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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

6. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2447 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

In den Diskussionen über die Feierlichkeiten sowie Demonstrationen zum 1. Mai nehmen die Werktätigen der Industrie- und Verkehrsbetriebe vereinzelt auch zum 8. Mai Stellung. Von fortschrittlichen Arbeitern und Angestellten wird die Bedeutung dieses Tages voll erkannt, was folgende charakteristische Äußerung eines Arbeiters (parteilos) aus dem Buna-Werk Halle zeigt:

»Ich nehme am 8. Mai bestimmt an der Kundgebung teil, denn ich weiß, was dieser Tag für uns Deutsche bedeutet. Er brachte uns die Freiheit und dies haben wir der Sowjetunion zu verdanken.«

Wenn auch die Gespräche zum 1. Mai überwiegend positiv verlaufen, und die Beteiligung an den Demonstrationen im Durchschnitt besser war als im Vorjahr, so gibt es doch auch eine Reihe von Betrieben, wo eine schlechte Beteiligung zu verzeichnen war.

Die Ursachen sind verschiedenartig und beruhen entweder auf persönlicher Verärgerung – wegen Prämienzahlung – oder darin, dass viele auswärtig wohnende Kollegen nicht an der Demonstration ihrer Betriebe teilnahmen.

In der mechanischen Abt. des VEB Maschinen- und Apparatebau in Magdeburg, hatte kein Kollege eine Prämie bekommen, deshalb nahmen auch nur zehn Mann an der Demonstration teil.

In den Schwerpunktbetrieben des Kreises Suhl nahm ein großer Teil der Kollegen, die in den umliegenden Ortschaften wohnen, nicht an der Demonstration in der Stadt Suhl teil.

Unter anderem erschienen aus dem VEB Simson-Werk von 3 400 Beschäftigten nur 1 400 und vom VEB IKA von 1 100 Kollegen nur 500 zur Demonstration.

Bei der Belegschaft (3 700) des VEB »Ernst-Thälmann-Werkes« in Suhl1 lag die Ursache der geringen Beteiligung (750) hauptsächlich darin, dass der 1. Mai ein Sonntag war und deshalb nicht bezahlt wurde.

Unter der Belegschaft des VEB »Sternradio« III in Sonneberg herrschte am 1. Mai deshalb eine schlechte Stimmung, weil sie für diesen Tag keine Zuwendung erhielten, was angeblich in anderen Betrieben der Fall gewesen sei. Von ca. 1 200 Kollegen waren zur Demonstration nur ca. 500 Mann erschienen. Aufgrund der schlechten Organisation, dass die Kollegen um 8.00 Uhr zum Betrieb bestellt wurden und der Abmarsch erst zwei Stunden später erfolgte, entfernten sich von den Anwesenden ungefähr 50 %. Dazu äußerte ein Kollege: »So etwas hat man noch nicht erlebt, dass man sich die zwei Stunden für nichts und wieder nichts hinstellen muss. Die denken wohl, mit dem dummen Arbeiter können sie machen, was sie wollen, da haben sie sich aber getäuscht.«

Zum anderen spielen in den Gesprächen die Verteidigungsmaßnahmen2 eine Rolle. Ausgelöst werden diese Gespräche vor allem in den Betrieben, wo sich Werbekommissionen befinden und die Jugendlichen zum Beitritt in die KVP angesprochen werden,3 oder die Kollegen aufgefordert werden, den Kampfgruppen beizutreten.

Trotz der zu verzeichnenden Fortschritte wie z. B. im »Vulka«,4 [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wo in den letzten Tagen 24 Kollegen der Kampfgruppe beitraten, oder dem VEB »Textima« Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wo sich von 160 angesprochenen Jugendlichen 42 bereit erklärten, zur KVP zu gehen, lehnt der überwiegende Teil der Jugendlichen den Beitritt zur KVP ab und auch die Bereitschaft, den Kampfgruppen beizutreten, ist bei einem großen Teil Parteiloser sowie Genossen mangelhaft.

Die Ablehnung im Allgemeinen beruht nicht auf einer feindlichen Einstellung – dafür gibt es nur vereinzelt Beispiele – sondern vielmehr auf einer pazifistischen Einstellung und auf der Ablehnung des Soldatenlebens.5

Dies zeigt sich besonders bei jenen Arbeitern und Angestellten, die den II. Weltkrieg mitgemacht haben. Ein großer Teil davon will von einer militärischen Ausbildung und Uniformen nichts wissen.

Bei den Jugendlichen dreht es sich vor allem um das persönliche freie und ungebundene Leben, um die berufliche Weiterbildung sowie um andere persönliche Belange. Dies kommt immer wieder darin zum Ausdruck, dass die Jugendlichen sagen, freiwillig gehen wir nicht zur KVP. Wenn wir durch einen Gestellungsbefehl gehen müssen, können wir es dann nicht ändern.

Im VEB Zellstoff Trebsen, [Bezirk] Leipzig, stößt die Werbekommission bei den Jugendlichen immer wieder auf Widerstand. Sie argumentieren: »Wir nehmen keine Waffe in die Hand. Wir haben keine Lust zur KVP zu gehen, wir wollen uns fachlich qualifizieren.«

Im VEB Porzellanwerk Neuhaus, [Bezirk] Suhl, sind zurzeit zwei Werbekommissionen eingesetzt. der Erfolg ist bisher sehr gering und zwar erklärten sich von bisher 84 angesprochenen Kollegen erst zwei bereit, zur KVP zu gehen.6

In den letzten Tagen wurden im Kunstseidenwerk Premnitz, [Bezirk] Potsdam, mehrere Intelligenzler wegen des Beitrittes zur KVP angesprochen. Daraufhin wurde ein Ingenieur republikflüchtig und ein anderer trug sich gleichfalls mit diesem Gedanken. Durch eine individuelle Aussprache konnte er davon abgehalten werden.

Darüber hinaus zeigte sich auch bei den anderen Intelligenzlern eine gewisse Unruhe.

In den Cowitha-Werken in Thalheim,7 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, stellten 23 FDJler einen Austrittsantrag mit der Begründung, »weil sie es satt haben, sich immer mit der VP-Werbung belästigen zu lassen«.

Im VEB Bau Magdeburg meldeten sich von 89 angesprochenen Jugendlichen nur neun zur KVP. Ein Jugendlicher, der ein Jahr in Westdeutschland war, gilt als Wortführer unter den Jugendlichen und er beeinflusst sie, indem er ihnen sagt, dass es nicht zum Krieg käme, wenn die Jugendlichen in Westdeutschland und in der DDR kein Gewehr anfassen und den Gestellungsbefehl zerreißen würden.

Im VEB Thräna,8 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, machen sich starke ablehnende und pazifistische Tendenzen bemerkbar. Es wird vermutet, dass es sich hierbei vor allem um die Beeinflussung durch den Klassenfeind handelt.

Im Allgemeinen treten feindliche Elemente nur selten mit ihrer Hetze offen hervor, die meistens in Äußerungen über den 17. Juni9 ihren Ausdruck findet.

So sagte z. B. ein Rangierer vom Bahnhof Saalfeld, [Bezirk] Gera: »Wir werden ja belogen nach Strich und Faden. Die können uns aber erzählen was sie wollen. Am 17.6. in diesem Jahr kommt eine Volkserhebung, denn das Volk macht nicht mehr mit, denn die Leute im Westen wollen von unserer Politik nichts wissen und auch die Kommunisten drüben wollen keinen russischen, sondern einen deutschen Kommunismus«.

Ein Arbeiter aus der Bau-Union Frankfurt/Oder, Baustelle Bernau bringt Hetze gegen die DDR zum Ausdruck. Er sagt: »Der 1. Mai ist ein Feiertag, dann kommt der 8. Mai und hinterher der 17. Juni.«

Neben den politischen Diskussionen spielen die betrieblichen Belange, wie z. B. Lohnfragen eine Rolle und führen mitunter zu negativen Vorkommnissen.

In der Baumwollweberei, Werk Erdmannsdorf, [Kreis] Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, drohten am 5.5.1955, 11.00 Uhr die Selfaktorenspinnerinnen, die Arbeit niederzulegen.10 Sie waren nicht damit einverstanden, dass die Papierhülsen vom Lohn abgezogen werden sollen, was bei ihnen monatlich 30,00 bis 50,00 DM ausmachen würde. Bisher wurden die Hülsen mit als produziertes Garn bezahlt und ab Mai soll dies wegfallen.

Alle drei Brigaden (50 Personen) verlangten eine Versammlung, in der die Betriebsleitung zu dieser Frage Stellung nehmen sollte, anderenfalls wollten sie die Arbeit niederlegen.

Um 14.00 Uhr wurde dann eine Versammlung einberufen, auf der aber keine Einigung erzielt werden konnte, da 60 % vorzeitig die Versammlung verließen. Zu der angedrohten Arbeitsniederlegung kam es nicht, aber eine gewisse Missstimmung besteht in dieser Abteilung weiter.

Diese Maßnahme (Hülsenbezahlung) ist örtlich bedingt und stellt eine Einsparungsmaßnahme des Betriebes dar.

In einer Belegschaftsversammlung im Schachtbau Doberlug-Kirchhain am 2.5.1955 wurde der Belegschaft unterbreitet, dass ab 1. Juli 1955 die Übertagebelegschaft (betrifft ein Drittel der gesamten Belegschaft), die Deputatkohle nicht mehr bekommen. Dagegen protestierte die gesamte Belegschaft. Es kam zu Äußerungen wie: »Mit diesen Maßnahmen werden wir uns niemals einverstanden erklären, denn es ist ein altes Recht aller im Kohlenbergbau beschäftigten, Deputatkohle zu erhalten.«

Aus verschiedenen Zweigen der Industrie kommen immer wieder Klagen über Materialmangel sowie andere betriebliche Schwierigkeiten, wie z. B. hohe Ausschussquoten, Absatzschwierigkeiten, schlechte Qualitätslieferungen und anderes mehr. Diese Mängel, die den planmäßigen Produktionsablauf behindern, rufen mitunter starke Diskussionen und eine gewisse Missstimmung unter den Beschäftigten hervor.

Zum Beispiel sind die Arbeiter der Schmiede des VEB »Hermann Matern« in Roßwein,11 [Bezirk] Leipzig, deshalb missgestimmt, weil aufgrund des bestehenden Materialmangels sechs Hämmer stillstehen. Die Ursachen liegen in unkoordinierten Lieferungen von Rohmaterial der VEB Stahl- und Walzwerke Hennigsdorf und Riesa.

In den meisten Schichten des VEB Zeiss Eisfeld, [Bezirk] Suhl, sind fünf bis acht Arbeiter aufgrund des Material- und Auftragsmangels ohne Beschäftigung. Dazu äußern die Arbeiter: »Wir wollen arbeiten. Es ist eine Schlamperei, dass es so etwas gibt. Wir sind der Meinung, dass die Schuldigen im Hauptwerk sitzen und alle zur Bestrafung herangezogen werden müssten. So kann es bei uns in der DDR nicht vorwärts gehen.« (Der Betrieb stand im I. Quartal mit 10 000 Fotoapparaten im Rückstand.)

In der Bau-Union Küste, [Kreis] Stralsund, [Bezirk] Rostock, wurde 60 Arbeitern gekündigt, weil kein Material vorhanden war. Die Arbeiter gehen jetzt in den privaten Sektor zurück.

Des Weiteren bestehen Materialschwierigkeiten im VEB »Paul Schäfer« Schuhkombinat Erfurt (Porokrepp),12 im Kupferkesselwerk Allstedt, [Bezirk] Halle, (Zink), im VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, (Zink), im VEB Kabelwerk Meißen (Kupfer), im VEB (K) Bau Zeitz, [Bezirk] Halle, (Mauersteine), im VEB Werkzeugmaschinenfabrik Königsee, [Bezirk] Gera, (10 Abrichtdiamanten), im Rohr- und Kaltwalzwerk Karl-Marx-Stadt (Rohrband), im VEB Ideal13 Karl-Marx-Stadt (Zuschneidemaschinen) und im VEB Segeltuchweberei Pulsnitz, [Bezirk] Dresden, (Leinengarn).

Im Walzwerk »Willi Becker«14 im Kreis Brandenburg lagern zurzeit 160 t »Knüppel« (Vormaterial) für die Produktion von Drahtseilen und Kugellagerstählen. (Engpassproduktion in der DDR). Dieses Material kann aufgrund der schlechten Qualität (Güteklasse 5) nicht verwendet werden. Lieferbetriebe: Stahlwerke Döhlen und Hennigsdorf.

Im VEB Trikotagenwerk Limbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für ca. 1 Mio. DM Untertrikotagen (Fertigwaren). Die Bemühungen, diese Ware bei Submissionen der DHZ15 abzusetzen, blieben deshalb erfolglos, weil die Lager der HO16 und des Konsum17 überfüllt sind und außerdem die Waren nicht den Wünschen der Käufer entsprechen. Darüber diskutieren die Arbeiter wie folgt: »Auf der einen Seite wurden Produktionssteigerungen von uns verlangt und jetzt lagern diese Waren im Betrieb.«

Im VEB IKA-Werk Dresden lagern seit einem halb Jahr 1 500 Stück Brotröster. (Massenbedarfsgüterproduktion), pro Stück für den Preis von 19,45 DM. Der Grund dafür ist, dass von den zuständigen Stellen in Berlin der Preis noch nicht genehmigt wurde. Die Produktion wurde deshalb eingestellt.

Produktionsstörungen

Der Kalischacht »Thomas Müntzer«18 in Bischofferode, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, ist durch das Eindringen von Wasser stark gefährdet und es besteht die Gefahr des eventuellen Absaufens des Schachtes. Es ist zu verzeichnen, dass gegenwärtig durch eine Salzsohle in der Sekunde 85 bis 95 Liter Wasser eindringen. Vorsichtsmaßnahmen und Vorbereitungsarbeiten sind im Gange, um eine Katastrohe zu vermeiden.

Am 2.5.[1955] [um] 11 Uhr fiel im VEB Feinpapier Königstein, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, eine Dampfmaschine aus. Die Reparatur wird ca. drei bis vier Wochen in Anspruch nehmen, sodass ein Produktionsausfall von ca. 440 000 DM eintritt. Die Ursache ist auf Materialschaden zurückzuführen.

Am 4.5.[1955] in den Morgenstunden wurde im VEB Klement-Gottwald-Werk (Abus) Schwerin der Turmdrehkran durch unsachgemäße Behandlung und durch den Vorstoß gegen die Bedienungsvorschriften stark beschädigt. Schaden: 80 000 DM.

Am 4.5.[1955], gegen 17.00 Uhr, entstand durch ein defektes Kabel (Witterungseinflüsse) der E-Leitung in der Elbewerft Boizenburg [Bezirk] Schwerin, eine Betriebsstörung. Sämtliche elektrischen Anlagen und Maschinen sind außer Betrieb gesetzt, sodass ein erheblicher Produktionsausfall entsteht. Es wurde eine Freileitung gelegt, und die Produktion sollte am 5.5.[1955], ab 16.00 Uhr, wieder aufgenommen werden.

Am 2.5.1955, gegen 13.20 Uhr, brach im reichsbahneigenen Schwellenwerk Zernsdorf bei Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, ein Großfeuer aus. Ursache: Schweißarbeiten im feuergefährlichen Raum ohne erforderliche Sicherheitsmaßnahmen ausgeführt. Schaden: ca. 170 000 DM. Die Schuldigen wurden von der Trapo festgenommen.

Am 2.5.1955 entstand in der Brikettfabrik »Tatkraft« Cottbus ein Feuer, welches sich durch zwei Verpuffungen über die ganze Fabrik ausdehnte. Produktionsausfall: ca. 1 300 t Briketts, da die Fabrik noch eineinhalb bis zwei Tage stillstehen wird.

Am gleichen Tage gegen 20.00 Uhr brach im BKW Großräschen im Werk »Aufstieg« im Apparatehaus ein Brand aus. Circa 500 t Brikettausfall.

Im VEB Regler- und Gerätewerk Teltow, [Bezirk] Potsdam, wurden 37 Stück Messinggehäuse für Messstellhähne entwendet. Sie werden zum Bau von Reglerschränken benötigt, welche exportiert werden.

Bei der Arbeitsaufnahme am 2.5.1955 um 5.30 Uhr im Ziegelkombinat Zehdenick, [Bezirk] Potsdam, wurde festgestellt, dass vom Hauptantriebsriemen der Strangpresse ca. 50 cm herausgeschnitten waren. Die Strangpresse ist erst seit ca. 14 Tagen in Betrieb.

In der Nacht vom 2. zum 3.5.[1955] wurden im Benzinlager Riesa-Hafen an den abgestellten Tankwagen im Hafen die Plomben geöffnet sowie die Ventile, sodass von einem Wagen größere Mengen Treibstoff in eine Schleuse gelaufen sind.

In Grimma wurde das Gerücht in Umlauf gebracht, dass in den Leuna-Werken gestreikt worden wäre.

Ein ähnliches Gerücht ist auch in Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, im Umlauf.

Am 3.5.1955 wurde auf dem Treppenaufgang zum Aufenthaltsraum im Ölwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, die Losung: »Auf zum Streik!« angeschmiert.

Des Weiteren wurden Hetzlosungen sowie antidemokratische Schmierereien im IFA-Lenkgetriebewerk Triptis, [Bezirk] Gera, im VEB Porzellanwerk Gehren, [Bezirk] Suhl, im VEB Buntweberei Langensalza, [Bezirk] Erfurt, im RAW Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, im VEB Kreisbau Riesa (Baustelle Gummiwerk), in der Warnowwerft und an einem Wagen eines Personenzuges auf dem Bahnhof Potsdam festgestellt.

Versorgung der Bevölkerung

Auf dem Gebiet der Versorgung der Bevölkerung bezüglich der Belieferung mit Waren und in den Diskussionen über die neue Brotsorte19 hat sich nichts wesentlich verändert.

Es besteht immer noch Mangel vor allem an tierischen Fetten, Nährmitteln und verschiedentlich auch an Streichhölzern.

In den Kliniken von Halle wird sehr stark über die Änderung der Butterversorgung im Mai diskutiert.20

Die Angestellten und die Kranken der Kliniken führen darüber negative Diskussionen und bringen zum Ausdruck, dass zehn Jahre nach Kriegsende solche Maßnahmen nicht mehr eingeführt werden brauchten.

Die Neureglung sieht Folgendes vor:

Allgemein Kranke erhalten 50 % Butter und 50 % Schlachtfette. Diät-Kranke erhalten 70 % Butter, 20 % Margarine und 10 % Schmalz. Kinder bis zu 15 Jahren erhalten 83 % Butter, 10 % Margarine und 7 % Schmalz.

Die Lage in der Landwirtschaft

Im Vordergrund der politischen Diskussionen steht die Unterschriftensammlung zum Wiener Appell,21 die Werbung zur KVP, Eintritt in die Kampfgruppen und die Vorbereitungen zum Tag der Befreiung.

Die Unterschriftensammlung zum Wiener Appell nimmt in den meisten Landgemeinden einen guten Fortgang, was beweist, dass auch der größte Teil der Landbevölkerung die Notwendigkeit des Kampfes gegen die imperialistischen Kriegsvorbereitungen und die Wichtigkeit der Abgabe ihrer Unterschrift zum Wiener Appell erkannt haben.

In dem Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, gaben z. B. alle Einwohner aus zwölf Gemeinden ihre Unterschrift. Der Stand der Unterschriftensammlung der übrigen Gemeinden dieses Kreises liegt bei 75 bis 90 %.

Aber noch nicht alle Einwohner der Landgemeinden erkennen, dass es auf jede Unterschrift ankommt. So bedarf es des Öfteren längerer Aufklärungen und Diskussionen, um jene zu überzeugen, dass es im Friedenskampf auf jede Unterschrift ankommt. Das ist verschiedentlich bei Großbauern22 der Fall, die erst nach längeren Diskussionen ihre Unterschrift geben.

Auf besonderen Widerstand stößt die Unterschriftensammlung bei Pfarrern und deren engsten Anhang, die ihre Ablehnung mit der Begründung rechtfertigen, genug für den Frieden zu tun, und das in keiner Unterschriftenleitung noch zu dokumentieren brauchten.

Ein Pfarrer aus Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sagte dazu: »Ich lehne die Unterschrift ab, da ich ja immer von der Kanzel für den Frieden predige.«

Ablehnend zur Unterschriftensammlung verhalten sich auch Personen aus großbäuerlichen Kreisen, die im Wesentlichen ihre Ablehnung mit wirtschaftlichen Belangen »keine Zeit für so etwas«, »es ist doch alles zwecklos« usw. begründen.

Arbeiter der MTS und Genossenschaftsbauern sind dabei, den Tag der Befreiung vorzubereiten. Es werden vor allen Delegationen zur Kranzniederlegung an den sowjetischen Ehrenmalen gebildet, um damit der Roten Armee, den Befreiern den Dank zu bekunden.

So verpflichtete sich z. B. die Belegschaft der MTS Schmölln, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, die Woche vom 2. bis 8. Mai als Woche der höchsten Leistungen zu kennzeichnen. Sie wollen damit einmal den Soldaten der Sowjetarmee ihren Dank für die Befreiung vom Faschismus bekunden und zum anderen den durch die schlechte Witterung entstandenen Planrückstand aufholen.

Ein LPG-Bauer von der LPG Teuchern, [Kreis] Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, sagte Folgendes: »Am 8.5.1955, zum Tag der Befreiung durch die Sowjetarmee vom Hitlerfaschismus wird die Brigade geschlossen an der Kranzniederlegung teilnehmen, denn nur der Sowjetarmee und nicht zuletzt unserer Regierung haben wir es zu verdanken, dass wir jetzt so gut leben. In meinem ganzen Leben ist es mir noch nicht so gut gegangen, wie heute, denn bei den Rittergutsbesitzern hat man nur monatlich 50,00 DM verdient, wogegen ich heute monatlich bis zu 400 DM verdiene.«

Immer wieder wird unter den Bauern Klage geführt, dass die Frühjahrsbestellung durch den Mangel an Saatgut nicht rechtzeitig beendet werden kann: Dabei ist die Beschaffung von Saatkartoffeln gegenwärtig das brennendste Problem, weil nicht alle Betriebe über die nötigen Saatkartoffeln verfügen.

Besonders treten in dem Kreisgebiet Sternberg, [Bezirk] Schwerin, Schwierigkeiten auf. Dem Kreis fehlen noch ca. 11 000 dz Pflanzkartoffeln, die der Kreis selbst nicht aufbringen kann. Der Bezirk liefert dem Kreis nur 1 190 dz. Eine weitere Lieferung ist nicht möglich.

Aus verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben wird bekannt, dass nicht nur Mangel an Saatgut besteht, sondern darüber hinaus das erhaltene Saatgut nicht genügend Keimfähigkeit besitzt.

So wurde z. B. in der LPG Golberode, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, bei einer Keimprobe festgestellt, dass einige Säcke Saathafer nur 35 % Keimfähigkeit aufweisen.

In der MTS Pouch, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle, diskutieren die Bauern darüber, dass die Futterrübensamen nur zu 30 % aufgegangen sind.

Von verschiedenen MTS wird bekannt, dass ihre Maschinen nicht 100%ig eingesetzt werden können, da Maschinen von den Betrieben nicht einwandfrei geliefert wurden, Ersatzteilmangel und Mangel an Dieselkraftstoff besteht. Verschiedentlich wurden die Reparaturen von den Reparatur-Stellen auch nicht ordnungsgemäß durchgeführt, sodass die Maschinen bereits nach kurzer Zeit wieder ausfallen mussten.

Dazu wurde aus der MTS Großzössen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, berichtet, dass ein neuer Traktor »Pionier«23 nach ca. vier Wochen zur Reparatur in das M.I.W. geschickt werden musste. Der MTS wurde nach verschiedenen Nachfragen mitgeteilt, dass der Motor bei der Überprüfung wieder festgefahren sei. Nach Aussagen des Dispatchers liegt die Ursache an den Aluminiumlagern.

Der MTS Schmatzin, [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde eine Raupe KS 62,24 die in der Spezialwerkstatt Anklam generalüberholt wurde, zurückgeliefert und lief nur 240 Arbeitsstunden. Beim Auseinandernehmen derselben wurden bei Ablassen des Öles in der Ölwanne sechs kleine Stücke Stahlblech gefunden, die nur in der Spezialwerkstatt in das Getriebe gelangt sein können.

Der MTS Werda, [Kreis] Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden drei Maschinen, Typ RS zugeteilt, die bereits bei der fabrikmäßigen Herstellung Fehler aufweisen. Dieselben Erscheinungen traten bei den Maschinen RS in der MTS Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, auf

Die MTS des Kreises Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, werden schlecht mit Treibstoff beliefert. Ebenso sind die Groß-Tankstellen der MTS im Kreis Quedlinburg, [Bezirk] Halle, ohne Dieselkraftstoff.

Das hat zur Folge, dass die Traktoren der MTS ihre zweite Schicht ausfallen lassen müssen.

Durch Futtermangel, schlechte Pflege oder unsachgemäße Fütterung wurde in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben Vieh notgeschlachtet. Zum Beispiel wurde von der ÖLB25 Schmergow, [Kreis] Potsdam-Land, der gesamte Bestand von ca. 100 Schweinen wegen Unterernährung dem Notschlachtungsbetrieb zugeführt.

Der VEB Mastkombinat Dresden lieferte zur Schlachtung über die VEAB Dresden von Januar bis März 1955 789 Schweine und vom 1.4. bis 15.4.1955 936 Schweine (Kümmerer) mit Untergewicht in dem Schlachthof an.

In der Zeit vom 3.3. bis 28.4.1955 verendeten im ÖLB Sandhagen, [Kreis] Neubrandenburg, 27 Schafe durch unsachgemäße Behandlung und Fütterung. Die Schafe wurden mit Rüben gefüttert, die aus einer Moorkolonie kamen. Den Tieren wurden die Rüben ungewaschen verfüttert.

Am 30.4.1955 verendeten im ÖLB Gramelow, [Kreis] Neubrandenburg, zwei stark abgemagerte Kühe nach der Fütterung von Futterrüben vom VEG Flithof, [Kreis] Ueckermünde. Die Untersuchungen durch den Kreistierarzt ergaben, dass die Rüben von Mineralboden geerntet wurden und die Ursache für das Verenden der Tiere ist.

Durch Verabreichung von verdorbenem Futter verendeten in der LPG Zweedorf, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, in der Zeit vom 28. bis 30.4.1955 fünf Läuferschweine und zehn Ferkel.

In der LPG Lätzschütz,26 [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, – Brigade Auerwitz – verendeten fast täglich Schafe. Insgesamt sind bisher 95 Stück verendet. Die Untersuchungen werden von dem Hygiene-Institut Leipzig durchgeführt.

In den LPG des Kreises Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, kam es zu Unstimmigkeiten und Arbeitsniederlegung wegen der Festsetzung der Arbeitseinheiten.27 Die Genossenschaftsbauern legten deshalb die Arbeit nieder, weil die Neufestsetzung der Arbeitseinheiten zu niedrig sei und sie der Ansicht sind, dass sie mit dem Geld, was sie ausgezahlt bekommen, nicht leben können. So legte aus diesem Grunde am 3.5.1955 die Feldbaubrigade (15 Mann) von der LPG Jeggel die Arbeit nieder. Die am Nachmittag durchgeführte Versammlung erzielte kein Ergebnis. Auch die Brigade III der LPG Schöneberg (50 bis 60 Mann stark) legte am 3.5.[1955] deswegen die Arbeit von 8.00 bis 12.00 Uhr nieder. Am 4.5.1955 arbeiteten in dieser LPG von 170 Mitgliedern ca. 50 % nicht, und in der LPG »Helmut Just« Seehausen wurde am 4.4.[1955] bis 12.00 Uhr nicht gearbeitet. In dieser LPG fand am 3.5.[1955] eine Vollversammlung statt, auf der sämtliche Mitglieder zum Ausdruck brachten, dass sie auf der Grundlage dieser neu festgesetzten Arbeitseinheiten nicht wieder arbeiten werden. Auf dieser Vollversammlung wurde vorgeschlagen, eine Delegation zu bilden und diese zu dem Rat des Kreises zu schicken.

Betreffs der Unstimmigkeiten bei der Zahlung der Arbeitseinheiten nahmen die LPG Schrampe, Gerzien und Leppin ihr Geld, was sie von der Notenbank bekommen sollten, nicht an, weil ihnen die Beträge zu niedrig waren.

In allen LPG wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Die Mitglieder erhalten bis zur endgültigen Klärung dieser Frage eine Vorauszahlung von 5,00 DM pro Arbeitseinheit.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

  • Auf dem VEG Lietzow, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam28 wurden von dem Gesamtbestand von 322 Schweinen 272 notgeschlachtet, 50 verendeten.

  • Auf dem VEG Mekin, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg29 sind von 120 Schweinen bis jetzt 24 verendet.

  • Bei einem Großbauer aus der Gemeinde Karft, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin30 wurde der Bestand von 43 Schweinen notgeschlachtet.

Eine Analyse aus dem Bezirk Neubrandenburg über die Schweinepest im Monat April ergibt folgendes Bild:31

[–]

Bestand

notgeschlachtet

verendet

VEG

128

24

10

LPG

338

147

24

ÖLB

45

45

Mittelbauern

167

119

39

Kleinbauern

353

139

30

Viehalter

29

21

1

Im Bezirk Neubrandenburg ist gegenüber dem Vormonat ein Rückgang der Schweinepest zu verzeichnen. Das heißt, im Mai ergibt sich ein Gesamtbestand von 1 060 Schweinen, davon wurden 495 notgeschlachtet und 104 sind verendet und im März wurden von einem Gesamtbestand von 2 103 Schweinen 564 notgeschlachtet und 398 sind verendet.

Durch den BHG-Leiter, [Kreis] Forst, [Bezirk] Cottbus, wurde mitgeteilt, dass in dem Rindermischfutter Draht und Eisenteilchen vorgefunden wurden. Eine Überprüfung in den Gemeinden, die das Futter aus der gleichen Firma erhalten haben, ergab, dass darin ebenfalls Eisenteilchen enthalten waren. Das Mischfutter wurde vorläufig sichergestellt.

Am 1.5.1955 wurde ein werktätiger Bauer aus Brüsenhagen, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, durch einen Großbauer niedergeschlagen, weil er dem Großbauern, als dieser sagte, dass er schon am 17.6. seine Koffer gepackt hatte, um aus der DDR abzurücken, zur Antwort gab, dass das nicht richtig wäre.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

In der Gemeinde Schmerzke, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, hat sich die Zahl der erkrankten Personen an Ruhr auf 24 erhöht.32

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert.

Anlage 1 vom 6. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Auswertung von Hetzschriften

Die Hetzschriften der verschiedenen Feindzentralen33 beschäftigen sich weiterhin mit den Sicherungsmaßnahmen der DDR und der Normenfrage.34 Daneben werden vereinzelt verschiedene andere Probleme behandelt.

Die Hetzschrift »Der Tag«35 nimmt einem Leitartikel unter der Überschrift »Sicherungsmaßnahmen – gegen wen eigentlich?« Bezug auf die Erklärung des Ministerrates der DDR vom 12.4.1955.36 Es wird gehetzt, dass die Erklärung lediglich den Zweck verfolge. Maßnahmen gegen Westberlin einzuleiten und dass die von Staatssekretär Wollweber37 getroffenen Feststellungen über die Agententätigkeit nicht der Wahrheit entsprechen.

Es heißt dazu: »… Das ganze SSD-Märchen ist offensichtlich in höchster Eile improvisiert …«

Die Maßnahmen seien nicht zum Schutz der DDR bestimmt, sondern beruhten auf der »Angst vor Westberlin«.

Diese »Angst« wird u. a. damit begründet, dass Westberlin das Auffangbecken für Republikflüchtige sei und dass dies vor allem jetzt die Jugendlichen der DDR ausnützen würden.

»… Jeder vorgesehene Rekrut aber hat die Möglichkeit, nach Westberlin zu gehen …«

Abschließend fordert die Hetzschrift auf, bei Versammlungen genaue Angaben zu fordern, wie die angekündigten Sicherungsmaßnahmen aussehen, da diese nur der Bevölkerung der DDR schaden würden, wie wenn man z. B. den freien Verkehr nach Westberlin unterbindet.

Zur Normenfrage schreibt der »Telegraf-Wochenspiegel«,38 dass unsere Partei Maßnahmen ergreife, »wie einst im Juni«. Dabei beschäftigt man sich u. a. auch mit den Wirtschaftszweig-Lohngruppenkatalogen39 wie folgt:

»… Das Geheimnis dieser Kataloge besteht darin, dass die gegenwärtigen Tätigkeitsmerkmale genau eine Lohngruppe niedriger eingestuft werden, als dies bisher der Fall war …«

Das Ziel der weiteren Hetze ist die Beeinflussung der Arbeiter unserer VEB, Wettbewerbe abzulehnen. Dazu wird nach der Feststellung, dass der Sieger im Wettbewerb eine Prämie erhält, gehetzt.

»Der Pferdefuß dieser Wettbewerbe besteht darin, dass die um einer Prämie willen gezeitigten Spitzenleistungen künftig als Grundlage für die Neuerrechnung technisch begründeter Arbeitsnormen40 herangezogen werden …«

Der Artikel schließt mit der Behauptung, dass es »… in den Betrieben, in denen die Stimmung schon aufgrund der schlechten Versorgungslage gespannt ist, unruhig wird …«.41

Ein Flugblatt an die Jugendlichen (unterschrieben: »Schutz- und Trutzbund in der Bismarckjugend«)42 enthält u. a. in der Normenfrage die Forderung:

»… Werdet nicht zu Normenbrechern auf Kosten eurer Arbeitskameraden!«

Eine für die Angestellte der Deutschen Reichsbahn bestimmte Hetzschrift des UfJ43 (»Der Schienenbruch«) stellt in einem Artikel, der sich ebenfalls mit den Normen beschäftigt, aber dabei keine neuen Argumente enthält, zum Schluss folgende Forderungen:

»Die Lehren aus diesem neuen harten Kurs bei der DR sollten deshalb sein:

  • Noch konsequenter die Vorschriften einhalten –

  • keine persönliche Verantwortung übernehmen, sondern diese allein von den Funktionären tragen lassen –

  • an keinen Wettbewerben teilnehmen, die auf den Zugbetrieb Einfluss haben, da die ungenügende technische Ausrüstung die Sicherheit gefährdet. Eventuell darauf hinweisen, dass erst dann Wettbewerbsbedingen angenommen werden, wenn diese in die Betriebsvorschriften (Fahrdienstvorschriften usw.) aufgenommen worden sind –

  • Solidarität mit allen anständigen Kollegen üben und sich gegenseitig auf die Gefahren aufmerksam machen –

  • jedes Unrecht und die dafür verantwortlichen im Rahmen der deutschen Selbsthilfe dem Eisenbahnerreferat des UfJ melden«.

Der UfJ fordert die Eisenbahner gleichzeitig noch auf, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, wenn sie die Absicht haben, legal oder illegal nach Westdeutschland zu kommen. Zweck der Aussprache soll die Beratung »über die Möglichkeit der Wiedereinsetzung in die Rechte als Eisenbahnbeamter und Einstellung bei der Bundesbahn« sein.

Mit der Versorgungslage in der DDR beschäftigten sich mehrere Hetzschriften, die als vervielfältigte Schreiben auf dem Postwege an Bürger der DDR gesandt werden. Einmal ist der Absender die »KgU44 – Widerstandsgruppe Sachsen« und zum anderen sind sie mit »Freiheitskommitee« bzw. gar nicht unterschrieben.

Letztere Schreiben enthalten nach der Hetze, dass es mit der Versorgung in der DDR immer weiter abwärts gehe, folgende Aufforderungen:

»… Der Apparat des Sicherheitsdienstes, das sogenannte SfS, muss von der Masse der friedliebenden Menschen lahmgelegt werden! Der erste Schritt dazu ist, dass jeder Bewohner der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands versucht, soviel Lebensmittel einzukaufen, wie er nur irgend kriegen kann!

Jeder Spargroschen kann in Kürze verlorenes Geld werden! … Sie müssen also unbedingt versuchen, alle erreichbaren Lebensmittel einzukaufen!

Und wenn Ihre Zeit allein nicht ausreicht, bitte, dann nehmen Sie Ihre Männer mit. Fahren Sie in Kolonnen mit anderen Familien! Bleiben Sie hart bei Kontrolle und sonstigen Schikanen! Sie müssen leben!«

»… Die Deutsche Notenbank plant eine Sperre aller Sparguthaben. Nach dem 1. Mai steht die Rationierung aller Getreideerzeugnisse bevor.

Welche Konsequenz ist hieraus zu ziehen?

Sichert euch Lebensmittelreserven, denn die Situation wird noch kritischer!

Für den Fall des Währungsschnittes haltet pro Kopf eine Strumpfreserve in Höhe von 500 DM zurück, damit euch ausreichend Mittel für die Kopfquoten zur Verfügung stehen!

Kauft keine Ladenhüter aus der Massenbedarfsgüterproduktion, [eine Zeile nicht lesbar]«.

Das diesbezügliche Schreiben der KgU enthält u. a. Hetzte gegen die SU und die Volksdemokratien. Es wird erklärt, dass die DDR bisher mit Lebensmittellieferungen unterstützt worden sei, »um dadurch gewisse Schichten der westdeutschen Bevölkerung psychologisch zu beeinflussen. Da aber die Länder des freien Westens trotz aller Störversuche der Sowjetunion sich zu einem Waffenblock zusammengeschlossen haben, lohnt sich die bevorzugte Belieferung der DDR mit Lebensmitteln nicht mehr und die Pankower45 Kreml-Satelliten müssen sehen, wie sie aus diesem Dilemma herauskommen …«

In verschiedenen Schreiben wendet sich die KgU an Bauern in der DDR und hetzt darin gegen die Neurermethoden46 in der Landwirtschaft. Bauern, die sich besondere Verdienste bei der Einführung von Neurermethoden erworben haben, werden beschimpft und alles in allen wird versucht, die Anwendung neuer Methoden zu hintertreiben, da diese zwecklos seien. Zum Abschluss wird wie folgt gedroht:

»Wir raten allen Handlangern des Regimes, bei der Ausführung der Richtlinien des ZK der SED vorsichtig zu sein, denn eines Tages werden sie sich rechtfertigen müssen, was sie für oder gegen das östliche System getan haben«.

Gegen unsere Justiz wendet sich der UfJ in mehreren Artikeln. In der für den Bezirk Rostock bestimmten Hetzschrift »Ostsee-Kurier« heißt es über den Charakter unserer Rechtsprechung z. B.:

»… Die SED wünscht ideologisch gefestigte Kader, die Unrecht tun, ohne dass sich ihr Gewissen rührt. Ihr Rechtsbewusstsein soll so verbogen werden, dass sie die bedingungslose Ausführung von Parteibefehlen als Recht ansehen, selbst wenn dies gegen alle überlieferten Rechtsbegriffe verstößt. Nicht immer ist dieser Versuch erfolgreich, aber schließlich verfehlt eine jahrelange Beeinflussung in Universitäten, Volksrichterschulen, Verwaltungsakademien und Parteischulen nicht ihre Wirkung, und bald verdrängt die Parteitheorie international anerkannte Rechtsprinzipien …«.

Anlage 2 vom 5. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Stimmung zur Unterschriftensammlung zum Wiener Appell

In allen Bevölkerungsschichten wird meist positiv zur Unterschriftensammlung Stellung genommen. Dabei wird besonders betont, dass man erfreut ist, dass gegen die Gefahr eines Atomkrieges etwas unternommen wird, und man bringt zum Ausdruck, dass diese Massenvernichtungswaffen nicht zur Anwendung kommen dürfen.

Die zahlreichen Unterschriften, wie z. B. in Geraberg, [Bezirk] Suhl, wo von 2 780 Bürgern 2 633 Personen die Unterschrift gegen einen Atomkrieg geben, beweisen immer wieder, dass die Menschen für den Frieden sind.

Bei der Sammlung der Unterschriften wird auch oft davon gesprochen, dass es an der Zeit sei, dass die vier Großmächte mit Deutschland Beratungen über die Wiedervereinigung Deutschlands durchführen.47

Von einigen Familien wurde die Unterschrift zum Wiener Appell mit der Begründung abgelehnt, dass dies sowieso keinen Zweck habe, dies bewiesen die bereits früher gegebenen Unterschriften.

Negativ bzw. ablehnend gegen die Unterschriftensammlung treten besonders Pfarrer, Bibelforscher und »Zeugen Jehovas« auf. Es gibt viele Beispiele, wo religiöse Kreise die Unterschrift gegen den Atomkrieg nicht geben. Man benutzt die verschiedenartigsten Argumente zur Rechtfertigung der Ablehnung.

So äußerte sich z. B. ein Pfarrer aus Schwaan, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin: »Meine Frau, sowie ich werden den Wiener Appell nicht unterschreiben, denn in Westdeutschland besteht eine Internationale Organisation der Kirche,48 diese hat sich für das Verbot der Atomwaffe eingesetzt, aus diesem Grund brauche ich keine Unterschrift zu geben.«

Ein Superintendent aus Luckau, [Bezirk] Cottbus, der aus Westdeutschland zugezogen ist, lehnte die Unterschriftensammlung grundsätzlich ab, da diese nur eine Intrige gegen Westdeutschland sei. »Ich habe 40 Jahre in Westdeutschland gelebt und habe in dieser Zeit keinen Soldaten und keine Panzer rollen sehen. Ich war kaum ein[en] Tag in der DDR, da habe ich festgestellt, dass hier mehr Panzer rollen und Soldaten rumlaufen, als ich je in Westdeutschland gesehen habe. In Westdeutschland denkt man gar nicht daran, für einen Krieg zu rüsten und ihn vorzubereiten. Ich würde meine Unterschrift geben, wenn die Formulierung anders wäre.«

Ein Pfarrer aus Zirchow, [Kreis] Wolgast, [Bezirk] Rostock, äußerte: »Ich spreche jeden Sonntag in der Kirche vom Frieden. Warum soll ich meinen Namen unter diesen Zettel setzen.« Er und seine Frau lehnten die Unterschrift ab. Seine Tochter dagegen, die ebenfalls mit anwesend war, nahm den Stift und unterschrieb die Liste, ohne ein Wort zu sagen.

Zwei Bürger aus Magdeburg verweigerten die Unterschrift mit der Begründung, dass sie dies nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten. (Bei diesen Personen handelt es sich um Bibelforscher).

Eine Frau aus Leipzig (Mitglied der Sekte »Zeugen Jehovas«) lehnte die Unterschrift ab und erklärte. »Der [Wort nicht lesbar, möglicherweise: Wisch] könnte nichts ändern, das würde alles der »Liebe Gott« bestimmen. Wenn das Maß voll wäre, würde der »Liebe Gott« nicht mehr mitmachen.« Weiter sagte sie, dass das Maß bald voll sei.

Anlage 3 vom 7. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Stimmen zur Internationalen Pressekonferenz am 4. Mai 1955

Über die internationale Pressekonferenz am 4.5.1955 in Berlin49 wurden bisher nur vereinzelt Stimmen bekannt, die aber zum überwiegenden Teil positiv sind und vorwiegend zum Ausdruck bringen, dass es für jeden Einzelnen darauf ankommt, die Wachsamkeit noch mehr zu verstärken, um allen noch in der DDR vorhandenen Agenten ihr schädliches Handwerk zu legen und damit gleichzeitig den imperialistischen Mächten einen entscheidenden Schlag zu versetzen.

Dazu sagte z. B. ein parteiloser Schlosser vom VEB Maschinenbau Nordhausen, [Bezirk] Erfurt: »Es ist mir klar, dass nach der Ratifizierung der Pariser Verträge50 die Wachsamkeit in unserer DDR zu erhöhen ist. Wenn auch jetzt wieder über 500 dieser Agenten durch unsere Organe hinter Schloss und Riegel gesetzt wurden, bin ich mir dessen bewusst, dass noch mehr Agenten in der DDR ihr Unwesen treiben. Deshalb werde ich persönlich die Wachsamkeit erhöhen und meine Kollegen zur Wachsamkeit anhalten.«

Auch wurde begrüßt, dass die Öffentlichkeit durch die Pressekonferenz über die Tätigkeit der Agenten unterrichtet und gleichzeitig von unseren Organen der Staatssicherheit aufgezeigt wurde, mit welchen Mitteln die westlichen Imperialisten vorgehen, ihre schändlichen Pläne zu realisieren und dass unsere Organe der Staatssicherheit den westlichen Geheimdiensten einen schweren Schlag versetzt haben.

Ein Kollege aus der Filmfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle, sagte dazu: »Die Organe der Staatssicherheit haben erneut gezeigt, wie und mit welchen Mitteln die Geheimdienste der westlichen Imperialisten arbeiten. Das Tatsachenmaterial weist eindeutig nach, wie Kriege von Menschenhand vorbereitet und ausgelöst werden sollen. Die Geständnisse der Agenten sprechen Bände, mit welchen Mitteln dies ihr Verbrechen durchführen wollten.«

Ein Produktionsleiter vom VEB Trusetalwerke Schmalkalden,51 [Bezirk] Suhl: »Wenn man diese Berichte so verfolgt, dann kann man erst einmal sehen, welche verbrecherische Tätigkeit diese Elemente durchgeführt haben und es ist zu begrüßen, dass unsere Sicherheitsorgane in der letzten Zeit den imperialistischen Geheimdiensten größere Schläge versetzt haben. Für uns als Werktätige erwächst noch mehr als bisher die Aufgabe, unsere Wachsamkeit zu verbessern.«

Weiter wird gefordert, dass die Agenten einer gerechten Strafe zugeführt werden müssen.

So brachten Kollegen der MTS, die in Geisa, Wiesenfeld und Geismar, [Bezirk] Suhl, stationiert sind, nach dem gemeinsamen Empfang der Pressekonferenz im Rundfunk in ihren Diskussionen zum Ausdruck, dass man diese Verbrecher hart bestrafen muss. Besonders dem Arnreich52 müsste man 15 Jahre Zuchthaus geben.

Darüber hinaus wird auch vereinzelt gefordert, auch diejenigen 80 Agenten, die sich freiwillig unseren Sicherheitsorganen gestellt haben, ebenso zu bestrafen, da sie genau solche Verbrecher wie die anderen seien.

Ein Angestellter von der Schiffs- und Reparaturwerft Stralsund, [Bezirk] Rostock, sagte dazu:

»Das ist nicht richtig, dass die 80 Agenten, die sich freiwillig gestellt haben, unbestraft bleiben, denn sie sind genau solche Verräter gewesen, wie die anderen auch.«

Vereinzelt gibt es aber auch solche Stimmen, die nicht glauben, dass es Menschen gibt, die Feindtätigkeit leisten können und in der Lage sind, für die Ami [sic!] Schädlingsarbeit im eigenen Vaterlande zu leisten.

So brachte ein Produktionsleiter aus dem Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, zum Ausdruck, dass er es nicht glaubt, dass es Menschen gibt, die gegen ihr eigenes Volk auftraten und sich zu solchen Handlungen wie sie in der Pressekonferenz aufgezeigt werden, hinreißen lassen.

Anlage 4 vom 7. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Auswertung der Westsendungen

Sender »Freies Berlin«53 meldet, dass ab 1. Mai »neue Richtlinien für einen verstärkten Wettbewerb zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität und zur Senkung der Ausschussquoten in allen volkseigenen Betrieben in Kraft getreten« seien und dass der FDGB die Popularisierung dieser Richtlinien ohne jede Diskussion angeordnet habe.54

Der Bericht über die Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes im I. Quartal55 ist Gegenstand der Hetze des RIAS. Einmal werden die dort dargelegten Erfüllungszahlen angezweifelt und anhand verschiedener Zahlenmanipulationen, die ein Hörer gar nicht so schnell erfassen kann, soll bewiesen werden, dass die Erfüllung des Planes weit niedriger lag als angegeben.

Zum anderen beschäftigt man sich insbesondere mit der Planerfüllung im Braunkohlenbergbau. Die Hetze konzentriert sich dabei auf die »Ursachen« der Nichterfüllung des Planes. Um den Arbeitern die Argumente dafür zu liefern, dass nicht die fehlende Steigerung der Arbeitsproduktivität einen Teil Schuld haben, heißt es:

»… Die Maschinen- und Ausrüstungsanlagen im Braunkohlenbergbau sind in ihrer Mehrzahl veraltet. Reparationen und Zwangsexporte verhinderten die seit Jahr und Tag fällige Erneuerung der technischen Ausrüstung des sowjetischen Braunkohlenbergbaus …«

Ein Kommentar des RIAS56 zu den neuen Satzungen des FDGB57 gipfelt in der Verleumdung, dass dieses zur weiteren Verhinderung der Einheit Deutschlands beitrage und dass »das eigentliche Ziel des FDGB die Sowjetisierung der deutschen Arbeiterschaft« sei. Die Hetze konzentriert sich besonders auf die Feststellung, dass die neuen Satzungen den Gewerkschaftsmitgliedern nur Pflichten auferlegten, aber keinerlei Rechte zuerkennen würden. Besonders erwähnt wird dabei das Fehlen des Streikrechtes bzw. das Fehlen des Rechtes auf eine Streikunterstützung.

Die Hetze gegen unsere Kampfgruppen hält weiterhin in verstärkter Form an. Im Zusammenhang mit den Maidemonstrationen nimmt der Sender »Freies Berlin« zu den Aufgaben der Kampfgruppen Stellung und steigert seine Hetze bis zu der Unverschämtheit, dass sie die »SA58 der SED« sind.

Zur Beeinflussung der Arbeiter gegen die Kampfgruppen werden die Aufgaben wie folgt dargelegt:

»… Sie sind nichts anderes als die SA der SED, die Kampftruppe der Partei der Arbeiterklasse gegen die Arbeiterschaft. Sie sollen die Arbeiter in den Betrieben stärker unter Druck setzen und stärker unter Druck halten, weil überall die Empörung über die neue Normentreiberei bei verschärfter Mangellage bedrohlich anwächst. Die sollten bereit stehen, um gegen einzelne Belegschaftsmitglieder oder auch gegen ganze Belegschaften vorzugehen, falls diese sich daran erinnern sollten, dass in der freien Welt der Streik ein selbstverständliches Kampfmittel der Arbeiterklasse ist. Und sie werden schließlich ganz offen als Hilfstruppe des Staatssicherheitsdienstes eingesetzt, um sogenannte unzuverlässige Elemente in den Betrieben herauszufinden und unschädlich zu machen.

Noch einmal – diese Kampfgruppen entsprechen der nationalsozialistischen SA. Sie sind kein Instrument zur Sicherung der Betriebe, sondern ein Instrument zur Festigung der kommunistischen Herrschaft über die noch immer leidenschaftlich widerstrebenden Arbeiter Mitteldeutschlands. Nur darauf sind sie ausgerichtet und dazu haben sie Waffen erhalten.

Darüber sollte sich jeder Arbeiter in Ostberlin und in der Zone seine eigenen Gedanken machen, auch wenn es ihm vielleicht nicht möglich gewesen ist, dem Beitritt zu einer solchen Kampfgruppe auszuweichen«.

In den Sendungen für die Landbevölkerung wird weiterhin versucht, die Anwendung von Neurermethoden zu verhindern. RIAS beschäftigt sich diesmal besonders mit dem Quadratnestpflanzverfahren59 für Kartoffeln, und versucht nachzuweisen, dass es sich hierbei um keine neue Methode handelt, sondern dass dies schon vor 1900 von Wissenschaftlern vorgeschlagen worden aber wegen zu geringer Erfolge wieder fallen gelassen worden sei. Es wird immer wieder betont, dass dieses Verfahren keine Ertragssteigerung bringe und das die [nicht lesbar]kultur seit Jahrzehnten in Deutschland angewandt würde und nicht überboten werden könnte. Zum Schluss wird gehetzt, dass das Quadratnestpflanzverfahren in der DDR nicht wegen der eventuellen Ertragssteigerung angewandt würde, sondern es sei »eine Notmaßnahme gegen die weitere Verunkrautung der Felder«.

Zur Beunruhigung der Bevölkerung dient eine Sendung des Sender »Freies Berlin« über die Staatsreserve der DDR, in der im großem Umfang Zahlen über die Bestände der einzelnen Waren- und Rohstoffgruppen genannt werden. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Versorgung der Bevölkerung schlecht sei, aber in den Lagern alles vorhanden ist, was die Lage verbessern könnte.

Zur Beunruhigung der Mitglieder der SED verbreitet RIAS, dass Parteimitglieder, deren Kinder nicht zur Jugendweihe60 geschickt wurden, eine Parteistrafe erhalten sollen.

Anlage 5 vom 7. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Bericht über die Normfrage

Von den VE-Baubetrieben Karl-Marx-Stadt ist im VEB Baumwollspinnerei Plaue/bei Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine Brigade von 16 Mann eingesetzt, die dort Investbauten durchführt.

Nach kurzer Arbeitszeit am 2.5.[1955] erfuhr die Brigade, dass ihre durchschnittliche Norm bei 130 % liegt und der Grundlohn DM 1,08, nach Ortsklasse A61 beträgt. Damit waren die Kollegen nicht einverstanden und der Brigadier wurde beauftragt, mit einem Kollegen der IG Bau und Holz zu sprechen, wobei folgende Fragen geklärt werden sollten:

  • 1.)

    Die Arbeiter sind mit der genannten Bezahlung nicht einverstanden und

  • 2.)

    dass die Norm für das Abschürfen des Mutterbodens nicht erfüllt werden und dadurch, trotz nachweisbarer tüchtiger Arbeit 80 % nur erfüllt werden kann.

Bis zur Klärung dieser Fragen stellten zwölf Kollegen ihre Arbeit ein und vier Kollegen arbeiteten weiter.

Der Schachtmeister der Baustelle vertrat die Meinung, dass die Norm in Ordnung wäre, jedoch müsste der Grundlohn erhöht werden. Der Aufforderung des Brigadiers, die Arbeiten wieder aufzunehmen, kamen die zwölf Kollegen nicht nach. Sie erklärten, dass sie bei dieser Entlohnung im Monat nur auf 250 bis 270 DM kämen und einige Kollegen von ihnen wären täglich 14 Stunden unterwegs.

Am Nachmittag des 2.5.[1955] fuhren die zwölf Kollegen nach Hause, nachdem ihnen erklärt wurde, dass am 3.5.[1955] ein Vertreter der Betriebsleitung auf der Baustelle erscheint, um die Angelegenheit zu regeln.

Eine Überprüfung ergab, dass die Norm für die Abschürfung des Mutterbodens tatsächlich der Schwere der Arbeit angemessen nicht real ist und einer dringenden Überarbeitung bedarf.

Bei der Aussprache am 3.5.[1955] erklärten die zwölf Arbeiter, dass sie gewillt sind ihre Arbeit fortzuführen, wenn sie monatlich mindestens 300 DM netto verdienen.

In der Brikettfabrik des VEB Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen, [Bezirk] Leipzig, wurden eine ganze Reihe technischer Verbesserungen geschaffen. Die Normen sind aber auf dem alten Stand geblieben und werden monatlich übererfüllt. Aus dem Grunde werden jetzt mit den Kumpeln Aussprachen über eine Normenerhöhung geführt. Die Mehrheit zeigt aber bis jetzt noch kein Verständnis dafür und erklärt, dass sei ein »Lohnabbau«.

In der Fischmehlfabrik des Fischkombinates Rostock wurde in Zusammenarbeit mit der Abteilung TAN,62 den Brigadieren und den Arbeitern eine neue Norm aufgestellt. Seit dem 1.5.[1955] wird bereits danach gearbeitet. Da die Brigadiere die Norm nicht mehr wie bisher mit 150 bis 180 %, sondern nur mit 120 % bis 130 % erfüllen, sind sie nicht damit einverstanden.

Zwei Brigadiere äußerten: »Aus der Fischmehlfabrik werden bestimmt einige Kollegen abhauen, da sie für diese dreckige und ungesunde Arbeit mehr verdienen wollen.«

Im »Karl-Liebknecht-Werk« Magdeburg63 werden Diskussionen über die Normfrage in der Form geführt, dass in nächster Zeit ein »Lohnabbau« staatfindet, da vorgesehen sei, dass die Norm nach der 60-Minuten-Basis64 abgerechnet werden sollen.

Dazu äußerte ein Kollege: »Sie sollen doch offen sagen, dass sie den Lohn abbauen müssen, weil sie kein Geld mehr haben.«

Anlage 6 vom 7. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Arbeitsniederlegung

Am 3.5.[1955] besuchte eine westdeutsche Delegation den VEB RFT-Fernmeldewerk Arnstadt, [Bezirk] Erfurt.

In einer Unterhaltung mit der Delegation zeigte eine Kollegin aus der Abteilung »Justage« ihre Schnitten und bemerkte dazu: »Seht, was wir hier für schwarzes Brot essen müssen.«65 Zum anderen zog sie Vergleiche zwischen unseren Produktionserzeugnissen und der Kleidung der Delegationsteilnehmer und äußerte sich sehr schlecht über unsere Erzeugnisse.

In einer gemeinsamen Absprache am 4.5.[1955] zwischen der Betriebs- und Parteileitung und des 1. und 2. Sekretärs der Kreisleitung der SED wurde festgelegt, diese Kollegin fristlos zu entlassen.

Nachdem den Kolleginnen der betreffenden Abteilung die Entlassung bekannt wurde, gingen ca. 100 Kolleginnen demonstrativ zur Kaderabteilung und verlangten eine Aufklärung.

Trotz der Aufklärung durch den Genossen Arbeitsdirektor verlangten sie, dass die Entlassung zurückgezogen werden soll, anderenfalls drohten sie, am anderen Tag in der Abteilung die Arbeit niederzulegen.

Daraufhin sprach die Werkleitung mit der genannten Kollegin und stellte ihr anheim, von sich aus zu kündigen, was sie auch tat.

Zum Arbeitsbeginn am 5.5.[1955] wurde in der genannten Abteilung von 7.15 Uhr bis 10.00 Uhr nicht gearbeitet.

Es entstand dadurch ein Produktionsausfall von ca. 500 Relais und in anderen Abteilungen kam es zu ca. 30 Wartestunden.

Am 6.5.[1955] wurde zu Arbeitsbeginn in dieser Abteilung eine Kurzversammlung durchgeführt. Die Kolleginnen erklärten, ihre Arbeit erst dann wieder aufzunehmen, wenn die entlassene Kollegin wieder unter ihnen ist.

Durch eine Rücksprache seitens der Betriebsleitung erklärten sich die Kollegen bereit, die Arbeit wieder aufzunehmen. Um 11.15 Uhr wurde wieder gearbeitet.

Ein großer Teil der Belegschaft dieses Betriebes vertritt die Meinung, dass die Entlassung nicht gerechtfertigt sei und betrachtet die Handlungsweise der Kolleginnen als richtig.

Anlage 7 vom 6. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2447

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 3.5. bis 5.5.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:66

  • Potsdam: Kreis Pritzwalk 3 500, Kreis Rathenow 20;

  • Leipzig: Kreis Schmölln 200, Kreis Döbeln 90;

  • Frankfurt/Oder: Kreis Angermünde 7 900, Neubrandenburg 4 000, Kreis Altentreptow 35;

  • Suhl: Kreis Ilmenau 800;

  • Halle 40: Kreis Bitterfeld 17, Kreis Köthen 12, Kreis Gräfenhainichen 50, Kreis Nebra 30;

  • Cottbus 1 400;

  • Gera: in den Kreisen Rudolstadt, Saalfeld, Zeulenroda 19 400;

  • Erfurt: Kreis Sömmerda 731, Kreis Eisenach 3 000;

  • Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Zwickau, Rochlitz, Glauchau, Auerbach und Hohenstein-Ernstthal 21 900;

  • Magdeburg: Kreis Haldensleben 8 300;

  • Dresden: Kreis Meißen 11, Kreis Kamenz 50;

  • Schwerin 1 000: Kreis Gadebusch 110, Kreis Güstrow 4 020;

  • Rostock einige.

NTS:67

  • Suhl: Kreis Meiningen 4 000;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Stollberg 26 500, Kreise Klingenthal, Schneeberg, Flöha und Annaberg 13 150;

  • Halle 7: Kreis Arten 100 00, Kreis Gräfenhainichen 60;

  • Dresden 60: Kreis Kamenz 45;

  • Gera: Kreise Lobenstein und Greiz 500, Kreise Eisenberg und Saalfeld 2 000;

  • Erfurt: Kreis Sömmerda 40;

  • Frankfurt 150.

»Freie Junge Welt«:68

  • Rostock: Kreis Doberan 2 000.

KgU:69

  • Dresden: Kreis Kamenz 1 000;

  • Frankfurt 3 250;

  • Halle 15: Kreis Köthen 12 100, Kreis Sangerhausen 12 000, Kreis Gräfenhainichen 35;

  • Gera 530;

  • Suhl: Kreis Sonneberg 3 000;

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 300.

In Penzig und Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden 37 handgeschriebene Hetzschriften gefunden.

In Köthen, [Bezirk] Halle, wurden zehn Flugblätter mit Handkasten gedruckt, sichergestellt (Hetze gegen DDR).

In der Stadt Erfurt wurden ebenfalls Hetzschriften mittels Druckkasten gefertigt, aufgefunden (Hetze gegen die Sowjetunion).

Die Hetzschriften beinhalten größtenteils Hetze gegen die DDR (»Der Tag der Freiheit wird kommen«) und Hetze gegen KVP-Werbung. Ein Teil der Flugblätter beinhaltet noch Hetze gegen den 1. Mai.

Antidemokratische Tätigkeit

In der Nacht vom 1. zum 2.5.1955 wurden in der Schule Langburkersdorf, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, eine FDJ-Fahne gestohlen.

In Dresden wurden zwei Hetzlosungen angeschmiert.

In der Nacht zum 2.5. und 3.5.1955 wurden in Schkeuditz (Leipzig) auf dem Ernst-Thälmann-Platz70 zwei aufgestellte Fahnenmasten aus der Erde herausgerissen und davon die schwarz-rot-goldenen Fahnen abgerissen und gestohlen. Die Fahnen waren zur Ausschmückung anlässlich des 1. und 8. Mai an der Tribüne vor dem Rathaus aufgestellt. Täter sind unbekannt.

In der Nacht vom 30.4. zum 1.5.1955 wurde durch unbekannte Täter der Schaukasten bei dem Elektriker Brandtner71 in Wildau, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, zerschlagen. Der Elektriker ist der Vorsitzende der Nationalen Front. Ermittlungen werden geführt.

Am 1.5.1955 wurde durch bisher unbekannte Täter an einem Pfeiler in der HO-Gaststätte »Ratskeller« in Hohen Neuendorf, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, ein Hakenkreuz angeschmiert.

Terror

Am 4.5.1955 wurde bekannt, dass vor Kurzem in der Gemeinde Letzlingen,72 [Bezirk] Magdeburg, in den Abendstunden von zwei sowjetischen Soldaten vor der HO-Gaststätte ein Beiwagen mit Krad abgestellt. Nach ihrer Rückkehr stellten sie fest, dass das Zündkabel der Maschine durchgeschnitten war. Sie befragten einige in der Nähe stehende Jugendliche nach dem vermutlichen Täter. Hier kam ein Jugendlicher (Name bekannt) aus Letzlingen hinzu, griff einen Soldaten tätlich an und schlug ihn nieder. Anschließend brüstete er sich seiner Tat. Der Täter wurde festgenommen.

Durch unbekannte Täter wurde in der Nacht vom 3. zum 4.5.1955 die Fernsprechleitung der Wasserstraßendirektion Berlin – Magdeburg zerstört. Die Wasserstraßendirektion hat längs des Kanals von Magdeburg bis Berlin eine Direkt-Telefonverbindung laufen. Die beiden Kabel dieser Telefonverbindung sind unter der Erde gelegt und nur nach je 5 km ist ein Trennendverschluss mit Schutzkasten angebracht. An der Kanalböschung wurde mittels zwei Steinen ein Trennendverschluss zerschlagen. Es entstand ein Schaden von ca. DM 1 200. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.

Am 3.5.1955, gegen 4.15 Uhr, erfolgte beim Befahren der Linie 29 (Straßenbahn) in Leipzig N24, Georg-Schumann-Straße eine Detonation. Der Fahrer stellte fest, dass unter dem Wagenzug auf den Schienen ein zusammengedrücktes Kabel mit einem Durchmesser von ca. 6 bis 7 cm vorgefunden wurde. Vermutlich handelt es sich um eine sogenannte Knallpatrone, wie sie bei der Eisenbahn als Warnung verwendet werden. Ein Sachschaden entstand nicht.

Gerücht

Es wird verbreitet, dass in den Städten Leipzig und Gera größere Studentenunruhen stattgefunden hätten. Dabei wären mehrere hundert Personen verhaftet worden.

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    8. Mai 1955
    Informationsdienst zum 8. Mai 1955 [Information M 4/55]

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    3. Mai 1955
    Informationsdienst Nr. 2446 zur Beurteilung der Situation in der DDR