feuerwehr in Groß Niendorf, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, bereit, zur KVP zu gehen, nachdem sie alle in die GST eingetreten waren.

Vereinzelt wird dabei auch begrüßt, wenn die Jugendlichen zwei Jahre zur KVP verpflichtet werden.

Dazu sagte z. B. eine parteilose Bäuerin aus Gelenau, [Kreis] Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich erkenne es an, dass es Menschen geben muss, die den Kriegstreibern entgegentreten, darum sehe ich auch die Einziehung meines Jungen als gerecht an.«

Weit größer als die positiven Meinungen sind die pazifistischen Äußerungen oder die ablehnende Haltung besonders der Jugendlichen zum Eintritt zur KVP zu gehen, aber solange sie nicht gezwungen werden, niemals freiwillig zur KVP gehen wollen.

Diese Meinung vertrat z. B. ein Traktorist vom MTS-Stützpunkt Mildenberg, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam: »Wenn ich gehen muss, dann gehe ich, aber freiwillig denke ich nicht daran. Wenn man mich dazu zwingt, dann will ich zur Panzereinheit.«

Es gibt auch solche Jugendliche, die aus Angst vor einer Verpflichtung zur KVP sich von politischen Arbeiten zurückziehen.

In einer FDJ-Leitungssitzung in der LPG Hornhausen, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, lehnten es vier Leitungsmitglieder ab, weiterhin Mitglied zu bleiben. Sie erklärten, dass keine Zeit mehr für diese Arbeit hätten. In der Diskussion stellte es sich jedoch heraus, dass sie einer eventuellen Verpflichtung zur KVP durch die FDJ aus dem Wege gehen wollten.

Der Gruppenleiter der Gruppe rechtfertigte sein Verhalten folgendermaßen.

»Ich habe keine Zeit mehr für Jugendarbeit. Sie steht mir bis zum Kragen. Wenn es einmal zu einem dritten Weltkrieg kommt, werde ich mich hüten, eine Waffe in die Hand zu nehmen und auf meine eigenen Brüder zu schießen.«

Ein Arbeiter von der MTS Niederwürschnitz, [Kreis] Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, war bereit, Kandidat der SED zu werden, lehnte jetzt aber ab und erklärte: »Wenn ich jetzt in die Partei eintrete, muss ich zur KVP

In den MTS, LPG und unter einem Teil der werktätigen Bauern wird rege über den Ministerratsbeschluss diskutiert. Dabei zeigt sich immer wieder, dass sowohl die Arbeiter der MTS als auch die Genossenschaftsbauern Verpflichtungen eingehen, um beizutragen, den Beschluss zu realisieren. Die Verpflichtungen beinhalten im Wesentlichen die Neuerermethoden24 auszuwerten, um die ha-Erträge zu steigern und mehr landwirtschaftliche Produkte dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen.

Vereinzelt treten dazu auch negative Stimmen auf, die besonders von werktätigen Bauern oder Großbauern25 geführt werden.

So sagte z. B. ein werktätiger Bauer aus Uder, [Kreis] Eisenach, [Bezirk] Erfurt: »Nur die freie Wirtschaft ist das gegebene, eine reibungslose Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.«

Andere werktätige Bauern aus dem gleichen Ort sagten, man solle ihnen doch nicht so viel von Neuerermethoden erzählen, man sollte mehr Kunstdünger an sie ausgeben, dann könnte man auch höhere Erträge von ihnen verlangen.

Die Frühjahrsbestellung ist im vollen Gange. Überall werden Maßnahmen getroffen, diese schnellstens durchzuführen, um den Rückstand, der durch die schlechten Witterungsverhältnisse hervorgerufen wurde, aufzuholen. Dabei kam es in zahlreichen MTS und LPG zu Verpflichtungen, die Osterfeiertage zu arbeiten, oder die Aussaat in kürzester Frist zu beenden.

Dazu sagte z. B. der Vorsitzende der LPG Vorwerk Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Wenn man den festen Willen hat, die Saat schnell auszusäen, dann ist es auch möglich. Die Argumente, dass der Boden für die Frühjahrsbestellung noch zu feucht ist, treffen nicht zu. Wir im Vorwerk haben nicht nur 17 ha schlechthin eingesät, sondern 17 ha jarowisiertes Getreide.26 Diese Saat wird uns höhere Erträge bringen.«

Ein Lehrling auf dem VEG Genshagen, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, sagte zum Einsatz an den Ostertagen: »Ich sehe ein, dass die Frühjahrsbestellung so schnell wie möglich abgeschlossen werden muss, deshalb bin ich bereit, alle drei Tage mit meinem Traktor zu arbeiten.«

Es wurden aber auch negative Stimmen zum Einsatz an den Osterfeiertagen auf diesem VEG laut:

So sagte z. B. ein Gespannführergruppenleiter: »Wir lassen uns die Feiertage nicht nehmen. Ich lese meine Zeitung, das »Bauernecho«,27 da steht nicht drin, dass über Ostern gearbeitet wird. Ich denke, im Sozialismus werden nicht acht, sondern nur vier bis sechs Stunden gearbeitet. Wir aber sollen sogar sonntags arbeiten.«

Ein Traktorgruppenführer: »Die Kollegen fallen uns in den Rücken, denn wir wollen am Sontag unsere freie Zeit haben. Ich lasse keinen auf den Traktor.«

Die reibungslose Durchführung der Frühjahrsbestellung scheitert in manchen landwirtschaftlichen Betrieben durch den Mangel an Saatgut und Dünger.

So fehlt es in sämtlichen BHG des Kreises Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, an Dünger. Sämtliche Mengen, die für das 1. Quartal 1955 geliefert werden sollten, stehen noch aus.

In der LPG Mestlin, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, sind ein großer Teil der Saatkartoffeln in den Nieten erfroren, sodass dadurch ca. 3 000 Zentner Saatkartoffeln fehlen.

In der LPG Zens, [Kreis] Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, sind in den Mieten ca. 1 000 Zentner Saatkartoffeln erfroren.

Es mangelt in verschiedenen Betrieben an Klee- und Futtermittelsamen. Durch den Mangel, besonders an Futterrübensamen, macht sich bemerkbar, dass verschiedentlich Einzelbauern nach Westberlin fahren, um sich dort die notwendigen Samen einzukaufen. Durch den Mangel an Kleesamen kann in den betreffenden Betrieben im Herbst nicht für genügend Futter garantiert werden.

Der Futtermangel besteht nach wie vor in vielen landwirtschaftlichen Betrieben, besonders LPG, ÖLB28 und VEG. Die Auswirkungen des Futtermangels zeigen sich in folgenden landwirtschaftlichen Betrieben:

In der LPG »Empor« in Steckelsdorf, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, ist für die Schweine kein Futter mehr vorhanden. Außerdem gibt es dort zehn Kühe, die keine Milch mehr geben.

In der LPG Tacken, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, ist kein Heu und kein Stroh mehr für das Vieh vorhanden.

In der ÖLB Trechow, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, ist überhaupt kein Futter mehr für das Vieh vorhanden.

Im VEG Langburkersdorf, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Futter für die Schweinemästerei.

Im Kreis Doberan, [Bezirk] Rostock, wurden bisher 75 Rinder aufgrund des Futtermangels notgeschlachtet.

Schweinepest

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus.

In der LPG Görmin, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg: Bestand: 18 Schweine, verendet vier Schweine, notgeschlachtet 14 Schweine.

In dem ÖLB Teschendorfer Mühle, [Kreis] Neubrandenburg. Bestand: 45 Schweine, notgeschlachtet 45 Schweine.

Am 26.3.1955 erkrankten sämtliche Kälber in der Kälberaufzuchtstation Demmin, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, 16 Kälber verendeten und drei mussten notgeschlachtet werden. Die Untersuchungen ergaben, dass die Tiere an Arsenvergiftung verendeten.

Gerüchte

In der Gemeinde Friedland, [Kreis] Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, kursiert das Gerücht, dass am 1.5.1955 alle freien Spitzen29 wegfallen sollen, stattdessen würde das Soll allgemein erhöht werden.

In der Gemeinde Langwitz, [Kreis] Naumburg, [Bezirk] Halle, wurde das Gerücht verbreitet, dass das Ablieferungssoll um 20 % erhöht würde.

In der Nacht zum 8.3.1955 wurden in dem Stützpunkt der Brigade Vier-Hembach der MTS, Stadtlengsfeld, [Bezirk] Suhl, von bisher noch unbekannten Tätern vier Traktoren außer Betrieb gesetzt, indem man die Ölleitung vom Tank zu den Düsen löste und bei einem Traktor Putzwolle in die Ölpumpe steckte. Drei von diesen Traktoren sollten am Karfreitag zur Frühjahrsbestellung eingesetzt werden.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich in der vergangenen Woche nicht wesentlich verändert.

Anlage 1 vom 9. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2440

Stimmen zur Rückgabe der Dresdner Gemälde

Die Stellungnahmen zur Freundschaftstat der Sowjetunion, die in der Rückgabe der Bilder der Dresdner Gemäldegalerie30 zum Ausdruck kommt, sind in der überwiegenden Mehrzahl positiv. Man bewerte die Handlung der SU als große Kulturtat und betont des Öfteren, dass die Sowjetarmee sehr viel zum Erhalt der Gemälde getan habe.

Zum Beispiel sagte der Direktor der Photoabteilung der Filmfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld: »Die Rückgabe der Bildergalerie durch die Sowjetunion sehe ich als eine große Freundschaftstat der SU gegenüber dem deutschen Volk. Es ist aber meiner Meinung nach auch ein Schlag gegen die gemeinsamen Behauptungen des Westens, dass die SU eine niedrige Kultur hätte und das Kulturerbe nicht pflege.« Er sagte weiter, dass in den Reihen der Intelligenz positiv darüber gesprochen werde.

Ein Geschäftsmann aus Dresden: »Was sagt ihr zur Rückgabe der Bilder an Dresden? Ist das nicht herrlich! Wir alle sind außer uns vor Freude. Das ist eine wahrhaft große Tat der Sowjetregierung, die wir nicht vergessen dürfen. Wir hatten geglaubt, dass wir diese Kostbarkeiten nie wiedersehen würden.«

Der Inhaber eines Sportkasinos in Dresden äußerte: »Hier wäre es notwendig gewesen, in der Presse darauf hinzuweisen, welche Werte die Amerikaner in Dresden und anderen Orten an Kunstgegenständen vernichtet haben, die dem Volk und der Nation und darüber hinaus der gesamten Welt verloren gingen.«

Die gering bekannt gewordenen negativen Stimmen zeigen eine ausgesprochen feindliche Haltung gegenüber der SU. Unter anderem wird mit üblen Worten gehetzt, dass die Handlung der SU nur »Propaganda« sein.

Ein Friseurmeister aus Berga, [Bezirk] Gera, sagte z. B.: »Die Gemäldegalerie aus der Sowjetunion ist nur deshalb zurückgekommen, weil sie zerschunden ist und die Aufbewahrungskosten zu teuer sind.«

Eine Hausfrau aus Eulowitz,31 [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, äußerte: »Man soll doch nicht so ein großes Geschrei über die Rückgabe der Gemälde machen, sie sind ja 1945 von den Russen geklaut worden und das nennt sich dann Freundschaft.«

Zwei Bauern aus Großenhain, [Bezirk] Dresden, sagten: »Man soll doch in der Zeitung nicht schreiben, die Gemälde seien gerettet worden. Man habe sie sowieso gestohlen und nun macht man damit Propaganda.«

Anlage 2 vom 9. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2440

Stimmen zu den Vorkommnissen an der Universität Greifswald

Die Ereignisse an der Universität Greifswald32 lösten im Norden der DDR heftige Diskussionen aus. Dabei zeigt sich neben den positiven Stimmen, die in der Mehrzahl sind, dass große Teile der Bevölkerung nur gerüchteweise und aus den verschiedensten Quellen über die Vorkommnisse erfahren haben und diese nun entstellt und stark aufgebauscht wiedergeben.

Aus den Reihen des Lehrkörpers und der Studentenschaft werden zahlreiche Stimmen bekannt, in denen das Verhalten der Studenten scharf verurteilt wird und Verpflichtungen ausgesprochen werden, den Schutz der Lehrstätten zu übernehmen. Andere fordern strenge Bestrafungen der Provokateure.

Arbeiter bringen ebenfalls ihre Empörung über das schlechte Verhalten der Studenten zum Ausdruck.

Zum Beispiel sagte der Direktor des physikalisch-chemischen Instituts in Greifswald während der Demonstration der Jugendlichen: »Ich werde Wache stehen, denn mein Institut ist mir zu schade und zu wertvoll, um vom Feind geschädigt zu werden.« (Diese Erklärung wurde eingehalten.)

Ein Dozent der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät: »Bei unserer Argumentation muss zum Ausdruck kommen, dass wir die Studenten nicht mit den Provokateuren gleichsetzen. Man sollte ihnen sagen, sie sind politisch blind gewesen. Wir müssen den Studenten beweisen, dass für sie gar kein Grund zur Beunruhigung bestanden hat. Den Studenten muss über ihre weitere Perspektive Auskunft gegeben werden. Bei vielen herrscht keine Klarheit darüber. Die Provokateure müssen sich verantworten.«

Der Professor P.33 sprach sich zur Einrichtung einer Akademie wie folgt aus: »Ich sehe nicht nur die damit verbundene Mehrarbeit, sondern man muss auch gleichzeitig bedenken, dass die Möglichkeit zu einer Verbesserung der klinischen Einrichtungen mit Instrumenten besteht. Ich werde mich den gesetzlichen Bestimmungen unserer Regierung fügen und bin auch bereit, eine Ausbildung von VP-Angehörigen vorzunehmen.«

Ein Student der ABF34 Greifswald (SED) sagte: »Wir können von der übergroßen Mehrheit der Studenten behaupten, dass sie sich von den Provokateuren distanzieren. Die Provokateure werden zur Rechenschaft gezogen werden. Unsere ABF-Studenten haben bewiesen, dass sie zur Arbeiter-und-Bauern-Macht stehen. Wir haben einen Fehler gemacht, die Rolle der Massen unterschätzt. Unsere Studenten traten an uns heran und fragten, warum nur immer die Kampfgruppe eingesetzt wird.«

Ein Assistent der Pädagogischen Fakultät: »Die Bevölkerung ist über die letzten Ereignisse an der Universität Greifswald nicht richtig unterrichtet. Wir haben doch nichts zu verheimlichen und wenn man nur eine kurze Notiz in die Zeitung bringen würde, würde es schon genügen.«

Ein Arbeiter des VEB (K) Bau in Greifswald sagte: »Die Arbeiter sind über das Verhalten der Studenten empört. Hätte dies noch länger gedauert, dann hätten sie die Arbeiterfäuste zu spüren bekommen.«

Die negativen Äußerungen lassen erkennen, dass die Personen von den Vorkommnissen falsch unterrichtet sind und aufgrund dessen auch eine Haltung gegen unsere VP beziehen. Die mehrfach diesbezüglich geführten Diskussionen kommen charakteristisch auch für andere Beispiel in den Äußerungen einer Reinemachefrau der RBD Greifswald zum Ausdruck.

Am 30.3.1955 hat man die Studenten in den Baracken am Bahnhof zwingen wollen, sofort Uniform der VP anzuziehen und so schnell als möglich ihr Examen zu machen. Das Barackenterritorium wurde als VP-eigen erklärt. Im Falle der Weigerung sollten sie sofort die Baracken und auch die Uni verlassen. Die Studenten weigerten sich und haben Komitees gebildet, welche sich zur Beratung in die Jakobi-Kirche begaben. Die VP wollte sie daran hindern und es soll zu schweren Tumulten in der Stadt gekommen sein, wobei fünf VP-Angehörige schwer verletzt wurden. 15 Studenten sind verhaftet worden. Daraufhin haben die Studenten dann geschlossen mit dem Professor Katsch35 an der Spitze gestreikt und die Forderung aufgestellt, die inhaftierten Studenten sofort freizulassen. Am 31.3.1955 sind noch weitere Studenten verhaftet worden. Daraufhin haben 20 Doktoren der Uni gekündigt und sich mit den Studenten solidarisch erklärt.

Anlage 3 vom 12. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2440

Jugendweihe

Die vorliegenden Berichte zeigen einen positiven Verlauf der bisher durchgeführten Jugendweihen auf.36 Es wurde festgestellt, dass die Teilnehmer der Feierstunden sehr zufrieden mit dem Verlauf derselben waren und es begrüßten, dass unseren Jugendlichen ein so schöner Abschluss der Schulzeit geboten wird.

So nehmen z. B. in der Landgemeinde Serba, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera, an der Feierstunde für fünf Schulabgänger 120 Personen teil, sodass der zur Verfügung stehende Raum überfüllt war. Alle Anwesenden wurden durch die Feierstunde sehr beeindruckt und sprachen sich darüber lobend aus.

Zum Beispiel sagte ein parteiloser Arbeiter: »Ich habe der Jugendweihe etwas skeptisch gegenübergestanden. Ich muss aber sagen, dass ich angenehm überrascht bin, in welch feierlicher Form diese durchgeführt wurde.«

Ein parteiloser Genossenschaftsbauer: »Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben an einer Jugendweihe teilgenommen und kann nur sagen, einen schöneren Schulabschluss kann ich mir gar nicht denken. Wenn meine Enkeltochter immer nicht in die Christenlehre gehen wollte, habe ich ständig geschimpft. Heute kann ich nur sagen, es ist gut, wenn sie nicht geht, denn diese Feierstunde ist schöner als eine Konfirmation.«

In Löbejün, Saalkreis, [Bezirk] Halle, nehmen an der Feier für 23 Jugendliche 250 Personen teil. In der Stadt Schmölln, [Bezirk] Leipzig, beteiligten sich bei 500 Schulabgängern ca. 600 Personen.

Bei den im Kreis Wolmirstedt, [Bezirk] Magdeburg, durchgeführten Jugendweihen war die Beteiligung ebenfalls sehr rege. Bei den Diskussionen wurde mehrfach erwähnt, dass es erfreulich sei, wenn nichts gegen die Kirche erwähnt würde.

Das feindliche Verhalten reaktionärer Kirchenkreise

Die vonseiten kirchlicher Kreise und Funktionäre gegen unsere demokratische Entwicklung gerichtete Tätigkeit hält weiter an.

Dabei steht die Hetze gegen die Jugendweihe mit den bereits bekannten Argumenten stark im Vordergrund.

Neben der Hetze gegen die Jugendweihe kommt es vor allem in den Predigten wiederholt zu antidemokratischen und feindlichen Ausführungen zur Beeinflussung der Bevölkerung.

Zum Beispiel gebrauchte ein Pfarrer am 26.3.1955 aus Bad Salzungen während der Konfirmationspredigt in Immelborn die Worte: »Die gläubigen Christen müssen alle Menschen hassen, die sie von ihrem Glauben abhalten wollen, bzw. ihnen diesen nehmen wollen.«

Am 3.4.1955 brachte ein Pfarrer in der Kirche Zeulenroda, [Bezirk] Gera, Folgendes zum Ausdruck: »Der heutige Tag der Konfirmation ist kein Feiertag mehr, man kann ihn eher als einen Trauertag bezeichnen, denn wenn die Jugendlichen ihren weiteren Weg antreten, sind sie nur noch Produktionsmittel in der heutigen Gesellschaft. Aber die Jugendlichen sollen sich dadurch beeinflussen lassen, sie sollen ihren Weg zum Licht weitergehen, denn alle diese heutigen Erscheinungen sind vergänglich und ein Zeichen des allgemeinen Verfalls.«

Am 3.4.[1955] sagte ein Pfarrer während einer Predigt in der Kirche in Leuna, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle: »Wechselt ihr nicht jede Minute Euer Gesicht am Arbeitsplatz. Ihr seid unfrei! Wann kommt die Erlösung? Sie ist greifbar nahe! Sehen wir doch im Westen das Licht, im Rücken aber nur Finsternis. Der Tage der Erlösung vom Ungeist kommt.«

In Nebra, [Bezirk] Halle, sagte ein Pfarrer: »Die Jugendweihe stammt aus dem Jahre 1930 und hat heute in Deutschland keine Gültigkeit mehr. Man muss diesen Staat bekämpfen, in dem wir heute leben.«

Die gegnerischen Kräfte konzentrieren sich besonders auf die Beeinflussung der Schulkinder und versuchen bei einer gleichzeitigen Hetze gegen die »Jungen Pioniere«,37 diese von der Pioniertätigkeit abzuhalten.

Andererseits wirkt sich die gegnerische Arbeit auf die Leistungen der Kinder in der Schule aus.

Zum Beispiel weigerten sich in der »Rosa-Luxemburg-Schule« in Magdeburg eine Anzahl Schüler der 7. Klasse (die 30 Schüler sind alles JP) aufgrund der Beeinflussung durch den Religionsunterricht, an dem sich 28 beteiligten, das Gedicht von Heine,38 »Die Weber«39 zu lernen.

Während des wöchentlichen Religionsunterrichtes durch einen Pfarrer in Bernburg, [Bezirk] Halle, wobei es auch zu Schlägen durch den Pfarrer kommt, äußerte dieser gegenüber den Kindern: »Ihr seid beauftragt, Euch mir gegenüber so frech zu verhalten, das lernt ihr wohl in der Pionierorganisation?«

Der Pfarrer von Trusetal, [Kreis] Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, gibt den Schülern, die zum Konfirmationsunterricht gehen absichtlich viele Prüfungsarbeiten auf, um hierdurch die Schüler von den Schulaufgaben abzulenken. Auf diesbezügliche Beschwerden der Eltern sagte er, dass dies so sein müsste, denn es sei das Gegengift für das, was in der Schule gelehrt wird.

In den Orten Sülzhayn und Illfeld, [Kreis] Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, erhält jedes Kind, welches konfirmiert wird, ein Paar Schuhe vom evangelischen Hilfswerk in Westdeutschland.

Anlage 4 vom 13. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2440

Auswertung der Westsendungen

Zur Beunruhigung der Bevölkerung veröffentlicht der RIAS40 die Meldung, dass das Ministerium für Handel und Versorgung angeordnet habe, die Einstufung der Lebensmittelkarten41 zu überprüfen, um eventuelle Veränderungen ab Mai 1955 vorzunehmen.

Zur Aufwiegelung der Eisenbahner hetzt RIAS gegen den Minister Kramer.42 Er beschuldigt ihn, militärische Befehle an die Eisenbahner »wie in einem Moskauer Garderegiment« zu erteilen, nachdem er in der SU seine Ausbildung erhalten hätte. Der neue Schichtplan würde den Eisenbahnern einfach befohlen, ohne dass man mit ihnen darüber diskutiert habe und die Funktionäre, mit denen die Eisenbahner diskutieren wollen, beriefen sich immer nur auf den Befehl von Minister Kramer. Um diese und ähnliche Härten wie z. B., dass Eisenbahner mit einem zu langen Anmarschweg die Nacht vom Sonntag zu Montag auf ihrem Bahnhof verbringen müssen, zu beseitigen, fordert der RIAS auf, den 5. Jahrestag des »Gesetzes der Arbeit«43 zu nutzen und von dem Minister Kramer zu verlangen, dass er zu ihren Beschwerden Stellung nimmt und seine Befehle nicht mit Polizeigewalt erzwingt. Sie sollen sich dabei vor allem auf den Paragraf vier Abschnitt II – auf das Mitbestimmungsrecht – berufen.44

Auf Umwegen über die Krankenversorgung hetzt RIAS gegen die Planwirtschaft und gegen unsere Funktionäre. Er verleumdet unsere Parteifunktionäre und die Bevollmächtigten der SVK, dass sie gegen den »ständig steigenden Krankenstand« rigoros vorgingen, die Kranken zum Beispiel als Bummelanten bezeichneten, zuhause nicht angetroffenen Kranken das Krankengeld sperrten und in einigen Fällen sogar zurückverlangen würden. Wegen der Übergriffe hätte sich der FDGB eingeschaltet und ergänzende Anweisungen erteilt. Die echten Ursachen des hohen Krankenstandes lägen nach RIAS aber in der Arbeitsorganisation und im Materialmangel, wodurch die Arbeiter am Quartals- und Jahresende überlastet würden.

Desgleichen sei der Grund in der mangelnden Versorgung und dem geringen Prozentsatz der Investmittel für den Arbeitsschutz und den vorbeugenden Gesundheitsschutz zu suchen.

Im Zusammenhang mit der Baukonferenz45 hetzt RIAS gegen die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht46 und der demokratischen Presse. Er versucht aufzuzeigen, dass die Konferenz nicht dem Zweck diente, die Wohnungsnot zu mildern, sondern der Rentabilität des Bauwesens, der Bauvorhaben des sozialistischen Sektors und der »Aufrüstung«.

Des Weiteren bemüht er sich zu beweisen, dass der Westen Deutschlands das Achtfache an Wohnungen baue, als die DDR. Ebenso hetzt er, dass Walter Ulbricht nur von 9,1 Mio. qm erstellter Wohnfläche am Ende des Fünfjahrplanes gesprochen habe, während man dafür 10,1 Mio. vorgesehen hätte. Die Schuld für die Verminderung des Planes und für das geringe und teurere Bauen gibt RIAS den Planbehörden und dem Mangel an Material.

Gleichzeitig stellt er die Frage: »Warum muss die Sowjetzone Zement exportieren, wenn sie den Eigenbedarf nicht decken kann?« An anderer Stelle hetzt RIAS, dass dem Genossen Walter Ulbricht »Flugplätze« am Herzen lägen und dass er auf der Konferenz verschwiegen hätte, dass vom Fachministerium zurzeit ein Gesetzentwurf über die Ausführung militärischer Bauten47 ausgearbeitet werde, indem unter anderem die Bauarbeiter für militärische Objekte nach Ortsklasse A48 entlohnt würden, um sie aus dem zivilen Bausektor abzuziehen. In diesem Zusammenhang führt er mehrere angebliche »militärische Großbauten« an.

Der deutschsprachige Sender London49 hetzt gegen die neuen Autobahntarife50 und droht der DDR wie folgt: »Die westlichen Hohen Kommissare51 haben gezeigt, dass Bonn und Westberlin auf rückhaltlose Unterstützung der Westmächte rechnen können. Man kann nur hoffen, dass Pankow52 sich eines Besseren besinnt, solange es noch zurück kann. Wenn Pankow hoffen sollte, mit der ND-Erklärung, ›die sowjetzonale Regierung sei bereit mit der Bundesregierung zu verhandeln‹53 Anklang finden, so täuscht es sich. Dazu verträgt sich die Losung ›Deutsche an einen Tisch‹ mit Pankows neuem Kriegsruf ›Westdeutsche von den Autobahnen‹ schlecht.«

Gegen die Weiterbildung der Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen versucht RIAS, die Lehrer dadurch zu beeinflussen, dass er diese Weiterbildung als zusätzliche, unerträgliche Belastung hinstellt, von deren Freistellung viele Lehrkräfte nachgesucht hätten. Dies würde aber abgelehnt und besonders die Grundschullehrer müssten außerdem vielerorts wegen der fehlenden Pionierleiter deren Arbeit mit übernehmen.

Ähnlich hetzt RIAS gegen den Beschluss für die stärkere Beachtung der Fächer Musik, Zeichnen und Kunstgeschichte. Er versucht, die Lehrkräfte mit der Meldung zu beunruhigen, dass dafür vier Wochenlehrgänge während der Sommerferien erwogen würden.

Zur Verlockung der FDJler für die Bildung von unpolitischen Interessengemeinschaften54 gibt RIAS folgenden Hinweis: »In Dresden haben sieben Freunde eine Interessengemeinschaft Musik und Schallplatten gegründet, die beim zweiten Zusammentreffen von 20 Freunden besucht wurde.«

In einer Hetze gegen die Pionierorganisation macht RIAS mit einem angeblichen Hörerbrief55 einer Pionierleiterin wie folgt Propaganda: »Die Zirkel junger Techniker, Fotographen, Biologen, Literaturzirkel, Wanderzirkel usw. arbeiten selbstständiger und können auf eigene Faust manches unternehmen, was im Widerspruch zur Parteilinie steht. Wir haben z. B. ausgedehnte Wanderungen gemacht, bei denen die Kinder durch den Besuch historischer Orte von selbst nach deren Geschichte fragten und sie haben dann, da wir ja ohne Parteibeobachter waren, auch recht klare Antworten erhalten. So haben wir sie zu einigen Malern geführt, die gar nicht naturalistisch, sondern abstrakt malen. Darum zwar keine staatliche Unterstützung erhalten, aber bei den Leuten Interesse erwecken. Vorsichtig haben wir sie damit an einige Dinge herangeführt, die sie eigentlich von vornherein verurteilen sollten, ginge es nach den Vorschriften der Partei.«

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    16. April 1955
    Informationsdienst Nr. 2441 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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