Zur Beurteilung der Situation in der DDR
13. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2449 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Noch immer werden in den Betrieben die Diskussionen von den Verteidigungsmaßnahmen,1 besonders von der KVP-Werbung2 und der Stärkung der Kampfgruppen3 bestimmt. Außer der VIII. Friedensfahrt4 finden andere aktuelle Probleme keine größere Beachtung.
Zum Beispiel sind die Stellungnahmen zur Warschauer Konferenz5 sowie zu den neuesten sowjetischen Abrüstungsvorschlägen6 noch gering, aber ausschließlich positiv.7 In einer Reihe von Betrieben wurde durch den Betriebsfunk zwar zu diesen Problemen Stellung genommen, aber bis jetzt fehlt noch der Einsatz der Agitationsgruppen, sodass noch keine größeren Diskussionen ausgelöst wurden.
In den bekannt gewordenen Äußerungen zur Warschauer Konferenz kommt zum Ausdruck, dass mit Spannung den Beschlüssen entgegen gesehen wird, die aufgrund der Ratifizierung der Pariser Verträge8 als notwendig erachtet werden.
Ein parteiloser Apparatefahrer aus dem Bau 18 des Buna-Werkes erklärte zur Warschauer Konferenz: »Ich hoffe, dass auf der Konferenz eine Einigung über einheitliche Kampfführung zustande kommt, damit wir den kapitalistischen Staaten unsere Stärke zeigen können.«
Die Kollegen einer Brigade im Kombinat Gölzau, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, äußerten sich: »Man sollte dort Beschlüsse fassen, um eine größere Sicherheit der einzelnen Volksdemokratien in Bezug auf die Streitkräfte zu haben, damit es den Imperialisten kalt wird und vergeht, eine Aggression gegen die Arbeiter zu führen. Wir lassen es nicht zu und werden auch unsere Regierung diesbezüglich unterstützen, wenn die Imperialisten es versuchen sollten, unsere junge Arbeiter-und-Bauern-Macht anzugreifen.«
Ein Lokführer aus Neustadt, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, sagte: »Mit großer Befriedigung stellte ich fest, dass die Zusammenkunft der demokratischen Länder in Warschau stattfindet. Ich hoffe, dass dort Beschlüsse gefasst werden, die der Kriegspolitik der Imperialisten Einhalt gebieten.«
Ein Ingenieur vom VEB Galvanotechnik in Leipzig erklärte: »Wenn die Westmächte in Paris die Verträge nicht abgeschlossen und unterzeichnet hätten,9 so wären wir heute nicht gezwungen, in Warschau mit allen demokratischen Völkern eine Konferenz für unsere Sicherheit durchzuführen. Ich erkenne, dass wir diese Maßnahme durchführen müssen.«
Die Arbeiter im VEB Waggonbau Gotha sind verärgert, weil sie durch Arbeitsmangel nur 90 % des Arbeitslohnes für Wartezeit erhalten. In diesem Zusammenhang diskutieren sie über die Konferenz in Warschau und sind der Meinung, dass nach Beendigung der Konferenz die Rüstungsproduktion anlaufen wird und dann wäre genügend Arbeit vorhanden.
Zum anderen wird zu den neuesten sowjetischen Abrüstungsvorschlägen gesagt, dass diese Vorschläge eine Garantie für den Frieden bieten und dass die Westmächte gezwungen werden müssten, darauf einzugehen.
Ein Obermeister der Kopfstation des Kunstseidenwerkes Premnitz, [Bezirk] Potsdam, äußerte: »Das ist ein wirklich großes Angebot der Sowjetunion. Die Westmächte müssen es annehmen, wenn sie wirklich für den Frieden und für die allgemeine Abrüstung sind.«
Ein Meister aus der Spinnerei des gleichen Betriebes erklärte: »Die Westmächte können nicht mehr ausweichen. Wenn sie es doch tun, entlarven sie sich selbst. Wir dürfen die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges nicht vergessen, denn die Pariser Verträge werden neue bringen.«
Ein Genosse unserer Partei aus dem Porzellanwerk Neuhaus-Schiernitz, [Bezirk] Suhl, sagte: »Wenn man diese Vorschläge genau untersucht und man sich Gedanken macht, kann jeder sehen, wie sich die SU für den Frieden einsetzt und annehmbare Vorschläge zur Festigung des Weltfriedenslagers bringt. Nur so, auf dieser Grundlage kann den Menschen der Frieden erhalten bleiben. Es ist nur dringend nötig, die Westmächte zu zwingen, auch diese Vorschläge anzunehmen.«
Weiterhin nehmen die Diskussionen über die Verteidigungsmaßnahmen, besonders die KVP-Werbung sowie die Stärkung der Kampfgruppen einen größeren Raum ein.
In den Betrieben, wo Aufklärung und Werbung gut durchgeführt werden, bleiben die Erfolge nicht aus.
Zum Beispiel nimmt die Werbung im Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, einen guten Verlauf. Das Werbesoll wurde bisher mit 51 % erfüllt.10
Im VEB Porzellanwerk Kloster Veilsdorf, [Bezirk] Suhl11 meldeten sich in der vergangenen Woche 14 Jugendliche zur KVP.12 Einige Kollegen dieses Betriebes verpflichteten sich aus diesem Anlass, ihre Arbeitsleistungen zu erhöhen und die Selbstkosten zu senken.
Im VEB »Hermann Matern« Roßwein,13 [Bezirk] Leipzig, haben sich bisher 25 Genossen und Jugendliche für den Eintritt in die KVP bereit erklärt.14
Nach dem Stand vom 3.5.1955 erklärten sich im gesamten Wismut-Gebiet15 bisher 300 Genossen und 574 FDJler bereit, zur KVP zu gehen.16
Im Wismut-Schacht 4 – Oberschlema – stellte sich die Grundorganisation die Aufgabe, bis zum 3.5.1955 20 Jugendliche für die KVP zu werben. Es wurden 20 Genossen beauftragt, diesbezügliche Aussprachen mit je einem Jugendlichen zu führen. Es gelang, alle 20 Jugendliche für den Beitritt in die KVP zu gewinnen.
Trotz der teilweise guten Erfolge in der KVP-Werbung sowie auch bei der Verstärkung der Kampfgruppen und der GST, darf die Ablehnung eines erheblichen Teils FDJler, Genossen und Parteilosen nicht unterschätzt werden. Bekanntlich sind die Gründe vor allem pazifistische Ansichten und persönliche Interessen.
Von den Jugendlichen wird immer vorgegeben, dass sie ihre persönliche Freiheit nicht aufgeben wollen, berufliche Interessen in den Vordergrund stellen oder mit dem Argument kommen: »Freiwillig gehen wir nicht, nur wenn die Wehrpflicht eingeführt wird, weil wir dann nicht anders können.«
Zum anderen liegt mitunter der schlechte Erfolg der Werbungen auch an der Arbeit der Werbekommissionen, die nicht immer in der richtigen Art und Weise mit den Jugendlichen sprechen.
Dies war z. B. auch auf der Neptunwerft in Rostock der Fall. Aus dem Grunde wurde am 10.5.[1955] seitens der Werftleitung und den einzelnen Leitern der Werkstätten sowie mit den Brigadieren eine Besprechung durchgeführt. Es wurde dabei festgestellt, dass die eingesetzten Werbekommissionen den Werkern unbekannt waren und deshalb nicht den richtigen Kontakt fanden. Aus diesem Grunde wurde vereinbart, dass künftig die besten Brigadiere in ihren Brigaden die Werbung durchführen.
Was auch nicht ohne Auswirkung bleibt, ist das ablehnende Verhalten von Genossen oder FDJlern, die sich die Parteilosen dann zum »Vorbild« nehmen.
Zum Beispiel sieht es in der Fertigungsstätte des VEB Zeiss Saalfeld mit der KVP-Werbung sehr schlecht aus. Als hauptsächlichste Ursache wird angegeben, dass der Sohn des hauptamtlichen Parteisekretärs sich sträubt, zur KVP zu gehen und dass sich die anderen Jugendlichen ein »Beispiel« an ihm nehmen.
Der gleiche Fall ist auch in den Eisenerzgruben Wittmansgereuth, [Kreis] Saalfeld, zu verzeichnen.
Zum anderen gibt es vereinzelt Beispiele dafür, wo ein offensichtlich gegnerischer Einfluss zu verzeichnen ist.
Zum Beispiel zeigt sich im VEB Teppichwerk Münchenhermsdorf, [Bezirk] Gera, eine besonders starke Ablehnung unter den Jugendlichen, was auf einen gegnerischen Einfluss beruht. Einige Jugendliche drohten aus der FDJ auszutreten und einer warf dem FDJ-Sekretär sein Dokument vor die Füße.
Darüber hinaus weigerte sich eine Jugendbrigade, eine Sonderschicht zu Ehren der V. Weltfestspiele17 zu fahren.
Auch im Walzwerk Hettstedt, [Bezirk] Halle, zeigt sich der Einfluss des Klassengegners. Zum Beispiel herrscht im Labor die Meinung vor: Wenn es mit der Werbung so weiterginge, wollten sie nach dem Westen abhauen.
Im VEB Junkalor Dessau18 setzten sich bereits zwei Jugendliche, die von der Werbekommission angesprochen worden waren, nach dem Westen ab.
Abschließend kann gesagt werden, dass größere Erfolge nicht ausbleiben, wenn Agitation und Aufklärung noch verbessert und verstärkt werden, da es sich nur im geringen Maße um direkt feindliche Argumente und mehrfach um pazifistische Tendenzen und in den Vordergrund gestellte persönliche Belange bei den ablehnenden Stellungnahmen handelt.
Verschiedentlich geben Veränderungen in der Lohnzahlung sowie die Prämienauszahlung19 Anlass zu negativen Stimmungen in den Betrieben.
Zum Beispiel erhielten die Verwaltungsangestellten und leitenden Funktionäre (außer BGL-Vorsitzenden und dem Parteisekretär) in den Vereinigten Hut-Werken20 in Guben, [Bezirk] Cottbus, am 11.5.1955 Quartalsprämien in Höhe von DM 600 bis DM 1 200 – ausgezahlt.
Darüber sind die Kollegen in der Produktion verärgert und vor allem deshalb, weil im I. Quartal 1955 ein Wettbewerb lief, bei dem 154 Kollegen mit Prämien in Höhe von nur DM 12,50–DM 40,00 ausgezeichnet wurden.
Es wurden Diskussionen geführt wie z. B.: »Wir sehen die Notwendigkeit ein, dass Prämien an die leitenden Angestellten gezahlt werden, aber wir verstehen diese großen Unterschiede nicht. So etwas dürfte es in einem Arbeiterstaat nicht geben.«
Die Stimmung in den einzelnen Werken ist nicht gut. Am 11.5.1955 wurde in der Abt. Zieherei wenig gearbeitet und während der Arbeitszeit wurde Alkohol getrunken. In anderen Abteilungen wurde das Lied gesungen: »Wir tragen unser Schicksal mit Geduld …«21
Im Braunkohlenwerk Profen, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, herrscht unter den Kumpeln Unzufriedenheit, weil ab 1.4.1955 verschiedene Arbeiter in der Grube Zeitlohn anstatt Leistungslohn erhielten. Da im April bereits Abschlag auf Leistungslohn gezahlt wurde, bekamen die Betroffenen bei der Restzahlung nicht viel ausgezahlt. Davon sind vor allem die Dampflokfahrer, Weichensteller u. a. betroffen. Die Dampflokfahrer äußerten, dass sie ihre Mitgliedbücher hinwerfen wollten, wenn ihnen die BGL oder die BPO nicht hilft.
In den Diskussionen wurde zum Ausdruck gebracht, dass man bei den hohen Gehältern abbauen sollte, um den Arbeitern mehr geben zu können. »Im Westen streiken die Arbeiter, aber hier werden die Löhne auch abgebaut.«
Im Vordergrund der betrieblichen Mängel stehen die Materialschwierigkeiten, die in einer Reihe von Betrieben der verschiedensten Industriezweige immer wieder eine Rolle spielen. Sie behindern insofern den planmäßigen Produktionsablauf, dass Abteilungen stillgelegt, Wartestunden geschrieben und die Quartalspläne nicht erfüllt werden.
Außer den Materialschwierigkeiten kommen aus verschiedenen Betrieben wiederholt Klagen über Materiallieferungen schlechter Qualität und über Auftragsmangel.
Die Werktätigen der Betriebe befassen sich vielfach in ihren Gesprächen mit diesen betrieblichen Mängeln und bringen zum Ausdruck, dass dadurch die Rentabilität der Betriebe nicht erreicht werden kann. Zum anderen lösen diese Verhältnisse auch Verärgerung unter denjenigen aus, die Wartestunden schreiben müssen und dadurch weniger verdienen.
Im VEB Kabelwerk Köpenick/Berlin fehlt es an Kupfer. Dadurch treten Stockungen im Arbeitsablauf der Gummimischerei ein. Die Arbeiter müssen Wartestunden schreiben und schimpfen, weil sie dadurch Lohnausfall haben. Es werden Diskussionen geführt, dass es von Jahr zu Jahr schlechter würde. Ein Genosse sagte: »Früher habe ich den Arbeitern immer gesagt, dass wir 1955 einen nie gekannten Lebensstandard erreichen werden.22 Heute sieht es aber so aus, als würde es immer schlechter statt besser.«
Unter anderem fehlt: im VEB – EAW – Thale/Halle (Borax),23 im VEB Kreisbauhof Hagenow, [Bezirk] Schwerin, (Rundstahl), VEB Tuchfabrik Parchim (Kammgarn), VEB Flachsspinnerei Heinitz, [Kreis] Bautzen, (Rohstoffe), Plattenwerk Gröningen, [Kreis] Oschersleben, (Rohstoffe), VEB Zellstoff Trebsen, [Bezirk] Leipzig, (Rohstoffe 950 t), VEB Ölwerke Wittenberge, [Kreis] Schwerin, (Rohstoffe) und VEB Mühlenwerke Parchim, [Bezirk] Schwerin, (für das II. Quartal 235 t Weizen).
Im VVB Kraftverkehr Karl-Marx-Stadt besteht ein ernster Mangel an Bereifung (fünf Kraftomnibusse bereits ausgefallen) und an Kraftstoff (das Kontingent für das III. Quartal bereits angegriffen.)
Im VEB Elektromotorenwerk Oschersleben,24 [Bezirk] Magdeburg, weisen neuangelieferte Maschinen erhebliche Fertigungsfehler auf und müssen schon nach kurzer Zeit in Reparatur gegeben werden. Lieferbetriebe: Magdeburger Werkzeugmaschinenfabrik und VEB Blechbearbeitungswerk Zeulenroda.
Das Textilveredlungswerk in Greiz, [Bezirk] Gera, erhielt große Mengen Rohstoffe schlechter Qualität. Lieferbetriebe: Die Kammgarnspinnereien in Artmannsdorf und Karl-Marx-Stadt, sowie das Kunstseidenwerk Premnitz.
Der VEB Waggonbau Görlitz lieferte elf dreiteilige Triebwagenzüge nach Volkspolen, die alle nicht in Betrieb genommen werden können. Dies liegt an der elektrischen Ausrüstung, die vom LEW Hennigsdorf montiert wurde.
Über Auftragsmangel klagt der VEB Zemag Zeitz,25 [Bezirk] Halle, (es fehlen für das Jahr 1955 noch für 9 Mio. Aufträge) und VEB Stahlwerk Riesa (in der Abt. Stahlformgießerei ist fast keine Arbeit mehr vorhanden).
Produktionsstörungen
Am 7.5.[1955], 21.55 Uhr, explodierte die 3-MW-Turbine im Heizkraftwerk Halle. Ursache: Bei Durchführen einer Schnellschlussprobe versagte das Schnellschlussventil infolge starker Versalzung der Maschine. Hinzu kamen noch andere Momente. Schaden: ca. 1,5 Mio. DM.
Am 11.5.[1955] um 8.18 Uhr, musste im Kraftwerk Trattendorf eine Turbine infolge Steuerungskuppelschaden angehalten werden. Ermittlungen werden noch geführt.
Am 11.5.[1955] fiel durch Bandriss am Bagger II die Förderbrücke im Kombinat Espenhain aus. Produktionsausfall entstand keiner.
Am 9.5.[1955] um 19.35 Uhr, fiel im Kraftwerk Erfurt ein Turbogenerator aus. Ursache: Vermutlich durch einen Konstruktionsfehler. Schaden: ca. 400 000 DM.
Am 12.5.[1955] fiel im VEB Elektrochemie Hirschfelde, [Kreis] Zittau, der Ofen 4 wegen Kabelschluss an der Zuführung der 30 KV-Freileitung im Kraftwerk Hirschfelde aus. Ausfall: täglich 70 bis 80 t Karbid.
Am 9.5.[1955], um 7.43 Uhr, war das gesamte Stahl- und Walzwerk Brandenburg ohne Strom. Ursache: Unsachgemäße Bedienung der Schaltvorrichtung durch den verantwortlichen Schaltwärter. Schaden: ca. 45 t Stahlverlust sowie am Generator 14 und 18 eine Verpuffung.
Am 11.5.[1955], gegen 1.00 Uhr, geriet der Wollschuppen des Privatbetriebes Wollreißerei Klemm in Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, aus bisher unbekannten Gründen in Brand. In diesem Schuppen befanden sich ca. 12 000 kg Wolle. Der bisher festgestellte Schaden beträgt ca. 20 000 DM.
Am 9.5.[1955], gegen 15.00 Uhr, brach im VEB Quarz-Porphyrwerk Collmen26 bei Böhlitz,27 [Bezirk] Leipzig, ein Großbrand aus, der das gesamte Werk lahmlegte. Ursache noch nicht bekannt. Sachschaden: 350 000 DM. Täglicher Produktionsausfall ca. 2 600 DM.
In der Nacht zum 11.5.[1955] wurde im VEB Kabelwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, bei der Isolierung des Bleischwachstromkabels bemerkt, dass sich in diesem Kabel zwei eingeschnittene Stellen befanden. Größerer Schaden konnte verhindert werden.
In den Deutschen Solvay-Werken28 Westeregeln, [Kreis] Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, wurde am 10.5.[1955] die Hetzlosung »Nieder mit der KPD und SED, rüstet zum Streik« sowie ein Hakenkreuz in einer Männertoilette angeschmiert.
Im VEB Zeiss Jena, [Bezirk] Gera, wurden Zettel mit hetzerischen Gedichten und mit Mordhetze gegen Funktionäre verteilt. (Täter bekannt)29
Im VEB Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen, [Bezirk] Leipzig30 sind folgende Gerüchte in Umlauf: »Die USA-Besatzung wird sofort abrücken, wenn die Wehrmacht in Westdeutschland aufgebaut ist.«
»Die USA mache der SU das Angebot, eine Abstimmung in der DDR über die Oder-Neiße31 durchzuführen. Danach werden alle Besatzungstruppen sofort abgezogen, wobei der SU das Uran-Gebiet in der DDR garantiert wird.«32
Versorgung der Bevölkerung
Durch die geringe Lagerfähigkeit der neuen Buttersorte33 zum Preis von DM 4,60 treten jetzt verschiedentlich Schwierigkeiten auf. Die Butter wird bereits nach einigen Tagen unansehnlich und wird von den Verbrauchern beanstandet.
So wurde z. B. vom Fettauslieferungslager des Großhandelskontors34 Güstrow, [Bezirk] Schwerin, die geringe Lagerfähigkeit der Tafelbutter festgestellt. Die Butter die das Großhandelskontor von der Molkerei Krakow erhalten hatte, weist bereits zehn Tage nach der Produktion schwarze Flecke auf.
Auch in den HO-Geschäften35 des Kreises Sebnitz, [Bezirk] Dresden, weist die Butter zu 4,60 DM schon nach acht Tagen eine blaue Färbung auf und wird von der Bevölkerung nicht gekauft.
Verschiedentlich beschweren sich HO- und Konsumverkäuferinnen und vor allem auch die Bevölkerung über die schlechte Belieferung der HO und Konsum-Geschäfte36 mit Frischgemüse. Zum Teil zeigt sich dabei auch, dass die Privathändler Frischgemüse öfter und in besserer Qualität anbieten.
Auch wird von den Hausfrauen oft über die hohen Preise des frischen Gemüses geklagt.
So beanstanden z. B. Hausfrauen in Berlin die Preise für Kohlrabi. Sie können es nicht verstehen, dass eine Kohlrabiknolle bis zu DM 0,90 kostet.
Bei der DHZ37 Lacke und Farben, Niederlassung Spindlersfeld/Berlin lagert etwa 90 t hochwertiger Fensterkitt, der in Pappbehälter verpackt und deshalb von den Malern, Glasern usw. nicht abgenommen wird. Diese beziehen den Kitt von einer Privatfirma, die ihn in Blechbehältern verpackt.
In einzelnen Verkaufsstellen der KG Weißenfels, [Bezirk] Halle, waren Listen ausgelegt, wo die Bevölkerung ihre Unterschrift für oder gegen die neuen Ladenöffnungszeiten38 (bis 19 Uhr) geben konnte. Der Vorstand der KG konnte keine Auskunft darüber geben, auf wessen Anweisung diese Listen ausgelegt wurden. Die Listen wurden sofort eingezogen.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die Unterschriftensammlung für den Wiener Appell39 hat bis jetzt unter der Landbevölkerung gute Fortschritte gemacht. In vielen Orten wurde diese bereits schon mit 100 % abgeschlossen. Trotz der vielen positiven Beispiele, wo bereitwillig die Unterschrift gegeben wurde, gibt es aber immer wieder Personen, die ihre Unterschrift unter den Appell verweigern. Das sind vorwiegend Personen aus Kirchenkreisen, ehemalige NSDAP-Mitglieder usw.
Ihre Argumente sind solcher Art, dass sie sich aus persönlichen Gründen weigern, besonders die Großbauern,40 die die Ansicht vertreten, von unserem Staat benachteiligt zu werden und bei der Sollablieferung zu hoch veranlagt seien.
Unter den Kirchenanhängern taucht für die Ablehnung der Unterschrift besonders die Begründung auf, dass dies eine rein politische, bzw. kommunistische »Angelegenheit« sei, die diese Sache deswegen nichts angehe und sie außerdem von »oben« keine Anweisung erhalten hätten, wie sie sich in dieser Angelegenheit zu verhalten haben.
Die Unterschriftenverweigerung, die auf feindlicher Einstellung beruht, wird damit begründet, dass die Atombombe besser sei als das, was man in der DDR geschaffen hätte, wo die Arbeiter nichts zu sagen hätten und nur die SED reden darf.
Dazu äußerte sich z. B. ein Bürger aus der Gemeinde Ludwigsburg, [Kreis] Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg: »Die Arbeiter und Werktätigen haben doch nichts zu sagen. Der Beweis wurde am 17. Juni41 erbracht, wo sie das Joch abschütteln wollten aber dies wurde in den Straßenstaub getreten und zu reden haben nur die, die in der SED sind.«
Ein Mittelbauer aus Naitschau, [Kreis] Greiz, [Bezirk] Gera: »Geht mir weg mit diesem Spittel und macht mir nichts vor. Lieber heute als Morgen durch die Atombombe kaputtgehen. Was habt Ihr denn schon fertiggebracht? Nur das, dass die Jugend nicht mehr arbeiten will. Ich unterschreibe nicht.«
Ein Kollege des Betriebsschutzes der MTS-Spezialwerkstatt Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, zerriss die Liste, wo die Unterschriften für den Wiener Appell gesammelt wurden.
Verschiedentlich wird argumentiert, dass die Unterschriftensammlung für das Verbot der Atomwaffen nicht genügen würde und man Unterschriften für das Verbot aller Waffen sammeln müsste.
Dazu sagte z. B. ein werktätiger Bauer aus Seedorf, [Kreis] Putbus, [Bezirk] Rostock: »Ich gebe meine Unterschrift zum Wiener Appell nicht. Das ist nur halbe Arbeit. Sämtliche Waffen, vom Karabiner angefangen müssen verboten werden. Wir brauchen kein Militär und auch keine Waffen.«
Diskussionen über die Warschauer Konferenz wurden bisher nur vereinzelt von Genossenschaftsbauern, Arbeitern der MTS und Mittelbauern bekannt.
Die Diskussionen, die im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft geführt werden, sind vorwiegend positiv und beinhalten, dass Warschau den Friedenswillen und die Kraft des Weltfriedenslagers dokumentiert, und dass sich auf dieser Konferenz die friedliebenden Völker darüber einig werden, wie der Friede gesichert werden kann.
Ein Agronom von der MTS Neeken, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, äußerte sich: »Warschau zeigt den Friedenswillen des Weltfriedenslagers. Dort einigen sich die Völker darüber, wie der Friede gesichert werden kann. Das gemeinsame freundschaftliche Bündnis wird den westlichen Kriegstreibern den Willen und die Kraft friedliebender Völker vor Augen führen.«
Die Stimmen aus mittelbäuerlichen Kreisen sind demgegenüber zum Teil mehr ablehnender bzw. negativer Natur.
Es wird im Wesentlichen zum Ausdruck gebracht, dass sich durch die Warschauer Konferenz die internationale Lage weiter zuspitzen würde, weil man dort auch nichts anderes täte, als ein Kriegsbündnis zu schaffen, wie das im Westen auch getan worden sei. Beide Seiten würden nun durch ihre verstärkte Kriegsaufrüstung zu keinerlei Verhandlungen bereit sein. So würde man dann wieder dahin kommen, wo man schon unter Hitler einmal war.
Ein Mittelbauer aus Brambach, [Kreis] Roßlau, äußerte sich dazu wie folgt: »Genauso leicht über alle Köpfe hinweg wie die Westmächte, werden sie in Warschau ihre Kriegspakte unterzeichnen. So wird eines schönen Tages über unseren Köpfen der Krieg toben. Es wird wie unter ›Adolf‹, auf den Lippen der Friede vorgeschoben. Im Kern steckt aber der Drang nach Vormacht und Deutschland ist nur der Spielball der Besatzer.«
Ein Bauer aus Neeken, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle: »Der Westen hat auch nur ein Bündnis abgeschlossen. Genau wie die es in Warschau tun. Bündnis hüben und Bündnis drüben! Es kennzeichnen sich deutlich zwei Lager in der Welt. Das heißt Zuspitzung der internationalen Lage, bis es eines schönen Tages bumst.«
Der Mangel an Saatkartoffeln ist in einigen landwirtschaftlichen Betrieben noch immer nicht behoben.
Im MTS-Bereich Großzössen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, werden noch folgende Mengen dringend benötigt:
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LPG Kleinzössen ca. 150 dz Saatkartoffeln,
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LPG Trachenau ca. 25 dz Saatkartoffeln,
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LPG Rötha ca. 20 dz Saatkartoffeln,
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LPG Rüben ca. 30 dz Saatkartoffeln,
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LPG Kuritzsch ca. 10 dz Saatkartoffeln.
In der LPG Kamminke,42 [Kreis] Wolgast, [Bezirk] Rostock, fehlen noch 150 Zentner Saatkartoffeln.
Verschiedentlich ist der Saatkartoffelmangel auch auf die schlechte Qualität der Kartoffeln zurückzuführen. Sie sind des Öfteren von Braunfäule oder anderen Krankheiten befallen und zum Teil verfault bzw. angefroren.
So erhielt die BHG Pehritzsch, [Bezirk] Leipzig, am 14.4.[1955] von der BSG Neustrelitz 14 160 kg Saatkartoffeln, die zum Teil durch Nassfäule und Frost nicht brauchbar waren. Es entstand ein Verlust von ca. 12,6 %.
Solche Beispiele lassen sich noch erweitern.
Aus den Bezirken Leipzig, Potsdam und Gera wird berichtet, dass in verschiedenen MTS bzw. LPG Klagen über die umgebauten Kartoffellegemaschinen geführt werden, weil diese nicht richtig funktionieren und die Kartoffeln nicht richtig ausgelegt werden. Das ruft unter den Bauern Verärgerung hervor und es werden Stimmen laut, lieber mit der Hand die Kartoffeln zu legen, da dies besser, schneller und rentabler wäre, als mit diesen Maschinen.
Dabei wird auch über das Quadratnestpflanzverfahren43 gesprochen und herausgestellt, dass das zwar eine gute Sache wäre aber mit den vorhandenen Maschinen nicht realisierbar sei.
Dazu äußerte sich ein Agronom von der MTS Gösen, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera: »Unsere LPG und auch die werktätigen Bauern möchten gern das Quadratnestpflanzverfahren durchführen, aber unter den Bedingungen, wie unsere Normagmaschinen44 arbeiten, ist das schlecht möglich, obwohl die Maschinen umgebaut worden sind. Es geht alles nur schleppend vor sich.«
Die Bauern bringen ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, wie es möglich sein kann, dass bei diesen Maschinen solche Fehler gemacht würden, was beinahe an Sabotage grenzen würde. Man betont, dass solche Maschinen vorher ausprobiert werden müssen, damit bei der Arbeit nicht solche Pannen entstehen können und diese reibungslos durchgeführt werden kann, was mit den sowjetischen Maschinen durchaus möglich ist.
Die Kollegen der MTS Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam: »Durch den Umbau haben wir viel Zeit verloren und unser Reparaturprogramm zur Ernte ist gefährdet. Jetzt gehen die Maschinen nicht einmal und wir müssen sie wieder nach dem alten Muster umbauen. Wir sollten viel lieber drei SKG 445 bauen, dann wären die Kartoffeln schon längst gepflanzt.«
Durch Ersatzteilmangel, der immer wieder in verschiedenen MTS auftritt, gibt es unter den Kollegen der MTS Verärgerung, weil ihre Maschinen deswegen nicht eingesetzt werden können.
So z. B. müssen im MTS-Bereich Blankenburg, [Bezirk] Magdeburg, acht Maschinen wegen Reparatur ausfallen, weil keine Schrauben und Muttern vorhanden sind.
Ebenso fehlen in der MTS Klöden, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, Schrauben und Muttern. Trotz der Bemühungen durch die MTS kann sie diese nicht erhalten. Die DHZ Karl-Marx-Stadt hat aber genügend, gibt aber an, nicht liefern zu können, weil sie keine Leute hätte die Kisten zu verpacken und weiterzuleiten. Aufgrund dessen sind mehrere MTS des Bezirkes Cottbus gezwungen, diese Schrauben selbst herzustellen, was zu einer Erhöhung der Reparaturkosten führt.
Verschiedentlich macht sich jetzt auch in einigen MTS ein Mangel an Treibstoff bemerkbar.
So fehlt in der MTS Panschwitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, Mineralöl.
Ebenso reicht in der MTS Glöwen, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, der Treibstoff nur noch kurze Zeit. Von der Großtankstelle Wittenberge erhielt die MTS die Mitteilung, dass im Moment kein Treibstoff geliefert werden kann. Der Bestand an Treibstoff soll in der MTS 20 000 Liter betragen, es sind aber nur 4 000 Liter vorhanden. Wenn in Kürze kein Treibstoff geliefert wird, fallen in einigen Tagen sämtliche Traktoren aus.
Durch den Bau eines Flugplatzes46 im Gebiet Haßleben, [Bezirk] Erfurt, werden unter den Bauern, die aus diesem Grunde ihr Feld abgeben mussten, Diskussionen geführt. Durch Einsätze, Aufklärungen der Partei usw. nehmen die negativen Diskussionen keinen größeren Umfang mehr an. Es wird aber häufig davon gesprochen, dass diese Maßnahme sicher schon lange von der Regierung beschlossen worden wäre, und es deshalb nicht richtig sei, dass man die Bauern davon in Kenntnis setzte, als sie bereits einen Teil der Frühjahrsbestellung beendet hatten. Vereinzelt treten auch solche Diskussionen auf, dass man bei uns dasselbe tun würde, wie auch im Westen, indem man den Bauern genauso das Land wegnehmen würde, wie dort auch.
In der MTS Kleeth, [Kreis] Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden während der Frühjahrsbestellung laufend Maschinen beschädigt, sodass diese nicht eingesetzt werden konnten. Bei zwei Maschinen Typ RS 3047 wurde die Ölwanne durchbohrt.
In der Gemeinde Gosda, [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, wurde ein Raupenpflug, der auf dem Dorfplatz von der MTS abgestellt war, von unbekannten Tätern beschädigt.
Am 10.5.[1955] wurden von einem Traktoristen der MTS Barnitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, auf einem Feld an der Bahnstrecke Nossen-Starbach 40 cm lange, in den Erdboden eingeschlagene Stäbe festgestellt.
In der MTS Schletta, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, fielen in der letzten Zeit 14 Traktoren aus. Innerhalb von zwei Tagen fielen drei Fahrzeuge RS 30 aus. Ursachen noch nicht bekannt, vermutlich Feindtätigkeit.
Ebenso fielen in der MTS Nekanitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, in der vergangenen Woche zwei Raupen aus. Es wird ebenfalls Feindtätigkeit vermutet.
In der LPG »Karl Liebknecht« Mügeln, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, wurden neben dem Kartoffeldämpfer Kartoffeln vorgefunden, die mit 1½ cm langen Nägeln gespickt waren. Die Kartoffeln sollten vermutlich als Schweinefutter verwendet werden.
Bei einem Bauern in Grünthal, [Kreis] Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, erkrankten an einem Tage sieben Kühe, wovon eine noch am gleichen Tage verendete. Vermutlich liegt Futtervergiftung vor.
Vor ein paar Tagen wurde aus dem Kreis Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, eine Person festgenommen, die am 2.5.1955 auf einem VEG eine vorsätzliche Brandstiftung verübte. Der Brand wurde jedoch gleich bemerkt und konnte gelöscht werden, sodass kein größerer Schaden entstand.
Ereignis von besonderer Bedeutung
Im demokratischen Sektor von Groß-Berlin erkrankten 434 Personen48 an Ruhr.49
Einschätzung der Situation
Die offene Feindtätigkeit, besonders die Verbreitung von Hetzschriften hat gegenüber der vorhergehenden Woche nachgelassen.
Zur Warschauer Konferenz beginnen die Diskussionen erst. Zurzeit wird vereinzelt von fortschrittlichen Menschen Stellung genommen. Sonst ergaben sich keine wesentlichen Änderungen der Lage.
Anlage 1 vom 13. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2449
Verteidigungsbereitschaft
Unter den Jugendlichen der Verwaltung und unter den Studenten wird häufig über die KVP-Werbung gesprochen.
Es gibt neben den positiven Meinungen, die die Notwendigkeit der Sicherungsmaßnahmen in der DDR einsehen und sich zum Eintritt in die KVP verpflichten, eine ganze Reihe Jugendliche, die eine pazifistische Einstellung haben. Oft wird von solchen Jugendlichen geäußert, dass sie kein Gewehr mehr in die Hand nehmen.
Viele Jugendliche lehnen auch aus persönlichen Gründen den Eintritt in die KVP ab, oder benutzen diese als Vorwand für ihre Ablehnung.50 Dabei gibt man öfters an, dass man sich beruflich qualifizieren will. Studenten lehnen meist mit der Begründung ab, indem sie sagen, dass sie weiter studieren wollen.
So äußerte z. B. ein Jugendlicher vom Postamt in Johanngeorgenstadt, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich habe jetzt eine schöne Arbeit und möchte diese auf keinen Fall verlieren. Warum sollen wir zur KVP gehen und schießen lernen? Was wurde doch 1945 gesagt, wir sollen einmal kein Gewehr in die Hand nehmen.«
Zwei Oberschüler aus Frankfurt/Oder erklärten: »Wir gehen nicht zur KVP, dann hätten wir ja nicht die Oberschule besuchen brauchen, wir wollen studieren.«
In der medizinischen Fakultät in Rostock lehnt der überwiegende Teil der Studenten den Eintritt in die VP ab. Folgende Diskussionen werden geführt:
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»Wenn wir eingestellt werden, dann nur als Ärzte, aufgrund unserer Bildung kann man uns doch nur als Offiziere nehmen, denn einfache Arbeiter besitzen ja gar nicht die Kenntnisse, um Offiziere zu sein. Von so einem ließen wir uns nichts sagen.«
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»Das war alles schon einmal da. 1944 hat man uns auch ins Jungvolk51 gesteckt. Wir wissen Bescheid.«
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»Kommt für uns nicht infrage. Wir lernen doch als Ärzte nicht schießen und das Kommandieren ist lästig und liegt uns nicht. Auf diese Weise will man ein Verpflichtungsgesetz machen. Man wird nur dem ein Stipendium geben, der sich verpflichtet.«
Verschiedentlich vertreten Genossen unserer Partei die Meinung, dass es richtiger wäre, Kurzlehrgänge für militärische Ausbildung durchzuführen, und sie erklärten sich bereit, daran teilzunehmen. Jedoch wird häufig der Eintritt in die KVP für zwei Jahre abgelehnt. Hierzu folgendes Beispiel:
Ein Genosse vom Kreiskonsumverband Suhl äußerte: »Ich bin Wirtschaftler und das 21. Plenum der Partei hat festgestellt, dass wir uns in der Wirtschaft bemühen müssen, die ökonomischen Probleme zum Wohle des Volkes zu lösen.52 Aus diesem Grunde sehe ich es nicht ein, dass ich nun, laut Beschluss der Partei in die Reihen der KVP eintreten soll. Ich bin der Meinung, dass erst die Funktionäre der Kreisleitung der SED gehen sollten. Ich bin bereit, einen Kurzlehrgang zu besuchen, aber auf zwei Jahre gehe ich nicht zur VP.«
Ähnlich diskutierten auch die anderen Genossen dieser Kreiskonsum-Verwaltung.
Vereinzelt tritt im Bezirk Suhl und Leipzig in Erscheinung, dass Jugendliche republikflüchtig werden, um sich dem Eintritt in die KVP zu entziehen.
Ein Jugendlicher aus Ilmenau, [Bezirk] Suhl, hatte sich bereit erklärt, der KVP beizutreten. Nach der Untersuchung sollte er zu einer Einheit abreisen, jedoch erschien er nicht. Es wurde festgestellt, dass er republikflüchtig geworden ist.
Vier Jugendliche im Alter von 20 bis 22 Jahren vom Rat des Kreises Bad Salzungen wurden ebenfalls republikflüchtig. Diese Jugendlichen wurden wiederholt angesprochen, zur KVP zu gehen.
Teilweise wirkt sich auch das schlechte Benehmen der KVP-Angehörigen nachteilig auf die KVP-Werbung aus.
In Menz, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, wurden am 1. Mai [1955] in der Gaststätte durch eine VP-Streife zwei KVP-Angehörige gewaltsam aus dem Lokal hinausbefördert, weil sie sich ohne Urlaubs- und Ausgangskarte dort aufhielten.
Die Bevölkerung, besonders Arbeiter vom VEG Güldenhof, die diesen Vorfall mit ansahen, waren darüber sehr empört und äußerten sich: »Wir werden unsere Kinder nicht zur VP gehen lassen.«
Die anwesenden Jugendlichen äußerten sich ebenfalls negativ über diesen Vorfall und einige meinten, dass dies ein abschreckendes Beispiel wäre.
Unter einigen Mitgliedern der bürgerlichen Parteien ist zu verzeichnen, dass sie auch bereit sind, in die Kampfgruppen53 einzutreten, jedoch können sie nicht verstehen, warum man sie nicht zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft der DDR mit heranzieht.
So äußerte z. B. ein Kreissekretär der CDU aus Leipzig: »Die parteilosen Menschen sind verteidigungswürdiger als die Mitglieder der CDU, da die BPO der SED in der Versicherungsanstalt die Meinung vertritt, dass nur Genossen und Parteilose für die Kampfgruppen zu werben sind.«54
Jedoch werden auch von unaufgeklärten bzw. negativen Elementen in den Verwaltungen des Handels und der Kreise ablehnende Äußerungen über die Kampfgruppen bekannt. Verschiedentlich äußert man, dass die Ausbildung der Kampfgruppen nicht nötig sei, da doch fast jeder bei der Wehrmacht war und versteht, mit Waffen umzugehen. Teilweise lehnt man auch die Mitarbeit in den Kampfgruppen ab.
So lehnten z. B. in Neuhaus, [Bezirk] Suhl, die Genossen die Arbeit in der Kampfgruppe ab und äußerten: »Wenn man uns nicht so in der Partei gebrauchen kann, dann sollen sie uns den Buckel runterrutschen.«
Ein Angestellter (SED) vom Postamt Sonneberg, [Bezirk] Suhl, äußerte: »Ich lehne es ab, mit der Waffe in der Hand zu kämpfen, auch wenn ich gleich aus der Partei rausfliege.«
Im Postamt wird von den Mitgliedern der Kampfgruppe dahingehend diskutiert, dass vier Stunden Unterricht in der Woche zu viel seien.
In der Abteilung Finanzen des Kreisrates Bad-Salzungen, [Bezirk] Suhl, versuchen einige Kollegen sich durch Kündigung dem Eintritt in die Kampfgruppe zu entziehen. Vier Kollegen haben bereits die Kündigung eingereicht.
Nur vereinzelt wurden uns feindliche Äußerungen bekannt, die sich gegen die Kampfgruppen und u. a. auch gegen die Beteiligung der Frauen in den Kampfgruppen richten. Dabei wird in faschistischem Jargon von »Flintenweibern«55 gesprochen.
Anlage 2 vom 13. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2449
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 10. bis 12.5.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:56
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Gera: Kreis Lobenstein 5 000;
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Neubrandenburg: Kreis Waren 500;
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Frankfurt: Kreis Seelow 2 000;
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Suhl: Kreis Hildburghausen 10 000;
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Dresden: Kreis Kamenz 15, Kreis Riesa 2 500;
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Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Auerbach, Schwarzenberg, Stollberg, Glauchau, Zschopau 5 250;
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Schwerin: Kreis Ludwigslust 5 000;
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Halle: Kreis Zeitz 15, Kreis Hohenmölsen 10, Kreis Sangerhausen 9 000, Kreis Gräfenhainichen 100, Kreis Naumburg 2 000, Kreis Artern 2 600;
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Leipzig: Kreis Altenburg 1 350;
- –
Magdeburg: Kreis Genthin 3 000.
KgU:57
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Frankfurt 4 000: Kreis Bernau 2 500;
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Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 5 000;
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Suhl: Kreis Meiningen 2 000;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Auerbach 2 500.
NTS:58
- –
Suhl: Kreis Hildburghausen 300;
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Frankfurt 300: Kreis Straußberg 2 500;
- –
Dresden: Kreis Löbau 30, Kreis Bautzen 20, Kreis Freital 40;
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Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Rochlitz und Zschopau 15, Kreis Stollberg 300, Kreis Oelsnitz 20 835, Kreise Aue und Flöha 2 000;
- –
Schwerin 1 000;
- –
Halle: Kreis Gräfenhainichen 120;
- –
Magdeburg: Kreis Haldensleben 150, Kreis Seehausen 2 000;
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Gera: Kreis Greiz 2 000.
ZOPE:59
- –
Potsdam: Kreis Wittstock 7 200;
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Karl-Marx-Stadt: Kreis Reichenbach 2 000, Kreis Rochlitz 50, Kreis Stollberg 160;
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Gera: Kreis Stadtroda 50.
»Tarantel«:60
- –
Frankfurt 900;
- –
Halle 200.
»Freie Junge Welt«:61
- –
Schwerin: Kreis Ludwigslust 15.
DGB-Ostbüro:62
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Halle: Kreis Gräfenhainichen 80.
FDP-Ostbüro:63
- –
Halle: einige;
- –
Suhl: Kreis Bad Salzungen größere Mengen (Hetze gegen die LPG);
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Potsdam 40: Kreis Belzig 900.
Unbekannter Herkunft:
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Frankfurt 2 000: Kreis Eberswalde 29 500 (Hetze gegen DDR);
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Erfurt: Kreis Sömmerda 5 000.
Im Wesentlichen beinhalten die Flugblätter Hetze gegen die Sowjetunion, DDR und Hetze gegen die KVP-Werbung.
Antidemokratische Tätigkeit
Im »Palasttheater«64 in Jena wurde am 6.5.[1955] die Abendvorstellung während der Vorführung des »Augenzeugen«65 mit Zwischenrufen wie »Volkspolizisten in den neuen Uniformen wie die Stummpolizei«66 gestört. Beim Aufmarsch der Kampfgruppen wurde gerufen »wie der Volkssturm!«.67
Als Genosse Walter Ulbricht68 zu sehen war, setzte starkes Gelächter ein.
In Kemnitz, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden, wurde an der Anschlagtafel ein Zettel mit der Aufschrift »10 Jahre wenig Hering, mehr gab es bei Göring«,69 gefunden.
In Neusalza-Spremberg, [Bezirk] Dresden, wurde ebenfalls ein Hetzzettel gefunden, der folgende Aufschrift trug: »Wir fordern freie, geheime Wahlen für ganz Deutschland. Schluss mit der Sklaverei in der DDR.«
In der Nacht zum 9.5.[1955] wurde an die Bekanntmachungstafel der Gemeinde Phöben, [Bezirk] Potsdam, »Nieder mit [Name]!« angeschmiert. ([Name] ist LPG-Vorsitzender.)
Angehörige der Strafvollzugsanstalt Luckau, [Bezirk] Cottbus, wurden von der KgU angeschrieben und aufgefordert, Milde walten zu lassen und politischen Häftlingen eventuell zur Flucht zu verhelfen.