Zur Beurteilung der Situation in der DDR
10. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2448 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Im Allgemeinen wurde in den Industrie- und Verkehrsbetrieben wenig über den 8. Mai gesprochen. Die überwiegend positive Einstellung zu diesem Tag zeigt sich einmal an der guten Beteiligung im DDR Maßstab, an den Kundgebungen und Kranzniederlegungen und zum anderen an den zahlreichen Verpflichtungen.
Im Elektrobetrieb des Leuna-Werkes verpflichteten sich zwei Brigaden, den in der Großreparatur befindlichen Generator 14 um 14 Tage früher fertigzustellen, als der Plan vorsieht.
Im »Karl-Marx-Werk« Zwickau1 verpflichtete sich ein Jugendlicher zur KVP, was er wie folgt begründete:
»Ich weiß, dass und die SU in diesen zehn Jahren große Unterstützung gegeben hat. Um alle unsere Errungenschaften zu erhalten und die DDR weiter zu festigen, werde ich mit der Waffe in der Hand diese verteidigen. Ich bin stolz darauf, in die Reihen der KVP eintreten zu können.«
Im Werk II des VEB DEFA-Kopierwerkes Berlin wurden unter einigen Kollegen Diskussionen über den 8. Mai geführt, in denen zum Ausdruck kam:
»Es ist auf jeden Fall besser zwei Sonntage hintereinander zu demonstrieren als noch einmal die Schrecken des Krieges über sich ergehen zu lassen.«
Im Gegensatz dazu herrschte unter einem kleinen Teil der Werktätigen in den Betrieben das Argument vor, dass es zu viel wäre, am 8. Mai schon wieder zu demonstrieren. Verschiedentlich wurde die Nichtbeteiligung mit persönlichen Belangen wie z. B. Gartenarbeiten und Ähnlichem begründet.
In den VEB Kabelwerk Köpenick und Oberspree/Berlin brachten einige Arbeiter in ihrer Unterhaltung zum Ausdruck, dass sie am 8. Mai nicht »schon wieder auf die Straße gehen könnten«, da sie auch private Dinge, wie z. B. Arbeiten im Schrebergarten zu erledigen hätten.
So wurde auch in der Technologie des VEB Stern-Radio Berlin diskutiert.
Im Kalkulations- und Lohnbüro des RAW Oberschöneweide Berlin wurden besonders von den Kolleginnen Diskussionen geführt, dass Demonstrationen zwei Sonntage hintereinander zu viel seien. »Man möchte doch den Sonntag für sich haben.«
Die Partei- und Wirtschaftsfunktionäre des VEB Werkzeugunion Steinbach-Hallenberg, [Bezirk] Suhl, unterschätzten den Aufmarsch der Kampfgruppe2 am 8. Mai. So demonstrierten aus diesem Werk am 1. Mai 65 Mitglieder der Kampfgruppe und am 8. Mai nahmen nur 37 Mitglieder der Kampfgruppe an der Demonstration teil. Der Parteisekretär und der Produktionsleiter dieses Betriebes lehnten es ab, in der blauen Kleidung der Kampfgruppe im Demonstrationszug mit zu marschieren. Der BPO-Sekretär brachte zum Ausdruck:
»Wenn ich acht Stunden arbeite, mache ich keinen Dienst mehr in der Kampfgruppe, das kann ich nicht. Ich mache das überhaupt nicht mehr mit.«
Im geringen Maße traten klassenfeindliche Elemente mit negativen bzw. feindlichen Äußerungen hervor, die hauptsächlich gegen die Sowjetunion gerichtet waren.
Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem VEB Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder:3 »Ich habe mich noch nie am 8. Mai beteiligt, so etwas kommt für mich nicht infrage.«
Eine Arbeiterin aus dem gleichen Betrieb sagte: »Ich bin am 8. Mai 1945 von allem was ich besaß befreit worden, mir reicht das.«
Bemerkenswert ist, dass sich in diesem Betrieb nur wenige Kollegen an der Demonstration am 8. Mai beteiligen.
Als in der Zigarettenfabrik »Harmonia« in Neustadt, [Bezirk] Suhl, Plaketten zum 8. Mai verkauft wurden, lehnte eine Kollegin den Kauf mit der Bemerkung ab: »Jetzt sollen wir unsere Befreiung auch noch bezahlen.«
Aus dem gleichen Anlass äußerte der Leiter der Werkküche des Jugendhofes »August Bebel« in Burg,4 [Bezirk] Magdeburg: »Ich nehme keine Plakette, für mich ist der 8. Mai nicht der Tag der Befreiung, sondern der Tag der Entrechtung.«
Im VEB Bauhof Werder, [Bezirk] Potsdam, diskutierten die Umsiedler:5 »Der Tag der Befreiung ist der Tag, wo sie uns von allem befreit haben.«
Ein Lehrling aus der Mathias-Thesen-Werft in Wismar, [Bezirk] Rostock, sagte während der Geschichtsstunde: »Der 8. Mai ist nicht der Tag der Befreiung, sondern der Tag der Niederlage. Die Nazis hätten den Krieg ohne Weiteres gewonnen, wenn nicht alles verraten worden wäre.«
Im VEB Gasolan Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, äußerten einige Kollegen, als die aufgefordert wurden, an einer Feierstunde des 8. Mai teilzunehmen:
»Wir wollen in unserer Frühstückspause nicht gestört werden. Wir wollen auch gar keine Feierstunde haben.«
Darauf verließen sie den Raum.
Bei einer Feierstunde am 7.5.[1955] in der Schiffswerft Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, waren ca. 60 Personen anwesend. Im Laufe dieser Feierstunde verließen ca. 34 Belegschaftsangehörige den Raum.
Eine schlechte Beteiligung an einer Feierstunde am 7. Mai [1955] war im VEB Werk für Fernmeldewesen Berlin zu verzeichnen. Und zwar nahmen von 7 000 Belegschaftsmitgliedern nur 150 bis 200 Personen teil. (Der Kulturraum fasst 500 Mann). Über die geringe Beteiligung äußerte ein Abteilungsleiter dieses Betriebes:
»Der Besuch drückt die wahre Volksmeinung aus. Darüber hinaus sind aber zu dieser Feierstunde trotzdem noch einige anwesend, die auch nicht mit der Regierung einverstanden sind.«
Bei den Diskussionen über die Verteidigungsmaßnahmen6 zeigen sich keine wesentlich neuen Momente. Die ablehnenden Argumente beinhalten immer pazifistische Tendenzen sowie persönliche Belange. Die überwiegend ablehnende Haltung resultiert größtenteils nicht in einer feindlichen Einstellung gegenüber unserem Staat und deshalb kann bei guter Aufklärung und Agitation noch ein großer Teil für die Verteidigungsmaßnahmen gewonnen werden.
Zum anderen zeugen vereinzelte Beispiele davon, wie der Klassenfeind versucht, die Jugendlichen, die zum Eintritt in die KVP aufgefordert werden, negativ zu beeinflussen.
Im BFG Lauchhammer, [Bezirk] Cottbus, wurden aus der Abteilung Putzerei drei Jugendliche zur Werbekommission bestellt. Bei der Aussprache hüllen sie sich in Schweigen und kauten nur immer an ihrem Kaugummi. Daraufhin wurden drei andere Jugendliche bestellt, die sich ebenfalls so verhielten.
Über andere aktuelle politische Probleme wird zurzeit in den Betrieben wenig diskutiert, aber in der Mehrzahl positiv.
So wird z. B. zur internationalen Pressekonferenz7 in Berlin am 4.5.[1955] allgemein zum Ausdruck gebracht, dass die Kriegsvorbereitungen durch die westlichen Imperialisten unter Ausnutzung der Agentenzentralen8 auf dieser Pressekonferenz eindeutig und klar erwiesen wurden. Zum anderen wird immer wieder die höchste Bestrafung dieser Agenten gefordert.
Die Unterschriftensammlung9 wird von den Werktätigen der Betriebe ebenfalls begrüßt und die Stellungnahmen sind fast ausschließlich positiv. Nur vereinzelt kommt es zu negativen Äußerungen sowie zur Verweigerung der Unterschrift.
In der letzten Zeit wird verschiedentlich von einer Fluktuation der Arbeitskräfte in der Bauindustrie berichtet.
In dieser Berichtszeit wurde dies von der Bau-Union Kohle Cottbus und vom VEB (K) Bau-Leipzig bekannt.
Die Bauarbeiter des letztgenannten Betriebes begründen ihre Abwanderung in die Privatindustrie damit, dass dort die Bezahlung besser sei.
In der Bau-Union Kohle liegt die Ursache in der Unzufriedenheit der Beschäftigten, besonders über die unterschiedliche Ausgabe der Lebensmittelkarten.10 Für gleiche Arbeit bekommt ein Teil die B- und ein anderer Teil die C-Karte. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie in ihren Heimatorten so unterschiedlich eingestuft worden sind. Die Kollegen, die gewillt sind, aus den Baustellen zu arbeiten, werden bei ihrer Ankunft mitunter derart beeinflusst, dass sie, ohne die Arbeit aufgenommen zu haben, wieder abfahren.
Auf der Baustelle Grünhainichen-Papierfabrik, [Kreis] Flöha, und Ferdinandschacht Halsbrücke, [Kreis] Freiberg, Bezirk Karl-Marx-Stadt stellten die Bauarbeiter in einer Belegschaftsversammlung die Forderung, die 48-Stunden-Woche auf fünf Tage zu verlegen. Diese Forderung wurde von den zuständigen Bauleitern, Parteisekretären und der BGL unterschrieben. Die Bauarbeiter drohen, bei Nichtgenehmigung der Forderung von der Bezirksbauunion, mit sofortiger Kündigung und Arbeitsaufnahme in Privatbetrieben. Darüber hinaus besteht die Gefahr der Arbeitsniederlegung.
Die am häufigsten in Erscheinung tretenden Mängel sind weiterhin Materialversorgungsschwierigkeiten, Absatzschwierigkeiten, Auftragsmangel sowie Materialieferungen schlechter Qualität. Einmal führen diese Schwierigkeiten zur Nichterfüllung des Planes, zur Behinderung des planmäßigen Produktionsablaufes, sowie zu schlechter Stimmung unter den Beschäftigten. Diese bringen in ihren Diskussionen immer wieder die Bereitschaft zur Erreichung der Rentabilität zum Ausdruck, aber durch die aufgezeigten Mängel werden sie in ihrer Initiative gehemmt.
Über Materialmangel klagen u. a. VEB Cottbus (Ersatzteile für den Bau von Niederspannverteilern), VEB Guss »Hermann Matern« Roßwein, [Bezirk] Leipzig, (Kronenmuttern), VEB Elektrowärme Sönnewitz, [Bezirk] Dresden, (Bleche für den Gleichrichterbau) und VEB Korbwarenfabrik Neustadt, [Bezirk] Dresden, (Draht).
Die Auswirkung im letztgenannten Betrieb besteht darin, dass ab 10.5.[1955] die Produktion eingestellt werden muss. Oder, dass im VEB Elektrowärme Sönnewitz Schwierigkeiten in der Erfüllung eines Exportauftrages eintreten.
Im VEB Spinnerei und Weberei Eberswalde, [Bezirk] Dresden, wird über schlechte Qualität der Garne (vorwiegend vom VEB Vigones-Spinnerei Werdau), im VEB Wälzkörperfabrik Bad Liebenstein, [Bezirk] Suhl, – die Abt. Presserei – über minderwertigen Kugelstahl und im VEB »Sachar«11 Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, über die mangelhafte Qualität der Kohlesäureflaschen (werden zum Kühlen verwendet) geklagt.
Im letztgenannten Betrieb ist dadurch zu verzeichnen, dass des Öfteren alle Kühlmaschinen ausfielen. (Die Kohlensäureflaschen enthalten mitunter zwei bis zweieinhalb Liter Wasser, sodass es vorkam, dass Wasser in den Kompressor kam).
Die VEB Walzmühle ist in Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, musste am 6.5.[1955] die Produktion einstellen (32 Beschäftigte), da es bisher nicht möglich war, im II. Quartal überbezirkliche Lieferungen zu erhalten. Im I. Quartal wurden z. B. 600 t Mehl nach Berlin geliefert.
Im VEB Elektrokohle Berlin sieht der Plan 1955 eine Produktion von Silitstäben12 im Werte von 11,5 Mio. DM vor.
Die augenblickliche Auftragslage sichert aber nur die Erfüllung dieser Planposition mit 7,5 Mio. DM. (Genügend Material für eine größere Planauflage ist vorhanden, bzw. kann beschafft werden.)
Im VEB Bekleidungswerk »Herrenmode« Berlin lagern Herrenanzüge im Werte von 2,3 Millionen DM. Hinzu kommen noch nicht verarbeitete Stoffe und Futterstoffe. Die staatlichen Handelsorgane nehmen diese Fertigwaren nicht ab, da sie über ausreichende Lagerbestände verfügen.
Die Zigarettenfabrik Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, hatte im I. Quartal 1955 einen Verlust von 75 000 DM zu verzeichnen. Der laut Finanzplan für 1955 geplante Gesamtverlust beträgt 191 000 DM. Die Hauptursache der Unrentabilität liegt in der unrichtigen Beziehung der aufzuwendenden Preise für Import-Tabak zu den dem Betrieb genehmigten Fabrikpreisen.
Im VEB Rheinmetall Sömmerda wurde am 4.5.[1955] festgestellt, dass ca. 150 Rechenmaschinen (Export für die SU) Fehler aufweisen. Eine Gesamtüberprüfung ergab, dass 500 Rechenmaschinen überholt werden müssen.
Produktionsstörungen
Im Sodawerk »Karl Marx« Bernburg, [Bezirk] Halle, entwickelte ein mit Ätznatronlauge geladener Leichtmetallkesselwagen Dämpfe, wodurch der Kesselwagen drei Meter weit aufgerissen wurde. Schaden ca. 2 000 DM.
Im Braunkohlenwerk Profen, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, fuhr ein Talbootzug fahrlässig auf einen anderen Zug auf, wodurch die E-Lok schwer beschädigt wurde.
Im VEB Phönix Altenburg,13 [Bezirk] Leipzig, bestehen Schwierigkeiten im Abraum, da sich zwei Bagger in Generalreparatur befinden und der dritte durch einen Eimerkettenriss ausfiel. Dadurch entstand ein Produktionsausfall von 150 000 cbm Abraum.
Am 4.5.1955, gegen 5.30 Uhr, explodierte in den Deutschen Solvay-Werken Westeregeln, [Bezirk] Magdeburg, eine Turbo-Pumpe, die in der Wasserreinigung steht. Sie wurde vollkommen zerstört. Schaden: ca. 600 DM. Als Ursache wird Materialfehler angenommen.
Am 2.5.1955, 10.30 Uhr, fiel im Textilveredlungswerk Weida, [Bezirk] Gera, ein fahrbarer Kran für die Beladung der Fahrzeuge mit Kohlen aus. Von diesem Kran sind drei Produktionsbetriebe bei der Belieferung mit Kohle abhängig. Ermittlungen sind noch im Gange.
Am 3.5.1955, 10.15 Uhr fiel die Dampfturbine des VEB Jutewerk Weida, [Bezirk] Gera, durch Auslaufen des Generatorenlagers aus. Schaden 15 000 DM.
Am 4.5.[1955], gegen 4.00 Uhr, entstand im VEB Papier- und Pappenfabrik Schwarzhammermühle, [Kreis] Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Kesselschaden. Durch die Reparatur des Kessels ist die Produktion bis Anfang nächster Woche nicht möglich. Eine genaue Untersuchung der Ursache kann erst nach Abkühlung des Kessels erfolgen. Schaden: Produktionsausfall mit einer täglichen Schadensumme von ca. 15 000 bis 18 000 DM.
Am 4.5.1955 brach im VEB Fahlberg-List Magdeburg die Königswelle eines Schwefelkiesofens. Ursache noch nicht bekannt. Schaden ca. 10 000 DM.
Am 5.5.1955, 12.05 Uhr, explodierte im VEB Sprengstoffwerk I Schönebeck/Elbe, [Bezirk] Magdeburg, eine Knallquecksilberlademaschine. Ursache: Verpuffung. Sachschaden: ca. 8 000 DM, Produktionsausfall: ca. vier Tage.
Am 5.5.1955, 4.40 Uhr, fiel im BKW Calbe, [Bezirk] Magdeburg, der Niederschachtofen Nr. 5 aus. Schaden: Vier Tage Produktionsausfall des Ofens, ca. 240 t Eisen, einschließlich Materialschaden, ca. 72 000 DM.
Am 5.5.1955 wurde in einen Schalter für Ventilatorenmotoren im Schacht 13 – Aue – (Wismut)14 im Schaltkontakt ein Stück Leinwand eingeklemmt, sodass dieser durchbrennen musste.
Im Schacht 21 Annaberg (Wismut) wurde im Revier II der Schutz des Ventilatorenmotors bewusst zerschlagen.
Am 7.5.1955, gegen 11.00 Uhr, wurde in den Fettbüchsen des Berge-Klassierers vom Objekt 101 Zeche B – Zwickau – (Wismut) Fensterkitt festgestellt. Produktionsausfall konnte verhindert werden.
Im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, trat das Gerücht auf, dass zur KVP-gehende Jugendliche nur noch 60,00 DM als Wehrgeld erhalten.
Im VEB MEWA Meißen,15 [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass die Arbeiter im Leuna-Werk wegen ungenügendem Essen gestreikt hätten.
An den letzten Tagen im Bezirk Leipzig bekannt gewordene Briefe feindlicher Agentenzentralen, mit denen Facharbeiter zur Republikflucht aufgefordert werden, wird ganz besonders darauf hingewiesen, dass sie sich damit auch dem Dienst in der KVP entziehen können.
In der Bohrabteilung II Gera (Wismut) diskutierte ein Kollege: »Wir wollen mehr verdienen, sonst wird gestreikt.«
Aus folgenden VEB wurden antidemokratische Handlungen bekannt:
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VEB IFA Waltershausen, [Kreis] Gotha, [Bezirk] Erfurt, – Hetzlosung: »Fordert Streikrecht. Nieder mit der SED.«
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Farbenfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld – vier handgeschriebene Hetzzettel.
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VEG TSC16 Waltershausen, [Kreis] Gotha, [Bezirk] Erfurt, – Hetzlosungen gegen Kampfgruppen.
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VEB Waggonbau Görlitz – sowie Hakenkreuze.
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Stahlwerk Gröditz, [Kreis] Riesa, – Hetzlosung mit dem Inhalt, dass ein neuer 17.6.17 käme und der Aufforderung, bei Sirenengeheul für Adenauer18 zu stimmen.
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VEB Zeiss Jena – drei Hetzzettel »Ich gehe nicht zur KVP«.
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MEWA Reißverschluss Rathenow, [Bezirk] Potsdam, – Hetzlosung zur Versorgung.
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VEB Textima Großenhain – an fünf Stellen das Zeichen »aal 8«, es wird vermutet, dass das »Arbeiter, arbeite langsam« heißen soll.
Bahnwerk Falkenberg [Bezirk] Cottbus, – an den Schränken der Jugendlichen einer Lokbrigade, die sich freiwillig zur KVP gemeldet haben, stand »Zur KVP gehen nur 100%ige.«
In der Nacht zum 6.5.1955 wurden an einen Personenzug, der auf dem Kleinbahnhof in Jarmen, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, stand, elf Hakenkreuze geschmiert.
Am 5.5.1955 wurden auf einer Herrentoilette des Bahnhofes Seddin, [Kreis] Potsdam-Land, folgende Hetzlosungen festgestellt:
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»Nieder mit der SED, es lebe die Freiheit und ein geeintes Deutschland.«
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»Heine22 – SED-Bulle.«
Am 3.5.1955, gegen 23.30 Uhr, wurde in ein Fenster des Förderschachtes 142/1 Johanngeorgenstadt (Wismut) geschossen.
Versorgung der Bevölkerung
Unter der Bevölkerung beginnen jetzt die Diskussionen über die neue Buttersorte.23 Durch ungenügende Aufklärung, einmal unter der Bevölkerung und zum anderen unter dem Verkaufspersonal, entstehen jetzt örtlich verschiedene Schwierigkeiten.
In den Diskussionen wird vor allem zum Ausdruck gebracht, dass man sich nicht erklären könne, warum die Butter billiger geworden ist, wenn auf der anderen Seite davon gesprochen wird, dass nicht genügend vorhanden ist.
So sagte z. B. eine Hausfrau aus Perleberg, [Bezirk] Schwerin: »Ich habe mir ein halbes Pfund HO-Butter gekauft und dafür habe ich DM 4,60 bezahlt. In der Presse hat aber über eine Preissenkung nichts gestanden. Mir ist es unerklärlich, dass man den Preis der Butter senkt und auf der anderen Seite ist nicht genügend HO-Butter vorhanden, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken.«
Die Schwierigkeiten in der Belieferung mit der neuen Butter liegen darin, dass die Verkaufsstellen wegen der sehr begrenzten Haltbarkeit der Butter (vom Hersteller zum Verbraucher nur zehn Tage) jetzt zweitägig – früher achttägig – geliefert werden müssen.
Aus dem Bezirk Leipzig wird dazu berichtet, dass dem Großhandelskontor24 zwar mitgeteilt wurde, dass jetzt zwei Sorten unter der Bezeichnung Tafelbutter und Bauernbutter in den Handel kommen, dass aber keine neuen Qualitätsmerkmale, ohne die eine Qualitätskontrolle unmöglich ist, mitgeteilt wurden, und das Großhandelskontor war bisher auch nicht in der Lage, von irgendeiner Stelle Aufklärung zu erhalten.
Da der Bescheid sehr kurzfristig kam, fehlt das notwendige Verpackungsmaterial. Die Butter wird zunächst in Papier mit dem Aufdruck »Markenbutter« verpackt, sodass sehr leicht Verwechslungen mit der Butter für 5,00 DM entstehen können.
In Werder, Landkreis Potsdam wird in den Molkereien diskutiert, dass durch den höheren Wassergehalt der Butter besonders in der heißen Jahreszeit ein erheblicher Schwund bei der verpackten Butter einsetzen wird. Deshalb hat die Molkerei beschlossen, die Butter in Zukunft in Blöcken zu 25 kg zu liefern.
Im größeren Umfang tritt jetzt ein Mangel an Margarine auf. Darüber wird besonders in den Landgemeinden Klage geführt.
Die Diskussionen über die neue Brotsorte25 halten weiter an.
So sind jetzt bereits in verschiedenen Bezirken die Weizenmehlkontingente für das IV. Quartal des überhöhten Einkaufs von Weißbrot aufgebraucht. (So z. B. in den Bezirken Potsdam und Erfurt).
Die Lage in der Landwirtschaft
In vielen Landgemeinden wurde wie in den Städten der Tag der zehnten Wiederkehr der Befreiung durch die Sowjetarmee würdig gefeiert. In ihren Diskussionen brachten Arbeiter der MTS, Genossenschaftsbauern und werktätigen Einzelbauern zum Ausdruck, dass der Tag gerade für die Landbevölkerung von besonderer Bedeutung sei, weil die Sowjetunion durch die Befreiung vom Hitlerfaschismus die Voraussetzung für eine Bodenreform26 und damit die Grundlage einer neuen Entwicklung in der Landwirtschaft schuf.
Dazu äußerte sich ein Neubauer27 aus der Gemeinde Burgheßler, [Kreis] Naumburg, [Bezirk] Halle: »Seit dem ersten Weltkrieg war ich hier auf dem Gut Landarbeiter. Ich habe schwer arbeiten müssen. Als dann die Bodenreform durchgeführt wurde, bin ich Neubauer geworden. Das war nur möglich, weil die Sowjetarmee Hitlerdeutschland und die Großgrundbesitzer zerschlagen hat.«
Eine gute Vorbereitung, Aufklärung und gute Organisation des Tages der Befreiung war nicht in allen Gemeinden der Fall.
In einigen Gemeinden war die Ausschmückung der Häuser schlecht.
Zum anderen fielen geplante Veranstaltungen aus, weil keine Teilnehmer erschienen waren oder zu diesem Zeitpunkt andere Veranstaltungen festgelegt worden waren.
Wie z. B. in der Gemeinde Groß Fredenwalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wo zur Feierstunde keine Teilnehmer erschienen und in der Gemeinde Kaakstedt, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wo die Feierstunde ausfallen musste, weil zu dieser Zeit eine Kinoveranstaltung stattfand.
In der Gemeinde Görzig, [Kreis] Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, war die Beteiligung an der Feuerstunde sehr gering. Ebenso fand in dieser Gemeinde keine kulturelle Umrahmung der Veranstaltung statt.
Auch in der Gemeinde Ragow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, musste die Feierstunde wegen geringer Beteiligung ausfallen.
In der Gemeinde Glienicke, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, war die Beteiligung an der Demonstration nur sehr gering, weil diese von der Partei schlecht vorbereitet wurde.
Die Unterschriftensammlung zum Wiener Appell28 wird von einem großen Teil der Landbevölkerung gut aufgenommen und es wird bereitwillig die Unterschrift unter den Wiener Appell gegeben.
In verschiedenen Gemeinden wurde die Unterschriftensammlung bereits 100%ig abgeschlossen.
Jedoch werden immer wieder Beispiele bekannt, wo sich Personen weigern, ihre Unterschrift zu geben. Die Gründe dafür liegen in einer feindlichen Einstellung zur DDR, in der Meinung, »dass ja doch alles zwecklos sei«, und in persönlichen Verärgerungen.
Zum Beispiel gaben in der Gemeinde Neuzelle, [Bezirk] Frankfurt/Oder, 54 Einwohner nicht ihre Unterschrift. Ein Bürger dieser Gemeinde äußerte: »Die Unterschriften sind wohl für die Herren Minister, damit sie noch eine Weile länger leben können.«
Ein Bürger aus Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte: »Ich wäre froh, wenn die Atombomben kämen. Ich unterschreibe nicht. Brotlos hat man mich gemacht und mich aus meiner Stellung gejagt.«
Eine Landarbeiterin aus Altbarnim, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Was nützen die Unterschriften, wir können ja sowieso nichts ändern. Wenn es Krieg geben soll, dann auch, wenn wir unsere Unterschriften gegeben haben.«
Auf Widerstand bei der Unterschriftensammlung stößt man vorwiegend bei kirchenhörigen Personen, die zum größten Teil ihre Unterschrift mit der Begründung, das sei eine politische Aktion und ginge der Kirche nichts an, ablehnen.
Ein Pfarrer aus der Gemeinde Pinnow, [Kreis] Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, äußerte sich z. B. »Die Unterschriftensammlung ist eine politische Aktion, der ich meine Unterschrift nicht geben kann. Ich bin nicht eine x-beliebige Person, sondern ein Geistlicher. Außerdem habe ich im Kirchenkonsistorium und beim Weltkirchenrat29 bereits Stellung gegen den Atomkrieg genommen.30 Ich werde mir aber noch einmal beim Propst in Angermünde Anweisung holen, ob ich unterschreiben darf.«
Die Saatkartoffelbeschaffung ist in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben augenblicklich das brennende Problem. Trotz der vielfachen Bemühungen solcher Betriebe um Hilfe von Verwaltungsstellen konnte bisher noch nicht genügend Abhilfe geschaffen werden. So fehlen z. B. in verschiedenen LPG des Kreises Bützow, [Bezirk] Schwerin, noch ca. 2 963 dz Saatkartoffeln.
Die Ursachen des Mangels an Saatkartoffeln in den verschiedenen Betrieben liegen einmal darin, dass im Winter viel Kartoffeln erfroren sind und zum anderen auch in einer schlechten Organisation der Verteidigung.
Wie z. B. im Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wo die LPG und VEG von der DSG Saatkartoffeln erhielten, aber die werktätigen Einzelbauern bei der Belieferung nicht berücksichtig wurden. Die werktätigen Bauern waren deshalb gezwungen, um ihren Acker überhaupt bebauen zu können, bei anderen Bauern zu erhöhten Preisen Saatkartoffeln zu kaufen.
Die Bauern, bei denen Saatkartoffeln fehlen, sind in großer Unruhe, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Felder bestellen sollen. Es werden auch besonders heftig Diskussionen gerade über dieses Problem geführt und gefordert, dass der Staat die Kartoffeln zur Verfügung stellen müsste.
So sagte z. B. ein Bauer aus Bergen, [Bezirk] Rostock: »Der Staat muss mir schon Saatkartoffeln geben, denn ich habe ja 40 Schweine gefüttert und abgeliefert. Hiervor hat der Staat ja auch sein Gutes gehabt. Wenn ich meine Kartoffeln behalten hätte, dann hätte ich nicht so viel Schweine füttern können. Jetzt, wo ich den Staat mal brauche, ist der Teufel los.«
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
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In der LPG Hohenfelde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden von 59 Schweinen bisher 39 notgeschlachtet.
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In der LPG Seehof, [Kreis] Schwerin mussten von 44 Schweinen 43 notgeschlachtet werden. Ein Schwein verendete.
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Bei einem Großbauern31 in Passow, [Kreis] Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, wurden von 70 Schweinen 35 notgeschlachtet, die anderen verendeten.
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Bei einem Großbauern in Kühren, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, wurde der Gesamtbestand von 73 Schweinen notgeschlachtet.
In der Gemeinde Klein Priebus, [Bezirk] Cottbus, sind die Bauern über die Wildschweinplage empört. Bis jetzt wurden von den Wildschweinen sieben Morgen Hafer und drei Morgen Wiese schwer beschädigt. Die Bauern weigern sich, die Kartoffeln auszulegen, weil diese doch wieder von den Schweinen ausgewühlt würden.
Ebenso lehnten die Einwohner dieser Gemeinde jede gesellschaftliche Arbeit ab. In einer Versammlung der Nationalen Front32 ließ man den Referenten gar nicht zu Wort kommen, sondern diskutierte nur über den Wildschaden.
Die Bauern vertraten die Ansicht, solange sich dieser Zustand nicht geändert habe, wollten sie keinen Aufklärer von der Nationalen Front sehen. Ähnliche Klagen wurden aus einigen Gemeinden des Kreises Eisenach, [Bezirk] Erfurt, bekannt.
Am 8.5.1955, gegen 23.35 Uhr, brach in der Gemeinde Seelow, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, in einer alten Fachwerkscheune, die von der LPG nicht mehr benutzt wird, ein Brand aus. Schaden: 2 000 DM. Ursache nicht bekannt.
In der Nacht zum 8.5.[1955] wurde der Pförtner (71 Jahre) der Schweinemästerei Derrenburg, [Kreis] Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, (SED) von zwei Jugendlichen niedergeschlagen. Täter bekannt.
In der LPG Klara Zetkin in Neu Lübtheen, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin, wurden bei einer verendeten Kuh im Magen Glas- und Porzellansplitter gefunden. Dies ist die vierte hochtragende Kuh, die an derartigen Erscheinungen verendete.
Einschätzung der Situation
Der Hauptstoß der Feindpropaganda durch die Westsender und Hetzschriften richtet sich gegen die Kampfgruppen.
Sonst zeigen sich in der Lage noch keine besonderen Veränderungen gegenüber der vorhergehenden Woche.
Anlage 1 vom 10. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2448
Auswertung von Westsendungen
Charakteristisch für die Stellungnahmen der Westsender zum 8. Mai ist, dass dieser nur als »Tag der Kapitulation Hitlerdeutschlands« bezeichnet wird und dass man den Begriff »Tag der Befreiung« nur höhnisch gebraucht. Alles in allem verkörpern die einschlägigen Sendungen Hetze gegen die Sowjetunion mit der Maßgabe, dass sie Deutschland nicht befreit hätte.
In der Folge wird dann auch gegen die demokratische Entwicklung der DDR gehetzt, was in folgenden Ausführungen des RIAS33 zum Ausdruck kommt:
»… Die Tragik der Befreiung vom Nationalsozialismus ist, dass nur ein Teil unseres Landes frei wurde. Im anderen wurde zwar genau so entschieden gegen den Nationalsozialismus zu Felde gezogen, aber mit den Trümmern der alten Diktatur ist die neue aufgebaut worden. Das haben besonders die jungen Menschen zu spüren bekommen. Wir haben nicht einmal Zeit gehabt, die Hitlerjugend34 zu vergessen, da gab es schon die neue Staats- und Zwangsjugendorganisation FDJ.35 Wir hatten nicht einmal die Gelegenheit, aus den Ankündigungen der Sowjets, dass es nunmehr Freiheit geben solle, eine Einstellung zum Neuen zu gewinnen, weil das alte viel zu schnell wieder da war …
Angesichts dieser Lage in der Sowjetzone von einem Tag der Befreiung zu sprechen, ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass nur die Fassade gewechselt hat.«
Die Kommentare zu den neuen Satzungen des FDGB36 werden jetzt in verstärktem Maße mit Hetze gegen den FDGB verbunden. Dazu werden vielfach Zitate aus den früheren Satzungen benutzt, um zu beweisen, dass der FDGB undemokratisch sei. Das kommt z. B. in den folgenden Worten des Sender »Freies Berlin«37 zum Ausdruck:
»Wenn man sich noch einmal daran erinnert, dass in den vorläufigen Satzungen des FDGB aus dem Jahre 1946 das demokratische Mitbestimmungsrecht der Mitglieder oberstes Gesetz sein sollte,38 dann wird deutlich, welche Entwicklung sich hier in den letzten neun Jahren vollzogen hat. Seit 1946 ist der FDGB, wie alle Institutionen und Organisationen in der Sowjetzone, Schritt um Schritt und Zug um Zug sowjetisiert werden. Seine neue Satzung ist nur der Schlussstrich unter eine Entwicklung, die erheblich dazu beigetragen hat, die Gegensätze zwischen den beiden Teilen Deutschlands zu erweitern und zu vertiefen.«
RIAS will anhand der Wahlen zum 3. Bundeskongress des FDGB39 beweisen, dass der Bundesvorstand nicht ordnungsgemäß gewählt wurde und damit auch kein Recht habe, neue Satzungen zu beschließen. Er benutzt dazu verschiedene lügnerische Zahlenmanipulationen. Zum Schluss der Sendung fordert er mit folgenden Worten eine Urabstimmung über die neuen Satzungen:
»Man könnte jetzt den neuen Satzungsentwurf den Mitgliedern des FDGB in den einzelnen Industriegewerkschaften und Gewerkschaften zur Urabstimmung vorlegen. Man brauchte in einer geheimen Abstimmung nur zu fragen: Seid ihr für oder gegen diese neue Satzung? Wenn es rein um politische Fragen und gegen die Pariser Verträge40 geht, ist doch der FDGB sehr stimmungsfreudig. Warum sollte er nicht einmal eine Abstimmung in den eigenen Reihen durchführen können. Dadurch könnte man aller Welt beweisen, dass auch im Jahre 1955 noch das demokratische Mitbestimmungsrecht der Mitglieder oberstes Gesetzt des FDGB ist«.
An anderer Stelle beschäftigte sich RIAS mit einzelnen Abschnitten der neuen Satzung und versucht damit, Diskussionen über bestimmte Fragen auszulösen. Zum Beispiel benutzt er das Wegfallen von Beschwerde- und Schiedskommissionen41 zu der Hetze, dass die »Diktatur der Leitungen noch stärker als bisher auch in den Satzungen verankert« wird.
In den neuen Satzungen würde nur über den Vorteil der Gewerkschaftsmitglieder, den Feriendienst42 in Anspruch nehmen zu können, gesprochen. Das hieße, dass Familienmitglieder künftig davon ausgeschlossen seien. Die Bevorzugung der Kinder von FDGB-Mitgliedern bei Verschickung in Ferienlager sei ungerecht und falsch, da diese Lager aus betrieblichen und nicht aus gewerkschaftlichen Mitteln geschaffen wurden.
Bisher habe das Recht bestanden, Kandidaten bei den Wahlen zu benennen, jetzt dürfte das Mitglied nur wählen oder sich wählen lassen und in den Satzungen sei nicht enthalten, wer die Kandidaten aufstellt.
Das neuste Argument des RIAS gegen die Kampfgruppen ist, sie als »ungesetzlich« zu bezeichnen. RIAS fragt in einer Sendung, wer die Aufstellung von Kampfgruppen beschlossen habe, es gäbe keinen Ministerratsbeschluss, kein Gesetz und keine Verordnung. Bisher sei dazu offiziell noch nicht Stellung genommen worden und deshalb seien die Kampfgruppen »illegale bewaffnete Banden«. Als Auswirkung dessen führt RIAS die Frage an, ob eine Verletzung während der Ausbildung als Betriebsunfall gilt oder nicht. Juristisch sei es keiner.
Zur Beeinflussung der Bevölkerung bringt RIAS mehrere Meldungen aus verschiedenen Bezirken, wonach VP-Angehörige in der Lebensmittelkartenversorgung bevorzugt würden. Dies wird damit begründet, dass z. B. in den Bezirken Schwerin und Gera die VP-Angehörigen jetzt die Lebensmittelkarten von den Dienststellen bekämen und noch Zusatzkarten erhielten.
Gleichzeitig wird gehetzt, dass in vielen Städten der Wohnungsbau wegen Material- und Geldmangel eingestellt wurde, während man die Wohnblocks für die KVP-Angehörigen weiter baue.
RIAS meldet zur Beunruhigung der Oberschüler, dass sie in diesem Jahr nur 18 Tage Urlaub erhielten, und für die übrige Ferienzeit verpflichtet werden sollen, in der Produktion oder Landwirtschaft zu arbeiten, als Helfer an Pionierlagern oder an Kurzlehrgängen der KVP teilzunehmen …
Anlage 2 vom 9. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2448
Auswertung von Hetzschriften
Die Nr. 7/55 der Hetzschrift »Sozialdemokrat«43 des SPD-Ostbüros44 steht anlässlich des 1. Mai ganz im Zeichen der Hetze gegen unsere Volkseigenen Betriebe.
Ziel dieser Hetze ist die Aufputschung gegen unsere Partei und Regierung. Dabei werden sowohl Arbeiter als auch Angestellte und Angehörige der Intelligenz angesprochen, und teilweise konkrete Hinweise zur Widerstandsarbeit gegeben.
An erster Stelle steht ein Artikel über eine »Disziplinarordnung« in den volkseigenen Betrieben, welche das Ziel habe, »durch die Bestrafung von Arbeitern, die angeblich ihren Pflichten nicht nachkommen, die Arbeiterschaft neuen Repressalien auszusetzen«. Sie sei der Beweis, dass unsere Regierung »aus der verfahrenen Situation« keinen Ausweg mehr sieht.
Über den Inhalt dieser »Disziplinarordnung« heißt es, dass die Betriebsleitungen als »Strafmittel die Rüge, den strengen Verweis und die Versetzung auf einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz« haben. Damit habe »die Betriebsleitung jederzeit Mittel in der Hand, Lohnsenkungen unter dem Vorwand eines Verstoßes gegen die Disziplinarordnung durchzuführen«.
Dazu wird weiter gehetzt: »… Der Terror der SED in den Betrieben ist damit perfekt. Jeder Arbeiter ist zum Soldaten des Oberbefehlshabers Ulbricht geworden, gegen dessen Entscheidungen keine Beschwerde möglich ist …«.
Nach der Schilderung, dass diese »neuen Terrorpläne auf die harte Widerstandsfront der Werktätigen stoßen wird«, wird die bereits bekannte Hetze gegen die Kampfgruppen der VEB weiter betrieben, wonach diese gegen die Arbeiter eingesetzt werden sollen.
Zur Beeinflussung der Mitglieder der Kampfgruppen wird jedoch mit den folgenden Worten erklärt, dass sich unsere Partei nicht auf dieselben verlassen könnte:
»Seine (W. Ulbrichts) Arbeiterwehr, mit der er die widerstandleistenden Arbeiter in den Betrieben in Schach halten will, wird in dem Augenblick ein gefährliches Experiment, in dem es ihr nicht nur zu Übergangszwecken, sondern für den Einsatz Waffen in die Hand geben wollte …
Die bereits in den Kampfgruppen zusammengefassten SED-Mitglieder haben nach der offiziellen Verkündung der Erweiterung der KgS45 eindeutig geantwortet, als sie versuchten, der militärischen Ausbildung fernzubleiben …«
Danach erfolgte durch ein Beispiel aus dem Industriewerk Ludwigsfelde die indirekte Aufforderung, den Übungen der Kampfgruppen fernzubleiben.
In einem anderen Artikel werden nach der einleitenden Hetze »Gegenwärtig führ die SED eine ganze Reihe von Maßnahmen durch, durch die die Lage der Arbeiter verschlechtert und auf das Niveau gesenkt wird, das in den Monaten vor dem 17. Juni 1953 üblich war …« Hinweise gegeben, wie die »Arbeiterrechte verteidigt« werden sollen. Dabei wird besonders darauf Bezug genommen, dass gegenwärtig in der DDR »Entlassungen ausgesprochen werden, die in manchen Betrieben Ausmaße annehmen, dass man versucht ist von Aussperrung zu sprechen«. Einmal waren die Anweisungen über den Kündigungsschutz mit den betreffenden Paragrafen zitiert. Zum anderen wird darauf hingewiesen, »die Konfliktkommission auszunutzen«. Dazu heißt es: »… Nach dem Gesetz über die Konfliktkommissionen46 hat der Kläger (in unserem Fall der widerrechtlich und illegal Entlassene oder Ausgesperrte) das Recht, jedes Kommissionsmitglied als befangen abzulehnen ohne diese Ablehnung begründen zu müssen. Das heißt, jeder kann und muss abgelehnt werden …« Um die Arbeiter bei der Verwertung derartiger Hinweise zu bestärken, schließt der Artikel mit den Ausführungen.
»… Auch durch die Ausnutzung solcher legalen Mittel kann dem Ulbricht-Regime Abbruch getan und seiner Willkür Schranken gesetzt werden. Dieser Kampf um die Rechte der Arbeiter ist deshalb ein wesentlicher Beitrag im allgemeinen Kampf unseres Volkes für Einheit, Freiheit und Frieden!«
Zur Beeinflussung der Angehörigen der technischen Intelligenz wird gehetzt, dass sie jetzt die »neuen Opfer des SED-Regimes« werden. Man hätte sie bis jetzt »geschont«, aber jetzt brauche man sie auch als Sündenbock.
Der Sozialdemokrat schreibt dazu: »… Jetzt sind eindeutige Anzeigen vorhanden, dass sich das SED-Regime keinen anderen Rat weiß, als auch Vertreter der technischen Intelligenz unter die Anklage der Sabotage zu stellen. Die Techniker, bisher das Liebkind der SED, müssen jetzt den Opfergang für die totale Unfähigkeit des Regimes antreten …«
Dazu werden dann als Beispiele die Strafverfolgung von Intelligenzlern aus dem VEB EAW »J. W. Stalin« Berlin, dem Industriewerk Ludwigsfelde und dem Edelstahlwerk Döhlen, [Bezirk] Dresden, angeführt.
Die Intelligenzler werden nach diesen Ausführungen, neben dem Hinweis, dass viele Techniker sich als Flüchtlinge in Westberlin melden, wie folgt zur Republikflucht aufgefordert:
»… Die Techniker wissen nur zu gut, dass sie im Deutschen Westen als gesuchte Fachkräfte jederzeit wieder Arbeit finden.«
In der gleichen Hetzschrift wird zur letzten Arbeiterfunktionärkonferenz47 in Leipzig Stellung genommen und nach der Behauptung, dass keinerlei SPD-Mitglieder dort teilgenommen hatten, wird wiederholt die Feststellung getroffen, dass die »SPD jetzt und in aller Zukunft jede Aktionseinheit48 mit der SED ablehnt«.
Mit dem 23. Plenum des ZK der SED49 beschäftigt sich nochmals die Hetzschrift »Der Tag«.50 Die Zielsetzung dieser Tagung wird wie folgt dargestellt:
»Dabei wurde gerade auf dieser Tagung die zumindest für das laufende Jahr Gültigkeit besitzende Politik von Staat und Partei präzisiert. Sie gipfelt in drei Hauptforderungen: 1. Abzweigung aller verfügbaren Haushaltsmittel für Armee und Industrie, 2. generelle Normenerhöhung in der gesamten Zonenindustrie, beginnend im Erzbergbau und 3. Garantierung einer flüssigen KVP Rekrutierung ohne offizielle Verkündung der Wehrpflicht.«
Danach wird nach der Behauptung, dass von den Ausführungen des Genossen Otto Grotewohl51 in unserer Presse »ein unwesentlicher und zum Teil gefälschter Auszug« gebracht worden sei, besonders zur Normenfrage,52 Stellung genommen. Neben den bereits bekannten Argumenten wird die Normenfrage wie nachstehend aufgeführt, charakterisiert:
»… Dies ist eine dem technischen Fortschritt der Betriebe angemessene Normenangleichung, die eine Steigerung des Arbeitssolls bis zu 20 % und eine Senkung der Lohnsumme bis zu 25 % mit sich bringt …«
Nachdem die neuen Normen im Erzbergbau53 generell eingeführt worden seien, soll jetzt »die Wirkung auf die Arbeiterschaft studiert werden, um kurz nach dem Feiertag der Werktätigen in den übrigen Betrieben nachzuziehen …«
Und über die Auswirkungen wird danach gehetzt:
»Nimmt man einen Durchschnitt von 15-prozentiger Erhöhung der Arbeitsleistung und damit verbunden etwa 15- bis 20-prozentigen Verdienstausfall, kann sich jeder Arbeiter – gemessen an dem Defizit seines Betriebes – ausrechnen, was er sich in der Zonenwirtschaft künftig leisten kann.«
Neben den bereits gemeldeten Flugblättern zum 8. Mai verbreitet das SPD-Ostbüro noch ein weiteres unter der Überschrift »Sie werden ihr Ziel in Deutschland nie erreichen«. Darin wird in großem Umfang Hetze gegen die SU als auch gegen die DDR mit der Zielrichtung Hetze gegen Kommunismus getrieben.
Immer wieder wird betont, dass »die deutsche Arbeiterschaft gegen den Kommunismus« sei und dass »mit kommunistischen Methoden die sozialen Probleme unserer Zeit nicht gelöst werden können«.
Die Ursache der Mängel in der Versorgung sei nicht das Wetter und der Verluste in den VEB, nicht die niedrige Norm, sondern »die Sowjetisierungsmethoden in der Wirtschaft, die Zwangsexporte in den Sowjetblock, die hohen Ausgaben für Besatzung, Aufrüstung, SSD, Propaganda, für den gesamten Machtapparat und seine aufgeblähte Verwaltung …«.
Anlage 3 vom 9. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2448
Bericht über die Abendveranstaltungen am 8. Mai 1955
In den Nachmittag- und Abendstunden fanden in fast allen Städten und Gemeinden unserer Republik Kultur-, Sport- und Tanzveranstaltungen statt. Durch die zum größten Teil gut vorbereiteten Veranstaltungen war eine gute Beteiligung und Stimmung zu verzeichnen. Großen Beifall fanden die in verschiedenen Städten aufgetretenen Ensemble der sowjetischen Streitkräfte. Die Bevölkerung bekundete durch ihren starken Beifall und die große Begeisterung ihre Freundschaft zum sowjetischen Volke.
So verliefen die Veranstaltungen seien es die Festsitzungen, Freundschaftstreffen mit der Roten Armee, die Tanzveranstaltungen usw. zum größten Teil in diesem Sinne.
Organisatorische Mängel führten nur in einzelnen Fällen zu vorzeitigem Verlassen der Festveranstaltungen oder zu einer geringen Beteiligung.
Die organisatorischen Mängel lagen vor allem darin, dass die einzelnen Veranstaltungen nicht genügend popularisiert worden waren oder im letzten Moment woanders durchgeführt wurden.
Feindtätigkeit trat, bis auf Flugblattabwurf, Anschmieren von Hetzlosungen usw. nur vereinzelt auf.
So wurden im [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, an der Demarkationslinie54 auf der westlichen Seite ein Reisigfeuer angebrannt und von ca. 150 bis 200 Personen das »Deutschlandlied«55 und andere faschistische Lieder gesungen. Nach ca. 45 Minuten entfernten sich diese Provokateure in Richtung Roßfeld-Roda/Bayern.
Anlage 4 vom 7. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2448
Analyse der Ursachen für die teilweise schlechte Beteiligung am 1. Mai 1955
Im DDR-Maßstab war die Beteiligung an den Demonstrationen und Kundgebungen zum 1. Mai besser als im Vorjahr. Eine Ausnahme machen besonders die Bezirke Potsdam, Gera und Karl-Marx-Stadt sowie einzelne Industriegebiete im Bezirk Halle, einige ländliche Kreise im Bezirk Schwerin, Neubrandenburg und Magdeburg, außerdem noch einzelne Betriebe in Berlin, Suhl und Leipzig.
Als Ursachen für die schlechte Beteiligung in den oben angeführten Bezirken ist erstens und hauptsächlich, dass der 1. Mai ein Sonntag war und die Arbeiter die Meinung vertraten, »wenn wir nicht bezahlt werden, demonstrieren wir nicht.« Als Ursache dafür wurden keine besonderen feindlichen Einflüsse oder Missstimmungen festgestellt.
Zweitens ist eine Ursache, dass in vielen Betrieben die Arbeiter außerhalb wohnen und demzufolge nach Hause gefahren sind, was besonders in der Farbenfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, und im Buna-Werk sowie im Simon-Werk Suhl eine Rolle gespielt hat.
Als dritte Ursache für die schlechte Beteiligung an den Feierlichkeiten des 1. Mai müssen die organisatorischen Mängel angeführt werden. In einigen Kreisen bzw. Gemeinden waren die Vorbereitungen zum 1. Mai schlecht. Wie z. B. in Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wo sich die Kollegen nicht im Klaren waren, ob sie betriebsweise oder in ihrem Wohnort mit demonstrieren sollten.
In den Landkreisen und Dörfern ist die Ursache der schlechten Beteiligung darauf zurückzuführen, dass die Bauern durch die schlechten Witterungsverhältnisse mit der Frühjahrsbestellung in Verzug geraten sind und deshalb am 1. Mai gearbeitet haben.
In den Bezirken Neubrandenburg, Schwerin, Rostock hat es am 1. Mai geregnet, was sich ebenfalls auf die Beteiligung auswirkte.
In einigen Bezirken gibt es außerdem noch andere Ursachen, die aber nur im Bezirksmaßstab eine Rolle spielen.
In Groß-Berlin wurden 14 Betriebe festgestellt, deren Beteiligung gegenüber 1954 um ein Drittel gesunken ist.
GASAG, Wasserwerke, VEB Walzlager und VEB Gießerei und Maschinenfabrik in Lichtenberg. In Lichtenberg wurde noch festgestellt, dass die SPD einen großen Teil Karten für die Waldbühnenveranstaltung verkauft hat.56
VEB Secura, VEB Medizinische Gerätefabrik und VEB Berliner-Aufzugbau, in diesen Betrieben hat sich die Belegschaftszahl verringert.
Im VEB Goldpunkt werden noch als besondere Ursachen Produktionsschwierigkeiten und mangelnde politische Arbeit festgestellt.
Im VEB Fleisch- und Fettwaren gingen die Kollegen nach der verspäteten Auszahlung der Prämien am Morgen des 1. Mai gleich in die Gaststätten.
Aus folgenden Betrieben sind keine besonderen Ursachen bekannt geworden: VEB EAW-J. W. Stalin, VEB Stemag, VEB »7. Oktober«, VEB Lederfabrik »Solidarität« und HO Lebensmittel Bezirk Pankow.
Außerdem war die Beteiligung auch im Berlin Stadtkontor schlechter als 1954, wegen ungenügender Vorbereitung.
Bezirk Karl-Marx-Stadt
Beteiligung | 1955 | 1954 |
|---|---|---|
Freiberg Stadt | 20 000 | 30 000 |
Glauchau Stadt | 5 000 | 12 000 |
Meerane Kreis Glauchau | 4 500 | 10 000 |
Flöha Kreis | 15 000 | 24 000 |
Aue Kreis | 62 000 | 70 000 |
Hohenstein-Ernstthal (Kreis) | 22 000 | 31 500 |
Aus verschiedenen Kreisen wird mitgeteilt, dass besonders die Arbeiter der Privatbetriebe in diesem Jahr nicht so zahlreich erschienen wie 1954. Dies trat besonders in den Kreisen Hohenstein-Ernstthal und Reichenbach in Erscheinung.
In Freiberg trat in Erscheinung, dass die Beteiligten der Bergakademie und der ABF57 geringer war als 1954.
30 % der Studenten waren auf Wochenendurlaub gefahren.
In den einzelnen Betrieben der Stadt Leipzig ist die Beteiligung geringer gewesen.
Beteiligung | 1955 | 1954 |
|---|---|---|
VEB Metallgusswerk | 500 | 1 100 |
VEB Kugellagerfabrik | 600 | 1 000 |
VEB Baumwollspinnerei | 1 200 | 2 300 |
VEB Mitteldeutsche Kammgarnspinnerei | 700 | 1 200 |
VEB Leipziger Verkehrsbetriebe | 1 500 | 2 500 |
Im VEB Kugellagerfabrik ist die Ursache der schlechten Beteiligung die mangelhafte Partei- und Gewerkschaftsarbeit im Betrieb.
In den anderen oben angeführten Betrieben sind sehr viele Frauen beschäftigt, ein großer Teil mussten die Kinder von den Wochenheimen holen, andere zogen vor, ihre häuslichen Arbeiten am 1. Mai zu machen.
Im VEB Leipziger Verkehrsbetriebe kommt noch hinzu, dass dort eine SPD-Konzentration besteht.
Ursprünglich wurde gemeldet, dass die Beteiligung in den Kreisen Borna und Döbeln geringer geworden sei. Dies ist auf die unrealen Zahlen von 1954 zurückzuführen. Tatsächlich hatte aber die Beteiligung den gleichen Umfang wie 1954.
Bezirk Halle
Beteiligung: | 1955 | 1954 |
|---|---|---|
Buna-Werk | 7 000 | 10 000 |
Film- und Farbenfabrik Wolfen | 10 000 | 20 000 |
Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld | 20 000 | 30 000 |
Als Ursachen für die schlechte Beteiligung treffen die beiden erstgenannten Gründe in der Einschätzung zu.
Bei der schlechten Beteiligung in der Film- und Farbenfabrik Wolfen und dem Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld wird angenommen, dass sich ein Teil dieser Arbeiter in Halle und Merseburg an der Demonstration beteiligt haben, weil ein großer Teil dort wohnhaft ist.
Bezirk Potsdam
Die in der Einschätzung angeführten Ursachen treffen alle für die schlechte Beteiligung im gesamten Bezirk zu.
In der Stadt Potsdam selbst war noch zu verzeichnen, dass verschiedene Marschblöcke bis zu zwei Stunden warten mussten, aufgrund dessen gingen viele Demonstranten nach Hause, bzw. in die Gaststätten.
In der Stadt Luckenwalde beteiligten sich 1955 1 300 Personen weniger als im Vorjahr.
Als Ursache wird angegeben, dass der Aufmarschplatz mitten in die Stadt verlegt wurde und aus diesem Grunde traten bei der Demonstration verschiedene organisatorische Mängel auf, wodurch viele Personen wieder gingen.
Bezirk Gera
Zu bemerken ist, dass in diesem Bezirk die Teilnehmerzahlen von 1954 unreal waren. Obgleich die Beteiligung gegenüber 1954 im gesamten Bezirk schlechter ist.
In den Kreisstädten Stadtroda, Zeulenroda und Schleiz trat ein vorzeitiges Verlassen der Kundgebungen in Erscheinung. So verließen z. B. in Stadtroda ca. 30 % vorzeitig die Kundgebung; auch die noch Anwesenden hörten nicht den Referenten zu. In Zeulenroda und Schleiz war es ähnlich.
Bezirk Suhl
Aus den Schwerpunktbetrieben des Kreises Suhl wird uns bekannt, dass ein großer Teil der Kollegen nicht zur Kundgebung erschienen waren, weil der größte Teil der Belegschaften in den umliegenden Orten von Suhl wohnt.
So beteiligten sich z. B. vom VEB Simsonwerk Suhl nur 1 400 bei einer Belegschaftsstärke von 3 400.
Vom VEB »Ernst-Thälmann«-Werk58 Suhl nahmen nur 750 an der Demonstration teil, bei einer Belegschaftsstärke von 3 700.
Anlage 5 vom 10. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2448
Bericht über den Besuch der sowjetischen Regierungsdelegation in den Leuna-Werken am 9.5.1955
Besondere Freude herrschte über den Besuch des Marschalls der Sowjetunion Schukow59 in der Niederdruck-Abteilung.60 Die dort beschäftigten Arbeiter waren erstaunt, dass der Genosse Schukow so einfach und so schlicht mit mehreren Kollegen sprach und dass er so großes Interesse für die Arbeitsbedingungen und ihre persönlichen Belange zeigte. In der ganzen Abteilung wurde freudig über dieses Ereignis diskutiert.
Im Bau 103 (Energiebetrieb) war den Kollegen das Erscheinen der sowjetischen Regierungsdelegation nicht bekannt. Dieser plötzliche Besuch wurde freudig begrüßt und es wurde bedauert, dass die Genossen mit dem Auto durch das Werk gefahren sind und sie sie deshalb nicht gesehen haben.
Tief beeindruckt waren die Kollegen im Bau 24, als Marschall Schukow einer dort beschäftigten Reinemachefrau einen Strauß Tulpen überreichte.61
Im Bau 281 sprach der Genosse Schukow mit einem parteilosen Kollegen. Über seinen Eindruck äußerte der Betreffende:
»Der Eindruck, den Marschall Schukow auf mich machte, war großartig. Kurz gesagt sehr gut und zwar deshalb, weil er sich mir vorstellte, nach meinen persönlichen Belangen fragte, und mich auch als Mensch betrachtete. Ich bin schon 25 Jahre im Betrieb und wenn ich mich an frühere Besuche erinnere, so muss ich sagen, dass sich da keiner uns Arbeitern vorgestellt und mit uns gesprochen hat. Da ging alles stur zu.«62
Ähnlich äußerte sich im gleichen Bau auch ein anderer parteiloser Schlosser.
Abschließend kann gesagt werden, dass der Besuch der sowjetischen Regierungsdelegation mit dem Genossen Marschall Schukow an der Spitze, in den Leuna-Werken freudig und mit Begeisterung aufgenommen wurde. Besonders beeindruckt waren die Beschäftigten von dem Auftreten des Genossen Schukow.
Anlage 6 vom 10. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2448
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 6.5. bis 9.5.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt.
SPD-Ostbüro:63
- –
Berlin größere Mengen;
- –
Neubrandenburg 2 000;
- –
Dresden: Kreis Niesky 60, Kreis Freital 72;
- –
Erfurt: Kreis Gotha 1 500, Erfurt Land mehrere Tausend, Kreis Eisenach 2 000, Kreis Sömmerda 8 000;
- –
Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Plauen, Marienberg, Zwickau, Reichenberg und Rochlitz 10 900, Karl-Marx-Stadt »W«64 einige;
- –
Leipzig: Kreis Schmölln 120, Kreis Döbeln 120;
- –
Cottbus 1 500;
- –
Halle: Kreis Bernburg 43, Kreis Nebra 10, Saalkreis 1 000, Kreis Eisleben 35, Kreis Merseburg 36, Kreis Köthen 35, Kreis Sangerhausen 300;
- –
Suhl: Kreis Ilmenau 350, Kreis Bad Salzungen 1 100;
- –
Rostock: Kreis Grevesmühlen 15;
- –
Frankfurt/Oder 10 000: Kreis Angermünde und Bernau 30 200, Kreis Selchow 2 000, Kreis Beeskow;
- –
Magdeburg: Kreis Stendal 10 000;
- –
Schwerin: Kreis Parchim 2 200, Kreis Lübz 500;
- –
Gera: Kreis Eisenberg 28.
NTS:65
- –
Berlin größere Mengen;
- –
Dresden: Kreis Zittau und Görlitz 55, Kreis Kamenz 125, Kreis Großenhain 120, Kreis Freital 40;
- –
Potsdam: Kreis Rathenow 2 000;
- –
Karl-Marx-Stadt 2 000: Kreis Marienberg 290; Kreis Flöha 90, Kreis Zwickau 7, Oberschlema einige (Hetze gegen den 8. Mai);
- –
Halle: Kreis Bernburg 8;
- –
Frankfurt/Oder 4 850;
- –
Schwerin: Kreis Bützow 1 000, Kreis Lübz 500.
ZOPE:66
- –
Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Zwickau, Stollberg, Klingenthal, Rochlitz und Zschopau 7 000, Kreis Freiberg 30.
In tschechischer Sprache:
- –
Dresden: in den Kreisen Bautzen und Zittau 370, Kreis Bischofswerda 15.
»Freie Junge Welt«67
- –
Rostock: Kreis Grevesmühlen 20;
- –
Dresden: Kreis Freital einige;
- –
Erfurt: Kreis Gotha einige;
- –
Potsdam: Kreis Oranienburg einige;
- –
Schwerin: Kreis Güstrow und Sternberg 720.
KgU:68
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Auerbach 5 000;
- –
Halle 120: Kreis Hohenmölsen 400;
- –
Rostock einige;
- –
Frankfurt 3 000.
Ostbüro der CDU:69
- –
Magdeburg 320.
FDP-Ostbüro:70
- –
Berlin einige.
Die Hetzschriften beinhalten größtenteils Hetze gegen die KVP-Werbung, Hetze gegen den 1. und 8. Mai, sowie Hetze gegen die SU.
Am 5.5.1955, gegen 21.00 Uhr, wurde bei einem VP-Hauptwachtmeister in Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, ein Bügeleisen von der Straße aus in die Küche geworfen. Es handelt sich hier um ein altes Bolzeneisen, welches die Scheibe einschlug, ein Loch in die Wand bohrte, aber keinen Sachschaden anrichtete.
Am 27.4.1955 wurde ein Stein in die Küche desselben VP-Angehörigen geworfen.
Gegen 21.15 Uhr wurde ein gleiches Bügeleisen bei einer Familie, ebenfalls wohnhaft in Luckau, in die Stube geworfen.
Der Geschädigte sah zwei Personen auf Rädern vorbeifahren, welche das Bügeleisen geworfen haben.
Am 5.5.1955 erhielt der 2. Parteisekretär der Gemeinde Vogelsberg, [Kreis] Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, einen Drohbrief aus Westdeutschland, worin er aufgefordert wird, die DDR zu verlassen. Absender des Briefes: [Vorname, Name], Niederlembach.
Antidemokratische Tätigkeit
In der Gemeinde Nossentiner Hütte, [Kreis] Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde in der Nacht zum 9.5.[1955] von vier Gräbern sowjetischer Soldaten die Kränze weggenommen und die Schleifen abgerissen. Die Kränze wurden dann vor einem Denkmal vom ersten Weltkrieg gefunden.
Am 8.5.1955, gegen 2.00 Uhr, wurde der Schaukasten der LDPD in Königsbrück, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, eingeschlagen.
In der Gemeinde Döberitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wurde folgende Hetzlosung von bisher unbekannten Tätern auf die Tür eines kircheneigenen Gebäudes geschmiert: »Schwarzes Brot71 und dünnes Bier,72 die Hungernot steht vor der Tür.«
In der Gemeinde Spitzkunnersdorf, [Bezirk] Dresden, wurde an der Anschlagtafel beim Gasthof ein Zettel mit folgendem Inhalt gefunden: »Werft die Amis und die Russen aus Deutschland raus – Deutsche seid einig.«
Auf dem Kleinbauernhof in Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, wurde in der Nacht vom 6. zum 7. Mai [1955] mit roter Farbe die Losung »Es lebe der 17.6.1953« angeschmiert. Die Täter sind noch nicht bekannt.
In der Gemeinde Kerkau, [Bezirk] Magdeburg, wurde in der Nacht an einer Mauer ein Plakat (Bildnis von Molotow)73 abgerissen. Ein zweites Plakat (Bildnis von Bulganin)74 wurde zerstört, indem das Gesicht Bulganins ausgeschnitten wurde. Die Täter sind nicht bekannt.
In der Nacht zum 6.5.1955 wurde in der Gemeinde Eggesin, [Kreis] Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, am Stalinplatz75 eine schwarz-rot-goldene Fahne mit Fahnenstange heruntergerissen. Die Fahne wurde in der Mitte zerrissen. Täter unbekannt.
Von unbekannten Tätern wurde am 9.5.1955, in der Zeit von 1.00 Uhr bis 2.45 Uhr, zwei Fahnen vom HO-Kaufhaus76 Apolda, [Bezirk] Erfurt, heruntergerissen und entwendet.
In der Gemeinde Walzleben, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wurden von unbekannten Tätern vier Fensterscheiben der Grundschule sowie eine Fensterscheibe eines Genossen mit Steinen eingeschlagen.
In der Nacht des 4.5.1955 wurde eine Fensterscheibe des Arbeitszimmers des Sekretärs der FDJ-Kreisleitung Görlitz (Dresden) eingeworfen.
Gerüchte
In Rangsdorf, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, wurde das Gerücht verbreitet, dass unser Geld bald seine Gültigkeit verliert, da in Kürze eine Inflation in der DDR erfolgen würde.
In der Stadt Storkow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wird seit dem 7.5.1955 ein Gerücht verbreitet, dass der Schwiegersohn des Genossen Wilhelm Pieck republikflüchtig ist.