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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

16. April 1955
Informationsdienst Nr. 2441 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode zeigt sich in der Stimmung der Beschäftigten in den Industrie- und Verkehrsbetrieben keine wesentliche Veränderung. Weiterhin wird vorwiegend über die Verteidigungsmaßnahmen diskutiert.1 Dabei zeigt sich immer wieder, dass zwar die Notwendigkeit dieser Maßnahmen eingesehen wird, aber die Bereitschaft noch sehr mangelhaft ist. Wenn es auch eine Reihe guter Beispiele gibt, die besagen, dass fortschrittliche Jugendliche und klassenbewusste Arbeiter zur Verteidigung der Errungenschaften unseres Arbeiter-und-Bauern-Staates bereit sind, wie z. B. in der Maxhütte Unterwellenborn, wo sich in einer Schicht sechs Jugendliche freiwillig zur VP meldeten. Auch die Parteilosen setzen sich in diesen VEB aktiv für die VP Werbung ein.2 Die Einstellung eines parteilosen Schmelzers gilt für viele: »Ich kann nicht verstehen, dass einige Kerle ihre Absage geben. Wenn es sein müsste, ginge ich alter Kerl noch zur VP

Im VEB Kalt-Walzwerk in Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, wurde am 8.4.1955 der erste Geländedienst3 der Kampfgruppe4 durchgeführt. Es waren 60 Genossen und Parteilose erschienen, was ein gutes Teilnehmerergebnis darstellt. Im Kaliwerk »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl, waren zu diesem gleichen Anlass 65 Kumpel erschienen. Die Diskussionen waren überaus lebhaft und positiv. Es ist aber auf der anderen Seite zu verzeichnen, dass sich ein großer Teil gegenüber der VP-Werbung oder zum Beitritt in die Kampfgruppen und GST ablehnend verhält. Die Ablehnung beruht aber in den wenigsten Fällen auf einer direkt feindlichen Einstellung gegenüber unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat, sondern ist in den meisten Fällen entweder auf eine pazifistische Einstellung und noch mehr auf persönliche Belange zurückzuführen. Das heißt, dass noch ein großer Teil Parteiloser sowie Genossen ihre persönlichen Belange vor die Einsatzbereitschaft stellen.

So heißt es z. B. immer wieder, »freiwillig gehen wir nicht, anders ist es dann, wenn wir einen Gestellungsbefehl erhalten«.

Oder sie sagen, dass sie sich fachlich weiterbilden wollen; dass sie nicht auf ihre Verwandten im Westen schießen könnten; dass ihre Familie nicht damit einverstanden wäre und anderes mehr.

Handelt es sich um den Beitritt zu den Kampfgruppen, so heißt es häufig, dann hätten sie gleich gar keine Freizeit mehr; sie wollten nicht als Partisanen behandelt werden, oder es werden die Kampfgruppen mit dem Volkssturm5 verglichen.

In den vereinzelt negativen, bzw. feindlichen Äußerungen zeigt sich die Beeinflussung durch die westliche Propaganda sowie die Ablehnung unserer demokratischen Ordnung.

Zum Beispiel sagte ein Elektriker (parteilos) aus dem VEB EFR Ruhla,6 [Bezirk] Erfurt: »Freiwillig kriegen sie nicht viel zur KVP. Dieser Staat kann sowieso nicht mehr lange existieren. Eines Tages bricht alles zusammen. Solche Zustände hier, so kann es doch nicht mehr weitergehen. Das Volk glaubt denen nichts mehr. Erstens haben sie nichts und zweitens können sie nichts organisieren.«

Ein Jugendlicher aus dem VEB Deko-Druckereien Penig,7 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich lehne den Beitritt in die KVP ab. Die Regierung hatte am 17. Juni 19538 ihre Fehler eingesehen und entsprechend revidiert. Sie sollte deshalb auch jetzt den eingeschlagenen Kurs schnellstens wieder ändern, sonst kommt es sehr bald wieder zu einem 17. Juni.«

Ein Kollege aus dem Mercedeswerk in Zella-Mehlis,9 [Bezirk] Suhl, sagte: »Was hier gemacht wird, ist alles Schwindel. Meine Meinung zur Oder-Neiße-Grenze werdet ihr nicht erfahren, weil ich keine gesiebte Luft atmen will. In die VP werde ich nie eintreten.«

Ein Kollege aus dem VEB EKM Dampfkesselbau Gera:10 »Man müsste die Werbung direkt sabotieren. Kein Mensch dürfte sich freiwillig melden, damit sie mal sehen, was unter der Bevölkerung los ist.«

Die Diskussionen über die Versorgungslage halten im geringen Umfang weiter an und sind überwiegend negativ. Auch wird verschiedentlich die Verknappung von einzelnen HO-Lebensmitteln11 im Zusammenhang mit den Verteidigungsmaßnahmen gebracht.

Ein Arbeiter aus dem VEB Ziehwerk Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, sagte z. B.: »Aufgrund der Maßnahmen, zum Schutze unserer DDR, lautet jetzt die Parole nur noch: ›Mehr Kanonen statt Butter.‹12 Diese Auswirkungen kann man jetzt schon spüren, es gibt kaum noch Butter in der HO

Durch den Rat der Stadt Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, wurden den Transportarbeitern der Bau-Union die Lebensmittelkarte »B« gestrichen und sie erhielten die Karte »C«.13 Dies löste Diskussionen aus wie z. B. »Die Lebensmittel sind knapp und Krieg wird es auch bald geben. Staatsreserven müssen angelegt werden, deshalb wird gespart und uns wurde aus diesem Grunde die ›B‹-Karte gestrichen.«

Unter den Bauarbeitern der Baustelle Trattendorf14 herrscht eine schlechte Stimmung, die von einigen Kollegen als »Ruhe vor dem Sturm« bezeichnet wird. Die Ursache ist die schlechte Versorgung auf dieser Baustelle. Die Kollegen erklären, dass es in Spremberg mehr zu kaufen gäbe als auf den Schwerpunktbaustellen. Des Weiteren sind sie verärgert, weil ihnen 33,00 DM für Unterkunft abgezogen werden. Dies wäre zu hoch für die Unterkünfte, die sie bewohnen müssen.

Im VEB Werkzeugmaschinenwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera, unterhielten sich drei Arbeiter mit Kollegen, die aus Westdeutschland zugezogen sind, über die Versorgungslage. Dabei brachten die letzteren zum Ausdruck: »In dieser Beziehung ist es in Westdeutschland besser. Man bekommt einwandfreie Lebensmittel und hat mehr Auswahl. Wir sind über diese Zustände hier enttäuscht.« Daraufhin erwiderte ein parteiloser Arbeiter: »Ich möchte nur wissen, was ihr hier wollt, wenn es in Westdeutschland besser ist. Die Zustände hier ändern sich sowieso nicht mehr.«

Im VEB Westglas Suhl kam es vom 12.4.1955 nachmittags bis zum nächsten Tag 14.00 Uhr zu einer Arbeitsniederlegung durch 24 Kollegen. Der Grund dafür war, dass den Kollegen entgegen der gesetzlichen Bestimmung 30 % Zuschlag gezahlt wurde. Der Satz von 15 %, welcher auch im BKV festgelegt ist, soll nun in Zukunft gezahlt werden. Nach einer Aussprache, in Anwesenheit des 1. Kreissekretärs der SED, wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Die Erklärung des Ministerrats vom 12.4.1955 findet auch in der Industrie Interesse und teilweise wird bereits rege darüber diskutiert.15 (siehe Anhang)

Neben den Gesprächen über die politische sowie wirtschaftliche Lage befassen sich die Arbeiter in ihren Diskussionen vielfach mit betrieblichen Belangen. Dabei spielt immer wieder die Frage der Rentabilität eine Rolle.

Zum Beispiel werden im Elektro-Chemischen-Kombinat Bitterfeld über die zu hohen Angestellten-Ziffern Diskussionen geführt. Einige Kollegen erklärten: »Wenn wir eine rentable volkseigene Industrie aufbauen wollen, muss unbedingt der Verwaltungsapparat reduziert werden.«

Die Arbeiter des Seehafens Wismar bringen ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass die Zufuhr von Kali immer dann ins Stocken kommt, wenn eine Anzahl von Schiffen einläuft, die dann vier bis sechs Tage im Hafen liegen und auf die Kali-Ladung warten müssen, obwohl genügend Zeit ist, die Hallen vorher zu füllen. Vorwiegend sind es schwedische und dänische Schiffe. Für die Wartezeit müssen Überlagegelder gezahlt werden. Die Kippanlage wurde bisher durchschnittlich nur zur 30 % ausgelastet.

Die Arbeiter schlussfolgern daraus, dass an maßgebender Stelle Saboteure sitzen, die unseren Außenhandel schädigen.

Der Umschlag des Seehafens Stralsund ist schlecht. Für den Stückgutumschlag wurden zwei Kräne angeschafft, die seit drei Monaten stehen und bisher noch nicht einmal verwandt [sic!] wurden. Die Anschaffung erfolgte auf Veranlassung der Hauptverwaltung, da sie durch den DIA erfahren hatte, dass Stückgut von der ČSR nicht mehr in Hamburg, sondern in den Häfen der DDR umgeschlagen werden sollte.

Hemmend wirken sich immer wieder die bereits bekannten Mängel und Schwierigkeiten auf den planmäßigen Produktionsablauf aus.

Im VEB Halbzeugwerk Auerhammer, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, treten in der Rohproduktion Schwierigkeiten auf. Der Zulieferbetrieb – das Walzwerk Hettstedt – ist mit seiner Lieferung (15 Tonnen Buntmetall) im Rückstand. Der Lieferbetrieb – VEB BMHW – kann keine Messingrohre liefern, da ihm vom VEB Halbzeugwerk der dazu benötigte Rohstoff (Zink) nicht bereitgestellt werden kann. Aufgrund der bestehenden Rohstoffschwierigkeiten wurden in der Abt. Gießerei bis zu 80 % Buntmetallabfälle verwandt [sic!]. Dadurch leidet die Qualität der Erzeugnisse und es ist eine Ausschussquote von 20 bis 25 % zu verzeichnen.

Durch laufende Umbelegungen und Stornierungen in Kammgarnwolle und Kammgarnzellwolle durch das Ministerium für Leichtindustrie, Hauptverwaltung Textil, Außenstelle Karl-Marx-Stadt entstehen im VEB Tufa Cottbus16 Produktionsschwierigkeiten. (Produktionsstillstände in der Weberei, Umbesetzung von Arbeitskräften, Nichterfüllung der Brigadepläne u. Ä. mehr).

Im VEB Bremsbelag und Presswerk Coswig, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Kresolen.17 Dadurch musste die Abteilung Buchsen-Fabrikation und die Produktion von Harz eingestellt werden. Wenn die Lieferung von Kresol nicht bald erfolgt, muss mit einem größeren Produktionsausfall gerechnet werden.

Im VEB Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, bestehen Schwierigkeiten, die Aufträge für die SU termingemäß fertigzustellen, da Magnetkupplungen, Rutschkupplungen und Scheibentonnenlager nicht rechtzeitig geliefert werden können.

Auch im »Ernst-Thälmann-Werk« in Magdeburg18 stehen noch Positionen des Exportprogramms an die SU offen.

Der VEB »Archimedes« Glashütte Dresden hat noch 272 Rechenmaschinen aus dem I. Quartal 1955 zu produzieren. Der Grund ist, die nichttermingemäße Lieferung von Rechenmaschinenteilen durch die Zulieferbetriebe.

Der VEB Maschinenfabrik »Nikos Belojannis« Erfurt erhielt ein gefälschtes Schreiben, in welchem aufgefordert wird, an einem Empfang beim Präsidenten der DDR zu Ehren der Handelsdelegation der Volksrepublik Bulgarien teilzunehmen. Die Kosten der Anfahrt sollten dem Kulturfonds entnommen werden.

Nachdem sich in der Glashütte Torgau ein Kollege verpflichtet hatte, ca. vier Wochen 2 000 qm Glas über den Plan hinaus zu schneiden, wurde am 13.4.1955 auf der Toilette folgende Schmiererei festgestellt: »Prämie für Poppi. Du wirst am 1. Mai Aktivist,19 weil du …« dann war die Losung abgebrochen. (Poppi ist der Spitzname des Kollegen).

In einer Toilette des VEB Porzellanmanufaktur Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde die Hetzlosung »Freiheit wollen wir« mit Bleistift angeschmiert.

Im VEB Waggonbau Görlitz, [Bezirk] Dresden, wird in der Automatabteilung diskutiert, dass die Rangierer des Bahnhofes Schlauroth am Sonntag gestreikt hätten, weil sie gezwungen werden sollten, am Sonntag zwölf Stunden zu arbeiten. Dieser Vorfall soll vom RIAS20 gebracht worden sein. Des Weiteren seien verschiedene Rangierer festgenommen worden.

In den VEB Lederwerken »Einheit« in Pößneck, [Bezirk] Gera, wird unter der Mehrzahl der Beschäftigten das Gerücht verbreitet, dass in Zwickau 1 700 Kumpel in den Streik getreten seien.

Im Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass in der vergangenen Woche in einem Großbetrieb in Bitterfeld ein großer Streik gewesen wäre.

Ein Kollege des »Ernst-Thälmann-Werkes« in Magdeburg verbreitete das Gerücht, dass in diesem Betrieb 3 000 Arbeiter entlassen würden, da »der Russe umfangreiche Lieferaufträge zurückgezogen« hätte.

Am 8.4.1955 beging ein technischer Direktor der Bau-Union Süd Dresden Republikflucht. In einem Brief an den Werkdirektor schreibt er, dass er diesen Schritt getan habe, da die Zusammenarbeit mit Berlin – Bauverwaltung des MdI – unerträglich war. (Dieser Funktionär ist über sämtliche militärische Bauten der DDR orientiert).

Versorgung der Bevölkerung

Die Lage im Handel hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert. Es besteht weiter der Mangel an HO-Butter, HO-Margarine, Mehl usw. Deshalb kommt es oft vor den Verkaufsstellen zu Schlangenbildung.

Die Diskussionen über die Versorgungslage nehmen nicht mehr solchen Umfang ein, sie sind aber weiterhin vorwiegend negativ. Sehr viel wird noch immer über die neue Brotsorte21 diskutiert. Die Diskussionen tauchen besonders in den Betrieben während der Frühstückspausen auf, wo sich die Arbeiter gegenseitig ihre Brote zeigen.

So äußerte z. B. ein Arbeiter aus dem VEB Schwermaschinenbau »Heinrich Rau« in Wildau, [Bezirk] Potsdam, während der Frühstückspause:

»Seht euch mal das graue Brot an. So etwas braucht man im Westen nicht zu fressen. Dort hat man die Wahl, was man essen möchte. Aber hier werden wir ja nicht gefragt. Man nimmt uns einfach das weiße Brot weg und wir müssen graues essen, ob wir wollen oder nicht.«

Ein großer Teil der anwesenden Kollegen stimmte diesem Arbeiter zu.

Vielfach taucht jetzt auch die Hetzlosung auf: »Schwarzes Brot, dünnes Bier,22 Grotewohl23 wir danken dir.«

Es macht sich immer wieder bemerkbar, dass westdeutsche Besucher durch den Mangel an HO-Butter und -Zucker nicht immer beliefert werden können. Aus diesem Grunde treten darüber immer wieder negative Diskussionen auf.

Zum Beispiel konnten in Dessau, [Bezirk] Halle, durch den starken Besucherandrang aus Westdeutschland die Verkaufsstellen, die für die Belieferung der westdeutschen Besucher bestimmt wurden, diese nicht in genügendem Maße beliefern.

Im Kommunalen Großhandel Görlitz, [Bezirk] Dresden, sind ca. 40 t Zwiebeln verdorben, oder mussten als minderwertige Ware verkauft werden. Schaden: ca. 15 000 DM. Zurzeit lagern in Görlitz noch ca. 60 t Zwiebeln, die ebenfalls dem Verderb ausgesetzt sind. Gleichzeitig erhielt der Großhandel Görlitz von der Abt. Handel und Versorgung des Bezirkes Dresden die Anweisung, weitere neun Tonnen Zwiebeln anzunehmen.

Die VEAB Löbau lieferte dem VEG Löbau ca. 1 730 kg angefaulte Zwiebeln als Schweinefutter. Die VEAB bemerkte dazu, dass sie noch jede Menge Zwiebeln zum Verfüttern habe. Das Gut verweigerte jedoch eine weitere Abnahme, da die Schweine die Zwiebeln nicht fraßen. Es wird von dort die Frage gestellt, warum die Zwiebeln nicht früher zu verbilligten Preisen auf den Markt gebracht wurden.

Im letzten Vierteljahr sind in Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, ca. 388 kg Apfelsinen, 84 kg Mandarinen und 240 kg Zitronen verdorben, weil die Verkaufsstellen während der kalten Tage keine Feuerung hatten.

In der HO-Bautzen können für ca. 2 000 DM Grammophonplatten nicht abgesetzt werden, da es sich um klassische Musikstücke handelt und die Nachfrage nur nach Tanz- und Volksmusik besteht.

Aus dem Stadtkreis Gera wird bekannt, dass seit Anfang des Jahres mehrere private Milchgeschäfte ihre Läden wegen Unrentabilität geschlossen haben und bis Ende Mai weitere fünf Milchgeschäfte geschlossen werden. Der Konsum weigert sich, diese Milchgeschäfte zu übernehmen und begründet dies damit, dass aufgrund eines Ministerratsbeschlusses unrentable Geschäfte nicht übernommen werden brauchen.

Durch unsachgemäße Zubereitung von Brotteig sind in der Konsumbäckerei in Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, in der Wilhelm-Külz-Straße, 281 Brote à 1,5 kg für den menschlichen Genuss unbrauchbar, sodass diese als Schweinefutter an den ÖLB24 abgegeben werden mussten.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Hauptdiskussionspunkte zu den politischen Problemen bilden in der Landwirtschaft im Zusammenhang mit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte die Werbung zur KVP, die Beteiligung an den Kampfgruppen oder die Mitarbeit in der GST; der Ministerratsbeschluss vom 10.3.195525 und jetzt schon vereinzelt die Erklärung des Ministerrates vom 12. April 1955. Größeren Umfang nehmen die Diskussionen nach wie vor nicht ein.

Zu der Werbung zur KVP, worüber besonders die Jugend im Alter von 18 bis 22 Jahren diskutiert, gibt es nur Einzelbeispiele, wo die Jugendlichen bereit sind, freiwillig zur KVP zu gehen, weil sie die Notwendigkeit eingesehen haben, die Errungenschaften der DDR vor einem Überfall der Kriegstreiber mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

Weit größer ist die Zahl derjenigen, die sich ablehnend, pazifistisch oder negativ zum Eintritt in die KVP, zur Mitarbeit in den Kampfgruppen und überhaupt zur militärischen Ausbildung verhalten.

Eine Anzahl Jugendlicher lehnt es grundsätzlich ab, jemals eine Waffe in die Hand zu nehmen. Das wird damit begründet, dass man nicht Soldat werden und nicht gegen die Brüder und Schwestern in Westdeutschland kämpfen will; dass erst mal die Mitglieder der SED zur KVP gehen könnten und dass die Jugendlichen zu den Weltfestspielen 195126 in Berlin geschworen hätten, niemals wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen.27

Andere Jugendliche sehen zwar die Notwendigkeit einer militärischen Ausbildung ein, sind aber nicht bereit, jetzt in die KVP einzutreten und erklären, dass sie erst dann eintreten wollen, wenn die Wehrpflicht eingeführt wird, da jetzt zum freiwilligen Eintritt in die KVP noch nicht die Notwendigkeit bestünde.

Ein Argument, was besonders unter der Landbevölkerung bis jetzt auftrat, ist, dass man die Notwendigkeit der KVP-Werbung zwar einsehe, aber von der Werbung der Landjugend zur KVP Abstand nehmen sollte, da in der Landwirtschaft der Arbeitskräftemangel sowieso schon so groß sei.

Dazu sagte z. B. der LPG-Vorsitzende aus Bagemühl, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg: »Wenn man so viel Leute zur VP holt, wird man die Hälfte der gepflanzten Zuckerrüben umpflügen müssen.«

Von den Anwesenden in einer Versammlung der Gemeinde Prebberede, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde die Meinung vertreten, dass es nicht richtig sei, Kräfte aus der Landwirtschaft zum Dienst in die KVP einzuziehen, da der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft zu groß sei.

Der größte Teil der Bauern aus der Gemeinde Ottendorf, [Kreis] Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bringt zum Ausdruck, dass sie nichts mehr machen, weil sie sowieso schon keine Arbeitskräfte haben, wenn ihre Söhne aufgrund der Ratifizierung zur KVP eingezogen würden.

Die bekannt gewordenen Stimmen über die Erklärung des Ministerrates vom 12.4.1955 sind positiv. Übereinstimmend wird zum Ausdruck gebracht, dass unsere Staatssicherheit gut gearbeitet hat, den Feinden ein entscheidender Schlag versetzt wurde und dass die Festnahme von 521 Agenten eine ernste Warnung für alle diejenigen sein müsse, die es wagen sollten, unser friedliches Aufbauwerk zu stören. Weiter wird gesagt, dass diese Festnahmen für alle Werktätigen in der DDR eine ernste Mahnung sein müssten, die Wachsamkeit noch mehr zu verstärken.

Auf einer Aktivtagung in der Gemeinde Rauen, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde übereinstimmend erklärt »wir freuen uns, dass es unseren Sicherheitsorganen gelungen ist, 521 Agenten unschädlich zu machen, und diesen Subjekten das Handwerk gelegt wurde, die unserer Aufbauarbeit großen Schaden zufügen wollten«.

Ein werktätiger Bauer aus der Gemeinde Ragun, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, sagte: »Man muss sich für alles, was um einen passiert, interessieren. Durch die Hinweise in der Regierungserklärung kann man entnehmen, dass in allen Zweigen unserer Wirtschaft Störungsversuche unternommen werden. Es wird auch bestimmt in unserem Kreis Agenten geben, und man muss deshalb die Wachsamkeit verschärfen.«

In den Diskussionen zu dem Ministerratsbeschluss vom 10. März traten keine wesentlich neuen Momente auf. Wie in den Vortagen bringt ein großer Teil der Arbeiter der MTS, Genossenschaftsbauern und auch ein Teil werktätiger Einzelbauern ihre Zustimmung zu diesem Beschluss in Verpflichtungen zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion usw. zum Ausdruck.

Die Frühjahrsbestellung ist überall in vollem Gange. Die Landbevölkerung ist bemüht, den durch die Witterungsverhältnisse eingetretenen Rückstand der Aussaat in Kürze aufzuholen. Immer wieder macht sich jedoch bei der Aussaat bemerkbar, dass die Bauern nicht genügend Saatgut, (Kartoffeln, Futterrüben- und Kleesamen) zur Aussaat haben.

Zum Beispiel sind für den Bezirk Magdeburg vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft noch ca. 7 000 t Saatkartoffeln, davon 2 500 t frühe Sorten nicht abverfügt worden.

Dem ÖLB Laaslich, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, fehlen ca. 500 Zentner Saatkartoffeln.

Der LPG Brohn, [Kreis] Neubrandenburg, fehlen noch ca. 30 Zentner Saathafer.

Im Kreis Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, fehlt insgesamt 768 dz Braugerstesaatgut.

In der LPG Wechmar, [Bezirk] Erfurt, fehlen noch 300 kg Futterrübensamen.

Bei fast allen BHG im Kreis Neuhaus, [Bezirk] Suhl, gibt es keinen Futterrübensamen.

Ein Doktor vom Landwirtschaftlichen Institut der Universität in Rostock hielt in der Gemeinde Ravensberg, [Kreis] Doberan, [Bezirk] Rostock, einen Vortrag und erklärte u. a.: »Im Frühjahr kann man nicht mit den Traktoren auf dem Feld arbeiten, es ist besser, wenn alles mit Pferden gemacht wird, dann ist die Bodenverdichtung nicht so stark.«

Die Bauern die diesen Vortrag gehört hatten erklärten anschließend: »Hätten wir bloß keine Verträge mit der MTS abgeschlossen.«

Einen weiteren Schwerpunkt bildet der Futtermangel in den verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben.

In der LPG Rätzlingen, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, sind z. B. wegen Futtermangel in den letzten Tagen sieben Stück Rindvieh verendet. Von den vorhandenen 190 Rindern ist der größte Teil unterernährt.

Aus dem Kreis Putbus, [Bezirk] Rostock, wird berichtet, dass schon ca. 100 Stück Rinder und Färsen verhungert sind.

Alle Betriebe sind bemüht, ihr Vieh möglichst am Leben zu halten. So versucht man überall Futter für das Vieh zu bekommen. Bis jetzt haben alle Betriebe, die sich an die Verwaltungen mit der Bitte um Futter wandten, keine Hilfe bekommen.

Verschiedentlich gehen die Bauern jetzt dazu über, Brot an das Vieh zu verfüttern.

Wie z. B. in der Gemeinde Lübtheen, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, wo mehrere Bauern größere Mengen Brot einkauften, um ihr Vieh damit zu füttern.

In der Gemeinde Menz, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, sind einige Bauern dazu übergegangen, im Wald Holz zu schlagen, um dieses gegen Futter bei anderen Bauern, vorwiegend Groß-Bauern, einzutauschen. Als ihnen das Holzschlagen vom Förster verboten wurde, erklärten sie: »Du kannst uns ruhig anzeigen, aber wir brauchen auf jeden Fall Futter und Saatgetreide.«

Abschließend kann festgestellt werden, dass die Bauern durch den Futtermangel sehr missgestimmt sind und dieses auch in ihren Diskussionen zum Ausdruck bringen.

Schweinepest

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

  • Im ÖLB Werder, [Kreis] Lübz, [Bezirk] Schwerin, wurden 40 Schweine notgeschlachtet und zwei verendeten. (Bestand: 42 Schweine)

  • In der LPG Golchen, [Kreis] Sternberg, [Bezirk] Schwerin, Bestand: 49 Schweine, davon 27 notgeschlachtet.

  • In Neutreppin, [Kreis] Seelow, und Demmnitz, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurden 45 Schweine notgeschlachtet.

  • In der LPG Seehof, [Kreis] Schwerin, wurde der Bestand von 47 Schweinen notgeschlachtet.

In der LPG Wiesenfeld, Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, sind 200 dz Konsum-Kartoffeln, die in Mieten lagerten, dem Verderb ausgesetzt, wenn nicht schnellstens Abhilfe durch Freistellung von Arbeitskräften geschaffen wird.

Im VEG Kossebade, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, ist beim Öffnen der Mieten festgestellt worden, dass von 350 Zentnern Kartoffeln 250 Zentner verfault sind, die restlichen 100 Zentner können nur noch für Futterzwecke verwendet werden.

In der Gemeinde Limbach, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, tritt in Erscheinung, dass werktätige Bauern ihre Neubauernstellen aufgeben.28 Zum Beispiel geben zwei werktätige Bauern wegen hohen Alters auf, ein werktätiger Bauer hat seit 1945 nicht bebaut, ist zu 75 % körperbehindert und gibt mit der Begründung, die Arbeit sei zu schwer, auf.

In der LPG Elslaake, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wurde festgestellt, dass ein neuerbauter Hühneraufzuchtstall und ein fast vollendeter Futterzubereitungsstall am Zusammenbrechen sind, da die in dem Fundament vermauerten Ziegelsteine zerfielen. Als Ursache wurde festgestellt, dass die Qualität der Ziegelsteine vom VEB Ziegelei Friesdorf, [Kreis] Brandenburg, schlecht ist. Von den für die beiden Gebäude verwandten 28 000 Stück Mauerstücken ist nicht ein einziger einwandfrei.

Am 10.4.1955 wurde ein Mitglied der LPG Krielow, [Kreis] Potsdam-Land, in der Gemeinde Schmergow in einer Gaststäte von männlichen Personen dieser Gemeinde niedergeschlagen. Das LPG-Mitglied musste wegen schwerer Körperverletzung in das Krankenhaus eingeliefert werden. (Täter festgenommen)

Am 13.4.1955, gegen 22.00 Uhr, brach in einer als Schuppen dienenden Scheune in Goldbach, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, ein Brand aus. Schaden: 6 000 DM.

Einschätzung der Situation

Die Diskussionen zu politischen Fragen werden weiterhin von den Stellungnahmen zur Verteidigung der DDR bestimmt, wobei sich im Inhalt keine Veränderung zeigt.

Teilweise wird bereits lebhaft über die Erklärung des Ministerrats vom 12.4.1955 diskutiert. Dabei sind die Stellungnahmen überwiegend positiv.

Die Diskussionen zur Versorgungslage haben umfangmäßig etwas nachgelassen, sind aber weiterhin meistens negativ.

Die Hetzschriftenverbreitung hält in verstärktem Maße an.

Anlage 1 vom 14. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2441

Erste Stellungnahmen der Westsender zur Ministerratserklärung

Nachdem die ersten Nachrichtensendungen am 13.4.1955 die Hauptfragen der Ministerratserklärung vom 12.4.1955 ohne Kommentar, aber oft entstellt und mit zweifelnden Worten, wiedergaben, kam es im Laufe des 13.4.1955 zu den ersten größeren Kommentaren der westlichen Rundfunkstationen. Sie gleichen inhaltlich den Ausführungen der Westberliner Zeitungen.

Es kann festgestellt werden, dass sowohl der RIAS als auch der Sender »Freies Berlin«29 und der Londoner Rundfunk in seinen deutschsprachigen Sendungen übereinstimmend die Erklärung des Ministerrats der DDR zu einer Hetze gegen den SfS benutzen. Dabei legen sie die in den letzten Wochen gebrachten Lügenmeldungen über »Anschlag auf FDP-Vorsitzenden von Berlin«,30 »SSD will RIAS-Mitarbeiter vergiften«,31 »Menschenraub«32 usw. zugrunde.

Der Sender »Freies Berlin« sagt dazu u. a.: »… Ein weitverzweigtes Agentennetz treibt fast ungehindert eine umfangreiche Spionage und Spitzeltätigkeit … Er begnügt sich nicht mit der üblichen Routinearbeit, sondern verübt Einbrüche, organisiert Entführungen und unternimmt Mordanschläge …«

Daneben wird mit einer üblen Hetze gegen SED und Regierung versucht, eine »Begründung« aufzustellen, warum der Ministerrat der DDR gerade jetzt eine derartige Erklärung abgibt. Allgemein versucht man, die Bevölkerung mit der Verleumdung zu beeinflussen, dass diese Erklärung als »Ablenkungsmanöver« gedacht sei; verbindet dies aber gleichzeitig mit der Hetze, dass die SED und die Regierung der DDR strengere Maßnahmen gegen die Bevölkerung der DDR vorbereite.

So heißt es z. B. in den einzelnen Sendungen:

»… Bei der Beschlussfassung über den Text hat zweifellos die Überlegung eine Rolle gespielt, dass gegenwärtig in der Zone eine krisenhafte Lage entstanden ist, die ihre für das System bekannten Auswirkungen auf den verschiedensten Gebieten zeitigt …« (RIAS)

»… Alles in allem also eine Situation, die den Regierenden in der Zone sehr zu schaffen macht. Was liegt da näher, als zu dem für die kommunistischen Staatsführer schon traditionell gewordenen Mittel der Ablenkung von den wahren Schwierigkeiten zu greifen …« (Sender »Freies Berlin«)

»… Kurz, die Erklärungen der Sowjetzonenregimes über die Verhaftung von 521 angeblichen Spionen und Saboteuren trägt alle Kennzeichen eines bewussten Manövers in sich …« (London)

Diese Verleumdung unserer Politik werden mit kürzeren oder längeren Ausführungen über die Lage in den Betrieben, in der Landwirtschaft, in der Versorgung und über die Werbung zur KVP in der bereits bekannten Art begründet.

So hetzt z. B. der RIAS: »… denn für die entstandenen Störungen werden ja in der Erklärung eine Reihe von Beispielen angeführt, allerdings immer in Verbindung mit irgendwelchen Anschlägen der Feinde des sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Staates.«

Über zu erwartenden »Maßnahmen gegen die Bevölkerung« der DDR hetzt der Londoner Rundfunk: »… Gleichzeitig nimmt das Regime die angebliche Spionage und Sabotage zur Ausrede, damit Partei und SSD die Bevölkerung in die Hand bekommen, die immer unzufriedener wird und immer weniger Lust hat, mitzumachen.«

Nur vereinzelt äußert man sich zu den von uns getroffenen Feststellungen über die verbrecherischen Anschläge der imperialistischen Kriegstreiber und ihrer Spionageorganisationen. Es wird behauptet, dass die Zahl der Festgenommenen stark übertrieben sei bzw. dass es sich dabei teilweise um bereits vor zwei Jahren erfolgte Festnahmen handele. (Siehe RIAS vom 13.4.[1955], 19.10 Uhr)

Der Sender »Freies Berlin« behauptet, dass die verschiedenen von uns genannten Agentenzentralen33 erst aufgrund der Existenz des SfS als »Abwehr, zur Hilfe, zur Beratung« entstanden wären. Er muss aber anschließend gleich zugeben, dass »echte Beratungs- und Hilfsaufgaben mit solchen Aufgaben, die an sich ausschließlich in das Gebiet der Geheimdienstarbeit gehören«, verbunden wurden.

Über die Rolle Westberlins sagt der gleiche Sender: »… In einer gewagten Mischung von phantastischen Erfindungen und zurechtgemachten Halbwahrheiten wird der Nachweis zu führen versucht, dass Westberlin lediglich den Alliierten als Basis zur Entsendung von Spionage- und Sabotagegruppen in der DDR dient. Mit dieser Behauptung will man einmal Westberlin moralisch diskreditieren … Mit dieser Behauptung aber will man ferner den seit Langem angekündigten Kampf nach der Ratifizierung der Pariser Verträge34 gegen Westberlin führen …«

Die gegen den RIAS erhobenen Beschuldigungen versucht dieser wie folgt als falsch hinzustellen: »… Was übrigens den RIAS anbelangt, der natürlich auch erwähnt wird, so haben wir schon oft erklärt und heute erklären wir es wieder, dass unser Sender selbstverständlich weder Agenten noch Saboteure in der Zone unterhält. Die Machthaber in Pankow35 wollen mit ihren Angriffen gegen den RIAS lediglich eine ihnen unbequeme publizistische Institution schädigen und sie scheuen dabei, wie die Anschläge auf RIAS-Mitarbeiter kürzlich gezeigt haben, nicht vor gemeinen Verbrechen zurück …«

Anlage 2 vom 14. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2441

Stimmen zur Erklärung des Ministerrates vom 12.4.1955

Bisher wurden erst wenige Stimmen zur Erklärung des Ministerrates der DDR vom 12.4.1955 über Maßnahmen gegen die verbrecherischen Anschläge der imperialistischen Kriegstreiber und ihrer Spionage-Agenturen bekannt. Sie lassen jedoch Zustimmung zu den getroffenen Maßnahmen erkennen und es wird zum Ausdruck gebracht, dass die Agenten hart bestraft werden müssen und dass man einsieht, wie notwendig die erhöhte Wachsamkeit ist. Vereinzelt werden die positiven Stellungnahmen mit Verpflichtungen zur erhöhten Wachsamkeit und ähnliches verbunden.

Zum Beispiel äußerten zwei Schlosser aus der Glashütte Torgau, [Bezirk] Leipzig: »Wir haben gar nicht geglaubt, dass es so viel Agenten in der DDR gibt. Wir verlangen, dass diese Verbrecher die härteste Strafe erhalten.« Weiter wurde gesagt: »Ich bin bisher so sorglos im Betrieb herumgelaufen, werde aber in Zukunft besser aufpassen und wachsamer sein.«

Ein parteiloser Kollege aus dem VEB Kraftwerk »Dimitroff« Leipzig:36 »Ich begrüße, dass unsere Regierung und die ihr unterstellten Sicherheitsorgane in diesem großen Agentenfall schnell eingegriffen haben. Das Auftreten dieser Agenten beweist, mit welchen Mitteln sie arbeiten, und dass die Kapitalisten immer wieder Dumme finden, die für ein paar Groschen ihr Vaterland verraten. Hoffentlich bekommen sie ihre gerechte Strafe, damit den anderen die Lust vergeht, unseren Aufbau zu stören.«

Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Präzisionsmechanik Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich habe heute die Meldung über die Festnahme der 521 Agenten gehört. Ich kann die Festnahme dieser Verbrecher nur begrüßen. Dadurch wurde wieder Aufschluss über verschiedene Mängel und Vorkommnisse gegeben; denn, wenn z. B. eine Million gefälschter Lebensmittelkarten eingeschleust werden, dann muss sich das in der Versorgung auswirken.«

Zwei parteilose Arbeiter aus dem VEB Kfz-Werk »Ernst Grube« in Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, erklärten: »Man hält es nicht für möglich, dass es tatsächlich solche Konsorten von Menschen gibt, wie diese in der Erklärung aufgezeigt wurden. Wenn es den Tatsachen entspricht, so wie es der Rundfunk gemeldet hat, dann gibt es weiter nichts, als die höchste Strafe für diese Menschen anzuwenden.«

Ein Angestellter aus Frankfurt sagte: »Es ist gut, dass wieder so ein umfangreiches Agentennetz ausgehoben wurde. Es wäre bald mal an der Zeit, das gesamte Westberlin mit seiner Agententätigkeit zu liquidieren, damit den Agenten von dort aus jede Möglichkeit der Angriffsbasis genommen wird und wir in der DDR in Frieden unser Aufbauwerk verrichten können.«

Ein Angestellter der Abt. Gütekontrolle des VEB »7. Oktober« in Groß-Berlin37 sagte: »Da kann man sehen, dass es doch eine ganze Menge solcher Banditen gibt, die hier geschnappt sind. Hoffentlich sind hier im Betrieb nicht auch noch welche. Wir müssen deshalb jetzt noch mehr aufpassen und wachsam sein.«

Eine parteilose Hausfrau aus Großenhain sagte: »Ich weiß nicht, dass die Menschen noch nicht gescheit werden. Heute früh hörte ich im Radio, dass 500 Agenten von der Staatssicherheit verhaftet wurden. Man muss gegenüber allen Menschen viel misstrauischer werden.«

Von einigen Brigaden und Kollegen des »Albert-Kuntz-Kombinates« Wurzen,38 [Bezirk] Leipzig, wurden Stellungnahmen abgegeben, worin diese die verbrecherischen Machenschaften verurteilen. Verschiedene Kollegen gingen die Verpflichtung ein, ihren Arbeitsplatz im Sinne des Schutzes unserer Heimat auszuschmücken. Andere Brigaden wollen aus diesem Anlass einen Stundenlohn zur Einladung westdeutscher Delegationen spenden.

In einer vereinzelt bekannt gewordenen negativen Äußerung wurde die Richtigkeit der hohen Zahl der Festgenommen angezweifelt.

Ein Jugendlicher aus Wingerode, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, war der Meinung, dass es gar nicht möglich sein kann, so viele Personen auf einmal zu fassen, da diese Leute schließlich doch auch nicht dumm seien.

Bei Unterhaltungen mit verschiedenen Produktionsarbeitern und Kraftfahrern des VEB »7. Oktober« über die Erklärung des Ministerrates, dass durch die Organe der Staatssicherheit über 500 Agenten festgenommen wurden, kam eine gewisse Besorgnis über weitere Maßnahmen der Regierung zum Ausdruck.

Sie äußerten, dass jetzt bestimmt die Sektorengrenzen geschlossen werden und durch die Unterbrechung des Verkehrs Unruhen entstehen und somit Besuche von Bekannten und Verwandten in Westberlin und umgekehrt nicht mehr möglich sind.

Es kam bei diesen Gesprächen immer wieder zum Ausdruck, dass die Kollegen nur ihre persönlichen Belange in den Vordergrund stellen und Befürchtungen hegen, nicht mehr nach Westberlin fahren zu können, aber über die erfolgten Verhaftungen und die Maßnahmen des Ministerrates weniger diskutieren.

Anlage 3 vom 15. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2441

Stellungnahmen der übrigen Bevölkerung zur Ministerratserklärung

Auch bei der übrigen Bevölkerung sind die Stellungnahmen verhältnismäßig gering, aber überwiegend positiv. In den meisten Fällen macht sich ein gewisses Erstaunen über die große Anzahl der festgenommenen Agenten bemerkbar und beweist dadurch, dass solche Veröffentlichungen notwendig sind, um die Bevölkerung aufzuklären. Im Allgemeinen wird diese Maßnahme begrüßt und mit Empörung über die verbrecherische Handlungsweise der Agenten eine strenge Bestrafung gefordert. Darüber hinaus fordert man mehr Wachsamkeit und gelobt seinerseits, die Wachsamkeit zu erhöhen, um diesen Verbrechern das Handwerk zu legen.

So erklärte z. B. ein Lebensmittelkaufmann (Mitglied der NDPD) aus Quedlinburg, [Bezirk] Halle: »Man muss tatsächlich misstrauischer gegen jeden sein, denn 521 Agenten, die in der DDR ihre Wühlarbeit geleistet haben, sind kein Pappenstiel. Bedauerlich ist nur, dass die gesamte Bevölkerung der DDR zu wenig Interesse dafür aufbringt, die Staatsorgane bei ihrer Arbeit durch Hinweise zu unterstützen.«

Eine Hausfrau (parteilos) aus Rastenberg, [Kreis] Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, sagte: »Als ich heute früh im Radio von der Verhaftung der Gehlen-39Agenten40 hörte, war ich erstaunt, dass so viele Agenten im Gebiet der DDR ihr Unwesen treiben. Erfreut war ich jedoch darüber, dass diesen Agenten das Handwerk gelegt wurde.«

Eine Haus- und Hofgemeinschaft aus See, [Kreis] Niesky, [Bezirk] Dresden: »Wir waren sehr erstaunt, dass so viele Agenten auf einmal festgenommen wurden. Wir begrüßen die Erklärung und werden noch wachsamer sein.«

Die Lehrgangsteilnehmer der GST-Bautzen verfassten eine Resolution an den Generalstaatsanwalt, worin sie ihre Empörung über die Agenten zum Ausdruck bringen und eine harte Bestrafung der Verbrecher fordern.

Eine parteilose Verkäuferin der HO und ihre Mutter aus Gräfinau-Angstädt,41 [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, die als indifferent bekannt sind, begrüßen ebenfalls, dass es unseren Staatsorganen gelungen ist, eine so große Anzahl Verbrecher zu entlarven, die für einen neuen Krieg arbeiten. Sie fordern, dass diese Agenten die höchste Strafe erhalten, denn diese Menschen sind zu allem fähig.

Vereinzelt werden Zweifel über die Tätigkeit der Agenten geäußert, wie es z. B. ein Arbeiter aus Frankfurt/Oder zum Ausdruck brachte: »Dass die Agenten das Bindegarn vergiftet haben,42 kann ich mir nicht denken. Der Bauer bringt doch das nicht in die Häckselmaschine.«

Anlage 4 vom 15. April 1955 zum Informationsdienst Nr. 2441

Stellungnahmen aus den Industrie- und Verkehrsbetrieben zur Ministerratserklärung vom 12.4.1955

Nach Bekanntwerden der Ministerratserklärung wurden in verschiedenen Betrieben Kurzversammlungen durchgeführt. Die Diskussionen, die teilweise schon ziemlich rege geführt werden, sind fast ausschließlich positiv. Aus den Stellungnahmen geht übereinstimmend hervor, dass die verbrecherischen Handlungen der Agenten verurteilt werden, eine harte Strafe für sie gefordert wird, die Sicherheitsorgane lobend erwähnt werden und die Schlussfolgerung gezogen wird, dass die Wachsamkeit unbedingt erhöht werden müsse.

Verschiedentlich kam es bereits zu Verpflichtungen.

So wurde z. B. in allen drei Schichten des Schachtfeldes IV (Wismut) zur Stärkung und Festigung unserer Staatsmacht eine Stoßschicht gefahren.

Im VEB Farbenwerk Nerchau, [Bezirk] Leipzig, verpflichteten sich die Kollegen der Abteilung Eisenoxydanlage nach dem Gemeinschaftsempfang, u. a. das Quartalssoll mit 50 % überzuerfüllen. Zwei Kollegen wollen darüber hinaus bis zum 1. Mai zehn bis 15 Kollegen für die Kampfgruppe gewinnen.

Der Leiter vom Einstellungsbüro der Neptunwerft (SED) sagte: »Wir müssen unsere Staatssicherheit viel mehr unterstützen, denn die haben eine saubere Arbeit geleistet. Da hat der RIAS wieder etwas zu spektakeln, wenn 521 ›unschuldige Menschen‹ hinter Schloss und Riegel gekommen sind. An uns liegt es nun auch, die Verbrecher auf der Werft aufzuspüren und unschädlich zu machen.«

Ein Dispatcher (parteilos) aus dem VEB BW Hohenfichte, [Kreis] Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es ist erstaunlich, mit welchen Methoden die Geheimdienste arbeiten, um den friedlichen Aufbau der DDR zu stören. Alle Achtung vor den Organen der Staatssicherheit, die durch unermüdliche Arbeit diese stattliche Zahl von 521 Agenten verhaften konnten, damit wir ein friedliches Leben haben.«

Ein Angestellter (SED) im VEB Halbzeugwerk Auerhammer, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Jetzt ist mir auch klar, warum wir solche Schwierigkeiten in der Rohstoffbeschaffung hatten und wir unseren Plan nicht erfüllen konnten. Ich hoffe, dass man für derartige Halunken die richtige Strafe findet.«

Ein Parteiloser aus der Zinngrube in Ehrenfriedersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Bei diesen Verbrechern muss das schärfst Mittel der Bestrafung angewandt werden. Alle müsste man aufhängen.«

Im VEB Turbowerk Meißen, [Bezirk] Dresden, sagte ein Kollege, dass die Strafen so hoch ausfallen müssten, dass die westlichen Spionageorganisationen keine Möglichkeit mehr haben dürften, neue Agenten zu gewinnen.

Ein Instrukteur im VEB BMW Eisenach, [Bezirk] Erfurt: »Durch die Regierungserklärung über die Verhaftung von 521 Agenten muss man jetzt besonders wachsam sein. Es wird manchen der Boden unter den Füssen jetzt sehr heiß sein.«

Negative Stimmen und solche, die an der Tatsache der Agententätigkeit Zweifel hegen, sind nur vereinzelt.

Zum Beispiel tauchten im VEB Sägewerk Pöllwitz, [Kreis] Zeulenroda, [Bezirk] Gera, bei einigen parteilosen Arbeitern Zweifel auf, dass alle Personen tatsächlich eine Agententätigkeit durchgeführt haben. Daraufhin erklärte eine parteilose Arbeiterin: »Es wird bestimmt niemand umsonst eingesperrt.«

Der überwiegende Teil der anderen Arbeiter war der gleichen Meinung und stimmte der Kollegin zu.

Ein Kollege aus der Teilschlosserei des VEB Schreibmaschinenwerk Dresden sagte: »Das tut die Regierung ja nur, um ihre eigene Schwäche zu verdecken, da sie wissen, dass sie sowieso pleite sind.«

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